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20. In den Wäldern von Lerwick (Teil 2)
Liam schien es nicht minder unangenehm zu sein. Nachdem er seiner Frau hinterher geblickt hatte und nun mit Feelicitas allein im Zimmer war, konnte er sich wohl kaum davor drücken, sich seiner neuen Aufgabe zu stellen. Viele Menschen wären vor Verlegenheit rot geworden und Feelicitas bekam auch gerade eine lebhaftere Gesichtsfarbe, doch Liam wurde höchstens eine Spur blasser. Den Ausdruck seiner Augen konnte man schwer deuten, weil die Augenklappe die Hälfte davon verschluckte. Ob er darunter wohl etwas zu verbergen hatte?
Liam ergriff als Erster wieder das Wort: „ Setz dich Feelicitas.", sagte er leise und Feelicitas folgte seinem Wunsch und ließ sich wieder neben Serena auf das Sofa fallen. Liam löste sich endlich von der Tür, nahm ihr gegenüber in einem Sessel Platz und betrachtete sie eindringlich. Feelicitas nahm Serena wieder fest in ihre Arme und drückte sich tiefer in die Polstergarnitur.
„Ich habe vielleicht ein wenig überreagiert.", räumte er schließlich verhalten ein. Zweifelsohne hatte er ihre Angst erfasst und Feelicitas konnte daher nichts anderes als nicken.
„Klee ist der Meinung, dass es mir leid tun sollte." Sehr schuldbewusst sah er aber nicht gerade aus, wenigstens nicht für Feelicitas: „Aber da bestanden schon immer Differenzen. Ich habe mich vielleicht in meinen Mitteln vergriffen, aber trotzdem ist mir immer noch an einer Erklärung für dein plötzliches und unverhofftes Auftauchen gelegen." Sein Ton war jetzt überhaupt nicht mehr angespannt, sondern so, wie man es bei einer netten kleinen Plauderei erwarten konnte. Feelicitas machte sich nicht die Mühe ihren eigenen Stimmungsumschwung darauf zurückzuführen. Sie hatte auch nichts dagegen ihm alles haarklein zu erzählen. Hauptsache, er ließ sie reden.
Sie schilderte ihm genauso wie ihrer Großmutter ihre Kindheit bei den Muggeln, ließ aber den Teil mit der Entführung von Voldemort aus.
„Ich bin erst vor einem Jahr in die magische Welt gelangt und seitdem nur noch auf der Suche nach einigen Antworten.", endete sie schließlich und schaute ihn fragend an. Liam nickte: „Verständlich. Offenbar liegt die Wahrheit nicht einfach auf der Straße herum."
„Nein durchaus nicht.", bestätigte sie. „Deswegen bin ich auch mehr als nur froh euch gefunden zu haben. Auch wenn ich das vielleicht nicht hätte schaffen dürfen."
Dazu sagte er nichts weiter, stand aber wieder auf und ließ sie nicht aus dem Augen. Er kam Feelicitas wie eine Katze vor, die ihr Opfer umkreist. Dabei schien er jedoch nicht sehr konzentriert bei der Sache zu sein, offensichtlich grübelte er über etwas nach. Dann blieb er endlich stehen und sagte: „Ich werde dir all deine Fragen beantworten, aber zuvor möchte ich gerne die wahre Geschichte hören, wie du in die magische Welt geraten bist. Wenn du durch das Raster der Einschulung gerutscht bist und dir einige grundlegende Kenntnisse fehlen, dann glaube ich nicht, dass es ein Zufall war. Da steckt bestimmt mehr dahinter, was gefährlich sein könnte."
Feelicitas konnte sich gerade noch davon abhalten erschrocken nach Luft zu schnappen. Er wusste nichts vom wahren Ausmaß, aber er wusste das ihr magischer Weg nicht der hellste war. Er hatte es ihr ja schon im Wald unter die Nase gerieben.
„Du siehst so erschocken aus.", bemerkte er und sein Blick wurde immer forschender. Für einen Moment war Feelicitas versucht einzuräumen, er könnte die Legilimentik beherrschen. Doch selbst wenn er damit mal in Berührung gekommen sein sollte, er schien nicht sehr viele Kenntnisse darüber zu besitzen, sonst hätte er sich nicht so viel erzählen lassen müssen. Feelicitas entschied, das sie ihm alles erzählen konnte: „ Wenn ich erschrocken aussehe dann nur weil deine Vorstellungen noch erheblich untertrieben sind."
Interessiert setzte er sich wieder. Vielleicht auch, um keinen Herzanfall zu bekommen. Klee hatte dahingehend Probleme angedeutet, immerhin schien er um die fünfzig Jahre alt zu sein. Feelicitas zögerte deswegen noch einen Moment, hatte dann aber keine Skrupel ihm einen Schock zu verpassen. Er hatte ihr im Wald auch erhebliche Angst eingejagt, sollte er doch etwas davon zurück bekommen. Eigentlich war alles schnell erzählt, denn so viel war in der Zeit ihrer Gefangenschaft auch nicht geschehen. Während ihrer Erzählung wurde Liams Blick immer ungläubiger, aber nicht weil er an ihren Worten zweifelte. Als sie die Hochzeit mit Severus Snape erwähnte, wandte er zum ersten Mal etwas ein: „Severus Snape? Du bist mit einem Anhänger des dunklen Lordes verheiratet?" Plötzlich beäugte er die schwarzhaarige Serena misstrauisch. Feelicitas rechtfertige sich: „Ja, Serena ist seine Tochter. Doch das gehört nun wirklich nicht hierher. Aber da sein Ruf scheinbar bis ins schottische Hochland vorgedrungen ist, muss ich wohl auch nichts weiter dazu sagen." Er widersprach nicht, schien sich aber einige Gedanken zu machen.
„Weiß er, wo du bist?", fragte er fast schon liebenswürdig. Feelicitas schüttelte entschieden den Kopf: „Nur wenn er die letzten drei Stationen meines Weges verfolgt hat und sich letztendlich an meiner Großmutter versucht. Ich glaube aber, dass selbst er sich die Zähne an ihr ausbeißen würde."
„Wer würde das nicht." sagte Liam leise, mit einem ersten Zug von Freundlichkeit in seinem Lächeln. Endlich schien auch er in der Laune, zu sein, um seinerseits zu erzählen. Verwundert blickte ihn Feelicitas an.
