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Kapitel 10
Berechtigte Zweifel
Die Trauer um Sirius beanspruchte zwar viel Kraft und Zeit, doch nichts auf der Welt konnte diese zum Stillstand bringen. Der verräterische Hauself Kreacher war von einem zum anderen Moment verschwunden, genauso wie jegliches Lachen, das wenigstens manchmal noch durch das dunkle Haus geschallt hatte, bevor Sirius... .
Aber Feelicitas wollte nicht darüber nachdenken. Sie wollte sich am liebsten über gar nichts mehr Gedanken machen. Und doch musste sie es tun. Es half ihr nichts, sich in ihrem Bett zu verkriechen und ihren trüben Gedanken nachzuhängen. Genauso wenig wie es half, ihr Schicksal in Frage zu stellen.
Dabei ging es ihr so auf die Nerven, in welcher Lage sie war. Sie war gerade mal achtzehn, stand alleine und erwartete ein Kind. Und eben deswegen durfte sie nicht aufgeben, sie hatte die Verantwortung zu tragen und musste sich kümmern.
Also stand Feelicitas wieder auf und stellte sich den überall auftretenden Erinnerungen. Das es so viele gab, wusste sie auch noch nicht. Aber es war so. Bis jetzt hatte an diesem Ort eine Art Geist gehaust, der die düstere Stimmung etwas gedämpft hatte. Sirius Black und seine oftmals verschmitzte Liebeswürdigkeit, war der lebende Beweis gewesen, dass sich hinter der abstoßenden Fassade doch etwas ganz anderes verbergen konnte. Er war Mitte Dreißig und hatte einen Hang zum Alkohol entwickelt, er war nicht einmal das Typus, der besonders pflichtbewusst erschien, aber trotzdem hatte sie ihn sehr gemocht.
Aber es war genauso wie mit diesen Haus. Nie hätte Feelicitas gedacht, dass es hier einen so hellen und freundlichen Ort wie den Wintergarten geben konnte. Und doch gab es ihn und so war es auch mit Sirius gewesen. Vielleicht hatte sich ihre Zweisamkeit auf sein Schlafzimmer beschränkt und wenn sie ein tiefsinniges Gespräch führten, bekam sie immer nur den Himmel seines Bettes zu sehen, aber kaum ein Raum dieses Hauses erinnerte sie nicht an Sirius.
Doch nun, nachdem Sirius einfach so von der Welt gegangen war, erschien alles wieder so dunkel wie es war. Die Ordensmitglieder hatten sich noch ein paar Mal zusammengefunden, und auch Severus Snape huschte ein paar Mal durch das Haus ohne sie weiter zu beachten. Feelicitas hatte gehört, das Harry Potter ein Problem damit hatte, das Severus offensichtlich in Sirius Unglück verstrickt war und diesen auch dafür verantwortlich machte. Einen Moment hatte Feelicitas gestutzt und über den möglichen Wahrheitsgehalt nachgedacht. Das die beiden sich nicht mochten, das wusste sie. Und Sirius hatte ihr auch von seinen Jugendsünden in Bezug einer Konfrontation zwischen Severus und Remus in Werwolfgestalt berichtet, aber Feelicitas glaubte es nicht. Die beiden waren doch erwachsen, ihnen musste doch klar sein, das Hass nichts brachte. Und so entschied sie, das dieser Harry Potter wohl keine Ahnung hatte. Er war weder der strahlende Patensohn, wie Sirius ihn dargestellt hatte, noch der arrogante Schnösel, als den Severus ihn sah. Harry, der drei Jahre jünger als Feelicitas sein musste, war ihn ihren Augen einfach ein pubertierender Jüngling, dessen einzigste Bezugsperson gestorben war und der deswegen regelrecht angepisst war. Zu jung um es zu kapieren und zu alt um es hinzunehmen.
Feelicitas hatte nicht viel Verständnis für diesen Fremden, aber sie konnte es doch verstehen. Irgendwas fehlte, und das konnte nur Sirius sein.
Molly Weasley sprach es eines Abends, drei Tage nach Sirius dahinscheiden, aus. Sie saß gerade mit Feelicitas in der warmen und doch ungemütlichen Küche zusammen und beide strickten weiße Babysachen. Feelicitas hatte ihre kurzzeitige Abneigung gegen Molly überwunden und betrachtete sie nun mit ganz neuen Augen. Mit Altersgenossen, hatte Feelicitas noch nie, viel anfangen können und Zeit ihres Lebens sich immer an Älteren orientiert. Manchmal merkte man es ihr an, denn mit Molly kam sie trotz allen besser zurecht, als mit Dora Tonks, welche ihr einfach zu wild war und Hobby hatte, von denen Feelicitas gar nicht erst wusste, das es sie gab.
