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Books » Harry Potter » Die Tage des Raben
Slytherene
Author of 9 Stories
Rated: T - German - Adventure/Romance - Severus S. & Remus L. - Reviews: 270 - Updated: 09-09-07 - Published: 10-05-05 - Complete - id:2606656

Die Tage des Raben

Fanfiction von Slytherene

Disclaimer: Alle Figuren aus dem Harry-Potter-Universum gehören ausschließlich J.K. Rowling. Das Mrs. Rowling diese Geschichte nicht geschrieben hat, sieht man unter anderem daran, dass fast alle Figuren noch leben! Ich verdiene auch nichts mit dieser Geschichte, ehrlich.

Siegfried Farnham, der hier von Sirius namentlich erwähnt wird, ist ebenfalls nicht meine Erfindung. Er entstammt dem Buch „Von Zweibeinern und Vierbeinern", das im Rowohlt-Verlag erschienen ist und nicht von Padfoot, sondern von James Harriot verfasst wurde.


Über zwei Jahre haben einige von Euch jetzt Severus, Remus und Co. durch dieses haarsträubende Abenteuer begleitet. Vielen Dank an all diejenigen, die gelegentlich (oder öfter) ein Review dagelassen haben. :o)))

Um noch einmal Joeli zu zitieren: „Ihr seid der Wind unter meinen Flügeln."

Dies ist nun das unwiderruflich letzte Kapitel der „Tage des Raben", und ich verabschiede mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge von Nuriyya, Medeora und Co., und natürlich von dem faszinierenden Rabenanimagus. Einerseits ist es schön, dass ich mich jetzt auf Projekte konzentrieren kann, die für mich selbst offener und damit spannender sind, andererseits werden mir diese Figuren sehr fehlen.


Besonderer Dank gilt meinen insgesamt drei genialen Beta-Leserinnen: Chromoxid, die am Anfang Korrektur las, Textehexe, die immer wieder und eigentlich fast die ganze Zeit dabei war, und TheVirginian, die vor allem im letzten Jahr alle meine Geschichten von Kommafehlern und sprachlichem Müll befreit hat.
Ihr seid die Allerbesten!


Und nun, ein letzter Musicus:

Lisa Stansfield „All Around the World"

und Herzschmerz von Bon Jovi:

"I'll be there for you"


Wasserfrau

Wochen später, nachdem Severus zusammen mit Sirius und zusätzlich in Begleitung der mittlerweile ortskundigen Meermenschen in die Höhle hinab getaucht war und jeden Quadratzentimeter Felsen untersucht hatte, hatte er akzeptiert, dass es nicht einmal ein Grab geben würde, zu dem er seine Trauer tragen konnte.

„Meine Schwester wurde tausend Jahre vor dir geboren, Severus. Das Schicksal hat euch vermutlich nicht füreinander bestimmt", hatte Lapidis gesagt. Doch für den Slytherin hatte es sich genau so angefühlt, als wären sie eben das gewesen – füreinander bestimmt.

Um Severus herum begannen die Menschen aufzuatmen und zu leben. Manche zum ersten Mal seit tausend Jahren. Nuriyya und Lapidis nahmen sich eine Wohnung in Edinburgh, Mundungus kümmerte sich um Papiere für die beiden. Nuriyya schrieb sich an der Kunsthochschule ein, Lapidis an der Technischen Universität.

Die Weasley-Zwillinge eröffneten ihr Geschäft in der Winkelgasse.

Minerva quittierte den Dienst in Hogwarts und zog mit Alastor Moody nach Wales.

Severus erwischte ‚den-Jungen-der-lebt' knutschend mit Miss Weasley in einem Nebenraum des Zauberkunstkorridors und zog Gryffindor fünfzig Punkte wegen mangelnder Moral ab.

Sirius Black wurde Lehrer für Verwandlung und entwickelte ein erstaunliches Gefühl für Disziplin. Er apparierte pünktlich jeden Morgen in Hogsmeade und verschwand genau so pünktlich, um die Abende zuhause auf dem Reiterhof seiner Freundin zu verbringen.

Seine Freundschaft mit Remus Lupin blieb eng. Der Werwolf bemühte sich mehrfach um Stellen an der Zauber- Universität, aber das Herz der Magischen Gesellschaft blieb verschlossen für den Arithmantiker mit dem Fluch der Lykantrophie. Die Tatsache, dass er Voldemort das Genick gebrochen hatte, und zwar mit den Zähnen, ließ sie eher zurückschrecken als es ihm zu danken. Und hatte er nicht sogar einen Vampirbruder, wie Gerüchte besagten? Da half auch kein „Orden des Merlin", zumal dieser Tage jeder Auror, der am Tag des Sieges Verletzte fortgebracht hatte, einen solchen auf der stolzgeschwellten Brust trug. Zähneknirschend schien Lupin sich damit abzufinden, Harriet in ihrer Landtierarztpraxis zu unterstützen.

„Es scheint, als hätte ich mein Glück ausgeschöpft damit, zu überleben und einen Menschen zu finden, zu dem ich gehöre", sagte Lupin mit der Andeutung eines Lächelns.

„Das rührt mich, Moony", antwortete Black.

„Du warst nicht gemeint, Idiot", schnarrte Snape. Er warf Lupin einen Seitenblick zu. „Du hast mehr bekommen, als zu erwarten war, Remus. Ich würde jederzeit mit dir tauschen."

„Ich ruf dich zum nächsten Kaiserschnitt, mitten in der Nacht", entgegnete Remus zynisch. „Entschuldige, Severus. Ich kann nur erahnen, wie schwer es für dich sein muss. Doch manchmal denke ich, wir alle neigen dazu, zu vergessen, dass es um Haaresbreite ganz anders hätte ausgehen können."

Natürlich hatte Lupin Recht. Sie alle waren vom Glück begünstigt, wenn man es distanziert und nüchtern betrachtete. Voldemort hätte siegen können. Es hatte nicht viel gefehlt. Es hätte so viel mehr Opfer unter den Mitgliedern des Ordens geben müssen. Es war ein Wunder, dass sie alle überlebt hatten.

Selbst das Leben der Slytherins ging weiter. Narcissa war unter hohen Auflagen einer Haft in Askaban entgangen. Es war Molly Weasleys Aussage gewesen, dass Narcissa zu keiner Zeit während der Kämpfe etwas anderes getan hatte, als ihren Sohn zu schützen, die ihr Askaban ersparte, und die Tatsache, dass sie niemals das Dunkle Mal empfangen hatte. Sie hatte Malfoy Manor verkaufen müssen, doch Sirius hatte ihr fürs erste das Haus am Grimmauldplatz überlassen. Ob dies ein Versöhnungsangebot oder Bosheit war, darüber ließ sich allerdings streiten. Narcissa war gezwungen, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, eine neue Erfahrung, die sie jedoch offenbar nicht beeinträchtigte, im Gegenteil. Wie man hörte, war Madame Malkin mit ihrer neuen, ausnehmend stilsicheren Einkäuferin mehr als zufrieden.
Draco, der als einziger wirklich um seinen Vater zu trauern schien, wirkte dessen ungeachtet, als habe man eine zentnerschwere Last von seinen Schultern genommen. Er gab jede Rivalität mit Potter auf und konzentrierte sich ausschließlich auf den Unterricht. Allerdings bat er Dumbledore um Befreiung von Tränkekunde und mit Severus sprach er kein einziges Wort.

Letzterer unterrichtete weiter Zaubertränke in Hogwarts. Was immer er in seinem Herzen für Pläne gehegt hatte, für eine Zeit ‚nach dem Krieg', er fand nicht die Kraft, sie umzusetzen.

oooOOOooo

Severus' Geburtstag kam so unwillkommen wie jeder andere Tag. Er hatte Albus mehr als deutlich darauf hingewiesen, dass er keinerlei Gratulationen, Geschenke oder Besuche wünschte. Allerdings hatte Dumbledore es anscheinend versäumt, diese Information an ausnahmslos alle weiterzugeben.
Am Morgen erreichte ihn eine Eule mit einem kühl gehaltenen Brief von Narcissa, die sehr verklausuliert verriet, dass sie an ihn gedacht hatte. Sie schickte ihm ein paar wertvolle Jenaer Kühlschlangen aus magiefeuerfestem Glas für sein privates Labor, die sie im Keller von Grimmauldplatz gefunden hatte, und die nach Jahren in der dunklen Abgeschiedenheit des Black'schen Familiensitzes noch immer lebten.

‚Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte, und ich vermute, du wirst eine Verwendung für diese Dinge haben', schrieb sie.

Natürlich hielt auch alles Reden Medeora nicht davon ab, ihn heimzusuchen. Die Heilerin beschränkte sich jedoch auf einen kurzen Besuch, anlässlich dessen sie ihm ein Buch mit elfischen Zaubertrankrezepten schenkte, das ihm so manche trübe Stunde vertreiben würde, wie sie verkündete. Außerdem ließ sie ein in braunes Papier gewickeltes, flaches Paket da, das Severus ohne es zu öffnen auf den Schreibtisch legte. Sie hatte ihm gesagt, es sei von Remus, der ihn herzlich grüßen lasse.

