Kimber
glaubte, ein Deja Vu Erlebnis zu haben, als sie schließlich die
Tür öffnete. Er hatte damals genauso vor ihrer Tür
gestanden, mit denselben Blumen im Arm. Zwei Jahre war das nun her,
und seitdem hatte sich vieles verändert. Diesmal würde sie
nicht so bereitwillig in seine Arme sinken und ihn küssen,
obwohl jede Faser ihres Körpers danach verlangte.„Christian
..." war alles, was sie herausbrachte.
Er lächelte
schief und streckte ihr etwas ungelenk den Blumenstrauß
entgegen. „Sie brauchen Wasser, sonst gehen sie ein."
Er
schalt sich dafür, dass ihm nichts geistreicheres zur Begrüßung
einfiel, aber bei ihrem Anblick waren sämtliche, in seinem Kopf
vorformulierten Sätze, zu einem Einheitsbrei verschmolzen. Er
konnte sie die ganze Zeit nur wieder anstarren und kam sich dabei
völlig linkisch und dümmlich vor.
Kimber nahm den
Strauß weißer Calla-Lilien entgegen und vergrub ihre Nase
in den Blütenblättern. Sie hatte diese Situation
gleichermaßen herbeigesehnt wie auch gefürchtet. Ihn so
plötzlich wiederzusehen, warf all ihre Pläne, sich ihm
gegenüber distanziert zu verhalten, über den Haufen.
„Wie
... hast du mich gefunden?" stotterte sie.
„Es war nicht
so schwierig, nachdem ich Alicias Nachnamen kannte", erklärte
er lächelnd.
Kimber nickte. Sie fühlte sich wie
nackt unter seinen prüfenden Blicken. Verlegen schaute sie an
sich herunter. Wenn sie gewusst hätte, dass er kommt, hätte
sie ein anderes Outfit gewählt.
Christian konnte seinen
Blick nicht von ihr wenden. Trotz des weiten Jogginganzuges, den sie
trug, konnte man erkennen, wie dünn sie geworden war. Sie trug
das Haar offen, und Christian sah, dass über die kahlen Stellen
am Kopf langsam wieder Haar wuchs.
„Komm besser herein",
forderte Kimber ihn auf. „Die Besitzerin des Hauses sieht es nicht
so gerne, wenn wir Männerbesuch bekommen."
„Darum
habe ich mich bereits gekümmert", sagte Christan.
Kimber
sah ihn stirnrunzelnd an. „Was meinst du mit „gekümmert"?
„Ich
habe ihr 600 Dollar für zwei Monatsmieten gegeben", erklärte
Christian. Er betrat die Wohnung und schaute sich um. „Du kannst
nicht hier bleiben", sagte er dann in einem bestimmenden Ton. „Ich
besorge dir eine andere Wohnung in einer besseren Gegend."
Seine
Worte waren wie eine kalte Dusche für Kimber. Sie verschränkte
die Arme vor der Brust und funkelte ihn wütend an. „Was fällt
dir überhaupt ein? Tauchst hier unangemeldet auf und meinst,
gleich wieder über mein Leben bestimmen zu können! Ich
brauche deine Hilfe nicht. Alicia und ich sind bisher auch gut ohne
dich zurecht gekommen." Sie holte tief Luft, bevor sie
weitersprach. „Sie gab mir ein Zuhause, als es mir dreckig ging.
Ohne sie wäre ich auf der Straße gelandet!"
„Du
willst diese Bruchbude doch wohl nicht „Zuhause" nennen", sagte
Christian abfällig.
Kimber stemmte ihr Hände in die
Hüften. „Wieso bist du überhaupt gekommen? Um mir zu
zeigen, was für ein armes, bemitleidenswertes Würstchen ich
ohne dich bin?" Sie ging auf ihn zu und sah ihm fest in die Augen.
Ihre Stimme zitterte leicht vor unterdrückter Wut, als sie
weitersprach. „Du glaubst immer noch, dass man mit Geld alles
bekommen kann, nicht wahr Christian? Aber ich bin nicht
käuflich!"
Christian erkannte, dass er einen fatalen
Fehler begangen hatte. Für einen Moment hatte er vergessen, was
sie durchgemacht hatte und was der Grund für ihre Trennung
gewesen war. „Jesus, Kimber, bitte hör mich an!" flehte
er.
„Verschwinde Christian! Oder ich rufe die Polizei!"
„Das würdest du nicht tun."
„Versuch es
doch." Kimber streckte trotzig ihr Kinn vor. „Ich könnte
behaupten, dass du versucht hast, hier einzubrechen. In dieser Gegend
keine Seltenheit."
„Ich will doch nur mit dir reden!"
sagte Christian verzweifelt.
„Ich aber nicht mit dir."
Er
ging ein paar Schritte auf sie zu, doch Kimber wich zurück. „Geh
Christian!"
Er schüttelte den Kopf während er
weiter auf sie zuging.
Kimber wich immer weiter vor ihm
zurück, bis sie hinter sich die Wand spürte. Instinktiv hob
sie die Arme, um ihn abzuwehren, doch seine Hände legten sich
wie Fesseln um ihre Handgelenke. Kimber wusste, dass es zwecklos war,
gegen ihn anzukämpfen und sie wollte es auch überhaupt
nicht. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich, als er sich langsam über
sie beugte. Der Duft seines Aftershaves benebelte ihre Sinne.
„Hör
mich an, nur eine Minute!" flehte er. Sein Atem ging stoßweise,
und seine Stimme zitterte leicht. „Quentin lebt!" stieß er
hervor. „Er hat seinen Tod nur vorgespielt und ist nun wieder in
Miami. Er hat zwei Menschen getötet, und ich dachte, dass er
vielleicht wiedergekommen ist, um dich zu holen. Nur deshalb bin ich
hier. Ich wollte dich warnen." Er ließ Kimber abrupt los und
trat einen Schritt zurück. „Das war es, was ich dir sagen
wollte, und nun..." sagte er mit tonloser Stimme", ... werde ich
dich in Ruhe lassen." Er drehte sich um und verließ die
Wohnung, ohne sich noch einmal nach Kimber umzuschauen.
Kimber
stand da wie erstarrt, völlig geschockt von seinem Geständnis.
Nur ein Gedanke beherrschte sie. Christian war gegangen und diesmal
vielleicht für immer. Ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie
sank weinend auf den Fußboden.
Christian verließ
fast fluchtartig das Gebäude. Er hätte Kimber nicht so
brutal und offen mit der Wahrheit konfrontieren sollen, doch sie
hatte ihm keine andere Wahl gelassen. Seufzend fuhr er sich durchs
Haar. Er hatte es gründlich vermasselt – mal wieder!
Wahrscheinlich würde Sean frohlocken, wenn er ihm zuhause davon
erzählen würde. Er hatte ihn ja schließlich auch
gewarnt, dass er Kimber nicht so bedrängen sollte. Wieso konnte
er nicht einmal auf andere hören, schalt Christian sich selber.
Seufzend legte er die Arme ums Lenkrad und legte den Kopf darauf. Ein
fataler Fehler, wie er schnell feststellen musste.
Er fühlte
einen stechenden Schmerz, als die Nadel der Betäubungsspritze in
seinen Hals eindrang. Für einen Moment versuchte er noch gegen
das Gefühl der Schwäche und Hilflosigkeit anzukämpfen,
das ihn ganz plötzlich überfiel, doch er gab den Kampf
schließlich auf. Bewusstlos sank Christian über dem
Lenkrad zusammen.