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DARKNESS
Eine
Deepi-Produktion.
Korrigiert mithilfe Kiavalous.
Ohne
jedwede Rechte in den
Charakteren.
Kapitel 2 – The shape
I’d
give it all away, come take it all away…
You can’t resent the
fear...
Somebody tell me how I got here...
By Slipknot
Die Angst war unerträglich, die Zunge
so kalt und die Schwäche so tränenerfüllt. Sie wollte
nicht sterben. Wollte sich doch warm baden, anschließend in ihr
warmes Bett einkuscheln und daraufhin in der Wärme ihrer
Schlafstätte aus dem Alptraum aufwachen.
„Bitte“,
krächzte sie und starrte das schattenhafte Pflaster an, während
die nasse Eiseskälte über die Gänsehaut auf ihrem
Nacken leckte und sich beinahe spielerisch der Halsschlagader
näherte. Mit furchteinflössender Zärtlichkeit rieb die
Zungenspitze über ihren Hals. Ihr ganzer Körper zitterte
und sie hatte das Gefühl als würde ein Eiszapfen sie
berühren.
„Ich werde sterben“, stellte sie vor Panik
erstickt fest. Der Schatten lachte belustigt und hauchte auf ihren
Hals. Sie wollte schreien, wegrennen, um sich schlagen, doch ihr
Körper verharrte. War schier gefroren von der lähmenden
Furcht, die wie eine Decke aus Eis über ihr lag.
Dann
sirrte es. Absurderweise kam ihr der Vergleich mit einer Wespe in den
Sinn. Erst leise, dann atonal und durchdringend näherte sich das
Geräusch. Das Monster, denn nichts anderes konnte es sein,
merkte davon nichts und senkte unheimlich spitze Zähne auf ihre
weiche einem Augenblick kaum lauter als das Prasseln des
Regens, wuchs der Laut zu einer schrillen Dissonante an. Er steigerte
sich bis zur Unerträglichkeit einer Säge ehe er über
sie hinwegsauste. Dann folgte ein zweites Geräusch. Eines, das
sie wahrscheinlich nie mehr würde ganz vergessen können,
ebenso wenig wie das Gefühl plötzlicher Wärme auf
ihrer nackten Haut. Klebrige, feuchte Wärme, die auf ihre Hände,
den Nacken und die rechte Wange spritzte und dieses Ekel erregende
Platschen, als etwas von der Schwerkraft getrieben in eine nahe
Pfütze stürzte und kaltes Wasser nach allen Seiten hin
explodieren ließ.
Sie lauschte ihrem eigenen Atem, der
stoßweise ging. Vernahm das pulsierende Rauschen in ihren
Ohren. Hörte das schrille Sirren immer und immer wiederkehren.
Und das Platschen. Jenen grässlichen, Unheil verkündenden
Laut. Sie spürte Rotz aus ihrer Nase laufen, schmeckte den
metallischen Geschmack von Blut im Rachen und die Furcht einflössende
Wärme, die ihr nun bereits unter das Leder ihres Mantels
sickerte und sich kriechend über ihren Rücken verteilte.
Sie wagte weder aufzusehen, noch sich zu rühren. Und ganz sicher
würde sie nicht nach links blicken. Sie wollte nicht wissen, was
da neben ihr in der kalten Wasserlache lag und auch nicht, ob dieses
etwas gleichermaßen Wärme verteilte. Die gleiche Wärme
wie die auf ihrer Haut.
Es tropfte und es war nicht der Regen.
Viel zu schwer und nah klang das Geräusch. Erneut bildeten sich
Tränen in ihren gereizten Augenwinkeln und sie spürte wie
ihr Magen sich konvulsivisch zusammenzog. Trotzdem biss sie sich
schmerzhaft auf die Unterlippe, um die Panik zurückzudrängen,
die immer mehr ihrer rationalen Denkweise aufzehrte und daran wuchs.
