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Author of 16 Stories |
Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Beta: ZAMIRA. Sie hat alles bereits betagelesen, ich habe es aber noch nicht korrigiert. Habe ich vor nachzuholen, sobald ich die Geschichte wieder überarbeite. Ja, schon wieder. Muss ich, damit sie meinem jetzigen Standard entspricht und ich noch einige Dinge einfügen kann, die sich auf Deathly Hallows beziehen. Weiteres dazu siehe weiter unten.
Feedback: Wie immer sehr willkommen. Ich danke meinen bisherigen Reviewern für Lob, Kritik... einfach für eure Gedanken! :D
Und nun, zu meinem Plan Lieblingsfeind betreffend. Es bezieht sich nur darauf – nach wie vor werde ich an dieser Stelle nicht erklären, was an der Story selbst nicht ganz klar wurde, so etwas lasse ich immer in die Story selbst einfließen – soll heißen, ja, ich beziehe mich auf Reviews . Also:
TO BE OR NOT TO BE? CANON ODER ALTERNATE UNIVERSE?
Und jetzt... keine Sorge, das ist kein Spoiler auf Deathly Hollows sich anständigerweise einigermaßen zurückhält (hat damit zwar zu tun – aber nur in bezug auf meine Story hier – ich verrate nix!).
Püh. DAS hat mir schon lange auf den Magen geschlagen, bis das letzte Buch Juli 2007 endlich draußen war. Sicherlich haben die meisten meiner verehrten Leser inzwischen gemerkt, dass ich ein ziemlicher Canon-Freak bin – und was Severus Snape, Lieblingsfeind betrifft, habe ich vor, das zu bleiben. Ja, sogar NACH Band 7! Ich habe mir den Kopf zerbrochen. Ich habe beim Lesen alle paar Seiten verzweifelt aufgeschrien. Aber – es ist machbar.
Es ist schwer, kompliziert, und ich muss mich um verschiede Aspekte herum wie Nagini höchstpersönlich winden, UND auch noch einige Details in bereits geschriebene Kapitel einfließen lassen, doch es ist zu realisieren, und das sogar auf logische Weise. Ich sehe euch den Kopf schütteln, und das gleich aus doppeltem Grunde: BP und ihr Canon-Fetisch roll eyes, und, diejenigen die vor allem das Ende des 7. Bandes gelesen haben erklären mich angesichts dieses Vorhabens reif für St. Mungo . Doch es gibt einen Schlüssel. Und der Schlüssel heißt:
PoV.
Die edle Kunst, von JKR meisterlich beherrscht, niemals in dem point of view abzurutschen (es ist immer – IMMER Harrys Sicht der Dinge!). Sogar angesichts dieser genialen Idee eines Denkariums, wo der Betrachter keine Gedanken oder Gefühle desjenigen sehen oder spüren kann, dem die Erinnerung gehört, sondern praktisch einen Film ablaufen sieht, kann man sagen: Es ist Harrys Art, das alles zu sehen. Und das rettet meiner Muse den Hals, und Severus Snape, Lieblingsfeind rüber ins Trockene des Canons g.
Warum will ich das weiterhin so haben, anstatt in ein bequemes AU abzudriften, wo ich alles machen kann, was mir beliebt? Reine Ambition angesichts dieser Geschichte. Ich wollte sie von Anfang an (heh, schon über zwei Jahre her ) in die Bücher einfügen, und dieses Ziel werde ich bis zum Ende verfolgen. Natürlich hatte JKR etwas ganz anderes vor, als sie die Bücher schrieb, als ich, als ich sie las . Ich will ihr nicht widersprechen (ha, wer bin ich denn?). Ich will es aber nur so einrichten, dass ich alles in den Büchern Ungesagte auf meine Weise erzählen kann – und dass es auch noch im Ablauf passt, logisch ist – sodass mir ebenfalls keiner widersprechen kann .
Also – viel Vergnügen mit dem nächsten Kapitel. Ich hoffe, es gefällt.
Severus Snape, Lieblingsfeind
Kapitel 31: Bandhana
„Sie?“
So also sah eine Person aus, die es unbedingt darauf anlegte, einer gewissen saloppen Redewendung gerecht zu werden: Madam Pomfrey war schlicht und ergreifend alles aus dem Gesicht gefallen. Mit James Potters erlauchter Anwesenheit hatte die Medihexe offenbar am Allerwenigsten gerechnet.
„Bei Morganas Damenbart! Was suchen Sie denn hier?“, fragte die Frau entgeistert, hektisch zwischen den beiden Jungen hin und her sehend, als ob sie die Vorstellung eines Severus Snape, von James Potter, dessen langjährigem Feind begleitet, nicht ganz erfassen könne.
Hm, Poppy war wirklich scharfsinnig. Woher sie bloß wusste, dass Severus nicht allein nach St. Mungo gekommen war, und das noch angesichts der wohlbekannten Tatsache, dass der Slytherin ein Einzelgänger war?
Besagter Einzelgänger hockte auf dem Bett, ganz das gewohnte kleine Häufchen Elend und der Gryffindor ließ es wieder einmal zu, von diesen schwarzen Tiefen regelrecht eingesogen zu werden, als der dünne Junge ängstlich zu ihm aufblickte. Dessen Hemd war schon offen – was Severus wohl schon über ihre mysteriöse Krankheit berichtet und erfahren hatte? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, wie es zwischen ihnen stand, ließ James sich neben Severus nieder und legte ihm demonstrativ den Arm um die Schultern.
„Ja, ich, Madam Pomfrey“, erwiderte James ein ganzes Stück gelassener, als er sich fühlte. Und köpfte sein Hemd ebenfalls auf.
Wäre die Gesamtsituation nicht sogar für seine Verhältnisse zu ernst gewesen, hätte sich der Gyffindor erlaubt, sich über die tellergroßen Augen und den gänzlich verdatterten Ausdruck zu amüsieren. Dieser verschwand jedoch bewundernswert schnell, um von dem üblich-professionellen ersetzt zu werden.
Abweisende Augen und missbilligend schmale Lippen hatte er aufgrund dieser Zurschaustellung von Zuneigung seitens der Medihexe erwartet; zwei Personen gleichen Geschlechts, dafür aber so unterschiedlich, wie es Menschen nur sein konnten – Gryffindor und Slytherin, der eine beliebter Mittelpunkt, der andere verspotteter Paria. Jedoch entwaffnete es ihn vollends, mit einem dermaßen breiten, offenen Lächeln konfrontiert zu werden. Es bestand anscheinend kein Bedarf für den Schutzpanzer, der er vorsichtshalber schon errichtet hatte.
