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Author of 16 Stories |
A/N: Mein Beitrag zum Fanfiktion-Award-Wettbewerb auf ffde, zu einem der Auswahlthemen: Liebesgeständnis oder -beweis unter Sternen. Sagen wir es mal so, die Sterne sind eher metaphorischer Natur geworden...
Autor: Meine Wenigkeit, BlackPriestess
Pairing: James Potter und Peter Pettigrew. Oder sollte das lieber zu den Warnings? Hm...
Warnings: Erwähnung von Folter (nicht graphisch). Außerdem... Alternate universe. Und wenn ich eine AU-Story geschrieben habe, kann man jetzt in der Hölle sicherlich ganz wunderbar Schlittschuh laufen.
Half the man I used to be
Damals, ganz am Anfang, war James sehr oft da.
Später, wenn Peters wirre Gedankenwelt, in der er für immer eingesperrt sein würde, etwas ordentlichere, möglichst... lineare Erinnerungen zuließ, hatte er begriffen, dass diese Zeit für immer der Vergangenheit angehören würde. Eine Zeit, die er grundsätzlich mit Gold assoziierte. Mit Wärme und Sonnenstrahlen auf seiner Haut.
Peter Pettigrew war, in der Tat, lächerlich glücklich. Glücklicher, als jemals zuvor, glücklicher, als in seiner Zeit auf Hogwarts, als er sich noch Rumtreiber nennen durfte – ohne wirklich dazuzugehören. Eine etwas seltsame Regung für jemanden, dem geschätzt fünfzig Prozent seines Körpers abhanden gekommen waren.
Zwar mochte er, hilflos und bewegungsunfähig, praktisch von der Außenwelt abgeschnitten, auf einem Bett in St. Mungo liegen – in der Station, wo jene Fälle dahinvegetierten, die sich hier wohl auf die Ewigkeit einrichten durften. Jene Fälle, für die der Tod humaner gewesen wäre – diesen zu gewähren verbat allerdings die Humanität. Aber er war der Mittelpunkt – etwas, von dem er während seiner Teenagerjahre nur hatte träumen können.
Ja, er war das Zentrum ihrer aller Welt, ihr Held. Er, der kleine, unbedeutende Wurmschwanz.
Lily kam ab und zu vorbei. Sie brachte selbstgebackene Kekse mit, die sich von Mal zu Mal in ihrer Qualität steigerten, das musste er zugeben; aus Hagrid-mäßigen Steinen waren weiche, durchaus essbare kleine Köstlichkeiten geworden. Sie sprach nie viel
„Das ist Onkel Peter, Harry.“
er hörte sie nur leise weinen. Manchmal spürte er weichen Babyflaum, eine warme, glatte Babystirn an seiner Wange und wünschte sich, den kleinen Körper noch in den Armen wiegen zu können, so wie früher.
Remus kam jeden Tag vorbei. Er brachte köstliche, zartschmelzende Schokolade mit – und viel, viel Zeit; Peter hätte stundenlang der sanften Stimme lauschen können, die ihm die interessantesten Zeitungsartikel vorlas oder ihn in Traumwelten entführte. Letzteres war etwas, das Peter während seiner Schultage verpasst hatte. Wie hatte er nur so dumm sein können, sich die vielen schönen Bücher entgehen zu lassen? Vielleicht lag es auch daran, dass er sie jederzeit hätte lesen können – damals hatte er ja auch noch über zwei funktionstüchtige, wenn auch von langweilig wässrigblauer Farbe, Augen verfügt. Nun, er war nie der intellektuelle Typ gewesen, so wie Remus, aber jetzt hatte er ebenfalls viel, viel Zeit und Menschen änderten sich bekanntlich.
