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6. Troja
Am nächsten Morgen hissten wir bereits in aller Frühe die Segel und setzten unsere Reise fort.
Der mittlerweile elfte Tag auf See verlief ziemlich ereignislos. Wir fuhren an der Küste entlang nach Norden, auf Troja zu. Ein bisschen mulmig war mir schon, wenn ich an unsere Ankunft dachte.
Die Sonne stand hoch am Himmel als ich mir meinen Weg übers Deck zu Paris bahnte. Er stand am Bug und blickte nach vorne. Ich stellte mich neben ihn, ergriff seine Hand und verflocht meine Finger mit den seinen. Paris beugte sich zu mir herunter und gab mir einen kurzen, jedoch liebevollen Kuss.
Einige Zeit lang standen wir so schweigend an der Reling und blickten über die dunkelblauen Wellen in Richtung Troja.
Meine Gedanken wanderten an den Beginn unserer Reise zurück. Hatte meine List wirklich funktioniert? Oder würde der Krieg doch starten? War Helenas – meine (immer noch ein etwas seltsamer Gedanke) – ‚Entführung’ vielleicht gar nicht der Grund gewesen? Ging es doch nur um Macht? (Als ob ich je wirklich geglaubt hätte, dass es um etwas anderes gegangen wäre – doch vielleicht hatte ich es ja wirklich geschafft, den Ausbruch des Trojanischen Krieges zu verhindern?)
Jetzt war es soweit: das Schiff legte an einem kleinen Hafen in Sichtweite von Troja an. Ich trug eine knielange dunkelbraune Tunika und einen dunkelgrünen Mantel. So konnte ich leicht als ein Mitglied der Besatzung durchgehen. Paris und ich hatten beschlossen, dass es besser wäre, wenn ich so wenig wie möglich auffallen würde.
Wir hatten das Schiff hinter uns gelassen und näherten uns der mächtigen Stadt. Ich hatte ja schon viele Bilder von Troja und ähnlichen Städten gesehen, aber dadurch wurde Troja nicht weniger beeindruckend. Die Stadt war von einer riesigen Befestigungsmauer umgeben, die wirklich so aussah, als ob das Einzige dass sie zum Einstürzen bringen würde ein Gott wäre.
Nachdem wir das große Eingangstor durchquert hatten und auf den Palast zugingen, hatte ich Mühe mich auf den Weg zu konzentrieren. Sparta war ja bereits eine beeindruckende Stadt gewesen, aber Troja übertraf sie noch um einiges. Vor allem der gigantische Palastkomplex, dessen weiße Wände in der Mittagssonne glänzten, raubte mir den Atem. Oh wow.
Sobald wir das Innere des Palastkomplexes erreicht hatten, führte mich Polydorus durch einen Seitengang von den anderen weg. Paris würde nun seinem Vater einen Bericht erstatten müssen. Und obgleich wir meine Anwesenheit nicht verheimlichen würden können, so waren wir uns doch einige gewesen, dass es vielleicht besser wäre, wenn ich etwas präsentabler wäre. Deshalb führt mich sein Bruder nun auf schnellstem Weg zu den Gemächern seiner Zwillingsschwester Kassandra.
Paris hatte mir zwar versichert, dass sie mir bestimmt helfen würde, doch mir war trotzdem etwas mulmig bei dem Gedanken, dass ich ihr nun gleich gegenüberstehen würde. Ob sie wohl wirklich das Zweite Gesicht hatte? Ich hatte ja eigentlich nie an so etwas geglaubt, doch nun war ich mir nicht mehr so sicher. Wenn Reisen in die Vergangenheit möglich waren, wieso sollte so ein bisschen Wahrsagen dann nicht möglich sein?
„Wir sind da“, riss mich Polydorus’ Stimme aus meinen Gedanken.
Er klopfte an eine dunkle Holztür und trat in das dahinter liegende Zimmer ein. Etwas unsicher folgte ich ihm.
„Polydorus!“ rief eine junge Frau mit langen dunklen Haaren und stürzte sich auf ihn.
„Kassandra!“
Nach einer enthusiastischen Begrüßung löste er sich wieder von seiner Schwester und trat zu Seite.
„Kassandra, dies ist Helena. Paris bat mich, dich zu fragen, ob du ihr vielleicht ein Kleid leihen könntest und ihr dabei helfen sich präsentabel herzurichten. Er will sie sobald es möglich ist, Priamus vorstellen.“
Mit diesen Worten lies er uns allein. Etwas unsicher lächelte ich Paris Schwester an, die ihm verblüffend ähnlich sah.
