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Books » Harry Potter » The Darkness arounding us
Feelicitas Lefay
Author of 12 Stories
Rated: M - German - Tragedy/Romance - Severus S. & Sirius B. - Reviews: 39 - Updated: 02-23-06 - Published: 10-04-05 - Complete - id:2604878
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Zurück an den Anfang

Als sich die beiden Frauen endlich wieder beruhigt hatten, schauten sie sich unsicher an.

„Es tut mir so leid, Feelicitas.", beteuerte Adelaide leise, doch Feelicitas lag es fern ihrer Mutter Vorwürfe zu machen.

„Es musste so kommen. Wer weiß was geschehen wäre, wenn du mich wieder weggegeben hättest."

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und blickte sich zu Serena um. Das Baby hatte mittlerweile Gesellschaft bekommen. Maurice war zu ihr auf das Sofa gekrabbelt und betrachtete Serena forschend. Feelicitas musste lachen.

Die beiden sahen wie Geschwister aus, obwohl Maurice Serenas Onkel war und es die beiden Kinder gar nicht geben dürfte. Als Maurice merkte, dass ihn seine Mutter wieder wahrnahm, stürzte er sich vom Sofa und lief mit einem lauten Schrei auf sie zu, wo er sich an Adelaide drückte.

„Mama, hat Mausi lieb?", fragte er ängstlich und beäugte Feelicitas missmutig. Adelaide beugte sich zu ihm hinab und beteuerte ihre Liebe zu ihm. Feelicitas kümmerte sich lieber um ihren eigenen Nachwuchs. Serena brauchte dringend eine neue Windel und so verschwand Feelicitas mit dem Baby in ihr altes Kinderzimmer. Es war nun Maurice Reich. Die Wände waren mit blauen Autos bemalt und das Zimmer wirkte schöner, als Feelicitas selbst es jemals hatte.

Sie steuerte unbeirrt die Wickelkommode an und suchte eine Windel. Zum Glück konnte sie die schrumpfen, sonst hätte Serena auch gleich nackt bleiben können. Der Erfolg wäre der Selbe gewesen.

Adelaide trat hinter ihr ins Zimmer und auch Maurice schoss an ihr vorbei. Er warf sich augenblicklich auf sein Bett und klammerte sich an seinen Teddybären, so als ob er fürchtete, Feelicitas würde ihm auch das noch streitig machen wollen. Feelicitas blickte ihn besorgt an. War sie wirklich so schrecklich?

Adelaide spürte ihren Frust: „Ich war dagegen, dass Maurice dein Zimmer bekommt. Doch Louis hat mich solange bekniet, bis ich nachgegeben habe. Er meinte, in meinem Zustand sollte ich nicht so weit laufen müssen. Dabei war ein zweites Kind der wahre Jungbrunnen. Ich fühle mich so gut wie schon seit Jahren nicht mehr." Eine unangenehme Stille legte sich zwischen sie. Maurice hatte sich mittlerweile dazu entschieden einzuschlafen und lag mit dem Daumen im Mund auf seinem Teddybären.

„Es war wohl eher so, dass er all meine Spuren auslöschen wollte.", bemerkte Feelicitas giftig.

Adelaide nickte nur bekümmert: „Ja, wahrscheinlich."

„Was ist aus meinen Sachen geworden?", fragte Feelicitas beim Anblick des scheinbar brandneuen Teddybären: „Ich frage nur, weil Serena noch ein wenig Spielzeug brauchen könnte."

Eigentlich hatte sie sich schon damit abgefunden, dass Adelaide ihr sagen würde, ihr Mann hätte alles weggeschmissen, weil es alter Plunder war und Maurice nur mit dem Besten aufwachsen sollte. Doch Adelaide lächelte: „Oh, deine Sachen füllen den ganzen Dachboden. Nimm mit was du tragen kannst. Ich glaube nicht, dass Maurice jemals mit deinen Puppen spielen will. Warte, ich gehe kurz den Schlüssel holen, dann gehen wir mal nachschauen."

Adelaide verschwand und Feelicitas folgte ihr dankbar. Dieses Zimmer machte sie traurig. Sie fühlte sich so entwurzelt.

Auf ihrem Weg nach unten kam sie wieder an dem Beutel aus dem Gasthaus vorbei. Stimmt, den hatte sie ja total vergessen.

Der Beutel enthielt ein rosa Kinderkleid und einen grünen Pullover mit gelben Drachen bestickt. In den Ärmel waren drei Flaschen eingerollt. Sie erinnerten Feelicitas an Zaubertrankflaschen, waren aber länger und dünner. In einer war eine silbrigweiße Flüssigkeit, die trübe dahinlief. Die anderen beiden waren leer. Es sah so aus, als wäre auch in ihnen etwas gewesen, doch die eingetrockneten Reste und das fehlen der Korken, ließen nichts Gutes vermuten. Hatte Miriel irgendwas Wichtiges mit diesen Flaschen vorgehabt?

Adelaide kam wieder: „Das dauert aber noch etwas, bis Serena da reinpasst." Bemerkte sie und zeigte auf das Kleidchen mit den Volantärmeln.

„So was hattest du auch damals an. Es müsste noch oben sein. " Fügte sie hinzu und ergriff die Flucht zum Dachboden hinauf.

Feelicitas folgte ihr.

Gegen Mittag war der Dachboden leer und alle Dinge, die Feelicitas haben wollte, befanden sich geschrumpft in ihrer Tasche. Adelaide schaute zwar immer noch etwas irritiert, doch nachdem Feelicitas ihr versichert hatte, dass so was ganz normal war, beruhigte sie sich wieder.

Der Abschied fiel beiden schwer.

„Was wirst du jetzt machen?", fragte Adelaide besorgt.

„Ich werde meine Großmutter suchen und sie ein paar Dinge fragen. Aber vorher muss ich noch etwas in Briancon erledigen."