Als Severus Tage später das vergessene Geschenk unter einem Haufen Aufsätze der vierten Klasse fand, beschloss er, es endlich zu öffnen. Vermutlich hatte der Gryffindor ein Buch für ihn besorgt, und Severus war neugierig, auf welches die Wahl des ehemaligen Lehrers für Verteidigung gefallen war. Doch er hatte sich geirrt: Als er das braune Papier sorgsam auffaltete, blieb ihm beinahe das Herz stehen.
Loreleys Augen, ihr undeutbarer Gesichtsausdruck, hinter dem sich ein Lächeln zu verbergen schien, nahmen ihn gefangen. Die Radierung, die Lupin von der Nixe angefertigt hatte, war sorgfältig und exakt gearbeitet. Er war kein Künstler, aber er hatte die Natur detailgetreu abgebildet. Die kurze Nachricht des Werwolfs besagte, dass er nicht sicher gewesen sein, ihm mit diesem Bild einen Gefallen zu tun, sich aber letztlich doch entschieden habe, es ihm zukommen zu lassen.
Severus konnte zunächst selbst nicht sagen, ob die Zeichnung Fluch oder Segen für ihn war, doch er stellte bald fest, dass ihre Betrachtung eine tröstliche Wirkung auf ihn hatte. Mit dem Wolfsbann für den nächsten Vollmond sandte er Remus seinen Dank.

oooOOOooo

Drei Wochen später hielt Severus einen Brief in der Hand und streichelte Lupins Eule gedankenverloren über den Flügel. Die Tierärztin hatte es also geschafft, Lupin davon zu überzeugen, dass die Ehe mit einem Werwolf sie unter keinen Umständen ins gesellschaftliche Aus katapultieren und die Existenz ihrer Praxis ruinieren würde.

„Ich werde dich begleiten", sagte eine entschiedene Stimme hinter Severus und er fuhr herum.

Medeora grinste, dass ihr Goldzahn nur so blinkte und schwenkte eine identische Einladung in der Hand.

„Wenn du nicht aufhörst, unangekündigt in meinem Labor zu apparieren, werde ich irgendwann einen Herzinfarkt erleiden oder dich und mich versehentlich in die Luft sprengen. Kannst du nicht im Flur apparieren und anklopfen, wie jeder andere auch?"

„Ich bin nicht jeder andere", widersprach sie grinsend. Sie bedachte ihren Nachfahren mit einem besorgten Blick. „Du bist unglücklich, Severus. Das ist nachvollziehbar, aber es tut mir weh, dich so zu sehen."

„Sei dankbar, dass du mich überhaupt sehen kannst", erwiderte er leise.

„Dankbar ist ein gutes Stichwort. Du lebst, der Bösewicht ist tot, du hast einen Beruf, den du souverän beherrschst, einen Merlinorden und keiner will dir mehr ans Leben. Du hast Freunde wie Sirius und Remus und Verwandte. Selena zum Beispiel und natürlich mich. Und ich habe Chips, Cola und eine DVD."

Sie hielt ihm das ‚Vergnügungspaket' hin.
Er warf einen skeptischen Blick in die braune Tüte.

„Bram Stokers Dracula in der Inszenierung von Coppola. Du meinst es wirklich gut, Medeora, und ich weiß, hätte man mir dieses Leben vor einem Jahr angeboten, ich hätte dafür getötet…"

„Was du getan hast", unterbrach sie ihn nachdrücklich.

Er seufzte. „Ich weiß, und es tut mir nicht Leid. Es war unumgänglich. Ich weiß, dass ich undankbar erscheine und Remus wird nicht gerade begeistert sein, wenn ich nicht zu seiner Hochzeit komme, aber ich…habe immer noch das Gefühl, als hätte man mir das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen."

„Nun ja", murmelte die Bergelfe, „wenn man es genau nimmt…"

„Du weißt, was ich meine", knurrte der Slytherin düster.

„Natürlich weiß ich das, Severus." Sie wackelte mit den pelzigen Ohren, die jetzt orange zu leuchten begannen. „Trotzdem solltest du deine Freunde und Familie nicht so enttäuschen."

Sie wuselte auf ihn zu und nahm seine große Hand in ihre kleine, braune.
„Gib dir einen Stoß, mein Junge. Sag' zu."

Entnervt stützte er den Kopf in die Hände.
„Also schön, Nervensäge von einer Urgroßmutter. Schreib ihnen, ja? Und jetzt - zeig mal den Film."

oooOOOooo

Die Hochzeit von Remus Lupin und Dr. Harriet James war ein wohlorganisiertes Fest in kleinem Rahmen, dem Selena und Harriets Tante Margaret liebevoll den letzten Schliff verpassten, ohne dabei die Wünsche des Brautpaares zu missachten.
Sowohl die Feier als auch die Zeremonie fanden auf dem Reiterhof von Harriets Freundin May statt, und weder Severus noch Sirius fanden jemals heraus, wie die Frauen es geschafft hatten, Remus die Einwilligung für eine sehr schlichte, aber doch christliche Trauung abzuringen.
Nach allem, was Severus wusste, war Lupin ein echter Atheist.

Die ehemalige Bewahrerin hatte den Verlust jeglicher Magie gut verkraftet.
Severus wusste, dass Professor Sprout ihr ein paar wärmespendende Orchitiden überlassen hatte, die Selenas geliebte Rosen über den englischen Winter bringen würden.

Harriet, deren grässliche Brandnarben von Madame Pomfrey nicht geheilt, aber doch merklich gemildert worden waren, war unzweifelhaft eine anziehende und sehr glückliche Braut, und das weite, helle Kleid kaschierte gnädig den schwellenden Bauch. Remus sah entspannter und auch gesünder aus, als Severus ihn jemals gesehen hatte. Die Arbeit mit den Tieren und an der frischen Luft bekam dem Werwolf offenbar prächtig.

Severus verbrachte einen Großteil des Nachmittages damit, mit Charlie Weasley über die Realisierbarkeit einer Drachenfarm in Mittelengland zu diskutieren, und nebenbei lieferten sie sich einen Wettstreit darin, Sandy und Charlies Verlobte Selma mit immer rasanter umherfliegenden, fantastischeren Minidrachen zu beeindrucken. Severus gab sich erst geschlagen, als die Weasley-Zwillige auftauchten und das Entertainment der Mädchen übernahmen. Fred und George waren wieder ein Herz und eine Seele, nachdem klar war, dass letzterer unter dem „Imperius" gestanden hatte.

Als die Sonne unterging, erschienen noch ein paar sehr besondere Gäste: Remus Bruder Angelus kam, und seine Begleiterin war niemand anderes als Mireille. Der Vampir hatte sie bei seinem Weg aus der Steinernen Halle gefunden und festgestellt, dass noch Leben in ihr war. Er hatte sich entschieden, sie mitzunehmen, vielleicht weil er befürchtete, die Auroren könnten dem dunkel anmutenden Geschöpf etwas antun. Da er bereits weit weg von der Burg mit ihr war, als alle Zauber brachen, oder vielleicht auch, weil sie als Wächterin der Bewahrerinnen immer in der Nähe des Amuletts gewesen war und deshalb besondere Magie in sich trug, verwandelte sie sich nicht zurück in eine Katze. Sie blieb der letzte Gargoyle, groteske Laune der Natur, gefangen zwischen Tier, Dämon und Frau.
Angelus Lupin kümmerte es nicht. Sie schien ihm eine passende Gefährtin: sie war zu wehrhaft, um von ihm angegriffen zu werden und doch menschlich und warmblütig genug, ihn immer wieder zu reizen.
Die beiden seltsamen Grenzgänger entwickelten ein besonderes Verständnis füreinander, aus dem, so schien es Severus, inzwischen mehr als nur Respekt geworden war.

Severus hatte die beiden bereits mehrfach in dem alten Haus im Wald bei Berwick-upon-tweed aufgesucht. Sie mieden jeden Kontakt mit den wenigen verbliebenen Vampiren auf der Burg Kroloks und Lupin arbeitete wie besessen an einem Banntrank gegen seinen Fluch, aber Severus machte es mehr als deutlich, dass sie einen uralten Rätsel der Alchemie auf der Spur waren, und es Jahre dauern mochte, bis sich Resultate zeigten.
Vampir und Gargoyle lächelten nur müde über diese Ankündigung: Sie hatten Jahrhunderte vor sich, und es schien, als setze nur die biologisch begrenzte Spanne des Lebens des Tränkemeisters ein Zeitlimit für ihren Erfolg.

oooOOooo

„Severus."

Nuriyya, in ein fließendes rotes Samtkleid gehüllt, das ihre schlanke Gestalt zu anmutiger Geltung brachte, stöberte ihn im Wintergarten auf. Von draußen drangen Gelächter und Musik gedämpft zu ihnen herein.

„Du versteckst dich hier, um einem Tanz zu entgehen", sagte sie lächelnd. „Darf ich bitten?"