„Was immer ich auch gedacht habe, ich muss mich entschuldigen, denn ich irrte mich. Das was du berichtet hast, kann auch nur Nathaniels und Miriels Tochter geschehen." Auf ihre hochgezogene Augenbraue hin, seufzte er und erläuterte: „Ich sollte nicht drum herum reden, aber wann in den letzten Jahrzehnten hatte ich die Gelegenheit ein solches Gespräch zu führen? Also muss ich mich wohl langsam dazu bequemen, sonst hat Klee das Essen auf dem Tisch bevor wir auch nur angefangen haben. Also, dein Vater ist mit Klee und mir zur Schule gegangen. Er war schon immer ein komischer Typ gewesen. Das hatte er zweifelsohne von seiner Mutter. Sein Vater war eigentlich nett und die beiden hatten sich richtig verdient. Na ja, also deine Mutter hat er im vierten Schuljahr kennen gelernt. Wenn du wirklich wissen willst wie sie war, dann musst du Synaile fragen. Aber ich fand sie schon immer etwas speziell und Klee macht da keine Ausnahme. Aber ich hätte niemals gedacht, dass die beiden füreinander bestimmt waren. Ach ja, die alten Zeiten.
Nun, wir haben alle geheiratet und nach der Schule trennten sich unsere Wege. Nathaniel arbeitete beim Ministerium, Miriel blieb zu Hause und stellte das Haus samt Schwiegervater auf den Kopf. Es war immer ein Genuss, bei den Deepwoods zu Besuch zu sein. Zumindest spätestens als du da warst. Charley hat dich vergöttert, obwohl er sonst kleine Kinder hasste." Liam hielt einen Moment inne und Feelicitas merkte, dass er mehr oder weniger um den heißen Brei herum redete. In den düsteren Zeiten Voldemorts erster Herrschaft konnte es nicht allzu viele dieser glücklichen Familienidylle gegeben haben. Zumal Nathaniel Deepwood schon Anfang 1978 gestorben war. Auch Liam schien zu diesem Schluss gekommen zu sein, denn sein Ausdruck wurde ernster: „Du bist sicher nicht bekommen um das von mir zu hören, stimmt es?"
Sie nickte.
„Bist du auch ganz sicher, dass du den Rest hören willst. Es ist wahrlich keine schöne Geschichte. Dein Mann wird dich wohl auf ein paar dumme Gedanken gebracht haben, ganz so unwissend siehst du nicht aus."
Feelicitas merkte, wie sich ihr Hals zusammen schnürte, doch sie wollte endlich die Wahrheit erfahren. „Er sagte mir, dass mein Vater eine Geisel und Druckmittel in den Händen der Todesser war. Es ging zunächst nicht um ihn, sondern um jemand anderen."
Liam schien von ihren klaren Worten etwas getroffen: „Da hat er dir keine Lügen erzählt." Er schaute sie tiefer an: „Du hast es wohl schon im Wald gewusst. Aber lass dir erzählen wie es wirklich war. Wie gesagt nach unserem Schulabschluss trennten sich unsere Wege. Heute kann man sagen, dass es niemals soweit hätte kommen dürfen, doch damals hatte jeder von uns nur Flucht im Sinn und trotzdem klammerten wir uns aneinander. Klee und ich heirateten und bekamen bald schon Charley. Deine Eltern sind zunächst nach Amerika gegangen und haben sich den Hippies angeschlossen. Meine Eltern hatten sich gerade getrennt und Klees Verwandte sind nach Südamerika ausgewandert." Er machte eine kurze Pause: „Es war eine schreckliche Zeit."
Von irgendwo her hörte man ein lautes Klappern, fast so als hätte jemand einen Topf umgeschmissen. Beide blickte sich erschrocken um, doch Liam beruhigte sich schnell wieder. „Das war bestimmt Lemony. Du kannst dir sicher vorstellen was alles geschehen kann, wenn ein Pferd auf dem Flur steht. Tja, nicht zuletzt verdanke ich ihm mein steifes Bein." Feelicitas hatte wohl bemerkt, das er extra abzulenken versuchte, doch diese Geschichte interessierte sie auch. Was war das bloß für eine seltsame Verbindung zwischen den Beiden?
„Ich hatte damals eine schöne schwarze Stute, namens Gloria. Ich hätte sie mir nie anschaffen dürfen, aber zu der Zeit gab es nichts Anderes in Schwarz und gerade das war unabdingbar, denn ich konnte das Gerücht, in den Wäldern würde sich eine dunkle Gestalt herumtreiben, nicht anders zum Schweigen bringen. Jedenfalls hatte ich mit meinen Vorahnungen recht. Lemony ist schließlich auch ein Geschöpf mit Gefühlen und er hat Gloria seine Aufwartung gemacht. Sie fand seine Annäherungen nicht so gut und entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem sehr nervösen Tier. Es war mitten im Winter und der Schnee lag einen halben Meter hoch, als wir gerade auf einem Ausritt waren. Wir waren ausgelassen und tobten herum, als ihr Lemony plötzlich zärtlich in den Hintern biss. Sie geriet in wilde Panik und stürzte heillos mit mir davon. Dem war wie man an den Folgen sieht kein gutes Ende beschieden. Sie kam vom Weg ab, stolperte über irgendwas und rutschte aus. Leider war ein kleiner Abgrund in der Nähe und dort stürzten wir runter. Mir quetschte es letztendlich nur das Bein, aber Gloria war nicht mehr zu retten. All meine Magie konnte nicht mehr helfen, ich lag selbst fast im Sterben."
Feelicitas fühlte Mitleid, Lemony war bestimmt bestürzt gewesen und sie ahnte schlimmes: „Das ist sehr traurig. Wie-" Sie konnte gar nicht fragen.
„Ich weiß es nicht. Lemony hat nie darüber gesprochen. Er brachte mich heim und ich lag einige Tage im Fieber. Es gab keine Möglichkeit einen Heiler zu holen, obwohl Klee tobte habe ich es ihr nicht erlaubt. Nur ihren Künsten ist es zu verdanken, dass überhaupt noch alles an mir dran ist. Nun ja, fast alles.", fügte er bitter hinzu. Feelicitas wollte etwas einwenden, doch er winkte ab. „Ich weiß, der dunkle Lord war weg. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich soviel Interesse von ihm erwarten durfte. Es gab aber noch so viele Andere, die immer noch eine Gefahr werden konnten."
