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Kapitel 29 - Ende...
"Hast du schon etwas gefunden, Sarah?" erkundigte sich Liz, während sie sich geschäftig durch die Bücher des geheimen Teil der Bibliothek suchte. Als nach einer halben Minute immer noch keine Antwort erhalten hatte, blickte sie irritiert auf. "Sarah?"
Regungslos starrte die Angesprochene auf ein vor ihr liegendes Buch, dass so gewaltig war, als würde es alle Bücher der Schlossbibliothek in sich vereinen.
Neugierig trat die Halbvampirin neben die Wirtstochter und warf einen Blick auf die aufgeschlagene Seite. Das gebannte Schweigen, das entstand, als beide in den Text schauten, hielt nicht lange vor.
"Beim Herrn im Himmel", entfuhr es ihr flüsternd, als sie den Text überflog. Offensichtlich hatte sie die Lösung gefunden.
"Das ist es, Sarah! Das ist es!" Felicitas' Enthusiasmus riss die Rothaarige aus ihrer Trance und ließ sie aufblicken.
"Du meinst..."
"Ja, Sarah, genau das haben wir gesucht! Das muss es einfach sein!" Liz wollte in ihrer Freude sofort aus dem versteckten Raum zum Grafen stürzen, doch Sarahs monotone Stimme hielt sie zurück. Erst jetzt bemerkte sie, wie furchterfüllt des Grafen Geliebte wirkte.
"Aber... hast du gesehen, was hier geschrieben steht?" fragte sie nach und ihre Stimme zitterte.
"Ich habe es nur überflogen, aber es klang doch ganz..." Die Halbvampirin hielt inne, als sie sah, dass ihre Gegenüber nur noch unruhiger wurde. Schlimmes ahnend, kehrte sie an Sarahs Seite zurück und las diesmal genau - besonders den Absatz, auf den Sarah deutete.
"Oh Gott", hauchte Liz nur, als ihr die Tragweite der Worte in dem Absatz, den sie las, bewusst wurde. "Das kann nicht... ich meine..."
"Es liegt in meiner Hand", stellte die Geliebte des Grafen mit erstaunlich fester Stimme fest - auch wenn die junge Frau diese Festigkeit nicht fühlte.
"Das darfst du dir nicht aufbürden. Niemand weiß, ob wirklich wahr ist, was in diesem Buch geschrieben steht. Dieses Opfer darfst du nicht bringen, solange du nicht sicher sein kannst, dass auch wirklich alles so eintritt, wie es hier prophezeit wird", mahnte die Halbvampirin und zog die andere von dem Buch weg.
"Wir müssen es ihm sagen, Liz. Es wäre nicht gerecht, es ihm vorzuenthalten. Vielleicht weiß er sogar etwas darüber und kann uns sagen, ob dies der Wahrheit entsprechen könnte."
Liz wusste, dass Sarah Recht hatte. Der Graf musste davon erfahren. Wenn in diesen wenigen Worten tatsächlich der Schlüssel zur Erlösung aller Vampire lag - und damit die Erlösung der in der Umgebung lebenden Menschen - dann würden sie einen Weg finden, dies auch ohne Opfer zu vollbringen.
Ohne Sarahs Opfer...
+x+x+x+
Wortlos hatten sich Alfred und Herbert auf den Rückweg zum Schloss gemacht. Dicke Schneeflocken fielen auf sie nieder, und die schnell fahrende Kutsche ließ das lockere Weiß aufwirbeln; hätte sie jemand aus der Ferne beobachtet, wäre wohl lediglich eine weiße Wolke zu sehen gewesen.
Die beiden jungen Männer nahmen davon allerdings kaum Notiz - zu sehr waren sie mit den Gedanken an das zuvor Geschehene beschäftigt. Fühlte sich Herbert hin- und hergerissen zwischen dem Schweben auf Wolke Sieben und dem Kampf damit, die Füße auf dem Boden der Tatsachen zu behalten, war Alfred völlig ratlos, was er denken, fühlen oder gar tun sollte.
Je näher sie dem Schloss kamen, desto mehr wurde ihnen bewusst, dass sie sich nicht auf Dauer den Schutz der Schlittenfahrt, bei der man vorgeben konnte, die Landschaft zu betrachten, genießen würden. Früher oder später mussten sie miteinander reden - spätestens wenn sie ausstiegen, was Alfred nun nicht alleine und ohne Hilfe konnte.
Und dieser Moment der Ankunft kam schneller, als es den beiden lieb war.
Hilflos saß der Student in der Kutsche und beobachtete seine vampirische Begleitung, wie dieser ausstieg und die Pferde anband. Erst dann trat er an Alfreds Seite des Gefährts.