Sie warf ihrer Mutter einen bedeutungsschweren Blick zu und diese Verstand, wen Feelicitas aufsuchen würde.

„Sei vorsichtig. Pierre hatte erst vor einem halben Jahr einen Herzkasper. Wenn du mit der Tür ins Haus fällst, dann übersteht er es nicht."

Feelicitas nickte ernst und versprach ihr sorgsam zu sein.

„Und was hast du nun vor?", stellte sie ihrer Mutter die selbe Frage.

„Ich werde Louis zur Rede stellen. Ob ich ihm noch eine Chance gebe, weiß ich nicht. Vielleicht ist es nicht schlecht, wenn ich erst mal meine Tante Betsy besuche. Ich glaube ich kann es nicht ertragen, was er zu sagen hat. Schreibst du mir? Du weißt ja wo Betsy wohnt."

Feelicitas umarmte ihre Mutter und versprach ihr eine Eule zu schicken.

Es dauerte noch etwas, bis Adelaide das mit den Eulen verstanden hatte und so verfehlte sie der heimkommende Louis de Fresy nur knapp.

Feelicitas hatte niemals wieder vorgehabt, ihre Füße über die Schwelle der psychiatrischen Heilanstalt von Briancon zu setzen und doch stand sie jetzt dort und war im Begriff genau das zu tun. Serena schlief unruhig in ihren Armen und gab ein leises Wimmern von sich. Ja, du weißt auch, wie schrecklich es hier ist, dachte Feelicitas und betrachtete ihr Baby liebevoll. Doch wir werden nicht lange bleiben, meine Kleine. Weißt du, dass deine Mama hier mal über sechs Wochen eingesperrt war?

Doch Serena kümmerte sich nicht weiter um die Sorgen ihrer Mutter. Sie seufzte nur kurz und zuckte mit der Nase. Feelicitas merkte, dass sie wohl mit sich selbst sprach. Das war ihr schon lange nicht mehr so ausdauernd passiert und sie machte diesen Ort dafür verantwortlich. Langsam öffnete sie die Tür und stand dem Pförtner gegenüber, der sie verwirrt anblickte: „Sie wünschen?", fragte er gelangweilt, was überhaupt nicht zu seiner übrigen Mimik passte.

„Ich würde gerne Dr. Beauchamp sprechen. Sagen sie ihm, Feelicitas Lefay steht vor der Tür."

Der Pförtner nickte, wandte sich ab und sprach in ein Mikrophon. Eine stämmige Frau in Schwesternrobe erschien und ließ Feelicitas ein. Zum Glück war es niemand, den Feelicitas aus eigener schmerzlicher Erfahrung von früher kannte. Trotzdem war ihr dieses kleiderschrankartige Geschöpf ein Graus und sie drückte Serena unbewusst fester an sich.

Die Schwester führte sie durch einen freundlichen aber dennoch tristen Flur, der bunt angestrichen war und warf nur einen beiläufigen Blick auf die junge Frau. Feelicitas schaute sich um. Seit damals war hier neu angestrichen worden, doch nichts auf der Welt hätte sie davon ablenken können, dass das nur Fassade für Besucher war. Im Inneren dieser Hölle regierten farblose Betonwände.

Sie wurde im Büro des Psychiaters zurückgelassen und sah sich neugierig um. Pierre Beauchamp selbst war auch schon immer ein Verrückter. Seitdem Feelicitas ihn kannte, hatte er schon den Tick alles zu sammeln, was andere nicht mehr zu schätzen wussten. In dieser Eigenschaft erinnerte es sie unwillkürlich an Sirius vermaledeiten Hauselfen Kreacher. Doch Dr. Beauchamp sammelte nicht das Tafelsilber anderer Leute, sondern alles was seine Patienten zurückließen. Alte Puppen, Kinderwagen, Bücher und Teddybären säumten seine Wände und Ecken und zeugten von den traurigen Geschichten seiner Patienten, denn er war ein Kinderpsychologe.

Feelicitas schaute sich noch eine Weile beklommen um, bis sie sich endlich hinsetzte und abwartete.

Sie musste nicht lange warten. Die Nachricht ihrer Anwesendheit hatte Dr. Beauchamp wirklich in helle Aufregung versetzt. Er atmete schwer und hielt sich die Brust, als er ins Zimmer stürzte. Wahrscheinlich war er den ganzen Weg gerannt. Er war älter geworden und seine Haare zeigten immer mehr weiße Fäden, obgleich er einer dieser Menschen gewesen sein mochte, die schon mit Mitte zwanzig vor Sorgen ganz grau wurden. Es wunderte sie, dass er immer noch nicht in Rente war.

„Feelicitas.", keuchte er, als ob er überhaupt nichts gewusst hätte: „Mein Gott, ich dachte Evangelice erzählt mir Märchen, als sie behauptete du würdest in meinen Büro sitzen. Aber du kennst sie ja, sie weiß immer alles."

Ja, Feelicitas kannte Evangelice und ihre zuweilen echt unheimliche Begabung, die Anwesenheit von Geistern und Menschen selbst auf große Entfernungen wahrnehmen zu können. Sie hatten sich ja oft genug in der Gruppe getroffen: „Ist sie immer noch hier, oder schon wieder?", fragte sie höchst bekümmert und ihre Gedanken schweiften zu dem blinden und entstellten Mädchen, das mittlerweile auch erwachsen sein musste. Eines von vielen Schicksalen, die hier hängen geblieben waren und deren einziger Fehler es war, darauf zu beharren, anders sein zu dürfen.