„Wer hätte je gedacht, dass ein Mensch so sehr mit einem Ort verbunden sein könnte. Es ist fast so, als wäre das Herz des Hauses verloren gegangen." Sagte Molly und unterbrach Feelicitas Gedankengang.
Feelicitas blickte Molly ernst an, fand aber kein Anzeichen, dass sie damit auf eine Beziehung ansprechen wollte, obwohl sie durch Feelicitas Trauermiene eigentlich gewarnt sein musste: „Du hast wahrscheinlich recht. Irgendwie ist es hier so kalt geworden." Erwiderte Feelicitas gespielt beiläufig und verlor doch drei Maschen ihres Strickzeugs.
Daraufhin schauten sich beide im stillen Einverständnis an und wandten sich wieder dem Strickzeug zu. Feelicitas konnte zwar auch stricken, doch irgendwie schaffte sie es nicht, das Ganze auf magische Art zu erledigen. Was beim Nähen noch nicht so offen zu Tage getreten war, kam jetzt wieder zum Vorschein. Ihre magischen Kräfte spielten immer noch verrückt. Egal was sie tat, das Ergebnis ihrer Zaubersprüche gelang nie so, wie sie es vorgehabt hatte.
Selbst wenn sie jemanden zum Mond hexen wollte, dann hatte sie keine Möglichkeit dazu.
Zum Glück hatte Molly da mehr Ahnung und strickte nun, nach stundenlanger Ermunterung und Nachhilfe, alleine auf magische Art. Feelicitas kam einfach schneller voran, wenn sie es auf herkömmliche Weise erledigte.
Irgendwann wurde den beiden Frauen die Stille doch zu viel und sie versuchten erneut ein Gespräch in Gang zu bringen.
„Weißt du eigentlich schon, wohin du in den nächsten Tagen vor der Hochzeit gehen kannst?", fragte Molly beiläufig und Feelicitas blickte sie verwirrt an: „Was meinst du damit?" fragte sie argwöhnig.
„Hat Dumbledore es dir noch nicht gesagt? Wir müssen das Hauptquartier räumen, weil Sirius nächster Erbe jetzt hier einfach reinspazieren kann." Molly schien das für so selbstverständlich zu halten, dass ihr Feelicitas fragende Miene entging.
„Aber Sirius wird doch bestimmt alles seinem Patensohn vermachen. Vielleicht bekommt Remus auch noch was ab, aber wo ist das Problem?"
„Nein, du hast das nicht verstanden. Das Erbe ist nicht allein mit einem Testament geregelt. In der magischen Welt spielen auch Blutsbande eine große Rolle. So sehr Sirius seine Cousine Bellatrix auch hasste, so ist sie doch seine nächste Blutsverwandte und kann Ansprüche stellen." Mollys Stimme klang zwar missbilligend, doch das verriet Feelicitas nur, dass es sich hier um allgemeines Recht handelte, das keiner in Frage stellte.
„Der Grimauldplace gehört also nun Mrs. Lestrange?" Bei den Gedanken schauderte es Feelicitas, obwohl sie Bellatrix Lestrange bis jetzt nur als kümmerliches Häufchen Elend kannte, das gerade erst aus Askaban befreit wurden war.
Aber natürlich hatte Feelicitas noch ein wenig mehr Informationen, die aus glaubwürdigen Quellen stammten. Nicht zuletzt hatte Voldemort selber zugegeben, das 'Bella' doch einiges zu bieten hatte, das er schätzte. Sie sollte sehr talentiert sein und nicht nur wegen eines ihrer Talente, ganz nach seinen Geschmack. Und Bellatrix war auch die einzigste, die er laut Berichten bei der missglückten Ministeriumsaktion gerettet hatte. Es war eigentlich ein komischer Gedanke, das jemand wie der dunkle Lord, seine Todesser ihrem Schicksal überließ, aber eine dann mitnahm. Und ausgerechnet die, welche er mochte. Aber Feelicitas erschien es ziemlich klar, so war er nun einmal und so kannte sie ihn auch. Wenn er einen guten Tag hatte, dann konnte er verdammt huldvoll sein. Und natürlich sah sie es auch nicht als Konkurrenz an. Ganz im Gegensatz zu der Schlange Nagini, welche neben sich keinerlei weibliche Geschöpfe duldete.
Aber das war vorbei und sollte Feelicitas hoffentlich nie wieder interessieren. Sollte er doch mit seiner gesammelten Todesserbrut untergehen, ihr wäre es egal. Hauptsache er hinterließ ihr irgendwas, das die ganzen Umstände um ihre Person erklärte.
