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Author of 21 Stories |
Liebe Leser/innen,
hier ist mein Weihnachtsgeschenk für Euch, und ich wünsche viel Spaß damit! Ich weiß schon, das Tempo ist verwirrend, gar nicht textehexenmäßig, aber das kommt dabei raus, wenn ich zufällig eine ausgeschlafene Phase habe und mir nicht, wie sonst, um acht Uhr abends der Kopf auf die Tastatur knallt.
Ein paar Anmerkungen, weil der Anfang der Fiction ja schon ein bisschen zurück liegt (Euer persönlicher Remembrall, sozusagen :o)
Remus, Sirius, James und Peter waren zwar ein Hogwarts-Jahrgang, aber Remus war in Ravenclaw (die anderen drei Gryffindor, wie gewohnt). Zu Schulzeiten bildete Remus mit Severus (Slytherin) und Lily (Gryffindor) ein „Goldenes Trio“ und die Gegenveranstaltung zu den Maraudern (Sirius, James, Peter, Ben Fenwick). Die Freundschaft zwischen Remus und Peter hat sich erst nach der Schule entwickelt.
Peter kam im ersten und bisher einzigen Voldemort-Krieg zu Schaden, als er im großen Showdown die Stellung gegen Todesser und Riesenspinnen hielt, wie James es ihm geheißen hatte: ohne zu wissen, dass die Schlacht längst gewonnen war, und dass die Riesenspinnen eigentlich zu „den Guten“ gehörten (Beitrag von Hagrid). Leider wussten die Riesenspinnen das auch nicht so genau. Guh. (Nachzulesen in „Der erste Tag vom Rest unseres Lebens“)
Und bezüglich der Frage, die sich vielleicht gegen Ende stellt: warum Dänemark? Wir befinden uns im Jahr 1996, da war in vielen Ländern noch nicht das möglich, was heute in weiten Teilen Europas geht. Dänemark war Vorreiter.
Den Film mit den Killerschafen gibt es übrigens wirklich. Ein Trailer ist auf Youtube unter dem Stichwort „Black Sheep“ zu finden. Die Zauberversion davon ist natürlich ein paar Jahre früher erschienen…
Tja. Und wenn das hier Shoebox wäre, dann gäbe es auch den Schnappschuss. So muss ich ihn Eurer Phantasie überlassen…
Auf das nächste Update werdet Ihr wohl wieder länger warten müssen: zweite Januarhälfte, eher hinteres Ende, vermutlich.
Wer möchte, kann übrigens während der Feiertage mal einen Blick in mein LJ werfen: vielleicht erscheint dort noch ein kleiner, kurzer Weihnachts-Oneshot… wenn wir schon Vollmond haben am Heiligen Abend…
So, genug palavert: Tässchen Kaffee für jeden, und los geht es.
Disclaimer: So gut wie meins, aber trotzdem JKs.
Danke an meine Beta Slytherene, die wieder zurück am Start ist.
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Zehn: Kaffee und endlich Klarheit
Mittwoch, siebzehn Uhr zwölf.
Noch sieben Tage bis zum Vollmond.
„Okay, Männer“ sagt James. „Machen wir es wie früher. Einer für alle, alle für einen.“
„Wohl gesprochen, Bruder“ sagt Sirius und schlingt den Arm um James’ Schultern. „Lass uns einmal mehr in den Krieg ziehen, denn es wird echte Helden brauchen, um diese bösen Kreaturen vom Antlitz der Erde zu fegen.“
„Wenn ihr nicht gleich die Klappe haltet, schmeiß ich euch raus“ sagt Remus und beäugt kritisch die große, schwarze Henkeltasse, aus der es dampft.
„Okay“ sagt Peter. „Uhrenvergleich. Die Mission Füllt Moony ab beginnt… jetzt.“
Alle schweigen und sehen Remus erwartungsvoll an, der sich zögernd der Tasse nähert. Er ist ein bisschen wackelig auf den Beinen, und wenn Lily sieht, dass er aufgestanden ist, wird ihr bloßer Zorn ihn wieder ins Bett zurück katapultieren, aber in ein paar Stunden wird er sowieso entweder gesund oder an einem Koffeinschock verstorben sein, und so sieht er nicht ein, warum er sich ein bisschen Würde versagen sollte.
Remus streckt die Hand nach der Tasse aus. Nur Millimeter, bevor seine Fingerspitzen das warme Porzellan berühren, zuckt er zurück.
„Ich will es in der Spritze“ sagt er weinerlich. „Ich will das nicht trinken!“
„Sie haben es dir doch erklärt“ sagt Peter geduldig. „Die Wirkung des Koffeins wird durch die vielen anderen chemischen Verbindungen im Kaffee unterstützt. Dieses subtile Zusammenspiel kann man nicht einfach in ein Serum kopieren.“
„Dann sollen sie weiter forschen“ jammert Remus. „Ich kann noch eine Weile durchhalten!“
„Das sagst du jetzt, während in deinem Blut Ruhe herrscht“ sagt Peter. „Aber es ist eine scheinbare Ruhe. Während du dich gut fühlst, holen die Killerparasiten zum finalen Schlag aus. Sie fressen deine Lykantrozyten von innen heraus auf, und sie vermehren sich und vermehren sich und vermehren sich, und dann, alle auf einmal, zerreißen sie die Zellhülle deiner längst abgestorbenen Lykantrozyten und ergießen sich in dein Blut und fluten dich mit Myriaden neuer, hoch aggressiver Erreger…“
„Ist gut, ist gut!“ unterbricht Remus hastig, greift nach der Tasse und trinkt.
„Gut gemacht, Pete“ sagt James und grinst. „Alles eine Frage der Motivation.“
Remus trinkt die Tasse in einem Zug leer. Das Zeug ist dick, schwarz und schmeckt wie flüssiger Straßenbelag. Remus stellt die Tasse ab und keucht.
„Und?“ fragt Sirius neugierig.
„Das Innere meines Mundes wird nie wieder so sein wie vorher“ sagt Remus.
„Und gleich noch einen“ sagt James und füllt die Tasse an der großen Drei-Liter-Partykanne.
„Ich hab’s mir überlegt“ sagt Remus. „Ich will doch lieber sterben.“
oooOOOooo
Siebzehn Uhr achtundfünfzig.
„Du zitterst“ sagt Lily.
„Ich zittere, weil mein Puls irgendwo bei sechstausend ist, und weil mein Herz demnächst meinen Brustkorb durchschlagen wird!“ faucht Remus.
„Halte trotzdem still, sonst verfehle ich die Vene und muss doppelt stechen“ sagt Lily. Sirius jault und zieht den Kopf ein. Mit geübtem Griff setzt Lily die Spritze und nimmt Remus Blut ab.
„Stell dich nicht an“ sagt sie zu Sirius, der sein Gesicht im Vorhang versteckt. „Du bleibst heute verschont.“
„Ich kann das trotzdem nicht sehen“ murmelt Sirius schaudernd.
„Du sagtest, sein Herz würde die Belastung gut verkraften?“ fragt Peter vorsichtig.
„Alles getestet“ sagt Lily. „Er hat ein Herz wie ein Pferd. Kann gar nichts passieren. So.“
Sie entfernt die Nadel und drückt einen Wattebausch auf die Einstichstelle.
„In einer Stunde haben wir das Ergebnis.“
„Wie schön“ murmelt Remus. „Wenn ich dann noch lebe.“
„Wie viel bisher?“
„Ein halber Liter.“
„Prima. Aber du musst das noch steigern.“
Remus seufzt. James füllt Kaffee nach.
„Ist sie weg?“ fragt Sirius aus dem Vorhang, kaum dass Lily mit der Blutprobe den Raum verlassen hat.
„Yepp“ sagt James.
„Puh“ sagt Sirius und kommt aus dem Vorhang, die Flasche Feuerwhiskey im Arm. „Das war knapp.“
„Hier“ sagt James und hält Sirius die Tasse hin. „Verlängern.“
„Ich bin immer noch nicht sicher, ob das gut ist“ sagt Peter kritisch, während Sirius die Tasse großzügig bis zum Rand füllt.
„Warum hast du die Flasche dann auf Station geschmuggelt?“ fragt Remus.
„Klar ist das gut“ sagt James. „Alkohol desinfiziert, das weiß jedes Kind.“
„James hat mich überredet“ sagt Peter. „Ein Krüppel kommt überall ohne Kontrolle rein.“
„Tasse“ sagt Remus und streckt die Hand aus. James überreicht sie ihm wie eine Trophäe.
„Cheers“ sagt Remus und trinkt, während die anderen die Flasche herum gehen lassen.
