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BlackPriestess
Author of 16 Stories

Rated: T - German - Romance/Hurt/Comfort - James P. & Severus S. - Reviews: 5 - Updated: 02-17-08 - Published: 12-25-07 - id:3967563

Anmerkungen: Ganz wichtig! Bitte stellt euch den Text zwischen den -Gedankenstrichen- durchgestrichen vor! Ich habe keine andere Möglichkeit dies darzustellen, da hier solche Tags nicht unterstützt werden! Oh, und bitte immer auf das Datum achten.

Disclaimer und sonstige Anmerkungen: Siehe Kapitel 1

A/N: Besonderer Dank geht an Ria, die mir mit fundiertem medizinischem Fachwissen bei diesem Kapitel sehr viel weitergeholfen und gewisse Details vertieft und/oder bestätigt hat – wobei sie sich mein armseliges Gejaule angehört hat...

Dank gebührt auch meinem höchstpersönlichen Severus (jaaa, genau du): Falls du den einen oder anderen Satz/Ausdruck aus unserem RPG wiedererkennen solltest, liegst du vollkommen richtig – ich hab’s geklaut :’D. Deine Formulierungen sind unglaublich inspirierend (okay, von meinen tauchen auch einige auf). Hm ja, dieses Kapitel ist jetzt überhaupt eher deinetwegen soweit, du verstehst es meisterhaft, einem ein schlechtes Gewissen einzujagen :P

So, das Kapitel sollte schon vor einer halben Ewigkeit fertig sein. War es auch. Aber ich liefere nichts ab, womit ich nicht selbst zufrieden bin, in der Hoffnung, den Lesern möge es doch gefallen. Man möge mir deshalb verzeihen.

Und, letztendlich, vielen Dank für die wundervollen Reviews an Ria und Sarana-Snape!

Und nun viel Vergnügen mit Kapitel 3!

ooo

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.08 p. m.

Guten Abend, Potter.

James, 4. Dezember 1976, 10.08 p. m.

’nabend. Oh, und... -entschuldige, dass ich schon wieder vergessen habe, dich an deinen Platz zu legen- hoffentlich wurde es dir zwischen meinen Socken nicht allzu langweilig.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.09 p. m.

An deiner chaotischen Art werden wir später arbeiten. Grenzt ja an ein Wunder, dass du mich überhaupt je wiederfindest. Fünf Punkte Abzug von Gryffindor.

James, 4. Dezember 1976, 10.10 p. m.

Wa-? Hey! Warum das denn wieder?! Nur weil ich nicht wie eine Kopie von Snape bin – penibel ordentlich? Der Typ ordnet sogar seine Schreibfedern nach Größe und Abnutzungsgrad und legt die Bücher immer parallel zur Tischkante hin. Als gebündelte Taschenbuchpsychologie solltest du wissen: Es ist ein deutliches Zeichen dafür, dass er nicht mehr alle Kessel im Schrank hat.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.11 p. m.

Falsch. Die absolut untaschenbuchmäßige Psychologie sagt: Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass das arme Wesen wenigstens ein wenig Kontrolle über sein Leben behalten will, indem er so akkurat ordentlich ist. Dass der Rest ein Chaos ist, dafür sorgst schon du und deine Freunde, nicht wahr? Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Der Punktabzug geschah deswegen, weil du nicht wie abgemacht für meine Unversehrtheit gesorgt hast.

James, 4. Dezember 1976, 10.12 p. m.

Hä? Also bitte, so extrem... duften... meine Socken auch wieder nicht, dass du deswegen um deine Gesundheit fürchten musstest, ja?

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.12 p. m.

Hm, ja. Ich war noch nie glücklicher darüber, dass mir gewisse Sinnesorgane fehlen – auf diese... umwerfende olfaktorische Erfahrung habe ich gern verzichtet. Dennoch – Snape hätte mich, im Gegensatz zu Black, vorhin fast gehabt. Er schien absolut entschlossen, mich zu lesen, und ist zu diesem Zweck auch vor äußerst... interessanten Mitteln nicht zurückgeschreckt, um-

James, 4. Dezember 1976, 10. 13 p. m.

Er hat WAS?!

Würdest du mich entschuldigen, während ich mal eben kurz beende, was ich an dem einen Abend nicht geschafft habe? Ich fasse es nicht! Kaum bin ich nicht da, versucht der doch tatsächlich, in meinen Privatsachen herumzuschnüffeln! Jetzt verstehe ich, warum der sich so einen Riesenzinken angezüchtet hat, damit er die auch besonders gut überallhin stecken kann, wo’s nicht sein Butterbier ist!

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.15 p. m.

Potter, ich kann verstehen, dass deine Situation gerade unangen-

James, 4. Dezember 1976, 10.15 p. m.

Ach, jetzt hör auf mit deinen Untertreibungen. Meine Situation ist gerade ein Riesenhaufen bestehend aus etwas, das ich lieber nicht beim Namen nenne. Du hast unser Stundenglas nämlich ganz schön geleert.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.16 p. m.

... und du kannst deinen Hang zu Übertreibungen ebenfalls gern ablegen. Falls es dich tröstet – Snape hat wegen seiner Neugierde soeben seine gerechte Strafe bekommen.

James, 4. Dezember 1976, 10.16 p. m.

So? Und wie sah die aus?

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.17 p. m.

Ich habe ihm in den Finger gebissen.

James, 4. Dezember 1976, 10.17 p. m.

Ehrlich? Hahaha! Wie schön, das hat der mal richtig verdient. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals zu dir sagen würde... aber danke.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.18 p. m.

Zwar könnte ich jetzt „gern geschehen“ sagen, jedoch habe ich es nicht für dich getan. Es liegt an meiner eingebauten Schutzfunktion, ich kann gar nicht anders. Aber immerhin muss ich Snape mehr Fantasie zusprechen als deinem Freund-

James, 4. Dezember 1976, 10.19 p. m.

Ich habe doch schon gesagt: Der konnte sich die längste Zeit mein Freund schimpfen!

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.19 p. m.

... als deinem Freund, dem du noch immer sehr loyal gegenüberstehst, obwohl du es nicht zugeben willst und der mich gestern...

James, 4. Dezember 1976, 10.19 p. m.

... vergewaltigen wollte, bwahaha!

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.20 p. m.

---

James, 4. Dezember 1976, 10.20 p. m.

Nimm’s ihm nicht übel, er war betrunken, der hätte wohl alles durchgenommen, was nicht bei drei auf dem Baum ist, und da du ja keine Beine hast... Hihihi. Okay, vergiss es, vergiss es, ich mache doch nur Spaß. Okay, Snape war aber ganz sicher nicht betrunken. Was, bei Morganas Höschen, wollte er dann mit dir? Hm, wie ich ihn kenne, hat er bestimmt schwarzmagische Flüche an dir ausprobiert, anstatt deine zarten Seiten mit roher Gewalt öffnen zu wollen.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.22 p. m.

Allerdings. Ich bin aber auch dagegen gut gewappnet. Dumbledore denkt eben an alles. -War aber ein richtiger Kampf, weil Snape diese Flüche sehr fantasievoll modifiziert hat... gar nicht übel...-

James, 4. Dezember 1976, 10.23 p. m.

Na, immerhin einer, der so gut auf Dumbledore zu sprechen ist. Ich bin es schon mal nicht, der alte Mann kommt ja auf die idiotischsten Ideen, wenn er zu viele Zitronendrops intus hat! Ernennt der mich doch tatsächlich zu Snapes Pfleger – könnte Pomfrey das nicht viel besser?

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.24 p. m.

Du hast es angenommen, er hat dir die Wahl gelassen, ob du es tust oder nicht.

James, 4. Dezember 1976, 10.25 p. m.

Stimmt. War aber nur aus einem Anfall von schlechtem Gewissen heraus, weil ich ja... irgendwie... an allem schuld bin und so.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.26 p. m.

Würdest du diesen Satz rot unterstreichen? Wir haben soeben einen gigantischen Fortschritt erzielt: Schuldeingeständnis! Das ich das noch erleben darf!

James, 4. Dezember 1976, 10.27 p. m.

Höchstens rot durchstreichen werde ich das! -Blöder klugscheißerischer Papierwisch...-

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10. 27 p. m.