"Wir müssen warten, bis Koukol uns hilft, alleine werde ich dich nicht den Weg die Treppe hinaus stützen und dir Sicherheit gebieten können", erklärte der Grafensohn und deutete dabei auf die steile, steinerne Freitreppe, die von Schnee bedeckt, aber auch der einzige Weg zum Schlosstor und damit ins Schloss war. Wenigstens der einzige, den Alfred mit seiner Verletzung noch zu bewältigen vermochte.
Der Jüngling nickte nur; er wusste einfach nicht, was er jetzt sagen oder tun, wie er sich Herbert gegenüber verhalten sollte. Also würde er einfach den Moment warten, bis Koukol kam, und dann würde er sich in seinen Raum bringen lassen. Falls er einen hatte. Doch egal wie, er hoffte am meisten, dass der blonde Vampir verstehen würde, dass er einfach etwas Zeit für sich brauchte.
Die Minuten des Wartens zogen sich dahin, häuften sich - doch der buckelige Diener erschien nicht. Und Herbert war sichtlich irritiert. Seltsame Dinge gingen im Schloss vor, das war ihm bereits aufgefallen - mochte er auch anderweitig beschäftigt gewesen sein, so entging ihm doch selten etwas. Und dass Koukol, sonst pflichtbewusst und stets zur Stelle, sobald eine Kutsche vorfuhr - egal, wo im Schloss er war, er schien einen siebenten Sinn dafür zu haben -, nicht auftauchte, sagte dem Grafensohn in aller Deutlichkeit, dass etwas nicht stimmte.
Für einen Augenblick zog er in Betracht, selbst zu schauen, wo der treue Diener sein mochte, doch letztlich entschied er für sich, dass es wichtiger war, Alfred zuerst einmal ins Warme zu bringen.
"Komm", sprach er den Studenten, der gedankenverloren in die Ferne schaute, an und schreckte ihn damit auf. "Koukol scheint verschwunden, er wird uns nicht helfen können. Denkst du, du wirst mit meiner Hilfe und den Gehstöcken das kurze Stück durch den Schnee und die Treppe hinauf laufen können?"
Hatte er eine Wahl? Wohl kaum. Denn hier draußen in der transsylvanischen Kälte warten war eindeutig keine Option. So zuckte er nur mit den Schultern und schob die Decken, in die er eingehüllt war, zurück.
+x+x+x+
Dass Sarah und Liz wenig glücklich wirkten, als sie den geheimen Raum verließen, fiel dem Grafen sofort auf. Er hatte gutes Gespür bewiesen und Dimitri nur wenige Augenblicke zuvor gebeten, zu gehen, damit er zunächst nichts von dem versteckten Teil der Bibliothek erfahren mochte - und nun, da er die Mimik der beiden jungen Frauen sah, war er umso mehr froh, dass der Kutscher nicht da war, denn garantiert hätte er sonst zu viele Fragen gestellt, die noch niemand anderem als seinem Sternkind, seiner treuen Dienerin und dem Schlossherrn selbst beantwortet werden durften.
"Ihr seid fündig geworden?", erkundigte sich der Graf, als die beiden Frauen nur, paralysiert wirkend, unschlüssig im Raum standen und nicht das Wort ergriffen. Es war auch mehr eine Feststellung als eine Frage.
"Wir... sind auf ein Buch gestoßen, in dem...", begann Sarah, doch Felicitas fiel ihr ins Wort.
"Tatsächlich haben wir etwas gefunden, allerdings können wir noch nicht mit Sicherheit sagen, dass das Geschriebene auch der Wahrheit entspricht - und wir wollen Euch keine falschen Hoffnungen machen, Exzellenz."
"Seit Jahrhunderten existiere ich in dieser Form. Seit Jahrhunderten sehnt sich mein Herz nach Erlösung. Vertraut mir, wenn ich euch sage, dass falsche Hoffnungen die einzigen Lichtblicke für mich sind, weil sie mir wenigstens für einen Moment eine scheinbare Lösung gebieten." Tiefes Mitgefühl überkam Sarah, als sie in die traurigen Augen des Vampirs blickte, und so kniete sie neben seinem Sessel nieder und ergriff seine Hand mit den ihren.
"Geliebter", begann sie und obgleich neu und ungebraucht, so fühlte sich das Wort doch auch so richtig an, "es heißt, dass ein Vampirgraf und sein Gefolge von dem Menschen erlöst werden können, den er ehrlich und aufrichtig liebt - und wenn diese Gefühle erwidert werden. Doch... der Teufel verliert nur ungern seine Jünger. In dem Buch, das wir gefunden haben, steht geschrieben, dass für die Erlösung von der Ewigkeit und der Blutgier ein Opfer gebracht werden muss. Das ist die grausame Prüfung des Teufels."
