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„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
Der Mann sah aus wie ein Gartenzwerg: Klein, krummer Rücken, rosiges Gesicht mit Knollennase, schulterlanges graues Haar und schütterer Bart in der gleichen Farbe. Fehlte nur noch die Zipfelmütze.
„Wir hätten gerne einen Zauberstab,“ sagte Severus, als sei es das Natürlichste von der Welt, in einem Trödelladen in Charlottenburg diesen Wunsch zu äußern.
Der Mann zeigte sich auch keineswegs überrascht.
„Einen Zauberstab, ja, da drüben auf dem Regal liegen welche, wenn Sie mal schauen möchten,“ antwortete er gelangweilt und wedelte lässig mit der linken Hand.
Conny nahm Albina auf den Arm und bahnte sich mit Severus im Schlepptau einen Weg durch alte Stühle und Tische, Spiegel und Ölgemälde in verschnörkelten Rahmen, große Porzellanwaschschüsseln und Wasserkrüge und Geschirr aller Art. Gab es wirklich Menschen, die bereit waren, Geld für solch altes Gerümpel auszugeben?
Auf dem angegebenen Regal hingegen befand sich modernes Kunsthandwerk: Kerzenständer in Blumenform, Teelichthalter in allen Variationen, mit Glasperlen verziert, Blumenvasen in den unmöglichsten Formen und eine Sammlung von Glasstäben, mit buntem Flitter gefüllt, der sich in einer Flüssigkeit bewegte, wenn man den Stab drehte: Zauberstäbe.
Severus schnaubte empört und Conny verkniff sich ein Lachen.
„Hören Sie,“ Severus hatte sich umgedreht und stürmte zu dem Ladenbesitzer hin, so schnell es der herumstehende Trödel und seine Füße zuließen. Er baute sich dicht vor ihm auf und zischte:
„Ich möchte kein Kinderspielzeug, sondern einen richtigen Zauberstab. So einen!“
Drohend hielt er ihm seinen eigenen unter die Nase. Die Augen des Mann weiteten sich verzückt.
„Grenadill, 24 cm, eingearbeiteter Drachenzahn, sehr zuverlässig, sehr stabil, aus der 1970er Produktion von Olivander’s, sehr selten... Ja, ja, sicher doch. Entschuldigung – ein Irrtum. Ich dachte, weil sie mit dem Kind... Tut mir leid, unendlich leid. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
Laut rief er: „Max! Komm mal her!“
Ein schlaksiger, blonder Jüngling erschien in der Tür, die in die Tiefen des Hauses führte. In der einen Hand hielt er einen Döner, in der anderen eine Serviette und kaute auf beiden Backen.
„Wenn wieder Kundschaft kommt, kümmere dich drum. Ich bin mit den Herrschaften hier beschäftigt.“
Max nickte und verschwand wieder. Der Mann öffnete eine weitere Tür mit der dezenten Aufschrift ‚privat’ und führte sie in einen Nebenraum: Noch mehr Gerümpel, an den Wänden alte geschnitzte Holzregale, auf denen seltsame Gefäße und Gerätschaften sowie dicke, ledergebundene Bücher lagerten. Es roch seltsam: Abgestanden, staubig, aber auch irgendwie aromatisch, ein bisschen wie in einer alten Kirche. In der Mitte stand ein großer Schreibtisch mit einem Computer, der so gar nicht in das sonstige Interieur des Raumes passte.
„Für wen soll der Stab denn sein?“ fragte der Händler, nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte.
„Für meine Frau,“ antwortete Severus, „und bevor Sie uns irgendeinen billigen Schund aus China zeigen – wir möchten einen von Olivander’s.“
„Ja, sicher, mein Herr, gerne, auf jeden Fall.“
Dienstbeflissen kletterte der Mann auf eine kleine Leiter und holte einen Stapel schmaler, länglicher Schachteln aus dem obersten Regal.
„Bitte sehr. Werden in Deutschland nicht häufig verlangt. Qualität hat nun mal ihren Preis.“
„Severus!“ Flüsternd zog Conny ihren Mann am Arm. „Ich möchte dafür kein Vermögen ausgeben. Wir wissen doch gar nicht genau, ob...“
„Billige Zauberstäbe stellen eine Gefahr für die Menschheit dar,“ unterbrach dieser sie kategorisch. „Sie sind unzuverlässig und schwer zu kontrollieren. Es ist nur in meinem eigenen Interesse und in dem von Albina, wenn du einen ordentlichen Zauberstab bekommst.“
Conny schnitt ihm eine Grimasse.
„Ist es Ihr erster?“ erkundigte sich der Mann.