Mit einem unheilvollen Gefühl drehte sie zögernd den Kopf
etwas nach rechts. Im nächsten Moment bereute sie die
Entscheidung. Die Wärme war von ihrer Wange auf ihre Lippen
gerollt und instinktiv hatte sie die Flüssigkeit abgeleckt. Es
schmeckte widerlich und erinnerte sie mit seinem metallischen Aroma
schockierend an Blut.
„Nein“, rang es sich über ihre
feuchten Lippen. Etwas Dunkles, dass ihre nassen Strähnen
verbargen, ruhte neben ihr. Es wirkte leblos und schien mehrere
kleine Gliedmassen zu besitzen. Ihre Augen weiteten sich vor nacktem
Entsetzen. Es war eine gekrümmte Hand.
Sie kreischte
hysterisch auf und wie als könnte sie diesem Anblick entkommen,
rutschte sie in die entgegengesetzte Richtung. Versuchte sich
mit ihrem linken Ellbogen und beiden Knien, sowie dem vor Erschöpfung
stechenden, rechten Fuß abzustoßen. Sie prallte mit dem
Rücken gegen den Gegenstand in der Pfütze. Sie spürte
wie dieser kurz unter dem Druck ihres Körpergewichts wich, dann
jedoch zurückrollte und sich an sie schmiegte. Ekel und
Entsetzen zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab. Stocksteif lag sie
auf der Seite, vernahm wie der Regen mit der Wucht von Hagelkörnern
herabprasselte und konnte ihr Herz aus ihrem Brustkorb hervorbrechen
fühlen. Die Kälte des Regens wurde schleichend von ihrem
Gesicht vertrieben, weggewaschen von der Wärme, deren Ursprung
sie nicht kennen wollte. Schwer und nass hingen ihre Haarsträhnen
über den geweiteten Augen, der kalten Nase und einige hatten
sich auch in ihren Mund verirrt. Ukyo wagte sie nicht fort zu
streichen, aus Angst davor mehr zu sehen. Die flüssige Wärme
zog ihr mit enervierender Langsamkeit über die Lippen, versuchte
vergeblich in ihren Mund zu gelangen, wobei Ukyo mit aller Macht ein
Würgen unterdrückte und überquerte die linke Wange.
Das Tropfen begann von neuem.
Es knirschte und sie verbiss sich
in ihrer Unterlippe um Stille zu wahren. Langsam und bedacht wurden
die Schritte gesetzt. Einer nach dem anderen. Fast gingen die Klänge
der Schuhsohlen auf dem Pflaster im Niederschlag unter. Aber sie
konnte sie dennoch heraushören. Bekam mit wie sich ein zweiter
Schatten ihr langsam näherte. Sie spürte die Wärme nun
auch durch ihr Haar sickern und sich langsam auf der Kopfhaut
verteilen. Es war vergleichbar mit dem Gefühl, schwarze, kleine
Käfer über die Haut laufen zu lassen. Augenlose Biester,
die unermüdlich krochen und krochen und krochen. Die Hysterie
ergriff Besitz von ihr. Schreiend zuckte sie aus ihrer liegenden
Position auf, rollte sich auf den rebellierenden Bauch und versuchte
weiterzurobben.
„Weg“, spie sie aus und suchte vergeblich mit
ihrer Linken Halt, um sich voran ziehen zu können. Ihre rechte
Handfläche pochte und brannte, ihr war zum Erbrechen schlecht,
ihr linker Fußknöchel war geprellt oder gebrochen, schwoll
lodernd an und es reichte scheinbar noch immer nicht. Kaum war ein
Schrecken still, kam der nächste. „Hau’ ab. Bitte.
Verschwinde doch einfach. Lass’ mich in Ruhe. Bitte.“, würgte
sie hervor und hätte sich beinahe übergeben. Die Schritte
verschmolzen mit dem dichten Fall des Regens. Es herrschte eine
weitere Stille.
„Alles in Ordnung?“, sprach eine definitiv
menschliche Stimme. Ihr Atem setzte kurz aus, dann brach eine
fassungslose Erleichterung über sie hinweg und ein Schluchzen
entrang sich ihrer vormals zugeschnürten Kehle. Hatte sie es
endlich geschafft? Hatte diese schreckliche Nacht ein Ende?