Sirius kam jeden Tag vorbei. Er schmuggelte Feuerwhiskey herein. Das Getränk brannte sich in Peters Magen ein und ätzte seinen Verstand fort, wenn auch nur für wenige, herrliche Stunden. Und Sirius brachte Reue und Tränen ebenfalls mit; Peter schwelgte darin. Vor allem, wenn Sirius mittrank, wurde es ganz fabelhaft. Der Alkohol lockerte dessen Zunge und drückte auf die Tränendrüsen. Peter war in Augenblicken wie diesen („Oh Merlin, Peter, es tut mir so Leid, ich sollte hier an deiner Stelle liegen, oh Gott, vergib mir, ich liebe dich, Mann...“) heilfroh, dass sowohl seine Tränendrüsen als auch seine Fähigkeit zu sprechen für immer verloren waren. Es hätte sonst gut sein können, dass er sich, so wie Sirius, komplett zum Narren machte.
James kam jeden Tag vorbei – das war der Höhepunkt seiner auch so heiter und kurzweilig verlaufender Tage. James brachte sich selbst mit. Und seine unendliche Dankbarkeit. Das war das Wichtigste. Wen interessierten schon Süßigkeiten. James erzählte ihm alles Mögliche, ob nun über den kleinen Harry, der seine ersten Schritte getan hatte („... was er ohne dich nicht mehr erlebt hätte...“), oder Lästereien über die Kollegen aus dem Aurorenbüro (davon hatte James immer etwas auf Lager, selbst wenn er zurzeit auf unbestimmter Dauer beurlaubt war – aus offenkundigen Gründen). Er brachte Peter zum Lächeln... er brachte ihn zum Lachen. Wenn man das heisere Keuchen, zu dem er noch imstande war, als solches bezeichnen konnte. Peter wurde den Eindruck nicht los, dass seine Freunde sich die Klinke in die Hand gaben, damit Peter nie ganz allein bleiben musste. Sie waren äußerst selten gleichzeitig bei ihm. Nicht, dass er etwas dagegen hatte, so bemuttert zu werden.
Daraufhin folgten, unweigerlich, die einsamen Nächte. Die sehr, sehr einsamen Nächte, in denen Peter Erinnerungen und Sehnsüchten nichts entgegenzusetzen hatte. Er zog Letzteres vor, das war zumindest nicht sehr schmerzhaft, wenn schon recht unangenehm. In diesen Momenten fragte er sich, warum man ihm nicht auch noch das abgeschnitten hatte. Aus Mitgefühl konnte es doch nicht geschehen sein; Leute, die imstande waren, jemandem ganz langsam sämtliche Gliedmaßen abzusägen, sich an den Schreien ihres Opfers delektierten, bis besagtes Opfer, dank unwiderruflich zerstörten Stimmbändern, nur noch stumm schreien konnte, kannten eine solche Gefühlsregung sicher nicht.
Nein, ihm dieses letzte Bisschen zu lassen, war eine Verhöhnung gewesen. Nie war Peter seinem verhassten Spitznamen mehr gerecht geworden. Wurmschwanz. Haha. Er war ja auch nichts anderes mehr als ein Wurm mit einem Schwanz dran, für den niemand Verwendung finden würde. Dass es auch früher nicht unbedingt der Fall gewesen war, als er noch als vor Gesundheit strotzender, hormonzerfressener Junge durchs Leben taumelte, war nur ein schwacher Trost. Damals hatte er aber noch vor Gesundheit strotzende Hände besessen. Peter schluckte, ohne seine trockene Kehle befeuchten zu können. Hm... immer positiv denken. Immerhin hatte man ihm den größten Fehler seines Lebens, der auf seinem linken Arm prangte, mit amputiert und James würde nie erfahren, was er...
Und da geschah es wieder; sein Schmerz und seine Sehnsüchte hatten sich nun doch vereint, um ihn in der Dunkelheit zu quälen, die ihn immer umhüllen würde, ganz unabhängig von der Tageszeit.
„... geht es dir, Pete?“
James’ sonst laute und angeberische, doch nun behutsame, weiche Stimme drang durch etliche, verworrene Traumfetzen, verjagte seine höchstpersönlichen Monster, aber leider nicht dieses kleine Monster, das auf diese Stimme in gewohnter Weise zuckend reagierte.
Peter war mit einem Mal hellwach und hätte vor Schreck die Augen aufgerissen – wenn er denn gekonnt hätte. Das war nicht die alltägliche Routine, was ihn jetzt komplett verwirrte. Er war sich dessen bewusst, dass es mitten in der Nacht war, weil er schon längst sein Abendessen erhalten hatte... beziehungsweise war er damit wie ein Kleinkind gefüttert worden.