Molly nickte ernst. „Ganz genau. Es gibt zwar noch die Chance, dass es nicht so ist, aber riskieren sollte man da nicht zu viel. Der Orden wird also vorläufig, bis die Sache geregelt ist, ein anderes Quartier beziehen. Aber das ist kein Ort zum leben für dich. Ziemlich provisorisch, du verstehst? Ich hätte gedacht, dass Dumbledore dir gesagt hat wohin du sollst. Oder auch Severus.", fügte sie lakonisch hinzu.
Feelicitas verstand nicht allzu viel davon. Sie legte die kleine, halbfertige Socke nieder und fragte: „Weißt du wann Professor Dumbledore im Hause sein wird?"
„Kind, warum so aufgeregt? Er hatte bestimmt nicht vor, dich vor vollendete Tatsachen zu stellen.", versicherte ihr Molly gutmütig. Feelicitas hatte jedoch in letzter Zeit zu oft erlebt, dass es doch so war. Ihre Umquartierung in den Grimauldplace und das Arrangement ihrer Hochzeit und all die Kleinigkeiten, die er nicht nur selbst getan hatte, sondern die sie bei anderen beobachten musste. Dumbledore war zwar lieb und nett, aber er war genauso ein manipulativer Zauberer, wie Lord Voldemort.
Sei es, weil man ihr nicht so richtig vertraut hatte und sie ihr Wissen an die falschen Leute hätte weitergeben können, oder auch nur, weil Dumbledore keine Zeit hatte sich um sie zu kümmern. Mit Harry Potters Eskapaden hatte er wahrscheinlich schon genug zu tun und dazu kam dann noch die Sorge um das Wohl der Schule und die Arbeit gegen Lord Voldemort und für den Orden.
Nein, sie konnte nicht sauer auf ihn sein. Aber enttäuscht war sie. Wenn schon Albus Dumbledore selbst keine Zeit erübrigen konnte, so sollte doch wenigstens ihr künftiger Ehemann dazu im Stande sein. Doch dieser hatte ihr noch nicht einmal eröffnet, wo sie nach der Heirat leben würden.
Molly stand auf und wandte sich zum gehen. „Dumbledore ist noch im Haus. Er redet gerade mit Alastor und Kingsley. Vielleicht kann er nachher ein wenig Zeit erübrigen, aber sei dir darüber im Klaren, dass er dir nicht unbedingt die Antwort geben wird, die du hören willst." Damit reichte sie Feelicitas die mittlerweile fertige Babyjacke und verabschiedete sich. Sie musste dringend nach Hause, weil sie die Zwillinge mal wieder zum Essen erwartete. Die Beiden waren scheinbar zu faul zum Kochen, oder Molly freute sich, das ihre Kinder sie nicht vergaßen.
Feelicitas blieb allein zurück und dachte darüber nach, das es schön sein musste, nach hause gehen zu können und erwartet zu werden. Sie räumte ihre Sachen weg und fühlte sich traurig.
Und überhaupt kamen ihr, mit jedem Tag der verging und sie der Hochzeit näher brachte, immer mehr Zweifel an der Notwendigkeit dieser Dinge. Doch an wen sollte sie sich mit ihren Vorbehalten wenden, wenn ihr niemand etwas dazu sagen wollte?
Genau genommen war es, seitdem sie einen großen Teil ihrer Vergangenheit enthüllt hatte, zwischen ihr und dem Direktor zu keinem Gespräch mehr gekommen. Und selbst da wurde nicht viel gesagt. Das mit Kreacher konnte man erst gar nicht dazurechnen.
Wie oft hatte sie stundenlang über die Bedeutung dessen gegrübelt, was sich ihr eröffnet hatte? Jede noch so kleine Bemerkung, die sie aus Gesprächen aufschnappen konnte, schien eine tiefere Bedeutung zu haben.
Lucius Malfoy hatte also von Voldemort den Auftrag erhalten, Miriel Lefay zu töten, nachdem schon zuvor ein Großteil der Deepwood Familie ausgelöscht worden war.
Feelicitas hatte lange genug in Voldemorts nächster Nähe verbracht, um zu wissen, dass es nicht nur die wenigen Todesser gab, mit denen er sich bei Versammlungen und wichtigen Aktivitäten umgab. Das war nur sein innerer Zirkel, sein erster Rang. Im Moment waren viele in Askaban, aber das musste ja nichts heißen. Früher hatten sie bestimmt ihren Rang auch durch zuverlässigere Dienste bekommen.
Daneben gab es aber noch so viele Verbündete und Sympathisanten, die auf seine Anweisung hin Aufträge erledigten, dass man nicht einmal all ihre Namen kannte. Über die unteren Ränge hatte Feelicitas nicht viel herausgefunden. Doch sie wusste, dass nicht jedem Opfer des dunklen Lordes die Ehre zuteil geworden war, von einem Mitglied des inneren Kreises getötet zu werden.