Feelicitas wurde es ganz übel, wenn sie sich die Umstände vorstellen musste und insgeheim fiel ihr auf, das Charley wohl auch sehr isoliert aufgewachsen war.
„Ich glaube Lemony ist nie darüber hinweggekommen.", sagte Liam traurig: „Sei ein wenig vorsichtig mit ihm, er scheint dich erneut ins Herz geschlossen zu haben. Als Baby warst du die Einzige, die nicht zu schreien anfing, wenn er dich ansah. Selbst Charley konnte Lemonys Nähe lange nicht ertragen."
Das Gespräch verlief im Sande und Feelicitas wagte es auch nicht ihn darauf aufmerksam zu machen, das er ihr noch die wichtigen Antworten schuldig war. Doch ihr Blick erinnerte ihn wohl von selbst daran. Er wand sich etwas unwohl, stand wieder auf und fing erneut mit seiner Wanderung durch das Zimmer an.
„Klee wäre an deiner Stelle schon längst vor Ungeduld geplatzt. Und ich würde es verstehen, wenn du an mir verzweifelst, denn ich bin dir soviel mehr als die Wahrheit schuldig. Ich habe den Tod von Nathaniel und Miriel auf dem Gewissen. Dein Leben wäre auch ganz anders verlaufen, wenn ich den Mut gehabt hätte anders zu handeln." Er atmete tief durch und Feelicitas krampfte sich vor Angst das Herz zusammen. Was immer er erzählen würde, sie wollte es plötzlich gar nicht mehr wissen. Sie wusste, dass es alles zerstören würde. Gerade erst hatte sie jemanden gefunden, an den sie sich hätte binden können und schon zerriss das friedliche Bild.
Kannst du nicht einfach mit ihnen zu Abend essen, ein wenig über die schönen Seiten der alten Zeiten reden und denn Rest ruhen lassen, fragte sie sich verzweifelt. Die Stimme die ihr antwortete schien nichts davon zu halten. Folge nicht deinen Illusionen, sondern finde endlich die Realität.
Feelicitas fiel es schwer, aber sie wusste auch, das die Wahrheit einmal viel wichtiger für sie werden mochte, als ihr Seelenfrieden. Irgendwann würde sie sich mit ihrem Wissen Lord Voldemort entgegenstellen, also musste sie auch Liam Evonshares Worte ertragen.
„Es ist nicht mehr wichtig wie ich unter den Einfluss der Todesser geriet. Nein schau nicht so, ich war nie einer. Aber ich war so knapp davor, wie kaum jemand sonst. Und dann habe ich es auch noch überlebt." Er lachte verzerrt auf. Feelicitas traf es tief, nach so vielen Jahren schien er immer noch nichts vergessen zu haben.
„Am Anfang waren es nur kleine Dinge, die wohl niemanden dazu veranlasst hätten die große Gefahr zu erkennen. Zumindest mir war es nicht klar. Aber ich hätte wissen es müssen, es war zu einfach. Hier und da mal die Regeln missachten. Sich auf Möglichkeiten einlassen, die sich in diesen Zeiten zahlreich geboten haben. Immer ein wenig weiter gehen als andere es wohl machten. Ich muss unheimlich dumm gewesen sein, oder einfach zu wagemutig. Daran scheiden sich die Geister. Irgendwann habe ich zuviel gewagt und kam mit den wirklich bösen Jungs in Kontakt. Wenn ich davor noch unwissend gewesen war, spätestens jetzt hätte es mir doch auffallen müssen. Überraschenderweise traf ich dort auch einige alte Schulkameraden wieder. Ich weiß heute nicht mehr recht, wie ich mich damals gefühlt habe und was ich dachte. Manchmal ist mir so, als hätte ich alles in eine Kiste gesteckt, aber den Schlüssel immer in der Nähe liegen. Ich habe es verdrängt und doch verfolgt es mich in jeder Nacht." Er hielt einen Moment inne um sich zu beruhigen: „Meine Arbeit brachte mir weder das Geld noch die Anerkennung um Klee und Charley ausreichend versorgen zu können. Ich selbst bin mit meinen zahlreichen Geschwistern sehr arm aufgewachsen und wollte das meinen einzigen Kind nicht antun. Also nahm ich den verhängnisvollen Job wider besseres Wissen an. In der folgenden Zeit bemerkte mein Umfeld wohl, dass ich über ein paar seltene Talente verfügte. Natürlich wollten sie sicherstellen, dass ich diese auch fortan nur in die Dienste des dunklen Lordes stellte."
„Liam, warum nennst du ihn dunkler Lord? Ich habe genug gesehen um zu wissen, dass das nur seine Anhänger machen.", wagte sie schüchtern in einer kurzen Pause einzuwenden.
„Ich weiß. Auch wenn ich nicht sein Anhänger bin, so hat er mich doch sehr beeindruckt.", sagte er ungerührt und blickte sie dabei an. Feelicitas zuckte nicht, wie vielleicht von ihm erwartet, zurück, sondern sagte nur: „ Ich weiß was du meinst. Seine Anziehungskraft ist mir nicht entgangen. Manchmal rutscht mir auch diese Anrede raus, aber für gewöhnlich nenne ich ihn bei seinem Namen.-"
„Den du in meiner Anwesenheit aber schön für dich behältst." Sein Ton verriet, dass er keine Widerworte dulden würde. „Nicht dass ich dir jetzt mit den Argumenten komme, man müsste Angst vor diesem Namen haben. Ich hörte einmal, dass ihn seine ersten Anhänger, als sie noch den neckischen Namen Walpurgisritter trugen, noch so anredeten. Doch kaum waren sie den Kinderschuhen richtig entwachsen, dürfte ihnen das Bedürfnis auch vergangen sein. Wenn ein Todesser seinen Namen nennt, dann scheint er durch den seltsamen Bund des dunklen Males, augenblicklich die Aufmerksamkeit seines Herren zu genießen."