„Erzähl mal“ sagt Sirius zu Peter, während Remus die Tasse abstellt und sich schüttelt, dass seine Zähne aufeinander schlagen. „Wie läuft es denn mit der süßen Krankenschwester?“
„Na ja“ sagt Peter. „Sie läuft. Ich nicht. Aber zumindest kommt sie jeden Tag mal vorbei und überprüft meine Medikation… und…“
„Und?“ sagt James erwartungsvoll.
„Nichts und“ sagt Peter deprimiert.
„Das heißt, sie kommt, aber du nicht“ sagt Sirius. James prustet, und Peter schlägt sich die Hand vor die Augen.
„Meine Herren“ sagt Remus und fragt sich, ob es das viele Koffein ist, oder doch der Feuerwhiskey, der seine Zunge so schwer und sperrig im Mund macht. „Meine Herren, ich bekomme gerade so eine Ahnung, wie es hätte sein können, wenn wir alle zusammen zur Schule gegangen wären.“
„Wir sind zusammen zur Schule gegangen“ erinnert James ihn und packt die Feuerwhiskeyflasche am Hals. „Gleicher Jahrgang, sogar.“
„Aber wir waren nicht in einem Haus, oder einem Schlafsaal“ sagt Remus. „Und ich danke dem Schicksal, Gott, Allah und Re dafür.“
„Was ist mir Buddha?“ fragt Sirius und lässt sich träge aufs Bett fallen.
„Buddha ist kein Gott“ sagt Remus.
„Egal“ sagt Sirius. „Aus dir hätten wir einen prachtvollen Marauder gemacht. Ehrlich.“
„Danke, ihr Götter“ murmelt Remus.
oooOOOooo
Achtzehn Uhr dreiunddreißig.
„Ich kann meine Beine nicht spüren“ sagt Remus mit geschlossenen Augen.
„Hahaha“ sagt Peter. „Prima, so ein Zufall. Ich meine auch nicht, schon seit fünf Jahren.“
„Was machst du, wenn du pinkeln musst?“ fragt Remus.
„Ich pinkele im Sitzen“ sagt Peter. „Ein Mann muss nicht im Stehen pinkeln, um ein Mann zu sein.“
„Und es ist ein böses Gerücht, dass Werwölfe einen Baum brauchen, um ihr Beinchen zu heben“ sagt James und schüttet sich aus vor Lachen.
„Wieso musst du schon wieder pinkeln?“ fragt Sirius.
„Hattest du noch nie zu viel Kaffee?“ fragt Remus.
„Hm“ sagt Sirius nachdenklich. „Du warst aber erst vor zehn Minuten.“
„Und vor zwölf. Und vor siebzehn. Merlin! Hört auf, übers Pinkeln zu reden. Das ist ja unerträglich.“
„Du hast angefangen“ sagt James und zeigt mit spitzem Finger haarscharf an Remus vorbei.
„Ich muss pinkeln, aber ich spüre meine Beine nicht“ murmelt Remus und arbeitet sich mit geschlossenen Augen von seinem Bett in die Höhe.
„Meinen Rollstuhl kriegst du nicht“ sagt Peter.
„Du darfst auf allen Vieren kriechen“ bietet James an. „Wir sagen es nicht weiter.“
„Soll ich dir eine Bettflasche bringen?“ bietet Sirius an.
„So weit kommt’s noch“ schnaubt Remus. „Quatsch! Ich schaffe das. Ich habe noch niiiiiiiiiieee…“
„Hoppla“ sagt Sirius und äugt über den Bettrand, wo Remus gerade polternd zu Boden gegangen ist.
„Autsch“ sagt James mitfühlend.
„Alles im Griff“ sagt Remus und zieht sich am Bettgestell hoch. „Nichts passiert. Gleich wieder da. Muss… pinkeln.“
oooOOOooo
Achtzehn Uhr neununddreißig.
„Er braucht echt lange, um zu pinkeln, meint ihr nicht?“ murmelt James und betrachtet melancholisch die Flasche, die schon zu zwei Dritteln leer ist.
„Ich mische mich da nicht ein“ sagt Peter. „Zu intim.“
„Sirius?“
„Nein!“
Achtzehn Uhr einundvierzig.
„Moony?“
Sirius hat es geschafft, die schmale Tür zum Badezimmer zu erreichen, obwohl es, vom Bett kommend, einen steilen Berg zu bewältigen galt.
„Moony, geht es dir gut?“
Es dauert eine Weile, bevor die Antwort kommt.
„Ja. Mir geht’s gut.“
„Kommst du wieder raus?“
„Nein.“
„Ähm, okay.“ Sirius macht eine Denkpause.
„Moony?“
„Ja?“
„Warum nicht?“
„Dieses Badezimmer ist schön. Klein, aber schön. Okay. Klein und hässlich, aber schön. Man verbringt sowieso viel zu wenig Zeit im Badezimmer.“
„Habt ihr eine Ahnung, wie lange ich morgens brauche, bis meine Haare so gut aussehen wie der Rest von mir“ sagt James düster.
„Wir haben eine Ahnung“ sagt Peter. „Jeder, der mit dir in Griechenland an dieser Bushaltestelle irgendwo im Nirgendwo war und den Bus von hinten gesehen hat, weiß, wie lange du für deine Haare brauchst.“
„Mann, war das staubig“ erinnert James sich versonnen.
„Moony, komm raus“ sagt Sirius zu der Tür.
„Nein“ sagt die Tür.
„Komm raus jetzt“ sagt Sirius. „Komm schon, Moony. Mach mir keine Angst.“
„Es geht nicht“ sagt die Tür kleinlaut. „Ich kann hier nie wieder rauskommen.“
„Was ist los?“
„Nichts!“
„Moony, warte! Lauf nicht weg. Ich komme jetzt rein.“
„Nein!“
„Alkohomoora!“
Das Schloss schmilzt zu einem schwarzen, rauchenden Klumpen, der Sirius polternd vor die Füße fällt.
„Ups“ sagt James.
„Was wollt ihr“ sagt Sirius schulterzuckend. „Offen.“
Im gleichen Augenblick öffnet die Tür sich einen Spalt. Remus’ Arm im karierten Pyjama erscheint, packt Sirius am Hemd und zerrt ihn nach drinnen.
„Hooooo…“ macht Sirius, dann schließt sich die Tür mit einem Knall. Flirrendes Neonlicht dringt durch das faustgroße Loch, das einmal ein Schloss gewesen ist.
James und Peter sehen sich an.
„Okay“ dringt Sirius’ Stimme durch die geschwächte Tür. „Was ist… Haah! Ja hallo! Du hast einen… einen…“
Dann Remus’ verzweifeltes Zischen: „Sprich es aus, und du bist tot.“
„Einen Riesen-Ständer!“
„Das war’s.“
Dumpfes Rumpeln, dann wird das flimmernde Neonlicht plötzlich ausgelöscht und durch einen karierten Stoffklumpen ersetzt, der von der Innenseite unsanft in das Loch gestopft wird.
James nimmt einen langen Schluck.
„So ist das immer auf Partys“ sagt Peter betrübt. „Irgendwann verziehen sich alle Pärchen, und man sitzt alleine und blöd herum.“
„Wem sagst du das“ seufzt James.
„Flasche“ sagt Peter und streckt die Hand aus. James reicht sie ihm hinüber. Peter trinkt und stößt zischend Luft aus.
„Brillant“ sagt er. „Schmerzmittel und Feuerwhiskey. Man gönnt sich ja sonst nichts.“
„Wirkt es schon?“
„Entweder biegt sich der Kleiderschrank dort drüben tatsächlich durch wie gekochter Spargel, oder ja. Es wirkt schon.“
„Cool“ murmelt James. „Jemand sollte nüchtern bleiben, um das zu überwachen.“
Unterdrücktes Stöhnen und dumpfes Rumpeln aus dem Bad.
„Oder auch nicht“ sagt James. „Cheers.“
oooOOOooo
Neunzehn Uhr Eins.
„Sirius“ sagt Lily. „Warum hast du nichts an?“
„Ich habe etwas an“ sagt Sirius und zeigt auf seine Körpermitte.
„Das ist ein Handtuch“ sagt Lily. „Das zählt nicht als Kleidungsstück. Wenn du Kreacher ein Handtuch schenkst, ist er noch längst nicht frei.“
„Es ist kein Handtuch, sondern ein Lendenschurz“ sagt Sirius würdevoll.
„Beiseite, Tarzan“ sagt Lily. „Ich muss Jane Blut abnehmen. Das Ergebnis der ersten Blutprobe ist erfreulich positiv, die Behandlung scheint zu… Remus? Wo ist dein Pyjamaoberteil? Willst du dich zu allem Überfluss noch erkälten?“
„Es steckt in der Tür“ sagt Remus und zeigt mit dem Finger.
