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Movies » Pirates of the Caribbean » Geschichten aus dem Hourglass Inn
7thRaven
Author of 26 Stories
Rated: T - German - Reviews: 13 - Updated: 06-12-05 - Published: 04-17-04 - id:1823427

Elizabeth Turner: History repeating

Die Blicke der Männer sind mir unangenehm; es ist, als wüssten sie, warum ich hier bin. Nun, ganz so abwegig ist das nicht: Will ist ein überaus bekannter Waffenschmied, und ich könnte mir vorstellen, dass Jack des öfteren hier im „Hourglass Inn" verkehrt. Zumindest in der letzten Zeit...

Gestern Abend kam Will wieder einmal spät nach Hause, und ich habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass die „Black Pearl" in Küstennähe gesichtet wurde. Mit etwas Glück... Wäre es wirklich Glück ? Trotzig straffe ich die Schultern und trete an den Schanktisch. Der Wirt gafft mich an, als hätte er jemanden wie mich noch nie gesehen. Das trifft möglicherweise sogar zu. Mein Kleid dürfte zu züchtig sein, mein Haar zu fest hochgesteckt, mein Sprachniveau zu weit von dem der Gäste entfernt.

Doch auch zu der Schicht, in die ich hineingeboren wurde, passe ich nicht mehr. Ich habe unter Stand geheiratet, und die Zeit, die ich, wenn auch unfreiwillig, unter Piraten verbracht habe, hat meinem Ruf erheblich geschadet. Wie sehr ich dieses bigotte Pack verabscheue ! Im Prinzip habe ich nur ein Korsett gegen das andere getauscht... Und Will ? Er ist mir jetzt so fern. Was ist aus unserer Vertrautheit und Kameradschaft geworden ? Ja, ich glaube ihm, dass er mich liebt – und es zerreisst mir das Herz. Ich halte ihn gefangen, und unser Kind ist seine Fußfessel. Das hier ist nicht das Leben, mit dem er glücklich werden kann...

Ein fragendes Grunzen des Wirts reißt mich aus meinen Gedanken. „Ich... ich möchte ein Zimmer mieten." Das schmierige Grinsen, das über sein hässliches Gesicht kriecht, bereitet mir Übelkeit. Mir wird klar, was er denkt, und meine Wangen werden heiß. Empört blitze ich ihn an. „Ich bin guter Hoffnung und würde mich gern etwas ausruhen." Unverändert feixend mustert er meine noch schlanke Leibesmitte. In meiner Ungeduld werfe ich einige Münzen – einen zu hohen Betrag, wie ich weiß – auf den Tresen und zische ihn an: „Ich will das Zimmer, aus dem Captain Sparrow heute morgen ausgezogen ist. Keine Fragen." Statt einer Antwort öffnet er den Mund und präsentiert den vernarbten Stummel, der von seiner Zunge übriggeblieben ist. Trotz meines Ekels halte ich seinem Blick stand, bis er schließlich dem voluminösen Weibsbild, das bereits die ganze Zeit in der Tür zur Küche lauert, zunickt. Sie winkt mir geringschätzig. „Dann komm mal mit, Schätzchen." Mühsam verbeiße ich mir eine passende Erwiderung und folge ihr die schmale, steile Treppe hinauf.

„Hier isses. Hab noch nich saubergemacht." Genau darauf habe ich gehofft. „Das geht in Ordnung. Ich werde nicht lange bleiben." Ihre wachsende Neugier wird beinahe greifbar. „Vielen Dank. Ich komme zurecht." Widerstrebend räumt sie das Feld und lässt mich in der schmutzigen Kammer allein.

Seufzend lasse ich mich auf dem zerwühlten Bett nieder. Offensichtlich hat Jack die Nacht nicht allein verbracht – die Flecken auf dem Laken sind mir als verheirateter Frau bestens bekannt. Stellt sich nur die Frage, wer bei ihm gewesen ist.

