
| Schiffbrüchig! Rettung unerwünscht
Author: Bezzy Horatio Hornblower soll Admiral Pellews Tochter nach Nassau bringen, doch im Sturm geht Miss Pellew über Bord und Horatio springt mutig hinterher. Beide können sich auf eine Insel retten aber wollen sie auch tatsächlich gerettet werden? :
Rated: Fiction T - German - Romance - Chapters: 18 - Words: 32,939 - Reviews: 3 - Favs: 2 - Published: 09-17-07 - Status: Complete - id: 3789157
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Commander Horatio Hornblower war – um es vorsichtig zu formulieren – etwas missgestimmt. Beim letzten Aufenthalt der Amazon in Gibraltar hatte er in allerletzter Sekunde noch neue Instruktionen von der dortigen Admiralität erhalten – anstatt nach über einem Jahr auf See endlich nach England heimkehren zu dürfen, sollte er auf dem Weg zurück noch einen Zwischenhalt unbestimmter Dauer in Brest einlegen. Was er dort genau sollte – er hatte keine Ahnung. Exakte Anweisungen würde er dort von einer Kontaktperson erhalten, hieß es.
Seine Männer hatten ihren stets besonnenen Commander noch nie so wütend gesehen und sie wussten natürlich auch den Grund: er konnte es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen, zurück zu seiner geliebten Frau, aber dieses Mal vor allem, um endlich seinen kleinen Sohn zum ersten Mal zu sehen. Richard Hornblower, geboren zwei Wochen nachdem sein Vater mit neuen Befehlen in die Karibik geschickt worden war. Und jetzt mussten sie auf höchsten Befehl hin in Brest vor Anker gehen und niemand konnte vorhersagen, wie lange ihr Aufenthalt dort dauern würde.
Oh ja, Commander Hornblower war in der Tat etwas missgestimmt.
Aber es half nichts. Er würde wie immer seine Pflicht dem König und seinem Land gegenüber erfüllen, seine persönlichen Wünsche hatten wieder einmal – wie schon so oft – hinter allem anderen zurückzustehen.
Die Amazon hatte kaum in dem französischen Hafen festgemacht, als Horatio auch schon das Beiboot bereitmachen und sich an Land bringen ließ. Er wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen, er wollte nur noch nach Hause. Seine Stimmung jedoch sank förmlich auf den Nullpunkt, als er spät an diesem Nachmittag unverrichteterdinge zur Amazon zurückkehren musste: sein Kontakt an Land stand heute nicht mehr zur Verfügung. Dringende Geschäfte hatten ihn unverhofft abberufen. Man würde ein Boot senden, sobald er wieder abkömmlich war. Commander Hornblower möge sich doch bitte so lange in Geduld fassen. Und nein, man wusste nicht, wann exakt das sein würde.
Horatio konnte es kaum fassen. Schäumend vor Wut trat er den Rückweg zur Amazon an und es hätte wahrlich nicht viel gefehlt, und er hätte sich dem Befehl widersetzt und wäre ohne Erlaubnis nach England zurückgesegelt.
Als er sein Schiff wieder betrat und sich umgehend auf den Weg in seine Kabine machen wollte, wunderte er sich über einige der Männer, die unterhalb des Achterdecks standen und amüsiert auf etwas herunterschauten. Etwas, was er von hier aus nicht sehen konnte. Als Horatio sich mit sturmumwölkter Miene näherte, zogen sie sich jedoch eilig zurück und ihn traf fast der Schlag.
Unter dem Steuerrad saß ein Kind. Es war noch recht klein, höchstens ein, zwei Jahre alt und es war damit beschäftigt, den Schiffskater zu streicheln. Matthews stand ein paar Schritte von dem Kleinen entfernt und hatte offenbar ein wachsames Auge auf ihn. Zumindest nahm Horatio an, dass es ein Junge war. Er konnte nicht genau sagen, warum er so sicher war, doch das war auch egal. Er traute seinen Augen nicht. Waren jetzt alle übergeschnappt? Nun auch noch Kinder mit an Bord zu bringen? Ohne seine Erlaubnis? Machte hier jetzt jeder, was er wollte, verdammt?
„Mr. Matthews!" bellte Horatio und der Kleine schaute erschrocken zu ihm hoch. Selbst der Kater schien pikiert mit den Augen zu rollen. „Was in Dreiteufelsnamen macht dieses Kind hier an Bord? Wir sind ein Kriegsschiff, zur Hölle, keine Kinderverwahranstalt! Wer ist dafür verantwortlich? Und sagen sie nicht, es hat ihn einfach jemand hier ausgesetzt! Bringen Sie sofort den Verantwortlichen dafür!"
Horatios getreuer Bootsmann verkniff sich ein Lächeln, was Horatio trotzdem sah und was ihn noch viel wütender machte. Doch bevor er Matthews weiter in den Senkel stellen konnte, ertönte hinter ihm eine andere Stimme.
