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Anime/Manga » Ranma » Darkness font: B s : A A A . width: full 3/4 1/2
Author: Deepdream
Fiction Rated: T - German - Horror/Adventure - Ryoga - Published: 03-05-07 - Updated: 04-17-07 - id:3426283

DARKNESS

Eine Deepi-Produktion.
Korrigiert mithilfe Kiavalous.
Ohne jedwede Rechte in den Charakteren.

Kapitel 2 – The shape

I’d give it all away, come take it all away…
You can’t resent the fear...
Somebody tell me how I got here...

By Slipknot

Die Angst war unerträglich, die Zunge so kalt und die Schwäche so tränenerfüllt. Sie wollte nicht sterben. Wollte sich doch warm baden, anschließend in ihr warmes Bett einkuscheln und daraufhin in der Wärme ihrer Schlafstätte aus dem Alptraum aufwachen.
„Bitte“, krächzte sie und starrte das schattenhafte Pflaster an, während die nasse Eiseskälte über die Gänsehaut auf ihrem Nacken leckte und sich beinahe spielerisch der Halsschlagader näherte. Mit furchteinflössender Zärtlichkeit rieb die Zungenspitze über ihren Hals. Ihr ganzer Körper zitterte und sie hatte das Gefühl als würde ein Eiszapfen sie berühren.
„Ich werde sterben“, stellte sie vor Panik erstickt fest. Der Schatten lachte belustigt und hauchte auf ihren Hals. Sie wollte schreien, wegrennen, um sich schlagen, doch ihr Körper verharrte. War schier gefroren von der lähmenden Furcht, die wie eine Decke aus Eis über ihr lag.
Dann sirrte es. Absurderweise kam ihr der Vergleich mit einer Wespe in den Sinn. Erst leise, dann atonal und durchdringend näherte sich das Geräusch. Das Monster, denn nichts anderes konnte es sein, merkte davon nichts und senkte unheimlich spitze Zähne auf ihre weiche einem Augenblick kaum lauter als das Prasseln des Regens, wuchs der Laut zu einer schrillen Dissonante an. Er steigerte sich bis zur Unerträglichkeit einer Säge ehe er über sie hinwegsauste. Dann folgte ein zweites Geräusch. Eines, das sie wahrscheinlich nie mehr würde ganz vergessen können, ebenso wenig wie das Gefühl plötzlicher Wärme auf ihrer nackten Haut. Klebrige, feuchte Wärme, die auf ihre Hände, den Nacken und die rechte Wange spritzte und dieses Ekel erregende Platschen, als etwas von der Schwerkraft getrieben in eine nahe Pfütze stürzte und kaltes Wasser nach allen Seiten hin explodieren ließ.
Sie lauschte ihrem eigenen Atem, der stoßweise ging. Vernahm das pulsierende Rauschen in ihren Ohren. Hörte das schrille Sirren immer und immer wiederkehren. Und das Platschen. Jenen grässlichen, Unheil verkündenden Laut. Sie spürte Rotz aus ihrer Nase laufen, schmeckte den metallischen Geschmack von Blut im Rachen und die Furcht einflössende Wärme, die ihr nun bereits unter das Leder ihres Mantels sickerte und sich kriechend über ihren Rücken verteilte. Sie wagte weder aufzusehen, noch sich zu rühren. Und ganz sicher würde sie nicht nach links blicken. Sie wollte nicht wissen, was da neben ihr in der kalten Wasserlache lag und auch nicht, ob dieses etwas gleichermaßen Wärme verteilte. Die gleiche Wärme wie die auf ihrer Haut.