Er räusperte sich: „Man hat versucht mir aufzulauern und so war ich gezwungen meiner Familie den Rücken zu kehren und unterzutauchen. Leider war meine Flucht nicht von langer Dauer und ich landete doch da, wo ich nie hinwollte. Nun, ich habe es ihnen nicht leicht gemacht. Sie hatten aber schon mit einigem Widerstand gerechnet. Was ich damals nicht wusste, man versuchte Klee und Charley als Geisel zu nehmen. Zu Hause war währenddessen die Hölle los. Aber das übergehen wird am besten. So war es dann letztendlich mein alter Schulkamerad Nathaniel Deepwood, den sie auftreiben konnten und der an meiner Seite dem dunklen Lord vorgeführt wurde. Was immer ich mir vorgestellt hatte, es verlief ganz anders. Ich hätte gedacht, dass man mir den Zauberstab vor die Brust halten würde und es nur zwei Wege gab. Hinein in die Knechtschaft des Bösen oder in die Dunkelheit des Todes. Nun, man sagt Gryffindors nach, sie würden in diesem Fall den Tod vorziehen. Ich hätte es auch ohne Zögern gemacht, doch es kam alles anders. Es beeindruckte mich ein wenig, dass man sehr zuvorkommend zu uns war und der dunkle Lord noch viel mehr darzustellen wusste als seine Taten verrieten. Ich will mich jetzt nicht mit Rechtfertigungen und Beschönigungen aufhalten, es ändert nichts daran, dass ich alles zu verantworten habe und deswegen komme ich auch gleich zum bitteren Ende."
Feelicitas wurde es müde, bei seinen Wanderungen zuzuschauen. Sie lehnte sich tiefer in die Kissen des Sofas. Sie wollte auch gar nicht mehr in diese Augen schauen.
„Zu diesem Zeitpunkt habe ich irgendwann Nathaniels Vertrauen verloren. Da wir nicht unter Unbekannten waren, sondern sogar Nathaniels einziger wirklicher Feind Ulysses Rathburn uns mit seiner Anwesendheit beehrte, wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen. Nach Allem, was ich über Ulysses Rathburn wusste, war dieser bis zu jenem Moment eine eher tragische Figur, den ich nicht gerade schätzte, der mir aber sonst ziemlich egal war. Gut, die Leute des dunklen Lords hatten ihn verrückt gemacht, aber im Grunde genommen war er schon immer ein kleiner Mistkerl. Von ihm erfuhr ich dann auch, dass eigentlich Klee Nathaniels Platz einnehmen sollte. Er machte mir weiß, sie hätte mich verraten und beide hätten auf meine Ergreifung hin miteinander gevö- Oh entschuldige, Feelicitas, aber damals habe ich ihm fast geglaubt. Er sagte auch Dinge über deine Mutter, die ich nicht wiederholen werde, auch wenn ich weiß dass sie stimmen. Nur der arme Nathaniel schien es nicht gewusst zu haben und bekam einen Schock fürs Leben. Kein Wunder, das in seinen Augen eine Welt unterging und Zweifel zwischen uns traten."
Feelicitas versuchte erst gar nicht weiter darüber nachzudenken. Sie ahnte was vorgefallen sein mochte. Immerhin waren sie alle sehr nahe beieinander aufgewachsen.
„Irgendwann hörte dann die zuvorkommende Behandlung auf. Wir weigerten uns weiter standhaft. Genau betrachtet war diese Weigerung das Einzige worin wir uns noch einig waren. Der dunkle Lord hatte langsam genug und so setzten sie Nathaniel ein. Es hätte für ihn so oder so wohl kaum eine Rettung gegeben. Ich sollte ihn sogar selbst töten. Ich weigerte mich. Nathaniel schien einem sehr grausamen Tode geweiht, doch da änderten sich plötzlich die Voraussetzungen und das Angebot wurde umgedreht. Armer dummer Nathaniel, er hätte die Chance nutzen und sich dem Dunklen anschließen sollen. Er hatte ein Baby, während Charley schon groß war. Ich wäre gerne für ihn gestorben. Ich weiß nicht was der dunkle Lord vorhatte, aber Nathaniel hätte bestimmt keine allzu schwere Aufgabe bekommen. So ein begnadeter Magier war er nicht. Aber Nathaniel hat es nicht getan und ich... ich hätte nicht damit leben können, ihn mit eigenen Händen in den Tod zu schicken. So starb er grauenvoll und gab Ulysses Rathburn die Gelegenheit jede seiner Qualen in vollen Zügen zu genießen. Danach... danach waren sie auch auf mich nicht mehr versessen. Ich muss gestehen, an uns konnten sie wirklich viel Spaß entwickeln und dass Ulysses mir dabei mein rechtes Auge ausbrannte war nur eine von vielen Taten in dieser dunklen Nacht. Sie schleppten mich in den tiefsten Kerker den sie finden konnten und ließen mich allein. Ewig hätte diese Qual so weitergehen können, wenn da nicht die Conventiculum gewesen wären. Ah, ich sehe du weißt nicht was das ist. Das war eine Widerstandsgruppe innerhalb der Todesser. Sie halfen mir und holten mich von da weg. Man kann sagen, ich verdanke ihnen mein Leben. Leider konnte ich ihnen meine Dankbarkeit nie zeigen, denn der Orden wurde Stück für Stück von Voldemort zerschlagen, bis wohl keiner mehr übrig blieb."
Scheinbar war die Geschichte damit zu Ende und das keinen Moment zu früh, denn aus der Küche hörte man wieder Rumoren.
„Meinst du Teile dieses Conventiculum könnten vielleicht doch die Jahre überdauert haben und jetzt wieder aus der Versenkung steigen?" Feelicitass starrte ihn dabei ernst aber nicht minder neugierig an.
„Ich weiß es nicht.", gestand er mit einem Schulterzucken. Sein Ton war leise und verriet, dass er es hoffte. Feelicitas plagte aber noch eine weitaus wichtigere Frage. „War Severus Snape ein Mitglied des Conventiculum?", angstvoll klangen ihre Worte durch die Stille. Er blieb vor ihr stehen und der entschiedene Blick seines Auges und der harte Ton zerstörten jegliche Hoffnung. „Nein!", sagte er mit entschiedener Schärfe und blickte sie ernst an.
Klees Erscheinen brach die Stille, die daraufhin zwischen ihnen entstanden war. Sie trug einen Stapel Teller in der Hand und blickte sorgsam von Einem zum Anderen. Liam nickte ihr zu. „Gut.", sagte sie kurz und hielt ihm die Teller entgegen. „Würdest du bitte im Esszimmer decken? Lemony hat mir verraten, dass ein kleiner Hosenscheißer unter uns weilt. Wir sollten das Malheur noch vor dem Essen beheben."