„Ich gehe doch stark davon aus, dass Du dafür verantwortlich bist, Liebling!" sagte eine amüsierte Frauenstimme und Horatio erstarrte. Das konnte jetzt nicht wahr sein, oder? Nein, irgendjemand spielte ihm gerade einen fürchterlich grausamen Streich. Doch als er sich langsam herumdrehte, stand tatsächlich seine Frau vor ihm. Eine vor lauter Glück strahlende, wie das blühende Leben aussehende Betsy Hornblower. Und ehe er es sich versah, lag sie auch schon in seinen Armen.
„Betsy..." murmelte er und presste sie fest an sich. „Ich kann nicht glauben, dass Du hier bist! Gott, ich habe Dich so sehr vermisst..." Betsy lachte, küsste ihn ein letztes Mal sehr, sehr innig, wobei es ihr vollkommen egal war, dass fast das ganze Schiff ihnen zuschaute, und machte sich schließlich bedauernd los.
„Ich habe Dich auch vermisst, Liebster. So sehr, dass als ich erfuhr, dass die Amazon auf dem Rückweg nach England ist, Papa überredet habe, uns mit nach Brest zu nehmen, um nicht so lange auf Deine Rückkehr nach Portsmouth warten zu müssen. Es war ein risikoreicher Plan, aber es hat am Ende perfekt funktioniert. Aber lass uns später weiterreden, ich möchte Dir erst einmal jemanden vorstellen!"
Matthews, der das Kind zwischenzeitlich hochgenommen hatte, überreichte es nun Betsy, die Horatio stolz und glücklich anlächelte.
„Darf ich Dir Deinen Sohn Richard vorstellen?"
Horatio starrte den Jungen mit einer Mischung aus Verwunderung und Unsicherheit, aber vor allem großer Liebe an. Zögernd nahm er ihn auf den Arm, etwas unbeholfen zunächst, da seine Erfahrungen im Umgang mit Kleinkindern eher bescheiden zu nennen waren. Er konnte seinen Blick nicht von ihm abwenden. Große, braune Augen, den seinen so ähnlich, schauten ihn aufmerksam an und schließlich verzog sich das kleine Gesicht zu einem breiten Lächeln, das Horatios Herz schmelzen ließ wie Butter in der Sonne. Sein Sohn.
„Er ist... er ist wundervoll", murmelte er schließlich überwältigt. Er konnte es noch immer nicht fassen. Betsy war hier, sein kleiner Sohn war hier, und sie würden bald alle gemeinsam nach Portsmouth zurückfahren. Wenn sich nur endlich herausstellen würde, was es mit diesem seltsamen Auftrag auf sich hatte, verdammt! Sie könnten schon längst auf dem Weg nach England sein... Ihm war die Idee noch gar nicht gekommen, dass Betsys unerwartetes Auftauchen hier in Brest möglicherweise mit diesem mysteriösen „Auftrag" zusammenhängen könnte...
„Ich hoffe, Du bist nicht böse, dass wir Deine Reise unter einem Vorwand in Brest aufgehalten haben, nur weil Deine impertinente Ehefrau Dich unbedingt vorher sehen wollte", sagte Betsy ein wenig zerknirscht. „Du warst eben so schrecklich wütend..."
Horatio schaute sie verwundert an, dann dämmerte es ihm.
„Du...Du meinst, es gibt gar keinen Auftrag, der mich hier erwartet?" fragte er irritiert. Betsy biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf. Bevor sie jedoch antworten konnte, erklang eine weitere, Horatio ebenfalls sehr bekannt vorkommende Stimme.
„Sohn, ich habe Dich vorher gewarnt, was auf Dich zukommt, wenn Du wirklich allen Ernstes meine Tochter heiraten würdest", ertönte es wie Donnergroll hinter ihm. Horatio fuhr herum und blickte in die amüsierten Augen Admiral Pellews. „Aber Du hast ja alle Warnungen in den Wind geschlagen. Jetzt sieh zu, wie Du mit den Konsequenzen lebst!"
„Papa!" rief Betsy leicht pikiert, doch sie lachte, als ihr Vater sie in die Arme schloss und liebevoll auf die Stirn küsste. Horatio schaute Vater und Tochter kopfschüttelnd an. Er war schier sprachlos.
„Und ich war so wütend, dass sich unsere Reise weiter verzögert!" murmelte er und konnte es kaum fassen. „Und dabei hast Du hinter all dem gesteckt..." Wieder schüttelte er den Kopf.
Betsy legte einen Arm um ihn.
„Du bist nicht böse auf mich, Liebling, oder?" fragte sie ängstlich. Horatio seufzte, als er daran dachte, wie sehr er sich noch vor wenigen Minuten über diese Sache aufgeregt hatte. Ach ja, und bei Styles sollte er sich besser ebenfalls entschuldigen, er hatte seinen Unmut ziemlich heftig abbekommen. Vollkommen zu Unrecht, natürlich.
