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: B s . A A A    : full 3/4 1/2   : E E   : Light Dark Books » Anne of Green Gables series » Annes spätes Glück

Andrea1984
Author of 13 Stories

Rated: K - German - General - Reviews: 3 - Updated: 11-17-07 - Published: 11-12-06 - Complete - id:3241835
Kapitel 74

Shirley’s Hände zitterten, als er die Schaufel nahm und Erde auf den Sarg warf. Er stand sichtlich unter Schock. Wie durch Watte drang alles an seine Augen und Ohren. Die ratlosen Blicke der kleinen Kinder, das Schluchzen von Nan, die betretene Miene von Gilbert und noch einiges mehr. Jeder fand eine stützende Hand, welche Trost gab. Doch Shirley war ganz alleine. Ella befand sich in Avonlea.

„Mutter Susan, warum musstest du mich so früh verlassen?“, dachte der junge Mann und kämpfte mit den Tränen. Es gehörte sich nicht, Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen. Shirley biss sich krampfhaft auf die Lippen. Wie weh ihm doch dieser Schmerz tat. Gewiss, Anne lebte noch, aber nahe standen sie sich nicht. Susan hingegen hatte sich um Shirley stets liebevoll, ja beinahe mütterlich besorgt, gekümmert, stets mit einem offenen Ohr für seine Sorgen und Nöte. Auch als er damals in den Krieg gezogen war. Shirley konnte nicht wissen, dass Susan damals für einen kurzen Augenblick jede Tapferkeit verloren und sich bei der „lieben Frau Doktor“, wie sie Anne nannte, ausgeweint hatte.

Wenige Tage nach dem Begräbnis fand die Testamentseröffnung statt. Susan hinterließ – wie konnte es auch anders sein – den größten Teil ihrer Ersparnisse „... meinem Ziehsohn Shirley Gilbert Blythe“. Darüber wunderte sich niemand. Ein weiterer, wenngleich geringer, Anteil ging an Shirleys Geschwister, sowie an Susan’s Neffen Patrick Baker, Sohn ihres Bruders Michael und ihrer Schwägerin Valerie, ebenso an Susan’s kinderlose und unverheiratete Schwester Mathilda.

„Nun können wir endlich heiraten.“, meinte Ella, als sie von dieser Neuigkeit erfuhr. Shirley hatte sie zum Tee eingeladen. So saßen die beiden im gemütlichen Wohnzimmer von Green Gables. Die Einrichtung stammte noch aus der Zeit, in welcher die Geschwister Cuthbert hier, zunächst alleine und später gemeinsam mit Anne, lebten. Und einige sorglose, ja geradezu glückliche Jahre verbrachten.

Shirley schenkte den Tee behutsam ein und bot auch etwas Kuchen an. Er machte nie viele Worte. Wie sollte er seiner Verlobten nur erklären, dass die Hochzeit vorläufig aufgeschoben werden musste? Im Trauerjahr durften keine Festlichkeiten stattfinden. Shirley kleidete sich seit Susan’s Tod nur noch in schwarz und wurde noch einsilbiger als jemals zuvor. Ihm gingen so viele Gedanken durch den Kopf. Shirley besaß allerdings nicht die Gabe, sie in klangvolle Worte zu fassen, das wusste er genau.

Ella war ungeduldig und impulsiv, also das genaue Gegenteil von ihm. Würde sie es verstehen, wenn er ihr die Situation so gut wie möglich schilderte? Oder reagierte sie anders darauf, als erwartet?

Shirley räusperte sich. Dann erklärte er, warum eine Hochzeit nicht möglich war. „... bitte versuche, mich zu verstehen. Ich kann nicht anders handeln. Es wäre Mutter Susan gegenüber respektlos.“

„Immer nur Mutter Susan...“, brauste Ella wütend auf. „... ich kann den Namen schon nicht mehr hören. Soweit ich weiß, ist Anne Blythe deine richtige Mutter, welche dir das Leben geschenkt hat. Ich finde es nicht recht, wegen des Todes einer Haushälterin die Hochzeit hinauszuschieben. Alles ist schon vorbereitet. Die Einladungen werden übermorgen gedruckt, nur das richtige Datum fehlt noch.“

„Für deine nunmehr 30 Jahre benimmst du dich sehr kindisch.“, antwortete Shirley äußerlich ruhig, doch in seinem Inneren tobte es. „Natürlich weiß ich, wer meine richtige Mutter ist. Allerdings war sie nach meiner Geburt lange krank und konnte sich daher nur wenig um mich kümmern. Verständlich, dass ein Kind Fürsorge und Liebe braucht. Also hat Mutter Susan eben diese Aufgabe übernommen.“

Ella biss sich wütend auf die Zunge. Das Shirley recht hatte, brachte die junge Dame nur noch mehr auf die Palme. Wie sollte sie sich jetzt in dieser Situation verhalten? Einlenken oder weiterstreiten? Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Das Leben war nicht so einfach, wie es sich Ella immer wieder ausgemalt hatte. Dennoch versuchte sie stets jeden Tag aufs Neue, das Beste daraus zu machen.

Plötzlich klingelte es an der Türe. Shirley öffnete. Jemand drückte ihm hastig eine Zeitung in die Hand. Es handelte sich um eine aktuelle Ausgabe der Abendpost. Mit der großen, fetten Schlagzeile: „Zusammenbruch der New Yorker Börse. Die Aktien fallen immer weiter ins Bodenlose ...“

Ella brach in Tränen aus. Sie wusste, dass ihr Vater in der letzten Zeit öfter an der Börse spekuliert hatte. Nun war alles für ihn verloren. Wenige Tage später beging er aus diesem Grund Selbstmord.

Auch in Ingleside wurde die Nachricht über den Zusammenbruch der New Yorker Börse rasch bekannt. Anne fiel vor Aufregung in Ohnmacht. Es dauerte lange, bis sie wieder zu sich kam.

„Matthew.“, flüsterte sie mit letzter Kraft. Auch ihr Ziehvater hatte einst sein ganzes Geld verloren und war kurze Zeit darauf einem Herzanfall erlegen. Gilbert verstand als einziger, was damit gemeint war.



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