Fünf Punkte Ab-

James, 4. Dezember 1976, 10.28 p. m.

Nein! Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung! Lass uns wenigstens die paar Punkte noch übrig!

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.28 p. m.

Könntest du den ausschlaggebenden, schicksalhaften Entschuldigungsteil auch noch rot unterstreichen?

Potter?

Hallo? Potter?

James, 4. Dezember 1976, 10.35 p. m.

... ja, ja, bin ja schon wieder hier. Ich habe nur soeben 100 Liegestütze gemacht.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.35 p. m.

---?

James, 4. Dezember 1976, 10.35 p. m.

Nun, irgendwie musste ich mich ja davon abhalten, mit dir unser Gemeinschaftszimmer zu wärmen. Oder mit Snape den Boden aufzuwischen.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.36 p. m.

Du brauchst anscheinend ein wenig Kontrolle, und schon kannst du deine Aggressionen im Zaum halten. Wenn ich Hände hätte, würde ich dir den Kopf tätscheln.

James, 4. Dezember 1976, 10.36 p. m.

Grrrrr! Was wird das denn?

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.37 p. m.

„Man provoziere den Therapiepatienten künstlich zwecks Aggressionsbewältigung.“

James, 4. Dezember 1976, 10.37 p. m.

Du meinst, man verwirre den... hey! Ich bin kein Patient, ja? Mit mir ist alles in bester Ordnung, so! Außerdem war das schon viel eher Aggressionsaufbau, was du da treibst. Und damit trägst du zusätzlich zur dicken Luft in unserem Schlafsaal bei. Gut für dich, dass du im Gegensatz zu mir keine Nase hast. So ein einfaches Leben hätte ich gern... alles wegen Snape! Ich hasse ihn! Hätte ich bloß nicht akzeptiert, mich um ihn zu kümmern, dann hätten wir alle uns inzwischen vielleicht schon vertragen...

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.38 p. m.

Aha, Snapes Schuld, natürlich. Willst du es mir nicht-

James, 4. Dezember 1976, 10.38 p. m.

Doch, ich will es dir tatsächlich erzählen. Ich weiß inzwischen, dass ich mich nicht drücken kann, die restlichen Punkte würde ich nämlich schon ganz gern behalten. Also: Snape liegt nach wie vor im Bett und lässt mich inzwischen zähneknirschend gewähren, wenn ich ihn ganz aufopferungsvoll umsorge. Man füge einen großen Seufzer hier ein. Sirius hackt auf ihm herum, wenn ich auch nur einen Moment lang wegsehe. Ich würde mich nur zu gern anschließen, wenn dieses blöde Gewissen nicht wäre. Hach, ja.

Remus ist sehr blass und schreckhaft und spricht kein Wort, mit keinem von uns. Er wollte nicht einmal mir zuhören, als ich versucht habe zu erklären, was vorgefallen ist.

Sirius redet nicht mit mir und ich rede nur mit ihm, beziehungsweise schreie ihn an, wenn er Schniefelus, den echten, auch nur schief ansieht. Hätte mir jemand vor fünf Tagen gesagt, dass ich als Snapes Beschützer enden würde, hätte ich dieser Person Eselsohren angehext. Sirius lässt sich meist nur zu einer an mich gerichteten Antwort herab: Verräter. Woraufhin er dann wütend sein eigenes Tagebuch nimmt und sich in Rage schreibt. Wer weiß, was er seinem „Remus“ erzählt...

Peter redet mit niemandem außer Sirius. Das ist seltsam, denn dieses Verhalten hat nicht sofort nach diesen üblen Ereignissen in der Nacht zum ersten Dezember begonnen. Wüsste ich es nicht besser, würde ich jetzt schwören, dass er versucht hat herauszufinden, wer die stärkere „Partei“ in unserer nun aufgespalteten Rumtreibergemeinschaft ist. Offenbar hat ihm dann diejenige Seite besser gefallen, die gegen Snape ist. Aber... nein, das ist Blödsinn, das kann einfach nicht sein...

Kurz gesagt: Habe ich schon erwähnt, dass mein Leben eine Katastrophe ist?

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.43 p. m.

Ja. Du suhlst dich schon seit gestern in Selbstmitleid. Und an deiner Stelle würde ich genauer auf Pettigrew achten.

James, 4. Dezember 1976, 10.43 p. m.

Was? Ich suhle mich nicht in... und außerdem: Peter ist ein sehr loyaler Freund, wahrscheinlich ist das alles einfach zu viel für ihn.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.43 p. m.

Und du bist... teilblind. Du siehst nur das, was du auch sehen willst.

James, 4. Dezember 1976, 10.44 p. m.

---

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.44 p. m.

Wenn du mir ausnahmsweise nicht widersprichst, entnehme ich daraus, dass du mir recht gibst.

James, 4. Dezember 1976, 10.45 p. m.

Was sollte ich denn sehen? So etwas Absurdes wie Freunde, die mir in den Rücken fallen? Das stimmt ebenso wenig wie die Vorstellung eines Snape, der seine Boshaftigkeit und seinen Zynismus als Schutzschild nutzt, weil er verbergen will, wie lieb, nett und verletzlich er eigentlich ist.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.46 p. m.

Eine erstaunlich präzise Analyse, Potter.

James, 4. Dezember 1976, 10.29 p. m.

Ja, das wäre sie, wenn das nicht auf zehn Meilen gegen den Wind nach Taschenbuchpsychologie stinken würde! Kannst du gern schwarz auf weiß sehen, wenn ich jetzt weitererzähle, was in jener Nacht vorgefallen ist!

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 10.29 p. m.

Ich bin ganz Ohr. Äh, Papier.

James, 4. Dezember 1976, 10.30 p. m.

Nun, wie bereits erwähnt...

... ich weinte, wie ich noch nie in meinem ganzen Leben geweint hatte. Als wäre ein Damm in meinem Inneren geöffnet worden, um eine ganze Flut hinabstürzen zu lassen.

Ich weinte, als ich Snapes Zauberstab in knapper Entfernung liegen sah und an mich nahm. Er musste seinen kalten, klammen Fingern entglitten sein, als er versucht hatte, sich damit aus seiner (wie ich jetzt begriff) aussichtslosen Lage zu befreien.

Ich weinte, als ich seinen hinten gerissenen Hosenbund bemerkte, wo der fadenscheinige, abgenutzte Stoff unter dem Gewicht seines Körpers irgendwann nachgegeben hatte, um den Slytherin in einen tiefen Abgrund ohne Wiederkehr zu reißen.

Ich weinte noch mehr, als ich den weichen, nach Leben duftenden Boden und das nassgeregnete, hohe Gras unter meinen Knien spürte – eigentlich hätte Snapes Fall auch aus dieser Höhe nicht solchen Schaden anrichten müssen...

... wenn ein spitzer Steinbrocken nicht ausgerechnet dort gelegen hätte, wo sein Knie und Schienbein aufgeschlagen waren.

Meine kopflose Panik bescherte mir ein Wechselbad von Heiß und Kalt, als ich eine bebende Hand ausstreckte, um den Schaden zu fühlen.

„Merlin...“, entfuhr es mir zittrig, während ich meine Finger jäh von der blutigen Masse wegzog. „Schniefelus, sag doch was... bitte...“

Aber er wimmerte nur leise, als der Berührungsschmerz sich anscheinend sogar durch seine Ohnmacht fraß.

Verdammt. Er würde mir hier wegsterben. Die Panik hatte sich mittlerweile in ein Monstrum verwandelt, das mit Stahlklauen nach meinem hämmernden Herzen griff. Da war nur noch Platz für einen Gedanken, der sogar den Anblick des dünnen Körpers verdrängte, dort im Schlamm liegend, unerwünscht, gebrochen, fortgeworfen. Snape musste zu Poppy. Und zwar schleunigst.

Im Nachhinein betrachtet war es wohl keine so gute Idee, was ich dann tat...

Habe ich schon erwähnt, dass ich wie ein kleines Kind weinte? Das änderte sich nicht, als ich den erschreckend leichten, erschreckend durchgefrorenen Körper in meine Arme hob. Snapes Kopf war zur Seite gerollt und jetzt an meine Schulter geschmiegt. Wach würde sich der Junge diese Blöße sicherlich nie geben, sich vertrauensselig von seinem größten Feind tragen zu lassen.