Severus erhob sich und nickte ergeben. Er wollte die junge Frau, die ihre lange Vergangenheit mit aller Macht verdrängen zu wollen schien, nicht enttäuschen. Zu seinem Erstaunen war es nicht unangenehm, sie zu berühren und ihre Arme in seinem Nacken verschränkt zu spüren. Ihr Körper verströmte angenehme Wärme und einen zarten Duft nach Frühlingsblumen und Mohn, und sie folgte sich sanft drehend seinen Vorgaben.
Leise erzählte sie über die Kurse, die sie in ihrem Kunststudium belegt hatte und die neuen Freunde, die ihr Leben langsam veränderten.
Severus ließ sich in die Musik hinein gleiten, und für eine Weile vergaß er angesichts ihres sanften Erzählens seinen Kummer.

„Jetzt bin ich dran!" begehrte eine sehr energische Stimme hinter ihnen, und Severus wandte sich zu Sandy um, die ihn anstrahlte. „Sirius und Moony haben schon mit mir getanzt", verkündete sie glücklich.

„Da bin ich ja wohl chancenlos", stellte Nuriyya lächelnd fest und löste sich aus den Armen des Tränkemeisters.

„Was wünscht die kleine Lady denn zu tanzen?" fragte Severus mit leichtem Spott in der Stimme. „Walzer und ein Menuett stehen zur Auswahl."

„Rock'n'Roll", erklärte Sandy ernsthaft.

„Du verbringst zu viel Zeit mit Black…mit Sirius, junge Dame", tadelte der Tränkemeister.

„Ich will draußen tanzen, wo die Musik laut ist", verlangte Sandy jetzt. „Aber vorher sollst du das Bild ansehen, das ich gemalt habe."

Sie packte Severus am Ärmel seiner dunklen Robe und zog ihn hinter sich her ins Wohnzimmer. Auf ein fast transparentes Papier hatte sie das Gesicht einer Frau gezeichnet, das sie noch durch eine Krone und viele Pferde im Hintergrund ergänzt hatte.
Severus erstarrte.
Nicht allein die Ähnlichkeit mit Loreley war es, die ihn beinah vergessen ließ, zu atmen. Viel mehr als das alarmierte ihn die Tatsache, dass Sandy das Bild eindeutig irgendwo abgepaust hatte.

„Bitte hole Remus", sagte er zu Nuriyya mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Wortlos ging sie nach draußen. Sie hatte die Nixe mit Sicherheit auch erkannt.

Nuriyya kehrte zurück, Fred Weasley im Schlepptau.

„Wer will hier den fetzigsten Rock'n'Roll seit Erfindung der Rolling Stones tanzen?" fragte er gut gelaunt.

„Ich!" rief Sandy begeistert. „Wenn du dann nicht böse bist mit mir", sagte sie ernsthaft zu Severus.

„Nicht, wenn du mir den ersten Tanz beim nächsten Fest versprichst", antwortete Severus und beherrschte mühsam seine Anspannung.

Sandy nickte heftig und verschwand mit Fred.

Eine Minute später, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, erschien Remus. Als er das Gesicht des Tränkemeisters sah, schien ihm klar zu werden, dass etwas geschehen sein musste.

„Was ist los?" fragte er besorgt.

„Das hier", sagte Severus und schob die Zeichnung rüber.

Lupin erblasste.

„Hast du ihr eine…Skizze oder so etwas von dem Portrait gegeben, dass du für mich gemacht hast?"

Der andere Zauberer schüttelte den Kopf. „Das hat sie nicht einmal gesehen. Ich habe es zuhause gezeichnet."

Lupin wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und strebte in den Garten zurück. Kurze Zeit später kehrte er mit einem Stapel alter Zeitschriften zurück.

„Sirius sagt, die gibt May ihr, damit Sandy Figuren ausschneiden üben kann. Es trainiert ihre Fingerfertigkeit", erklärte Remus und löste das Packband, mit welchem das Zeitschriftenbündel fest verschnürt war.

„In letzter Zeit hat sie viel Spaß daran, Bilder abzupausen", sagte May von der Türe her und kam zu ihnen zum Tisch. „Am liebsten nimmt sie die Modemagazine, wegen der vielen ‚Prinzessinnen' darin."

Sie schob Severus eine Zeitschrift mit dem Titel „MarieClaire" unter die Nase.

„Ich helfe dir, sie durchzusehen", bot Nuriyya an. „Remus, man wird dich draußen vermissen."

„Geh' deine Hochzeit feiern, Moony. Wer weiß, wie viele du davon noch hast. Ich persönlich glaube, du hast großes Glück, dass Harriet dich genommen hat." Sirius grinste. „May und ich helfen Severus."

Nach einer halben Stunde hatten sie alle Modeblättchen durch – erfolglos. Nur ein paar verblichene Wochenzeitschriften waren übrig geblieben.

Seufzend schlug Sirius die erste davon auf – und flüsterte dann: „Hier, Snape. Schau mal."

Severus blickte auf. Konturen und Lippen mit einem Bleistift deutlich nachgefahren, und trotz der kindlichen ‚Behandlung' doch unverkennbar, sahen sie in Loreleys blasses, von wirren blonden Strähnen umgebenes Gesicht.

„Das ist ein Artikel über Amnesie", murmelte May. „Ich habe ihn gelesen. Es geht um die Entstehung solcher Störungen sowie um die Behandlung, und der Autor beschreibt ein paar interessante Einzelfälle. Diese Frau dort", sie zeigte auf Loreleys Abbild, „wurde vor ein paar Wochen völlig verwahrlost in einem verlassenen Fischerdorf an der schottischen Küste gefunden. Man hat wohl über die Tagespresse versucht, herauszufinden, ob jemand sie kennt, aber es hat sich niemand gemeldet."

Severus und Sirius lasen den Artikel mehrere Male. Er enthielt nicht mehr Information, als May ihnen bereits gegeben hatte.

„Ihr solltet den Verfasser kontaktieren. Hier steht sein Name…ein Morris Laird. Sicher bekommt man über die Redaktion seine Nummer", sagte May.

„Ich…ich habe wenig Erfahrung damit, mich in der Muggelwelt zu bewegen", gestand Severus. „Ich wäre dankbar, wenn Sie mir helfen würden, May. Bitte."

Falls er selbst erwartet hatte, dass es schwer sein würde, ausgerechnet May Springtime um Hilfe zu bitten, so stellte Severus fest, dass es ihn kaum Überwindung kostete, Sirius' Freundin zu fragen.

„Oh, ich denke, der passende Kandidat, um mit List und ein paar Lügen die notwendigen Informationen zu besorgen, ist unser Bräutigam da draußen. Er gibt einen realistischen Mediziner." May lächelte nicht.

„Der Stachel sitzt tief, hm?" stellte Sirius fest und legte einen Arm um May. „Ich gebe übrigens einen begnadeten und sehr realistischen Psychiater, Dr. Sirius Black, Spezialist für…"

„Lass stecken, Black", unterbrach ihn der Tränkemeister. „Miss Springtime hat Recht, ich werde Remus um seine Unterstützung bitten."

„Aber nicht vor morgen, Snape", mahnte Sirius. „Das ist seine Hochzeit, und außerdem ist Samstag nachmittag. Da arbeitet sowieso keiner in Muggelredaktionen. Wir treffen uns übermorgen früh hier und trinken Kaffee, und dann telefonieren wir erst einmal. Bis dahin organisierst du eine Vertretung für unseren Unterricht, und ich frage Siegfried, ob er in der Praxis aushilft. Harriet schafft das jetzt nicht mehr allein."

„Ach, ich bin sicher, wer einen so perfekten Nervenarzt abgibt wie du, mein Stern, der schafft auch eben mal so die Vertretung in einer Tierarztpraxis", stichelte May.

„Lass uns tanzen gehen, du kleine Kratzbürste", erwiderte Sirius, nahm seine Geliebte bei der Hand und verschwand mit ihr im Garten.

„Ich weiß, das ist jetzt hart, Severus", sagte Nuriyya und legte ihre warmen Finger auf Snapes elegante, blasse Hand. „Aber die anderen haben Recht: jetzt am Wochenende kommen wir nicht weiter. Du wirst dich bis Montag gedulden müssen.

oooOOOooo

Severus hatte in den letzten zwei Nächten nicht geschlafen. Jetzt stand er mit Remus vor dem breiten, unpersönlichen Metalltor des schottischen Landeskrankenhauses für psychiatrische Leiden.
Freundlich und beharrlich hatte Remus Lupin der Klinikleitung nach anfänglicher Weigerung einen Gesprächstermin abgerungen, ohne den offiziellen Weg über eine Aussage bei der Muggelpolizei, dass man die unbekannte Frau zu kennen glaube, zu gehen. Wie hätten sie auch plausibel machen sollen, warum sie sich jetzt erst meldeten? Und Personalpapiere, die bei Muggelbehörden stets nachgefragt wurden, hatte zwar Remus mittlerweile vorzuweisen, nicht jedoch Snape.
Severus fühlte sich mehr als unwohl. Die Muggelkleidung war beengend und ließ ihn dürr und schmal wirken. Die wehende Robe, hinter der er sich verstecken konnte, fehlte ihm. Aber er wäre in Jutesäcke gehüllt oder zur Not auch nackt gekommen, wenn es notwendig gewesen wäre.
Natürlich hätten er und Remus auch einfach in das Haus hinein apparieren können. Aber die Gefahr, einen Tumult auszulösen, erschien ihnen zu greifbar. Magie anzuwenden, um zu Loreley zu gelangen, war eine Alternative, aber nicht die beste. Sie wussten nicht, wo genau sie die Nixe suchen sollten, und planloses Herumapparieren in einem Krankenhaus voller Muggel war keine gute Idee.