Und besonders Lucius Malfoy wurde bestimmt nicht in jeder Nacht allein ausgeschickt, wenn die Drecksarbeit auch von jedem beliebigen Anderen hätte ausgeführt werden können.
Es mussten noch größere Geheimnisse hinter den ihr bekannten Tatsachen stecken. Und um genau zu sein, schenkte Feelicitas Dumbledores Erklärung, dass ihre gesamte Familie nur wegen ihrer Toleranz gegenüber Ehen mit magischen Wesen, Voldemort so ein großer Dorn im Auge gewesen sein mochte, keinen rechten Glauben.
Wer hatte denn keine magischen Wesen in der Familie? Hagrid, Filius Flitwick, Olympe Maxine…
Und obwohl Feelicitas keine Ahnung hatte, was genau denn bei ihr selber drin sein sollte, war es ihr eigentlich auch total egal.
Lucius Malfoy war mit Sicherheit nicht für die Ermordung Nathaniel Deepwoods verantwortlich und auch nicht bei der Brandstiftung des Elternhauses beteiligt gewesen. Die jähe Erkenntnis, die in Miriel Lefays Augen aufglomm, als sie in ihrem Verfolger gerade ihn erkannt hatte, ließ Feelicitas stark vermuten, dass ihre leibliche Mutter diesen Mann schon vorher gekannt, aber niemals gedacht hätte, dass er ein Todesser sein könnte. Feelicitas verstrickte sich immer tiefer in ihre Grübeleien. Wenn den Deepwoods keine so große Aufmerksamkeit durch Voldemort zuteil geworden war, dann musste Miriel noch etwas wesentlich Wichtigeres gewesen sein, als nur eine flüchtende Witwe mit Kind.
Und das hieß dann wohl, dass der Name Lefay bekannter sein musste, als er es landläufig war. Aber Voldemort hatte sie nicht dem Namen nach erkannt, und er hatte sie nicht wegen ihrer Herkunft ermordet.
War das große Geheimnis vielleicht, dass es Voldemort irgendwie als schicksalhaft ansah, dass sie nach so vielen Jahren gerade wieder vor seiner Nase gelandet war? War ihm mittlerweile ein neuer Plan in den Sinn gekommen, weswegen er sein Vorhaben, Feelicitas umzubringen, nicht verwirklichte?
Doch auch das reichte nicht, um alles zu erklären. Feelicitas rief sich ihre Zeit im Riddlehaus noch mal in Erinnerung.
Dabei ignorierte sie die dunklen Flecken, die Erinnerungsstücke verbargen, die sie gar nicht haben wollte. Allein deren pures Vorhandensein war bereits unheimlich genug. Seit dem Besuch im Standesamt war das so und Feelicitas verdrängte ihre aufkommende Panik so gut es ging. Egal was sich in diesen dunklen Flecken verbarg, es war vorbei und es würde keinen Sinn machen es sich erneut zu vergegenwärtigen.
Am Anfang hatte sie der dunkle Lord unter dem Imperius gehalten und für jede Kleinigkeit schmerzhaft verflucht Andersherum war sie so oft geflohen und er hatte immer Wurmschwanz die Schuld tragen lassen. Wenn sich Feelicitas es recht überlegte, dann fiel ihr auf, dass er damals einfach nicht recht wusste, was er von ihr wollte.
Irgendwann hatte er sie dann loswerden wollen und seinen Anhängern zum Fraß vorgeworfen. Das hatte er aber nur gemacht, weil er in seiner Vision genau das gesehen zu haben meinte.
Doch irgendwas war falsch und das hatte auch er schließlich auch gemerkt. Voldemort hatte ihr das sogar einmal gesagt, dass er eine andere Möglichkeit der Deutung seiner Vision gefunden hatte.
Nun, wenn diese Idee lautete, 'Mach das Mädchen schwanger', dann hatte es wohl geklappt. Doch was brachte es ihm?
Natürlich konnte es auch Zufall sein, dass er mal von der Zukunft geträumt hatte und man musste es nicht gleich als eine Prophezeiung deuten und alles war in Wahrheit ganz einfach absolut sinnlos. Doch vielleicht hatte Voldemort in seinem Wahn für Weissagungen auch gerade das getan und den tieferen Sinn, der darin steckte übersehen?
Voldemort musste irgendwas übersehen haben und Feelicitas würde nie erfahren was es war, weil er auch diesen so unwichtigen Teil ihr gegenüber verschwiegen hatte. Also musste sie versuchen, auf andere Weise Klarheit zu finden. Und das ging nur über Albus Dumbledore, Severus Snape, Lucius Malfoy oder Miriel Lefay.