Liam gehorchte und machte sich mit dem Geschirr davon. Klee schaute Feelicitas auffordernd an. „Kommst du?" Feelicitas folgte ihr und Klee führte sie in ein Schlafzimmer im oberen Stockwerk.
„So hier haben wir Ruhe. Brauchst du eine Windel?"
„Nein danke, zum Glück sind die mir noch nicht ausgegangen.", erwiderte Feelicitas und lächelte Klee leicht verlegen an. Im Gegensatz zu ihrem Mann wirkte sie so arglos wie der leibhaftige Sonnenschein. Irgendwas sagte Feelicitas jedoch, das dies täuschte der Unterschied nicht allzu gravierend sein mochte.
„Wie geht es Synaile?", fragte Klee und räumte ihren Frisiertisch frei, damit Feelicitas Serena wickeln konnte. „Schwer zu sagen. Sie sah jünger aus als sie sein konnte und wirkte gesund. Vielleicht etwas einsam und traurig, auch weil ich nicht bei ihr blieb, aber sonst ist mir kaum etwas aufgefallen." Feelicitas erinnerte sich aber an etwas, dass sie schon wieder vergessen hatte: „Sie schien auch sehr genervt, weil sie von einer impertinenten Hauselfe verfolgt wird. Ich konnte ihr leider bei diesem Problem nicht helfen, weil sie den Namen dieser Kreatur nicht kannte."
Ein wissender Ausdruck trat in Klees Gesicht. „Keine Sorge, dieses Problem werden wir schnell gelöst haben. Ich kenne nur eine Hauselfe, die zu so was fähig wäre. Aber das hat noch Zeit." Sie betrachtete Feelicitas mit einem verträumt zu nennenden Ausdruck in den Augen, während Serena gewickelt wurde.
„Kaum zu glauben, aber du hast dich kaum verändert.", seufzte Klee und Feelicitas schaute verwundert zu ihr herüber. „Als Baby warst du schon ein wenig moppelig. Tröste dich, Miriel war auch nie die Schlankste. Man sieht dir deine Mutter im Gesicht an, obwohl du nicht ganz diese unheimliche Ausstrahlung eurer Familie besitzt. Ihr sind die Jungen immer reihenweise nachgelaufen und es gab so viele Momente in denen sie am liebsten ihre Verehrer in die nächste Woche gehext hätte. Manchmal es selbst ihr zuviel."
Feelicitas erinnerte sich wieder an die Szene aus dem Denkarium. Miriels Ausdruck von Überdruss bei Lucius Malfoys Anwesendheit war also kein Einzelfall.
„Warum wir uns überhaupt so gut leiden konnten, bleibt wohl für immer ein Rätsel."
Feelicitas hakte nach: „Synaile meinte, dass du viel kindlicher als meine Mutter warst."
Klee nickte: „Unschuldiger wäre besser formuliert. Sie war zwei Jahre jünger als wir und doch hätte man das nie vermutet. Ich denke mal, sie hat ihr wahres Alter nur zu oft verschwiegen. Sie kam in unserem vierten Schuljahr als Austauschschülerin nach Hogwarts und in der ganzen Zeit hat niemand gemerkt, dass sie erst 12 war. Aber das ist alles so lange her, wir sollten die Vergangenheit ruhen lassen."
Eine Frage hatte Feelicitas aber noch: „Synaile meinte, dass der Schutzzauber auf ihren Haus immer noch funktioniert. Was hat es damit auf sich?"
Klees Züge hellten sich wieder auf. „Du bist schlau. Ganz die Mutter. Das war natürlich ich. Nachdem das mit Liam und Nathaniel geschehen war, sind wir untergetaucht. Natürlich ist Miriel ein paar Mal mit dir hergekommen, wir sind ja auch so was wie deine Taufpaten. Wir haben ihr so oft gesagt, sie müsste sich auch verstecken, aber sie hat es nicht getan. Sie blieb bei ihrem Schwiegervater in Plymouth und vertraute darauf, dass man niemandem etwas antun würde, der nichts zu verbergen hat. Ein schwerer Irrtum, den dein Großvater Allen als nächstes bezahlte. Sie haben das schutzlose Haus abgebrannt und Miriel konnte sich gerade noch mit dir retten, aber keiner wusste was weiter mit ihr geschehen ist. Bei Synaile war sie auf jeden Fall nicht angekommen und der Abschiedsbrief, den wir bekamen, hat auch nicht viel Klarheit in dieser Hinsicht gebracht. Zuletzt schien sie wohl selbst eine Vorahnung gehabt zu haben denn kurz vor dem Vorfall und eurem Verschwinden kam sie mit der Bitte zum, die Geheimniswahrerin für das Lefayhaus in Embrun zu werden. Sie erwog zu diesem Zeitpunkt wohl schon, endlich mit Allen fort zu gehen. Das war keine schlechte Idee, zumal ich selbst ja durch unseren Geheimniswahrer Lemony wirksam geschützt war. Doch leider half es ihr nicht viel. Aber wer weiß, vielleicht hat es ja wenigstens Synaile das Leben gerettet." Klee wirkte mehr als nur bedrückt und so erzählte Feelicitas ihr, dass man Miriels Spuren wirklich bis nach Embrun verfolgen konnte, aber Synaile durch den Zauber keinen Schaden erlitt.
Nachdem Serena wieder ordentlich angezogen war, nutze Feelicitas die Ruhe um sie auch noch zu stillen. Klees umherschweifender Blick fiel auf Miriels Fotoalbum und sie zog es hervor. „Das war ein heiß geliebtes Hobby von ihr. Sie trug nie einen Fotoapparat bei sich, aber immer wenn etwas geschah, hatte sie nachher die schönsten Fotos. Ich habe ihr sogar mal vorgeworfen, dass sie das nur macht, um nicht zu vergessen mit wem sie schon gegangen war und wer noch kein mit ihr Rendezvous hatte. Sie lachte nur darüber und ließ mich stehen."
„In Miriels Abschiedsbrief stand, dass es einen Vorfall mit ihrem Hochzeitskleid gab."