Es tropfte und es war nicht der Regen. Viel zu schwer und nah klang das Geräusch. Erneut bildeten sich Tränen in ihren gereizten Augenwinkeln und sie spürte wie ihr Magen sich konvulsivisch zusammenzog. Trotzdem biss sie sich schmerzhaft auf die Unterlippe, um die Panik zurückzudrängen, die immer mehr ihrer rationalen Denkweise aufzehrte und daran wuchs. Mit einem unheilvollen Gefühl drehte sie zögernd den Kopf etwas nach rechts. Im nächsten Moment bereute sie die Entscheidung. Die Wärme war von ihrer Wange auf ihre Lippen gerollt und instinktiv hatte sie die Flüssigkeit abgeleckt. Es schmeckte widerlich und erinnerte sie mit seinem metallischen Aroma schockierend an Blut.
„Nein“, rang es sich über ihre feuchten Lippen. Etwas Dunkles, dass ihre nassen Strähnen verbargen, ruhte neben ihr. Es wirkte leblos und schien mehrere kleine Gliedmassen zu besitzen. Ihre Augen weiteten sich vor nacktem Entsetzen. Es war eine gekrümmte Hand.
Sie kreischte hysterisch auf und wie als könnte sie diesem Anblick entkommen, rutschte sie in die entgegengesetzte Richtung. Versuchte sich mit ihrem linken Ellbogen und beiden Knien, sowie dem vor Erschöpfung stechenden, rechten Fuß abzustoßen. Sie prallte mit dem Rücken gegen den Gegenstand in der Pfütze. Sie spürte wie dieser kurz unter dem Druck ihres Körpergewichts wich, dann jedoch zurückrollte und sich an sie schmiegte. Ekel und Entsetzen zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab. Stocksteif lag sie auf der Seite, vernahm wie der Regen mit der Wucht von Hagelkörnern herabprasselte und konnte ihr Herz aus ihrem Brustkorb hervorbrechen fühlen. Die Kälte des Regens wurde schleichend von ihrem Gesicht vertrieben, weggewaschen von der Wärme, deren Ursprung sie nicht kennen wollte. Schwer und nass hingen ihre Haarsträhnen über den geweiteten Augen, der kalten Nase und einige hatten sich auch in ihren Mund verirrt. Ukyo wagte sie nicht fort zu streichen, aus Angst davor mehr zu sehen. Die flüssige Wärme zog ihr mit enervierender Langsamkeit über die Lippen, versuchte vergeblich in ihren Mund zu gelangen, wobei Ukyo mit aller Macht ein Würgen unterdrückte und überquerte die linke Wange. Das Tropfen begann von neuem.
Es knirschte und sie verbiss sich in ihrer Unterlippe um Stille zu wahren. Langsam und bedacht wurden die Schritte gesetzt. Einer nach dem anderen. Fast gingen die Klänge der Schuhsohlen auf dem Pflaster im Niederschlag unter. Aber sie konnte sie dennoch heraushören. Bekam mit wie sich ein zweiter Schatten ihr langsam näherte. Sie spürte die Wärme nun auch durch ihr Haar sickern und sich langsam auf der Kopfhaut verteilen. Es war vergleichbar mit dem Gefühl, schwarze, kleine Käfer über die Haut laufen zu lassen. Augenlose Biester, die unermüdlich krochen und krochen und krochen. Die Hysterie ergriff Besitz von ihr. Schreiend zuckte sie aus ihrer liegenden Position auf, rollte sich auf den rebellierenden Bauch und versuchte weiterzurobben.
„Weg“, spie sie aus und suchte vergeblich mit ihrer Linken Halt, um sich voran ziehen zu können. Ihre rechte Handfläche pochte und brannte, ihr war zum Erbrechen schlecht, ihr linker Fußknöchel war geprellt oder gebrochen, schwoll lodernd an und es reichte scheinbar noch immer nicht. Kaum war ein Schrecken still, kam der nächste. „Hau’ ab. Bitte. Verschwinde doch einfach. Lass’ mich in Ruhe. Bitte.“, würgte sie hervor und hätte sich beinahe übergeben. Die Schritte verschmolzen mit dem dichten Fall des Regens. Es herrschte eine weitere Stille.