Letztere war jedoch tot. Wenn sie das Geheimnis gekannt hatte, dann hatte sie es mit ins Grab genommen oder es war verloren gegangen.
Lucius Malfoy würde sie garantiert nicht als ersten fragen, selbst wenn er jetzt sicher in Haft saß. Nicht bevor sie Severus Snape die wahren Gründe für sein Verhalten entlockt hatte. Und dazu brauchte sie Dumbledore, der zweifelsohne noch am meisten mit diesen kalten Menschen Umgang pflegte und Severus wohl auch schon lange kannte und ihm irgendwie auch vertraute. Aber warum eigentlich?
Kingsley und Alastor kamen ihr auf dem Flur entgegen und schienen sie gar nicht zu bemerken. Ihre Mienen waren ernst, so als würden sie gerade an einer schweren Last tragen. So strich Feelicitas unauffällig an ihnen vorbei und klopfte an die Tür des Wintergartens. Dumbledore schien diesen Raum zu lieben. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn es war der einzige Raum des Hauses, der nicht ganz so düster war wie die Anderen. Der Direktor war noch da, und so trat sie ein.
„Ah, Feelicitas. Wie komme ich zu der Ehre ihres Besuches?", fragte er freundlich, auch wenn er reichlich müde aussah. Dagegen wirkte Alastor 'Mad eye' Moody wie ein junger Hüpfer. Feelicitas lächelte zurück: „Ich muss sie etwas fragen." äußerte sie scheu.
Dumbledore bot ihr einen Platz an und sie setzte sich dankbar hin. Es sollte zwar noch einige Zeit dauern, bis das Kind kam, doch irgendwie schien alles viel zu schnell zu gehen und Feelicitas fühlte sich wie ein gestrandeter Wal.
„Um was geht es denn, Feelicitas?" fragte er nicht gerade munter.
„Ich habe gehört, dass es nun nicht mehr ratsam wäre, weiter im Grimauldplace zu bleiben und der Orden deshalb umquartiert werden soll. Es würde mich sehr interessieren, welche Pläne sie diesbezüglich mit mir haben. Ich bin zwar Bellatrix Lestrange noch nicht näher begegnet, doch würde ich auf ihre Bekanntschaft liebend gerne verzichten und deswegen ebenfalls nicht weiter hier bleiben wollen."
Professor Dumbledore schien das irgendwie lustig zu finden und lächelte milde.
„Feelicitas, es kommt gar nicht in Frage, dass sie hier bleiben. Ich bin mir bewusst, dass sie das unter den gegebenen Umständen auch gar nicht wollen. Ich habe ihnen nur noch nicht gesagt wohin sie kommen, weil ich dachte, es würde ihnen selbst klar werden." Er machte eine kurze Pause und Feelicitas schüttelte leicht mit dem Kopf.
„Nicht? Nun, jetzt, da Dolores Umbridge und das Ministerium ihre Nase wieder aus dem Schulgeschehen genommen haben, werden sie natürlich bis zu den Sommerferien in der Schule verbleiben. Da sie offiziell die Verlobte von Severus sind, wird sich auch keiner mehr inoffiziell besonders darum kümmern."
Unter Dumbledores Worten waren zwei Äußerungen, die in Feelicitas die Alarmglocken ertönen ließen.
„Wenn sie sagen, dass es nun offiziell ist, dann weiß wirklich jeder Bescheid?", fragte sie leise und entsetzt und warf ihm einen tiefen Blick zu und er verstand: „Es weiß nur derjenige Bescheid, den es auch etwas angeht. Und jeden, den es interessiert, wird es heraus bekommen können. Aber natürlich verstehe ich, wenn weder Severus noch sie das offensichtlich ausleben wollen und es wäre auch nicht in der derzeitigen Lage angemessen so was publik zu machen. Sorgen sie sich nicht, Miss Lefay, es wird nicht dazu kommen, das man sie an Severus Seite an den Lehrertisch setzt und die ganze Zaubererwelt Bescheid weiß. Aber natürlich wird es sich schon etwas herumsprechen, zumindest unter denjenigen, deren Eltern gute Kontakte zu Voldemort haben und über Severus Tätigkeiten informiert sind. Aber ich denke, das wird kein Problem sein. Und ich glaube auch nicht, dass sich auch nur ein Schüler von selbst über das Privatleben unseres Tränkelehrers Gedanken macht. Der Gedanke, Severus könnte eine Familie haben, erregt schon in den Reihen des Lehrerkollegiums ungläubiges Getuschel. Ich musste es bei der Lehrerkonferenz mehrmals bestätigen, ehe man es glaubte. Und stellen sie sich dann erst die Schüler vor."