Conny nickte verlegen.
„Ah ja, soso, nun, manchmal offenbart es sich erst sehr spät.“ Er grinste wissend und Conny wollte schon entgegnen, dass sie nun so alt auch noch nicht sei, aber der Händler kam ihr zuvor.
„Fangen wir mit diesem hier an.“
Er reichte ihr ein hellbraunes, ziemlich langes Exemplar.
„Kretisches Olivenholz, 30 cm, mit Feenhaar.“
Vorsichtig umfasste Conny den Stab und hielt ihn unschlüssig in der Hand. Hilfesuchend blickte sie zu Severus.
„Du musst ihn etwas schwenken.“
Conny schwenkte, schon alleine, um den Stab aus Albinas Reichweite zu bewegen. Nichts tat sich.
„OK. Der ist es nicht. Probieren Sie diesen. Birne, 25 cm, Haar aus der Hippogriff-Mähne.“
Conny dachte mit Entsetzen an das monströse Tier, das Hagrid ihr gezeigt hatte und bewegte ängstlich den Stab. Wieder nichts.
Severus nahm ihr Albina ab.
Der Nächste. Indisches Rosenholz, 28 cm, Streifen aus der Schwanzflosse eines Wassermanns.
Puh, auch nicht besonders appetitlich!
Und es tat sich wieder nichts.
Conny sah unglücklich zu Severus. Offenbar war es doch nicht so weit her mit ihren magischen Fähigkeiten. Aber Severus war ausnahmsweise die personifizierte Geduld. Er lächelte aufmunternd zurück.
„Manchmal dauert es sehr lange, bis der richtige Stab seinen Besitzer findet.“
„Palisander, 22 cm, Samen einer Alraune.“
Nichts.
„Ahorn, 23 cm, Stück eines Drachendarms.“
Igitt! Fehlanzeige.
„Ach Severus, das wird doch nichts!“
Frustriert blickte Conny auf den immer kleiner werdenden Stapel der ungeöffneten Schachteln.
„Europäischer Buchsbaum, 20 cm, Haar aus der Mähne eines Einhorns.“
Wenig hoffnungsvoll griff Conny danach. Und fühlte plötzlich eine wohlige Wärme in ihrer rechten Hand, ein unglaubliches Gefühl von Stärke und Zuversicht. Sie bewegte den Stab und hätte ihn vor Schreck fast fallen gelassen, als aus seiner Spitze plötzlich rote Funken sprühten.
„Das ist er!“ riefen Severus und der Verkäufer gleichzeitig, während Albina vor Freude über das Minifeuerwerk laut quietschte.
Conny hielt den Stab vorsichtig mit zwei Fingern fest und sagte gar nichts.
„Ausgezeichnet, wir nehmen ihn,“ sagte Severus.
„Macht 500 Euro. In welcher Währung wollen Sie bezahlen? Wir nehmen auch Goldstücke.“
„Kreditkarte?“ fragte Severus.
Der Mann verzog gequält das Gesicht.
„EC-Karte, wenn’s geht.“
Ungerührt suchte Severus die richtige Karte heraus und der Verkäufer steckte sie in das Lesegerät. Conny stand daneben und sah fassungslos zu: Da lief gerade das übliche Prozedere einer Kartenzahlung ab, mit Geheimzahl, Belegen und allem und was hatten sie gekauft? Einen Zauberstab, ihren Zauberstab. Unglaublich! Wahnsinn!
„So, bitte sehr.“
Eine weiße Plastiktüte mit einem schmalen Pappkarton drin. Automatisch griff Conny danach und ebenso automatisch folgte sie Severus aus dem Laden. Hatte sie wirklich gerade den ersten Schritt in ihr Leben als Hexe getan?
„Nein, du musst die Bewegung etwas flüssiger machen, etwas runder. Sieh her, so!“
Zum wiederholten Mal demonstrierte Severus seiner Frau den Schlenker für den Schwebezauber, seiner Meinung nach das Einfachste, was es auf dem Gebiet der Zaubersprüche gab. Es war zehn Uhr abends, sie übten nun schon seit Albina eingeschlafen war, fast zwei Stunden.
Mit einem tiefen Seufzer hob Conny den Arm und versuchte, die Bewegung genau zu imitieren.
„Ja, besser. Jetzt rechts noch etwas tiefer – genau. Gut. Und jetzt sprich dazu ‚Wingardium leviosa’.
„Wingardium leviosa!“ wiederholte Conny unsicher und blickte mit angehaltenem Atem auf das dünne Papiertuch auf dem Wohnzimmertisch, eines von der Art, mit denen sie normalerweise Albinas Po saubermachten.