Blind vor Tränen rannte ich los, meine Last an mich drückend, sie in meinen Umhang einwickelnd, als wäre sie das Kostbarste dieser Welt.

„Bitte, bitte, bitte, tu mir das nicht an... es tut mir so unendlich Leid...“, flüsterte ich sinnlos vor mich hin.

Durch einen nur uns Rumtreibern bekannten, verborgenen Eingang schaffte ich es ins Schloss, ohne meine Müdigkeit wahrzunehmen, trotz des mörderischen Sprints. Doch dann hörte ich es.

Das Knirschen.

Verwirrt hielt ich inne, um den Ursprung des Geräusches auszumachen – und wünschte mir dann, ich hätte es nicht getan.

Es war sein Bein.

Heftig zuckte ich zusammen. Meine Knie schlotterten und ich war überzeugt, mich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Nicht einmal Snapes Anblick hatte dazu ausgereicht... aber... dieses Geräusch... oh Godric...

Ich war so, so ein Idiot... meine Angst und vor allem meine immer größer werdender Schuldenberg Severus Snape gegenüber drohte mich zu ersticken. Das Glück im Unglück bestand darin, dass er noch immer weit, weit weg war, sonst wären seine peinerfüllten Schreie wohl im ganzen Schloss zu hören gewesen, als ich einen verfluchten offenen Bruch einfach so bewegt hatte, ganz ohne Vorsichtsmaßnahmen, ohne einen Levicorpus auszusprechen, ohne sein Bein abzusichern, ohne... nichts...! Habe ich schon erwähnt, dass ich mich gerade für einen völligen Idioten hielt? Ich dachte, ich merke das noch mal an, das passiert mir nämlich nicht oft – bin eigentlich ziemlich von mir überzeugt.

Ganz vorsichtig legte ich Snapes schlaffen Körper auf den Steinboden, unterdrückte den Drang, die Verantwortung für ihn bloß schnell aus den Händen zu geben und atmete tief ein, während ich nasses Haar aus dem blassen Gesicht strich und angesichts der blauen Lippen wieder einmal zusammenfuhr.

Einatmen...

Ausatmen...

Ich hob seinen Umhang an, um mich ans Werk zu machen. Nichts hätte mich wohl darauf vorbereiten können, wie ein offener Bruch bei voller Beleuchtung aussah. Völlig zerstörte Knochen, Splitter, die scharf durch die Haut ragten, eine zertrümmerte Kniescheibe... Zischend sog ich die Luft durch die Zähne ein und unterdrückte nun auch abermals den Drang, mir mein Abendessen nochmals genau anzusehen.

Mit zusammengebissenen Zähnen fing ich an und ließ dieses Mal nicht mehr zu, dass mir der Schleier aus Tränen die Sicht vernebelte, als ich sie entschlossen wegblinzelte. Leise und zittrig sprach ich einen Zauber, der mir wie durch ein Wunder wieder einfiel, auf dieses blutige, verdrehte etwas, das einmal ein gesundes, wenn auch ziemlich dürres Bein gewesen war. Den Spruch hatte ich bei Madam Pomfrey in einer länger zurückliegenden „Projektwoche“ gelernt. Selbstredend hatten mich Einsichten in den Beruf eines Heilers kein bisschen interessiert, aber da ich ja immer alles auf den letzten Moment verschiebe, waren alle Plätze für ein Praktikum als Auror bereits belegt gewesen.

Nun kam es ausgerechnet meinem alten Schulfeind zugute. Was hätte ich dafür gegeben, wenn meine mickrigen Kenntnisse als Heiler überflüssig wären... wenn Snape aufstehen und mich beschimpfen würde... wenn nur...

Wenig später war Snapes Bein nicht mehr verdreht, dafür ragte es in einer nicht weniger grotesken Starre heraus, von einem sanften, blauen Licht umhüllt, während das andere schlaff von einem frischbezogenen Krankenbett herabbaumelte. Ich erlaubte mir, für einen Moment die Augen zu schließen, schwach vor Erleichterung.

Erstaunlicherweise schaffte ich es nach wie vor, mein lautes Geheule und Schluchzen, das sich einen Weg nach draußen bahnen wollte, zumindest so lange einzustellen, wie ich dafür brauchte, dieses Häuflein Mensch in die Obhut einer verschlafenen, jedoch äußerst zornigen Madam Pomfrey...

„Was, beim Barte des Merlin, haben Sie angestellt, Mr. Potter?“

... zu übergeben. Selbst wenn ich hätte sprechen können, selbst wenn die noch unvergossenen Tränen nicht meine Kehle gestopft hätten – was hätte ich zu meiner Verteidigung schon vorbringen können? Ein von einem Rumtreiber hergebrachter, schwerverletzter Snape sprach bereits Bände, und... wollte ich mich denn überhaupt verteidigen?

Die Medihexe kontaktierte einen ebenso verschlafenen Dumbledore per Flohnetzwerk. Ich bekam es kaum mit, überhaupt verspürte ich nur noch sehr wenig Interesse für meine Umgebung – oder was mein weiteres Schicksal anbelangte.

Dennoch berührte es mich, Sirius und Peter vorzufinden, die an der Tür des Krankenflügels auf mich warteten. Sirius fing sogleich an, auf mich einzureden – nur um geschockt innezuhalten; ich, James Potter, Anführer der Rumtreiber und immer ein breites Grinsen auf den Lippen... weinte. Dass ich mich eben damit die ganze letzte halbe Stunde beschäftigt hatte, konnte er ja nicht wissen, also erstarrten Sirius’ Gesichtszüge in grenzenlosem Staunen, bevor er blinzelte und verstört den Kopf schüttelte:

„Was machst du hier im Krankenflügel? Und wo gehst du jetzt überhaupt hin? Dumbledore ist im Kamin direkt im Schlafsaal erschienen und uns herbestellt... was ist denn passiert?“, fragte er kleinlaut.

Ach, so viel zu meiner Annahme, dass auch Sirius freiwillig nicht seiner Nachtruhe gefrönt hatte, dass er sich Sorgen machte... Wieder einmal zutiefst von ihm enttäuscht, wirbelte ich zu ihm herum und klärte ihn auf... besser gesagt, schrie es ihm regelrecht entgegen. Tja... Snape stand als „Wutventil“ für die nächste Zeit nicht mehr zur Verfügung, also musste Sirius letztendlich doch dafür herhalten. Dann setzte ich meinen Weg fort, ohne ihn oder Peter, der völlig still und verschüchtert in eine Ecke zurückgewichen war, noch eines Blickes zu würdigen.

„Oh Mann... Schniefelus hat sich das Bein gebrochen?“, hakte Sirius fassungslos nach, während er versuchte, zu mir aufzuschließen.

„Falsch. Ich habe das getan.“

Schon marschierte ich weiter, den Kopf gesenkt. Tränen tropften auf den staubigen Granitboden.

„J-james! Jetzt warte doch mal! Und hör auf, seinetwegen zu heulen! Es ist passiert, als er runtergefallen ist, du konntest doch nicht wissen-“

„Stimmt“, erwiderte ich mit vor Ironie triefender Stimme (wobei der Schluckauf den Effekt leider etwas minderte). „Ich konnte es mir ja nicht denken – ebenso wenig wie du auch nur erahnt, oder zu gern riskiert hast, dass Moony Snape töten und fressen könnte!“

Sirius’ Mund klappte auf und wieder zu, wie bei einem Fisch auf dem Trockenen.

„Jetzt langt’s aber!“, zischte er dann aufgebracht. „Tu nicht so, als hätten wir Snape noch nie irgendwelche Streiche gespielt, was meist mit Verletzungsgefahr für ihn verbunden war – wir beide zusammen! Und wir hatten immer einen Heidenspaß daran, es war lustig!“

„Lustig“, sprach ich ihm tonlos nach. „LUSTIG!“, wiederholte ich dann, dieses Mal brüllend. Und dabei war ich überzeugt gewesen, Sirius nie lange böse sein zu können, mich aber anscheinend getäuscht. „Du Idiot! Soll ich für dich ‚lustig’ definieren? Denn anscheinend kapierst du den Begriff nicht!“

„James, was soll das! Warum bist du so... so...“ Sirius stockte, seine bebende Unterlippe die Verunsicherung preisgebend.