Er wimmerte leise.
„Ich wollte dich nicht wecken...“ James unterbrach sich und Peter konnte sich aufgrund des verlegenen Tons ausmalen, wie sein Idol errötete. Ach, Blödsinn. Das war James Potter – er wurde nie verlegen und erst recht nie rot.
„Eigentlich wollte ich nur ein wenig hier bleiben... habe die Nachtschwester bestochen, weißt du...“
Peter musste innerlich lächeln.
„Habe mich mit Lily gestritten...“
Hätte James nicht schon zuvor, so wie immer, seine volle Aufmerksamkeit gehabt – nun, spätestens jetzt wäre es der Fall gewesen. Das Lächeln wurde breiter, obwohl Peters Lippen nur noch eine dünne, besorgte Linie bildeten. Es kam ihm so vor, als ob sein Herz lächelte – und dabei jede Menge Zähne zeigte.
„... weil ich dich zu uns nehmen wollte, aber...“
Peters Herz hämmerte unregelmäßig.
„... sie hat Angst, dass der Fideliuszauber seine Kraft verlieren könnte, wenn der Geheimniswahrer direkt am Ursprungsort ist...“
Blöde Ziege.
Peter rollte mit den nicht vorhandenen Augen und hörte sich geduldig die Ausreden an – wobei er selbst keine vorgebracht hatte, als es darum ging, sich in erster Linie für James und irgendwo, in siebter Linie, für dessen Familie um den Verstand foltern zu lassen. Natürlich hatte Lily recht. Lily war immer diejenige mit der Logik gewesen. Hätte sie bloß Snape geheiratet, dann wären alle glücklich und zufrieden gewesen (und Snape wäre vielleicht kein Todesser geworden, nie die Prophezeiung gehört und Peter hätte seine Gliedmaßen vielleicht behalten können). Die passten sowieso zusammen. So wie Peter und Jam–
„... ein wenig rüberrutschen? Das heißt, wenn du nichts dagegen hast, dass ich dir so auf die Pelle rücke...“
Oh lieber, guter Merlin.
Peter nahm sich nicht einmal mehr die Zeit, sich wegen seiner bösen, geradezu blasphemischen Gedanken zu schämen – James gehörte zu Lily und Harry – denn eine Seite seiner Matratze senkte sich, als James Potter sich zu ihm legte. Peter atmete schnell und flach, als die Körperwärme des anderen Mannes durch sein dünnes, entwürdigendes Krankenhaushemdchen in seine Haut kroch und ignorierte das Zusammenzucken neben sich, das auf eine versehentliche Berührung eines Armstumpfes folgte.
James erzählte irgendetwas und ließ dann sein perlendes, süßes Lachen vernehmen – und es war wohl das erste Mal in den ganzen Jahren, dass Peter nicht jedem kleinen Wort dienstbeflissen lauschte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, pumpte bis in die Stümpfe seiner Gliedmaßen, nur um ziellos zurückzukehren und peinvolle Kreise in seinem fast intakt gebliebenen Rumpf zu beschreiben.
Es war vorbei. Er konnte nur hilflos daliegen und abwarten, dass der Inhalt seines Lebens es bemerken und sich angewidert von ihm abwenden würde – für immer. Dass James sagen würde...
„Oh Scheiße.“
Peter kniff seine brennenden Augenlider zusammen und wünschte sich, er könnte noch weinen.
James, jedoch, lachte.
Unter den Szenarien, die Peter sich ausgemalt hatte, war das auf jeden Fall nicht dabei gewesen.
„Oho, Pete. Da hat jemand wohl... Notstand, wie?“
Peter war in vollkommenem Unglauben erstarrt. Keine Vorwürfe? Kein Ekel?
„Es tut mir Leid, Kumpel. Ich habe daran einfach nicht gedacht, weißt du... dass du mehr als Süßkram brauchst... dass jeder Mensch ab und zu, nun, äh... das braucht... und so.“
Aus Unglauben wurde Scham. James nahm anscheinend nicht einmal im Traum an, Peters „Notstand“ könne von ihm selbst verursacht worden sein. Er war so ein anständiger Kerl, schon immer gewesen und Peter fühlte sich nur noch schmutzig.