Die
Schritte, vorhin noch gefährlich und Furcht erregend klangen mit
einem Mal wohltuend und beruhigend. Ein Schatten schob sich über
sie und sanft wurde sie auf den Rücken gerollt. Die Hände,
welche dies vollbrachten, gingen behutsam und geschickt vor. Die
langen, nassen Strähnen vor ihrem Gesicht schimmerten.
Angestrahlt vom weichen Lichtschein, der die verschwommene Silhouette
des Fremden wie einen Heiligenschein perforierte. Ihre Aufmerksamkeit
fiel von der unkenntlichen Erscheinung über ihr, abermals auf
den filigranen Vorhang vor ihren Augen. Er war triefend rot. Ihr
Schrei klang gequält und schwach vor Ekel, während sie
versuchte mit ihrer gesunden Linken die klebenden Strähnen
wegzudrängen. Diese reagierte mit einem schwachen Zucken, ihr
Körper war völlig kraftlos. Der Fremde kam ihr behutsam zur
Hilfe und strich sie an ihrer Stelle von den Wangen, der Stirn und
fort von den Augen.
„Es wird alles gut. Beruhigen Sie sich. Ich
bringe Sie zu einem guten Freund von mir, der kümmert sich um
Sie“, flüsterte ihr der Unbekannte zu, während er sie mit
seinem Körper vor dem Regen schützte.
Es klang zu
schön, um wahr zu sein. War die Nacht überstanden? War sie
wirklich in Sicherheit? Und vor allem, wer war der Fremde? War das
ein Engel?
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken,
als sich ihr eine weitere Frage mit der Vehemenz eines Dolches
aufdrängte. Zaghaft unternahm sie den schwerfälligen
Versuch ihren Kopf nach links wenden, doch seine Hand legte sich
beruhigend auf ihre Wange und sie konnte trotz seiner schattenhaften,
von hinten illuminierten Gestalt ein angedeutetes Kopfschütteln
entnehmen. Sie beließ es dabei und schloss vor Erleichterung
schluchzend die Augenlider. Ihre Haut brannte, juckte unerträglich,
schmerzte und war voll gesogen mit der Kälte der Nacht. Die
Schmerzen dämmerten dumpf am Rand ihres Bewusstseins, während
sich das Gelb unter ihren Lidern allmählich verdunkelte und
schließlich einer tröstenden Schwärze Platz machte.
Sie entschwand in einen tiefen, festen Schlaf.
Breite
Hände hoch über ihr vollführten die tollsten
Bewegungen. Ein Glänzen – ihr Vater nannte es Spathula - zog
dabei die ganze Zeit wie der Schweif einer Sternschnuppe hinterher.
Es schabte, kratzte, rieb und roch einfach köstlich. Das weiche
Licht einer von der hohen Decke hängenden Lampe verteilte sich
großzügig auf die harten Züge eines Mannes im Herbst
seines Lebens. Hoch gewachsen, wache blaue Augen, muskulöse Arme
und ein liebevolles Lächeln.
Freundlich beugte er sich zu
ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Selbst
durch ihr dichtes Haar spürte sie seinen kratzigen Stoppelbart
und lachte auf. Der Mann erwiderte das Lachen und sah sie voller
Liebe an. Es war ihr Vater.
Mit unablässiger Aufmerksamkeit
wandte er sich wieder dem Backen zu. Kleine Schweißperlen
glitzerten auf seiner Haut und seine Stirn warf Furchen unter dem
reich darüber liegenden Haar. Erste graue Strähnchen
zeigten sich im dunklen Braun, einige wenige, dafür markante
Lachfältchen sprossen rechts- wie linksseitig zu seinem Mund und
doch wirkte er für sein tatsächliches Alter noch
vergleichsweise jung.
Die Hitze des Grills gelangte sogar zu ihr
herab und ließ sie mit ihren kleinen Händchen übers
Gesicht wischen, während eine lästige Strähne ihr
immer wieder auf die Nasenspitze rutschte diese zum Jucken brachte.