„Lustig“, fuhr ich fort, ohne auf ihn zu achten. „Lustig ist, wenn wir Schniefelus Unterhose herzeigen. Mehr oder weniger. Lustig ist, wenn wir Schniefelus’ Haar pink färben. Lustig ist, wenn wir Flubberwürmer unter seine Nudeln mischen. Lustig ist, wenn wir ihm eine Rüschenschürze anhexen, auf der steht: ‚Kiss the poisoner!’. Aber“, nun betonte ich jedes einzelne Wort, indem ich Sirius gegen die Brust stieß, woraufhin er zurückstolperte, „Snape nichtsahnend zu einem Werwolf zu schicken – und unseren Freund zum Mörder machen zu wollen. Ist. Nicht. Lustig!“

Nach meiner Tirade fühlte ich mich regelrecht ausgelaugt. Einen Moment lang starrte ich noch in graublaue, weit aufgerissene Augen, bevor ich mich abrupt abwandte und meinen Weg zum Schafott fortsetzte.

Sag jetzt nichts, Schniefelus. Ich weiß, ich neige manchmal dazu, etwas melodramatisch zu werden. Und damit geht es jetzt weiter, denn...

... ich hatte das deutliche Gefühl, dass ich unter diesen allwissenden Augen in lodernd blauen Flammen aufgehen würde. Und nein, ich übertreibe nicht.

Dumbledore betrachtete uns – mich, als ich mich resolut vor Sirius und Peter schob – vollkommen unbewegt. Kein freundliches Zwinkern war hinter den Halbmondgläsern zu sehen – nichts. Kein Zitronendrop wurde uns aufgedrängt. Nicht einmal ein Sitzplatz angeboten. Ich wand mich innerlich wie einer dieser bedauernswerten Flubberwürmer, bevor man sie für irgendeinen Trank aufschlitzte.

Ich berichtete. Alles. Ich ließ nichts aus, auch nicht wie Snape beinahe als Futter für Remus geendet hätte (eben das, was ich noch vor Kurzem unbedingt hatte vermeiden wollen, dass Snape „ausplaudert“). Meine direkte Schuld an Snapes sehr unfreiwilligem Aufenthalt im, oder eher am, Nordturm, ebenfalls nicht.

Auf die Frage hin, wer von uns, Sirius oder ich, Snape zur Peitschenden Weide „eingeladen“ hatte, schwieg ich jedoch beharrlich.

Dann wartete, hoffte ich auf die Tirade – Himmel, wäre das bloß eine gewesen, hätte ich mich weitaus besser gefühlt. Dumbledore sprach jedoch mit tödlicher Ruhe, als er fragte:

„Liegt euch nichts an einem Menschenleben? An zweien – Mr. Lupins und Mr. Snapes?“

Ich betrachtete eingehend die ausgeblichenen Blumen des Teppichs.

Nach greifbaren Minuten des Schweigens legte Dumbledore die Fingerspitzen aneinander, uns nach wie vor musternd, als wären wir besonders widerliche Insekten unter einer Lupe. Und ich wartete, dass er endlich über uns, über unsere Taten... richtete. Dass er sagte, wir sollten unsere Koffer packen gehen. Dass er sagte...

„Ihr werdet in keiner Weise bestraft werden.“

Meine Beine drohten unter mir nachzugeben. Hinter mir vernahm ich einen kleinen Laut des Triumphs – Sirius – und ein kleines erlöstes Quieken – Peter.

„Ihr seid mit dem Wissen darüber, was ihr getan habt, genug bestraft.“

Nun hörte ich ein sehr leises Schnauben und erahnte Sirius’ verdrehte Augen, als er auf eine kleine Moralpredigt wartete, der er nicht zuhören würde, damit er endlich wieder ins Bett konnte; beruhigt, weil wir so billig davongekommen waren.

Ich hätte besagter Predigt ebenfalls nicht zugehört, nicht unter normalen Umständen. Ich hätte so reagiert wie die zwei – vollkommen selbstbezogen. Doch nun war ich der neue, reuige, geläuterte James Potter, also sperrte ich meine Ohren gut auf.

„Allerdings...“, setzte Dumbledore wieder an, was mit einem fast unhörbaren, genervten Seufzen quittiert wurde, das seinen Ursprung – wo denn sonst – hinter mir hatte. „Allerdings müsst ihr eine Bedingung erfüllen, um Hogwarts weiter besuchen zu können. Keine Sorge, Mr. Black – es ist so einfach, dass sogar Sie das bewerkstelligen können“, fuhr der alte Mann fort. Natürlich war ihm nicht entgangen, was sich hinter mir abspielte. „So, wie die Dinge jetzt stehen, sind Sie eine Gefahr für unsere Schulgemeinschaft, ja sogar für sich selbst. Das muss sich unbedingt ändern.“

Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, auf drei in verziertes Leder gebundene Bücher zu starren, welche uns ausgehändigt wurden, während uns deren Funktionsweise erklärt wurde, nur unterbrochen von Sirius’ eingeworfenen „Aber Professor!“ und „Was soll uns das denn bringen?“

„Betrachten Sie es als Therapie an, Mr. Black“, erklärte Dumbledore, angesichts der Umstände noch immer so erstaunlich friedlich. „Und betrachten Sie diese Diskussion als beendet.“

Sirius’ Mund klappte auf. Und zum Glück wieder zu, sonst wäre es zum ersten Mal geschehen, dass ich mich für ihn schämte. Ich nahm ihm seinen Protest nicht übel – sein Problem war, dass er noch immer nicht begriff, dass unser Leben sich in dieser Nacht für immer verändert hatte. Er hielt immer noch an unsere alte Rumtreiber-Art fest. Diese schloss strikte Regelumgehung natürlich ein, was unser einziger Kodex war. Die Regel, keinen Regeln zu gehorchen, wie eine stille Anarchie.

Erst die leise, dennoch erstaunlich sonore Stimme Dumbledores, dieses Mal an mich gerichtet, riss mich aus meinem nicht sonderlich erfreulichen Grübeln:

„... weil Mr. Snape jede Hilfe braucht, die er bekommen kann.“

Ich horchte augenblicklich auf und hob die Hand, damit Sirius nicht einmal auf die Idee kam, irgendetwas einzuwerfen.

„Professor?“

„Dass er bei Ihnen wohnt und Sie für ihn sorgen sollen würde auf freiwilliger Basis beruhen, Mr. Potter. Es ist keine Bestrafung – eigentlich sollte es auch nie als solche betrachtet werden, jemandem zu helfen.“

Mir wurde heiß und kalt zugleich und ich verfluchte mich für die kurze geistige Abwesenheit. Doch wenn ich richtig verstanden hatte, wurde mir gerade eine Möglichkeit geboten, meinen grauenhaften Fehler zu korrigieren? Was es auch immer war, ich würde mich wie ein Verhungernder darauf stürzen. Ich leckte mir über die trockenen Lippen.

„Natürlich“, flüsterte ich.

„James!“

„Das ist... ich würde großzügig sagen, wenn Sie nicht selbst an Mr. Snapes Zustand schuld wären.“

„Aber James!“, kam es wieder von Sirius, der es anscheinend einfach nicht gut sein lassen konnte. „Er kann doch nicht bei uns wohnen! Und außerdem bist du nicht qualifiziert, so etwas durchzuführen, eine... R-reha...“

„Rehabilitationstherapie, Mr. Black.” Dann wandte sich der Schulleiter abermals mir zu. „Trauen Sie sich das zu?“

„Ja, Sir“, behauptete ich. Es war eine Lüge. „Ich werde mich kümmern, so gut wie ich kann. Sie haben mein Wort.“

Meine Hände zitterten, ein kleiner, dennoch sehr widerstandsfähiger Kloß hatte sich in meinem Hals gebildet. Es war schon interessant, fast schon wie ein Außenstehender seine absurden körperlichen Reaktionen zu beobachten.

„Alles“, flüsterte ich heiser unter Dumbledores skeptischem Blick. „Ich tue alles“, wiederholte ich mit schwacher Stimme, die in einem extremen Gegensatz zu meinem sehr festen Entschluss stand.

ooo

Zu behaupten, Madam Pomfrey sei „nicht erfreut“ gewesen, wäre eine Untertreibung.