Doch Dr. Beauchamp ging nicht darauf ein. Stattdessen betrachtete er sie von unten bis oben und seine Augen verweilten auf dem Kind. „Ähm...ist das deines?", fragte er zögernd und suchte hinter seinem Schreibtisch Schutz. Doch Feelicitas war es nicht danach, in alte Gewohnheiten zurück zu fallen: „Ja, das ist meine Tochter Serena Eileen." Dann beugte sie sich zu der mittlerweile hellwachen Serena, die sich neugierig mit ihren stechend grünen Augen im Raum umsah: „Serena, das ist der Doktor, der deiner Mama einmal sagte, dass er sie lieber ins Gefängnis bringen wollte, bevor sie ein Kind bekommen dürfe. Ein sehr netter Mensch, wirklich."

Serena gab ein leises Glucksen von sich.

„Kluges Mädchen, ich bin ganz deiner Meinung.", äußerte Feelicitas trocken und betrachtete Pierre Beauchamp mit durchdringendem Blick.

Dieser hatte seine Unsicherheit abgelegt und beäugte sie mit forschenden Blicken: „Du siehst ganz anders aus.", stellte er schließlich fest und setzte sich gedankenverloren auf eine Kante seines Schreibtisches.

„Tja, mag wohl daran liegen, dass auch ich älter werde. Das liegt in der Natur. Wollen sie mir keinen Tee anbieten, Dr. Beauchamp?"

Pierre Beauchamp wusste, dass sie wusste, dass er immer heißen Tee dabei hatte, weil er ohne nicht mehr leben konnte.

„Okay", er lächelte: „Heute gibt es Vanilletee."

„Auch gut, den hatte ich schon lange nicht mehr.", seufzte Feelicitas und betrachtete ihren alten Psychiater, wie er zwischen seinem Gerümpel nach einer zweiten Tasse suchte.. Als sie aufstand zuckte er zusammen und betrachtete sie argwöhnisch, doch Feelicitas beachtete ihn nicht weiter und legte Serena auf das alte Sofa. Sie nannte es immer „das Verhörsofa", denn wer einmal darauf saß, schaffte es selten wieder wegzukommen, ohne dass ihm vorher auch der letzte Gedanke ausgequatscht wurde.
Pierre Beauchamp war ein solcher Meister seines Faches, das er mit Legilimentik auch keine besseren Ergebnisse hätte erzielen können.

„Haben sie zufällig eine Windel? Serena hat es vorgezogen ihren Unmut auf geruchsintensive Art zu äußern."

Dr. Beauchamp öffnete eine Kommodentür und reichte ihr eine Windel. „Könnte etwas groß sein. Für gewöhnlich schicken sie mir ihre Kinder erst, wenn sie wenigstens laufen können oder von wirrem Zeugs reden."

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und wartete bis sich Feelicitas ihm wieder zuwandte. Er bekam nicht mit, dass die Windel plötzlich viel kleiner war.

„Du hast uns allen großen Kummer gemacht, als du weggelaufen bist.", äußerte er dann mahnend und erntete als Antwort nur Gelächter.

„Dr. Beauchamp, was immer ihnen erzählt wurde, es ist kein Wort wahr. Fragen sie meine Mamam, sie wird ihnen eine nette Geschichte über Mr. de Fresy zu erzählen wissen. Ich garantiere ihnen, sie wird all das bestätigen, was auch ich Ihnen jetzt sagen würde. Allerdings würden sie mir sowieso kein Wort glauben."

Der Arzt sah sie lange still an: „Warum bist du gekommen? Dir scheint es ja sehr gut zugehen. Du siehst nicht gerade arm aus, Die Kette um den Hals deiner Tochter muss ein Vermögen gekostet haben und dein Ring erzählt mir auch sehr viel über dein jetziges Leben. Hast du geheiratet?"

Feelicitas musste diesen Mann einfach bewundern. So sehr sie ihn immer noch hasste, er war einfach genial: „Ja, habe ich. Einen höchst angesehenen und gut situierten englischen Gentlemen in den besten Jahren, der es nicht ertragen konnte, dass ich ihm wieder entkomme und deswegen mich vom Fleck weg geheiratet hat. Ein schöner Ring, nicht wahr?"

Feelicitas musste ob ihrer Wortwahl selbst grinsen. Der Psychiater hielt es wohl für Lebensfreude und lächelte freundlich zurück.

„Warum bist du zu mir gekommen?", fragte er ruhig und Feelicitas wurde wieder ernster. Sie überlegte kurz, entschloss sich dann aber, es so kurz wie möglich zu machen. Sie zog ihren Zauberstab und blickte Dr. Beauchamp auffordernd an.

Dieser verdrehte gerade die Augen: „Bitte nicht so was. Feelicitas. Wenn du den wieder weglegst, dann vergessen wir die Sache. Überleg es dir, sonst muss ich mir Sorgen machen und das willst du doch bestimmt nicht."

Ein irritierter Blick traf ihn.

„Ach bitte. Weißt du wie viele Kinder im Jahr mit dieser Geschichte kommen? Manchmal sind sie dazu noch so wie du und Evangelice und das hat ihre Eltern zum Wahnsinn getrieben. Doch statt selbst herzukommen, schickten sie ihre Kleinen. Leg ihn weg, Feelicitas. Denk an deinen Mann, du willst doch bald wieder zu ihm zurück. Oder?"

Das lag ihr ferner als alles andere, doch es rührte sie, dass Dr. Beauchamp nicht direkt Angst bekam.

„Wünschen sie sich etwas, vielleicht erleben sie heute eine Sternstunde ihrer Zunft.", sagte sie leise und schlug die Lider vor seinem flehenden Blick nieder. Sie erinnerte sich wieder an seinen Herzkasper und deshalb versuchte sie es erträglich zu vermitteln.

„Wie wäre es, wenn ich ihre Stofftiersammlung sortiere? Das sieht wirklich scheußlich aus."