„Okay“ sagt Lily langsam. „Dies ist definitiv eine Situation, in der ich nicht wissen wollen sollte, was hier vor sich geht. Aber ich bin im Dienst, hier geht es um Leben und Tod, und deshalb kann ich mir den Luxus nicht leisten, nicht wissen zu wollen, was hier vor sich geht!“
„Uh?“ sagt Sirius und blinzelt, während Remus mit glücklichem Lächeln Küsse auf Sirius’ Brust verteilt.
„Was zum Teufel geht hier vor!“ brüllt Lily.
„Koffein-Überdosis“ erklärt James mit schwerer Zunge. „Macht Halluzinationen… Zittern… Schwindel…“
„… und scharf wie Nachbars Pudel…“ ergänzt Sirius mit beinahe andächtiger Miene.
„Ihr hattet keinen Kaffee“ sagt Lily. „Remus hatte Kaffee.“
Sie tritt auf ihren Ehemann zu, beugt sich über ihn und schnuppert.
„Ihr hattet Schnaps“ stellt sie fest. James hebt die Schultern und macht Unschuldsaugen, die beinahe so groß und rund sind wie seine Brillengläser.
„Ihr seid schöne Freunde!“ schimpft Lily. „Remus kämpft um sein Leben, und ihr veranstaltet ein Saufgelage, vor seinen Augen! Ich dachte, ihr wolltet ihn unterstützen, ich dachte, ihr würdet… Remus!“
„Hmmmh?“
„Nimm deine Zunge aus Sirius raus und lenk ihn nicht ab! Dies ist auch seine Standpauke!“
„Entschuldigung“ sagt Remus und grinst verschämt. „Ihr wisst doch, wie das ist. Wenn ich betrunken bin, fallen meine Hemmungen.“
James stöhnt und schlägt sich die Hand vors Gesicht.
„Betrunken im Sinne von Kaffee“ sagt Peter schnell. „Zu viel Kaffee kann manchmal dieselbe Wirkung haben wie Alkohol… nicht dass du denkst, wir hätten…“
„Klappe, Pettigrew!“ faucht Lily.
Peters Mund schnappt zu.
Lily baut sich vor Remus auf. Ihre Augen glitzern gefährlich. Die Spritze in ihrer Hand nimmt sich aus wie ein Mordwerkzeug.
„Wenn ich Blutalkohol bei dir feststelle, bist du ein toter Mann, Lupin. So oder so! Arm her!“
Remus hält ihr den Arm hin und streichelt mit der freien Hand Sirius tröstend übers Haar, der beim Anblick der Spritze zu wimmern begonnen hat. Lily desinfiziert und sticht beherzt zu. Remus verzieht keine Miene.
„Und du, James Potter“ fährt Lily fort, während dunkles Blut in das Röhrchen tropft, „bist ein geschiedener Mann. Und du, Pettigrew… du… na, für dich lasse ich mir auch noch etwas einfallen.“
„Nur kein Mitleid mit dem Krüppel“ sagt Peter und prostet Lily mit der Flasche zu.
„Remus, ich kann nicht glauben, dass du getrunken hast“ sagt Lily, und ehrlicher Zorn flammt jetzt in ihren Augen.
„Ich wurde genötigt“ bietet Remus schüchtern an. „Ich hab’s nicht bemerkt… sie haben es mir heimlich in die Tasse getan…?“
„Verräter“ sagt Sirius verletzt. „Ich korrigiere meine Einschätzung. Aus dir wäre niemals ein echter Marauder geworden.“
Lily zieht die Spritze ab, und Remus winkelt den Arm an, um die Blutung zu stoppen.
„Ich werde nicht tatsächlich sterben wegen des Alkohols, oder?“ fragt er. Plötzlich fühlt er sich unangenehm nüchtern.
„Ich weiß es nicht“ sagt Lily. „Ich glaube nicht. Aber wenn wir den Erreger in den Griff bekommen, werden wir nie erfahren, ob der Kaffee auch ohne Alkohol Wirkung gezeigt hätte. Was wiederum bedeutet, dass wir die Handvoll infizierter Werwölfe, die hier in Quarantäne liegen, nicht nur alle mit Kaffee behandeln, sondern auch alle betrunken machen müssen!“
„Klingt nach der Party des Jahres“ sagt James, der es sich mittlerweile auf dem freien Bett gegenüber bequem gemacht hat.
„Es gibt noch mehr infizierte Werwölfe?“ fragt Remus erschrocken.
„Sie sind im Anfangsstadium“ sagt Lily. „Wenn wir dich heilen können, können wir’s bei ihnen allemal.“
„Aber wie kommt das? Ich bin der einzige Werwolf im Team, und der einzige Wolf, der mit Meres-Ankh Kontakt hatte!“
„Tja“ sagt Lily und fixiert Sirius. „Irgendwo hat es da wohl eine undichte Stelle gegeben.“
Remus sieht Sirius an, der sein unschuldigstes Gesicht macht.
„Das ist eine lange Geschichte, für die wir jetzt alle viel zu betrunken sind“ sagt James.
„Irgendwann bin ich wieder nüchtern“ sagt Remus.
„Lass dir Zeit damit“ sagt Peter und hält Remus die Flasche hin.
Lily stemmt die Fäuste in die Hüften und starrt Remus an. Der zieht den Kopf ein.
„Tut mir leid“ murmelt er. „Kommt nicht wieder vor.“
„Kein Tropfen mehr, verstanden?“
„Ist gut. Entschuldige.“
Lily nickt und zeigt auf die Kaffeekanne.
„Wie weit bist du?“
„Keine Ahnung. Ein Liter, bisschen mehr vielleicht.“
„Soviel zum Thema Die Einnahme protokollieren“ sagt Lily. „Wie fühlst du dich?“
„Betrunken. Aber… hm. Entspannt.“
Remus grinst und sieht hinüber zu Sirius, der sich aufs Bett geworfen hat und nun die Decke über sich zieht.
Lily greift nach Remus’ Handgelenk und fühlt den Puls.
„Deutlich erhöht“ sagt sie. „Das war zu erwarten. Ruf mich, wenn du dich schlechter fühlst. Und trink Kaffee. Ansonsten sehe ich in einer Stunde wieder nach dir. Da gibt es noch eine Handvoll Wölfe in Quarantäne, um die niemand von den Kollegen sich so recht kümmern will.“
„Brauchen die alle ein Vollmond-Ritual?“
„Nicht, wenn ich jetzt in Ruhe meine Arbeit machen kann.“
„Verstanden. Grüß schön.“
Lily nickt und verschwindet durch die Tür.
„Sie ist weg“ sagt Remus. „Flasche, bitte.“
„Du würdest einen prima Ehemann abgeben“ sagt James. „Respekt.“
Remus stürzt eine neue Tasse Kaffee-Whiskey-Gemisch hinunter.
„Die Schnittstelle zwischen Ehemännern und Werwölfen“ sagt er, während das Zimmer sich sachte um ihn dreht. „Die ständige Notwendigkeit, sich Ausreden einfallen zu lassen.“
„Weise gesprochen“ sagt James. „Flasche, bitte.“
„Kommen wir noch mal auf die Geschichte von der undichten Stelle zurück“ sagt Remus und überreicht James die Flasche, was auf den zweiten Anlauf tatsächlich gelingt. „Was für eine undichte Stelle hat der Stern meiner schlaflosen Nächte?“
„Zu betrunken“ sagt James und macht eine fahrige Geste.
„Lass dein Herz doch erst mal mit dem Koffein fertig werden“ sagt Peter.
„Vielen Dank“ sagt Remus. „Sehr beruhigend.“
Er sieht hinüber zu Sirius, der auf dem Krankenbett hingegossen liegt wie ein griechischer Gott. Nur zu deutlich zeichnen sich die muskulösen, langen Beine unter der leichten Decke ab. Sirius lächelt sein Sternenlächeln und hält die Hand aus dem Bett. Von seinen Fingerspitzen gleitet das Handtuch und bildet einen kleinen, weißen Haufen auf dem grauen Linoleumboden.
„Muss…“ sagt Remus zu James und zeigt auf den Gott in seinem Bett. „Keine Zeit zum Reden. Muss p… p… f… küssen gehen.“
James nickt seufzend und umarmt seine Flasche.
„Ich bin so froh, dass ich betrunken bin“ murmelt er, während Remus die Bettdecke anhebt und zu Sirius zwischen die Laken gleitet.
oooOOOooo
Neunzehn Uhr einundvierzig.
„Pete“ sagt James. „Wenn ich dich nicht hätte. Du bist mein allereinzigster, bester, bester Freund.“
„Ich weiß“ sagt Peter. „Immer, wenn Sirius seine schwule Phase hat.“
James seufzt und lässt den Kopf nach hinten gegen die Wand fallen. Peter erwartet nicht ernsthaft eine Antwort. James ist sternhagelvoll. Auch er, Peter, hat einen schweren Kopf, in dem das Denken sich verlangsamt abspielt, aber er hat schon immer mehr vertragen als James, oder sich noch nie so gehen lassen.