Klee lachte plötzlich auf: „Ja, und zu ihrem großen Leidwesen gibt es dazu ein Foto, dass sie mal nicht selbst gemacht hat. Warte, ich hole es dir." Klee verschwand kurz nach oben in das Dachgeschoss und kam mit einem eingerahmten Foto wieder: „Charley hat es auf dem Nachttisch stehen."
Feelicitas betrachtete es neugierig. Miriels luftiges Kleid war ziemlich verrutscht, ihr Blumenkranz hatte sich gelöst und um sie herum lagen überall Blüten. Scheinbar war der größte Teil des Festes schon vorbei. Die Miriel auf dem Bild lachte herzhaft und der Grund dafür war klar ersichtlich. Vor ihr hockte ein reuevoller kleiner Charley mit noch immer grünlichem Gesicht und ihre ganze Schleppe war voll von Erbrochenem. Die beiden waren aber nicht allein auf dem Bild. Aus einer Ecke tauchte eine nicht minder belustigte Klee auf. So fröhlich wie auf diesem Bild, war sie auf keinem anderen mehr zu sehen.
„Ein wahrhaft schöner Ausklang für diesen Tag. Erst war mir das ja peinlich. Charley hat drei Stücke Schokoladenkuchen regelrecht in sich hineingefressen. Diese Gabe hat er eindeutig von seinem Onkel. Leider besitzt er nicht dessen stabilen Magen. Miriel hat zu diesem Zeitpunkt, wie man offensichtlich sieht, schon ihre Schuhe verloren, das ein wenig zu enge Kleid arg strapaziert und sie verteilte überall Bestandteile ihres Blumenkranzes. Wenn es mir geschehen wäre, ich hätte es wahrscheinlich übel genommen. Nicht so Miriel, oder hast du jemals eine glücklichere Braut gesehen?", fragte Klee mit etwas Neid in der Stimme.
Klee wusste scheinbar wovon sie sprach. Ihre Hochzeit schien wesentlich freudloser gewesen zu sein. Miriel wirkte so losgelöst und fröhlich, als läge ihr die Welt zu Füßen. So eine Lebensfreude hatte Feelicitas noch nie verspürt. Aber Miriels Glück hielt auch nicht lange. Damals wusste sie noch nicht, dass das Kind, welches sie unter dem Herzen trug, nicht geboren werden würde.
„Es war bestimmt einer der glücklichsten Momente ihres Lebens.", sagte Klee gedankenverloren, dann erwachte sie wieder aus der Erinnerung. „Wenn wir nicht bald runter gehen, haben die Männer uns alles weggegessen. Um Liam mache ich mir da keine Sorgen, aber Charley und Lemony sind eine echte Gefahr."
Feelicitas hatte noch nie so eine unbeschwerte Idylle erlebt. Es war ihr aber klar, dass dies nicht ganz den Tatsachen entsprach und die Evonshares in den letzten 16 Jahren wahrscheinlich nie jemanden zum Essen einladen hatten können. Lemony und die Evonshares taten daher alles um weiteren düsteren Enthüllungen vorzubeugen und Feelicitas und sich selbst zu schonen, denn nicht nur das Essen war wundervoll. Es war, als wäre nie etwas Schreckliches geschehen und nach einer Weile lachte Feelicitas auf, wenn Klee von ihren Problemen mit Baby Charley und seinem Starrsinn sprach. Der Angesprochene schien dieses Verhalten gewöhnt zu sein und ließ sich keine Verstimmung anmerken Und das, bestimmt obwohl es seit seiner Kindheit nicht mehr vorgekommen war, dass Klee jemanden zum erzählen fand.
Lemony war seltsam still geworden und betrachtete Feelicitas unablässig. Liams Worte kamen ihr wieder in den Sinn. Er hat auch Gefühle... Sei vorsichtig mit ihm, er scheint dich wieder ins Herz geschlossen zu haben. Dabei dachte sie aber auch an den verhängnisvollen Biss in Glorias Hintern.
Als sie beim Nachtisch ankamen, der aus köstlichen gezuckerten Himbeeren bestand, die Klee aus ihrem großen Garten bezog, kam diese auf das Hauselfenproblem zurück. „Oh, ich habe gar keine Lust das alles abzuwaschen.", sagte sie und schaute sich die leeren Schüsseln an.
Lemony hatte noch den letzten Rest daraus gegessen. Dass er nicht nur ausschließlich Fleisch fraß, beruhigte Feelicitas total. Aber ihre Wissbegier, was das für eine seltsame Mischung war, wurde immer stärker.
„Feelicitas, wenn ich dir den Namen von Serenas zukünftigen Kindermädchen verrate, leihst du sie mir dann für den Abwasch aus? Ansonsten müsste ich Lemony fragen, denn Charley und Liam weigern sich standhaft." Feelicitas stellte sich das Pferdewesen in der Küche vor und willigte natürlich ein.
„Wirklich nett von dir. Also wollen wir Synaile mal von ihrer Plage befreien. Nathaniels Erbe an dich heißt Weirdy. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, wird dir aber bei guter Pflege noch lange erhalten bleiben. Aber bevor du sie rufst muss ich dich doch fragen, ob du dich mit der Leitung einer Hauselfe auskennst." Neben ihr gab Liam ein leises Stöhnen von sich. „Wenn nicht, kannst du ihr doch einfach dein altes Benimmkursbuch über Elfenhaltung in die Hand drücken.", meinte er grinsend. „Oder hast du es etwa verbrannt?"
Seine Frau reagierte darauf mit einer tadelnden Kopfnuss. „So alt und doch immer noch unheimlich charmant, mein Lieber. Du weißt doch, dass ich es nie über mich gebracht habe, dieses kostbare Kleinod loszuwerden." Dann wandte sie sich wieder an Feelicitas und diese erklärte ihr, dass sie sich der Verantwortung durchaus bewusst war.
„Gut, Weirdy ist eigentlich pflegeleicht. Du kannst da kaum etwas falsch machen. Außerdem wird sie dich schon von selbst auf Fehler hinweisen. Miriel und Weirdy haben sich nie so gut vertragen. Nathaniel hatte Weirdy zwar befohlen sicht zu benehmen, aber es war offensichtlich, dass Miriel Angst vor ihr hatte und sie loswerden wollte."