Schließlich nickte er kurz und sie schwenkte ihren Zauberstab. Dr. Beauchamp hatte in seinem Leben schon viel gesehen, doch das war nicht genug, um die nun wild umher fliegenden Teddybären als einfache Illusion abzutun und schlichtweg zu ignorieren. Er stand urplötzlich auf und verschloss die Tür.

Als er sich schwer atmend wieder umdrehte, war alles wieder normal. Alles bis auf seine Sammlung. All seine Teddybären saßen ordentlich auf den Regalen und schauten ihn mit ihren Knopfaugen an.

Einen Moment lang sagte keiner etwas, dann tapste der Doktor wieder hinter seinen Schreibtisch.

„Es tut mir so leid Dr. Beauchamp, ich wollte nicht, dass sie sich so erschrecken. Ich hätte gedacht, dass gerade sie so etwas besser aufnehmen." Feelicitas schaute ihn entschuldigend an.

„Feelicitas, es fällt mir schwer, das alles zu glauben.", keuchte der alte Psychiater und hielt sich sein Herz.

„Sie müssen gar nichts glauben, sie müssen nur endlich verstehen.", antwortete Feelicitas leise und blickte plötzlich ganz schüchtern auf.

„Und warum muss ich es verstehen? Du willst mir erzählen, was passiert ist, oder?"

Feelicitas nickte. „Ja...ich...ich habe da ein Problem, über das ich gerne gesprochen hätte. Sie sind der Einzige, der nicht entsetzt aus dem Fenster springen wird.", äußerte sie sehr leise, doch Dr. Beauchamp hatte sie schon verstanden und rückte seinen Stuhl zurecht. Plötzlich schien er ganz entschlossen.

„Leg dich hin und schieß los." knurrte er entschieden und Feelicitas gehorchte und legte sich auf das Verhörsofa.

„Brauchen sie keinen Block zum aufschreiben?"

„Wenn ich das aufschreibe, dann werde ich dich nie wieder gehen lassen können und du endest wie Evangelice." Er schaute sie ernst an, als er aber ihre Betroffenheit sah fügte er schnell hinzu: „Feelicitas mach dir keine Sorgen, ich werde dich schon gehen lassen. Und Evangelice kennt nichts anderes, ihr gefällt es hier sehr gut, sonst hätte ich sie schon seit Jahren entlassen."

Feelicitas zögerte noch einen Moment, denn sie erinnerte sich nicht gerne an den düsteren Anfang ihres Weges in die magische Welt, aber man kann sich meistens nicht davor drücken. Und so wollte sie in den Augen ihres Gegenübers keine Enttäuschung aufflammen sehen. Sie hatte ihm Versprechungen gemacht, die musste sie jetzt auch halten. Sie machte es sich auf dem alten Sofa bequemer und blickte Pierre Beauchamp ernst an. Einen kurzen Moment lang erwiderte er ihren Blick, bevor er anfing.

Pierre Beauchamps größte Stärke war es, praktisch jedem Menschen seine tiefsten Geheimnisse entlocken zu können, sobald dieser erst einmal auf der hässlichen Couch lag. Vorwiegend arbeitete er mit Hypnose. Nun ist allgemein bekannt, dass nicht jeder Mensch dafür empfänglich ist und da er nur die begrenzten Möglichkeiten der Muggel zur Verfügung hatte, wurden seine Diagnosen in Fachkreisen schon immer etwas stiefmütterlich behandelt. Hypnosetherapie war damals noch etwas sehr umstrittenes. In den frühen Neunzigern hatte es sogar eine regelrechte Hetze auf ihn und die psychatrische Anstalt gegeben, nachdem gewisse Einzelheiten über die dort herrschenden Umstände bekannt geworden waren.

Das ging soweit, dass Dr. Beauchamp sogar ein Fernsehinterview gab, um sich zu verteidigen. Doch von seinen Aussagen war nicht viel übrig geblieben. Als der Bericht durch die Medien ging, war er sehr sinnentfremdet worden.

Doch das beendete keinesfalls sein Karriereende. Eher war es so, dass es ihm einen neuen Aufschwung bescherte. Plötzlich stande Eltern aus dem ganzen Land mit ihrem etwas zu speziellen Nachwuchs vor der Tür und und beharrten darauf ohne ihn wieder raus zu kommen.

Gerade dieser Ansturm hatte den alten Psychiater dazu gebracht, in sich zu gehen und sich zu fragen, ob das was er tat wirklich richtig war. Nicht zuletzt wegen seiner langjährigen Erfahrung mit solchen Krankheiten und der Beobachtungen welche Zukunft die Betroffenen erwarten durfte, hatte er schließlich den Entschluss gewagt, nur noch die wirklich aussichtslosen Fälle aufnehmen zu wollen. Und deren gab es nicht so viele, als das er nicht jedes einzelne der Kinder in der Anstalt in sein Herz geschlossen hatte. Auch wenn es manchmal Rückschläge und Enttäuschungen zu verzeichnen gab, waren ihm gerade die langwierigsten Problemfälle am liebsten.

Seine Schützlinge sahen das natürlich oft anders. Evangelice, die von allen am längsten hier verbracht hatte, verlor erst nach Jahren ihre Abneigung gegen ihn. Und Feelicitas schien über das, was er ihr getan hatte, nie hinwegzukommen. Kein Wunder, hatte er nicht gerade erst den Beweis vorgehalten bekommen, dass die Verrücktheit die er sah, nur eine extreme Andersartigkeit war, die ihm für immer verschlossen bleiben sollte. Er war so froh, dass er schon seit Jahren alle wieder nach Hause schickte, deren Eltern ihm von fliegenden Spielsachen erzählten. Wer weiß wie viele Schicksale er in der Vergangenheit schon zerstört hatte?

Trotzdem es schon immer eine Herausforderung gewesen war Feelicitas zu hypnotisieren, ließ sie es heute freiwillig über sich ergehen.