„Sie beide also, hm?“, fragte die blonde Frau sanft. „Nun, etwas überraschend, aber trotzdem schön. So ist es eben mit dem Bandhana, es mag zwar extrem selten vorkommen, aber wenn doch, dann trifft es Leute, von denen man es am allerwenigsten erwarten würde...“
James und Severus starrten sich erst gegenseitig und dann Madam Pomfrey verwirrt an. Soweit es James betraf, hätte sie genauso gut Severus’ heißgeliebtes Sanskrit sprechen können. – waren tote Sprachen nicht so ein unnutzes Hobby von ihm?
„Das was?“, hakte der Gryffindor nach.
„Sie meinen... im Sinne von Daampatya?“, wollte nun auch Severus wissen, sich neugierig nach vorn lehnend. „Oder die allgemeine Bedeutung?“
Pomfrey blinzelte.
„Meine Kenntnisse reichen sicherlich nicht aus, um den Unterschied benennen zu können, Mr. Snape.“
Offensichtlich hatte Madam Pomfrey Sanskrit gesprochen. Und nun auch noch Severus. Kein Wunder, dass James nichts mehr verstand. Severus andererseits ging es wohl anders; er vibrierte förmlich vor kaum unterdrückter Nervosität.
„Beide bedeuten etwas wie Verbindung“, erläuterte er anstelle der Medihexe, obgleich seiner Stimme der lehrmeisterliche Unterton fehlte, über den James sich so oft lustiggemacht hatte. „Bloß verwendet man das Zweite für eine Verbindung, nun... wie es sie nur zwischen zwei Menschen geben kann. Das heißt es doch, oder?“, fragte der Slytherin unsicher. „Es gibt keine direkte Übersetzung...“
„Sehr gut, Mr. Snape!”, lobte Madam Pomfrey, offensichtlich äußerst zufrieden, jemanden zu finden, der ihren hohen Standards entsprach. „Dann wissen Sie jetzt wohl Bescheid?“
„Nein, das nicht... ich habe höchstens den Begriff verstanden, aber nicht, wofür er in unserem Fall steht...“
Was James betraf, verspürte er immer weniger Lust, sich eine Fachdiskussion anzuhören.
„Was ist das nun für eine Krankheit, an der wir leiden?“, brachte er es auf den Punkt.
„Oh ja, richtig... Ihre Krankheit...“, murmelte die Medihexe; ihre Stimme konnte man irgendwo zwischen mitleidig und belustigt einstufen. „Deswegen sind Sie ja hergekommen: Weil Sie glauben, krank zu sein, nicht wahr?“ Erneut lächelte sie nachsichtig, angesichts ihrer normalen Strenge ein ungewöhnlicher Anblick. „Nun schön. Kommen Sie mit, meine Herren. Bei einer heißen Schokolade lässt es sich besser reden!“
Der Gryffindor war froh, das triste Krankenzimmer hinter sich zu lassen. Severus erging es sicher ebenso. James erwiderte dessen scheuen Seitenblick mit einem gar nicht scheuen, sehr potterschen Grinsen, den Arm noch immer besitzergreifend um den kleineren Jungen gelegt. Genau diesen absichernden Körperkontakt schien Severus zu brauchen, denn er schmiegte sich schutzsuchend an James, der sich natürlich nicht anmerken ließ, in welche Aufregung ihn das Kommende versetzte.
Leider war es keine freudige Aufregung; ob Madam Pomfrey ihnen die Hiobsbotschaft in einer etwas gemütlicheren Atmosphäre vermitteln wollte? Hatten sie die lange Reise umsonst zurückgelegt – nur um jetzt doch für immer in St. Mungo eingesperrt zu werden, in der Abteilung für unheilbare, ansteckende magische Krankheiten? Würde man sie dann wenigstens zusammen unterbringen, oder würde Severus’ dahingesagte Theorie zutreffen, dass sie nicht gut füreinander waren? Eben diese Theorie, die James am liebsten ignoriert hätte?
James’ Gespür allerdings sagte ihm unbeirrbar, dass Severus das Beste sei, was ihm jemals widerfahren war. Und James’ Herz diktierte ihm mit jedem Pulsschlag, dass er um Severus kämpfen würde. Ob nun mit Worten, oder mit dem Zauberstab. Oder eben mit den Fäusten, gegen noch so viele Krankenpfleger mit Schrankstatur, sollte es sich gar nicht vermeiden lassen, sich so... mugglisch zu verhalten. James Potter würde nicht zulassen, seiner Liebe beraubt zu werden.
Pomfrey hatte recht behalten: Mit einer Tasse heißer, kraftspendenden Schokolade zwischen den Händen sah die Welt schon etwas, wenn leider nicht komplett anders aus. Das Getränk stellte sich als viskös und bittersüß heraus. Also genau nach Severus’ Vorlieben, vermutete James mit einem zärtlichen Seitenblick auf den zufrieden schlürfenden Schokoladenfanatiker neben sich.
„Sie sind mit der ‚Geschichte von Hogwarts’ vertraut, nehme ich an?“, fragte die Medihexe unvermittelt.
Severus nickte eifrig (natürlich!), während James kleinlaut etwas von „mal überflogen“ murmelte (was ihm ein griesgrämiges Starren eines gewissen kleinen Strebers einbrachte).
„Ist schon in Ordnung, Mr. Potter“, sagte Pomfrey amüsiert. „Was ich Ihnen erzählen möchte, hat nur indirekt etwas damit zu tun; hier kommen alte Aufzeichnungen ins Spiel, die man höchstens in der Verbotenen Abteilung zu lesen bekommt, wenn man weiß, wonach man suchen muss... beziehungsweise, wenn man sie nach meiner Schulzeit noch nicht wie geplant bereits entfernt hat. Leider ist nichts davon bestätigt, was es aber nicht weniger... interessant macht.“
„Was denn? Was denn?“, bohrte Severus. Seine Stimme überschlug sich beinahe, und James war sicher – es fehlte nicht mehr viel, bis der Slytherin seine Würde vergessen und auch noch anfangen würde, auf und ab zu hüpfen. „Wessen Aufzeichnungen sind es? Sind sie ins Englische übersetzt? Steht da etwas über unsere Krankheit drin? Hatte sie denn schon jemand?“
„Scharfsinnig wie immer, Mr. Snape. Aber bitte immer der Reihe nach. Ja, es war schon einmal jemand betroffen. Aber ich würde das schönste Geschenk, welches zwei Liebenden zuteil werden kann, nicht als Krankheit bezeichnen. Sie beide sind kerngesund.“
James mochte sonst keine Probleme damit haben, Neues zu akzeptieren – doch nun verlor er den Boden unter den Füßen. Er sollte sich nicht nur freuen, sondern geradezu euphorisch sein – doch alles, was der Gryffindor angesichts dieser Neuigkeit, nicht mehr fliehen zu müssen... nicht sterben zu müssen, zustandebrachte, war einfach in sich zusammenzusacken; lethargisch, kraftlos. Auch einem James Potter konnte es einmal zu viel werden.