Feelicitas kannte auch den Grund dafür. Synaile hatte ihrer Tochter so oft eingeschärft, dass sich ihre Art deutlich von den Hauselfen unterschied. Miriel wollte garantiert nicht irgendwelche Ähnlichkeiten feststellen.
„Sie hat Weirdy sogar Kleidung gegeben, doch obwohl die Hauselfe sie anzog, wollte sie nicht einsehen, dass sie frei sein sollte. Sie meinte, dass das Geschenk dann von Nathaniel selbst hätte kommen müssen. Das ist wichtig, weil Weirdy niemals mehr mit einem Küchentuch bekleidet herumlaufen würde. Aber du darfst ihr natürlich nichts geben. Freiheit würde sie in ihrem Alter umbringen. Du hast als Kleinkind mal versucht Weirdy eines deiner Kleider anzuziehen. Die arme Elfe lief dabei schreiend durchs Haus und fand keinen Schutz vor deinem Vorhaben. Ich glaube das war das einzige Mal, dass Miriel die Nerven verlor und aktiv in deine antiautoritäre Erziehung eingriff."
Feelicitas nickte verständig und als Stille eintrat rief sie leise nach Weirdy. Klee kicherte und bemerkte freundlich: „Typischer Anfangsfehler, der in meiner Schulzeit schwerwiegende Folgen haben konnte. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Aber etwas lauter musst du schon rufen. Weirdy hörte schon damals etwas schlecht, vor allem wenn sie nicht arbeiten wollte."
Feelicitas versuchte es noch mal und wie aus dem Nichts, fiel etwas auf den Tisch und plumpste in die leere Kartoffelschüssel. Liams konnte sich dabei eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen: „Gott, was sind wir alle froh, dass Madam Burgunda nicht mehr unter uns weilt. Soll ich schon mal den Besen holen? Du bist doch noch mit der korrekten Handhabung vertraut, oder?"
Klee blitze ihn an: „Lass den bloß im Schrank du Lästermaul."
Weirdy befreite sich von der Salatschüssel und zum Vorschein kam eine Hauselfe, die eine bunte Ansammlung zerlumpter Anziehsachen trug. Eine blaue Bluse, die wohl ehemals bestickt gewesen war, einen faltenreichen hellgrüner Rock, unter dem ihre krummen Füße nur ansatzweise zu sehen waren und einen pinkfarbenen Schal mit einigen Laufmaschen. Sie war sehr mager. Was immer sie seit dem Verschwinden ihrer Herrenfamilie getan hatte, sehr gut war es ihr wohl damit nicht ergangen. Ihr aufmerksamer Blick wanderte rund um den Tisch und blieb schließlich an Feelicitas hängen. Ein paar bange Sekunden vergingen, bis sich endlich die Erkenntnis auf ihrem Gesicht breit machte und sie damit begann, vor Freude herum zu springen. „Mistress Feelicitas lebt, rief sie dabei immer wieder. „ Oh Weirdy freut sich so. Und Mistress Feelicitas hat auch noch eine kleine Miss." Bevor sich die alte Elfe etwas verrenken konnte, worauf ihre knackenden Knochen hinwiesen, sprach Feelicitas beruhigend auf sie ein: „Beruhig dich Weirdy und hör bitte mit dem Gezappel auf."
Schlagartig war Stille, doch in den Augen der Elfe flackerte weiter die Begeisterung.
„Ich freue mich auch dich zu sehen und es tut mir leid, dass ich mich nie an dich erinnert habe. Aber ich laufe dir bestimmt nicht wieder weg. So, als aller erstes bat mich meine Großmutter dir zu sagen, dass du sie nicht weiter beleidigen sollst.." Weirdys Blick wurde etwas ernster, sie verfügte aber eindeutig über Widerspruchsgeist. „Mistress Feelicitas müssen Weirdy glauben, der lila Minimuff war auch nicht nett zu Weirdy."
Feelicitas glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und langsam verstand sie, weswegen Synaile so entnervt war, aber Klee schaute sie ermunternd an.
„Ich kann nicht nachvollziehen wer angefangen hat. Hiermit ist es dir auf jeden Fall verboten, sie weiter zu Ärgern." Weirdy verzog keine Miene, sondern machte einen Knicks und sagte fast ausdruckslos: „Wir ihr wünscht Mistress." Für einen Moment war Feelicitas drauf und dran ihr dieses ewige Mistress auch noch auszutreiben, aber das ließ sie dann vorerst doch bleiben. Vielleicht sollte sie erst mal das Buch von Klee lesen.
„Danke Weirdy. Du darfst meine Großmutter gerne noch mal besuchen und dich ausreichend entschuldigen. Aber zunächst möchte ich, dass du den Abwasch für uns erledigst."
Es war gar nicht mal so schwer. Weirdy knickste wieder, diesmal mit weniger Unmut. „Sehr wohl, Mistress Feelicitas." Dann kroch sie vom Tisch herunter auf einen freien Stuhl und beäugte zum ersten Mal Lemony etwas näher. Scheinbar kannte sie ihn schon.
Sie standen auf und verzogen sich ins Wohnzimmer, während Weirdy damit begann, sich etwas geräuschvoller als unbedingt nötig um die Teller und Töpfe zu kümmern.
In den folgenden drei Wochen, die Feelicitas noch in den nebligen Wäldern blieb, zeigte sich, dass Weirdy genauso gute Kenntnisse in der Kinderpflege hatte wie Winky. Feelicitas schloss sie nicht nur deswegen ins Herz. Die Elfe war allerdings ein wenig auf Distanz bedacht und so einen Gefühlsausbruch wie am Tag ihrer ersten Begegnung, erlebte sie von ihr nicht noch mal. Sei es, dass Weirdy ihr nicht so gerne diente oder mittlerweile Geschmack am Herumtreiben gefunden hatte, der Grund für die Distanz wurde nicht klar ersichtlich. Vielleicht war es auch die Ähnlichkeit zu ihrer Mutter Miriel.