Die Federn quietschten, als James sein Gewicht verlagerte.
„Es gibt da ein Mädchen aus der Nokturngasse“, wisperte er verschwörerisch in Peters Ohr. Der warme Atem half ihm nicht unbedingt, sich auf James’ Worte zu konzentrieren. „War auf meiner Junggesellenparty dabei und Sirius hat erzählt, dass... äh... nun, sie hat Schwierigkeiten damit, zu irgendetwas nein zu sagen... wenn du verstehst... kann also nur gut sein...“
Natürlich. Wie praktisch, dass sie nicht nein sagen kann – wohl auch nicht zu einem Krüppel wie mir, von dem nur noch der dicke Wanst übrig ist.
Die Verletzung musste sich nur zu deutlich auf Peters Gesicht abgezeichnet haben, denn James begann sogleich, sich für diese „Schnapsidee“ zu entschuldigen – was an sich schon eine Premiere war.
„Ich weiß, dass dir so schmutzige Gedanken fremd sind... du warst schon immer so anständig, Peter... verzeihst du mir?“
Haha, anständig, ja genau. Merlin sei Dank bist du kein Legilimens, um aus mir herauszuholen, wie oft ich dich ausgezogen, geküsst, geleckt, liebkost habe... in meinen dreckigen kleinen Träumen.
Peter nickte eifrig, zitternd... hoffend.
„Ich könnte ja Bertha –“
Die Hoffnungen wieder zerstört, schüttelte Peter verzweifelt den Kopf.
„Verstehe, du willst wohl nicht, dass sie dich so sieht...“
Du bist ein Idiot, James. Manchmal.
„Meine Güte, Peter, dann sag du doch was... oh. ’tschuldige.“ Peter hörte James entnervt seufzen. Er vermutete aber, dass es nicht an James’ kleinem peinlichen Vorschlag lag, den Peter nie wieder würde umsetzen können; sicher war er schlicht der Meinung, Peter solle in seiner Lage nicht so wählerisch sein.
„Wer dann, Pete? Ist ja nun einmal so, dass jemand dir zumindest seine rechte Hand leihen sollte, wenn schon nicht... äh, andere Körperteile...“
Peter überlegte, etwas entrückt, wie noch Blut verfügbar sein konnte, das ihm nun ins Gesicht schoss. Er wandte den Kopf ab, die Beschämung nun unerträglich. Was für einen Anblick er bieten musste, halbnackt, verwundbar, hässlich... unter James’ prüfendem Blick. Er stellte sich vor Widerwillen verengte, haselnussbraune Augen vor... und dann, als Kontrast und um sich Salz in die Wunden zu streuen (er war schon immer ein kleiner Masochist gewesen), wie diese wunderschönen Augen leuchteten, wenn eine lange, tiefrote Mähne in Sicht kam.
Verloren in seinem Schmerz zuckte Peter heftig zusammen – liebevoll streichelnde Finger in seinem Haar hätte er in diesem Moment gewiss nicht erwartet. Wie lange war es eigentlich schon her, dass James sein Haar... wie sah es noch mal aus, langweilig flachsblond, oder?... gönnerhaft zerwuschelt hatte...
„Peter, das kann ich nicht mit ansehen“, sagte James vorwurfsvoll. „Versteh mich nicht falsch, aber... ich meine... ich könnte da aushelfen, weil...“ Ein ergebenes Seufzen. „Irgendwie ist es auch meine Schuld, dass du das nicht mehr selbst kannst...“
Und irgendwie wünschte sich Peter, James würde ihm aus ganz anderen Gründen helfen wollen... aber jemand wie er musste eben nehmen, was er bekam, meldete sich ein kleines Stimmchen zu Wort, auf das er schon seit frühester Kindheit in den meisten Situationen gehört hatte. Okay, abgesehen von derjenigen Situation, in der dieser Wahnsinnige Informationen von seinem neuesten Todesser hatte erpressen wollen (was ihm nicht einmal unter Veritaserum oder mit Legillimentik gelungen war – versucht hatte er es selbstverständlich, dem Wissen zum Trotz, dass es bei einem treu ergebenen Geheimniswahrer nichts ausrichten konnte)...