„Und was Ihnen widerfahren ist, erklärt natürlich auch gewisse Aspekte, die ich zuvor missverstanden habe...“, murmelte Madam Pomfrey nachdenklich. „Vor allem die Szene gestern Abend, als ich Sie beide... äh, unterbrochen habe.“
Severus wurde blass, und James vermutete, dass er selbst auch nicht viel von seiner Bräune behalten hatte. Seine Hand verschränkte sich schmerzhaft mit Severus’ dünnen Fingern. Wenn sie wüsste... wenn sie nur wüsste, wie richtig sie gelegen hatte... wenn auch nicht am vorigen Abend. Davor jedoch hatte Pomfrey mit jeder Anschuldigung gegen James recht gehabt. Der Gryffindor legte sich bereits die Worte zurecht, mit denen er genau das richtig stellen konnte...
„Sie haben so viel Angst... nicht wahr?“, unterbrach die Medihexe sanft seine düsteren Gedanken und der Moment war verloren.
„Sieht man es so deutlich?“, gab Severus säuerlich zurück.
„Oh, ja. Das müssen Sie aber nicht. Was mit Ihnen geschah ist etwas Wundervolles... wenn man damit umzugehen weiß“, erklärte Pomfrey.
„Wie sollen wir mit etwas umgehen können, das man nicht im Geringsten nachvollziehen kann?“, bohrte der Slytherin weiter, sich inzwischen mit beiden, schmalen, Händen an James’ eigener festhaltend.
„Nun, meine Herren... wenn Sie besser verstehen wollen, dann sperren Sie ihre hübschen Öhrchen gut auf...“, lautete Poppys freundlicher Befehl.
Er war ein glücklicher kleiner Junge.
Gut, zugegeben, er war bei den anderen Kindern nicht gerade beliebt. Sie machten sich über ihn lustig, und sein Aussehen hätten sie wahrscheinlich mit dem eines Äffchens verglichen, hätten sie gewusst, was ein Affe ist. Doch was wussten sie schon von der Welt, wenn sie kaum über ihre Nasenspitze blicken konnten. Affen gab es nur in dem heißen, farbenfrohen Land, aus dem sein Vater stammte – für ihn nichts weiter als ein schönes, exotisches Märchen – nicht hier, wo es immer kalt und regnerisch war. So musste eben „Ratte“ als Beleidigung herhalten. Was auch kein Wunder war, bei seinem verkniffenen Gesicht und dem dürren Körper.
„Also, der tut mir jetzt schon Leid...“
„Ich will mal stark hoffen, dass du dich nicht direkt mit dieser Person identifizierst, Sev...“
„Ähm, wenn man es genau betrachtet... ach, schon gut.“
Aber da war noch ER. Großgewachsen, obwohl er dasselbe Alter aufwies – und mit dem schönsten, einnehmendsten Lächeln, das man sich nur vorstellen konnte. Er, der ihn immer verteidigte, alle konsequent verjagte, die es wagten, ihn zu ärgern. Er, der immer zu ihm stand. Ein wahrer Freund, der sich nicht um Äußerlichkeiten oder um seine Verschlossenheit scherte.
„SAAAAAAAL!!“
Und sogar noch weniger um die selbstauferlegte Verschlossenheit seiner Eltern...
„Darf Sal zum Spielen rauskommen?“
„Eigentlich muss er im Haus helfen... komm besser später wieder.“
... denn diese überwand er einfach mit seinem unglaublichen Charme. Damit war er zu Genüge gesegnet, was von seinem hübschen, sommersprossigen Gesicht, aus dem große, himmelblaue, von hellroten Locken umrahmte Augen gerade unschuldig zum Fenster hochblickten, zusätzlich unterstrichen wurde.
„Biiiitteeee?“
Ein ergebenes, jedoch belustigtes Seufzen war aus der Küche zu vernehmen, und da wusste er, dass seine Mutter mal wieder aufs Feinste um den Finger gewickelt worden war.
„Ach, na schön. Sal! Dein Freund war-“
Doch die rundliche Frau bekam nicht die Gelegenheit, den Satz zu beenden.
„Jippieee!“
Mit diesem für ihn recht untypischen Ausruf flitzte er schon dem Haus, wobei er den Kornkübel in seinem Eifer beinahe umstieß. Schlechtes Korn aussortieren war aber auch so was von langweilig, selbst wenn er dazu den Zauberstab seiner Mutter verwenden durfte. Langweiliger sogar als der Unterricht bei seinem Vater, der daraufhin unweigerlich folgen würde, sobald dieser heimkam.
Er liebte seine Eltern abgöttisch, aber die Aussicht auf einen freien Nachmittag mit seinem besten (genauer betrachtet einzigen) Freund war für einen kleinen, siebenjährigen, wirklich glücklichen Jungen erheblich verlockender. Nein, sie war schlicht einsame Spitze!
Und es wurde immer besser – keines der Kinder schrie ihm noch Ratte hinterher, wie noch vor wenigen Monaten, als er und seine Familie hierher, nach Golden Hollow gezogen waren. Ein vorbeugender, zorniger Blick aus nun nicht mehr so unschuldigen blauen Augen reichte schon aus. Offenbar erinnerten sie sich nur zu gut an die eine oder andere Tracht Prügel, die sie hatten einstecken müssen. Was wäre er bloß ohne seinen Beschützer?
„Hm... warum kommt mir diese Konstellation nur so bekannt vor?“
„Was meinen Sie, Mr. Snape?“
„Nichts, nichts, bitte fahren Sie fort.“
Immer tiefer drangen sie in den dunklen Wald ein. Doch er hatte keine Angst, nicht wenn ER da war und seine Hand ganz fest umklammert hielt.
„Haha, warum kommt mir das jetzt so bekannt vor?“
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung, James...“
„Jetzt sag schon, was wolltest du mir zeigen?“
Neugierig wippte er auf seinen Zehen auf und ab. Der andere Junge schwieg und blickte sich um, ob auch niemand zusah – bevor unter seinen Umhang griff und ein längliches Stück Holz aus dem Gürtel hervorholte.
„Ist das alles?“
„Natürlich nicht... aber du darfst es niemandem sagen...“
Er zuckte die Schultern und nickte, und der andere Junge ließ einen hübschen, bunten Funkenregen entstehen.
„Nett“, sagte er unbeeindruckt, während er seinen eigenen – beziehungsweise den Zauberstab seiner Mutter, die ihn nie ohne aus dem Haus gehen ließ – zückte. Im Gegensatz zu seinem Freund hatte er noch keinen eigenen bekommen, da es seiner Familie sehr an Geld mangelte. Angesichts ihrer Lebensweise als Wanderzauberer auch kein Wunder – die ganze Familie musste mit einem einzigen auskommen. Die Augen des anderen Kindes wurden riesig, als er den einfachen, bei Hochzeiten üblichen Funkenzauber ebenfalls ausführte.