Doch sie wollte nicht fort von seiner Seite, wie sollte sie
schließlich sonst etwas lernen? Irgendwann würde nämlich
sie das Familienrestaurant weiterführen. Und dafür musste
sie doch alle Tricks und Kniffe kennen, oder? Außerdem genoss
sie die Atmosphäre. Das ruhige Atmen ihres Vaters, das Schaben
des Glanzes in ihren Ohren, der Geruch von so vielen fremden Gewürzen
und des backenden Teigs in der Nase, das Gefühl von warmen
Schweiß auf ihrer blassen Haut und der Anblick der graziös
huschenden, vom Feuer angeleuchteten Hände über ihr. Diese
Hände, die so viel Geschick und zugleich soviel Zärtlichkeit
auszudrücken vermochten.
Auf den Zügen ihres Vaters
deutete sich ein Lächeln an, während seine große Hand
mit dem schönen Glänzen auf dem Grill tätig war. Ukyo
fand es schade, dass sie sich diesen noch nicht angucken durfte. Aber
ihr Papa meinte, dass es so sicherer wäre. Er wollte nicht, dass
sie sich verbrannte.
„Ich bin doch ein großes Mädchen“,
hatte sie schmollend gemurmelt und damit ihren Vater zum Lachen
gebracht, während er ihr mit seiner wuchtigen Linken über
den Kopf streichelte und mit seiner Rechten den gebackenen Teig vom
Grill nahm. Ihre Neugierde erwachte, als es oberhalb von ihr
raschelte, dann verstummte. Während unmittelbar darauf ein
leises Tropfen folgte, dass sie vor Vorfreude von einem Bein aufs
andere tanzen ließ. Er lächelte sie zärtlich an,
senkte seine Hand mit dem Glänzen herab und ließ den guten
Duft auf ihren weißen Porzellanteller gleiten. Er nannte es
Okonomiyaki.
Ihr ganzes Gesicht strahlte…
Ein
Stechen. Unbarmherzig grell durchdrang es ihre Augenlider und ließ
sie zusammenzucken. Mürrisch versuchte sie sich wegzudrehen, nur
um zu merken wie eine Hand sie behutsam an der Schulter berührte
und davon abhielt.
„Papa?“, entkam es ihr, während sie
noch immer verwirrt von der Memoire die Wimpern anhob. Das helle Weiß
war verschwunden. Ihr Sichtfeld offenbarte ihr eine weiße
Zimmerdecke aus Rauputz. Mühsam wollte sie den Kopf heben,
sackte jedoch kraftlos zurück.
„Wie geht es Ihnen?“,
sprach eine ihr unbekannte Stimme. Es war ein heller, beruhigender
Sopran.
„Als hätte ich die schlimmste Nacht meines Lebens
hinter mir gehabt.“, kurz hielt sie inne, fügte dann jedoch
hinzu, „Wo bin ich hier eigentlich?“
„In meiner Praxis.
Verzeihen Sie bitte das helle Licht, doch ich wollte nur überprüfen,
ob ich mit gewöhnlichem Schlaf oder Bewusstlosigkeit zu rechnen
habe“, letzteres war eher scherzhaft angefügt, doch klang es
ganz so als würde im Hintergrund eine Nuance Ernsthaftigkeit
mitschwingen. Ukyo beschloss dies vorerst zu ignorieren.
„Ich
fühl’ mich grässlich. Wie bin ich hierher gekommen? Und
war…, ein Zögern ergriff sie, dann fasste sie jedoch Mut, …der
Regen, die ganzen Geräusche und diese, sie zögerte einen
Moment, …Wärme Einbildung?“
Sie fürchtete die
Antwort, zwang sich jedoch zur Ruhe. War sie denn nicht in
Sicherheit? Sie hoffte es.
Der Arzt, denn niemand anderes konnte
es sein, schwieg. Fast dachte sie, dass er ihre Frage nicht
mitbekommen habe und wollte nochmals nachhacken, da setzte er zu
einer Antwort an.