„Es ist okay“ sagt Peter. „Ich weiß schon, mit wem ich konkurrieren kann, und mit wem nicht. Ich bin lieber die Nummer zwei, oder drei, oder vier, als gar nicht mit dir befreundet.“
„Hmmm“ murmelt James, nimmt die Brille ab und reibt sich die Augen. Er wird sich morgen an nichts erinnern können, und das ist gut so. Peter könnte nie so ehrlich sein, wenn James nicht betrunken wäre.
„Ich bin froh, dich zu haben“ sagt Peter. „Es gibt nicht viele Zauberer, die mit einem Krüppel befreundet sein wollen.“
„Sag nicht immer Krüppel“ murmelt James. „Du bist kein Krüppel.“
„Ich kann nicht gehen“ sagt Peter. „Ich würde es nicht spüren, wenn eine Herde Zentauren mir über die Füße trampeln würde. Ich werde nie wieder eine Glühbirne auswechseln, ohne Zuhilfenahme eines Zaubers. Wenn ich nachts aus dem Bett falle, brauche ich eine halbe Stunde, bis ich mich in den Rollstuhl gearbeitet habe, oder zurück ins Bett.“
„Du musst lernen, dich selbst zu levitieren“ sagt James und zeigt mit seiner Brille an Peter vorbei in den dunklen Gastraum der Krankenhauscafeteria.
„Ich bin kein Superhirn“ sagt Peter seufzend. „Ich bin nicht Remus. Als ich zuletzt versucht habe, mich selbst zu levitieren, drehte ich mich zehn Minuten lang in der Luft um mich selbst, ehe es von selber aufhörte.“
„Üben, üben, üben“ sagt James.
„Ich übe“ sagt Peter. „Aber ich weiß auch, wann ich mich mit etwas abfinden muss.“
James seufzt.
„Es tut mir Leid“ sagt er. „Wirklich, Pete. Ich wusste nichts von den Spinnen… und es war alles so chaotisch… ich habe wirklich nicht mehr daran gedacht, dass du…“
„Fang nicht schon wieder damit an“ sagt Peter. „Es war meine Entscheidung. Du weißt, ich hätte ihnen auch den Kopf hingehalten, wenn du mich darum gebeten hättest.“
Für eine Weile schweigen sie und schauen durch die großen Fenster hinaus in den Park mit den alten Bäumen, der in Wahrheit nicht mehr ist als ein magerer, magisch vergrößerter und verbesserter Grünstreifen.
„Ich schiebe dich durch Diagon Alley“ sagt James mit schwerer Zunge. „Rauf und runter. Rauf und runter. Sie sollen alle sehen, dass es toll ist, mit dir befreundet zu sein.“
„Nein danke“ wehrt Peter ab. „Du weißt, mich interessiert längst nicht mehr, was die Zaubergesellschaft denkt.“
James nickt und seufzt.
„Sie wollen den Krieg vergessen“ sagt Peter leise. „Sie wollen so tun, als wäre er nie passiert. Ich verstehe das. Ich würde das auch gerne tun.“
„Wir können alle nicht vergessen“ sagt James. „Lily hat Alpträume. Oft. Und es hat ewig gedauert, bis Harry wieder in seinem eigenen Zimmer schlafen konnte. Wenn wir nicht aufpassen, wird er ein überbehütetes nervliches Wrack.“
„Warte, bis er nach Hogwarts kommt“ sagt Peter. „Hogwarts wird es richten. Denk an uns. Was wären wir ohne Hogwarts.“
„Nicht schwul, vielleicht“ sagt James düster.
„Ja, genau“ sagt Peter. „Lasst uns Hogwarts für Werwölfe verbieten, damit sie sich nicht als schwul heraus stellen und arme, unschuldige, reinblütige Jugendliche umdrehen.“
„Huh?“
„Wenn du mit jemandem Diagon Alley rauf und runter laufen solltest, dann nicht mit mir, sondern mit deinen beiden schwulen Freunden“ sagt Peter. „Das wäre mal nötig.“
„Sirius ist nicht schwul.“
„Nein, ist klar. Und das, was er mit Remus gerade macht, läuft unter lebenserhaltende Maßnahmen, oder wie?“
„Ich habe nichts gegen Schwule. Schwulsein ist nur… unnatürlich. Ich meine, er hatte immer Mädchen! Schöne Frauen. Sirius sollte eine schöne Frau im Arm haben, keinen dünnen, frühzeitig ergrauten, Strickjacken tragenden Kerl.“
„Merlins Bart, Potter, du bist ein Idiot! Was willst du machen, wenn Harry eines Tages schwul wird? Ihn verstoßen und enterben, wie es die Blacks mit Sirius gemacht haben?“
James, der auf dem Boden sitzt, sieht zu Peter hinauf, offensichtlich schockiert.
„Denk mal drüber nach“ sagt Peter. „Jeder zehnte bis zwanzigste ist homosexuell. Das sind hundert bis zweihundert Zauberer in London. Und wer weiß wie viele tausend Muggel drum herum.“
„Ich würde Harry immer lieben“ sagt James. „Auch wenn… aber… es wäre mir schon lieber, wenn er nicht…“
„Stell dir nur vor“ sagt Peter und versteckt sein Grinsen in der Dunkelheit, „Er ist im fünften oder sechsten Schuljahr, und es flattert dir ein Elternbrief rein, in dem steht, dass man Harry im Wandschrank erwischt hat, mit Draco Malfoy, während der Unterrichtszeiten…“
„Du hast ein Talent, den Teufel an die Wand zu malen“ sagt James dumpf.
„Ich weiß“ sagt Peter. „Das erwirbt man sich, wenn man durch die Hölle geht.“
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„Aaaaah!“
„Was? Was? James?!“
„James! Hast du sie noch alle! Kannst du nicht klopfen!“
„Schuldigung“ nuschelt James von der Tür. „Ich wollte euch nur sagen… ich liebe euch, und ich werde euch nicht enterben, und, Sirius, du wirst immer mein Bruder sein, egal wie schwul du bist.“
„Das will ich noch mal von dir hören, wenn du wieder nüchtern bist“ sagt Sirius und wischt sich lange, verschwitzte Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Vor allem den Teil mit dem Erbe“ sagt Remus und schiebt Sirius sachte von sich runter.
„Und wenn Harry schwul wird, seid ihr schuld, aber ich werde ihn trotzdem immer lieben, egal in welchem Wandschrank er es mit Draco treibt“ proklamiert James.
„Wandschrank? Draco?“
„Hogwarts“ nuschelt James.
„Ach so“ sagt Remus. „Ich empfehle den im dritten Stock, in der Kunsterziehung.“
„Mit wem warst du im Kunsterziehungs-Wandschrank?“ fragt Sirius verblüfft.
„Mit einem jungen Herren, der schon damals Wert auf Diskretion legte“ sagt Remus mit feinem Lächeln.
„Ich war’s nicht“ sagt Sirius eingeschnappt.
„Unschwer zu erkennen, nachdem Diskretion für dich schon immer ein Fremdwort war. James? War’s das, oder noch irgendwelche Ergüsse?“
„Wie wär’s mit einem Dreier?“
„Klappe, Sirius.“
„Dann sprich nicht von Ergüssen.“
„James? Mach die Tür zu, wenn du gehst.“
„Was macht ihr da eigentlich?“ fragt James und legt kritisch den Kopf schief.
Remus seufzt.
„Blutdruck messen“ sagt er. „Oder wonach sieht es denn aus?“
„Hmmmh“ macht Sirius und fummelt unter der Decke. „Ich muss sagen, du hast da einen ganz gewaltigen… Blutdruck.“
„Was für ein Irrenhaus“ stöhnt Remus. „James – raus! Sirius – Finger weg, bis James draußen ist!“
„James“ murmelt Sirius, „raus.“
„Ich finde, ihr solltet toller… toller… toleranter sein“ verkündet James. „Es ist nicht schlimm, hetero zu sein. Nichts wofür man sich schämen muss. Drei von zehn Heteros sind… hetero.“
„Raus!“ Zweistimmig.
„Uhm. Okay.“ James dreht sich einmal um sich selbst und bleibt schwankend stehen.
„Ich hab’ meine Brille verloren“ sagt er unglücklich.
„Hier ist sie“ kommt Peters Stimme von der Tür. Er ist ein bisschen außer Atem und rot im Gesicht.