„Das kannst du auch? Warum hast du es mir nie erzählt?“
„Meine Eltern haben es mir verboten – und dir ebenfalls, nehme ich an.“
„Du hörst auf deine Eltern?“
„Meistens...“
„Wie laaaaaangweilig!“
„Sie verbieten einem nichts ohne einen Grund, denkst du nicht auch? Es mag ja kein Gesetz dagegen geben, dass man öffentlich zaubert, aber-“
„Toll. Hätten wir auf sie gehört, hätten wir gerade auch nicht erfahren, dass wir beide Zauberer sind! Sie leben alle in Angst vor den Dörflern! Was können einem Magielose schon anhaben?“
Der dunkelhaarige Junge ließ sich, wie immer, nur zu gern überzeugen. Es stimmte doch. Sie, die Zauberer, konnten sich angesichts einer Gefahr doch sofort in Sicherheit bringen! Wie beispielsweise Wendeline die Ulkige, die sich nur aus Spaß immer wieder auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ – nur um dann woanders aufzutauchen und alle in den Wahnsinn zu treiben. Diese Hexe war schon eine Legende. Leider lief es für die vielen magielosen Frauen nicht so glimpflich ab, die zu Unrecht beschuldigt wurden – „beschuldigt“, Fähigkeiten zu besitzen, die man von Geburt an besaß, oder eben nicht... In diesen Tagen war es nicht sonderlich kompliziert, eine Frau loszuwerden, die man beneidete oder hasste: Man denunzierte sie einfach als Hexe, die mit dunklen Mächten Teufel im Bunde stand. Er hatte oft genug von solchen Fällen gehört, was auch ein Grund war, weshalb sie so oft umzogen.
Doch darüber machte sich ein kleiner Junge, der einen langen Nachmittag mit unbeschwertem Spielen verbrachte, nicht mehr viele Gedanken.
Sein Instinkt flüsterte erst... schrie ihm dann Warnungen entgegen, als er sich im Schutz des Zwielichts durch ungewohnt menschenleere Straßen nach Hause schlich. Sie hatten sich vor den Toren der kleinen Stadt verabschiedet, und das Donnerwetter zuhause, auf das er sich seelisch vorbereitet hatte, erschien ihm jetzt nebensächlich.
Er wusste nur mit Sicherheit, dass er kein glücklicher, kleiner Junge mehr sein würde.
Dann war da der beißende Rauch.
Und der nur von hohen Flammen erleuchtete Marktplatz.
Und die vielen Gesichter.
Und das teils entsetzte, teils schadenfrohe Flüstern...
„Ausgerechnet die Frau eines so rechtschaffenen, arbeitsamen Mannes...“
„Geschieht ihr ganz recht!“
„Und was passiert jetzt mit dem armen Kind?“
„Bestimmt eine Ausgeburt des Teufels, so wie sie!“
„Ja, unrein war diese Frau... mit einem so unreinen Beruf! Man bedenke nur diese... schmutzigen Säfte, mit denen sie in Berührung kam!“
„Unrein soll Gebären sein? Sie hat mein Kind gesund auf die Welt geholt, obwohl der Arzt uns keine Hoffnung gegeben hat!“
„Schweig still, oder willst du die Nächste sein? Gott hätte dich und dein Kind nehmen sollen, wenn es Sein Wille war!“
... und das Flüstern seines Vaters, der plötzlich wie ein dunkler Schatten hinter ihm aufgetaucht war, dicht an seinem Ohr...
„Sieh und lerne...“
Die dunklen Augen, umwölkt und verloren, bohrten sich in die seinen. Eine große, von der schweren Arbeit auf den Feldern gegerbte Hand, früher einmal die weiche Hand eines Gelehrten, umklammerte schmerzhaft seine Schulter.
„Vergiss niemals, wozu Magieblinde fähig sind...“
Dass die lichterloh brennende Gestalt auf dem Scheiterhaufen einmal seine Mutter gewesen war, konnte sein kleiner Verstand nicht ganz erfassen. Er stand da wie angewurzelt in dem flirrenden Schatten eines Wirtshauses, und seine Knie schlugen unkontrolliert gegeneinander. Als die Hand seines Vaters fort war, und mir ihr der gemeinsame Zauberstab, sackte er wie eine Strohpuppe in sich zusammen.
Die Menschenmenge teilte sich, als der hochgewachsene Mann mit dem fremdartigen Äußeren, das schon immer für Getuschel gesorgt hatte, sich seinen Weg nach vorne bahnte.
„Wo ist der Arzt“, verlangte er tonlos zu wissen.
Eine düstere Aura schien ihn zu umgeben und ein eisiger Wind ließ das Feuer noch mehr aufheulen. Ansonsten hatte sich greifbares Schweigen auf den Marktplatz gesenkt. Niemand traute sich zu antworten.
Dann erblickte er den Gesuchten.
Der Ausdruck purer Selbstzufriedenheit auf dem feisten Gesicht wich aufkeimender Furcht, als der dunkelhäutige Mann vor ihm stehen blieb. Und diese Änderung schien seinem Vater als Bestätigung zu genügen.
Für den vor Schock erstarrten Jungen geschah alles viel zu schnell...
„PraaNadaNda!“
... das unheilvolle, grüne Licht aus demselben Zauberstab, den sein Vater bislang nur benutzt hatte, um Leben auf den weiten Feldern gedeihen zu lassen, um das todbringende Mutterkorn unschädlich zu machen...
... das ekelerregende, dumpfe Geräusch, mit dem der Körper auf den von vielen Füßen hartgetretenen Lehmboden aufschlug...
... das panische Aufschreien der Menge, die ähnlich aufgescheuchtrer Tiere auseinander stob...
„Vidahati!“
... die donnernde Stimme seines Vaters, welche die uralte Magie seines Heimatlandes über die Stadt beschwor...
... Feuer, nichts als Feuer um ihn herum, als das brennende Grab seiner Mutter sich jäh erweiterte, die umstehenden Gebäude, die fliehenden Menschen erfasste...
... alle, außer IHN.
Die kleine, im Gegensatz zu seiner noch vollständige Familie drängte sich aneinander, vor den Flammen durch einen Gefrierzauber verschont, zitternd wie Espenlaub. Er konnte genau die Erde auf ihrer Kleidung erkennen – sie kamen, wie sein Vater, von ihrer schweren Arbeit heim.
Heim... nur um Tod und Verderben zu finden.
Rotes Licht spiegelte sich in den blauen Augen seines Freundes, als er die Arme nach ihm ausstreckte, bitterlich und erschrocken weinend.
