|
Author of 9 Stories |
Ungeduldig tigerte Scotty draußen vor dem Krankenwagen auf und ab. Zwar wusste er, dass Lilly nicht ernsthaft verletzt war und wohl lediglich ein schmerzhaftes Hämatom auf dem Brustkorb zurückbehalten würde, dennoch machte ihn diese Warterei fast wahnsinnig. Die Nachmittagssonne tauchte das ganze Szenario in ein trügerisch friedliches Licht und während Polizisten und Kriminologen geschäftig ihrer Arbeit nachgingen, versammelten sich immer mehr Schaulustige um den mittlerweile abgesperrten Tatort. Neugierig reckten sie ihre Hälse und deuteten immer wieder mit dem Finger auf das Haus und auf die beiden Rettungswagen, während sie aufgeregt den Neuankömmlingen schilderten was geschehen war. Ihre Mienen verdunkelten sich dabei zu einem angeekelten Ausdruck, wenn sie auf den Transporter mit dem verletzten Ben Mitchell deuteten und verwandelten sich dann in Mitleid, wenn sie den anderen benannten, in dem Lilly behandelt wurde.
Schließlich, nach schier unendlich langen Minuten öffnete der Arzt endlich eine Hälfte der doppelseitigen Tür und sprang aus dem Wagen.
Scotty hielt daraufhin abrupt in seiner Bewegung inne und sprach ihn an. “Wie geht es ihr?”, fragte er gehetzt.
“Alles in Ordnung. Es geht ihr gut.”, beruhigte ihn der Mediziner und Scotty atmete erleichtert aus. Dann lächelte der Mann und fügte zwinkernd hinzu: “Ein heißes Bad, ein Glas Wein und ein paar Tage Ruhe und sie ist wieder ganz die alte.”
“Dafür werde ich persönlich sorgen.”, gab Scotty, ebenfalls lächelnd, zurück. All seine Anspannung war mit einem Mal verflogen.
“Kann ich zu ihr?”
“Sicher. Sie muss nur noch warten bis die Infusion durchgelaufen ist, die ich ihr gegen die Schmerzen gegeben hab, dann können Sie sie mitnehmen.”
“Danke, Doc.” Scotty schüttelte dem Arzt die Hand und wand sich dann der halboffen stehenden Tür des Transporters zu.
Behände stieg er auf den Tritt und dann ins Innere. Lilly wartete bereits auf ihn. Als er auf sie zukam, schenkte sie ihm ein schwaches, aber dennoch erfreutes Lächeln, wenngleich es etwas ängstlich und verlegen wirkte, so als befürchte sie, nun die unausweichliche Standpauke zu erhalten. Doch Scotty hatte nicht vor sie zu Recht zu weisen, dafür hatte sie wahrlich genug durchgemacht. Er war sich sicher, dass sie so etwas Gefährliches und gleichzeitig Leichtsinniges nie wieder tun würde. Und falls doch irgendetwas darauf hindeuten sollte, dass sie erneut im Begriff war derartige Dummheiten zu begehen, würde er diesmal besser auf sie aufpassen, dass hatte er sich geschworen. Und wenn das bedeutete, dass er ihr dazu in Zukunft nicht mehr von der Seite weichen durfte, dann war das eben so. Zudem sah sie auch ohne Strafpredigt schon mitgenommen genug aus. Einzelne Strähnen hatten sich bei ihrem Sturz aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst und hingen ihr nun wild ins Gesicht. Sie wirkte blasser als gewöhnlich und unter ihren wunderschönen tiefgründigen Augen lagen dunkle Ringe, die einen hohen Erschöpfungsgrad verkündeten. Auf ihrem linken Handrücken war, mit einem schmalen Pflaster, eine kleine Kanüle befestigt, von wo aus ein dünner durchsichtiger Schlauch zu einem viertelvollen Infusionsbeutel führte, der in einer Halterung unter der Decke hing und in dem sich eine klare Flüssigkeit befand.