„Alles in Ordnung?“, sprach eine definitiv menschliche Stimme. Ihr Atem setzte kurz aus, dann brach eine fassungslose Erleichterung über sie hinweg und ein Schluchzen entrang sich ihrer vormals zugeschnürten Kehle. Hatte sie es endlich geschafft? Hatte diese schreckliche Nacht ein Ende?
Die Schritte, vorhin noch gefährlich und Furcht erregend klangen mit einem Mal wohltuend und beruhigend. Ein Schatten schob sich über sie und sanft wurde sie auf den Rücken gerollt. Die Hände, welche dies vollbrachten, gingen behutsam und geschickt vor. Die langen, nassen Strähnen vor ihrem Gesicht schimmerten. Angestrahlt vom weichen Lichtschein, der die verschwommene Silhouette des Fremden wie einen Heiligenschein perforierte. Ihre Aufmerksamkeit fiel von der unkenntlichen Erscheinung über ihr, abermals auf den filigranen Vorhang vor ihren Augen. Er war triefend rot. Ihr Schrei klang gequält und schwach vor Ekel, während sie versuchte mit ihrer gesunden Linken die klebenden Strähnen wegzudrängen. Diese reagierte mit einem schwachen Zucken, ihr Körper war völlig kraftlos. Der Fremde kam ihr behutsam zur Hilfe und strich sie an ihrer Stelle von den Wangen, der Stirn und fort von den Augen.
„Es wird alles gut. Beruhigen Sie sich. Ich bringe Sie zu einem guten Freund von mir, der kümmert sich um Sie“, flüsterte ihr der Unbekannte zu, während er sie mit seinem Körper vor dem Regen schützte.
Es klang zu schön, um wahr zu sein. War die Nacht überstanden? War sie wirklich in Sicherheit? Und vor allem, wer war der Fremde? War das ein Engel?
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sich ihr eine weitere Frage mit der Vehemenz eines Dolches aufdrängte. Zaghaft unternahm sie den schwerfälligen Versuch ihren Kopf nach links wenden, doch seine Hand legte sich beruhigend auf ihre Wange und sie konnte trotz seiner schattenhaften, von hinten illuminierten Gestalt ein angedeutetes Kopfschütteln entnehmen. Sie beließ es dabei und schloss vor Erleichterung schluchzend die Augenlider. Ihre Haut brannte, juckte unerträglich, schmerzte und war voll gesogen mit der Kälte der Nacht. Die Schmerzen dämmerten dumpf am Rand ihres Bewusstseins, während sich das Gelb unter ihren Lidern allmählich verdunkelte und schließlich einer tröstenden Schwärze Platz machte.
Sie entschwand in einen tiefen, festen Schlaf.

Breite Hände hoch über ihr vollführten die tollsten Bewegungen. Ein Glänzen – ihr Vater nannte es Spathula - zog dabei die ganze Zeit wie der Schweif einer Sternschnuppe hinterher. Es schabte, kratzte, rieb und roch einfach köstlich. Das weiche Licht einer von der hohen Decke hängenden Lampe verteilte sich großzügig auf die harten Züge eines Mannes im Herbst seines Lebens. Hoch gewachsen, wache blaue Augen, muskulöse Arme und ein liebevolles Lächeln.
Freundlich beugte er sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Selbst durch ihr dichtes Haar spürte sie seinen kratzigen Stoppelbart und lachte auf. Der Mann erwiderte das Lachen und sah sie voller Liebe an. Es war ihr Vater.
Mit unablässiger Aufmerksamkeit wandte er sich wieder dem Backen zu. Kleine Schweißperlen glitzerten auf seiner Haut und seine Stirn warf Furchen unter dem reich darüber liegenden Haar. Erste graue Strähnchen zeigten sich im dunklen Braun, einige wenige, dafür markante Lachfältchen sprossen rechts- wie linksseitig zu seinem Mund und doch wirkte er für sein tatsächliches Alter noch vergleichsweise jung.