Aber noch waren sie nicht soweit. Sie musste ihm erst mehr erzählen.

„Okay Feelicitas, dann erzähl mal.", begann er ruhig und blickte sie aufmunternd an. Dieses Spiel kannte sie nur zu gut. Doch anders als früher, schlug ihm keine Aggression entgegen. Sie lächelte nur leicht und holte tief Luft: „Es waren zuerst nur zwei von dieser Sorte, die sich Magier oder auch Zauberer nennen. Einer, er wurde tatsächlich Wurmschwanz genannt, denn das entsprach auch seinem Wesen, fing mich im Wald nahe der Pension ein und machte etwas schlimmes mit mir. Nein, nicht das.", fügte sie hinzu, als er sie schräg ansah.

„Es war, als wenn sie mich mit Beruhigungsmitteln voll gestopft hätten und meinen Willen ausschalteten. Doch sie taten nichts dergleichen, ein einziger Schlenker des Zauberstabes genügt und ein halbwegs talentierter Zauberer kann einem alles nehmen. Den Willen, die Erinnerung, die ganze Existenz. Und so geschah es auch mir. Zwischen dem Letzten was ich bewusst dachte, als mich Wurmschwanz unter den Imperiusfluch setzte und dem Nächsten, was ich wieder bei klarem Verstand erfasste, schienen Jahre gelegen zu haben. Natürlich war ich mir dessen nicht bewusst. Für mich war alles ganz normal. Ich wusste nicht, dass ich an etwas gebunden war, das man nicht von einem zum anderen Moment einfach wegwischen konnte. Etwas, das sogar starke und mächtige Zauberer über Jahre hinweg verzweifeln ließ. Verstehen sie das?"

Er nickte nach einer Weile und Feelicitas glaubte es ihm, als sie mit erzählen fortfuhr.

„Er brachte mich zu seinem Meister. Sie werden es mir vielleicht nicht glauben, doch in England herrscht ein böser Zauberer. Er nennt sich Voldemort. Aber niemand wagt es ihn bei diesem Namen zu nennen, denn alle haben Angst vor seinem Namen.

Im Gegensatz zu ihm war Wurmschwanz ein Tölpel. Voldemort hegte von Anfang an ein gewisses Misstrauen gegen mich. Er sollte damit Recht behalten, denn Wurmschwanz lag dieser Imperiusfluch nicht, unter dem sie mich gebunden hatten. Voldemort ist noch schlimmer als sie, Dr. Beauchamp. So brauchte er auch nicht halb so lange wie sie, um zu merken, dass fast gar nichts an mir stimmte. Sie wissen ja selbst, was man mit mir so erleben kann. Doch das war nicht der einzige Grund, weswegen ich diesen Fluch so schnell wieder loswerden konnte. Später, als er, also der dunkle Lord, ihn selbst erneuerte, hatte ich auch noch das Gefühl, dass etwas falsch war. "

Dr. Beauchamp hatte trotz aller Konzentration den Faden verloren. Feelicitas machte es nichts aus. Selbst wenn er etwas von den Umständen verwechselte, er würde sein Wissen doch nie an einen Anderen weitergeben können und die Aussage des Ganzen würde sich ihm auch so erschließen.

„Feelicitas, gehe ich recht in der Annahme, dass dieser Foldimor-"

„Vol-de-mort!"

„Na ja, du weißt schon-", führte Dr. Beauchamp seine Rede weiter, wurde aber erneut protestierend unterbrochen.

„Nichts da mit Du-weißt-schon-wer. Nennen sie ihn bei seinem Namen."

„Na gut, wenn du darauf bestehst. Hat dich dieser Voldemort unsicher gemacht?"

Feelicitas nickte zaghaft und blickte schüchtern hoch.

„Alle denken, ich würde alles, was mit ihm zusammenhängt verdrängen, nur weil ich noch immer Angst habe. Doch schon damals, als ich noch in seiner unmittelbaren Nähe lebte, hatte ich eigentlich weniger Angst. Er war so, ..." einen Moment suchte sie nach einem Wort, aber als sie kein passendes fand, führte sie den Satz zu Ende: „Verständnisvoll?" und schaute Dr. Beauchamp groß an.

„Niemand wird dir daraus einen Vorwurf machen können. Wenn er wirklich so ist, wie du ihn mit deinen wenigen Worten geschildert hast, dann konntest du nichts anderes machen.", sagte Pierre Beauchamp leise.

Nichts hätte Feelicitas mehr trösten können. Wenn schon ihr Psychiater ihr so was sagte, wieso sah sie es dann nicht ein?

„Willst du mir mehr darüber erzählen?", fragte er sanft und zog seine Hynotisierkette mit dem Stein hervor: „Entspann dich, du weißt ja, dass es nicht wehtun wird.", sagte er noch weicher und Feelicitas ließ es einfach geschehen. Langsam verlor sie sich in ihren Erinnerungen und versuchte ihm ihre Empfindungen zu schildern. Dr. Beuchamp hörte schweigend zu und unterbrach nur manchmal für eine kurze Frage.

Er hatte mich in einen Wald gelockt und dann mit diesem Fluch belegt. Wir kamen zu einer Hütte. Ich wurde von hinten geschupst, Wurmschwanz gefiel es wohl nicht, dass ich mich nicht fürchtete, wo er es tat. Er war eindeutig nervös gewesen und das ließ er immer am liebsten an mir aus, schon damals.

Meister, ich habe euch das Mädchen mitgebracht, nach dem ihr verlangt habt.", verkündete er unsicher, als erwarte er dafür einen Tadel, doch eine schrille Stimme drang aus dem Sessel hervor. Und ich erfuhr eine Offenbarung.

Gut gemacht, Wurmschwanz. Bring sie her, ich will sie mit eigenen Augen sehen."