Aber da waren plötzlich wieder die beschützenden Arme seines Vaters um seinen kleinen Körper, und das unangenehme Ziehen in seinen Innereien...
„Nein! NEIN! Ich will nicht von hier fort! VATER!“
„Vergiss niemals, Salazar Slytherin!“
„Nein! GODRIC! NEIN!“
... als sie ihr Zuhause – nun ein Ort des Grauens – verließen, ohne Spuren zu hinterlassen.
Die Stille in der farbenfroh gestrichenen Cafeteria war geradezu greifbar. James versuchte erfolglos, das Gehörte zu verdauen. Zwar machte es noch keinen Sinn, was sie – er und Severus – ausgerechnet mit den Gründern gemeinsam hatten, aber er hoffte, dass es sich bald aufklären würde.
„Sie haben recht, Madam Pomfrey. So stand das ganz sicher nicht in der ‚Geschichte von Hogwarts’“, kommentierte Severus trocken. James konnte ihm mühelos ansehen, dass es ihn ebenfalls sehr durcheinander brachte.
„Es handelt sich ja auch um die wenigen übersetzten Aufzeichnungen von Slytherin höchstpersönlich“, erläuterte die Medihexe. „Sanskrit ist weitgehend in Vergessenheit geraten, Magie wird meistens auf Latein ausgeführt, weil...“
„Weil Sanskrit offenbar seinetwegen mit Dunkler Magie in Verbindung gebracht wird, nicht wahr? Und dabei ist diese Sprache so viel mächtiger als Latein...“
„Genau deshalb befinden sich diese Bücher in der Verbotenen Abteilung, Mr. Snape – die wenigen, die damals, nach dem Öffnen der Kammer des Schreckens, noch nicht endgültig zerstört wurden, um kein Unheil mehr anrichten zu können.“
„Bei dem brisanten Thema auch kein Wunder“, mischte sich James ein, bevor er unter Severus’ strengem Blick lieber die Nase in seine große Tasse steckte.
„Aber sicher doch, immer schön unter den Teppich kehren, was man nicht versteht, nicht wahr?“
„Ach Sev, jetzt fang nicht schon wieder diese Diskussion an. Ich erinnere da nur an das Buch über das Innere Auge... das war absolut... beängstigend...“
„Soll das heißen, Sie haben sich in der Verbotenen Abteilung ohne Erlaubnis herumgetrieben?“, verlangte Madam Pomfrey mit zusammengekniffenen Augen zu erfahren.
„Uuups...“, murmelte der Gryffindor.
„Ach, ihr zwei!“, seufzte die blonde Frau. „Noch ein Grund mehr, Ihnen beiden gleich ordentlich den Kopf zu waschen – abgesehen von dem unerlaubten Entfernen vom Schulgelände! Auf einem Besen noch dazu, ist das zu fassen!“
„Na toll gemacht, James. Außerdem ist das Waschen meines Kopfes eh vergebliche Mühe, Madam Pomfrey.“
James verschluckte sich an seiner Schokolade, in der Bemühung, sein Lachen zu unterdrücken. Das machte Severus so anbetungswürdig – er wusste einfach immer etwas Freches zu erwidern.
„Ja, ich habe Ihnen doch gesagt, dass es keine wirksamen Tränke gegen fettiges Haar gibt, mein Junge. So Leid es mir auch tut.“
Das Lächeln des Gryffindor wurde noch breiter, als er sich an Severus’ erfolglose Versuche erinnerte, eben dies zu ändern. Obwohl, so erfolglos waren sie auch wieder nicht verlaufen; gewisse sehr eitle Personen würden sicherlich ein Vermögen für Severus’ perfekte Platinblondcreme ausgeben.
„Ach Sev, jetzt hör schon auf mit deinen Komplexen. Ich liebe dein Haar!“
„Oh James...“
„Oh Severus...“
„Also bitte! Nicht in aller Öffentlichkeit, meine Herren!“
„Verzeihung, Ma’am...“
Er war ein äußerst unglücklicher junger Mann.
Sein Leben glich einem Scherbenhaufen. Nun hatte er auch seinen Vater zu Grabe tragen müssen, oder, besser gesagt, das was von ihm noch übrig war. Fast zehn Jahre lang war er dahingesiecht, um schließlich an seinem gebrochenen Herzen zu sterben. Er war über den Verlust seiner Liebe nie hinweggekommen.
Der ehemals stolze, starke Mann hatte nur noch funktioniert. Sie hatten ihr altes Leben aufgenommen – immer von einem Ort zum anderen reisen, ihre Dienste gegen Geld anbieten... Es war schon erstaunlich, wie schnell Menschen ihre festgefahrenen Ansichten darüber vergaßen, dass Zauberei Teufelswerk sei, wenn eine Seuche sie wie die Fliegen dahinraffte, oder das feucht-kalte Wetter ihre gesamte Ernte mit Mutterkorn vergiftete. Doch kaum waren sie gesund beziehungsweise satt, wurde ihr Misstrauen wieder wach, und für Vater und Sohn war es an der Zeit, weiterzuziehen.
Salazar hatte die Worte, die Erzählungen seines Vaters in sich aufgesogen. Sie hatten beide in der Vergangenheit gelebt, denn dies war alles, was ihnen noch geblieben war. Nie wollte er es zulassen, dass die Erinnerung an seine Mutter verblasste. An ihr wunderschönes Gesicht, die grünen Augen, ihre freundliche Art, ihre Güte... die ihr schließlich zum Verhängnis geworden war.
Dabei hatte sie nur helfen wollen, mochte ihr Mann noch so sehr dagegen gewesen sein, und es auch vollbracht. Hebamme war sie gewesen, und Heilerin. Natürlich hatte sie ihre Magie nicht allzu auffällig eingesetzt, doch irgendwann hatte es sich herumgesprochen, dass ihre Patienten immer, grundsätzlich... überlebten, was einem Wunder gleichkam. Menschen mit schmerzhafter Gicht, mit tödlichen Tumoren, Schwangere, deren Ungeborene quer lagen, ohne eine Überlebenschance für Mutter und Kind...
... was auch Neider auf den Plan gerufen hatte – allen voran den Dorfarzt, der diese Konkurrenz nicht hatte dulden wollen. Er hatte die hilflose Frau zuhause überfallen, gemeinsam mit Dörflern, denen er Gift ins Ohr geträufelt oder Angst gemacht hatte... Angst vor Urteil, falls sie weiterhin jemanden in ihrer Mitte duldeten, der im Bunde mit „dunklen Mächten“ stand. Und zu diesen düsteren Zeiten waren die Menschen sehr schnell dazu bereit, ihren diffusen Ängsten nachzugeben, um selbst nicht das Ziel höheren Zorns zu werden...