Die Hitze des Grills gelangte sogar zu ihr herab und ließ sie mit ihren kleinen Händchen übers Gesicht wischen, während eine lästige Strähne ihr immer wieder auf die Nasenspitze rutschte diese zum Jucken brachte. Doch sie wollte nicht fort von seiner Seite, wie sollte sie schließlich sonst etwas lernen? Irgendwann würde nämlich sie das Familienrestaurant weiterführen. Und dafür musste sie doch alle Tricks und Kniffe kennen, oder? Außerdem genoss sie die Atmosphäre. Das ruhige Atmen ihres Vaters, das Schaben des Glanzes in ihren Ohren, der Geruch von so vielen fremden Gewürzen und des backenden Teigs in der Nase, das Gefühl von warmen Schweiß auf ihrer blassen Haut und der Anblick der graziös huschenden, vom Feuer angeleuchteten Hände über ihr. Diese Hände, die so viel Geschick und zugleich soviel Zärtlichkeit auszudrücken vermochten.
Auf den Zügen ihres Vaters deutete sich ein Lächeln an, während seine große Hand mit dem schönen Glänzen auf dem Grill tätig war. Ukyo fand es schade, dass sie sich diesen noch nicht angucken durfte. Aber ihr Papa meinte, dass es so sicherer wäre. Er wollte nicht, dass sie sich verbrannte.
„Ich bin doch ein großes Mädchen“, hatte sie schmollend gemurmelt und damit ihren Vater zum Lachen gebracht, während er ihr mit seiner wuchtigen Linken über den Kopf streichelte und mit seiner Rechten den gebackenen Teig vom Grill nahm. Ihre Neugierde erwachte, als es oberhalb von ihr raschelte, dann verstummte. Während unmittelbar darauf ein leises Tropfen folgte, dass sie vor Vorfreude von einem Bein aufs andere tanzen ließ. Er lächelte sie zärtlich an, senkte seine Hand mit dem Glänzen herab und ließ den guten Duft auf ihren weißen Porzellanteller gleiten. Er nannte es Okonomiyaki.
Ihr ganzes Gesicht strahlte…

Ein Stechen. Unbarmherzig grell durchdrang es ihre Augenlider und ließ sie zusammenzucken. Mürrisch versuchte sie sich wegzudrehen, nur um zu merken wie eine Hand sie behutsam an der Schulter berührte und davon abhielt.
„Papa?“, entkam es ihr, während sie noch immer verwirrt von der Memoire die Wimpern anhob. Das helle Weiß war verschwunden. Ihr Sichtfeld offenbarte ihr eine weiße Zimmerdecke aus Rauputz. Mühsam wollte sie den Kopf heben, sackte jedoch kraftlos zurück.
„Wie geht es Ihnen?“, sprach eine ihr unbekannte Stimme. Es war ein heller, beruhigender Sopran.
„Als hätte ich die schlimmste Nacht meines Lebens hinter mir gehabt.“, kurz hielt sie inne, fügte dann jedoch hinzu, „Wo bin ich hier eigentlich?“
„In meiner Praxis. Verzeihen Sie bitte das helle Licht, doch ich wollte nur überprüfen, ob ich mit gewöhnlichem Schlaf oder Bewusstlosigkeit zu rechnen habe“, letzteres war eher scherzhaft angefügt, doch klang es ganz so als würde im Hintergrund eine Nuance Ernsthaftigkeit mitschwingen. Ukyo beschloss dies vorerst zu ignorieren.
„Ich fühl’ mich grässlich. Wie bin ich hierher gekommen? Und war…, ein Zögern ergriff sie, dann fasste sie jedoch Mut, …der Regen, die ganzen Geräusche und diese, sie zögerte einen Moment, …Wärme Einbildung?“
Sie fürchtete die Antwort, zwang sich jedoch zur Ruhe. War sie denn nicht in Sicherheit? Sie hoffte es.