Einem Ruf im hintersten Winkel des Verstandes gehorchend, trat ich nun zögernd auch vor den Sessel. Ich sah es genau, dieses Wesen und wollte es doch nicht glauben und nicht sehen, was mir entgegen blickte. Er hatte damals noch keinen menschlichen Körper, doch das tut nichts zur Sache. Ich wollte weglaufen, schreien, doch ein unwiderstehliches Verlangen nahm wieder stärker von mir Besitz und erstickte meine Bedenken vollends. Ich verlor mich sofort in ihm. Auch wenn ich es keinem je zuvor erzählte. Aber er, Voldemort, hatte etwas an sich, schrecklich zwar, aber doch irgendwie anziehend.

Nun gut. Es scheint die richtige zu sein. Verneige dich vor mir!"

Ich wusste nicht, was ich damals in meinem Wahn alles tat. So viel ist einfach an mir vorbeigezogen. Ich weiß aber noch, was ich empfunden habe, denn ich erfuhr zum ersten Mal, dass etwas größer war als ich. Bisher war immer ich das Monster, die Missgeburt und musste damit leben. Doch er nahm mir das alles ab und ließ mich gänzlich unschuldig zurück.

Meine Beine knickten gegen meinen Willen ein – ich MUSSTE es tun. Da gab es nichts, keinen Willen oder Wunsch. Das schrille Echo in meinen Gedanken erfüllte mich so sehr, dass ich seinem Gebot folgte, und meinen Kopf auf den staubigen Teppich vor dem Kamin beugte. So verharrte ich in sorgenloser Leere. Eine Leere so süß wie Zucker und so Bitter wie Medizin. Sie war das einzige und alles was man jemals haben wollte. Sie war so herrlich und ich so frei in ihr. Voldemort in seinem Sessel wandte sich an den Mann namens Wurmschwanz und sie redeten wohl über mich, aber ich beachtete sie nicht. Was waren sie schon wert im Vergleich zu dieser Leichtigkeit des Seins? Ich wollte gar nicht mehr, dass man mir das nahm, doch es sollte noch besser kommen.

Erhebe dich!", erklang sein Wort und ich folgte. Ich wollte nicht dieses übermächtige Wesen anschauen. So ließ ich, als ich mich sitzend in anhängenlicher Weise vor dem Kamin zusammen krümelte, meinen Blick auf dem Boden schweifen, wo er hingehörte.

Hör mir zu, ich frage dich jetzt einige Dinge und du wirst sie mit der Wahrheit beantworten. Das wirst du tun, oder? Du musst mir alles sagen!"

Er kümmerte sich um mich, gab mir diesen Frieden und dafür sollte ich nicht mehr tun, als ihm erzählen wer ich war? Ich war doch ein Nichts in seiner Gegenwart. Ein kleiner Fleck am Boden. Doch wenn er es wollte?

Ich nickte und ehrte ihn, indem ich meinem Blick weiterhin zu Boden richtete.

Schau mich an und antworte mir!"

Er wollte mich sehen? Wie kam ich armes Würmchen dazu? Ich zwang mich kurz aufzuschauen und sagte: „Ja."

Ich habe dich nicht gehört. Ich bin mir sicher du kannst das besser."

Ehe ich etwas anderes tun konnte, sagte ich etwas lauter: „Ja, Herr, ich werde die Wahrheit sagen."

Wie zuvorkommend du doch bist. Ein wirklich braves Mädchen, das weiß was sich gehört. Nun gut, Hol dir die Decke vom Bett und dann antworte mir einfach!"

Ich tat wie mir geheißen und ließ mich wieder auf dem Teppich nieder.

Schau mich an!", erklang seine Stimme so sanft, dass ich alles getan hätte und ich wagte meinen Blick wieder hinauf in sein göttliches Antlitz zu richten. Und dann sagte er etwas so nettes, was sonst noch keiner zu mir gesagt hatte.

Gut. Ich bin stolz auf dich"

Ich erzählte ihm daraufhin alles. Und es war mir ein inneres Bedürfnis, ihm all meine tiefsten Geheimnisse zu offenbaren. In seinen Fragen steckte so ein Interesse und eine Freundlichkeit mir gegenüber, er berührte den tiefsten Grund meiner Seele, so dass ich mich an Dinge erinnern konnte, die ich vorher selbst nicht kannte. Für einen kleinen Augenblick schien ich der Allwissenheit sehr nahe zu kommen.

Und dann, als ich nichts mehr zu erzählen wusste, wurde ich traurig. Denn ich meinte, er würde mich nun wegschicken und ich dieses erhabene Gefühl verlieren. Doch er sprach mich an und dann teilte er eines seiner Geheimnisse nur mit mir ganz allein, erwies mir mit seiner Eröffnung die größten Ehren und stellte mich für einen Moment ihm gleich. Ich sollte meinem Herrn dienen und ihm damit zu Ehre gereichen.

Einen Moment lang war ich über die Größe meiner Bedeutung für ihn erschrocken. Es lag ihm etwas an mir. Noch nie hatte mich jemand haben wollen. Dem Wesen, das sich als Lord Voldemort bezeichnete, war natürlich das Flackern in meinen Augen nicht entgangen. Er lächelte mich an. Und dann war meine Angst vergessen. Doch ich weiß noch genau was ich ihm antwortete und ich schäme mich dafür, dass er mich soweit bringen konnte:„ Es wird mir eine Ehre sein für euch zu sterben, Herr."

Und ich kniete mich wieder zu seinen Füßen auf den staubigen Boden. Ich war in diesem Moment zufriedener, als jemals zuvor oder danach.

