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Kapitel 32
„Liebe Di !
Wie geht es deiner Familie und dir? Ich habe schon länger nichts mehr von euch gehört oder gelesen. Die Idee, dass Carl den Laden in Glen vor zwei Wochen für immer geschlossen hat und mit den Kindern und dir nach New York gezogen ist, missfällt mir nach wie vor. Offenbar ist die Weltwirtschaftskrise damals der Auslöser für alles gewesen. Und es sind von Jahr zu Jahr weniger Kunden gekommen. Auf Dauer kann man davon natürlich nicht leben, das verstehe ich hingegen gut.
Hier in Glen passiert nur wenig. Jerry ist neulich erkältet gewesen und hat daher die Predigt nicht halten können. Fast wäre es zu einem Streit zwischen Gil und Jo gekommen. Ich hab‘ dann ein salomonisches Urteil gefällt und meine Jungs Streichhölzer ziehen lassen. Wer das kürzere bekommt, darf die Predigt halten. Jo ist der Glückliche gewesen, worüber sich Gil erst recht geärgert hat.
Bald ist es an der Zeit die reifen Früchte zu ernten. Dieses Jahr wird die Ernte der Äpfel und Birnen hoffentlich besser als letztes Jahr werden. Sicherheitshalber stehen noch einige Gläser mit Äpfeln in der Vorratskammer. Man weiß ja nie, ob plötzlich jemand zu Besuch kommt, ohne sich vorher telephonisch oder brieflich anzukündigen. Für einen Apfelkuchen reichen die Äpfel ganz gewiss.
Vicky verspricht schon jetzt, mir beim Einmachen zu helfen. Sie stellt sich sehr geschickt im Haushalt an. Und wird bestimmt eines Tages eine gute Hausfrau und Mutter sein. Allerdings rede ich mit ihr nur selten darüber. „Ich bin doch erst 15.“, hat sie neulich gemeint, als ich ganz vorsichtig etwas in der Richtung angedeutet habe. „Und möchte lieber auf das Queens College gehen, anstatt zu heiraten.“
Ja genauso haben wir damals auch geredet. Erinnerst du dich noch? Was ist nur aus uns geworden? Wir sitzen zu Hause, kümmern uns um die Kinder und engagieren uns in der Gemeinde. Das kann doch nicht alles sein, was das Leben zu bieten hat. Ich muss mich wohl oder übel damit abfinden, es ist Gottes Wille. Jerry hingegen beklagt sich nicht über sein Los. Er ist in Glen und Umgebung beliebt.
Nun wieder zu Carl und dir. Hoffentlich findet er bald eine Arbeit, mit der er euch ernähren kann. In der Großstadt ist das gewiss leichter, als in einem kleinen Dorf. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Dotty und Harry gehen zur Schule und finden gewiss rasch neue Freunde, mit denen sie sich gut verstehen werden. Ja, so wie die Meredith damals uns gefunden haben. Oder ist es umgekehrt gewesen?
Rosemary geht es gut, danke der Nachfrage. Während ich diese Zeilen hier schreibe, besucht sie Johns Grab und legt frische Blumen darauf. Kaum zu fassen, dass es schon über 10 Jahre her ist, seit er damals für immer von uns gegangen ist. Sein Bild steht im Wohnzimmer auf dem Kaminsims, neben den anderen Bildern frühverstorbener Familienmitglieder z. B. Johns erster Frau Cecilia.
Jerry spricht nur selten von seiner richtigen Mutter. Sei es aus Taktgefühl Rosemary gegenüber oder daran, dass er sich an Cecilia nicht mehr erinnern kann. Er sitzt gerade neben mir an dem großen Tisch im Wohnzimmer und liest die Zeitung. Offenbar ist in der großen, weiten Welt etwas Aufregendes passiert. Doch mein Wissen reicht leider über Glen und Umgebung kaum hinaus.
Vicky kümmert sich um das Mittagessen. Es riecht nach frischen Kräutern für die Suppe. Und leckeren Kartoffeln, welche zu dem Hauptgang Schweinemedaillons gehören. Bruce ist neulich mit dem frischen Schweinefleisch bei uns kurz vorbeigekommen. Er hat leider nur wenig Zeit für ein Gespräch gehabt. Doris sieht liebevoll nach den Zwillingen Tina und Tess, so wie dem kleinen Hector.
Soll ich dir was verraten? Ich hätte gerne noch ein weiteres Zwillingspärchen gewollt. Doch nun ist es ja leider nicht mehr möglich. Am liebsten zwei, süße Mädchen. Die hätten bestimmt nicht soviel Ärger wie meine Jungs gemacht. Gil schlägt soeben den Gong. Das bedeutet, es ist Zeit für das Mittagessen. Wo steckt Jo nur wieder? Er verbummelt oft die Zeit und erscheint nie pünktlich zu den Mahlzeiten. Gerade klingelt es an der Haustüre. Rosemary kommt herein, wie ich es mir dachte.
Viele herzliche Grüße von Jerry und den Kindern von deiner Schwester Nan
Glen, den 29. August 1939
P. S. So eben hat das Telephon geklingelt. Ich muss diesen Brief leider beenden. Jerry, der den Hörer abgenommen hat, schaut mich mit einem traurigen Blick an. Was mag da wohl nur geschehen sein?“
Ende