„Warum melden Sie sich erst jetzt?" fragte der Oberarzt, ein drahtiger Mann Mitte fünfzig mit kurzen grauen Haaren, einem energischen Kinn und wachen, flinken Äuglein, dem die Unsicherheit des dunkelhaarigen der beiden Männer nicht entgangen zu sein schien.

„Ein Auslandsaufenthalt", antwortete Remus schnell. „Ich war nicht irritiert, dass meine Schwester sich nicht gemeldet hat, der Kontakt ist eher…lose."

Der Arzt sah ihn zweifelnd an. „Sie sind ihr Bruder? Sie sind mindestens fünfzehn Jahre älter als Arielle."

„Arielle?" fragte Severus.

„Wir haben die Patientin so getauft, weil sie… Bevor ich Ihnen dazu irgendetwas sagen kann, müssten Sie mir schon die Papiere überlassen", unterbrach der Arzt sich selbst.

Remus schob ihm eine Geburtsurkunde herüber und ein altes, etwas verblichenes Bild, das Sirius aus der Zeichnung von Loreley transfiguriert hatte.

„Wir sind nur Halbgeschwister", fügte er erläuternd hinzu. „Wie gesagt, unser Kontakt war eher sporadisch.

„Und in welchem Verhältnis stehen Sie zu der Patientin?" wandte sich der Psychiater zu Severus.

„Er ist mein Lebensgefährte", antwortete Remus schnell, bevor Snape, der aussah, als sei er kurz davor, den armen Oberarzt zu verhexen, noch nervöser werden konnte.

Severus' Kopf fuhr herum, doch dann lächelte er, und es sah wirklich gefährlich aus.

Der Arzt betrachtete das Bild, er legte die silbern gerahmte Brille weg und rieb mit ratlosen Fingern über seine Nasenwurzel. Schließlich schien er eine Entscheidung getroffen zu haben.

„Hat Ihre Schwester…Lucy…schon früher gehabt?" fragte er.

„Sie war schon immer ein wenig seltsam, lebte zurück gezogen in dem Haus in Berwick-upon-tweed, das sie von unseren Eltern geerbt hat. Aber wirklich verrückt ist sie nicht. Hören Sie, Doktor, ich kann ja verstehen, dass Sie ihre Vorschriften haben, aber wir würden Lucy wirklich gerne sehen."
Remus hielt dem durchdringenden Blick des Arztes stand.

„Also schön", lenkte Dr. Wilson ein. „Aber nur für ein paar Minuten. Sie ist sediert und sie braucht absolute Ruhe. Erschrecken Sie nicht, Ihre Schwester hat etwas an Gewicht verloren, sie weigert sich zu essen. Für künstliche Ernährung ist es jedoch zu früh."
Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Dann presste er den Schalter einer Gegensprechanlage.
„Miss Jenkins, wir kommen jetzt hoch. Die Herren sind tatsächlich Verwandte unserer ‚Arielle', die übrigens ‚Lucy' heißt."

„Warum haben Sie meine Schwester ‚Arielle' genannt?" fragte Remus.

„Wegen ihrer konstant wiederholten Behauptung, dass sie eine Nixe sei", sagte der Arzt.

Remus konnte sehen, wie Severus' Hände zu zittern begannen.

„Und ‚Arielle' ist der Name einer Meerjungfrau aus einer Kinderserie, die die Tochter einer unserer Pflegerinnen wohl sehr mag", setzte der Doktor hinzu. „Ihre Schwester leidet offenbar unter einem traumatisch bedingten Fall schweren Realitätsverlusts. Sie flüchtet sich vor irgendeiner Erinnerung in eine Scheinwelt, die sie mit albtraumhaften Gestalten anreichert."

Die beiden Zauberer warfen sich einen viel sagenden Blick zu.

Der Psychiater fuhr fort: „Sie spricht von Hexen, Zauberern, Elfen und Sirenen. Einen klareren - und leider auch schwereren - Fall von vollständiger Verwirrtheit nach schwerer Gewaltanwendung habe ich nie gesehen."

„Wie bitte?" fragte Severus, und ein gefährliches Glitzern trat in seine Augen. Sie standen inzwischen in einem sterilen, hellen Gang, den kaltes Neonlicht erleuchtete.

„Als man Miss Lupin fand, war sie schwer misshandelt: Gebrochene Rippen, Handgelenke, Hämotome als Spuren stumpfer Gewalteinwirkung. Wenn sie, wie Sie es andeuteten, Mr. Lupin, bereits früher etwas labil war, kann ein solches Ereignis durchaus derartige traumatische Folgen haben.
Bevor wir hineingehen", sagte der Arzt, als er vor einer weißen Tür anhielt, neben der auf einem Kunststoffschild kein Name, sondern nur eine Nummer angebracht war, „noch ein paar Informationen, Mr. Lupin. Ihre Schwester ist schwer krank. Ihr Zustand macht eine stationäre Behandlung in einer geschlossenen Abteilung notwendig. Sie wird hier bestens versorgt und mit schonenden Medikamenten ruhig gestellt. Leider hat sie wiederholt versucht, aus der Einrichtung zu fliehen, deswegen haben wir sie angebunden. Erschrecken Sie nicht darüber, es ist üblich und dient dem Schutz der Patientin. Des Weiteren wäre es möglich, dass sie Sie nicht erkennt und …"

Snape stieß die Tür auf. Wie vom Donner gerührt stand er nach nur zwei langen Schritten mitten in dem hellen, sterilen Raum.

In einem Bett direkt vor ihm lag eine alte Frau, die man an einem Metallgitter, welches wohl verhindern sollte, dass sie von der Matratze rutschte, fixiert hatte. Heiser murmelte sie unverständliche Laute, ihr Kopf wackelte unruhig hin und her, und ihre Augen waren nicht in der Lage, nur für eine Sekunde denselben Gegenstand festzuhalten. Speichel tropfte aus ihrem Mundwinkel.

Im Bett dahinter kauerte eine zierliche Gestalt. Sie hatte den Oberkörper soweit aufgerichtet, wie es die Länge der Fixierungen an ihren Handgelenken ermöglichte. Gleichzeitig hatte sie die Knie an den Körper gezogen und wiegte sich langsam im Rhythmus einer orientalisch anmutenden Melodie hin und her. Lange blonde Strähnen verfilzten Haares hingen ihr über das Gesicht.

Mit einem Satz war Severus bei ihr, er berührte nur kurz den Stab in seiner Jacke, murmelte einen „Relashio" und nahm ihre Handgelenke zwischen seine langen, blassen Finger. Dann strich er ihr mit einer Hand die filzigen Locken aus dem Gesicht – und erschrak so sehr, dass ihm das Blut aus den ohnehin schon bleichen Wangen wich und Remus ihm bestärkend eine Hand auf die Schulter legte.

„Lucy", übertönte er geistesgegenwärtig Snapes geflüstertes „Loreley".

Doch sie reagierte weder auf das eine, noch auf das andere. Sie summte weiterhin vor sich hin, den Blick ohne Fokus in die Ferne gerichtet.
Der Tränkemeister begann, mit den Fingern ihr Gesicht zu berühren, die eingefallenen Wangen, die rissigen, trockenen Lippen.
Als er sie küsste, räusperte sich Remus.

„Severus, ich weiß nicht, ob…"

„Was machen Sie denn mit der Patientin?" fragte der Arzt verblüfft.

„Sie braucht einen Heiler, Remus", sagte Severus gepresst. „Ich bringe sie ins St. Mungos."

„Sie können die Patientin nicht einfach in eine andere Klinik verbringen", widersprach Dr. Wilson. „Sie ist auf richterliche Einweisung hier."

Doch Severus scherte sich nicht um die Einwände des Mannes. Mit einem lauten Geräusch disapparierte er, die unbeteiligt summende Loreley in seinen Armen.
Remus starrte erschrocken auf das leere Bett.

„W..w..wo ist er hin?" fragte der Psychiater, die Augen ungläubig aufgerissen.

„Am besten vergessen Sie's", antwortete Remus. „Genau wie die Tatsache, dass wir überhaupt hier waren. Sie werden sich gleich nicht mehr erinnern.
Obliviate
!"

Die Augen des Arztes wurden seltsam leer, und ein unbestimmtes, verträumtes Lächeln trat auf seine eben noch wachen Züge.

„Sie sind wirklich sehr überarbeitet, Dr. Wilson", flüsterte Remus.

Dann disapparierte auch er.

oooOOOooo

„Severus!"

Der Tränkemeister hörte die zornige Stimme des Werwolfs immer lauter, als dieser sich näherte.

„Severus!"

