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Die Worte hallten in James’ Geist wie in nimmerendender Kanon nach.
Bis zum Letzten.
Der Gryffindor wurde von einer nicht sehr gryffindorhaften Unsicherheit ergriffen; da hatte er Severus herausgefordert, unwissentlich. Eigentlich hatte er nicht einen Moment lang an ein solches Ergebnis gedacht... dass er sich so bald in einer solchen Situation wiederfinden würde, dass er, dass sie beide... Nein, er hatte sich vorgestellt, sie würden ein lauschiges Plätzchen aufsuchen, sich ausziehen und ein wenig... rummachen. Nicht etwas so verbindliches, wie sich einander ganz hinzugeben, nicht diese Intimität.
Andererseits, für wen sollte James sich auch aufheben? Für Evans möglicherweise, die sicher nicht daran interessiert war und...
„Du willst das nicht... nicht mit mir, oder?“, drang Severus’ Stimme in seine wirren Gedanken vor.
James verfluchte die Intuition des Slytherin und bemühte sich um ein selbstbewusstes Lächeln – das wohl eher verlegen ausfiel.
„Tut mir Leid, dann habe ich das missverstanden, weil du, äh, mich angefasst hast, also dort und ich dachte...“
Die Erinnerung daran, wo er Severus vorhin berührt hatte, ließ das Blut in James’ Gesicht schießen. Das meiste davon schoss allerdings in ganz andere Körperregionen. Er musste sich eingestehen, dass ihm die Vorstellung alles andere als zuwider war. Mochte er noch so wenig Ahnung haben, wie es überhaupt ablaufen sollte. Dass er so unwissend war, störte James schon viel mehr; Severus verführte ihn, auf diese so herzerwärmend schüchterne Weise und er selbst stand da angewurzelt wie ein Idiot und brachte kein Wort heraus.
Es war wohl an der Zeit, den Spieß umzudrehen.
„Wo genau habe ich was angefasst?“, schnurrte der Gryffindor in das Ohr des anderen Jungen, nicht einmal darum bemüht, den Unwissenden zu spielen. „Doch nicht etwa hier?“ Seine Finger glitten tiefer über schwarzen Stoff, zwischen sich dort abzeichnenden, festen Backen.
Severus sog die Luft ein, ließ aber sonst durch nichts anmerken, etwas dagegen zu haben. Auch nicht, als James begann, möglichst empfindliche Stellen des zarten Körpers zu kneifen und zu reizen. Der Slytherin lehnte ergeben den Kopf an seine Schulter und seufzte leise. Der warme Atem sandte Schauer an James’ Wirbelsäule hinab.
Erstaunt blickte der Gryffindor auf Severus – beziehungsweise auf das schwarze Haar, das gerade seine Nase kitzelte – als sähe er ihn zum ersten Mal. Wahrscheinlich war das auch ganz korrekt, er sah ihn zum ersten Mal. Nicht Snape, nicht Schniefelus, nicht der ewige Rivale, vor dem man sich in Acht nehmen musste, nicht der Typ, der so schmuddelig herumlief und James dennoch guten Grund gab, eifersüchtig zu sein – Lilys wegen – nicht der obskure Kenner Dunkler Künste... nein, einfach nur Severus. Sein Severus. Der mit ihm, James, nicht nur seinen ersten Kuss geteilt hatte, obwohl er durchaus jemand Netteres hätte finden können, sondern ihm auch noch sein erstes Mal schenken wollte, ganz bereitwillig. James begriff langsam, dass er sich geehrt fühlen durfte – ausgerechnet jemand, den er so fertiggemacht hatte, servierte sich ihm auf dem Silbertablett.
Außerdem musste James sich nicht sonderlich überwinden, um Severus nicht zu enttäuschen. Er wollte ihn, ja. Ihn und nicht irgendeinen anderen, attraktiveren und oberflächlichen Kandidaten. Von dieser Sorte hatte James mehr als genug und das betraf beiderlei Geschlechter.
Aus dem erst neckischen Fummeln, um Severus ja auch zu demonstrieren, wer hier das Sagen hatte, war unbewusst zärtliches Streicheln geworden, an ausnahmsweise ganz unverfänglichen Stellen. Und, oh abwesender Merlin, konnte Severus küssen. Wenn er so küssen konnte, wie würde es dann erst sein –
James verbat sich den Gedanken ganz schnell, schließlich wollte er den ganzen Weg zu dem unbedingt benötigten lauschigen Plätzchen nicht mit Privatzelt zurücklegen. Eine Sekunde später seufzte er – bereits zu spät. Gut, dass es dunkel war...