An diesem wolkenbehangenen Morgen betrat ich den Krankenflügel, oder besser gesagt, schlurfte hinein, da mein komplett geräderter Zustand kein Hochheben der Füße beim Gehen erlaubte. Nicht eine Sekunde lang hatte ich Schlaf gefunden, besser gesagt, ich hatte mich nicht einmal darum bemüht, als ich mein Lager vor dem Krankenflügel aufgeschlagen hatte. Beziehungsweise, meinen Umhang ausgebreitet und mich darauf gesetzt. Ja, mein Gryffindormut hatte sich endgültig verabschiedet. Nach Pomfreys Tirade hatte ich mich nicht getraut, noch einen Fuß in ihr Reich zu setzen... doch das war nicht alles. Viel mehr Angst als davor, zurechtgestutzt zu werden, hatte ich vor dem, was sich dort abspielte. Aus meiner Nische heraus hatte ich das Licht durch das Milchglas der Türen die ganze restliche Nacht hindurch hell brennen sehen.

Ja, ich wusste zu gut, was dort drinnen geschah: Poppy kämpfte, um das wieder zusammenzuflicken, was ich zerstört hatte: Severus Snape.

Erst gegen sieben Uhr schlich ich bis zu den großen Flügeltüren und klopfte schüchtern an. Warum ich keine Antwort bekam, wurde mir deutlich, als ich meine Nase um die Tür herum manövrierte und eine sehr aufgebrachte Medihexe vorfand, die um ihre beiden Patienten herum wuselte – zugleich einen Disput mit Professor Dumbledore führend, erst durch den Kamin und dann persönlich, als der alte Mann mühsam aus den grünen Flammen stieg. Da sie ihre Stimmen dennoch gedämpft hielten, konnte ich über den weiten Saal hinweg nur ab und an ein entrüstetes „Aber Professor!“ vernehmen. Und dann, lauter: „Das ist unverantwortlich! Und was wollen Sie seinen Eltern erzählen?“

„Gar nichts, Poppy. Sein Vater würde ihn in ein Muggelkrankenhaus verfrachten, das können wir nicht riskieren, nicht nachdem Sie Heilungsmagie eingesetzt haben!“

Worum es auch immer genau ging, Dumbledore gewann selbstverständlich, wie immer. Ich konnte es erkennen, als die schmalen Schultern der Medihexe herabsackten.

„Es steht Ihnen als Heilerin natürlich frei, hier Ihr Veto einzulegen“, ließ der Schulleiter nicht locker. „Aber das sollten Sie nur tun, wenn Sie es ihm gar nicht zutrauen, Verantwortung zu übernehmen. Geben Sie ihm die Chance, es wieder in Ordnung zu bringen, Poppy.“

Ich schluckte hart, als ich begriff, worüber sie sprachen... und als ich begriff...

Ihre beiden Patienten.

Mehr oder weniger wohlauf.

Erst jetzt arbeitete sich bis zu meinem schlafumnebelten Verstand vor, dass Snape hellwach war und stocksteif auf seinem Bett saß. Für Remus hatte ich kaum einen Blick übrig.

Am liebsten hätte ich Poppy durch die Luft gewirbelt und abgeküsst. Sie hatte in dieser Nacht dem Wort „Zauberei“ anscheinend eine ganz neue Bedeutung gegeben.

Und sogar noch lieber wäre ich zu Snape geeilt und ihn so fest umarmt, bis seine Knochen knirsch-

Nein. Das lieber nicht.

Offenbar war aber keiner der Anwesenden erfreut, bis auf mich.

Remus hockte todunglücklich auf seinem Bett, ignorierte Sirius (der mittlerweile ebenfalls aufgetaucht war und um ihn herumschlich wie der bildhafte geprügelte Hund), Peter und mich vollkommen; aber nicht Snape, der das benachbarte Bett bekommen hatte und dem von frisch geheilten Narben übersäten Jungen verächtliche, hasserfüllte und zugleich verängstigte Blicke zuwarf, welche dieser flehentlich und schuldbewusst erwiderte.

„Ich wollte das nicht, Snape, versteh doch, ich war nicht bei mir!“, hörte ich Remus gerade verzweifelt sagen.

„Richtig, denn wärst du bei dir gewesen, hättest du dir sicher eine saftigere Beute ausgesucht als mich“, versetzte der Slytherin ätzend.

Ich grummelte vor mich hin. Natürlich hatte Snape nicht warten können, Remus über die Ereignisse der letzten Nacht „aufzuklären“, nicht brühwarm, sondern kochendheiß! Bestimmt sehr detailliert, nach Remus’ entsetztem Gesichtsausdruck zu urteilen. Kleine Giftschlange.

Nach seinem üblichen Sarkasmus zu urteilen, konnte es ihm nicht mehr so schlecht gehen. Weniger Schuld lastete auf mir... zumindest redete ich mir das möglichst überzeugend ein, als ich die zitternden, rastlosen Hände auf der Bettdecke, die fiebrig glänzenden Augen und die noch nicht ganz geheilten Hämatome auf dem ansonsten totenbleichen Gesicht sah...

Zum Glück ging Dumbledore schlichtend dazwischen:

„Meine Herren. Niemand trägt hier die Schuld. Außer mir, wenn man es genau betrachtet.“ Dann wandte sich der alte Mann Sirius, Peter und mir zu, den langen Bart nervös zwirbelnd. „Ich hätte Ihnen allen nicht so viele Freiheiten einräumen sollen.“

In der Tat nicht. Ich wollte jetzt ganz sicher nicht in Dumbledores Haut stecken.

Auch wenige Minuten später wollte ich noch immer nicht in Dumbledores Haut stecken:

„Beruhigen Sie sich, Mr. Snape.“

Doch Snape dachte nicht einmal im Traum daran. Er hatte sich bereits in Rage geredet:

„Nein! Das werde ich ganz gewiss nicht tun, meinen Mund halten, wie sonst immer! Ich habe nichts getan – warum werde ich bestraft? Warum werde ich an Gryffindors“, das Wort spie er regelrecht aus, „ausgeliefert, anstatt dass diese exmatrikuliert werden? Warum muss ich unter den Teppich kehren, was mir ein Werwolf angetan hat und...“ Kurz hielt er inne, weiß vor Zorn und richtete einen anklagenden, dünnen Zeigefinger auf Sirius. „Und ein Mörder?“

Der alte Schulleiter stutzte, bevor seine Lippen zu einem schmalen Strich wurden.

„Danke, dies hat meine Frage beantwortet, wessen glorreiche Idee das war“, sagte er mit einem vielsagenden Blick in Sirius’ Richtung, unter dem dieser bedeutend kleiner wurde.

„Es war doch nur ein Witz...“, murmelte Sirius kläglich.

„Genau. Ein Witz“, erwiderte Dumbledore trocken. „Ich wäre der letzte, der kein Verständnis für einen seltsamen Sinn für Humor hätte, Mr. Black – doch glauben Sie mir: Das war ein richtig schlechter Witz.“

Mich beachtete zu meiner Erleichterung noch niemand, also betrachtete ich Snape eingehender – die Person, welche ich um Haaresbreite auf dem Gewissen gehabt hätte: Kläglich blass, viel zu dünne Umrisse, die sich unter der Bettdecke abzeichneten, schwer unterdrückter Schmerz, der sich auf diesen seltsamen, geradezu exotischen Gesichtszügen spiegelte. Und in seinen Augen: Hass.

Mehr denn je erinnerte er an ein bösartiges, kleines wildes Tier, das in die Ecke getrieben worden war.

„Ihr Wort, Mr. Snape!“

Ich fasse mich kurz: Man lehnt nicht den Wunsch eines Albus Dumbledore ab; Snape gab ihm sein Wort, für immer über Remus’ „Problem“ Stillschweigen zu bewahren – mit verkniffenen Lippen, zähneknirschend ausgesprochen. Sein sonst so ausdruckslos gehaltenes Gesicht sprach von purer Enttäuschung, von Minderwertigkeitskomplexen – von der Überzeugung, nichts wert zu sein...