„Entschuldigt, Jungs“ sagt er. „Er ist mir abgehauen. Ich war nicht schnell genug.“
„Sei so gut und nimm ihn mit, ja?“ sagt Remus. „Er findet allein nicht mehr zur Tür.“
„Kein Problem“ sagt Peter. „Hier, James. Komm zu mir, und dann rollen wir ab.“
„Wie steht es um den Blutdruck?“ fragt Sirius an Remus’ Ohr.
„Gesunken“ sagt Remus frustriert.
„Das macht nichts“ sagt Sirius und schlingt den Arm um Remus’ Mitte. „Das haben wir gleich.“
„James“ sagt Peter sehr betont, „wir gehen. Ehe Lily dich erwischt.“
„Schnell weg“ sagt James erschreckt, und Peter wendet den Rollstuhl und folgt dem schwankenden James zufrieden hinaus auf den Gang.
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Mittwoch, dreiundzwanzig Uhr achtundneunzig.
„Jetzt weißt du, warum ich schon zu Schulzeiten nie Kaffee getrunken habe“ sagt Remus mit geschlossenen Augen.
„Uh?“ macht Sirius, der an Remus’ Schulter liegt wie ein angeschwemmtes Stück Treibholz.
„Ich wollte dich nicht schon zum Frühstück bespringen“ sagt Remus. „Mitten in der großen Halle, quer über alle Tische.“
„Wir haben erst angefangen, Sex zu machen, als wir kurz vor dem Abschluss waren“ murmelt Sirius.
„Das sagt nichts darüber aus, wie lange vorher ich das schon tun wollte“ sagt Remus. „Und wie schlecht ich mich deshalb gefühlt habe, aber das ist ein anderes Thema.“
„Mmmmh“ macht Sirius. „Ab jetzt regelmäßig Kaffee. Alles andere wäre eine Verschwendung von Talent.“
Remus rückt sich zurecht und macht einen tiefen Atemzug in Sirius’ Haare hinein. Er ist todmüde, aber das Koffein aus zwei Litern Kaffee tobt durch seine Adern und wird ihn vermutlich nie wieder schlafen lassen.
„Hab’ ich das geträumt“ murmelt Sirius, „oder hat James uns vorhin einen Dreier angeboten?“
„Frag’ ihn morgen selbst“ sagt Remus mit boshaftem Grinsen. „Aber warte, bis ich dabei bin. Dieses Gesicht will ich nicht verpassen.“
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Donnerstag, ein Uhr drei.
Lily hat das jüngste Laborergebnis schwarz auf weiß in der Hand.
„Er ist stabil“ sagt sie benommen. „Er hat’s geschafft!“
Dann bricht sie in Tränen aus.
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Die nächste Teamsitzung findet in Godric’s Hollow statt. Man hat sie kurzfristig dorthin verlegt, nachdem der eigentliche Treffpunkt, Remus’ und Sirius’ gemeinsames Wohnzimmer, noch Minuten vor der vereinbarten Zeit aussieht, als hätte ein mittelschwerer Granatwerferüberfall dort stattgefunden.
„Ich wollte Lala leihen“ versichert Sirius zerknirscht, „aber meine Mutter hat sie erwischt und ihr andere Aufgaben gegeben. Du weißt, Master Black ist noch nicht Oberhaupt der Familie.“
„Es gibt Leute, die kriegen ein Chaos auch ohne die Hilfe von Hauselfen in den Griff“ sagt Remus streng. „Mehr noch, es gibt Leute, die lassen ein solches Chaos erst gar nicht entstehen!“
„Ich war kaum zu Hause. Ich hatte keine Zeit, aufzuräumen.“
„Wenn du kaum zu Hause warst, wann hast du dann dieses Chaos angerichtet?“
Sirius hebt die Schultern und verlegt sich auf seinen himmelblauen Hundeblick.
„Ich räum’ das später auf. Versprochen.“
„Na gut“ sagt Remus gnädig.
„Hilfst du mir?“
„Ich? Ich bin viel zu schwach. Wenn das hier vorbei ist, muss ich mich ausruhen.“
„Zu schwach, Merlins Arsch“ murrt Sirius.
„Arsch sagt man nicht“ sagt Harry wichtig.
„Harry!“ kommt Lilys Stimme von draußen. „Geh in den Garten, mit Dudley spielen! Petunia passt auf euch auf.“
„Dudley ist blöd!“ beschwert sich Harry lautstark.
„Selber blöd!“ schreit Dudley aus dem Flur zurück.
Lily erscheint auf der Türschwelle.
„Die letzten sind angekommen“ sagt sie und bläst sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Bitte, hier entlang. Harry, geh in dein Zimmer, oder den Garten! Die Erwachsenen müssen jetzt etwas besprechen.“
„Sirius soll mitkommen!“ verlangt Harry und klammert sich an Sirius’ Bein.
„Ich kann nicht. Ich werde hier gebraucht“ sagt Sirius und löst vorsichtig den kindlichen Klammergriff. „Aber wenn du jetzt brav bist, gehe ich nachher mit dir ein Eis essen. Versprochen.“
„Nu du und ich?“
„Klar. Nur du und ich.“
„Bei Fortescue’s? Ein großes, mit Sahne? Und Soße?“
„Und Streuseln. Und Glitzerlöffel.“
„Und danach noch in den Spielzeugladen?“
„Übertreib’ es nicht. Ich habe heute noch ein Chaos aufzuräumen.“
„Was ist ein Kahos?“
„Schwirr ab, Kumpel. Wir sehen uns später.“
Harry zieht ein Gesicht und geht zögernd, als hätte man ihm die Hausschuhe am Teppich festgeleimt.
Schließlich sind alle im Wohnzimmer versammelt: das Archäologenteam, der Tränkemeister, Lily, James, und Meres-Ankh. Es ist schon ziemlich eng, als sie erscheint, unter der Tür stehen bleibt und die Versammlung mustert wie eine Königin ihr Gefolge.
Sirius spürt, wie Remus neben ihm verkrampft und zurückweicht.
„Wer ist das?“ fragt Remus, gedämpft unter dem halblauten Geräuschteppich der Begrüßungen und des Tee-Anbietens. „Warum ist sie hier?“
„Sie ist eine Werwölfin“ sagt Sirius, während er noch angestrengt überlegt, wie er die unglaubliche Wahrheit häppchenweise präsentiert.
„Das spüre ich selbst!“ zischt Remus. „Sie ist eine Alpha. Sie wird mich hier nicht dulden!“
„Quatsch“ sagt Sirius. „Sie ist überhaupt nur wegen dir hier. Natürlich wird sie dich dulden. Aber wenn der Gedanke dich beruhigt: Du darfst sie unter die Erde bringen.“
„Wie bitte?“
Sirius seufzt.
„Das ist eine lange Geschichte.“
Eine lange Geschichte später sieht Remus von einem zum anderen und fragt sich, ob er gerade einem gewaltigen, heimlich verabredeten Scherz aufsitzt.
„Darf ich zusammenfassen“ sagt er und massiert sich die Schläfen, hinter denen ein kleiner, nagender Kopfschmerz sitzt. „Sie ist die Inkarnation einer viertausend Jahre alten Prinzessin, deren Geist wir auf der Grabung geweckt haben, und die uns hierher nach England gefolgt ist. Sie sieht ihren Geliebten in meinem Geliebten… Sirius? Hat sie dich angefasst?“
„Äh… nein.“
Remus beobachtet, wie Sirius’ Wangen sich röten. Er lehnt sich auf dem Sofa zurück, schüttelt sich das rabenschwarze Haar aus dem Gesicht und begegnet offen Remus’ Blick. Remus riecht, dass er etwas zu verbergen hat.
Ein dunkles, gefährliches Knurren schleicht sich durch Remus’ Zähne. Er erhebt sich vom Sofa und fixiert Meres-Ankh auf der anderen Seite des Raumes.
„Auch die Wölfe am unteren Ende der Rangordnung haben spitze Zähne“ faucht er. „Sieh dich vor! Er ist mein.“
„Ich weiß“ sagt Meres-Ankh. „Du kannst ihn haben.“
„Und wenn ich dich noch einmal mit deinen Pfoten in seiner Nähe… uh. Entschuldige bitte? Was hast du gesagt?“
„Ich sagte, du kannst ihn haben.“
„Wie viel Zeit wird diese Eifersuchts- und Versöhnungsszene in Anspruch nehmen?“ fragt Severus kühl. „Ich habe ein paar Telefonate zu erledigen.“
„Schon fertig“ sagt Remus verdattert und lässt sich wieder aufs Sofa sinken.