„Einverstanden, Pete? Ich weiß, ist ein wenig peinlich, aber es macht mir nichts aus, ich tue alles für meine Freunde... und erst recht für dich.“
Peter nickte knapp, die Augenlider noch immer über leeren Höhlen zusammengepresst.
„Gut...“
Nicht ganz. Es war nicht gut. Es war... Perfektion.
Vollkommene, verzehrende Wärme.
Große, kraftvolle Hände, die seinen hilflos zuckenden Körper entschlossen packten.
Geschickte, geübte Bewegungen aus dem Handgelenk heraus.
Eine etwas raue Fingerkuppe, Feuchtigkeit auf empfindlichem Fleisch verschmierend.
Und Peter erlag diesem Angriff auf seine Willenskraft innerhalb von Sekunden. Er bekam nicht mehr die Gelegenheit, sich erneut beschämt zu fühlen, nicht einmal aufgrund des hohen Keuchens, das seinen Lippen anstatt von ekstatischen Schreien entwich.
So unendlich viel Lust... sie überrollte seinen geschundenen Leib, er war ihr wehrlos ausgeliefert.
Und James ebenfalls, dessen Stimme, die beruhigende Worte in sein Ohr träufelte, die sich wie Balsam um seine zerstörte Seele legte.
Und weichen, vollen, nektarsüßen Lippen auf seinen, rissig, dünn, unwürdig.
Wenn Peter sich an diese zweite Zeitperiode erinnerte, assoziierte er sie mit Diamanten. Sie suggerierte ihm... den unendlichen, samtig-schwarzen Nachthimmel, aus dem Myriaden von Sternen auf ihm herabschienen, wie beliebig verstreute Juwelen. Er mochte nichts mehr sehen, dennoch, oder vielleicht eben deshalb, empfand er dieses Bild viel intensiver, als er es jemals in der Realität erlebt hatte, noch im Besitz all seiner Sinne.
Zuvor hatte er die Nächte gefürchtet, in denen er einsam dalag, allein mit jenen Erinnerungen...
... wie nutzloser Abfall vor die Tore Hogwarts’ hingeworfen, nur ein wimmernder Schatten seiner Selbst, um ein Exempel zu statuieren...
... noch immer unter dem Einfluss grausamer Zauber, welche die Blutung stoppten, Infektionen fernhielten und ihn unpraktischerweise daran hinderten, in Frieden zu sterben...
... doch nun hatte er James auch nachts ganz für sich. Meistens, jedenfalls. Und wenn James da war, glitzerten die Sterne über ihnen. Er ließ sich diese Illusion nicht einmal dann nehmen, wenn er den Londoner Regen ganz deutlich an sein Fenster prasseln hörte.
Jener Kuss hatte es... persönlich gemacht. Zumindest Peters Ansicht nach. „Nur Freunde“ küssten sich nicht. Nicht so. Sein langgehegter Traum war in Erfüllung gegangen – James Potter, der bei ihm war... gern bei ihm sein wollte. Nicht bei Sirius. Bei ihm.
Nicht bei Lily – bei ihm. Vor allem dann, wenn sie wieder stritten. Geheiligt sei die Ehekrise. Offensichtlich passten sie einfach nicht so gut zusammen, wie James angenommen hatte – James brauchte nun einmal nicht noch eine dominante Persönlichkeit um sich. Wäre Peter doch auch mit einem Aussehen gesegnet, das zu James’ passte... charakterlich wäre er nämlich als unterwürfiger Verehrer ideal für ihn gewesen).
„Diese Frau macht mich wahnsinnig.“
Sag bloß, du magst es nicht, herumkommandiert zu werden?
„Wenn ich noch ’ne Windel wechseln muss, schreie ich.“
Ich sollte die Vorstellung nicht lustig finden, aber...