Ja, ich hätte mich freuen können. Es war alles in bester Ordnung: Wir würden nicht von der Schule fliegen, Remus musste keine Konsequenzen befürchten, Snapes „Petzen“ hatte ihm nichts genützt... und unser alter Feind hockte, körperlich und nun auch seelisch gebrochen, verraten, ohne dass jemand sich für ihn einsetzen wollte, auf einem sterilen, weißen Bett im Krankenflügel... so verloren sah er darin aus. Wie verloren würde er dann erst in unserem gryffindorroten Schlafsaal wirken – uns ausgeliefert?

Alles fabelhaft, in der Tat.

Rasch sah ich weg, als schwarze Augen die meinen suchten. Wie immer konnte ich diesem lodernden Blick nicht standhalten.

„Nur zu, werfen Sie mich den Wölfen zum Fraß vor, Professor...“, zischte der Slytherin giftig.

Oh, es ist also noch einer außer mir...

„... melodramatisch, Mr. Snape, finden Sie nicht auch? Doch so ist es nicht. Lassen Sie sich doch helfen, das steht Ihnen zu. Diese Herren hier – besser gesagt Mr. Potter, da er direkt für Ihren Zustand verantwortlich ist...“ Nun wurde mir ungewünschte Aufmerksamkeit doch zuteil. Reizend. „... wird seiner Verpflichtung sicherlich zufriedenstellend nachkommen.“

Ich war merkwürdig erleichtert darüber, dass Snape lediglich mir „zum Fraß vorgeworfen wurde“. Fünf Jahre Vertrauen zwischen Sirius und mir schienen sich in Luft aufgelöst zu haben, als er unser aller Zukunft so leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatte. Nie hätte ich ihn für so gedankenlos und unberechenbar gehalten. Einen wehrlosen Kranken hätte ich ihm äußerst ungern überlassen – nicht einmal Snape verdiente das.

„Bitte Sir, kann ich nicht hier bleiben?“, fragte der Slytherin leise. „Madam Pomfrey würde mich wenigstens am Leben lassen, während sie ihrer Verpflichtung als qualifizierte Medihexe nachkommt...“

Keine Ironie schwang mehr in dieser Stimme mit... Snapes Stimme, weich, dennoch weit tragend, einnehmend – gleichgültig, ob sie Beleidigungen ausstieß oder gelangweilt aus einem Geschichtsbuch in Binns’ Unterricht vorlas. Nun klang sie flehentlich statt sarkastisch, diesen Unterton hatte ich bei Snape nie vernommen.

Severus Snape bettelte um Gnade.

Diese wurde ihm allerdings nicht gewährt. Snape (und mir ebenfalls, Godric sei Dank) wurde versichert, dass ich mich bei Fragen oder „Komplikationen“ jederzeit an Madam Pomfrey wenden könne. Es folgte eine von Dumbledores Ausführungen über das notwendige Verbessern der Beziehungen zwischen den Häusern im Allgemeinen und zwischen Gryffindor und Slytherin im Besonderen. Snape schloss die Augen, einen endgültig besiegten Eindruck vermittelnd und sank tiefer in sein Kissen, der kleine Mund vor Pein verzogen – hätte er ihn geöffnet, wäre wohl hervorgesprudelt, dass er es ablehnte, Versuchskaninchen in diesem immer wieder misslungenen Experiment zu spielen. Aber, wie bereits erwähnt, er sah klein, erschöpft und besiegt aus. Im Gegensatz zu Madam Pomfrey, der es offensichtlich gar nicht gefiel, Dumbledores hartnäckigen Überredungen nachgegeben zu haben:

„... nicht qualifiziert, alles Notwendige durchzuführen!“

Es half natürlich alles nichts, wenn Dumbledore wieder einmal eine seiner optimistischen, im Zuckerrausch entstandenen „Ich glaube an das Gute im Menschen und jetzt habt euch gefälligst alle lieb!“-Ideen hatte (die eh nie funktionierten... man erinnere sich nur an die grausige Theater-AG... Romeo und Julia, kaum zu fassen!), wurde diese auch umgesetzt.

Also packte Madam Pomfrey meinen Arm nicht gerade sanft und zerrte mich zu Snapes Bett. Mir blieb nichts übrig, als tatsächlich einmal gut zuzuhören, während man mich an meine -Bestrafung- neue Aufgabe heranführte.

Die auf mich zukommende Verantwortung lastete auf meinen Schultern, viel schwerer, als ich angenommen hatte: Snape würde gänzlich meiner anstatt Pomfreys Obhut übergeben werden. Ich hatte die vollkommene Entscheidungsgewalt über ihn. Und als die Medihexe die Decke zurückschlug und dieses absolut entwürdigende, hinten zu schließende Krankenhaushemd hochschob, war ich der vollkommenen Überzeugung, mir zuviel vorgenommen zu haben.

Snape blickte starr zur Seite, als er für mich einfach so entblößt wurde, während ich mich nach einer Schrecksekunde wiederum bemühte, einen neutral-professionellen Ausdruck aufzusetzen und die Augen nicht von seinem -durch meine Schuld so dermaßen malträtierten Bein abzuwenden.

„Das war mitunter die komplizierteste Fraktur, die ich bislang heilen musste“, teilte mir die Medihexe mit, ohne den Vorwurf in ihrer Stimme im Geringsten zu verbergen. Ich schluckte. Ja, so sah Snapes Bein auch aus.

Bläuliche Venen waren deutlich unter der pergamentdünnen Haut zu erkennen, was diesen verletzlichen Gesamteindruck zusätzlich verstärkte. Mein Blick glitt über seltsame Linien, die offenbar willkürlich über Snapes Bein verliefen; ich begriff, dass die Medihexe Haut und Muskeln hatte „öffnen“ müssen, weil sie sonst gar nicht die vielen Knochenfragmente hätte erreichen können, welche sie per Magie einzeln hatte entweder ganz entfernen oder zusammenfügen müssen.

Pomfrey überschüttete mich mit Fachbegriffen, die ich erst aus den hintersten Winkeln meines Gedächtnisses herauskramen musste (ziemlich verwunderlich, dass ich sie überhaupt noch fand – wie erwähnt, hatte mich das Praktikum als Heiler nicht im Geringsten interessiert). Ich nehme an, dass von meiner über den Sommer angesammelten Sonnenbräune nicht mehr viel übrig war, als ich mich endlich erinnerte, was eine gleichzeitige Fraktur der Tibia und Fibula, mit starker Beeinträchtigung des Faszien bedeutete...

Meine wenigen Kenntnisse hatten mir zwar schon am Abend zuvor bereits verraten, dass der Junge einen sehr unregelmäßigen, offenen Knochenbruch erlitten hatte. Jetzt erst wurde mir auch klar, was Pomfrey für eine Arbeit geleistet hatte, wenn man sich die Art der Fraktur vor Augen führte: Snapes Unterschenkel war praktisch vollkommen zerstört worden, inklusive des Kniegelenks und des dazugehörigen, komplizierten Bänderapparates. Es ging nicht nur darum, die zerschmetterten Knochen wieder wie ein makabres Puzzle zusammenzusetzen... auch die aufgrund der Anschwellung des zerstörten Bindegewebes zerstörten Nerven, die gerissenen Muskelfasern... ob dies alles je wieder wie zuvor funktionieren würde? Ohne Magie wäre Snape ein recht eingeschränktes Leben garantiert worden, aber auch mit dem Einsatz von Magie war eine komplette Heilung nicht gewährleistet...

Mit einem Schwenk des Zauberstabes, dessen Beiläufigkeit selbstsichere Professionalität verriet, an die ich nie heranreichen würde, ließ die Medihexe das bläuliche Licht um das dürre, von vielen Schwellungen übersäte Bein verschwinden. Ein Fixierungszauber... offenbar war das eines der wenigen Dinge, die ich am Abend zuvor richtig gemacht hatte, wenn Poppy Pomfrey diesen Zauber ebenfalls angewendet hatte, um das Bein ruhigzustellen... ein schwacher violetter Schimmer blieb jedoch, und schien seinen Ursprung unter der blassen Haut zu haben – offenbar ein Zauber, der die Knochenfragmente zusammenhielt. Wie hieß das noch gleich... Marknagelung?