Sarah stockte und schluckte schwer. Sie wollte ihm verdeutlichen, dass sie, sollte diese Sage wahr sein, bereit war, dieses Opfer einzugehen. Doch sie wusste, dass er es niemals zulassen würde. Und genau davor hatte sie Angst.
Liz merkte, wie Sarah zögerte. Nicht ahnend, dass es weniger die Angst vor dem möglichen Tod als vor der möglichen Weigerung des Grafen, diesen Weg zu gehen, war, die die Wirtstochter vom Sprechen zurückhielt, legte sie ihr eine Hand auf die Schulter, ihr verdeutlichend, dass sie weitersprechen würde.
"Diese Prüfung beinhaltet, dass der Graf das Blut des Menschen, mit dem er diese gegenseitige Liebe teilt, trinken muss. Dies darf allerdings nicht durch einen Biss geschehen; stattdessen... stattdessen muss das Blut abgelassen werden. Und dies meint... alles. Um der Sklaverei und der Herrschaft Satans ein Ende zu bereiten, muss sein Diener einen hohen Preis zahlen."
"Und dieser Preis ist die Frau, die er mehr liebt als sein eigenes Leben", flüsterte der Graf, als Felicitas schloss, und schüttelte dann den Kopf. "Nein. Niemals. Das ist es nicht wert." Die Bestimmtheit in seiner Stimme war, was Sarah so gefürchtet hatte. Er würde es nicht tun. Lieber wollte er auf ewig verdammt bleiben, mit diesem unsäglichen, todbringenden Durst nach Blut, statt einen Menschen zum Wohle so vieler anderer zu opfern.
"Doch, das ist es, Richard. Du verdienst es, von diesem Leid befreit zu werden", protestierte Sarah.
"Nein. nicht wenn es heißt, dich dafür zu verlieren. Dann lieber die Ewigkeit in Verdammnis und ein Stück dieser Ewigkeit mit dir, als ein sterbliches Leben ohne dich, denn das wäre schlimmer als die ewige Verdammnis." Zärtlich trocknete er die Tränen, die seinem Sternenkind über die Wangen liefen mit einem weißen Seidentaschentuch, ähnlich dem, mit dem er sich beim Mitternachtsball ihr Blut vom Mund gewischt hatte. "Schau", sprach er dann und deutete auf die dunklen Flecken, die Sarahs Tränen hinterlassen hatten, "weder deine Tränen noch dein Blut möchte ich je wieder auf solch einem Tuch sehen." Vorsichtig zog der Graf das Mädchen aus ihrer knienden Position und in seine Arme.
Liz fühlte sich wie ein Eindringlich in dieser liebevollen, intimen Szenerie und schickte sich an, die Bibliothek leise zu verlassen, doch von Krolocks Stimme hielt sie zurück.
"Warten Sie, Liz. Ich habe noch eine Bitte."
"Natürlich, Exzellenz."
"Ich möchte, dass Sie und Sarah weitersuchen. Nicht jetzt und sofort. Aber ich wünsche mir, dass Sie nach einer anderen Lösung als dieser suchen. Vielleicht gibt es noch mehr."
"Wenn Ihr die Frage erlaubt - wie konntet Ihr diese Bücher überhaupt zusammentragen, wo doch sogar ihr bloßer Anblick Euch bereits zerstören kann?" wollte Liz wissen, als sie nachdenklich zurück zu dem Raum, den sie gerade mit diesen alles verändernden Antworten verlassen hatten, sah.
"Meine geliebte Gemahlin hat sie damals gesammelt, in der Hoffnung, mir eines Tages helfe zu können. Ekaterina ist ein Mensch gewesen, und doch haben wir gemeinsam das Wunder vollbracht, eine friedliche und harmonische Ehe zu führen, trotzdem ich schon damals ein Vampir war. Und auch mein treuer Koukol hat großen Anteil daran, brachte auf meinen Wunsch viele Bücher ins Schloss; darunter leider auch welche jener, deren bloßer Anblick mich schon vernichtet hätte. Meine Frau fand nie diese Passage, die ihr entdeckt habt; oder vielleicht war es eines der Bücher, die Koukol erst nach Ekaterinas Tod auf das Schloss brachte."
"Dann werden wir unser Bestes tun, um zu finden, was immer in diesen Büchern zu finden ist", erklärte Liz, beinahe schon feierlich, und Sarah nickte heftig.
Sie würden der Sklaverei durch Satan ein Ende bereiten.
Bitte nicht verwirren lassen - der Titel des Kapitels bezieht sich auf den Inhalt, nicht auf die Story selbst. Wenn die Story zu Ende, abgeschlossen, ist, dann steht das "Ende" auch am Ende ;)