Salazar hatte es sich nie verziehen, damals freudestrahlend im Wald gespielt zu haben – mit dem Zauberstab, der seiner Mutter das Leben hätte retten können – während sie einen qualvollen Tod erlitten hatte. Sein Vater hatte es erfahren, es ihm jedoch nie vorgehalten, wenn der Junge jeden Abend unter Tränen einschlief, das Stückchen Holz an sich gepresst.
„Er konnte ja auch nichts dafür!“
„Natürlich nicht – es waren die Muggel! Es sind immer die Muggel!“
„Severus, das solltest du wirklich nicht verallgemeinern... diesen Fehler machen nur Slytherins!“
„Hier muss ich Mr. Potter absolut recht geben, obgleich ich solche Vorurteile nicht gutheißen kann.“
„Ich weiß aber, wovon ich rede... und das hat nichts damit zu tun, wohin ich einsortiert wurde!“
„Du sprichst wieder einmal in Rätseln...“
„Ich erkläre es dir irgendwann, James... aber jetzt ist nicht die richtige Zeit.“
Chittaranjan und Fiona Slytherin waren ein Ganzes gewesen, unzertrennlich in ihrer Liebe zueinander, so unterschiedlich sie auch gewesen sein mochten, ob äußerlich oder von ihrer Art her. Der in sich gekehrte Inder, Gelehrter und Schlangenbeschwörer und die lebensfrohe, schottische Hexe hatten von dem ersten Augenblick an gewusst, dass sie füreinander bestimmt waren.
Und ihre Gestalt angenommene Liebe war nun ganz allein auf der Welt. Ein dürrer, ziemlich hilfloser Fünfzehnjähriger. So viel hatte er gelernt... ein so guter Zauberer war er geworden. Kaum dass er hatte allein stehen können, war ihm ein Zauberstab in die Hand gedrückt worden – doch wozu? Er durfte seine Fähigkeiten nicht zeigen, wenn er überleben wollte. Und doch musste er seine Fähigkeiten einsetzen, um zu überleben.
Andere seiner Art fand er nicht – oder sie gaben sich nicht zu erkennen. Ja, er war ganz allein, gleichgültig in welcher Stadt er sich für kurze Zeit niederließ.
Und, als wäre die schwere körperliche Arbeit nicht genug, fand er neuerdings auch keinen Schlaf mehr.
Er war da. Nacht für Nacht verfolgte ihn Godrics hübsches Gesicht, seltsam verzerrt und verändert. Erst hatte er ihn wie aus großer Entfernung gesehen, undeutlich, neblig, was seine Sehnsucht nach dem anderen Jungen noch größer hatte werden lassen, doch dann...
... dann kamen die Träume, die Salazar zutiefst verängstigten, und die er zugleich herbeisehnte. Er hatte keine Kontrolle über sie, über seine Empfindungen, ganz anders als im wachen Zustand. Wenn er träumte, war Godric alles, was zählte. Ganz Britannien hatte er nach ihm abgesucht – vergeblich – Golden Hollow natürlich zuallererst, mochte es für ihn ein noch so schrecklicher Ort sein. Erwartungsgemäß war Godrics Familie ebenfalls verschwunden, ohne dass jemand von ihrem Verbleib Kunde hatte (Salazar vermutete einen besonders gründlichen Vergessenszauber). Salazar hielt sich schon selbst für verrückt, ausgerechnet hier zu suchen, in der wahnwitzigen Hoffnung, dass Godric ebenfalls von nostalgischen Gefühlen überkommen würde.
Doch alles was er tun musste, um den nie vergessenen Freund wiederzusehen, war... einschlafen.
War das aber wirklich Godric, der zu ihm kam? Sein Verstand zweifelte, doch sein Herz schrie „ja“. Was machte es schon, dass er immer in diesen dunklen, warmen See springen musste? Was spielte es für eine Rolle, dass er seine eigene Gestalt, sein eigentliches Ich zurücklassen musste, wenn er sich dafür in Godrics Armen wiederfand?
„Ohh... ich ahne schon etwas...“
„Die gleichen Symptome – nicht wahr, Mr. Potter?“
„Äh... wenn Sie dies so bezeichnen wollen... dann ja...“
„Diese schnell wechselnden Rotschattierungen sind faszinierend. Ich könnte sie mir den ganzen Tag lang ansehen, ohne dass es langweilig würde.“
„Jetzt hör auf, Sev!“
„Wieso? Ich amüsiere mich gerade so gut!“
„Sich über andere lustig zu machen, ist aber nicht gerade nett!“
„Und warum lachen Sie dann, Madam Pomfrey?“
„Äh... ich erzähle jetzt lieber weiter.“
Seine Träume waren so... anders, als er sich die Phantasien eines inzwischen recht triebgesteuerten jungen Mannes vorstellte. Sie waren erschreckend und beruhigend zugleich. War es erschreckend oder beruhigend, wenn so bekannte Elemente darin auftauchten, wenn die vertraute Realität sich bog und zu etwas völlig anderem wurde? Wenn der große, im Sonnenlicht glitzernde See, nur einen Katzensprung von seiner ärmlichen Hütte am Rande von Hogsmeade entfernt, zu einem dunklen, mystischen Ort wurde? Wenn er irgendwann befand, dass er erst richtig atmen konnte, wenn die schwarzen Gewässer sich über seinem Kopf schlossen? Wenn sein Leib sich dem anpasste – und ihm groteske Kiemen wuchsen, schillernde Flossen und scharfe, kleine Zähne, darauf erpicht, in weiche Haut versenkt zu werden?
Godric würde ihn erwarten. Meistens. Sein anmutiger Körper, bereits der kraftvolle Körper eines Mannes, andererseits aber auch eines noch nie gesehenen Wesens, schlang sich um einen von Vegetation überwucherten Felsen. Und seine starken Arme schlangen sich um Salazar selbst – sowie seine... Tentakel. Rot und kühl und geradezu perfekt in ihrer perversen Schönheit.
Salazar würde nie versuchen, dem heftigen Liebesakt zu entkommen, der daraufhin folgte, selbst wenn er es gekonnt hätte. Und sie würden kein Wort sprechen, selbst wenn sie hätten kommunizieren können. Salazar mochte es sich wünschen, in wachem Zustand, aber wenn er schlief, wurde die Realität nebensächlich, er vergaß sie einfach. Er gab sich hin, Godric nahm, nur um ihm noch mehr zurückzugeben, ein vollkommenes Gleichgewicht – in diesen Momenten erschien es Salazar so selbstverständlich. Sie wurden zu einer Entität, sie waren vereint...
... bis Salazar erwachen würde, verschwitzt, unkontrolliert zitternd...
... und allein.
Irgendwann würde er den Verstand völlig verlieren, davon war er überzeugt. Der Schlafmangel bewirkte, dass ihm die Arbeit immer schwerer fiel. Nur unter äußerster Anstrengung brachte er die Tage hinter sich, voller Sehnsucht nach diesen Träumen, nach einer unerreichbaren Person, die wohl nicht einmal ahnte, wie es ihm erging.
