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Eine schwere Wahl
Severus hatte es wirklich erreicht, dass sie erst einmal für eine Weile Ruhe hatte. Erst gegen Abend kam der Direktor vorbei und beglückwünschte sie. Danach gaben sich die Anwesenden die Klinke in die Hand. Hagrid kam und überbrachte ihr auch Glückwünsche seines Bruders Grawp, den er gottlob nicht mitgebracht hatte. Selbst ein Hauself, der mitten im Sommer eine Sammlung an Strickmützen trug, verirrte sich „rein zufällig" zu ihr und wollte gar nicht mehr gehen. Er verschwand erst, als ihn die Heilerin höchstpersönlich rauswerfen wollte. Severus war da eine entspannende Ausnahme, sofern er denn mal vorbeischaute. Überraschendenderweise hatte er aber auch die Gabe nicht zu nerven, sondern, ohne das sie ihn groß bitten musste, zu helfen. Er brachte ihr die Strampelanzüge vorbei und gab ihr das Gefühl, das er genau wusste was er tat, wenn er ihre Tochter berührte.
Madam Pomfrey scharwenzelte auch immer in ihrer Nähe herum, aber das störte sie auch nicht weiter. Es ging ihr lediglich nach einiger Zeit auf die Nerven, dass sie immer nach der Heilerin rufen musste, wenn sie Serena bei sich haben wollte. Sie konnte sie einfach nicht aus den Augen lassen, da sie sonst keine Ruhe fand.
Sie wusste, dass sie vernünftig sein sollte und es ihr keiner danken würde, wenn sie auch nur einen Fuß aus dem Bett tat. Doch es fiel ihr schwer, sich zurückzuhalten. Nachdem Poppy sie dann doch erwischt hatte, wie sie sich Serena selbst holte, redete sie ein ernstes Wort mit ihr.
Nach der Geburt hatte Feelicitas nicht unbedingt darauf geachtet, doch Poppy versicherte ihr, dass dabei weitaus mehr Blut geflossen war, als üblich sein sollte. Die junge Mutter erinnerte sich plötzlich wieder an die triefenden roten Laken, die schnell weggezaubert wurden. Und als ob das Feelicitas nicht schon genug geschockt hätte, äußerte Poppy in beiläufigem, aber mahnendem Ton, dass sie bei der Anwendung von Muggelmethoden die Geburt wohl nicht überlebt hätte. Aber selbst Magie, konnte keine Wunder bewirken und so sollte sie sich um Himmels willen schonen, bevor noch etwas geschah.
Danach traute sich Feelicitas nicht mehr, auch nur einen Handschlag zu tun. Aber Poppy wusste eine Lösung.
Und als hätte Feelicitas es geahnt, stand plötzlich eine Hauselfe vor ihr. Gut, es war nicht dieser komische Elf. Doch Vertrauen erweckender sah sie auch nicht aus. Feelicitas hatte nun gar keine Ruhe mehr, denn die Elfe machte immer einen sehr angetrunken Eindruck.
Doch schon nach wenigen Stunden hatte ihr Winky bewiesen, das sie sich mit der Pflege eines Kleinkindes auskannte und so durfte sie bleiben.
In den folgenden zwei Wochen wuchs ihr die Elfe richtig ans Herz und sie bereute es fast, dass sie diesen Service nicht auf ewig behalten konnte. Aber wahrscheinlich hätte Winky Hogwarts auch verlassen wollen. Ganz im Gegensatz zu Feelicitas, der die Langeweile nichts weiter als Grübeleien einbrachte. Ihre Magie schien sich endlich bequemt zu haben, zurückzukehren und mit grimmiger Freude sah sie, dass sie ihr verhasstes Spielzeug endlich einweihen konnte und nicht alle Theorie der letzten Monate umsonst gewesen waren. Doch auch das konnte ihr keinen Halt geben. Es brachte sie nur auf dumme Gedanken. Kaum durfte sie aufstehen, da packte sie die Lust, sehr weit fort zu gehen.