Auf dem Kissen finde ich ein langes, hellbraunes Haar. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus, obwohl ich schon damit gerechnet habe. „Mach dich nicht verrückt. Das allein sagt noch nichts aus. Es muss nicht von Will stammen." Ich hasse mich für das Zittern in meiner Stimme, und noch mehr hasse ich mich für meine Tränen. Schützend lege ich die Hand auf meinen Bauch, der schon in wenigen Wochen nicht mehr so flach sein wird. „Du kannst nichts dafür", schluchze ich, obwohl ich vom Gegenteil überzeugt bin. Dieses Kind wird Will im übertragenen Sinne den Todesstoß versetzen, und mir wohl auch. Mit den Kindern fessele ich meinen Mann an ein Leben, das ihn langsam, aber sicher zerstört. Als unser Sohn geboren wurde, hatte ich noch die Hoffnung, Will würde ruhiger werden und mit unserer oh so perfekten Familienidylle zufrieden sein. „Unsinn." In Wirklichkeit habe ich diese Hoffnung auch für mich gehegt. Was ist aus dem ungestümen Mädchen mit all ihren wilden Träumen geworden ? Alles, was mir von diesen Träumen geblieben ist, sind meine Romane, kitschige Geschichten, die nichts sind als ein Abklatsch meiner kindlichen Wunschvorstellungen. Ich fühle mich leer, so, als wäre ein Teil von mir gestorben. Und ihm wird es genauso gehen. Mein armer, lieber Will ! Man wird schwerlich einen besseren, verantwortungsbewußteren Vater und Ehemann finden. Welche Ironie, wenn man bedenkt, dass ich mich in den Piraten Will Turner verliebt habe ! Erst dieses schurkische, gefährliche machte meinen vertrauten Kindheitsfreund auch als Mann für mich interessant. Natürlich ist er mir unendlich teuer... doch die Faszination ist verflogen.

Empfindet er ähnlich ? Schließlich habe auch ich mich verändert; ich bin zu der spießigen Hausfrau und Mutter geworden, die ich nie sein wollte. Ist das der Grund, aus dem er mich mit Jack betrügt ? Denn ich bin mir sicher, dass er das tut... Wütend dränge ich die Tränen zurück.

Eines Tages wird Will mich verlassen... an dem Tag, an dem seine Sehnsucht stärker wird als das Gefühl der Verpflichtung uns, seiner Familie, gegenüber. Natürlich wird er dafür sorgen, dass wir bequem und sorgenfrei leben können – so, wie es sein Vater getan hat. Jack hat es mir in jener Nacht auf der Insel erzählt. Ja, ich weiß alles über ihn und Bootstrap. Nutzt er Will nur aus, weil er Bootstrap verloren hat ? Ich würde es nur zu gerne glauben, aber ein Teil von mir verbietet es. So paradox es klingt: ich mag Jack. Und ich fürchte, im Gegensatz zu mir kann er Will glücklich machen.

Alle Kraft scheint meinen Körper zu verlassen; rücklings lasse ich mich auf das Kissen fallen. Der Hauch des vertrauten Geruchs überrascht mich nicht... Mit brennenden Augen starre ich an die Decke. Es ist an der Zeit, mich zu entscheiden, Und obwohl mein Herz vor Schmerzen schreit, zeigt mein Verstand mir den richtigen Weg.

Ich werde meinen Mann gehen lassen. Um seiner selbst willen, und auch für mich, denn ich könnte es nicht ertragen, ihn unglücklich zu sehen. Es würde mich ebenso zerstören wie ihn. Letzten Endes würden wir unsere Kinder mit ins Elend reißen. Das kann und darf ich nicht zulassen. Ich bin Elizabeth Turner, Tochter von Weatherby Swann, dem Gouverneur von Jamaica. Ich werde stark sein – für meine Kinder. Und schließlich bin ich nicht die erste Turner, die eine solche Wahl zu treffen hatte.

Wieder muss ich an das denken, was Jack mir damals erzählt hat. Ich kann spüren, wie sich ein bitteres Lächeln in meinen Mundwinkeln einnistet. Sie sagen, die Geschichte wiederholt sich nicht. Doch sie irren sich.

19/05/05

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