Severus folgte ihm gehorsam, über wellige Grasebenen und verschlungene Pfade, sie entfernten sich immer mehr von dem Schloss und der Gryffindor wunderte sich schon, dass der übermäßig neugierige Junge diesbezüglich nicht...
„Du weißt aber schon, wohin du gehst? Oder steht der heutige Abend ganz unter dem Motto der Frischluftliebe?“
... Fragen stellte.
Hm, immerhin hatte es bis zu der ersten Frage ungewöhnlich lang gedauert.
„Haha, du Althippie. Lass dich doch überraschen.“
An James’ Seite war ein kaum unterdrücktes Schnauben zu hören.
„Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich mich auf eine Überraschung von dir freue.“
James grinste nur in sich hinein und zog Severus weiter hinter sich her, der über seinen Umhang stolperte und die schwere Ebenholzkiste kaum noch tragen konnte. Und doch verließ keine einzige Beschwerde diese so süßen Lippen.
Bis James nach dem immer benutzten langen Ast griff und die Peitschende Weide stilllegte.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, James.“
„Du brauchst keine Angst haben, ist doch kein Vollmond, also ist Remus garantiert nicht hier!“
„Ich habe keine Angst! Und über Werwölfe weiß ich inzwischen mehr als genug, herzlichen Dank!“
Das darauffolgende Starrduell konnte anscheinend niemand gewinnen, wie James nach etlichen Augenblicken feststellte. Also zog er es vor, sich auf ihrem „Waffenstillstand“ zu besinnen. Falls man es in ihrem Fall so bezeichnete, dass sie sich bis vor Kurzem wild geküsst, sich gestritten und nur zu gern wieder versöhnt hatten und jetzt die wohl intimsten, verwundbarsten Momente in dem Leben eines jeden Menschen miteinander verbringen wollten.
„Wenn du mich willst, musst du mir schon vertrauen“, wisperte James einschmeichelnd, bevor er in den Tunnel schritt und sich fallen ließ.
Keine zwei Sekunden später rutschte Severus hinterher und fiel in James’ ausgebreitete Arme. Der Gryffindor hatte etwas Mühe, seinen äußerst selbstgefälligen Gesichtsausdruck aufgrund der extrem kurzen Entscheidungsspanne des Slytherin in einen möglichst neutralen zu verwandeln.
„Ich mag’s hier nicht“, murrte Severus stur.
„Ich weiß gar nicht was du hast, ist doch sehr gemütlich hier“, zog ihn James auf.
„Oh ja, in der Tat“, stellte Severus nach einem Rundumblick auf schlüpfrige, dunkle Wände und holperigen Boden fest, ließ sich dennoch weiter mitziehen. James entging das Zittern der schmalen Hand in der seinen keineswegs. „Schön, ich habe vor der Heulenden Hütte wirklich eine Mordsangst, bist du jetzt zufrieden? Ich bin hier schon einmal fast gestorben, vielleicht ist das mein Schicksal, hier mein Ende zu finden, wenn ich nur oft genug herkomme – also sollte ich einen Aufenthalt hier vielleicht vermeiden!“
Nicht sehr erfolgreich unterdrückte James den Anflug von schlechtem Gewissen – mochte er noch so wenig schuld sein an Severus’ Trauma. Oder etwa doch? Hätten sie nicht auf Severus herumgehackt, hätte dieser auch nicht nach einem Weg gesucht, die Rumtreiber exmatrikulieren zu lassen. Was hätte James dafür gegeben, die ganzen Feindseligkeiten rückgängig zu machen. Aber vielleicht wäre die Situation dann nicht so aufregend gewesen... mit seinem Lieblingsfeind ins Bett...
James stieß die knarrende Holztür am Ende des Tunnels auf und erlaubte sich, in Severus’ amüsanter Verblüffung zu schwelgen. Der andere Junge war wie erstarrt stehen geblieben, dessen Mund zu einem überraschten „O“ geformt.
„Habe ich zuviel versprochen? Ich habe mir schon was dabei gedacht, weißt du...“
„Ich hätte nicht gedacht, dass du denkst...“
Es war nur ein ehrfürchtiges Flüstern (und natürlich ein böser Seitenhieb, worüber James neuerdings nicht mehr wütend werden konnte, nicht wenn er so samtig-sexy beleidigt wurde). Die Heulende Hütte war, von innen betrachtet, keineswegs das staubige Spukhaus, das man von außen vermutet hätte. Immerhin musste Remus es einigermaßen bequem haben und Dumbledore hatte sicherlich gehofft, ihm mit der Behaglichkeit der Einrichtung, zumindest teilweise, die Angst vor der Verwandlung zu nehmen.