„Nein, ich bin nicht böse", sagte er schließlich und strich seinem Sohn mit einem Finger zärtlich über die rosige Wange. „Ich bin sehr, sehr glücklich, dass ihr beide hier seid. Das wiegt allen Ärger tausendfach auf."
„Nun, mein Junge, dann sollten wir sehen, dass wir hier so schnell wie möglich wegkommen, nicht wahr?" brummte Admiral Pellew gutmütig und schlug seinem Schwiegersohn auf die Schulter. „Auf nach England!"
An die Rückfahrt nach Portsmouth würden sich alle Besatzungsmitglieder später noch lange mit einem Schmunzeln erinnern. Die wenigen Tage bis zur englischen Küste verliefen ereignislos, und doch war es eine außergewöhnliche Fahrt. Der kleine Richard Hornblower entpuppte sich schnell zum erklärten Liebling des gesamten Schiffes und selbst hartgesottene, zum Dienst in der Marine gepresste Rauhbeine, denen man lieber nicht alleine im Dunkeln begegnen wollte, hatten ihren Spaß mit dem aufgeweckten Knirps, der mit seinen großen braunen Augen die Welt um ihn herum bestaunte.
Da die Überfahrt nach England nur kurz war und darüberhinaus ohne irgendwelche Zwischenfälle verlief, ließ es sich Horatio nicht nehmen, seinen Sohn so oft es ging mit sich herumzuschleppen. Er zeigte ihm das ganze Schiff, wies ihn stundenlang in die Mysterien der Seefahrt ein und hoffte insgeheim, dass Richard seine Liebe zur See wenigstens ein klein wenig von ihm geerbt hatte, sehr zu Betsys Belustigung.
Der ungewohnte Anblick ihres Kapitäns, der so offen zeigte, wie sehr er seine kleine Familie liebte, berührte die Männer insgeheim sehr, auch wenn es natürlich keiner jemals offen zugab und viele Scherze darüber gemacht wurden. Ihr Respekt ihrem Commander gegenüber, ja man konnte es schon fast Verehrung nennen, stieg fast ins Unermessliche.
Horatio liebte jede Sekunde, die er mit seinem Sohn an Bord verbringen konnte. Er nahm jeden Moment tief in sich auf, jeder Augenblick, den er mit Richard zusammen sein konnte, war ihm kostbar. Er hatte unendlich viel nachzuholen. Er war nicht dagewesen, als dieses kleine Wunder zur Welt gekommen war, er hatte über ein Jahr seines Lebens nicht miterlebt. Eine Zeit, die er niemals wieder zurückbekommen würde, für immer verloren. Es war nur ein kleiner Trost für Horatio, dass er zumindest einen Teil von Betsys Schwangerschaft hatte miterleben dürfen. Er konnte sich daran erinnern, wie sie oft vor dem Kamin gesessen hatten, seine Hände ihren umfangreichen Leib streichelnd und darauf wartend, dass das kleine Wesen sich darinnen rührte. Es war eine aufregende Erfahrung gewesen, aber dann war er wieder abkommandiert worden und als er jetzt seinen Sohn dann endlich zum ersten Mal in die Arme schließen konnte, war dieser schon über ein Jahr alt.
Aber das lag alles nicht in seiner Hand, wie er nur zu genau wusste. Andere Väter waren noch schlimmer dran, tröstete er sich. Sie saßen in spanischen oder französischen Gefängnissen oder Gott weiß wo ein und sahen ihre Heimat über lange Jahre nicht wieder. Nein, er wollte sich nicht beklagen. Vielmehr wollte er jeden Augenblick ausnutzen, den er mit Richard verbringen konnte. Schneller als ihm lieb sein konnte wäre er wieder auf See und auf unbestimmte Zeit von seinen Lieben getrennt, also hieß es, keine Zeit zu verschwenden!
Als Betsy dann ein knappes Jahr später kurz vor der Niederkunft ihres zweiten Kindes stand, bewies der liebe Gott offenbar einen ganz besonderen Sinn für Humor: In dem Augenblick, als Horatio nach langen acht Monaten auf See das Haus betrat, hörte er aus dem oberen Stockwerk einen wütenden Schrei, gefolgt von hektischer Betriebsamkeit. Er eilte besorgt die Treppen hinauf und fünf Minuten später hielt er seine neugeborene Tochter in den Armen.
Und der liebe Gott schien es weiterhin gut mit ihm zu meinen, denn diesmal führten ihn seine Aufträge in den ersten Jahren nach Sophies Geburt erstaunlicherweise nie länger als wenige Wochen von Zuhause fort und so war es ihm glücklicherweise vergönnt, seine Tochter dieses Mal von Anfang an aufwachsen zu sehen. Er würde jedoch nie erfahren, dass sein verehrter Schwiegervater in dieser Angelegenheit ein ganz klein wenig die Finger mit im Spiel hatte...
Ende.
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