Dankbar für Professor Dumbledores Feingefühl atmete ich auf, als er die anderen aus der Krankenstation hinauskomplimentierte und in unseren Turm schickte; Snape blickte immer noch stur überallhin, bloß nicht in meine Richtung, während Madam Pomfrey mir die durchzuführenden, passiven Bewegungsübungen zeigte, sowie die richtigen Massagebewegungen. Ich führte alles so aus, wie sie es mir zeigte, wobei ich es lieber bei dem Riesenkraken als bei Snape gemacht hätte. Schließlich drückte sie mir verschiedene Salben und Tränke samt Instruktionen in die Hände. Mir schwirrte bereits der Kopf und ich hoffte inständig, dass ich mir auch wirklich alles gemerkt hatte. Ich war es einfach nicht gewohnt, mich länger zu konzentrieren – im Unterricht schaffte ich das auch kaum, mogelte mich dennoch zufriedenstellend durch.

„... so, Mr. Potter, jetzt kommt das Wichtigste!“

Merlin, noch wichtiger als die Dosierung der Medikamente? Entmutigt seufzte ich lautlos auf. Dumbledore musste senil geworden sein... und ich war wahnsinnig gewesen, dem zuzustimmen...

„Ja, Ma’am“, murmelte ich dennoch gehorsam.

... zuzulassen, dass jemand ausgerechnet mir so ausgeliefert war...

„... und um sowohl Muskelatrophie als auch eine Verkürzung der Sehnen und somit schmerzhafte Kontrakturen zu vermeiden, wird Mr. Snape nach einigen Tagen, wo das Bein höchstens passiv bewegt werden sollte, auch aktive Bewegung brauchen.“

... zuzulassen, dass die verantwortungsloseste Person überhaupt Snapes Stütze wurde, im wahrsten Sinne des Wortes...

„Krücken wären zwar möglich, aber Patienten neigen dann dazu, nur das gesunde Bein zu belasten, verstehen Sie, Mr. Potter?“

Nein, tat ich nicht, aber das sollte ich inzwischen schon gewohnt sein.

„Sie müssen Mr. Snape stützen, während er herumläuft – dennoch darf das beschädigte Bein nicht allzu sehr belastet werden, die Knochen sind trotz meines Fixierungszaubers nicht stabil genug dazu. Eine leichte Belastung ist jedoch angebracht, um die Muskeln und auch die Heilung des gesamten Bewegungsapparates zu fordern. Alles soweit angekommen?“

„Jawohl, Ma’am...“, brachte ich unglücklich heraus.

„Wunderbar“, schnappte sie, in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, wie wenig wunderbar sie das alles fand. „Ich muss Ihnen wohl nicht mehr erklären, dass Sie abgesehen davon Mr. Snape bei den alltäglichen Verrichtungen wie Anziehen und Waschen helfen müssen. Noch mehr... Unfälle“, ihre hellen Augenbrauen ruckten in eine zornige V-Stellung, „wollen wir doch nicht, oder?“

Dies brachte den Slytherin dazu, mit diesem Wegstarren aufzuhören. Meine weit aufgerissenen Augen hinter der schiefen Brille trafen auf ebenso im Schock geweitete, schwarze Tiefen. Wir hatten in diesem Moment wohl beide begriffen, wie weit dieses Arrangement gehen würde. Ich war sein merlinverdammtes Kindermädchen und er hilflos wie ein kleines Kind. Und doch würde er mich wohl kratzen und beißen, sollte ich ihm tatsächlich beim Duschen helfen wollen... ganz nackt und alles... und wenn er es doch allein machte, würde er vielleicht ausrutschen... was dann mir zuzuschreiben wäre, und dann-

„Nun denn, Sie können schon vorgehen, Mr. Potter.“

Widerspruchslos schlurfte ich davon, mit einem mutlosen Blick zu Remus, der jedoch fast schon snape-artig stur wegsah. Na, fabelhaft...

Glücklicherweise waren die Korridore angesichts der frühen Stunde noch verwaist, somit wurde niemand Zeuge unserer seltsamen kleinen Prozession, bestehend aus meiner Wenigkeit mit Albus Dumbledore im Schlepptau, der seinerseits Snapes Trage beiläufig und gänzlich ruckfrei mit dem Zauberstab schweben ließ. Der Slytherin hatte die Lippen fest aufeinandergepresst und ein ungesundes Rot hatte sich auf seinen Wangen ausgebreitet. Anscheinend konnte er sich mit seiner hilflosen Position so gar nicht anfreunden.

Die vor sich hin schnarchende Fette Dame schreckte auf und schob die leere Likörflasche unauffällig aus dem Bild, als ich ihr das aus meiner Sicht nur plötzlich makaber gewordene Passwort nannte...

„Hals- und Beinbruch.“

... und zwar direkt vor einem... Slytherin.

Das war in Hogwarts’ gesamte Geschichte sicher noch nie vorgekommen. Diese Ansicht schien die Fette Dame zu teilen, denn sie starrte ungläubig auf uns herab. Dem Portrait blieb jedoch nichts anderes übrig, als aufzuschwingen. Korrektes Passwort blieb korrektes Passwort.

Angesichts der noch frühen Stunde wandten sich uns nur wenige Köpfe zu, dann aber mit den obligatorischen aufklappenden Kinnladen, als wir das gemütliche Gemeinschaftsraum durchquerten. Die Nachricht würde sich verbreiten wie ein Lauffeuer – wahrscheinlich mit den haarsträubendsten, selbst hinzugefügten Details. Hitze kroch nun auch in meine Wangen hoch, die Röte stand der Snapes bestimmt in nichts nach.

Und sie vertiefte sich, als wir unseren Schlafsaal betraten, wo Peter und Sirius seelenruhig herumsaßen und von ihren neuerworbenen Tagebüchern aufblickten.

„Bertha Jorkins hast du deins also genannt? Uäh!“, hörte ich Sirius noch Peter fragen. Bertha wer? Beide verstummten jedoch, als Dumbledores hochgewachsene Gestalt den Raum betrat und diesen allein mit seiner Präsenz förmlich auszufüllen schien.

Bislang hatte Snape sich auf seiner Trage möglichst klein gemacht, doch nun quälte er sich in eine halbwegs aufrechte Stellung und sah sich mit unverhohlener Neugierde im mit allerlei Postern und Quidditchzubehör dekorierten Zimmer um, dessen unordentlicher Eindruck von ungemachten Betten und herumliegenden Kleidungsstücken und Büchern zusätzlich verstärkt wurde. Bei Godrics bestickten Plüschpantoffeln, hatte dieses Zimmer eigentlich schon immer so ausgesehen, als wäre eine von Zonkos Platzt-aus-allen-Nähten-Bombe hier explodiert?

„Nun, meine Herren, Sie haben’s aber gemütlich hier“, schmunzelte Dumbledore.

Nun besaßen auch Sirius und Peter endlich den Anstand, ein wenig beschämt aus der Wäsche zu schauen.

Snapes neugieriger Ausdruck war inzwischen einem angewiderten gewichen, mit verengten Augen und schmaler Mundlinie. Doch offenbar traute er sich nicht, in „fremden Revier“ irgendeinen fiesen Kommentar zum Besten zu geben. Nun, ich schämte mich trotzdem für das Chaos, etwas, das mir zuvor bestimmt nie passiert war, es war mir schlicht gleichgültig.

„Du hättest ruhig ein wenig aufräumen können“, fauchte ich Sirius möglichst leise an.

Das bellende Lachen täuschte nicht über die Verbitterung hinweg:

„Für wen? Für den da etwa?“, zischte er ebenso unauffällig zurück.

Eine Antwort sparte ich mir. Nun schämte ich mich doppelt – nie hätte ich mich früher dazu hinreißen lassen, einen Freund vor Publikum niederzumachen. Wenn wir Rumtreiber uns stritten, geschah das immer im Privaten, das gehörte zu unserer bisher ungebrochenen Loyalität... doch die Fassade schien zu bröckeln. Und Schniefelus’ ironisches Lächeln entging mir nicht – der hatte wohl ein recht gutes Gehör und schien sich hämisch zu freuen.