„Die Decke fällt mir auf den Kopf und Dumbledore will uns keine Sekunde rauslassen.“
Ich habe mich ja auch nicht geopfert, damit du jetzt den Rumtreiber raushängen lässt!
„Ich freue mich immer so, wenn ich wenigstens zu dir darf.“
Und ich erst.
„Warum haben wir beide früher nicht mehr zusammen unternommen, verflucht...“
Weil ich unwichtig war.
„Ich habe manchmal das Gefühl, sie versteht mich nicht... nur du verstehst mich, Peter...“
Hätte ich dir schon früher sagen können... zu blöd, dass ich sogar damals in deiner Gegenwart stumm war.
„Hehe, ist da jemand etwa wieder... startklar? Komm dann her, ich regele das schon für dich...“
Oh Merlin, oh ja, bitte James.
„Hätte ich bloß gewusst, dass du so küssen kannst, hätte ich das schon längst getan...“
Hätte ich bloß gewusst, dass du mich dann küssen würdest, hätte ich mir schon längst sämtliche Gliedmaßen abhacken lassen.
„W-was? Peter, das geht doch nicht...“
Oh doch.
„Nein, ich käme mir vor wie das Allerletzte, wenn du doch so hilflos bist...“
Himmel, musst du denn so Gryffindor sein...
„Und das tut dir ganz sicher nicht weh? Oh... oh... oh!“
Wen interessiert das, verdammt! Oh ja, genau so...
„Leck hier... da stehe ich total drauf...“
Oh Merlin. Was ist das – ohhh... Brustwarze... so seidig... ich glaube, ich sterbe.
„Ah... ahhhh! Peter!”
Ich korrigiere mich – ich sterbe, und zwar als sehr glücklicher Mann.
Die Zeit der Diamantensterne fand nur zu bald ihr Ende. Peter hätte es eher ertragen können, wenn besagtes Ende plötzlich gekommen wäre. Kurz und schmerzhaft war besser als lang und schmerzhaft, logischerweise.
Doch bei seinem Glück war jenes Ende ein schleichender Prozess. Peter stellte erstaunt fest, dass er diese Zeitspanne mit gar nichts assoziierte, so wie ihm sonst von seiner, aufgrund der mangelnden Sinneseindrücke, überreizten Fantasie diktiert wurde (er hatte sogar damit begonnen, Zahlen bestimmte Farben zuzuordnen...).
Das undefinierbare Grau begann mit
„Du bist mir doch nicht böse, dass ich eine ganze Woche nicht da war?“
und mit dem deutlichen Gefühl, nicht mehr
„Mit dir kann ich über alles reden, Pete.“
„Ich liebe dich, das weißt du doch, Pete?“
„Oh ja, gib mir deine Zunge, Pete...“
zu sein, sondern eine unerwünschte Bürde, die ein pflichtbewusster Mann wie James dennoch stoisch trug
„Es tut mir Leid, ich kann nicht lange bleiben.“
„Nein, Pete, wir können das nicht mehr tun.“
und erstreckte sich über lange, einsame Tage, in denen Peter die Gelegenheit hatte, einen entschiedenen Mangel an glucksendem Babylachen, vorgelesenen Büchern, Süßigkeiten oder Feuerwhiskey festzustellen, der ihm zuvor, in der sternenlichtdurchfluteten Zeit, nur mit James allein, nicht einmal aufgefallen wäre und endete mit
„Ich dachte, du würdest mich verstehen? Ist eine ganz große Sache, ich muss einfach dabei sein – dann war auch dein Opfer nicht umsonst.“
Auf Grau folgte pures Schwarz. Peter wurde immer tiefer in seine eigene Seele hineingesogen, für immer dort eingefangen. Und seine Seele war nun einmal schwarz.
Schon immer gewesen.
Niemand war mehr da, um die Monotonie zu unterbrechen.
Sekunden zogen sich zäh in die Länge, wurden zu Äonen
„Ihr Frühstück wartet, Mr. Pettigrew.“
„Und hoch mit Ihnen, Mr. Pettigrew. Ich muss Ihr Bett beziehen.“
„Wie geht es uns heute, Mr. Pettigrew?“
Jahre wurden zu Sekunden komprimiert
James wird kommen.