Der Arzt, denn niemand anderes konnte es sein, schwieg. Fast dachte sie, dass er ihre Frage nicht mitbekommen habe und wollte nochmals nachhacken, da setzte er zu einer Antwort an.
„Nun, wissen Sie. Sie sind nicht die erste, der so etwas widerfahren ist.“
Sicherlich sollten diese Worte eine – zumindest ansatzweise - beruhigende Wirkung auf sie haben. Sie verfehlten ihren Effekt aber gänzlich.
„Sie meinen, so etwas ist schon häufiger passiert?“, gab sie flüsternd von sich. Mit leichten Schmerzen schaffte sie es endlich ihren Kopf zu wenden und eine Gestalt in einem dunkelbraunen Trainingsanzug zu fixieren. Eine schmucklose Brille verbarg seine Augen unter einem weißen Schimmer. Sein Haupt barg kaum Haare, er war fast völlig kahl. Seine schmächtig wirkenden Arme hielt er vor seiner Brust verschränkt, während er an der weiß gestrichenen Zimmerwand lehnte. Sie erweiterte ihren Blickwinkel geringfügig.
Das Mobiliar war spärlich, wenn sie von dem ausgehen konnte, was sie tatsächlich sah. Ein schwarzer Holzschrank ruhte rechts neben der hellbraunen Tür. Er wies einige Schrammen und einen runden, pechschwarzen Türknauf auf. Sie vermutete, dass er die medizinischen Instrumente oder Medikamente enthielt. Die Beleuchtung des Raumes stützte sich alleinig auf eine nackte Glühbirne, die ärmlich von oben herabhing. Kaum merklich pendelte sie, was bedeutete, dass irgendwo außerhalb ihres Sichtfelds ein oder zwei Fenster zumindest angekippt sein mussten. Der Wind blies harsch heute Nacht.
Ein spitzbübisches Grinsen setzte die blassen Lippen des Arztes in Bewegung, während er die Verschränkung seiner Arme lockerte und auf sie zuschlenderte. Er schienen ihre optische Visitation bemerkt zu haben.
„Entschuldigen Sie das etwas provisorische Aussehen meiner Räumlichkeiten.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte. „Aber ich kann Ihnen versichern, dass es seinem, ihm zugedachten Zweck vollauf genügt.“
Ein plötzlicher Hustenreiz überkam Ukyo und machte sie auf ihre ausgetrocknete, reibende Kehle aufmerksam. Die erstaunlich zierliche Hand des Mannes reichte ihr einen weißen Plastikbecher von einer Ablage, die vermutlich neben ihrem Bett stand. Behutsam stützte er sie mit einem Arm und ermöglichte ihr unter Zuhilfenahme ihres rechten Fußes und gezwungener Langsamkeit sich vorsichtig in eine sitzende Position aufzurichten.
Er reichte ihr den Becher und sie spülte das Kratzen in ihrem Hals gierig fort. Sowie den irgendwie fauligen Geschmack, den sie erst jetzt richtig registrierte.
„Pardon, meine Manieren“, brach er sie aus ihren Gedanken, „mein Name lautet Doktor Tofu Ono. Aber Sie dürfen mich ruhig Tofu nennen“, fügte er mit einem offenen Lächeln hinzu und ließ sie wieder vorsichtig zurücksinken.
Zaghaft lächelnd erwiderte sie. „Wie die Speise?“
Der kahle, schlanke Mann lachte erstaunlich laut auf und kleine Grübchen bildeten sie auf seinen Wangen.
„Genau so“, grinste er sie an und strich sich geistesabwesend über die Glatze. Seltsam gebannt folgte sie dieser Bewegung, beobachtete wie die kahle Glühbirne die nicht minder verdeckte Haut glänzen ließ und seine langen Finger darüber hinweggingen.
Tofu merkte dies und hielt inne.
Ertappt schnappte Ukyo nach Luft und fixierte ihre Bettdecke, deren Stoffhülle mit blauen und gelben Karos übersät war und knautschte diese zwischen ihren Fingern zusammen.