Trotz meiner Verärgerung hielt ich an dem Vorsatz fest, meine Aufgabe auch ordentlich zu erledigen. Das musste damit beginnen, mich als einigermaßen guter Gastgeber zu erweisen. Vorsichtig führte Dumbledore die Trage zu dem fünften, schon immer unbenutzten, aber nun von den Hauselfen frischbezogenem Bett. Wir hatten damals Glück gehabt – uns vier wurde als letzte ein Raum zugeteilt, nur wir waren noch übrig... ganz abgesehen davon, dass diese räumliche Gemeinschaft uns noch schneller zu Freunden werden ließ, als es sowieso der Fall gewesen wäre.

Doch jetzt bröckelte wohl nicht nur die Fassade, sondern diese ganze, von mir als unumstößlich angesehene Freundschaftsbande. Sirius knurrte übellaunig etwas vor sich hin, während ich dem Slytherin sanft auf das Bett half. Snape erschauerte heftig angesichts des Körperkontakts. Ich bemühte mich, nicht darauf zu achten – war es wirklich so schlimm, von mir berührt zu werden? Na, das würde ja heiter werden, ohne Berührungen würden wir leider, leider nicht weiterkommen!

„So, dann lasse ich Sie allein, Sie werden sicher gut miteinander auskommen!“

Oh, diese Ironie. Es war jedoch keine, was mir der warnende Blick in unsere Richtung bestätigte, bevor der Schulleiter in einem Rauschen aus violetten Roben und schneeweißem Haar unseren Schlafsaal verließ. Viel zu schnell für meinen Geschmack, ich fürchtete die Auseinandersetzung, also versuchte ich dieser zu entgehen, indem ich mich seufzend vor Snape kniete, um ihm die Socken abzustreifen und seine Beine dann sehr, sehr vorsichtig auf das Bett zu legen.

„Uhm...“, machte ich unsicher. „Also... deine Sachen kann ich wohl nicht aus den Slytherinräumen holen, aber ich werde sicher was für dich zum Anziehen finden...“ Snapes verblüffter Blick traf mich. „Und ein paar Bücher habe ich auch noch hier, wenn du noch andere willst, hole ich sie für dich aus der Bibliothek... musst du nur sagen...“

„Aber James, die schwarzmagischen Bücher sind doch in der Verbotenen Abteilung, wusstest du das nicht?“, säuselte es boshaft hinter mir. Ich ignorierte Sirius gewissenhaft, während Peter schmeichlerisch lachte.

Diese schwarzen Augen jedoch loderten vor Zorn. Oh, wie ich die gar nicht so lang zurückliegende Zeit vermisste, zu der ich mich mit Freuden Sirius’ Sticheleien angeschlossen oder diese sogar selbst angefangen hätte, ohne die Spur des schlechten Gewissens, das jetzt an mir nagte. Ohne Gastgeber, Krankenpfleger und Kindermädchen in einem spielen zu müssen, ohne dafür zu sorgen, dass die Situation nicht eskalierte, sondern eine Eskalation herbeisehnend, die in (nun zugegeben albernem) Zauberstabgefuchtel enden würde...

Es kam mir vor als ob ich auf dünnem Eis ging, als ich mich zu meinem (ebenfalls unordentlichen) Kleiderschrank begab, um ein Pyjama zu finden. Bei Godrics Plüschpantoffeln, die waren ja alle dunkelrot... manche sogar mit darauf gesticktem Schnatz. Snape mochte sich nichts aus Kleidung machen, aber um ihn da rein zu kriegen, würde ich ihn sicher mit einem Lähmzauber belegen müssen.

Letztendlich fand ich eines, in einem neutralen, sehr dunklen Blau gehalten. Bei so vielen Klamotten hatte ich vergessen, dieses Pyjama überhaupt zu besitzen. Snape starrte darauf, lange Finger glitten abwesend über den seidigen Stoff. Wenn man sich seine sonstige „Garderobe“ so vor Augen führte, besaß er sicherlich nichts in dieser Qualität. Dann erst schien er sich bewusst zu werden, dass er seine Begeisterung zu offen gezeigt hatte, denn sein Blick traf mich gewohnt vernichtend während er ansetzte, etwas zu sagen...

„Komm nicht mal auf die Idee zu sagen, du würdest nichts von mir anziehen wollen, Snape!“, wies ich ihn zurecht. Für eine Sekunde sah er erstaunt aus, offenbar hatte er mir genau das entgegenschleudern wollen. „Falls du das vergessen hast – ich habe das Sagen, bei allem, was dich betrifft! Und ich sage: Du ziehst dich um, oder ich nehme dir sogar dieses wohlgemerkt offene Hemdchen weg und du darfst nackt herumliegen!“

Die Drohung zog offenbar, denn Snape machte seinen Mund wieder zu und begnügte sich damit, weiterhin böse zu starren. Doch seine Hände fielen kraftlos an seine Seiten – offenbar eine zaghafte Einverständniserklärung. Merlin sei Dank.

Kurz darauf war er pyjamaverpackt unter der Decke verstaut. Ich war über mich selbst erstaunt, dass ich sein Gezeter (Snape kannte Flüche, die selbst einem Kesselflicker die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten) einfach überhören konnte; es als Teil meiner Buße annahm, während ich das Fenster direkt neben seinem Bett schloss damit Snape nicht kalt wurde. Es war eine stumme Bitte um Absolution, dass ich mir bereits überlegte, wie ich es in der Mittagspause zeitlich schaffen könnte, auch ihm etwas zu Essen hochzubringen – und zu dem Schluss kam, dass ich dazu auf mein eigenes verzichten musste... Ein Zeichen meiner bitteren Reue, dass ich mich unwohl fühlte, den Slytherin nun sich selbst zu überlassen...

... denn ich musste zum Unterricht. Keine bessere Behandlung wurde uns gewährt. Noch bis gestern – bevor wir in Albus Dumbledores Ungnade gefallen waren – hätte er sicher ein Auge zugedrückt, wenn wir für ein paar Stunden dem Unterricht ferngeblieben wären. Nun, jetzt würde er das wohl nicht tun, kein Mitgefühl für uns, die wir hätten friedlich schlafen sollen, anstatt... hm ja, du weißt sicher, wovon ich rede... nicht, Schniefelus?

Den Tag hinter mich zu bringen, grenzte an Tortur. Doch ich überlebte diese, schwer angeschlagen. Die Blicke, das Getuschel (ich hatte leider recht behalten – alle wussten es inzwischen), welche ich entgegen meiner sonstigen Art eisern ignorierte, meine Gedanken, die unablässig um meine Schuld und um den sich unter meinen Augen auflösenden Zusammenhalt der Rumtreiber kreisten, meine bleierne Müdigkeit...

Die Tortur ging jedoch erst richtig los, als ich unseren Schlafsaal betrat, wie mittags wieder mit Lebensmitteln beladen. Und wie mittags weigerte Snape sich, auch nur einen Bissen zu nehmen. Danach weigerte er sich, in einem Anfall von Slytherinstursinn der seinesgleichen sucht, mich die passiven Bewegungsübungen und die Massage durchführen zu lassen. Zu meiner eigenen Schande war ich sehr froh über diese Verzögerung, mochte ich noch so genau wissen, dass Snape sowohl Stärkung als auch meine Berührungen dringend benötigte...

Bei den Medikamenten kannte ich aber kein Pardon, ach, am liebsten hätte ich sie ihm mit Gewalt eingeflößt, diesem...

Hm. In entsprechend schlechter Stimmung schlug ich dann dich zum ersten Mal auf.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 11.15 p. m.

Oh, ja... ich habe den ganzen Ausmaß der Potter’schen Launen zu spüren bekommen... Morddrohungen inklusive.

James, 4. Dezember 1976, 11.15 p. m.

Hm, inzwischen spiele ich nicht mehr so oft mit dem Gedanken, Gryffindors Konto auf einige Tausend Minuspunkte absinken zu lassen, indem ich dich in den Kamin werfe. Und ich werde sogar davon absehen, dem echten Schniefelus den Hals umzudrehen, weil er versucht hat zu spionieren. Vielleicht.

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 11.16 p. m.

Wie... beruhigend?

James, 4. Dezember 1976, 11.17 p. m.

Ja... so tief bin ich schon gesunken, mich von meinem eigenen Tagebuch erpressen zu lassen...

Schniefelus, 4. Dezember 1976, 11.17 p. m.

Selbst schuld, dass du mich zu einem Slytherin gemacht hast. Gute Nacht, Potter.



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