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Goldkaskade
Kapitel 2: Grün
Und ebenfalls, dass er tatsächlich sehr weich lag, in einem alten, brokatbespannten Sessel, während seine Beine auf einem Hocker lagen, sorgfältig zugedeckt.
Einen kurzen, wahnsinnigen Augenblick lang glaubte er, seine Mutter in der Küche werkeln zu hören – Geschirr klapperte, das laute Brutzeln in einer Pfanne konnte vernommen werden – und dann fröhliches Pfeifen. Kendra hatte sicherlich nie gepfiffen, und erst recht nicht... Deutschlands Hymne.
Mit einem Schlag begriff Albus endgültig, dass er nicht zuhause war. In diesem Zimmer herrschte eine lässige Unordnung, die man in seinem eigenen nie vorgefunden hätte – den Ordnungstick hatte seine Mutter ihm so gut eingedrillt, dass Albus sich sogar gewissenhaft daran gehalten hatte, wenn er in Hogwarts gewesen war... und sich wohl auch jetzt daran halten würde, obwohl Kendra tot war. Hier jedoch stapelten sich Bücher und noch mehr Bücher, wobei nur die jeweilige Dicke der Staubschicht verriet, welches wann gelesen worden war, lagen Kleidungsstücke verstreut herum... Auch seine vermeintliche Decke entpuppte sich als abgenutzter, pelzbesetzter Schulumhang mit einem großen Emblem.
Durmstrang.
Gellert Grindelwald.
Bei Merlins nicht vorhandener Unterhose!
Stöhnend vergrub Albus den Kopf in den Händen, als die Erinnerungen an den gestrigen Abend langsam und recht unvollständig zurückkehrten – gemeinsam mit Wellen von Übelkeit, die seinen Magen flattern ließen – er hatte sich blamiert. Bis auf die Knochen!
Nicht nur, dass Albus eindrucksvoll bewiesen hatte, nichts zu vertragen, nein, er hatte auch noch geplappert wie ein Wasserfall, dieser furchtbare Muggelwhiskey hatte seine Zunge gelockert, bevor er ihn fast ohnmächtig hatte umkippen lassen. Er hatte sich vor einer völlig fremden Person wie ein absoluter Narr aufgeführt, denn, um allem die Krone aufzusetzen, hatte er hinterher auch noch geheult wie ein Schlosshund. Der Grund dafür wollte ihm allerdings partout nicht mehr einfallen.
Offenbar war es ihm nicht gelungen, seinen Kummer auch nur für einen Abend in Alkohol zu ertränken. Darüber, dass sein brillanter Geist in diesem langweiligen Dorf verschwendet wurde (Gellert war ein recht geduldiger Zuhörer gewesen).
Und dann hatte der Junge, dem Albus so gern hatte imponieren wollen, ihn bis hierher halb getragen. Vage erinnerte er sich an das Gefühl von Geborgenheit, von starken Schultern gestützt, an die weiche Stimme, in der allerdings ein merkwürdig harter Akzent mitschwang, ja, komm, nur noch ein paar Schritte, gleich sind wir da, an den sehnigen Arm um seine Taille...
... eine wohltuend kühle Hand, die ihm helfend das Haar aus der Stirn hielt...
... oh nein!
... wie peinlich, wie überaus peinlich!
Womit hatte es eigentlich angefangen? Ach ja, mit Albus’ Hormonüberschuss, wieder einmal, bei dem Anblick der schönen Wirtin. Verdammt, er war nun einmal siebzehn, und wie jeder Siebzehnjährige war er vor dem Inbegriff des gängigen Schönheitsideals nicht gefeit: Ebenmäßig geschnittenes Gesicht, langes, blondes Haar und ein ziemlich molliger, jedoch gut proportionierter Körper. Hinzu kam ihre selbstbewusste Art aufzutreten – solche Frauen gefielen Albus nun einmal. Wie ihm anscheinend alles Unerreichbare gefiel... sie war verheiratet und Anfang Vierzig.
Und keine Hexe.
Albus konnte sich einfach nicht dazu durchringen aufzustehen – ihm graute es davor nach Hause zu gehen, vor Aberforths Vorwürfen – wer war hier eigentlich der ältere Bruder, das Familienoberhaupt? Abermals aufseufzend versuchte er weiterhin, die Geschehnisse zu rekonstruieren...
„Ich kann jetzt verstehen, warum du gern hierher kommst“, teilte ihm Gellert grinsend mit.
Die tiefblauen Augen folgten den attraktiven Rundungen, als die blonde Dame sehr resolut einige betrunkene Muggelbauern aus dem gemütlichen Pub hinauswarf, die sie in ihrer Ehre gekränkt hatten, und das nicht unbedingt mit Worten.