Severus sah sich noch immer neugierig um, seine Schritte von dicken Teppichen verschluckt. Lange, schlanke Finger strichen über die Konturen der dunklen Möbel, über die Pfosten des großen, frisch bezogenen Himmelbettes, über die Rücken zahlreicher Bücher (hier hoffte James, dass er selbst momentan doch interessanter war, als er Severus’ gierigen Blick bemerkte), bevor sie über die Klaviatur des Flügels glitten, ihr einige vollklingelnde Töne entlockend.
„Verrate mir doch bitte, wozu ein Werwolf ein Klavier braucht.“
„Ein intellektueller Werwolf wie unserer braucht auf jeden Fall eins. Es beruhigt ihn, es lenkt ihn ab, wenn er spielt. Nun, wenn er noch in seiner Menschenform steckt, natürlich... er kommt immer lange vor der Verwandlung her, damit er keinen gefährdet...“
Peinlich berührt unterbrach sich James. Das mit der Nichtgefährdung war vor einiger Zeit ordentlich fehlgeschlagen. Zum Glück ging Severus nicht darauf ein.
„Und was ist hier drin?“ Der Slytherin öffnete die nächste Tür, bevor James ihn aufhalten konnte. „Merlins Bart!“
Der Gryffindor zog ihn ganz schnell von der Tür zurück, bevor Severus zuviel von den Wänden sehen konnte, in die harte Krallen geschlagen worden waren, nur zu deutliche Spuren hinterlassend.
„Er kann nicht raus, Severus, niemals. Nicht, wenn ihn niemand rauslässt... was wohl nie wieder geschehen wird.“
Die Antwort bestand aus einem nicht ganz überzeugten Nicken. James zog den anderen Jungen in seine Arme und flüsterte:
„Und wenn, biete ich mich jederzeit gern wieder als Beschützer an.“
Dieses Mal war die Antwort ein heftiger Kuss, bevor er sich plötzlich auf dem Bett liegend wiederfand, Severus über ihm, ihn mit dem gleichen, gierigen Blick messend wie zuvor Remus’ hochinteressante Lektüre.
„Oh, dann geht es mir jetzt schon viel besser...“, hauchte Severus und James hätte schwören können, ein nur zu seltenes Lächeln über zartgemeißelte Gesichtszüge huschen zu sehen. „Sicher geborgen in den Armen der Person, die ich am Meisten begehre...“
Die Worte ließen wieder diese Wärme in James’ Herzen... und Unterleib entstehen. Er protestierte nicht, weil ihm abermals die Rolle des Verführers entrissen wurde und Severus ihn wie ein kostbares Geschenk und ganz behutsam aus der Kleidung schälte, ihn mit großen Augen betrachtend. James kam sich schon vor wie...
„... ein Kunstwerk... du bist ein vollkommenes Kunstwerk, viel schöner als in meinen kleinen, unbedeutenden, pubertären Phantasien... oder letztes Jahr auf dem Quidditchfeld... wow, du hast dich aber... entwickelt...“
Oh, das tat gut, wieder einmal das Ego gestreichelt zu bekommen.
„Aha...“, flüsterte James atemlos. „Und diese gestalteten sich wie genau?“
„Du magst es wohl, wenn man dein Ego streichelt, nicht wahr?“
James grinste ertappt.
„Ich weiß nicht, James, du findest die sicher richtig... blöd.“
Severus hatte die Augen gesenkt und die beschämte Röte war sogar in dem schwachen Fackelschein auszumachen.
„Bestimmt nicht“, versicherte der Gryffindor eifrig. Dann erst sanken die anderen Worte ein:
„Du hast sicher im Publikum gesessen und mich mit den anderen Slytherins ausgelacht, stimmt’s?“
„Hätte ich wohl getan, dein Cheerleadertanz war höchst... erinnerungswürdig. Allerdings hatte ich alle Hände voll zu tun, meine Nasenblutung zu stoppen – und zu hoffen, dass dieses winzigkleine Gryffindorwappen von den zensierten Stellen abfällt...“
Pfft. Da wurde er gewöhnungsgemäß beleidigt und konnte Severus nicht böse sein, weil er Beleidigungen so geschickt in Komplimente verpackte.
„Hey – es war riesig, ja?“
„Oh, ja, jetzt müsste es riesig sein...“
James grinste und zog Severus zu einem weiteren Kuss an sich heran.
„Und nun keine Ausflüchte mehr – ich bin ganz Ohr.“