Nichts passierte.
Severus stöhnte.
„Du darfst die Bewegung nicht vergessen. Beides muss gleichzeitig geschehen, Bewegung und Zauberspruch. OK?“
Conny nickte folgsam.
„Gut. Nochmal!“
„Wingarsium leviosa!“
„Nein, nein, nein! Kannst du dir die zwei Worte nicht merken? Wingardium heißt es, bei Merlin, wingardium - ist das so schwer?“
Conny unterdrückte den dringlichen Wunsch ihrem Mann ans Schienbein zu treten. Statt dessen packte sie ihren Zauberstab fester und wiederholte:
„Wingardium levisoa!“
Nichts. Conny war den Tränen nahe. Der Arm tat ihr weh, sie würde morgen einen scheußlichen Muskelkater haben.
„Konzentriere dich!“
„Verdammt! Ich konzentriere mich ja!“
„Dann sollte es auch klappen!“
„Wingardium leviosa!“
Das Tuch wackelte ein bisschen, aber das konnte auch ein Luftzug gewesen sein.
Entmutigt und wütend verzog Conny das Gesicht.
„Das Ganze ist völlig sinnlos. Der Zauberstab war eine Fehlinvestition. Ich kann es nicht! Ich höre jetzt auf mit dem Quatsch und gehe ins Bett!“
Dramatisch pfefferte sie den Zauberstab quer durch den Raum. Es gab einen lauten Knall und ein paar Bücher purzelten aus dem Regal.
„Conny! Verdammt! Weißt du, wie gefährlich das ist?“
Severus packte sie am Handgelenk und hielt sie fest. Sein Gesicht war weiß und seine Augen sprühten vor Zorn.
„Zauberstäbe wirft man nicht einfach so durch die Gegend! Und du gibst jetzt nicht auf, sondern versuchst es noch einmal. Hier!“
Er drückte ihr den Zauberstab in die Hand.
„Es ist sinnlos, ich kann es nicht. Und du tust mir weh!“ fauchte Conny zurück.
„Doch, du kannst es. Fühlst du die Kraft in deiner Hand? Ja? Dann konzentriere dich auf diese Kraft.“
Conny schnappte sich den Stab und zwang sich zu verbissener Konzentration.
„Wingardium leviosa!“
Das Tuch riss mitten entzwei.
„Verdammte Scheiße!“
Aber Severus lachte.
„Das war zu heftig, du bist zu aufgeregt. Beruhige dich und mache die Bewegung weicher. Immerhin hast du jetzt schon eine Reaktion erzielt. Nochmal.“
Conny zitterte vor Wut und Erschöpfung.
„Ich kann nicht mehr! Ich will ins Bett!“
Severus war unerbittlich und versperrte ihr den Weg.
„Nein. Einmal noch. Konzentriere dich. Atme gang ruhig! Und denk an flüssige Bewegungen.“
„Du bist so ein elender Sklaventreiber!“
„Weiß ich, ich war Lehrer,“ gab er ungerührt zu. „Also, einmal tief durchatmen und dann los!“
„Wingardium leviosa!“
Staunend schaute Conny zu, wie das Tuch sich einen halben Meter über den Tisch erhob.
„Halte den Kontakt, lenke es mit deinem Stab!“
Conny biss sich vor Aufregung auf die Unterlippe, hielt den Atem an und ließ das Tuch langsam zur Sessellehne schweben. Sie legte es dort ab und ließ den Stab sinken. Taumelnd trat sie ein paar Schritte zurück und landete in Severus’ Armen.
„Ich habe gezaubert,“ flüsterte sie fassungslos.
Severus hielt sie sanft umschlungen.
„Ich habe wirklich... Ich muss das noch einmal versuchen.“
Sie stellte sich wieder aufrecht hin und richtete den Zauberstab erneut auf das Tuch.
„Wingardium leviosa!“
Gehorsam erhob sich das Tuch von der Lehne und ließ sich widerspruchslos zum Fernseher dirigieren, wo Conny es wieder ablegte.
„Es funktioniert wirklich.“
„Natürlich funktioniert es.“
„Ach Severus, ich kann zaubern, ich kann wahrhaftig zaubern!“
Aller Unmut war vergessen, voller Freude strahlte sie ihn an, jedes ihrer Worte mit dem Zauberstab unterstreichend.
Severus verzog kurz das Gesicht und griff behutsam nach ihrem Arm, entwand ihr den Zauberstab und legte ihn vorsichtig neben den seinen auf den Tisch.