Feelicitas war sich da nicht so sicher: „Meinen sie wirklich?"
„Aber natürlich. Menschen sind manchmal zu blind um das naheliegendste zu vermuten. Als sie Severus kennen lernten, haben sie auch nur einen Gedanken gehabt, wie sein Familienstand sein könnte?"
Feelicitas stutzte, Dumbledore hatte recht, sie hatte nie gefragt, und einfach mal angenommen, das er alleinstehend war. Und als die Sache mit der Heirat kam, da wusste sie es ja auch. „War er bereits einmal verheiratet?" fragte sie leise und Dumbledore schüttelte den Kopf: „Miss Lefay, es steht mir nicht an, mit ihnen solche Fragen zu erläutern. Aber was ihre Sorgen angeht, dann kann ich ihnen versichern, dass bereits seit langem jeder Todesser davon weiß, denn Severus wird es Voldemort zweifelsohne persönlich mitgeteilt haben."
Ja, aber was bedeutet das, fragte sich Feelicitas panisch und stellte sich dabei das Gespräch zwischen Voldemort und Severus vor. Sie schaute wieder zu Dumbledore auf.
„Hat es Voldemort denn nicht gestört?"
„Nein, scheinbar nicht. Aber bevor sie nun die Frage stellen, die man ihnen an den Augen absehen kann, muss ich gestehen, dass ich auch nicht weiß weshalb. Ich kann nur von der Vermutung ausgehen, dass er entweder dieses Projekt als gescheitert ansah oder das Voldemort in ihrer Verbindung mit Severus eine weitere Möglichkeit sieht, sich ihrer Dienste zu versichern, Feelicitas."
Also will er mich doch wiederhaben. Feelicitas starrte den Direktor entgeistert an.
Na gut, du hast es insgeheim geahnt, also stell dich nicht so an. Langsam atmete sie tief durch und versuchte das Herzpochen zu besänftigen.
„Und wie will Severus mich davor bewahren? Ich setzte mal voraus, dass sie nicht wollen, dass ich mit dem Baby noch mal auf Voldemort treffe. Dem zu Folge können sie auch nicht wollen, dass ich da wirklich mitspiele."
Dumbledore nickte: „Ihr Vertrauen in meine Absichten ehrt sie, Feelicitas. Severus hat ihnen bestimmt mitgeteilt, dass es zuerst mein Plan war, sie in die Spionagetätigkeit einzusetzen."
Ja, dachte Feelicitas. Das hat er direkt nach unserer gemeinsam verbrachten Nacht getan. Doch sie wollte Dumbledore nicht dafür verantwortlich machen. So wie sie ihn kennen gelernt hatte, meinte sie zu wissen, dass Severus da einiges dazugedichtet hatte. Dumbledore hätte niemals wirklich erwogen, sie dazu zu zwingen, ihm in seiner Sache zu helfen. Doch als Severus sie, nicht gerade feinfühlig, auf die Erwartungen, die sie zu erfüllen hätte, um bei ihrer Flucht unterstützt zu werden, aufmerksam gemacht hatte, hatte sie die wilde Panik erfasst und sie war geflüchtet.
Still an der Seite Voldemorts zu leben war ihr damals allemal besser erschienen, als sich ihn zum Feind zu machen, indem sie gegen ihn spionierte. Dabei hatte sie jedoch letztendlich genau das gemacht. Sie hatte Severus Snape einige höchst merkwürdige Zaubertränke zukommen lassen, die sein Meister für irgendwas gebrauchen wollte. Doch genauso wenig wie Voldemort die Tränke zu vermissen schien, interessierte sich auch sonst niemand weiter dafür. Severus hatte sie angenommen und dann nichts weiter dazu gesagt.
„Ich sehe, sie wissen Bescheid. Nun gut. Aber natürlich war davon keinerlei Rede mehr, als sie verletzt und ein Kind erwartend nach Hogwarts kamen. Was es auch für Vorteile gebracht hätte, es spielt nun keine Rolle mehr. Sie sind nicht die richtige für diese Aufgabe."
Das war Feelicitas auch klar. Sie log absolut schlecht und hatte es noch nie geschafft, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Trotzdem war sie erleichtert, es noch mal von Dumbledore bestätigt zu bekommen. Nur hatte er damit noch nicht ihre Frage beantwortet.
„Und was-"
„Nur Geduld Feelicitas. Das Alter braucht manchmal ein wenig Zeit. Severus ist ein sehr fähiger Mann. Er hat zweifellos die Möglichkeit im Falle des Falles Voldemort davon abzubringen. Aber wenn mich nicht alles täuscht, wird es Voldemort schon genug sein, sie weiterhin unter Severus alleiniger Aufsicht zu wissen."