„Hallo“, grüßte ich sie ein wenig nervös.
„Ihr seid Helena von Sparta.“, stellte sie fest.
„Nicht mehr.“, stellte ich fest. „Paris und ich haben vorgestern geheiratet.“
Kassandra musterte mich einige Zeit mit unbeweglichem Gesichtsausdruck und fragte dann plötzlich:
„Liebt Ihr ihn?“
Diese Frage hatte ich nun wirklich nicht erwartet.
„Ja.“, antwortete ich ohne zu Zögern. „Ich liebe ihn.“
Kassandra nickte und bedeutete mir, ihr zu folgen.
„Kommt. Ich werde Euch ein Kleid von mir leihen und ihr könnt Euch auch noch schnell etwas waschen.“
Ich war mir zwar noch immer noch nicht sicher, was ich von ihr halten sollte, und wie sie zu mir stand, doch meine Antwort schien ihr zumindest einstweilen genügt zu haben.
Paris Schwester trug einer Dienerin auf, mir ein Bad einzulassen und suchte mir dann ein cremefarbenes Kleid heraus.
„Das müsste Euch passen“, sagte sie und hielt es probeweise vor mich. „Ja, es wird gehen.“
Nachdem ich mich schnell gewaschen hatte und das Kleid angezogen hatte – es passte sehr gut – half sie mir noch, meine Haare hochzustecken.
„Fertig“, verkündete sie nun. „Wir sollten uns gleich auf dem Weg machen, mein Bruder erwartet Euch bestimmt schon.“
Ich nickte nur und folgte ihr durch die verwinkelten Gänge, bis wir zu einer großen Tür kamen vor der zwei Wachen standen. Sie erkannten Kassandra sofort und ließen uns problemlos hindurch. Wir betraten eine private Audienzkammer in der sich außer Paris zwei weitere Männer befanden. Der eine musste Priamus sein, denn er war königlich gekleidet und seine dunklen Haare waren von vielen grauen Strähnen durchzogen. Der andere war jünger, vielleicht zehn Jahre älter als Paris. Vielleicht einer seiner Brüder?
Als er mich sah, leuchteten Paris Augen erfreut auf und er kam auf mich zu.
„Helena! Du siehst wunderschön aus“, begrüßte er mich, was ich ihm mit einem Lächeln dankte.
Er bedankte sich bei seiner Schwester, die sich sogleich wieder verabschiedete, und nahm meine Hand in die seine. Nachdem er mir noch ein ermutigendes Lächeln geschenkt hatte, führte er mich zu den beiden anderen Männer.
„Vater. Hector. Darf ich euch meine Frau Helena vorstellen?“
Jetzt war es soweit. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und erwiderte den überraschten Blick des Königs von Troja.
„Ich grüße Euch“, sagte ich leise und neigte meinen Kopf leicht zur Begrüßung.
„Helena von Sparta?“, durchbrach Paris Bruder die Stille.
„Nicht mehr.“, antwortete Paris mit fester Stimme.
Hector sah aus, als ob er noch etwas sagen wollte, doch Priamus hielt ihn durch eine Geste davon ab.
„Es ist mir eine Ehre, die Frau begrüßen zu dürfen, die das Herz meines Sohnes erobert hat.“
Ich atmete erleichtert auf und lächelte.
Als wir den Raum wieder verließen, erwartete uns Kassandra bereits. Paris begrüßte sie stürmisch und wir begaben uns in einen der Palastgärten. Dort erzählte Paris seiner Schwester wie wir uns das erste mal gesehen hatten und wir er mich schließlich dazu überzeugen konnte, mit ihm zu gehen.
„Ihr habt Euren eigenen Tod vorgetäuscht?“, fragte die Trojanerin erstaunt.
Ich nickte.
„Ich musste sicher gehen, dass Menelaos mich nicht verfolgen würde. Ich...“ Ich brach ab.
Wie konnte ich ihr sagen, dass ich einen Krieg verhindern wollte?
„Er wird dich nicht verfolgen“, beruhigte mich Paris.
Ich nickte nur.
„Wenn Euch keiner erkennt, dürftet Ihr hier sicher sein.“, fügte Kassandra hinzu. „Troja ist weit genug von Sparta entfernt. Hier im Palast würde Euch keiner verraten, doch es wäre vielleicht besser, wenn Ihr das Palastgelände vorerst nicht verlassen würdet.“
Ich stimmte ihr zu, denn das war auch eine meiner Befürchtungen gewesen, dass mich vielleicht irgendjemand erkennen könnte. Nicht dass ich es für wahrscheinlich hielt, aber besser auf Nummer sicher gehen.