„Merke dir noch eine ganz wichtige Regel: Richte nie den Zauberstab unbeabsichtigt auf jemanden, wenn du starke Gefühle verspürst – du könnest ihn verletzen.“
„Habe ich dich verletzt?“ fragte sie verblüfft.
Severus zeigte mit einem schiefen Grinsen auf einige rote Flecke an seinem Hals.
„Nicht schlimm, nur ein kleiner Nesselzauber. Aber merke es dir trotzdem.“
„Ja.“
Mit einem Mal überkam sie eine ungeheuere Müdigkeit – eigentlich kein Wunder nach der stundenlangen Anstrengung – und sie klapperte mit den Zähnen vor Kälte.
Haltsuchend schlang sie ihre Arme um ihren Mann, genoss die Sicherheit und die Wärme, die von ihm ausging, die Geborgenheit, die sie fühlte, als er die Umarmung erwiderte. Unvermittelt fiel ihr ein, wie sie sich das erste Mal an seinen Körper geschmiegt hatte, damals in der düsteren, schäbigen Küche seiner Hinterhofwohnung. Das war noch gar nicht so lange her und doch – sie hatten einen weiten Weg zusammen zurückgelegt. Aus dem menschenscheuen Einsiedler mit Selbstmordabsichten war ein Ehemann und Vater geworden, ein erfolgreicher Unternehmer zudem, und ihr eigenes sprödes, skeptisches Ich hatte gelernt, einen Menschen bedingungslos zu lieben und sich ebenso lieben zu lassen, ganz zu schweigen davon, dass sich ihre Identität als Hexe offenbart hatte. Ein Schauer überlief sie und sie klammerte dich noch fester an ihren Mann.
Dieser strich ihr das Haar aus dem Gesicht und sah sie besorgt an.
„Was hast du?“
„Ich bin hundmüde, fix und fertig, mir ist kalt – ich bin so glücklich.“
Er lachte leise und sein Mund liebkoste zärtlich ihr Ohr.
„Worüber nur?“ fragte er mit leisem Spott.
„Darüber dass ich zaubern kann - und dass ich dich habe,“ flüsterte sie.
„Ich bin auch froh, dass ich dich habe,“ entgegnete er leise.„Ganz gleich, ob du nun zaubern kannst oder nicht. Komm, genug für heute, gehen wir schlafen. Hier.“
Mit einem geübten Griff klaubte er beide Zauberstäbe vom Tisch und reichte ihr den ihren.
„Eine richtige Hexe geht nie ohne ihren Zauberstab ins Bett.“
Eine richtige Hexe, sie war eine richtige Hexe, sie konnte zaubern! Ihr Leben würde sich verändern, ungeahnte Möglichkeiten taten sich auf – vielleicht konnte man mit Magie auch die Motivation und die Beweglichkeit übergewichtiger Hausfrauen und zickiger Teenager steigern, vielleicht konnte man aus zu glattem Parkett oder zu stumpfem PVC ideale Tanzunterlagen machen, vielleicht konnte man Choreographien zaubern, vielleicht...
„Willst du mit Jeans und Schuhen ins Bett?“
Severus’ spöttische Stimme riss sie aus ihren Träumereien. Sie saß auf dem Bett, hatte gar nicht gemerkt, dass ihr Mann längst im Bad gewesen war. Jetzt stand er im Schlafanzug vor ihr, sein Gesichtausdruck eine Studie in genervter Belustigung. Als sie nichts erwiderte, ihn nur stumm anstarrte, setzte er sich mit einem kleinen Seufzer neben sie und begann, sie langsam und methodisch ihrer Kleider zu entledigen. Dabei streichelte und küsste er immer wieder sanft ihre nackte Haut, und sie merkte, wie ihr Körper aus seiner Erstarrung erwachte, Leben und Wärme zu pulsieren begannen und eine hemmungslose Sehnsucht nach Severus sie durchströmte. Leidenschaftlich erwiderte sie seine Liebkosungen.
„Ich denke, du bist so hundemüde,“ flüsterte er zwischen zwei Küssen.
„Ja – nein – weiß nicht, ist auch egal,“ stammelte sie und sog gierig seinen unverwechselbaren Duft ein. Zauberei, Magie – wie unwichtig das doch alles war. Liebe, unendliche Liebe, das war es, was sie jetzt empfand. Und diese Liebe war das einzige, was wirklich zählte...
Ende
Ja, liebe Leser, ich weiß und ich bitte vielmals um Entschuldigung, aber ich denke, wir sollten Conny und Severus jetzt in Ruhe lassen...
Dank an J. für das Ausleihen von Personen und Plot