Ansonsten ging die Zeit viel zu schnell vorbei. Feelicitas hatte endlich auch die Muße gefunden, sich mit Charley zu unterhalten. Es stellte sich heraus, dass er nie eine magische Schule besucht hatte und nach dem dritten Jahr in der Muggelgrundschule und nach all den schrecklichen Ereignissen um seine Eltern auch nie mehr dazu angehalten wurde. Die Paralellen zu ihrem eigenen Schicksal waren frappierend. Er vertraute ihr sogar an, dass seine Eltern ursprünglich wegen der dunklen Zeiten beschlossen hatten ihn überhaupt nie magisch ausbilden zu lassen. Da sie jedoch untergetaucht waren, hatte er auch keinen Muggelabschluss. Im Grunde genommen hatte er gar keinen Schulabschluss. Zaubern konnte er trotzdem, denn Klee und Liam hatten sich in den vielen Jahren ihrer gemeinsamen Zeit ausreichend darum kümmern können.
Und obgleich sie einiges gemeinsam hatten, blieb ihr der Mann weitgehend fremd. Dort wo er sich an tausend kleine Dinge zu erinnern schien, tappte sie selbst völlig im Dunkeln. Gut, sie hätte ihr Denkarium, welches Synaile ihr mitzunehmen erlaubt hatte, auspacken und ihn um Erinnerungen bitten können, aber sie sträubte sich ein wenig dagegen. Es war auch viel schöner seinen Erzählungen und denen seiner Mutter zuzuhören und damit häppchenweise immer wieder neues zu erfahren.
Doch die Ruhe war nach drei Wochen vorbei, denn Liam kam mit schlechten Nachrichten von einem Waldspaziergang zurück. Seine Schwester Nancy hatte Lemony getroffen und einige alte Tagespropheten überreicht. In Großbritannien war die Hölle los und seit Feelicitas Severus verlassen hatte war der Zustand immer kritischer geworden. Mittlerweile hatte sie oft genug ihre Beweggründe geschildert, weswegen sie gegangen war und niemand hatte ihr groß widersprochen. Doch nun sah die Sache etwas anders aus und Liam sprach laut aus, was sie insgeheim bereits ahnte. „Du musst nach Hause zurück, Feelicitas. Dort bist du am sichersten."
Was hätte sie einwenden sollen? Das Spinners End nie ihr zu Hause war. Es war ihr zuwider, aber sie sah auch keinen anderen Weg und packte schließlich ihre Sachen zusammen.
„Wir sehen uns bestimmt bald wieder und wenn du etwas schreiben möchtest, dann können wir es wieder über Synaile laufen lassen oder du schickst Weirdy." Klee redete ihr gut zu, aber auch sie weinte beim Abschied bitterlich und wollte Feelicitas gar nicht mehr loslassen. Sie war ihr in diesen Wochen wie eine Tochter geworden und sie fühlte sich wie Serenas Großmutter. Klee kannte Severus Snape zwar nicht und Feelicitas war dankbar dafür, dass nur Liam das volle Ausmaß ihres Problems durchschaute, trotzdem hatte Klee schon längst bemerkt, dass ihr Mann ihr wieder etwas vorenthielt.
Charley umarmte sie und Lemony drückte sie einen Moment zu lang an sich, bevor er sich wieder von ihr löste und in den Wald verschwand. Liam brachte sie noch bis zu den bekannten Wanderwegen.
Seit dem ersten Tag hatte er sie mit weiteren Bemerkungen verschont, doch kurz bevor sie sich trennten sagte er knapp: „Ich lasse dich nicht gerne gehen. Wenn es nicht sein müsste, wäre mir das Risiko deiner Anwesendheit egal. Aber alles was du mir über dich erzählt hast erweckt bei mir den Eindruck, dass du im unmittelbaren Umfeld des dunklen Lordes am besten aufgehoben bist. Und was Severus Snape betrifft. Ich kannte ihn nur als jungen Mann, der jüngste von uns. Er war bei unseren Unternehmen das Küken und doch hat er recht eindeutig klargemacht, dass es leichtsinnig wäre ihn zu unterschätzen. Letztendlich kannte ihn niemand wirklich."
Feelicitas hörte nur eine Sache aus seinen Worten heraus: „Er war bei diesem ominösen Auftrag dabei gewesen?"
„Ja, aber das ist nicht wichtig. Natürlich schenkt ihm Albus Dumbledore Vertrauen. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Dumbledore bereit ist jedem zu Vertrauen, solange er nicht eindeutig den Beweis liefert, dass es gänzlich an ihm verschwendet wäre. Es mag zwar das Gerücht umgehen, er sei ein Spion und das wird wohl auch stimmen, aber dann frage ich mich welcher Seite Severus Snape dabei mehr Bedeutung zumisst."
Feelicitas konnte das weder ihm, noch sich selbst wirklich beantworten.
„Wusstest du, dass er ein Halbblut ist?", fragte sie nach einer Weile. Durch den Nebel konnte man schon den Spazierweg sehen: „Nein, aber das ist nicht so selten. Ich selbst habe eine Muggelmutter. Ich bin sogar recht muggelhaft aufgewachsen und trotzdem wollte man mich in dieser exklusiven Vereinigung des dunklen Lords aufnehmen. Es ist nicht die Herkunft, die an erster Stelle steht, sondern die Gesinnung. Wenn der dunkle Lord jemals wirklich ganz hinter den Grundsätzen seiner Getreuen gestanden hätte, wäre sein Werk viel schneller vorangegangen. Er hatte aber noch genug andere Ziele, die ihm wichtiger waren."
Ja, seine Unsterblichkeit. Man kümmert sich erst um eine stabile Grundlage und dann baut man darauf sein Reich auf und beherrscht die Welt. Doch sie sagte nichts und Liam akzeptierte ihr Schweigen, obgleich er ahnte, dass sie mehr wusste. Kurz darauf umarmte er sie kurz, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und knuddelte Serena noch mal durch: „Macht es gut ihr beide."
„Das werden wir, keine Sorge. Die Lefay-Mädchen sind nicht so leicht von jemandem unterzukriegen.", versicherte sie mit einem Lächeln. Man konnte Liam Evonshare zwar schwer einschätzen, aber er schien doch gefühlvoller als er zugeben mochte.
„Das habe ich schon vor langer Zeit bemerkt.", erwiderte er, bevor sie sich trennten und jeder seinem eigenen Weg folgte. Als Feelicitas nach einer Weile noch einmal zurückschaute, sah man ihn kaum noch.
Sie atmete tief durch. „Nach Hause zu gehen", gehörte definitiv nicht zu den leichtesten Dingen in ihrem Leben
Fortsetzung folgt...
3 - 5 konstruktive Reviews und ich veröffentliche weiter.
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