Die Tür des hellen, kleinen Schlafzimmers flog auf. Remus Lupin musste wirklich ärgerlich sein, seine Wangen waren leicht gerötet und seine braunen Augen mit bernsteinfarbenen Sprenkeln durchsetzt. Sie sprühten förmlich Funken.

„Psst!" machte Medeora und legte einen braunen Stummelfinger an ihre breiten Lippen.

„Komm. Mit. Raus." Die Worte, obschon geflüstert, waren eindeutig ein Befehl.

„Geh' schon", sagte Medeora leise, „ich passe auf sie auf."

Severus erhob sich, strich Loreley noch einmal mit der Hand über die blasse Stirn und fügte sich dann in das Unvermeidliche. Als die Tür des Schlafzimmers hinter ihnen ins Schloss fiel, wurde Remus wieder laut.

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Du kannst doch nicht einfach mit ihr abhauen! Wir hatten eine Vereinbarung, Severus. Ich habe versprochen mitzukommen und dir zu helfen, wenn wir sie auf legalem Weg dort raus holen. Legal, Severus! Das bedeutet den rechtlichen Regeln der Muggelgesellschaft folgend. Jetzt wird man Fragen stellen, das kannst du dir ja vorstellen. Du hast mich gezwungen, eine nicht genehmigte Gedächtnisänderung an einem Muggel vorzunehmen.
Ich muss dir nicht erklären, wie sehr Umbridge sich freuen wird, wenn sie davon hört! Ich stehe immer noch unter der Aufsicht des Ministeriums."

„Ihr habt eine gut gehende Praxis, Harriet wird sich deine Geldstrafe schon leisten können", murmelte Severus.

„Ich glaube, du hast den Verstand verloren, Severus", konstatierte der Werwolf entgeistert. „Davon, dass ich zwei Stunden erfolglos versucht habe, euch im St. Mungos zu finden, mal ganz zu schweigen. Wenn Du schon einfach so disapparierst, hättest du mir wenigstens sagen können, dass du sie hierher bringen willst."

„Das habe ich mir erst überlegt, als ich mit ihr im St. Mungos ankam", knurrte der Tränkemeister.

„Dann wäre es vielleicht eine Option gewesen, mir dort eine Nachricht zu hinterlassen?" schrie Remus.

Snape zuckte nur die Schulter. „Vielleicht. Sie sah so…unendlich verletzt aus, ich konnte nicht anders, als sie mitnehmen", erklärte er endlich. „Was hättest du denn getan, wenn es Harriet gewesen wäre?"

Für einen Augenblick schloss Remus die Augen, vielleicht um in Gedanken bis zehn zu zählen.
"Ich habe Harriet alleine hier zurück gelassen, als sie weitaus schwerer verletzt war, als Loreley es ist. Nur zu deiner Information, Severus. Ich kann einfach nicht begreifen, wie du derart den Kopf verlieren kannst. Du handelst genauso so unvernünftig wie…wie Sirius."

„Ja, das muss dir wirklich nahe gehen, zumal du es bei ihm über Jahre stoisch ertragen hast, Lupin."

Severus fühlte eine ungeheure Wut in sich hochsteigen. Er wusste, dass sein Zorn sich eigentlich nicht gegen den Werwolf richtete, sondern gegen denjenigen, der für Loreleys entsetzlichen Zustand verantwortlich war. Mehr als alles andere war er wütend auf sich selbst und seine verdammte Hilflosigkeit.

„Du hast recht, es geht mir nahe", hörte er Remus' Stimme aus weiter Entfernung an sein Ohr dringen. „Das liegt vermutlich daran, dass man bei Sirius mit einem solchen Verhalten rechnet und sich darauf einstellen kann. Bei dir macht mir das Angst."

„Ich weiß selbst nicht mehr ein noch aus vor lauter Angst, dass…sie so bleibt", krächzte Severus heiser.

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und er konnte beinahe sehen, wie angesichts seines Geständnisses die Wut in Remus Lupins Miene verpuffte.

„Oh, Merlin, Severus. Wie geht es ihr überhaupt?" Müde und immer noch mit den Linien, die der Zorn ihm ins Gesicht gegraben hatte, lehnte sich Remus gegen das Treppengeländer.

„Medeora hat sie zum Schlafen gebracht. Aber vorher… sie erkennt uns nicht. Sie ist nicht einmal ansprechbar. Medeora sagt, ich solle versuche, ihre Gedanken zu lesen. Ich habe es versucht, aber…ich komme nicht klar. In ihrem Kopf sind nur…Farben und Melodien und Licht. Als ich versucht habe, ihre Gefühle zu ergründen, stieß ich auf eine Barriere aus Panik und Angst, die ich einfach nicht durchdringen kann."

Der Tränkemeister hörte, dass seine sonst so kontrollierte Stimme zitterte.

„Kannst du erkennen, was mit ihr passiert ist?" fragte Remus.

Severus schüttelte den Kopf. „Sie hat keine Bilder dort in ihrer Welt."

„Vielleicht solltet ihr erst einmal abwarten, bis ihr Stoffwechsel die Medikamente, die ihr in der Psychiatrie verabreicht wurden, abgebaut hat", sagte eine ruhige Stimme am Treppenabsatz.

Selena war von beiden unbemerkt in den Flur ihres Hauses getreten. Ihr graues Haar bildete einen starken Kontrast zu ihrem gebräunten Gesicht. An ihren Jeans waren braune Erdflecken, und aus ihrer Tasche ragte eine Rosenschere.
Severus spürte, wie die Spannung in seinen Schultern plötzlich nachließ.

„Das hat Medeora auch gesagt", bekannte er.

„Dann hör' auf sie", mahnte die ehemalige Bewahrerin. „Und ihr solltet beide etwas essen. Ihr seht wirklich ziemlich mitgenommen aus. In einer halben Stunde gibt es Abendessen. Sagt ihr Medeora Bescheid?"

Remus nickte. „Tun wir. Aber ich werde nicht bleiben. Harriet wartet sicher schon."

„Du könntest nachher mit ihr vorbei apparieren", schlug Selena vor.

„Danke, aber nein. Die letzten Abende waren ausreichend…turbulent."

Severus spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, denn es war Remus überlassen geblieben, in Berwick-upon-tweed, seinem Heimatort, neue Papiere auf den Namen Lucy Lupin zu besorgen. Sie waren nach einigen Diskussionen übereingekommen, dass Loreley, die wahrscheinlich ebenso wie Nuriyya und Lapidis jede Zauberkraft verloren hatte, eine Identität wenigstens in der Muggelwelt benötigen würde.
Durch sein überstürztes Handeln hatte er diesen Plan erst einmal zunichte gemacht. Aber er hatte es nicht über sein rabenschwarzes Herz, so er denn eines besaß, was nicht sicher war, gebracht, sie auch nur eine Stunde länger in dieser schrecklichen Muggelklinik zu lassen.

Nicht, dass sie nun hier in Selenas Haus mit all seiner Magie und Medeoras Heilkunst auch nur einen Schritt weiter gekommen wären. Die Bergelfe bestand darauf, Loreley erst einmal die Muggeldrogen ausscheiden zu lassen, bevor sie mehr als Diagnosemaßnahmen ergreifen wollte. Doch er hatte nicht abwarten können und war in Lores Geist eingedrungen – und hatte nichts gefunden, das auf bewusste Wahrnehmung schließen ließ. Für ihn war der Gedanke, dass sie vielleicht niemals wieder auf ihre Umwelt reagieren würde, ihn nicht erkennen, mit ihm nicht sprechen würde, jetzt, wo er sie gefunden hatte, unerträglich.
Verlor er sie gar zum zweiten Mal?

oooOOOooo

Severus hatte beim Abendessen lustlos Gemüse und Kartoffeln von einer Seite des Tellers auf die andere geschoben und dann die Nacht schlaflos in einem Sessel an Loreleys Bett verbracht.
Medeora hatte im Morgengrauen versucht, ihn unter Aufbietung all ihrer Überzeugungskunst und zuletzt durch Drohungen davon zu überzeugen, dass er sich Ruhe gönnen müsse, aber dieses Mal war er hart geblieben.
Loreley indes hatte offenbar tief und fest geschlafen. Erst, als die Sonne bereits aufgegangen war, begann sie sich in unruhigen Träumen hin und her zu wälzen, und ein feiner Schweißfilm bedeckte ihre blasse Haut. Severus wirkte einen Reinigungszauber und wartete.
Selena erschien irgendwann und brachte ihm Kaffee und etwas Toast.
Er trank eine halbe Tasse und ließ den Rest seines Frühstücks unberührt.

Gegen neun erschien Madam Pomfrey, um nach der Kranken zu sehen. Sie ließ ihren Stab mit komplizierten Mustern über Loreleys Körper gleiten und bestätigte Medeoras Auffassung.

„Ich kann nur vermuten, dass ihr Geist vermutlich einfach aus einem Schutzmechanismus heraus ‚abgeschaltet' hat. Severus, was sie mehr als alles andere braucht, um zumindest so stabil zu sein, dass man mit Legilimantik beginnen kann, einzelne Blockaden zu brechen, ist Zeit und Ruhe."