Heute war er nicht da, aber morgen bestimmt.
Hm, nun gut – dann eben morgen?
Okay, er hat wohl wieder keine Zeit. Diese Ordenssitzungen dauern immer ganz schön lange. Morgen – ganz sicher.
Ich liebe dich, du verdammter, undankbarer Bastard. Ich habe alles für dich getan. Warum steigst du nicht in den blöden Kamin und kommst endlich vorbei?
Vergib mir, war nicht so gemeint. Bitte komm doch zu mir.
Bist du böse auf mich?
eine nach der anderen verging, unendlich langsam
und Peter trauerte keiner davon nach
denn mit jedem
tick
tack
der Wanduhr
blieben ihm weniger
Sekunden
Wenn Harry da war, wurde die Zeit grün. Und die Sekunden waren einfach nur Sekunden und vergingen in dem ganz normalen Tempo von Sekunden.
Dass Peter den Jungen mit Grün assoziierte, hatte weder mit dessen Augenfarbe (große, grüne Babyaugen unter schwarzem Flaum), noch mit einer auf Hochtouren arbeitenden Vorstellungskraft zu tun, die alle möglichen Sinneseindrücke und Erinnerungen miteinander zu verbinden versuchte.
Wahrscheinlich lag es an seinem Geruch. James und doch nicht James – da mochte die altbekannte Unternote von Moschus vorhanden sein, sie wurde jedoch von dem Duft taubedeckter Blätter überlagert. Peter mochte Grün – er hatte es schon immer als beruhigend empfunden.
Und zu wissen, wo man steht, wer man ist, wann man ist – war ebenfalls beruhigend und grün.
Es begann mit Peters Neugierde. Irgendwann wollte er schließlich wissen, warum diese Stimme so penetrant in dieses düstere Chaos in seinem Kopf einzudringen versuchte.
„Hallo, ich bin’s.“
„... weil Tante Petunia Angst um mich hat, deswegen kann ich nicht oft herkommen...“
„Schwester, hört er mich überhaupt?“
„Wir wissen nicht, ob er noch etwas mitbekommt. Auf uns reagiert er jedenfalls nicht mehr.“
„... verstehe... ich werde es trotzdem weiter versuchen...“
„... und ich habe dieses Foto immer dabei... ich weiß, du kannst es nicht sehen, aber da sind wir beide drauf... hast du mir den Spielzeugbesen geschenkt?“
„Hey... ja, ich mal wieder. Wie geht es dir?“
„Hallo, wie geht... vergiss die Frage. Sicher beschissener als mir.“
„... und dann haben wir Slytherin in Quidditch schon wieder geschlagen, toll, was?“
„... doch tatsächlich Ron und Hermine beim Knutschen erwischt, und...“
„... und gestern war ich mit Dudley im Kino. Onkel Vernon wollte es erst nicht erlauben, weil es vor einigen Wochen schon wieder Todesserangriffe gab, stand in allen Muggelzeitungen...“
„Merlin... ich wünschte, du könntest mich hören... erinnerst du dich überhaupt noch an mich?“
„Gestern war mein Geburtstag... ich bin sechzehn geworden. Wenn der bloß auf einen anderen Tag fallen würde... verdammte Prophezeiung. Und noch immer weiß nicht einmal Dumbledore, wer von uns beiden der Auserwählte ist – ich oder Neville... und den Teil mit diesem ‚Kennzeichnen’ seitens Voldemort verstehe ich auch nicht wirklich...“
„Gestern war mein Geburtstag, jetzt bin ich siebzehn. Toll... volljährig und ich habe keine Ahnung, was ich damit anfangen soll. Ich weiß nicht, was ich ohne meine Familie machen würde. Sie leben schon so lange in ständiger Angst und versuchen trotzdem, mich an jedem Geburtstag abzulenken und überhäufen mich mit Geschenken.“
„... und da behauptet Fudge doch tatsächlich, die Geheimhaltung unserer Welt hätte respektiert werden müssen! Wie denn, wenn die Muggel genau wissen, wer ihnen seit zwanzig Jahren das Leben zur Hölle macht!“
„Verdammt... ich wünschte, wir hätten uns richtig kennen gelernt...“
„... immerhin habe ich nur dir zu verdanken, noch am Leben zu sein...“
James. James’ Stimme, die erst unverständliche Worte sprach, ihn dann jedoch Stück für Stück aus seiner eigenen Welt holte.