„Nun, wissen Sie. Sie sind nicht die erste,
der so etwas widerfahren ist.“
Sicherlich sollten diese Worte
eine – zumindest ansatzweise - beruhigende Wirkung auf sie haben.
Sie verfehlten ihren Effekt aber gänzlich.
„Sie meinen, so
etwas ist schon häufiger passiert?“, gab sie flüsternd
von sich. Mit leichten Schmerzen schaffte sie es endlich ihren Kopf
zu wenden und eine Gestalt in einem dunkelbraunen Trainingsanzug zu
fixieren. Eine schmucklose Brille verbarg seine Augen unter einem
weißen Schimmer. Sein Haupt barg kaum Haare, er war fast völlig
kahl. Seine schmächtig wirkenden Arme hielt er vor seiner Brust
verschränkt, während er an der weiß gestrichenen
Zimmerwand lehnte. Sie erweiterte ihren Blickwinkel geringfügig.
Das Mobiliar war spärlich, wenn sie von dem ausgehen konnte,
was sie tatsächlich sah. Ein schwarzer Holzschrank ruhte rechts
neben der hellbraunen Tür. Er wies einige Schrammen und einen
runden, pechschwarzen Türknauf auf. Sie vermutete, dass er die
medizinischen Instrumente oder Medikamente enthielt. Die Beleuchtung
des Raumes stützte sich alleinig auf eine nackte Glühbirne,
die ärmlich von oben herabhing. Kaum merklich pendelte sie, was
bedeutete, dass irgendwo außerhalb ihres Sichtfelds ein oder
zwei Fenster zumindest angekippt sein mussten. Der Wind blies harsch
heute Nacht.
Ein spitzbübisches Grinsen setzte die blassen
Lippen des Arztes in Bewegung, während er die Verschränkung
seiner Arme lockerte und auf sie zuschlenderte. Er schienen ihre
optische Visitation bemerkt zu haben.
„Entschuldigen Sie das
etwas provisorische Aussehen meiner Räumlichkeiten.“ Er zuckte
mit den Schultern und lächelte. „Aber ich kann Ihnen
versichern, dass es seinem, ihm zugedachten Zweck vollauf genügt.“
Ein plötzlicher Hustenreiz überkam Ukyo und machte sie
auf ihre ausgetrocknete, reibende Kehle aufmerksam. Die erstaunlich
zierliche Hand des Mannes reichte ihr einen weißen
Plastikbecher von einer Ablage, die vermutlich neben ihrem Bett
stand. Behutsam stützte er sie mit einem Arm und ermöglichte
ihr unter Zuhilfenahme ihres rechten Fußes und gezwungener
Langsamkeit sich vorsichtig in eine sitzende Position aufzurichten.
Er reichte ihr den Becher und sie spülte das Kratzen in
ihrem Hals gierig fort. Sowie den irgendwie fauligen Geschmack, den
sie erst jetzt richtig registrierte.
„Pardon, meine Manieren“,
brach er sie aus ihren Gedanken, „mein Name lautet Doktor Tofu Ono.
Aber Sie dürfen mich ruhig Tofu nennen“, fügte er mit
einem offenen Lächeln hinzu und ließ sie wieder vorsichtig
zurücksinken.
Zaghaft lächelnd erwiderte sie. „Wie
die Speise?“
Der kahle, schlanke Mann lachte erstaunlich laut
auf und kleine Grübchen bildeten sie auf seinen Wangen.
„Genau
so“, grinste er sie an und strich sich geistesabwesend über
die Glatze. Seltsam gebannt folgte sie dieser Bewegung, beobachtete
wie die kahle Glühbirne die nicht minder verdeckte Haut glänzen
ließ und seine langen Finger darüber hinweggingen.
Tofu
merkte dies und hielt inne.
Ertappt schnappte Ukyo nach Luft und
fixierte ihre Bettdecke, deren Stoffhülle mit blauen und gelben
Karos übersät war und knautschte diese zwischen ihren
Fingern zusammen.