Natürlich war sie nicht ganz so dumm, so etwas zu unternehmen, ohne vorher dem schlauesten Menschen den sie kannte, Bescheid zu geben. Also machte sie sich zum Büro des Direktors auf. Vermutlich wegen ihrer Anwesendheit in Hogwarts hatte Dumbledore kein Passwort zu seinem Büro eingerichtet. Es konnte aber auch gut möglich sein, dass es während der Ferien immer so war. Was auch der Grund sein mochte, Feelicitas gelangte dadurch zwar etwas verwundert, doch zufrieden in das Büro.
Doch der Direktor war nicht da. Was hatte sie denn auch erwartet? Es waren Ferien, die Mitglieder des Ordens befanden sich im Krieg und die ganze Welt stand Kopf. Albus Dumbledore hatte wirklich besseres zu tun, als sich in seinem Büro zu verkriechen und ein Mittagsschläfchen zu halten. Diese Möglichkeit hatte außer Serena und ihr im Moment wahrscheinlich niemand.
Selbst Fawkes war nicht da und Feelicitas wollte sich gerade wieder abwenden, da hörte sie hinter sich eine Stimme: „Ms. Lefay, was suchen sie im Büro des Direktors?" Sie wandte sich um und traf auf den Blick von Phineas Nigellus.
„Das geht sie nichts an. Wenn ich hier nicht rein dürfte, dann hätte die Tür bestimmt nicht aufgestanden. Herrgott, ich werde schon nichts kaputtmachen. Sie können ja Professor Dumbledore sagen, dass ich da war. Übrigens heißt es mittlerweile Mrs. Lefay-Snape. "
Dann wandte sie sich einfach ab und beachtete das Keifen des Gemäldes nicht weiter. Wenn sie schon nichts Besseres zu tun hatte, dann wollte sie ihre Zeit wenigstens dazu nutzen, ein wenig Umschau zu halten.
Doch die vielen magischen Dinge ließen sie sich nur ganz dumm fühlen. Ob ich mich wohl irgendwann damit abfinde, dass ich auch ein Teil dieser Welt bin?
Schließlich blieb ihr Blick auf einem alten Hut hängen. Von dem hatte sie schon gelesen. In einem der Bücher, die sie im Frühjahr durchstöbert hatte, war diesem Wunderding sogar ein ganzes Kapitel gewidmet.
Und seinem Namen alle Ehre machend, blaffte der sprechende Hut sie an: „Ich bin zwar nur ein Hut, aber so wie du schaust, kommst du mir nicht gerade intelligent vor."
Das brachte Feelicitas dazu, den Mund wieder zu schließen.
„Entschuldigung.", murmelte sie und wollte die Flucht ergreifen, doch die alte Stimme hielt sie zurück: „Kann ich dir vielleicht helfen? Du siehst so aus, als würdest du etwas suchen."
Wer tat das nicht? Doch Feelicitas zuckte nur mit den Schultern. Was konnte ihr schon passieren, außer dass sie sich blamierte. Die Neugierde siegte wieder mal und sie nahm den Hut näher in Augenschein.
„Darf ich deine Dienste mal kurz beanspruchen?", fragte sie bittend.
„Tu dir keinen Zwang an.", kam es lakonisch zurück.
Sie atmete tief durch und holte den Hut vom Schrank. Derjenige, der ihn einst einmal getragen hatte, musste einen außerordentlich fülligen Kopf gehabt haben. Denn selbst sie versank unter der weiten Krempe. Doch damit beschäftigte sie sich nicht weiter, denn das Kichern des Hutes nahm sie vollends in Anspruch.
„Nein, also wirklich. Das hätte ich aber nicht von dir gedacht.", erklang die belustigte Stimme und schnell riss sie sich den Hut wieder ab. Dieser schien seinen Spaß zu haben.
„Was ist denn so lustig?", fragte sie genervt und doch gespannt.
„Eigentlich nichts. Aber wenn man immer nur Kindern ins Herz schauen kann, dann ist so was wie du schon ein denkwürdiger Augenblick. Ich habe ganz vergessen, wie es um euch Menschen steht, wenn ihr erwachsen seid. Interessant. Und das schon in dem Alter..."
Dieser Hut machte sich doch tatsächlich über sie lustig. Was hatte er gesagt? Er konnte einem ins Herz sehen? Langsam wurde sie rot, wenn sie daran dachte, was er meinte.