Dr. Beauchamp brach die Sitzung ab und sprach beruhigend auf die heftig schlurchzende Feelicitas ein. Doch was erzählte man jemandem, der so schlimmes durchgemacht hatte? Nichts würde wirklich helfen. Das Baby, das in seiner Decke auf dem Teppich lag, schaute interessiert auf die beiden. Pierre Beauchamp durchfuhr die plötzliche Erkenntnis, dass dieses Kind eine seltsame Art hatte. Hatte es überhaupt schon einen Ton von sich gegeben?

Er strich Feelicitas über die Schulter und nach einer Weile beruhigte sie sich soweit, dass er mit ihr reden konnte.

„Kind, du kannst überhaupt nichts dafür. Du bist dem Teufel begegnet und durch die Hölle gegangen. Ich... ich habe bisher nie etwas davon gehalten, wenn Menschen die Existenz eines personifizierten Bösen für wahr hielten. Ich glaube auch jetzt noch nicht daran, aber dieser Mensch, oder was auch immer es ist, ist böse genug um sich bewusst gewesen zu sein, was für einen Einfluss er auf dich nehmen konnte. Lass dir das von einem alten Manipulator wie mir ruhig sagen. Alles was er erzählte und tat, war nur brilliante Berechnung. Du musst dich nicht dafür schämen, dass du seine Zärtlichkeiten und Nähe wolltest. Du musst dich nicht schämen, dass du sehr lange brauchtest, um dich davon lösen zu können. Du musst dir nur immer vor Augen halten, dass zu diesem Spiel immer zwei gehören. Ich kann nicht in die Zukunft sehen, doch würde ich fast sagen, dass eine erneute Konfrontation mit ihm das beste Heilmittel wäre."

Feelicitas war bei seinen letzten Worten aufgeschreckt, doch er beruhigte sie: „Dein Leben ist weiter gelaufen und du bist nicht mehr das Mädchen, das ihm im Wald begegnete. Er ist auch nicht mehr der einzige Mensch in deinen Leben. Du konntest Abstand finden und Klarheit über die Vorgänge gewinnen. Glaub mir, dieser Voldemort kann dich zu nichts zwingen, was du selbst nicht willst, verstanden?"

Feelicitas wurde schlagartig ruhiger und blickte zur Seite auf Serena. Pierre Beauchamp stand auf: „Ich will dir nicht einreden, dass mein Rat unfehlbar wäre, aber denk bitte darüber nach."

Es dauerte noch eine Weile, bis Feelicitas wieder so stabil wirkte, dass er sie mit dem Kind gehen lassen wollte. Damit sie sich nicht auf ewig mit ungutem Gefühl an ihren Besuch erinnerte, erzählte er ihr Episoden aus dem Klinikalltag und wie es denen ergangen war, die Feelicitas aus ihrer Zeit kannte.

„Ich würde gerne Evangelice sehen.", sagte sie schließlich schüchtern: „Aber nur, wenn es ihr nicht schadet."

Doch der Psychiater hatte keine Bedenken, zumal es beiden nur gut tun konnte.

Sie trafen Evangelice im Aufenthaltsraum. Feelicitas übergab Dr. Beauchamp Serena und begrüßte ihre alte Leidensgefährtin.

„Na Eva. Ich hab gehört du hast mich kommen sehen?", fragte sie aufmunternd und schaute sich das blinde Mädchen näher an. Vor drei Jahren hatten sie sich das letzte Mal getroffen und diese Jahre schienen Evangelice nicht sehr schlecht getan zu haben.

„Darf ich das Baby streicheln?", fragte Evangelice mit ihrer leisen und heiseren Stimme, die kaum lauter als ein Flüstern werden konnte. Seitdem sie in die Pubertät gekommen war, stimmte etwas mit ihren Stimmbändern nicht mehr. Eigentlich stimmte kaum etwas an ihrem Kopf. Es war nicht direkt ein Wasserkopf, doch erschien er für den zarten Körper der schmalen Frau entschieden zu groß. Auch ihre dichten braunen Haare konnten den aufgeblähten Hinterkopf und die vielen durch Operationen verursachten Narben nicht kaschieren. Das sie den Kopf eigenständig halten konnte, war bereits ein Wunder, auch wenn sie damit nicht laufen konnte und im Rollstuhl saß. Doch das alles hatte ihre Eltern nicht davon überzeugen können, dass sie trotzdem intelligent sein könnte. Ihnen kamen ihre unheimlichen geistigen Kräfte gerade recht und so hatten sie die Arme abgeschoben und waren nie mehr aufgetaucht.

Feelicitas holte sich Serena, während Dr. Beauchamp sich zum gehen wandte und die Beiden allein ließ. Feelicitas übergab ihre Tochter an Evangelice. Diese offenbarte wieder ihre groteske Schönheit und schaute oder besser tastete sich das Baby sorgsam von oben bis unten durch. Niemand der sie so sah, wäre auf die Idee gekommen, dass sie blind sein musste. Ihr Blick war zwar oft ohne Ziel, doch manchmal schaute sie einen mit ihren ungetrübten braunen Rehaugen so durchdringend an, dass der ein oder andere auf der Station schreiend weggerannt war.

„Sie ist süß.", sagte Evangelice und drückte Serena sorgsam an sich, damit sie ihr ja nicht vom Schoß rutschte: „Wo kriegt man so was her? Ich werde anregen, das unser nächster Ausflug dorthin stattfinden soll."

Sie lächelte und obwohl sie es nicht sehen konnte, erwiderte Serena das unbefangen.

„ Nein, jetzt mal ernsthaft. Ich freue mich sehr für dich Feelicitas. Es war bestimmt nicht leicht. Du musst schlimmes erlebt haben, ich spüre das.", äußerte Evangelice plötzlich besorgt.

„Mach dir keine Sorgen. Das ist vorbei. Stell dir vor, ich habe es sogar geschafft, dass mir einer einen Ring an den Finger steckt." Sie brauchte nichts über die wahren Umstände zu sagen. Evangelice wusste es eh schon.