„Sie hat zwei Monate in diesem Muggel-Krankenhaus verbracht", fauchte der Tränkemeister. „Wie viel mehr Ruhe soll sie eurer Meinung nach noch bekommen?"

„Jetzt pass mal auf, ich verstehe, dass du ungeduldig bist, Severus", knurrte Medeora neben ihm. „Aber weder dein Drängen noch deine Selbstkasteiung helfen ihr. Sie war vollgedröhnt mit Schlafmitteln und was nicht noch allem, und es ist viel besser, ihren Körper selbst damit klar kommen zu lassen, als es durch Magie zu entfernen."

„Wenn du zusammenbrichst, nutzt das niemandem, Severus", setzte Poppy hinzu. „So ein Heilungsprozess kann Wochen oder Monate dauern. Hab' Geduld."

Severus sah ein, dass er die beiden Heilerinnen nicht von der Überzeugung würde abbringen können, dass Loreley vor allem Zeit brauchte. Und ein Teil von ihm tendierte dazu, den Frauen Recht zu geben. Vermutlich litt die Nixe wirklich an einer Art posttraumatischem Syndrom. Und doch gab es noch eine andere Möglichkeit. Und an diese zu denken, wollte er sich besser nicht erlauben.

oooOOOooo

„Du glaubst was?" fragte Sirius, und das Entsetzen war ihm in die feinen Gesichtszüge gemeißelt.

„Ihr Zustand ist seit einer Woche unverändert. Sie isst nicht, sie trinkt wenig, und sie nimmt keinerlei Kontakt mit uns auf. Sie intoniert dieselbe Melodie, seit sieben Tagen. Ich verliere den Verstand und unsere Heilerinnen warten einfach ab. Ich kann aber nicht mehr warten. Ich muss Gewissheit haben. Außerdem wird sie sterben, vergehen wie ein Blatt im Wind, wenn nicht bald etwas geschieht. Man kann zusehen, wie sie Tag für Tag weniger wird."

„So schnell verhungert sich's nicht, glaub mir, Snape", erwiderte Black.

„Ihre Substanz schwindet – das, was sie ausmacht. Ich kann es spüren."
Der Tränkemeister wischte sich mit einer fahrigen Geste eine lange schwarze Strähne aus dem Gesicht. Er war verzweifelt. Verzweifelt genug, um den Lehrer für Verwandlung aufzusuchen.

Sirius Black lehnte an seinem Pult, tiefe Konzentration in den blauen Augen.

„Angenommen dein Verdacht bewahrheitet sich, Snape. Angenommen, es ist kein posttraumatischer Schock, und es hat wirklich jemand versucht, ihr Gehirn mit dunkler Magie zu zerstören – wer sollte das getan haben?
Voldemort ist tot, und man darf davon ausgehen, dass er nicht mit einer Niederlage gerechnet hat. Warum also sollte er sein Spielzeug zerstören? Nach allem, was du mir erzählt hast und was ich von Remus gehört habe, fand er Gefallen an ihr. Davon abgesehen hatten er und die Todesser zwischen dem Moment, in dem du Loreley noch bei klarem Verstand angetroffen hast und der Niederlage kaum Zeit, sich um das Mädchen zu kümmern."
Sirius schüttelte den Kopf.
"Nein, Severus, ich glaube nicht an dunkle Magie in diesem Fall. Ich weiß nicht, wie sie die Überflutung der Höhle als Muggel überlebt haben könnte, aber wie auch immer, die Zerstörung des Schlosses ist eine Zerstörung ihrer Welt gewesen, in der sie hunderte von Jahren gelebt hat. Wenn das keine traumatische Erfahrung ist… Dann noch die Rückverwandlung von einer Nixe in einen Menschen – und die Gewissheit, dass das Wasser kommt. Wie du sagtest, sie schien es zu wissen.
Aber falls du Recht hast, müssten doch Spuren des Zaubers in ihrem Kopf zu finden sein. Wer, wenn nicht du, sollte diese entdecken können?"

Snape stieß ein freudloses Schnauben aus.
„Und hier kommen wir endlich zu dem Grund, aus dem ich dich aufsuche. Ich wage nicht mehr, in ihren Geist einzudringen. Ich würde versuchen, Barrieren einzureißen, und ich habe Angst, einen fatalen Fehler zu machen."

„Und jetzt willst du, dass ich es versuche, und falls ich mich dabei irre und sie schlimmstenfalls umkommt, kannst du mich eindampfen und in dein Tränkezutatenregal stellen? Vergiss es, Snape!"

„Du hast Sandy geholfen", wandte der Tränkemeister ein.

„Sandy war im Vergleich zu Loreley ein harmloser Fall. Als Kind ohnehin zugänglich, leicht zu lesen, und ich musste nur eine einzige Erinnerung finden und löschen. Loreleys Geist ist hunderte von Jahren alt. Ich würde mich darin vermutlich verlaufen."
Sirius seufzte.
„Was wir brauchen, ist ein Experte, der unbefangen ist, Snape. Jemand, der so gut ist wie du, und der sie als eine von vielen Patientinnen sieht."

„Hast du einen Vorschlag?" fragte Severus.

„Nicht direkt, aber…" Sirius zögerte. „Meine Mutter hatte eine ‚Freundin', wenn sie denn überhaupt je eine hatte, und deren Mann war Geheimrat für Legilimantik an der Magischen Fakultät in Frankfurt. Es ist lange her, ich weiß nicht, ob er überhaupt noch lebt. Du hast sicher von ihm gehört: Professor Theodor Adorno."

oooOOOooo

Sirius hatte, allen Bedenken zum Trotz, sehr alte Beziehungen spielen lassen, sich auf den guten Ruf des alten und ehrwürdigen Hauses Black berufen, und es stellte sich heraus, dass man in Deutschland die Ereignisse in der Familie Black zwar beobachtet, aber als Intermezzo abgetan hatte. Aus der sicheren Entfernung des Kontinents und mit den Maßstäben der traditionsreichen Familien des magischen Deutschland sah Sirius, der sich eben für Dumbledores Seite entschieden hatte, immer noch wie der etwas unstete, aber eben einzige Erbe der Blacks aus.

Er war Anfang Oktober nach Frankfurt gereist, und er kehrte Tage später zurück, in Begleitung des alten Professors.
Adorno war ein untersetzter Mann mit Glatze und einer altmodischen runden Kunststoffbrille, der einen Muggelanzug trug. Nichts an ihm wirkte magisch, doch seine braunen Augen sprühten vor Neugier und Intelligenz. Er war ein Denker, kein Zauberer im klassischen Sinn.
Remus hatte ihnen am Vorabend berichtet, dass Adorno sich bei den Muggeln einen Namen als Philosoph und Musiktheoretiker gemacht hatte, und dies – und nicht seine legilimantischen Psychoanalysen – als sein Hauptlebenswerk betrachtete. Für die Muggelwelt war er bereits 1969 verstorben, und er hatte sich in die Einsamkeit seines Hauses in den kurhessischen Weinbergen zurückgezogen.

Adorno begrüßte die Anwesenden denn auch knapp und verlangte außer einem Kamillentee nichts, als gleich die Patientin zu sehen. Severus begleitete den deutschen Legilimantiker die Treppe hinauf in Loreleys Zimmer. Adorno betrachtete die schmale Gestalt der jungen Frau, die wie so oft die Arme um ihre Knie geschlungen hatte und sich im Rhythmus einer langsamen Melodie wiegte, ohne auf die Besucher zu reagieren. Er zog sich einen Stuhl ans Bett heran und nestelte seinen Zauberstab aus der Innentasche seines altmodischen Jacketts. Mit klaren, schlichten Bewegungen ließ er seinen Stab über den Körper der jungen Frau gleiten.
Nach ein paar Minuten schließlich richtete er ihn auf ihre Stirn.

Legilimens", sagte er ruhig.

Für einen Wimpernschlag lang hatte Severus den Eindruck, dass Loreleys Augen sich auf den alten Magier fokussierten, bevor ihr Blick wieder in die Ferne driftete. Sie hörte auf zu summen.
Severus widerstand der Versuchung, sich in das stille Zwiegespräch von Heiler und Patientin einzuschalten.

Nach einigen Minuten schon löste der alte Mann den Bann.

Finite incatatem".

Langsam drehte er sich zu Severus um.

„Mr. Snape", sagte er mit seinem schweren deutschen Akzent, „auf ein Wort."

Die beiden Männer verließen den Raum. Auf dem Flur wischte sich Adorno den Schweiß von der Stirn.

„Die Diagnose, von der mir Mr. Black berichtete, ist zutreffend. Sie leidet an einem posttraumatischen Stresssyndrom. Wie man mir berichtete, wurde sie nach hunderten von Jahren als magisches Geschöpf durch den Fall des Letzten der Familie Slytherin in ihren Muggelkörper zurück verwandelt. Ein magischer Impakt, der auch die anderen Wesen traf."

„Das ist korrekt", bestätigte Severus. „Der Tod des Dunklen Lords hatte den Einsturz seines Schlosses zur Folge, und alle Magie aus dem See wurde binnen Augenblicken verbraucht. Aber die Höhle, in der sie sich befand, hat den Kräften standgehalten."