„Ist schon gut“, antwortete er unbekümmert und legte seine Hand auf eine der ihren. Seine Haut war angenehm warm und fast augenblicklich vergaß sie das leichte Pochen, dass die Schmerzen, hinter den sicherlich mehreren Milligramm Betäubungsmitteln, als Andenken zurückgelassen hatten.
„Viele der Blicke meiner Mitmenschen wandern irgendwann darauf und allen erzähle ich dieselbe Geschichte. Selbst der Gläubigste hat sich dem Willen Gottes zu beugen.“ Sein Lächeln blieb unverändert. Undramatisch ergänzte er: „Ich leide seit drei Jahren an Krebs.“
„Das tut mir leid, ich…“, Ukyo fehlten die Worte und was hätte sie auch sagen sollen. Und wie ist es so? Welche Farbe hat er? Rot? Ukyo spürten wie ihre Mundwinkel trotz ihrer Bemühungen leicht nach oben zuckten. Sie wusste, dass es alles andere als höflich wäre, über das Leid eines anderen Menschen zu lachen. Noch dazu über einen, der ihr vielleicht das Leben gerettet hatte. Unmittelbar daran schloss sich ein zweiter Gedanke an, der ihr bis jetzt noch nicht gekommen war.
„Entschuldigen Sie, waren Sie es, der mich…“, sie kam sich so unbeschreiblich dumm vor. Wie sollte sie es ausdrücken? Irgendwie klang es ja wie der Stoff aus einem drittklassigen Trivialroman. Mädchen von bösem Schatten verfolgt. Ja, es mochte dumm klingen. Aber war es soviel dümmer als Blutleere Leichen in dunkler Gasse gefunden?
Tofu ersparte ihr weitere Bemühungen und sein Gesicht nahm einen ersten Ausdruck an.
„Sie haben großes Glück gehabt, dass er Ihnen geholfen hat“, teilte er ihr im ruhigen Tonfall mit. Also war es nicht Tofu gewesen, aber wer dann?
Der junge Arzt bemerkte das Flackern der Neugierde in ihren braunen Augen und führte weiter aus. „Ryoga hat Ihnen vermutlich das Leben gerettet. Nicht viele haben soviel Glück…, und mit einem nicht bestreitbaren Maß an Anerkennung in der Stimme fuhr er fort, …und Überlebenswillen. Viele hätten früher aufgegeben und wären…“, er verstummte, schien kurz nach Worten zu suchen, sah sie dann jedoch nur für einen Augenblick eindringlich an.
Ukyo schloss daraus, dass es wohl besser war, diese Antwort nicht zu genau zu kennen.
Doktor Ono wandte sich von ihr ab und schritt in Richtung des mannshohen Schranks. Seine blassen Hände verschwanden aus ihrer Sicht und sie drehte ihren Kopf zurück in die Ausgangsposition. Ihre Augen warfen nichts sagende Blicke an die weiße Decke über ihr. Sie vernahm, wie etwas laut aufraschelte, ehe seine gemächlichen Schritte erneut einsetzten.
„Wer ist er, dieser Ryoga?“, sprach sie und bekam einen leichten Schmerz im Unterarm zur Antwort.
„Schlafen Sie erst einmal, morgen sieht dann alles wieder besser aus“, überging er ihre Frage und strich eine lange Strähne von ihrer Nasenspitze.
Die Wirkung der Spritze setzte ohne Verzögerung ein, während die Gestalt des über sie gebeugten Doktors im Braun seiner Kleidung immer mehr verschwamm. Die Farben lösten sich auf, vermischten und verdunkelten sich. Das Aufblitzen seiner Brillengläser war das letzte, was sie noch bewusst wahrnahm. Dann wurde es wieder dunkel um sie herum und sie spürte ihren Körper zufrieden erschlaffen. Doch etwas blieb ihr im Gedächtnis.
„Ryoga…“, huschte es über ihre Lippen und sie schlief ein.



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