Scotty setzte sich ihr unmittelbar gegenüber, auf den kleinen herunterklappbaren Plastiksitz, den normalerweise der Arzt während der Fahrt zum Krankenhaus einnahm. Dann griff er zögernd nach ihrer freien Hand und umschloss ihre schlanken Finger mit den seinen. Dabei musterte er sie eindringlich, tastete mit seinen Augen jeden Zentimeter ihres hübschen Gesichts ab. Stillschweigend ließ sie es geschehen und genoss diesen intimen Augenblick zwischen ihnen. Die entstandene Stille war beinah greifbar.
“Tu so etwas nie wieder.”, sagte er schließlich und obwohl er nur leise gesprochen hatte, lag darin eine Dringlichkeit, die sie leicht erschaudern ließ.
“Ich kann verstehen, dass du wütend bist. Ich wäre es andersrum auch.”, erwiderte sie niedergeschlagen und unweigerlich legte sich erneut ein wässriger Glanz über ihre Augen.
“Ich bin nicht wütend.”, dementierte er bestimmt. “Und wenn doch, dann höchstens auf mich selbst, weil ich nicht bei dir war.” Betrübt ließ er den Kopf hängen.
“Hey.”, sagte sie sanft und zwang ihn so sie wieder anzusehen. “Selbst du kannst nicht verhindern, dass es je wieder zu einer solchen Situation kommt. Ich meine wir sind Cops, wir stehen doch quasi jeden Tag in der Schusslinie.”
“Ich weiß.”, seufzte Scotty, dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen und blickte ihr fest in die Augen, ehe er hinzufügte: “Doch dein Herz wäre nicht das einzige gewesen, was dabei hätte verletzt werden können!”
Völlig perplex starrte Lilly ihn nun überrascht an. “Was meinst du?”
“Ich meine ...” Scotty zögerte kurz. “Wenn du mir schon meines stiehlst, solltest du etwas umsichtiger damit umgehen.”
Lilly lächelte daraufhin. “Hätte ich gewusst, dass ich so etwas Kostbares mit mir herumtrage, wäre ich vorsichtiger gewesen.”
“Und wäre ich so mutig wie du, hätte ich dir sicher schon früher davon erzählt.”, erwiderte er ihr Lächeln, erleichtert darüber, dass es endlich raus war.
“Das nennst du mutig? Ohne Begleitschutz zu einem dreifachen Mörder zu fahren? Nein Scotty, dass was du hier gerade tust erfordert weitaus mehr Mut.”, widersprach sie energisch. “Immerhin besteht die Gefahr einer Zurückweisung und die würde weitaus größere Schmerzen anrichten, als es eine Pistolenkugel je könnte.”
“Hast du etwa vor mich zurückzuweisen?”, fragte er gespielt locker, doch er war sich sicher, dass der sorgenvolle Ausdruck in seinem Gesicht seine wahren Gefühle verriet. Ungeduldig versuchte er in ihren Augen die Antwort abzulesen.
“Nein.”, sagte sie liebevoll. “Eine Dummheit am Tag reicht.”
Scotty grinste sie erfreut an und sein Herz machte prompt einen so gigantischen Sprung, dass er unweigerlich annehmen musste, dass es in der gesamten Nachbarschaft zu hören gewesen war.
“Gut. Ich werde schnell Nick Bescheid geben, dass alles in Ordnung ist und dann bring ich dich nach Hause und sorge dafür, dass du bekommst was dir der Arzt verordnet hat.” Mit diesen Worten erhob er sich und ließ dabei ihre Hand los, die er die ganze Zeit über gehalten hatte.
“Du meinst viel Ruhe?” Neugierig sah sie zu ihm auf.
“Das auch.”, gab er geheimnisvoll zurück.
“Glaub nicht, ich hab euer Gespräch vorhin nicht gehört.”
Scotty feixte, dann beugte er sich zu ihr herunter und gab ihr einen leichten Kuss aufs Haar, ehe er sich abwandte und den Krankenwagen kurz verließ.
Ende