„Ja, sie ist mit ein Grund“, gab Albus zu. Er hatte brav Orangensaft bestellt und schob sein Glas etwas nervös über die polierte Tischplatte hin und her. „Aber man sollte sie lieber aus sicherer Entfernung bewundern, wie du unschwer erkennen kannst.“
Sein Gegenüber fasste das offenbar als Herausforderung auf, obwohl Albus es gar nicht so gemeint hatte. Kurzerhand war die Wette ausgemacht. In jenem Moment war Albus ganz froh darüber, denn er hatte gesehen, wie Gellert sein weniges Kleingeld abzählte, wenn dieser mit dem Bezahlen einer Runde dran war, doch bloßstellen wollte er ihn nicht. Wenn Gellert gewann, würde Albus auf jeden Fall für die Zeche aufkommen müssen. Und sollte er sie verlieren, würde sich das Bezahlen so oder so erübrigen, denn sie würden rausfliegen.
Irgendwann überstürzten sich die Ereignisse, im Laufe derer Gellert aus für Albus unerfindlichen Gründen an den Fingern der Wirtin lutschte – sehr genüsslich.
Der frischgebackene Hogwartsabsolvent konnte sich nicht entsinnen, jemals etwas Erotischeres gesehen zu haben. Dieses Empfinden lag weniger an dem erst verblüfften, und dann eindeutig erregten Gesichtsausdruck der blonden Schönheit – errötend wie ein junges Mädchen, den schweren Bierkrug noch erhoben, den sie Gellert wohl an den Kopf hatte donnern wollen, weil er...
... weil er was?
Ach ja, richtig... weil er ihr in den Hintern gekniffen hatte – das war ja der Hauptbestandteil der Wette gewesen: Ihren überaus runden Hintern kneifen und trotzdem weiterleben.
Doch nein. War ihr Anblick noch so sinnlich, war Albus aus einem gänzlich anderen Grund schmerzhaft hart geworden, sich unbewusst an der Unterseite des Tisches reibend: Weil er alles dafür gegeben hätte, wenn seine eigenen Finger zwischen diesen vollen, blassen Lippen gesteckt hätten. Wenn diese großen, unschuldigen Augen, von einem hellen, langen Wimpernkranz umrandet, zu ihm so aufgesehen hätten; geradezu unterwürfig, mochte es noch so geschauspielert sein. Wenn warmer Atem über Albus' Hals gestreift hätte, als Gellert sich erhob und der Frau irgendetwas ins Ohr flüsterte, was der Junge sich später geweigert hatte, ihm zu verraten:
„Berufsgeheimnis“, hatte er zwinkernd erklärt. „So leicht zu manipulieren, diese Muggel... man muss ihnen einfach nur erzählen, was sie hören wollen...“
Was es aber auch immer gewesen war – alles, was die zwei Jungen noch an diesem Abend konsumiert hatten, war großzügig aufs Haus gegangen.
Dabei hatte es sich nicht mehr um Orangensaft gehandelt, woran Albus' jetziger Zustand nicht die geringsten Zweifel ließ. Auch Gellert hatte es aufgegeben, lustlos an seinem warmen, dunklen Bier zu nippen – die Wirtin hatte sich ziemlich gewundert, als der blonde Junge sich über die Temperatur beschwert und kaltes bestellt hatte. Nun, der Whiskey war kühl genug gewesen, auch wenn er Albus' Kehle und Verstand praktisch weggebrannt hatte.
Was hatte er Gellert bloß alles brühwarm erzählt? Was für Dinge, die niemand, niemals erfahren durfte?
Unten hatte das Klappern aufgehört, und einen Moment später öffnete sich die Holztür mit einem quietschenden Geräusch, das Albus durch Mark und Bein ging. Gellert balancierte geschickt ein Tablett herein, von Düften begleitet, die jemandem, der nicht gerade an dem Kater seines kurzen Lebens litt, sicher das Wasser im Munde hätten zusammenlaufen lassen.
„Ah, schon wach?“, erkundigte sich der blonde Junge widerlich gut gelaunt und ließ sich in den anderen Sessel plumpsen. „Trifft sich gut, es gibt nämlich Frühstück!“
Albus starrte ihn bloß an, während Hitze in seine Wangen stieg.
„Jetzt schau nicht wie sieben Tage Regenwetter. Du hast dich nicht peinlicher aufgeführt als jeder andere... hm, Erstsäufer auch!“
Albus wimmerte nur, das Gesicht wieder in den Händen. Nicht nur, dass Gellert frisch wie Morgentau war, wie um ihn vorzuführen, während er selbst fast im Koma lag – er konnte wohl auch noch Gedanken lesen.
„Jetzt iss, Albus, komm schon! Schön scharf gewürzt, das bringt dich wieder auf die Beine!“
„Du musst es ja wissen...“, seufzte der Dunkelhaarige und fügte sich schließlich.