„Und ist es da besser, wo du jetzt lebst? Oder bist du hergekommen um zu bleiben? Deine Mutter hat dich ja so vermisst.", plauderte Evangelice und spielte mit den kleinen Babyfingern. Feelicitas stutzte: „Woher weißt du das?"

„Sie kam hier her und fragte mich, ob ich was über dich wüsste. Da hatte sie auch gerade ein Baby. Sie wollte es mich aber nicht streicheln lassen." Die blinde Frau schien etwas verstimmt.

„Maman meinte das nicht so. Aber Eva, ich werde dich leider in nächster Zeit nicht besuchen können.", brachte Feelicitas ihrer Freundin schonend bei. Diese schien das nicht übel zu nehmen: „Ja, ich weiß. Aber wenn du wieder kannst, dann kommst du, oder? Wir können im Garten spazieren gehen. Serena wird dann schon laufen können."

Natürlich versprach Feelicitas das alles.

Es war mittlerweile schon spät und wenn Feelicitas den Zug nach Embrun noch erwischen wollte, dann musste sie bald aufbrechen. So verabschiedete sie sich schweren Herzens von der einsamen Evangelice und wandte sich zum gehen.

Dr. Beauchamp geleitete sie zur Tür. Der Pförtner schien mittlerweile Feierabend zu haben und so schloss ihr der alte Psychiater selbst die Tür auf. Das war immer wieder ein sehr schöner Moment, selbst wenn sie wusste, dass er sie hier niemals hätte halten können.

Kurz bevor er sie gehen ließ, blickte er auf sie und ihre Tochter und sagte leise: „Du bist eine gute Mutter, egal was ich jemals behauptet habe. Ich habe mich geirrt und es tut mir für das, was dadurch geschehen ist, leid. Das musst du mir glauben, auch wenn du es mir wohl niemals verzeihen kannst. Die Dinge die dich umgeben, überschritten meinen bisherigen Horizont. Ich habe mir seit deinem eigenen Verschwinden sehr große Vorwürfe gemacht. Ich dachte ich sei Schuld und es ist mir nicht erst heute klar geworden, dass du damals mit dreizehn nur die Wahrheit gesagt hast."

Feelicitas wollte nicht, dass er sich einfach so entschuldigte. Es wäre für sie auch viel einfacher zu ertragen gewesen, wenn sie gewusst hätte, dass es da jemanden gab, dem man die Schuld geben konnte, dass ihr Leben so dunkel war. Doch sie sah ehrliches Bereuen in seinen Zügen und so musste sie sich anhören, was er sagen wollte und ließ ihn reden.

„Du musst sehr verzweifelt gewesen sein, als dein Kind damals verschwand. Es tut mir so leid, doch keiner hat dir das mit der Verschleppung glauben können. Wie sollte die Kleine dir denn auch innerhalb von zehn Minuten entwendet worden sein, ohne Spuren zu hinterlassen? Es schien unmöglich. Das Einzige was in Betracht kam war der See. Und du warst so außer dir, da musste ich doch annehmen, dass du es-" verteidigte sich Pierre Beauchamp schwach.

„Es ist lange her.", sagte Feelicitas knapp. Man merkte ihr an, dass dieses Thema sie immer noch verfolgte.

„Du hast sie aber nie vergessen, oder?"

„Was hilft es mir? Damals hätte man vielleicht noch etwas machen können, doch es sollte nicht so sein. Doch heute kann ich nichts mehr tun. Es gibt keine Spuren. Da ich weder weiß, was genau geschehen ist, noch was man mit Letizia Celeste gemacht hat, werde ich sie wohl nie mehr wiederfinden. Wann immer ich ein schwarzhaariges Mädchen im Vorschulalter sehe, muss ich an meine Kleine denken. Aber...danke für ihre Worte, Dr. Beauchamp." Sie blickte ihn entschuldigend an und er nahm es hin, denn er spürte ihren Aufruhr und wie viel Überwindung sie diese Worte gekostet hatten. Sie würde niemals darüber wegkommen. Das wahre Ausmaß ihres Schmerzes übertraf um Längen die Wut über das ihr zugefügte Unrecht. Nein, Feelicitas war keine Mörderin gewesen, sie war nur ein kleines Mädchen, dem man großes Unrecht angetan hatte.

Fortsetzung folgt...

Na, überrascht?

Wer aufmerksam gelesen hat, muss es eigentlich schon seit Kapitel drei von WH gewusst haben. Mehr Mutterkomplexe kann man wirklich nicht einbauen, kein Wunder das sie Serena nicht gerne aus den Händen gibt.

Ob Briancon wirklich über eine Anstalt verfügt, kann ich nicht sagen. Aber ich denke mir mal, es ist so groß, dass es auf der Landkarte verzeichnet ist, da wird es wohl so was ähnliches besitzen.

Falls jemand einwenden möchte, dieser Rückblick der speziellen Art sei überflüssig gewesen, dann muss ich sagen, dass er WH nicht richtig verstanden hat.

Feelicitas ist immer gegen alles und deswegen hatte Wurmschwanz seine liebe Not mit ihr, doch tief in ihrem Herzen war sie das ganze Jahr über abhängig und konnte nicht weg. Immer wieder ist sie zu Voldemort zurückgekehrt, obwohl es auch andere Möglichkeiten gab. Deswegen habe ich am Ende auch nichts Spektakuläres geschehen lassen. Sie geht einfach und appariert weg, wie schon dutzende Male zuvor. Doch tief in ihrem Inneren hat sie damit einen großen Schritt getan. Doch vielleicht bereut sie es manchmal? Sie ist nur eine sehr verunsicherte Frau, die in ihrem Leben schon an genug Problemen gescheitert ist. Ein wenig gefällt es ihr, dass sie etwas besonderes sein könnte.

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