„Schön“ sagt Severus. „Zurück zum Wesentlichen. Die Verabredung zwischen uns – in deinem Namen, sozusagen – und ihr gilt. Wir müssen uns zügig an die Umsetzung machen.“
„Und das ist der Teil, den ich noch nicht ganz verstanden habe“ sagt Remus. „Es kann nicht tatsächlich darum gehen, zwei Mumien und zwei komplette Grabausstattungen aus dem Britischen Museum zu stehlen, sie nach Ägypten zu verfrachten und sie dort im Wüstensand zu verbuddeln? Oder? Ich irre mich doch bestimmt.“
„Nicht im Wüstensand“ sagt Meres-Ankh. „Das wäre nicht standesgemäß. Wenn du dein Handwerk beherrschst, weißt du sicher, dass man nur die niederen Personen im Sand beerdigt hat.“
„Wir dachten, wir könnten eine der zerstörten Grabkammern herrichten“ wirft Lorenzo ein. „M4/78 zum Beispiel. Sie wurde in den Siebziger Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts entdeckt. Sie war zu dem Zeitpunkt schon komplett ausgeraubt. Aber in der Struktur ist sie stabil…“
„Und ihr meint nicht vielleicht, dass es auffallen wird, wenn unsere beiden Mumien einfach so verschwinden?!“ Remus umklammert seine Knie. Er will wirklich nicht schreien, aber die Situation ist so absurd.
„Wir müssen sie natürlich durch Repliken ersetzen“ sagt David Zahedian. „Lady Meres-Ankh mit ihrer fortschrittlichen Magie…“
„… ihrer antiquierten, um genau zu sein…“ wirft Severus ein.
„Wie auch immer“ fährt David unbeirrt fort. „Sie kann uns helfen, ein Ergebnis zu erzielen, das jeder technischen und arkanen Untersuchungsmethode Stand hält.“
„Natürlich“ sagt Remus. „Durch Repliken ersetzen. Völlig klar. Leute, ich bin Archäologe, kein Leichenbestatter! Ich grabe Mumien aus, nicht ein.“
„In diesem Fall wirst du von deinem üblichen Prozedere abweichen müssen“ sagt Severus. „Die Lady hier wird einen Zauber auf dich anwenden, der deine Gesundheit völlig wieder herstellt. Und das wird sie nur tun, wenn wir ihrem Wunsch folgen.“
„Ich dachte, es wäre ein guter Deal“ sagt Sirius geknickt. „Ich konnte nicht ahnen, dass du dich ausgerechnet in diesem Punkt so anstellst.“
„Ich stelle mich an?! Ich verwende Jahre auf dieses Projekt, Tausende von Arbeitsstunden, ich schaufele Sand im Gegenwert einer ganzen Wanderdüne, und jetzt stelle ich mich an?!“
Mist. Geschrieen. Remus zwingt seinen Atem zur Ruhe.
„Black und das Denken“ sagt Severus. „Ein Beweis mehr, dass Rauchen die Gehirnzellen schädigt.“
„Wer sagt, dass die Blacks Gehirnzellen haben?“ sagt Sirius. „Die sind so reinblütig, die funktionieren vollständig arkan.“
„Was passiert, wenn ich den Zauber nicht bekomme?“ fragt Remus.
„Du wirst sterben“ sagt Lily. „Dein lykantrophes Arkanum ist beschädigt. Du wirst während deiner nächsten Wandlung irgendwo zwischen Mensch und Wolf stecken bleiben. Das Zwischenwesen wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht lebensfähig sein.“
Plötzlich ist Remus kalt. Er fasst hinüber und greift nach Sirius’ Hand, während vor seinem inneren Auge alle schlechten Muggel-Horrorfilme gleichzeitig ablaufen, die er, Sirius zuliebe, jemals gesehen hat.
„Der nächste Mond ist in drei Tagen“ sagt er blass.
„Nicht viel Zeit für Wankelmut“ sagt Severus.
„Bitte“ sagt Sirius. „Moony. Tu mir das nicht an.“
„Aspirin“ sagt Remus und streckt die Hand aus. Die Tablettenschachtel zoomt vom Tisch herüber und landet direkt zwischen seinen Fingern.
„Moony!“ schreit Sirius. „Aaah! Gewöhn dir das ab!“
„Was?“ sagt Remus. „Ich habe Kopfweh. Wenn ich die jetzt nicht nehme, werde ich es den ganzen Tag nicht mehr los.“
„Die stablose Zauberei! Gewöhne sie dir ab! Jemand hat dich am Ministerium verpfiffen deswegen – keine Sorge, niemand in diesem Raum – und du hast keine Ahnung, was es mich gekostet hat, die Sache wieder gerade zu biegen!“
„Okay“ sagt Remus. Noch eine lange Geschichte, vermutet er, aber vielleicht keine, die alle Anwesenden in diesem Raum etwas angeht. Er drückt zwei Tabletten aus der Blisterpackung und greift zu seiner Teetasse.
„Undankbare Kreatur“ sagt Meres-Ankh. „Ich könnte dich sterben lassen.“
„Wenn du das tust, nachdem wir uns hier alle den Arsch aufgerissen haben, wirst du bitter bereuen, dass du unsterblich bist“ knirscht Lily.
„Arsch sagt man nicht“ sagt Sirius. „Ansonsten inhaltlich richtig.“
„Leute“ sagt Lorenzo seufzend. „Ich dachte, mit den gegenseitigen Drohungen wären wir fertig. Ich finde, Remus kann sich glücklich schätzen, dass er über beide Komponenten verfügt, die ihn wieder gesund werden lassen. Ich möchte nicht wissen, wie viele Werwölfe im alten Ägypten gestorben sind, weil man schlicht keinen Kaffee kannte. Und diese Geschichte von der Zwischenkreatur möchte ich mir schon gleich gar nicht ausmalen.“
„Lorenzo“ sagt Remus erstaunt. „Du hast fast so lange wie ich an diesem Projekt gearbeitet. Hängt den Herz nicht dran?“
„Doch“ sagt Lorenzo.
„Und da kannst du so einfach…?“
„Ja“ sagt Lorenzo ruhig.
„Oh“ sagt Remus.
„Niemand von uns hat auch nur einen Augenblick gezögert“ sagt David. „Und falls das mit den Repliken jemals rauskommt… nun ja, wir wissen ja, wo die Lady dann liegt.“
„Schiii-riii…“ singt James vor sich hin, „wir wissen, wo dein Besen steht…“
„Schön, dass du auch endlich etwas Sinnvolles beiträgst“ sagt Lily.
„Was soll ich beitragen?“ verteidigt sich James, der am Fenster steht und den Garten im Blick hat. „Als ich zuletzt versucht habe, etwas beizutragen, hast du mir mit Scheidung gedroht!“
„Recht hast du“ sagt Lily. „Trage lieber nichts bei.“
„Immerhin achte ich darauf, dass im Garten niemand zu Schaden kommt“ betont James. „Dass Harry den dicken Dudders nicht in der Regentonne ertränkt. Oder deiner Schwester Schnecken in den Ausschnitt steckt. Oh. Zu spät.“
Sirius grinst und streckt die Hand aus. James klatscht ab.
„Ja“ sagt Remus. „Wenn also alle hier der Meinung sind, dass wir… hm. Ich… äh. Danke.“
Er seufzt klaftertief.
„Trotzdem ist es ein Jammer“ sagt er.
„Die Erde ist ein Jammertal“ sagt Severus ungerührt und erhebt sich. „Entschuldigt mich. Ich muss telefonieren.“
„Okay“ sagt Lily. „Das Wichtigste wäre besprochen. Möchte jemand noch Tee?“
„Jetzt“ flüstert Sirius Remus ins Ohr, während der Gesprächspegel anschwillt, Teetassen durch die Luft schweben und Kekse herum gereicht werden. „Hast du die Kamera?“
„Ja“ sagt Remus und zieht den miniaturisierten Fotoapparat aus der Jackentasche. „Aber mir ist gerade nicht recht danach…“
„Quatsch“ sagt Sirius. „Komm schon. Du brauchst was zu Lachen.“
„Okay“ sagt Remus zögernd. . „Magn-“
„Moony!“
„’Schuldigung.“ Remus zieht seinen Stab aus dem Ärmel.
„Magnificare.“
Mit einem sanften Zischen schwillt die Kamera auf Originalgröße an.
„Schnell“ flüstert Sirius. „Bereit?“
„Hm“ macht Remus und schaltet die Kamera ein.