Natürlich behielt Gellert recht. Nach dem typisch „englischen Frühstück“ aus Eiern und Würstchen, durch Gewürze, die einem die Speiseröhre förmlich wegätzten allerdings sehr exotisch geraten, und einigen Tassen starken Kaffees ging es Albus wesentlich besser.
„Das war wohl auch ein Berufsgeheimnis, hm?“, fragte er belustigt.
„Oh, du erinnerst dich also noch ein bisschen!“, erwiderte Gellert und ließ dieses wohlklingende Lachen vernehmen. „Gar nicht schlecht, nach meinem ‚ersten Mal’ wusste ich nicht einmal mehr meinen Namen!“
Doch Albus’ Lächeln war verblasst.
„Ich erinnere mich kaum noch an etwas... habe ich etwas... Ungewöhnliches gesagt?“
Nun war Gellert an der Reihe, sehr peinlich berührt dreinzuschauen. Dieser todernste Gesichtsausdruck stand ihm überhaupt nicht.
„Es... ich... bedauere deinen Verlust sehr, Albus. Ich habe es nicht gewusst, ehrlich! Ich bin ja erst seit gestern hier. Und dann habe ich auch noch diesen blöden Spruch über deine Mutter losgelassen... es tut mir wirklich sehr Leid.“ Er schüttelte die blonden Locken, wie um etwas Unangenehmes zu verscheuchen. „Und ich fürchte, ich muss Tante Batty erwürgen.“
Albus blinzelte verständnislos. Den Bathilda-Teil begriff er beim besten Willen nicht, auch wenn sich inzwischen wenigstens aufgeklärt hatte, warum er sich am Abend zuvor die Blöße gegeben hatte, wie ein Kleinkind zu weinen.
„Tante Batty ist anscheinend ziemlich... schrullig“, stellte Gellert fest. „Sie ist imstande, sich die historischen Daten des gesamten letzten Jahrtausends zu merken, aber was um sie herum passiert, nimmt sie nur bedingt wahr. In diesem Fall heißt das, dass sie... vergessen hat zu erwähnen, dass ihre beste Freundin vor drei Tagen beerdigt wurde. Ich habe es ihr heute bereits zwei Mal gesagt, und sie war jedes dieser Male so schockiert, als ob sie es gerade erst erfahren hätte...“
Gellert klang aufrichtig verwundert und sehr reuig. Große, blaue Augen suchten den Blickkontakt zu ihm, suchten vielleicht Vergebung, für etwas, woran Gellert nicht die geringste Schuld trug.
„Es ist in Ordnung“, brachte Albus hervor. „Du erzählst mir nichts Neues – ich kenne Batty schon lange. Lebt in ihrer eigenen Welt, ist nicht allzu neugierig... das war bestimmt auch der Grund, warum meine Mutter sie als einzige Freundin akzep-“ Er unterbrach sich und biss sich hart auf die Lippe. Konnte er nicht einmal nüchtern etwas für sich behalten?
„Ja?“, hakte Gellert nach.
Er hatte sich vorgelehnt, und wich Albus' abwägendem Blick nach wie vor nicht aus. Gellert zeigte eine ganz anders geartete Neugierde auf Albus und dessen Familienverhältnisse als dieser es von Godrics Hollows Bewohnern gewohnt war. Es war lediglich eine Ich-will-dir-helfen-weiß-aber-nicht-wie-Neugierde. Kein Interesse an neuem Stoff zum Tratschen.
Und plötzlich war Albus' Entscheidung gefallen. Von wie vielen Menschen hatte er bisher behaupten können, sich so unglaublich wohl und sicher in ihrer Nähe zu fühlen? Kendra hatte ihm diese ihn erdrückende Verantwortung auferlegt – Albus hatte gewiss nicht darum gebeten! War es ihm dann nicht wenigstens gestattet, so damit umzugehen, wie er es für richtig hielt?
„Du willst es also wissen?“
Gellert nickte wortlos und lächelte vage. Keine zwei Minuten später hatte Albus ihn bereits am Ärmel die Treppen hinunter und dann bis zu seiner eigenen Haustür aus pompösem Ebenholz gezerrt.
„Ich bin wieder da!“, rief er in die dunkle Eingangshalle.
„Wurde ja auch langsam Zeit“, kam Aberforths Knurren aus der Küche. „Sir Albus treibt sich nachts herum, während ich mit Ariana wieder meine liebe Not-“
Mit Genugtuung stellte Albus fest, wie die Kinnlade seines Bruders kraftlos aufklappte, als er sich vom Teekessel abwandte, und Gellert hinter Albus erblickte; das erste menschliche Wesen außer Bathilda, welches das Haus der Dumbledores betreten durfte.
Aberforths stahlblaue Augen blitzten zornig auf.
„Hast du den Verstand verloren?“