Aber wie ich hörte, wurde sie überflutet. Eine ausweglos erscheinende Situation für ein Wesen, das unter Wasser nicht zu atmen vermag. Genug seelische Belastung, um einen Geist lahm zu legen, der weniger erdulden musste als der dieser Frau. Und doch hat sie überlebt. Ich frage mich, wie. Denn das genau ist es, was sie hinter einem Wall aus Barrieren und geistigen Mauern verbirgt."

Der Wissenschaftler sah Severus fragend an.

„Ich habe keine Vorstellung, wie sie überlebt hat", gab Severus zu. „Die Wassermenschen aus Hogwarts kamen erst lange nachdem die Höhle überflutet worden war. Man fand Loreley erst Tage später in einem aufgegebenen Fischerdorf der Muggel. Ich vermute…eine unterirdische Verbindung zum Meer. Aber ich gebe zu, es sind Meilen und Abermeilen. Und wir haben nichts Derartiges gefunden, keinen Hinweis auf eine verschüttete Verbindung. Dumbledore hat wochenlang suchen lassen und Remus Lupin hat in den Muggelbibliotheken Unmengen geologischer Karten aus acht Jahrhunderten geprüft."

Adorno nickte verstehend.
„Nun, ich bin nicht in der Lage, diese Information aus dem Geist ihrer Freundin zu extrahieren, ohne ihr Gehirn und damit ihr Leben zu gefährden. Aber ich kann eine Art psychischen ‚Shunt' legen, einen Umweg, der es ermöglichen würde, die Verbindung zwischen ihrem Bewusstsein und der Außenwelt wieder herzustellen."

Severus' schwarze Augen tranken die Worte förmlich von den Lippen des alten Magiers.

„Ich wäre Ihnen auf ewig zu Dank verpflichtet. Tun Sie, was nötig ist, um ihr zu helfen."

Adorno seufzte und nickte.
„Lassen Sie mich mit der Kranken alleine. Ich werde Sie rufen, falls ich Hilfe benötigen sollte."

oooOOOooo

Die Minuten im Flur vor Loreleys Tür waren die längsten in Snapes Leben. Selena James kam, um ihn in die Wärme und Helligkeit der Küche hinunter zu holen, wo Medeora, Remus, Harriet, Sirius, Nuriyya und Lapidis warteten. Doch der Gedanke an ihre angespannten Gesichter, daran, dass jeder von ihnen in seinem Blick jedes einzelne seiner Gefühle würde lesen können, ließ ihn ebenso ausharren wie die Möglichkeit, dass Adorno seine Hilfe brauchen könnte. Er berichtete Selena von der Absicht des Zauberers, Loreleys Geist um die dunkle Stelle in ihren Gedanken herum zu lenken, und von seiner Zuversicht, dass dies gelingen würde.

Und dann, ganz plötzlich, forderte die Anspannung ihren Tribut. Severus spürte noch, wie der Raum sich zu drehen begann und seine Beine nachgaben, und dann umschloss ihn kalte, glatte Dunkelheit.

oooOOOooo

„Was du auch immer für Sachen machst", hörte er Medeora murmeln, als er zu sich kam. Man hatte ihn im Gästezimmer auf das Sofa gebettet und ihm eine weiche, helle Wolldecke bis an die Nase hochgeschoben.

„Was ist los?" fragte er, noch etwas desorientiert. Da war etwas sehr Wichtiges, das er unbedingt erledigen musste.

„Du hast dich einfach übernommen in den letzten Tagen, vermute ich." Sie strich ihm mit einem Lächeln über die Wange. „Aber wenn du langsam aufstehst und nicht gleich losstürmst, sollte es gehen. Immerhin hast du dir eine Auszeit von über vierundzwanzig Stunden gegönnt. Ich glaube, deine Nixe wird langsam ungeduldig."

„Loreley!" Mit einem Aufschrei hatte er sich aufgerichtet. Sofort befiel ihn der Schwindel wieder mit Macht.

Langsam habe ich gesagt!" rief die Elfe. „Bei allen Dryaden, Severus. Auf fünf Minuten wird es jetzt auch nicht mehr ankommen. Ah, da ist ja unser Mondsüchtiger."

Die Tür war aufgegangen und Remus Lupin betrat das Zimmer.

„Du bist wach", sagte der Werwolf mit einem Lächeln. „Schön. Kannst du aufstehen?"

„Loreley?" fragte Severus.

„Es geht ihr gut." Lupin, obwohl bleich und etwas unausgeschlafen, sah zufrieden aus.
„Zwei Schalen Nussbrei", berichtete er Medeora. „Sie wird irgendwann aussehen wie Montserrat Caballé, wenn sie so weiter isst."

„Wie kommst du mit meinem elfischen Wolfsbann zurecht, Remus?" fragte Medeora.

„Ich hätte mir nie träumen lassen, dass man einen Trank herstellen kann, der widerlicher ist als der von Severus", erwiderte der Werwolf schaudernd. „Ist die Waldhöhle sicher, in die du mich bringen willst?"

„Ganz sicher", grinste die Bergelfe. „Außerdem wird Angelus schon auf seinen großen Bruder aufpassen."

„Gerade das macht mir ja Sorgen", knurrte Lupin.
„Soll ich dir helfen, Severus?" Er reichte dem Slytherin die Hand.

„Fass mich nicht an", zische Snape. „Ich bin nicht krank."

„Nein, aber du siehst aus, als würdest du vor Angst gleich wieder umfallen. Ich versichere dir, sie ist ein blasses, nichtmagisches Mädchen von Mitte zwanzig, sie wird dich nicht aus den Schuhen hauen."

„Sagt der Zauberer, dem auf seiner Hochzeit vor Aufregung das Treuegelöbnis so vollständig entfallen ist, dass Black ihm jedes Wort vorsagen musste", schnarrte Severus.

„Der Vergleich ist unangemessen", erwiderte Remus, scheinbar reserviert.

Der Tränkemeister rang sich ein Lächeln ab und ließ sich von seinem Freund aufhelfen.

Lupin grinste. „Du kennst ja den Weg."

„Ich kann dir nur sagen, wir Frauen fanden es süß, dass du so gestottert hast", hörte Severus die Bergelfe noch zu Lupin sagen, bevor er die Tür hinter sich schloss.

oooOOOooo

Verloren und nervös stand er vor der hellen Holztür. War es angemessen, anzuklopfen?
Die Entscheidung wurde ihm abgenommen, als die Tür sich öffnete.

„Severus. Wie schön, dass es dir besser geht."

Harriet lächelte, und schob sich dann mit ihrem dicken Bauch an ihm vorbei. „Ist Remus drüben bei Medeora?"

Er nickte, und dann trat er ins Zimmer.
Loreley saß, in eine Decke gehüllt und offenbar mit einem Duzend Kissen im Rücken, auf dem Bett.
Sie blickte auf und ein Ausdruck von reiner, heller Freude erstrahlte in ihrem Gesicht.

„Severus", sagte sie und streckte die Arme nach ihm aus.

Mit drei langen Schritten war er an ihrer Seite, umschloss sie in einer vorsichtigen Umarmung und brachte sein Gesicht nah vor das ihre.
Das Grün ihrer Augen hatte das goldene Glitzern verloren, ihre helle Haut ihr sanftes Leuchten eingebüßt und man sah ihr die Wochen der Krankheit deutlich an. Doch für Severus machte es keinen Unterschied, denn ihr Blick beantwortete ihm jede seiner ungestellten Fragen mit einem Ja.
Als er sie küsste, meinte er fast, das Plätschern des goldenen Sees hinter ihr hören und den Widerschein der Fackeln im grün glitzernden Wasser sehen zu können. Er hatte das Gefühl, die Zeit stünde still, als hätte es nie etwas anderes gegeben als ihren Körper unter seinen Fingern und ihre Lippen auf seinem Mund. Es erschien ihm unwahrscheinlich, dass je etwas anderes wieder Bedeutung erlangen würde.

oooOOOooo

So düster und grau Severus' Leben nach dem Sieg über Voldemort und Loreleys Verlust geworden war, so licht und heiter entwickelten sich seine Tage nach diesem Vollmond. Einmal wieder im Leben angekommen, erholte sich Loreley schnell. Ähnlich wie Nuriyya fand sie rasch in eine Existenz als nicht magisches Wesen und schrieb sich am Konservatorium in London ein.

Severus Snape kehrte nur für ein paar Wochen nach Hogwarts zurück, bis Dumbledore einen Nachfolger für die Position des Tränkelehrers gefunden hatte. So sehr der Direktor den Verlust seines Tränkemeisters auch bedauerte, dem Ruf der Magischen Fakultät der Hauptstadt wollte er eben so wenig im Wege stehen wie dem jungen Glück.

Wie man hörte, war der Empfang, den die überglücklichen Hogwartsschüler der neuen, etwas unkonventionellen Tränkelehrerin aus Deutschland bereiteten, legendär. Ganz offensichtlich bedauerten sie den Verlust des grimmigen Slytherins deutlich weniger als das Kollegium.

Severus kümmerten diese Nachrichten nicht.