„Was hast du denn gesehen? War vielleicht etwas dabei, von dem ich selbst noch nichts weiß, oder können wir endlich zum Thema kommen? Für welches Haus, bin ich geboren?", fragte sie leicht angespannt, doch der Hut dachte gar nicht daran, ihr eine anständige Antwort zu geben.
„Ich würde sagen, dafür bist du ein wenig zu spät dran."
„Warum?", entfuhr es ihr verzweifelt und sie bereute, sich überhaupt darauf eingelassen zu haben.
„Ich kann dir nicht sagen in welches Haus ich dich gesteckt hätte. Ich weiß nicht wie du mit elf gewesen bist. Deine Zukunft steht schon geschrieben, du brauchst nichts mehr was dich formt. Ich kann dir nicht weiterhelfen."
Ein Moment verging, bevor Feelicitas sich von ihrem Schock erholte: „Ich...ich weiß, das niemand die Zeit zurückdrehen kann. Du kennst bestimmt meinen Vater, oder? Soweit ich weiß hast du ihn nach Hufflepuff geschickt. Was meine Mutter angeht, weiß ich nichts. Also sag mir bitte wohin ich gehöre."
Sie spürte deutlich die Ablehnung des Hutes, aber er ließ sich so weit herab ihr zu antworten: „Ich erinnere mich noch an deinen Vater, doch deine Mutter war nie in einem der Hogwartshäuser. Nathaniel Deepwood, war ein schwieriger Fall. Ja, seine Mutter war die geborene Slytherin und sein Vater ein Hufflepuff wie die Gründerin selbst. Ihm hätte ich beides raten können, doch entschied ich mich für Hufflepuff. Denn es sind nicht das Erbe der Eltern oder Ahnen allein, was entscheidet. Meine Wahl baut auch auf die Lebensweise und Erfahrungen auf. Der arme Junge wäre in Slytherin todunglücklich geworden, obwohl es seiner Art zuweilen sehr entsprach."
Der Hut machte eine bedeutungsschwere Pause ein. Feelicitas verstand mittlerweile nur zu gut, warum er diesen Job seit tausend Jahren machte, ohne dass jemand ihn übertrumpfen konnte. Er war mit allen Wassern gewaschen: „Sein Erbe ist in dir genauso vertreten, wie das deiner Mutter. Wenn man sich dann dein Leben so anschaut, muss ich dir gestehen, dass ich dich nicht mehr zuordnen kann. Ich kann dir nicht mehr sagen, wie du am besten hättest aufwachsen sollen. Ich kann dir nur sagen, dass du selbst die Antwort nur zu gut kennst. Das heißt aber nicht, dass es dein bester Weg gewesen wäre, diese Art zu fördern. Auch als Hufflepuff, hättest du bestimmt etwas einbringen können." Mittlerweile war der Hut sehr ruhig geworden, fast schon tröstend. Nichts erinnerte mehr an die neckische, vor Lachen schaukelnde Krempe.
Feelicitas wandte sich deprimiert ab. Ja, eigentlich hätte sie bei all den Schlangen, die ihr in ihrem Leben schon untergekommen waren, nichts anderes erwarten dürfen. Wenigstens war sie nicht ganz allein. Wenn es schon ihren Vater und ihre Großmutter betroffen hatte, dann hatte sie selbst wohl nicht viel daran ändern können. Sie fühlte sich unter dem mitfühlenden Blick des Hutes beobachtet, dabei waren sie ganz allein miteinander.
„Wie oft hat man dir schon gesagt, dass man dich weise nennen könnte?" fragte sie leise und der Hut schnaubte: „Viel zu selten. Ich bin eben nur ein Hut", fügte er gespielt bescheiden hinzu.