Die ihn sicherlich längst vergessen hatte.
Dies hätte Salazar weiterhin geglaubt, wenn Godric nicht eines schönen Tages einfach so in Hogsmeade aufgetaucht wäre.
Unter Tausenden hätte er ihn erkannt, obwohl der blonde Junge noch ein kleines Kind gewesen war, als er ihn zuletzt gesehen hatte. Sie waren beide Kinder gewesen – unschuldige, glückliche Kinder, und nichts an Godrics jetziger Gestalt erinnerte noch daran.
Dafür erinnerte sie nur zu genau an Salazars einsame Träume. Der schwarzhaarige Junge starrte ihn einfach nur an – der Zauberstab und der Stock, mit Hilfe dessen er die Ziegen eines reichen Bauern trieb, waren ihm längst aus der schlaffen Hand gefallen – und Godric starrte zurück, voll freudiger Verblüffung.
In den einzigen kontrollierbaren Träumen – seinen Tagträumen – hatte Salazar sich ein Wiedersehen auf alle möglichen Arten ausgemalt. Godrics Schönheit entsprach dem sogar: seine hochgewachsene Silhouette in der derben Kleidung eines Söldners auf dem blutroten Hintergrund der untergehenden Sonne, welche die Edelsteine auf dem Griff des Schwertes, das Godric quer über den Rücken trug, in noch tieferes Rot erstrahlen ließ, diese jetzt noch längere, wilde, rotblonde Mähne. In diesem Moment seltsamer Entrücktheit konnte Salazar über die aufgesetzte Romantik des Augenblicks sogar innerlich lächeln.
Doch sicherlich hatte er nicht zu hoffen gewagt, dass acht lange Jahre einfach so überbrückt werden könnten. Dass er sich in einer knochenbrechenden Umarmung wiederfinden würde. Dass diese genauso selbstverständlich wie in ihren Träumen ausfallen könnte.
Dass Godric ihn gesucht und nie vergessen hatte – genau wie Salazar selbst.
„... das ganze verdammte Land habe ich nach dir durchkämmt!“
Dito, wollte Salazar erwidern, doch er konnte nicht, weil Godric ihn küsste, verzweifelt und unbeholfen, nur Zunge und Zähne und...
... und dann war da der vertraute Schmerz in seiner Brust, als er endlich gestand, was er die ganze Zeit über empfunden hatte...
„Ich liebe dich... Godric, ich liebe dich...“
„Sal... geh nie wieder weg...“
Wie sie Salazars Hütte erreicht hatten, wusste dieser nicht mehr genau – stolpernd, ihre Hände ineinander verkrallt, schluchzend...
„Nimm die Träume von mir weg, bitte Sal, ich kann nicht mehr... bitte... ich will doch bei dir sein, du brauchst das nicht zu tun...“
Die Gelegenheit sich darüber zu wundern, dass er diese Träume nicht allein geträumt hatte, wurde Salazar vorerst nicht vergönnt – ebenso wenig wie die Gelegenheit, sich zu rechfertigen, Godric zu versichern, dass er nichts heraufbeschworen hatte.
Auch ihre Liebe war genauso verzweifelt und unbeholfen wie ihr erster Kuss, klammernd, hoffnungslos, anstatt glatt und perfekt und problemlos wie in ihren Träumen. Erst viel später begriff er die einzige, gemeinsame Konstante, wo es ansonsten nur Widersprüche gab: Bedingungslose Liebe. Blindes Vertrauen. Das war immer so gewesen, in seiner Kindheit, in seinen Träumen, in seiner einsamen Zeit ohne Godric.
Immer.
Salazar kümmerte sich nicht um die scharfe Pein, er umklammerte Godrics schmale Hüften noch mehr, um ihn näher an sich zu pressen, um ihn tiefer in sich aufzunehmen, während er sich seinem Geliebten hingab, genau so, wie es sein sollte.
Als er seine sterbliche Hülle zurückließ, verspürte er keine Furcht. Dieses Mal war er nicht allein, dieses Mal war es kein grauenhafter Albtraum, ähnlich denen, die ihn immer heimgesucht hatten – wenn er geträumt hatte, Godric allerdings...
„... nicht schlief. Nicht wahr?“
„Ja, Mr. Potter. Aber woher wissen Sie-? Ach, vergessen Sie die Frage. Das bestätigt nur meine Vermutung, dass es bei Ihnen beiden genauso abgelaufen ist, oder?“
„Für deine Verhältnisse nicht schlecht, James.“
„Hey!“
... nicht schlief, und Salazar ihn wie aus einer... Vogelperspektive beobachten konnte; sich unruhig auf zerwühlten Laken wälzend, sehnsuchtsvoll seinen, Salazars, Namen flüsternd.
Mit einem Schlag begriff er, dass auch diese keine Träume gewesen waren – er hatte eine außerkörperliche Erfahrung gemacht, als ob Godric seinen Geist, seine Seele wie ein Magnet anzog, sobald Salazar die Augen schloss und in den Schlaf abdriftete.
Und nun waren sie zusammen dort, nicht in einer finsteren Umgebung, in einer surreal gebogenen Realität, sondern weit oben über Hogsmeade, über den Inseln... über der Erde – die sich als Kugel anstatt einer Scheibe entpuppte. Die Hände seines Geliebten in den seinen, fühlte sich die Entität namens Salazar Slytherin so gigantisch groß, als ob sie das gesamte Universum umspannte, als ob sie nur eine Hand hätte ausstrecken müssen, um die benachbarten Galaxien wie kleine Juwelen zu berühren und an sich zu ziehen. Und zugleich klein, winziger als der kleinste Lebensbaustein in jedem Wesen – jederzeit hätte Salazar in die pure Essenz des Lebens eindringen können, um sie neu zu ordnen.
Sein Geist und sein weit, weit entfernter Körper explodierten gemeinsam in reinster Ekstase. Der orgastische Zustand seines Körpers übertrug sich auf seine Seele – und auf Godrics.
Er war nicht mehr allein, er würde nie mehr allein sein.
Das menschliche Bewusstsein schien nicht für Gefühle dieser Größenordnung konzipiert zu sein. Es war zuviel für Salazar, der es irgendwann zuließ, von samtiger Dunkelheit eingehüllt zu werden.
Als er nach einem endlich wieder langen, erholsamen Schlaf erwachte, lag er noch immer in Godrics starken Armen, gesättigt und glücklich wie ein Kleinkind. Eben dies spiegelte auch das Gesicht seines Geliebten wider, als er die schönen Augen aufschlug und blitzweiße Zähne – zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit – zu einem herzerwärmenden Lächeln entblößte.