Genau das war es, was Feelicitas zu schaffen machte. Irgendwas in ihr sagte, dass Severus Snape ein ziemlich komplizierter Mensch war, den niemand durchschauen konnte. Doch immerhin kannte sie zwei Menschen, die meinten, sie könnten es. Dumbledore und Voldemort.
„Feelicitas ist ihnen nicht gut? Sie sehen so blass aus.", fragte Dumbledore besorgt.
„Nein, nein. Mir geht es gut. Machen sie sich keine Sorgen Direktor.", entgegnete sie schwach, doch dann heftete sie ihren Blick wieder auf ihn und seine klaren blauen Augen.
„Professor Dumbledore, sie vertrauen Severus?", fragte sie leise und merkte, dass Dumbledore diese Frage schon entschieden zu oft gestellt worden war. Aber wahrscheinlich noch nicht oft genug, um ungehalten zu reagieren, zumindest nicht ihr gegenüber, denn eigentlich war ihre Frage nur allzu berechtigt.
„Ja, Feelicitas ich vertraue Severus. Und ich habe viele Gründe dafür. Wenn ich ihnen alles aus den letzten sechzehn Jahren erzählen würde, dann säßen wir noch Morgen hier und könnten Sirius Cousine Bellatrix zum Tee einladen. Deswegen kann ich ihnen nur so viel sagen, wenn sie mir vertrauen, dann glauben sie mir, dass Severus vertrauenswürdig ist."
Feelicitas konnte das nicht hinnehmen. Es hörte sich so an, als wäre das seine Standardantwort. Wenn du mir vertraust, dann vertrau auch ihm.
Ihrer Meinung nach nicht gerade sehr überzeugend, zumal Voldemort auch glaubte, dass Severus in seinen Augen vertrauenswürdig sei. „Professor Dumbledore, ich würde ihnen gerne Glauben schenken, doch bin ich es meinem Kind schuldig, alles zu tun, um Gewissheit zu erlangen. Ich möchte auch nicht behaupten, dass sie sich irren, denn sie haben mehr Ahnung von der Welt, als ich je haben werde. Doch beschäftigt mich schon länger etwas..." Sie schwieg, doch er schien nicht verärgert zu sein.
„Reden sie ruhig frei heraus, Feelicitas. Ich bin nicht Voldemort. Ich kann es ertragen, wenn mich jemand auf Fehler in meiner Logik aufmerksam macht. Auch ich bin nur ein Mensch und kann mich auch mal irren."
Erst zögerte sie, doch der aufmunternde Blick seiner Augen verriet, dass er es sowieso schon erfahren hatte. Ja, er war nicht Voldemort, er war noch viel mehr und so sprach sie weiter.
„Severus lebt ein Leben mit zwei Seiten. Seine wirklichen Ansichten, welche er bevorzugt, kennt wohl nur er allein. Wenn er gut genug ist Lord Voldemort zu betrügen, ohne das dieser es merkt, dann... Nun, ich will nicht behaupten, dass er sie auch anlügt, aber die Möglichkeit, dass ihr Urteil nicht objektiv sein könnte, weil er ihnen seine wahre Meinung vorenthält, besteht doch, oder?" Bevor er sie unterbrechen konnte fuhr sie hastig fort: „Es weiß wohl keiner, warum er so ist wie er ist, aber er hat eine schreckliche Vergangenheit, stimmt es? Er war einmal mit voller Seele Todesser, bevor er zu ihnen kam. Er hat damals all die schrecklichen Dinge getan, weil er Spaß daran hatte und nicht, weil es nötig war. Er war immer viel mehr als nur der Giftmischer, der für Voldemort ein bisschen für Tränke gesorgt hat, oder?"
Das letzte Fünkchen Hoffnung, dass sie hatte, verflog beim Anblick von Dumbledores Miene.
Severus Snape war ein echter Todesser und gehörte zum höchsten Rang. Und er hatte weit mehr Talent, als nur ein glückliches Händchen beim brauen von Tränken, das er in Voldemorts Dienst entfalten konnte und auch tat.
Tränen stiegen in ihre Augen: „Wenn ich gewusst hätte, dass er wahrscheinlich schon etlichen Kindern und deren Müttern grauenvolles angetan hat, dann hätte ich nie ja zu der Heirat gesagt.", sagte sie leise. Ich hätte auch nie ein Wort mit ihm geredet. Ich hätte nie gedacht, dass er anders wäre. Ich hätte ihm nie Vertrauen geschenkt und so hätte ich nie herausgefunden, dass ich Hilfe in Hogwarts bekommen könnte. Ich würde noch heute zu Voldemorts Füßen hocken und die Schlange würde um mich herumzischeln, weil sie mein Kind fressen wollte. Nein, ich hätte gar kein Kind.