Feelicitas verabschiedete sich und kehrte in ihr Zimmer zurück. Serena jauchzte leise. Dieses Kind war so merkwürdig. Selbst nachts schrie sie so gut wie nie und schien auch nicht verstimmt, auch dann nicht, wenn sie die Hose voll hatte. Doch zum Glück war sie nicht stumm. Manchmal hörte man auch von ihr Töne. Sie himmelte eine Weile das kleine Wesen an und amüsierte sich über das immer noch auftretende Nasenzucken. Severus hatte sich schon mehrmals besorgt erkundigt, ob das normal sei. Jedes mal musste sich Feelicitas das Lachen verkneifen. Doch um nichts auf der Welt wollte sie ihn in den kosmetischen Eingriff einweihen. Feelicitas meinte zwar, dass er das in seinen eigenen Interesse auch vertreten würde, denn schließlich würde so niemand direkt darauf gestoßen, dass er wirklich der leibliche Vater wäre, doch so ganz sicher wollte sie sich nicht sein.
Serena hatte sich in den wenigen Tagen ihres Lebens schon sehr gemacht. Ihre dunkelblauen Augen hatten eine sehr grünliche Färbung angenommen, von der Feelicitas nicht so recht wusste, wem sie das zu verdanken hatte. Erst spät kam sie darauf, dass Miriel Lefay auch richtig grünäugig war, wohingegen sie selbst eher ins Braune tendierte.
Leider hatten die kleinen Löckchen an der Seite ihres Kopfes nicht lange gehalten und waren ausgefallen. Doch die wenigen Löckchen auf dem Kopf waren auch ganz süß. Feelicitas fand es überhaupt nicht schlimm, das es schwarzes Haar war. Das war nun einmal die dominantere Farbe. Doch irgendwann schwor sie sich, dass sie auch mal ein rothaariges Kind haben wollte. Irgendwann, wenn alles vorbei war.
Nach einiger Zeit erhob sie sich wieder und begann ihre Sachen zu packen. Draußen dunkelte es mittlerweile wieder. Es war schon später Abend. Als die Nacht vollends angebrochen war, schlich sie sich mit Serena fort. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, denn Severus Worte, ob sie es genauso wie ihre Mutter machen wollte und sich in irgendeinem Wald umbringen lassen wollte, drangen ihr wieder ins Ohr. Doch es war letztendlich keine richtige Flucht. Sie hatte einen Brief für Dumbledore hinterlassen, in dem sie ihm erklärte, dass sie nach Frankreich zurückgegangen war, um ein paar Dinge zu erledigen und ihn bat, dass er Severus davon abhalten sollte sie zu suchen. Na gut, Dumbledore wusste nicht wo die de Fresys wohnten, aber das würde sie auch nicht lange schützen.
In Hogsmeade nahm sie den Zug nach London. Geld hatte sie ja genug. Von London aus fuhr sie dann zur Küste und setzte auf den Kontinent über. Je näher sie ihrem Ziel kam, desto größer wurde die Gewissheit, dass sich niemand für sie zu interessieren schien.
Sie war nicht so dumm, um nicht zu wissen, dass ihre zwei Tage dauernde Reise, bereits innerhalb weniger Minuten von einem echten Magier durchkreuzt werden konnte, indem er ihr einfach in den Weg apparierte. Doch hatte Glück, alle schienen etwas anderes zu tun zu haben, als sich um sie zu kümmern.
Am Mittag des dritten Tages erreichte sie nach langer Busfahrt ihr Heimatdorf nahe Briancon.
Sie war am Ziel und schon von weitem sah sie das große Herrenhaus der de Fresys. In ihrem Herzen fühlte sie die Gewissheit hier ein paar Tage verweilen zu können, ohne zu riskieren, das es in Blut und Tod endete.
Doch wie oft hatte sie ihr Gefühl schon getäuscht und ihr Verstand sie im Stich gelassen? Sie hätte lieber auf die Stimme der Vernunft hören sollen, dann wäre ihr vieles von dem was sie erwartete erspart geblieben. Doch Feelicitas schob alle Vorbehalte bei Seite und näherte sich dem Dörfchen.
Fortsetzung folgt...
Kurz und doch eine der Schlüsselszenen. Endlich kommt sie mal aus der magischen Welt raus.
So, in den nächsten Kapiteln kommt zwar viel vor, doch Hogwarts und Severus werden kaum eine Rolle spielen. Vielleicht ist es aber die Distanz, die eine Änderung zwischen den beiden bewirkt?
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