Wenige Augenblicke später hatte Salazar allerdings alle Hände voll zu tun, Godric wieder zu beruhigen. Dieser hatte das Cihna auf Salazars und dann auf seine eigene Brust erblickt – und sich zu Tode erschrocken. Verständlich – im Gegensatz zu Salazar, hatte er nicht die geringste Ahnung, was es bedeutete.
Salazar, in der alten Magie Indiens bewandert, jedoch schon. Der Unterricht seines Vaters war schließlich nicht ganz umsonst gewesen. Mochten ihm die Formeln damals noch so umständlich und trocken erschienen sein, sah die Praxis natürlich viel interessanter aus, untertrieben ausgedrückt.
Nun bekam er offenbar die Chance, Praxis zu erleben, dessen Theorie er nur am Rande gelernt hatte. Anscheinend waren sie zwei die Einzigen, denen die Erfahrung zuteil wurde, einen bestimmten Aspekt dieser Magie zu erleben. Noch nie waren Aufzeichnungen darüber verfasst worden, wie ein Cihna entstand, sonst hätte Salazar die Anzeichen auch richtig deuten können. Er hatte auf jeden Fall vor, dies zu ändern und darüber akribisch Buch zu führen.
Godrics seligem Lächeln, mit dem er die Geschehnisse einfach so hinnahm, als wären sie eine schlichte Erweiterung seines Weltbildes, verriet Salazar, dass sein Geliebter an einer wissenschaftlicher Angehensweise absolut kein Interesse hatte.
Er sollte recht behalten.
James achtete kaum auf dem Weg, noch immer in Gedanken versunken und den jetzt überflüssigen Besen hinter sich herschleifend. Severus schien es nicht anders zu ergehen. Sie hatten kein Wort mehr gewechselt, seit sie ihre leeren Tassen zurückgelassen und der Medihexe folgten, die sie zielsicher durch möglichst unbelebte Korridore lotste. Poppy Pomfrey. Sie waren ausgerechnet in die einzige Person hineingerannt, die sie verstand. Mit wie viel Glück konnte man gesegnet sein?
„Madam Pomfrey... werden Sie zu Ende erzählen?“, fragte der Gryffindor unsicher.
„Ja, ja... natürlich...“, brummte Poppy abwesend. „Aber erst sehen Sie zu, dass Sie wieder nach Hogwarts kommen, wo Sie hingehören!“
Die Erzählung hatte ihn aufgewühlt und hoffnungsvoll zugleich zurückgelassen. Ein Geschenk. Poppys Wortwahl für ihre „Krankeit“, die anscheinend gar keine war, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ein Geschenk für Liebende? Er bekam wirklich die Chance, für immer an Severus’ Seite zu sein? James hatte selbstverständlich vorgehabt, von Severus’ Seite nicht zu weichen, komme was wolle – aber dieses Zusammenbleiben erstreckte sich jetzt tatsächlich über eine ganze Lebenszeit und würde nicht durch einen vorzeitigen Tod beendet werden. Sie würden leben und sich lieben und...
James profitierte von Pomfreys ihnen zugedrehtem Rücken, um Severus an sich zu ziehen und heftig zu küssen. Schmale Finger krallten sich an seinen Schultern fest – diese großen Augen so unglaublich tief und schwarz... unvergossene Tränen (Erleichterung? Glück?) ließen den Eindruck entstehen, die glänzenden Iriden hätten eine flüssige Konsistenz.
„Ich liebe dich“, formten James’ Lippen lautlos.
„Wenn sie bald fertig sind, kann ich mich ja wieder umdrehen“, kam auch gleich die gutmütig-ironische Quittung für das „öffentliche Austauschen von Zärtlichkeiten“. Ertappt sah sich James gezwungen, die schmale Taille des anderen Jungen wieder loszulassen und der Medihexe in die in Dunkelheit getauchte Gasse hinter dem großen Kaufhaus, der St. Mungo verbarg, zu folgen.
Madam Pomfrey durchstöberte eifrig den aus einer überfüllten Mülltonne gefallenen Müll, was Severus mit einer hochgezogenen Augenbraue quittierte. So bekam man Poppy Pomfrey sicher nicht alle Tage zu sehen.
„Ich war doch sicher, dass es hier irgendwo ist!“, grummelte sie.
„Soll ich Ihnen helfen, Ma’am?“, bot James galant an.
„Ist vielleicht nicht mehr nötig“, warf Severus ein. „Ich verwette meine letzten zwei Knut, die ich zufällig noch in der Tasche habe, dass kein Muggel, der in dieser Gegend wohnt, ein zerfleddertes wissenschaftliches Magazin anrühren würde...“
„Ah – da ist es ja. Danke, Mr. Snape. Also – stellen Sie sich auf und alle auf drei berühren!”
James freute sich auf den „wilden Ritt“ (nach Severus’ leicht grünlichem Gesicht zu urteilen, teilte er diese Vorfreude nicht). Die einzigen Gelegenheiten, zu denen er einen Portschlüssel benutzt hatte waren die, wenn er mit seiner Familie in den Urlaub „fuhr“.
„Eins...“
„Na, bereit für ein bisschen Beamen, Mr. Spock?“
„Ich glaube, mir wird schlecht...“
„Zwei... ist nicht so schlimm, Mr. Snape, ich kann Ihnen gleich einen Beutel heraufbeschwören. Oh, und übrigens: Portschlüssel sind mit Reisen durch einen Wurmloch vergleichbar. Einfach magische Raumkrümmer. Beamen andererseits entspräche dem Flohen.“
„Ich fühle mich langsam von den Star-Trek-Fans verfolgt... die sind ja überall!“
„Drei!“
Ein Ziehen hinter James’ Bauchnabel, dann war da nichts mehr außer zähflüssige Dunkelheit.
Ich erhebe keinen Anspruch auf grammatikalische Korrektheit der verwendeten Sanskritwörter. Die Verben sind zwar richtig, aber konjugieren kann ich sie nicht wirklich (ich habe versucht, den Imperativ hinzukriegen, aber...) . Welchen Flüchen sie entsprechen, kann man dem Kontext entnehmen .
Abgesehen davon – phew, ich bin froh, eine Möglichkeit gefunden zu haben, Pomfrey alles erklären zu lassen, ohne den Erklärbär machen zu müssen g. Lieber eine lebendige Geschichte, als trockene Erklärungen. Kein Wunder, dass mir dieses Kapitel erst nicht gefallen hat und ich es zig mal umgeschrieben habe, bis ich auf diese Lösung gekommen bin. Ich hoffe, sie gefällt euch auch. Wir sehen uns (hoffentlich) beim nächsten Kapitel, wo die erstaunlichen Parallelen zwischen Godric, Salazar, James und Severus direkt weitergehen . Bis bald!