„Ist schon gut“, antwortete er unbekümmert
und legte seine Hand auf eine der ihren. Seine Haut war angenehm warm
und fast augenblicklich vergaß sie das leichte Pochen, dass die
Schmerzen, hinter den sicherlich mehreren Milligramm
Betäubungsmitteln, als Andenken zurückgelassen hatten.
„Viele der Blicke meiner Mitmenschen wandern irgendwann darauf
und allen erzähle ich dieselbe Geschichte. Selbst der Gläubigste
hat sich dem Willen Gottes zu beugen.“ Sein Lächeln blieb
unverändert. Undramatisch ergänzte er: „Ich leide seit
drei Jahren an Krebs.“
„Das tut mir leid, ich…“, Ukyo
fehlten die Worte und was hätte sie auch sagen sollen. Und wie
ist es so? Welche Farbe hat er? Rot? Ukyo spürten wie ihre
Mundwinkel trotz ihrer Bemühungen leicht nach oben zuckten. Sie
wusste, dass es alles andere als höflich wäre, über
das Leid eines anderen Menschen zu lachen. Noch dazu über einen,
der ihr vielleicht das Leben gerettet hatte. Unmittelbar daran
schloss sich ein zweiter Gedanke an, der ihr bis jetzt noch nicht
gekommen war.
„Entschuldigen Sie, waren Sie es, der mich…“,
sie kam sich so unbeschreiblich dumm vor. Wie sollte sie es
ausdrücken? Irgendwie klang es ja wie der Stoff aus einem
drittklassigen Trivialroman. Mädchen von bösem Schatten
verfolgt. Ja, es mochte dumm klingen. Aber war es soviel dümmer
als Blutleere Leichen in dunkler Gasse gefunden?
Tofu ersparte
ihr weitere Bemühungen und sein Gesicht nahm einen ersten
Ausdruck an.
„Sie haben großes Glück gehabt, dass er
Ihnen geholfen hat“, teilte er ihr im ruhigen Tonfall mit. Also war
es nicht Tofu gewesen, aber wer dann?
Der junge Arzt bemerkte das
Flackern der Neugierde in ihren braunen Augen und führte weiter
aus. „Ryoga hat Ihnen vermutlich das Leben gerettet. Nicht viele
haben soviel Glück…, und mit einem nicht bestreitbaren Maß
an Anerkennung in der Stimme fuhr er fort, …und Überlebenswillen.
Viele hätten früher aufgegeben und wären…“, er
verstummte, schien kurz nach Worten zu suchen, sah sie dann jedoch
nur für einen Augenblick eindringlich an.
Ukyo schloss
daraus, dass es wohl besser war, diese Antwort nicht zu genau zu
kennen.
Doktor Ono wandte sich von ihr ab und schritt in
Richtung des mannshohen Schranks. Seine blassen Hände
verschwanden aus ihrer Sicht und sie drehte ihren Kopf zurück in
die Ausgangsposition. Ihre Augen warfen nichts sagende Blicke an die
weiße Decke über ihr. Sie vernahm, wie etwas laut
aufraschelte, ehe seine gemächlichen Schritte erneut einsetzten.
„Wer ist er, dieser Ryoga?“, sprach sie und bekam einen
leichten Schmerz im Unterarm zur Antwort.
„Schlafen Sie erst
einmal, morgen sieht dann alles wieder besser aus“, überging
er ihre Frage und strich eine lange Strähne von ihrer
Nasenspitze.
Die Wirkung der Spritze setzte ohne Verzögerung
ein, während die Gestalt des über sie gebeugten Doktors im
Braun seiner Kleidung immer mehr verschwamm. Die Farben lösten
sich auf, vermischten und verdunkelten sich. Das Aufblitzen seiner
Brillengläser war das letzte, was sie noch bewusst wahrnahm.
Dann wurde es wieder dunkel um sie herum und sie spürte ihren
Körper zufrieden erschlaffen. Doch etwas blieb ihr im
Gedächtnis.
„Ryoga…“, huschte es über ihre Lippen
und sie schlief ein.
…