Wilde Gedanken schossen ihr auf einmal durch Kopf. So schrecklich alles auch aussah, es hatte auch Gutes gebracht. Denn weder auf die Befreiung von Voldemort, oder auf das Baby hätte sie verzichten wollen, wenn sie die Macht gehabt hätte alles umzuwenden. Die ruhige Stimme Dumbledores holte sie in die Gegenwart zurück.
„Feelicitas sie sind jung. Haben sie noch nie in ihrem Leben einen schweren Fehler gemacht?" Dabei schaute er sie so durchdringend an, dass ihr zu spät einfiel, den Blick abzuwenden. Himmel, er weiß alles, dachte sie erschrocken.
„Doch, habe ich.", sagte sie schließlich leise.
„Sehen sie. Feelicitas. Severus Snape war noch viel jünger als sie es jetzt sind, da geriet er in die falschen Kreise und unter dem schlechten Einfluss verfiel er dem dunklen Lord. Ich kannte ihn als Schüler und weiß, dass er nie sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit bekommen hat. Er muss sehr einsam gewesen sein und das war auch einer der Gründe, warum er sich schließlich tief verletzt abwandte und der dunklen Seite anheim fiel. Zweifelsohne wird er bei seinen neuen Freunden mehr Anerkennung erlangt haben. Doch bald hatte er seinen Fehler eingesehen und kämpft seitdem an unserer Seite."
„Er wollte Anerkennung?"
„Nein, das war wahrscheinlich nur ein positiver Nebeneffekt, denn ich kann ihm keinen Ruhm garantieren. Er arbeitet im Verborgenen und seine Taten werden nicht bekannt. Ich glaube auch nicht, dass er jemals einem Menschen gegenüber erwähnen wird, dass er ihm etwas schuldig sei. Severus ist nicht so. Wenn sie ihn mal näher kennen lernen, werden sie hinausfinden, dass er für seinen ganzen Einsatz keinerlei Lohn bekommt. Das allein ist schon ein Hinweis darauf, dass ihm die richtige Seite wichtig ist." Dumbledore blickte sie forschend an. In seinem Blick lag nichts, was Feelicitas für ihre Vergangenheit verdammte und doch hatte sie eine Eingebung, was seine Worte noch bedeuten könnten. Er meint Severus hat sich nur auf unsere Verbindung eingelassen, weil er so ein anständiger Mensch sei, der weiß was richtig ist.
„Severus macht das aus reiner Herzensgüte?" Den letzten Gedanken sprach sie aus und blickte Dumbledore ob seiner großen Gutgläubigkeit fassungslos an.
„Feelicitas, er hat sich geändert. Was immer auch war, es ist lange her." Dann wandte er sich von ihr ab. „Ich kann ihnen nicht mehr sagen, aber ich glaube sie haben ihre Antwort bekommen. Sie müssten es verstehen können. So, und nun müssen wir unsere nette Unterhaltung beenden. Noch heute wird der Orden dieses Haus räumen. Sie sollten gehen und ihre Sachen packen, dann wird Severus sie nach Hogwarts mitnehmen." Feelicitas stand auf und wagte es nicht mehr, Dumbledore weiter auszufragen. Ihm schien es ernst und bevor irgendetwas peinliches ausgesprochen werden konnte, verabschiedete sie sich und ließ ihn allein.
Es war aber auch nicht so schlimm, denn manche Fragen sollte sie ihrem Zukünftigen doch lieber selbst stellen. Auch wenn ihr das schwer fallen würde, sie war es ihrem Kind schuldig.
Fortsetzung folgt...
Feelicitas: War er nun verheiratet?
Ich: Woher soll ich das wissen? Frag ihn doch.
Feelicitas: Ich frag bestimmt nicht nach.
Ich: Dann musst du vielleicht mit einer Riesenüberraschung rechnen. Vielleicht war er mal sehr unglücklich verliebt. Aus einer sicheren Quelle weiß ich, das er Liebe kennen gelernt hat. Aber wir wissen ja alle, das es ein breites Feld für Spekulationen bietet.
Feelicitas: Ja, aber das wäre mir egal. Ich erzähle ihm ja auch nicht von meinen Vorleben.
Ich: Die ganze Sache mit dunklen Geheimnissen anzugehen, ist eine schlechte Grundlage für eine Ehe.
Feelicitas: Was habe ich denn sonst noch, außer meinen Geheimnissen? Ich glaube außerdem, es wird kaum dem Begriff Ehe gerecht werden, was wir beide Veranstalten werden.
Ich: Warte es ab. Die Zukunft steht noch nicht geschrieben.
Fortsetzung folgt...
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