„Jim? Jim, warte mal!“
„Sirius, ich muss mal eben in den Garten. Sie spielen Fußball mit einem Gartengnom…“
„Geht ganz schnell. Du, Jim, wegen dieser Sache, die wir kürzlich besprochen hatten…“
„Was für eine Sache?“
„Ich hab’s dir gesagt“ seufzt Sirius, zu Remus gewendet, der die Kamera hinter seinem Rücken versteckt. „Er war zu betrunken. Er hat es sich nicht gemerkt.“
„Wie schade“ sagt Remus sanft. „Und ich hatte mich schon so gefreut.“
„Worauf gefreut?“ fragt James verwirrt. „Was für eine Sache?“
„Du erinnerst dich nicht?“
„Ich erinnere mich, dass ich betrunken war… an alles andere nur nebelhaft.“
„Wir haben darüber nachgedacht, und wir denken, dass es unserer Beziehung nur gut tun würde, genauso wie unserer Freundschaft zu dir. Ja, wir würden dein Angebot gerne annehmen.“
„Teufel, Sirius, was für ein Angebot?“
„Na, du hattest uns einen Dreier angeboten“ sagt Sirius todernst.
James’ Gesicht entgleist.
Blitz. Klick.
„Das sind Schnappschüsse für die Ewigkeit“ sagt Remus zufrieden.
oooOOOooo
„Die ticken doch nicht richtig, sag mal!“
„Huh?“
Sirius hängt unter der Tür herum, als könnte er sich nicht entscheiden, ob rein oder raus. Wenn er das schon tut, statt wie versprochen das Wohnzimmer aufzuräumen, kann er sich auch Remus’ Unmut anhören, findet zumindest Remus.
„Die vom Ministerium“ sagt er und hält den Brief hoch, den er zusammen mit den anderen und der Post der letzten Wochen auf seinem Schreibtisch gefunden hat.
„Ach so“ sagt Sirius. „Vergiss die doch. Das hab’ ich doch für dich in Ordnung gebracht.“
„Trotzdem“ sagt Remus. „Was soll denn das? Ist das nicht lächerlich? Nur weil ich nicht wegen jedem Accio einen Zauberstab bemühe?“
„Du vergisst da eine Kleinigkeit“ sagt Sirius und pendelt im Türrahmen hin und her. „Die meisten Zauberer können sich nicht einmal die Schnürsenkel binden, ohne einen Zauberstab. Stablose Magie ist einfach nicht üblich. Ich kenne keinen, der das drauf hat, außer dir. Okay. Keinen, der es drauf hat und es sich heraushängen lässt.“
„Ich lass’ es mir nicht heraushängen“ betont Remus. „Es ist eine Frage der Gewohnheit. Warum muss ich einen Zauberstab benutzen? Ich gehe doch auch nicht auf Krücken, wenn mit meinen Füßen alles in Ordnung ist.“
„Du bist aber umgeben von Krückengängern“ sagt Sirius. „Und Krückengänger machen Gesetze für Krückengänger. Und werden ziemlich sauer, wenn sie einen sehen, der so locker herum springt wie du.“
Remus knüllt den Brief zu einem Ball und wirft ihn in den Papierkorb.
„Es war deine Mutter, oder?“ sagt er. „Sie hat mich angezeigt.“
„Yepp“ sagt Sirius.
„Mist“ sagt Remus düster.
„Es ist bereinigt“ sagt Sirius. „Ich bin nur nicht sicher, ob sie dich arkan markiert haben. Du weißt schon, wie die Teenager außerhalb der Schule. Um zu sehen, ob du es wieder tust. Deshalb, sei bitte vorsichtig. Ich weiß nicht, ob ich es noch mal hinkriege.“
„Wie hast du es überhaupt hingekriegt?“
„Du weißt schon“ sagt Sirius und wedelt mit einer Hand. „Das Übliche. Ich habe mit der Chefsekretärin des Ministers geschlafen.“
Remus erstarrt. Sirius grinst.
„Scherz“ sagt er. „Ich habe ein paar Leute bequatscht, und ein paar bestochen. Sagen wir es mal so, wenn meine Mutter sich mal wieder in das Gästezimmer im zweiten Stock verirrt, wird sie sich vielleicht wundern, wohin der Kronleuchter verschwunden ist.“
„Das ist boshaft“ sagt Remus.
„Ich weiß“ sagt Sirius grinsend. „Und jetzt kümmer dich nicht mehr drum. Du hast andere Dinge, über die du dir den Kopf zerbrechen solltest. Das Ritual morgen Nacht, zum Beispiel. Hat Lily schon angerufen, wegen des Portschlüssels?“
„Noch nicht.“
„Ich bin echt nervös, weißt du?“
„Ja. Ich weiß.“
„Ich werde dich lieben, egal, was von dir übrig bleibt.“
„Das ist schön. Auf eine gruselige Art.“
„Moony, sag mal…“
Sirius zögert, und Remus spendiert ihm ein ermunterndes „Hmh?“
„Sprichst du eigentlich dänisch?“
„Dänisch?“ Das kommt überraschend. „Nein. Mit deutsch kann ich dienen, das ist ein bisschen ähnlich… worum geht es denn?“
„Nur so“ sagt Sirius, scharrt mit den Füßen und vergräbt die Hände in den Taschen seiner Jeans.
„Nur so“ wiederholt Remus kritisch. Sirius sieht jetzt aus wie einer, der etwas ausgeheckt hat.
„Na ja“ sagt Sirius. „Dänemark ist ein ganz cooles Land… glaube ich.“
„Möchtest du dorthin in Urlaub fahren? Ich meine, mit dem, was von mir übrig ist, nach morgen Nacht? Mit Englisch und ein bisschen Deutsch kommt man dort bestimmt ganz gut durch.“
„Nicht direkt“ sagt Sirius und betrachtet immer noch seine Füße in den dicken grauen Wollsocken. „Ich dachte nur… falls wir mal auswandern wollten… könnte das doch ganz cool sein, oder?“
„Warum sollte ich auswandern wollen?“ fragt Remus verblüfft. Die Gewissheit macht sich in ihm breit, dass etwas hier nicht stimmt, und dass vielleicht nicht die Vermeidung ungeliebter Arbeit der Grund für Sirius’ ausgedehnten Aufenthalt unter der Tür ist.
„Keine Ahnung“ sagt Sirius. „Vielleicht… weil die da ganz liberale Werwolfsgesetze haben, in Dänemark… und die haben da auch eine Uni, in Kopenhagen… undweilschwuleindänemarkauchheiratenkönnenweißtdu.“
„Wie bitte?“ Remus ist ziemlich sicher, dass sein feines Gehör Sirius’ gemurmelten Halbsatz richtig dechiffriert hat, aber er kann nicht glauben, was er da gehört hat.
Sirius seufzt, zappelt im Türrahmen und weicht Remus’ Blick hartnäckig aus.
„Du hast mich schon verstanden“ sagt er. „Wenn wir in Dänemark leben würden… dann könnten wir… heiraten. Und so.“
Remus macht einen ordentlichen Stapel aus seiner Post und erhebt sich von seinem Schreibtisch. Sein Mund fühlt sich plötzlich etwas trocken an.
„Sirius“ sagt er. „Du versuchst nicht etwa, mir einen Antrag zu machen, oder?“
„Kommt drauf an, wie deine Antwort aussieht“ sagt Sirius.
Das muss ein Scherz sein. Einer dieser derben Marauder-Scherze, ohne die Sirius offenbar nicht durchs Leben gehen kann. Hätte Remus sich nicht längst schon daran gewöhnt, er könnte beinahe wütend werden.
„Okay“ sagt Sirius. „Okay, Moony, pass auf. Willst du… willst du mit mir nach Dänemark gehen und… mich dort heiraten?“
„Das ist ein Witz, oder? Du willst mich veralbern.“
„Das ist kein Witz. Komm schon, sag schon. Willst du?“
„Nein!“ Remus würde lieber nicht lachen in dieser Situation. Er wäre lieber ernst und würde Sirius über die Grenzen des guten Geschmacks belehren (und darüber, dass es ihm weh tut, wegen seiner Gefühle veralbert zu werden, von einem, der sich seit Jahren zwischen Bob und Jennifer und Simon und Clarissa nicht entscheiden kann, der sich nicht einmal für Männlein oder Weiblein entscheiden kann), aber dann hat er in seinem Leben schon über zu viele Witze lachen müssen, die auf seine Kosten gingen, und so lacht er, aus alter Gewohnheit, um sich keine Blöße zu geben.
„Nein, Sirius, ich will nicht nach Dänemark gehen und dich heiraten.“
„Aber warum nicht?“
„Weil ich kein Mädchen bin.“
„Oh. Ja – okay, dann. Vergiss es.“
Sirius’ Gesicht ist plötzlich weiß und leer, seine Augen tief wie ein Sommerhimmel kurz vor dem Gewitter. Er nickt. Remus’ Lachen erstirbt. Sirius dreht sich weg, geht über den Flur in sein Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
Remus sieht ihm nach, verwirrt, während ihm eine Erkenntnis dämmert.
„Oh, Mist.“
Er stürzt Sirius nach, aber der hat seine Tür abgeschlossen. Remus klopft.