Er genoss es, nach ausgefüllten Tagen an der Universität in eine Wohnung heimzukehren, in der Musik, Wärme und Liebe lebten, und dafür nahm er Horden chaotischer Musikstudenten, die die Nacht mit Mauro Giuliani, Mozart und schlimmstenfalls den Rolling Stones zum Tage machten ebenso hin wie die mit Resten von Spaghetti übersäte Küche oder den mit Notenblättern bedeckten Fußboden im Wohnzimmer. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens.

oooOOOooo

Die erste Nacht, in der Lore ihn mit ihren Schreien weckte, hielt er es noch für einen zufälligen, beliebigen Albtraum. Mit tröstenden Worten beruhigte er die Frau in seinen Armen und strich ihr sanft über den schweißbedeckten Leib.
Nach drei weiteren Nächten konnte er die Augen nicht mehr davor verschließen, dass es sich um mehr als ein momentanes Unwohlsein handelte. Loreley stand der pure Horror ins Gesicht geschrieben und sie weigerte sich, den Inhalt ihrer Träume zu benennen.

Severus konsultierte Professor Adorno in Frankfurt, ohne ihr davon zu erzählen.

In der folgenden Nacht zog er den Stab, als er spürte, wie sich seine Geliebte im stahlharten Griff des Nachtmahrs verkrampfte.

Legilimens."

Wasserfluten stürzten aus den Spalten, die das Erdbeben in das Dach der Felsenhöhle gerissen hatte. Severus spürte das Feuer in den Beinen der Nixe. Der neue Körper wollte ihr nicht gehorchen, Muskeln und Sehnen waren so fremd, als habe man ihr diese an den Leib genäht, und gleichzeitig schmerzte das Fehlen der vertrauten Flosse. Der Wasserspiegel stieg, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die schmutziggrauen Massen ihr Luft und Leben aus dem Leib pressen würden.

Die Gestalt am Ufer war fremd, dunkel und bedrohlich, doch ihre Stimme klang weich und glatt wie schwarze Seide auf nackter Haut.

Du musst nicht hier ertrinken. Gib mir deine Hand, ich bringe dich fort von hier."

Severus spürte ihre Abwehr. Die Männer in den schwarzen Roben mit den silbernen Masken hatten ihr niemals etwas Gutes gebracht. Der Fremde näherte sich unaufhaltsam.

Vertrau mir, Sirene."

Ihr Schrei drängte Severus aus ihrem Geist, und wieder bedurfte es sanfter Hände, zärtlicher Worte und seiner Lippen, die ihre zarte Haut bedeckten, um sie zu beruhigen, ihre Angst zu zerstreuen und ihren Hunger nach Trost zu stillen.
Nachdem Loreley in einen erschöpften Schlaf gefallen war, lag Severus wach bis zum Morgengrauen. Was er gesehen hatte, beunruhigt ihn zutiefst.

oooOOOooo

„Die wesentlichen Figuren um Voldemort sind alle tot oder in Askaban", sagte Kingsley mit tiefer Stimme. „Nach allem, was du durchgemacht hast, scheint mir deine Sorge nachvollziehbar. Aber wir sollten nicht außer acht lassen, dass die Träume deiner Freundin ihrer Fantasie entsprungen sein könnten."

„Das glaube ich einfach nicht", erklärte Severus mit Nachdruck. „Es fühlte sich mehr als real an. Ihre Angst, ihr Widerstreben, ihre Schmerzen."

„Selbst wenn Voldemort einen seiner niederen Todesser geschickt hat, um sie aus der Höhle zu bringen", sagte Sirius, der ihn ins Ministerium begleitet hatte, „und du weißt, ich glaube nicht daran, denn welches Motiv sollte er dafür gehabt haben? – Offenbar hat sie sich von diesem Mann entfernen können und ist geflüchtet."

„Falls du dich damit besser fühlst, kann ich für einen begrenzten Zeitraum zwei Auroren abstellen, um sie schützen zu lassen", bot Kingsley an.

Severus konnte sehen, dass der dunkelhäutige Zauberer dieses Angebot nur machte, um ihn zu beruhigen. Weder Shacklebolt noch Black glaubten an eine echte Bedrohung. Er konnte es nachvollziehen: Die namhaften Unterstützer des Dunklen Lords waren tatsächlich alle gefallen oder im Gewahrsam des Ministeriums. Die paar kleinen Ganoven, die durch die Maschen des Netzes geschlüpft waren, das die Auroren um Voldemorts alte Burg gelegt hatten, bedeuteten kaum eine ernst zu nehmende Gefahr. Und dennoch…

„Instruiere deine Auroren, bitte", nickte Snape schließlich. „Ich kann Loreley nur nachts beschützen, tagsüber am Konservatorium ist sie wehrlos. Ich will sie nicht zu Hausarrest verdammen, weil sie Albträume hat."

„Da hat sie aber Glück", kommentierte Sirius mit düsterer Miene, und es klang so bitter wie schon lange nicht mehr.

oooOOOooo

In der folgenden Nacht erwachte Severus, weil Kälte langsam, aber stetig seinen Rücken hinauf kroch. Die Bettdecke war zurück geschlagen und Loreley verschwunden.
Er hörte Geräusche aus der Küche und setzte sich auf. Jemand hantierte in Schubladen und Schränken. Er nahm den Zauberstab vom Nachttisch und folgte dem Geklapper, ohne sein Stablicht zu entzünden.
Was er sah, als er die angelehnte Küchentür aufstieß, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.
Loreley stand am Fenster, die schlanke Silhouette dunkel vor dem silbernen Mond. In der erhobenen Hand hielt sie ein Messer, dessen scharfe Klinge das bleiche Licht reflektierte und auf ihr Herz wies.

Expelliarmus!" rief er und stürzte auf sie zu. Das Messer landete klirrend auf dem Küchenboden.

„Bei Merlin, was tust du?" schrie er sie an, packte sie an den Schultern und schüttelte sie.

Ihr Gesicht war leichenblass und tränenüberströmt.

„Töte mich, Severus."

„Was!"

„Du musst mich töten. Ich bin schlecht." Sie schauderte.

„Oh Merlin, meine Geliebte, hör auf. Du darfst das weder sagen noch denken, denn es ist nicht wahr. Ich weiß, du glaubst, dass es ein Todesser war, der dich aus der Felsenhöhle gerettet hat. Und vielleicht ist dies sogar die Wahrheit, aber es bedeutet niemals, dass du schuldig bist oder gar schlecht."

„Du hast meine Träume gelesen?" fragte sie, Erstaunen im Blick.

„Ich … ja. Verzeih mir, ich hätte es dir sagen müssen, aber ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. All diese grässlichen Albträume."

Er zog sie in seine Arme, doch ihr Körper blieb seltsam steif.

„Hast du ihn gesehen? Er war…"

„Ein Todesser, ja", unterbrach Severus sie. „Aber er ist fort, und es ist nicht von Bedeutung, hörst du? Alles was zählt, ist, dass du lebst und dass du bei mir bist. Ich liebe dich. Das weißt du doch."

Er verschloss ihren Mund mit seinen Lippen.

Doch sie unterbrach den Kuss, löste die Umarmung und trat einen Schritt zurück.

„Heute Nacht, Severus, habe ich wieder geträumt, wie er mich aus dem See rettet. Dieses Mal hat er seine Maske abgenommen, als wir in diesem Hafenbecken aufgetaucht sind. Ich habe ihn erkannt."

„Dann werden wir morgen zu Kingsley ins Ministerium gehen", versuchte Severus sie und sich selbst zu beruhigen. Ihm saß der Schock über ihren Versuch, sich selbst zu erstechen, noch tief in den Knochen.

Sein schwarzer Blick traf ihren grünen, und er versuchte mühsam, seiner Stimme einen tiefen, zuversichtlichen Klang zu verleihen.

„Wer auch immer von denen, die übrig sind, es war, wir werden ihn kriegen."

Loreley lächelte traurig.

„Sein Name ist Tom. Tom Riddle."


ENDE
Epilog

Textehexe: „Du hast einen Spannungsbogen offen gelassen."

Slytherene: „Äh…ja."

TheVirginian: „Okay, jetzt versteh ich den Ausruf ungezügelten Unmuts Deines Sohnes. Aber an sich finde ich offene Enden gut; man kann so herrlich darüber nachdenken…" (gekürzt)

Slytherene: Ich wollte ein Happyend, wirklich. Vielleicht hat Loreley einfach unverarbeitete Ängste, und es geht ihr nächste Woche schon besser. Vielleicht will ich aber auch irgendwann eine Fortsetzung schreiben, weil ich mich doch nicht von Nuriyya, Medeora und Angelus trennen kann. Und dann brauche ich doch einen Bösewicht, oder? Warum dann nicht auf Altbewährtes zurückgreifen?
Außerdem, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Stimmt's, Tom?

Tom Riddle: lächelt kryptisch, nickt und hält den „Imperius" aufrecht


Okay, das war's jetzt aber wirklich. Wenn es Euch gefallen hat, sehen wir uns vielleicht gelegentlich bei „Frühlingserwachen" oder „Blutige Nächte".

Beste Grüße
Eure Slytherene

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