„Sirius? Sirius, mach auf!“
Keine Antwort. Dann bricht auf der anderen Seite der Tür Lärm los, nur für Eingeweihte als Musik zu erkennen, der den geräuschempfindlichen Remus zurückweichen lässt.
„Sirius!“ schreit Remus, obwohl er weiß, dass der Lärm seine Stimme vollständig übertönt.
Er duckt den Kopf gegen den Lärm und rüttelt an der Türklinke. Der Alohomora liegt ihm auf der Zunge, aber dann wiederum fühlt er sich schlecht bei dem Gedanken, gewaltsam in Sirius’ Refugium einzudringen.
Remus flucht bildhaft. Es hört sowieso niemand.
Dann mischt sich in den apokalyptischen Lärm das Klingeln des Telefons. Die Nachbarn bestimmt, die sich beschweren.
Remus klemmt sich den Apparat unter den Arm und flüchtet in die Küche.
„Hallo?“
„Hi, ich bin’s. Lily.“
„Lily! Oh, äh, hi, ich dachte, es wären die Nachbarn… wegen des Lärms.“
„Was ist denn los bei dir? Ich verstehe dich kaum! Habt ihr die Handwerker?“
„Das ist Musik, Lily! Led Zeppelin. Sirius hat sich in sein Zimmer eingeschlossen und will nicht rauskommen und… ach, Lily, ich hab’s gerade richtig vermasselt.“
„Wirf einen Silencio über seine Tür, und dann erzähl der Reihe nach.“
„Einen… ja, gute Idee! Einen Silencio. Warte. Moment. Ich hab’s gleich.“
„Du lieber Himmel, Remus, du bist ja völlig durch den Wind! Was ist denn passiert?“
„Silencio.“
Der Lärm verebbt, nur die Bässe durchdringen den unsauber gewirkten Zauberspruch und wummern in dem dunklen Flur. Remus bricht mit dem Telefon am Küchentisch zusammen.
„Sirius hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten will.“
Stille am anderen Ende.
„Ui“ sagt Lily schließlich. „Das ist toll… oder? Herzlichen Glückwunsch.“
„Ich hab’ nein gesagt“ stöhnt Remus.
„Aber warum, um Himmels Willen?“
„Weil ich dachte, er will mich veralbern.“
„Das ist nicht dein Ernst.“
„Doch! Er kam so merkwürdig damit rüber, und es wäre ja nicht der erste blöde Witz, den er auf meine Kosten reißt…“
„Remus?“
„Ja?“
„Du bist das größte Rindvieh, das ich kenne. Größer als James.“
„Ich weiß.“
Remus seufzt und vergräbt das Gesicht in der Hand.
„Was soll ich denn jetzt machen?“
„Keine Ahnung. Geh zu ihm. Red mit ihm.“
„Wie denn, so lange er abgeschlossen hat und diesen Lärm produziert?“
„Lass dir was einfallen. Du bist doch sonst so ein schlauer Kopf. Na, los, was hängst du denn immer noch am Telefon herum?“
„Okay. Okay… warte… warum hast du eigentlich angerufen?“
„Um dir zu sagen, dass wir den Portschlüssel bekommen haben. Aber das können wir später auch noch besprechen. Jetzt kümmere dich um deinen Romeo.“
„Gut. Ich melde mich dann später…“
„Tu das. Bis dann.“
Ein Tuten dringt aus der Leitung. Lily hat aufgelegt.
Für einen Augenblick sitzt Remus zusammengesunken am Tisch, das Gesicht in den Händen. Dann hat er seinen Entschluss gefasst.
Seine Antwort passt auf die Rückseite einer alten Hieroglyphen-Übersetzung, die er aus seinem Collegeblock herausreißt. Es sind drei Worte, in großen Druckbuchstaben, um weitere Missverständnisse zu vermeiden.
Remus schiebt den Zettel unter Sirius’ Türspalt durch. Dann geht er mit weichen Knien in die Küche, setzt sich an den Küchentisch und wartet.
„Black Dog“ ist zu Ende, aber Sirius erscheint nicht. Remus hebt den Silencio auf, weil das verzerrte Bassgewummer ihm mehr auf die Nerven geht als die ungedämpfte Musik. Er muss noch „Stairway to heaven“ über sich ergehen lassen, in voller Länge, achteinhalb Minuten, bevor endlich, endlich die Musik verstummt und die Tür sich öffnet.
Durch die offene Küchentür sieht Remus seinem Romeo entgegen, wie er sich auf leisen Socken nähert. Sirius hat den Zettel in der Hand. Er kommt bis unter die Küchentür und bleibt dann unschlüssig stehen. Sein Haar ist zerzaust, und die Ärmel seines alten Chudley-Cannons-Shirts sind so ausgeleiert, dass sie beinahe seine Hände verschlucken. Sirius’ Augen sind rot gerändert, und er zieht geräuschvoll die Nase hoch.
„Idiot“ sagt er. „Mistkerl. Macht es dir eigentlich Spaß, solche Spielchen zu treiben?“
„Es tut mir leid“ sagt Remus und versucht vergeblich, seine Stimme gleichmäßig zu halten. „Ich dachte, du würdest dir einen Scherz erlauben. Ich wollte nicht drauf reinfallen.“
„Dafür sollte ich dich in den Hintern treten“ sagt Sirius. „Teufel noch mal! Mit so etwas mache ich doch keine Scherze!“
„Es tut mir leid“ wiederholt Remus verzweifelt.
„Also“ sagt Sirius. „Es war kein Scherz. Und?“
„Das auch nicht“ sagt Remus und macht eine fahrige Geste in Richtung des Zettels. „Das war auch kein Scherz.“
„Okay“ sagt Sirius und starrt auf den Zettel, als müsse er nachlesen.
Ja, ich will steht in großen, deutlichen Druckbuchstaben darauf.
„Unter einer Bedingung“ sagt Remus und gibt alle Versuche auf, souverän zu wirken. Seine Stimme zittert wie Birkenlaub im Frühlingswind. „Ich will nicht nach Dänemark. Ich will hier bleiben. Ich bin ein konservativer Engländer, ich will nicht im Ausland leben.“
„Aber wir können hier nicht heiraten“ sagt Sirius. „Nicht richtig. Ich hab’s recherchiert. Das geht nur in Dänemark. Rechtskräftig, und so.“
„Ich muss dich nicht rechtskräftig heiraten“ sagt Remus und findet ganz überraschend ein zaghaftes Lächeln in seinen Mundwinkeln. „Eine kleine, formlose Zeremonie würde mir völlig genügen. Dein Versprechen. Mehr brauche ich nicht.“
„Aber was würde sich denn dann ändern?“ fragt Sirius. „Wenn wir nicht rechtskräftig…“
„Alles“ sagt Remus. „Alles würde sich ändern.“
Sirius lässt Atem ausströmen, einen langen, gewaltigen Atemzug, der Schatten und Staub und Betrübnis mit sich reißt und wegfegt und ein warmes Leuchten freilegt.
„Nein“ sagt Sirius. „Nicht die guten Sachen. Die guten Sachen werden sich nie ändern.“
Remus nickt und findet neue Kraft für sein Lächeln, und er sieht, wie Sirius im Türrahmen weich wird, und spürt, wie es sie beide zueinander zieht, wie der alte Magnetismus noch wirkt wie am ersten Tag, und dann liegen sie sich in den Armen und spüren das Zittern des anderen, bis alles ineinander fließt.
„Klein und formlos kannst du vergessen“ murmelt Sirius. „Du heiratest einen Partyveranstalter. Ich will das ganze Programm. Ein ganz großes Fest. Musik, und Blumen, und Kuchen. Und ich will ein Halsband von dir.“
„Wie bitte?“ Remus hebt den Kopf aus Sirius’ Halsbeuge, um ihn anzusehen, verblüfft und belustigt zugleich.
„Ring“ sagt Sirius. „Habe ich Halsband gesagt? Ich meinte, Ring. Ich will einen Ring von dir.“
„Du kannst beides bekommen“ sagt Remus und küsst zart die Lippen seines Liebsten: diese Lippen, die er nach achtzehn Jahren immer noch abendfüllend betrachten kann, die er künftig mit niemandem mehr teilen muss, die allein ihm gehören werden, für den Rest seiner Tage, und für einen Augenblick wundert er sich noch darüber, dass er tatsächlich daran glaubt. Und Sirius seufzt und zieht die Nase hoch und vergräbt das Gesicht in Remus’ Haaren, weil er wieder mal nicht zugeben kann, dass er heulen muss wie ein Mädchen, immer wenn es ernst wird.
„Ich denke, ein Halsband wird ganz nützlich sein“ sagt Remus mit einem Lächeln. „Jetzt, da ich dich endlich an die Leine gelegt habe.“