... dir zu verdanken, noch am Leben zu sein...
Das hatte James zu ihm gesagt, in einer ihrer Diamantsternennächte. Würde daraufhin auch jetzt einer dieser Küsse folgen, die sein Herz rot und lebendig pulsieren ließen?
Peter wand sich auf dem Bett, ein Wimmern entkam der ruinierten Kehle.
„Oh Merlin! Du hörst mich jetzt, oder? Peter? Peter?!“
JAMES
„Hmmf... nnnh... jamf...“
JAMES
„Wer? James? Nein, ich bin es doch... Harry... weißt du nicht mehr?“
Eine weiche, jugendliche Wange legte sich an seiner.
„Ich weiß, du kannst mich nicht sehen... aber ich bin gewiss nicht mein Vater. Hier, fühlst du es?“
Peter fühlte es.
Die Wimpern, sein Gesicht kitzelnd, waren nicht so lang wie James’. Die Nase war es auch nicht. Die Lippen an seiner Wange waren nicht so wunderbar voll, keine eleganten, hohen Wangenknochen...
Der Schock zerfraß ihn mit stählernen Klingen.
Und als er wieder wusste, brach eine Lawine über ihm zusammen.
Wie konnte er es vergessen haben?
Sie hatten es ihm doch erzählt.
Doch er hatte es ignoriert.
Er hatte nicht einmal die Worte richtig verstanden.
Jedes verfluchte Mal, wenn ihm irgendeine unpersönliche, anonyme Stimme, zu dem Krankenhauspersonal gehörend, eine Todesnachricht überbracht hatte.
Er hatte die ganzen Jahre verschlafen.
James war tot. Bei einem heroischen (idiotischen, überflüssigen) Einsatz ums Leben gekommen – wie alt war Harry? Siebzehn? Dann war es fünfzehn Jahre her. Nein, er hatte Peter nicht einfach vergessen. Schließlich hatte er ihn geliebt. Das hatte er immer gesagt. Er hatte ihn nicht vergessen. Er war nur einfach tot. Tot. Guter Merlin. Und dafür hatte Peter sich qualvoll lange foltern lassen – damit James noch einige wenige Monate lebte.
Peter bereute es keinen Augenblick lang.
Ach ja, und Lily war tot. Heroischer Einsatz. Orden des Merlin, erste Klasse, posthum. Drei Mal waren sie Voldemort entkommen. Das vierte Mal hatte dann anscheinend nicht mehr geklappt.
Sirius und Remus. Tot, was denn sonst. Gryffindors gaben offenbar sehr gutes und williges Kanonenfutter ab.
Aber der Junge lebte.
Der Auserwählte.
Ach, wen interessierte das schon.
Der Junge lebte.
Ein Teil von James lebte.
Peter Pettigrew hatte einmal in seinem Leben etwas richtig gemacht.
Und die grüne Ruhe legte sich um ihn.
Sie begleitete ihn durch die einsamen Tage, wenn Harry nicht da war, in denen er sich freuen konnte, dass Harry bald da sein würde. Sogar Peters Zeitgefühl war wieder zurückgekehrt, also wusste er, wie lange das Warten dauern würde. Im Gegensatz zu seinem Vater schien Harry ein sehr zuverlässiger junger Mann zu sein. Er kam immer mittwochs und samstags um zwei Uhr vorbei und ging wieder um halb fünf, damit er zum Nachmittagstee mit der Familie zuhause war.
Ja, jeden Mittwoch und Samstag bekam Peter sein Stückchen James. Den ersten September fürchtete er bereits, wie andere vielleicht Voldemorts Namen, der für Peter Pettigrew schon vor fünfzehn Jahren seinen Schrecken verloren hatte.
Dachte er zumindest.
Bis zu dem Tag, der weder Mittwoch noch Samstag war und zudem noch irgendwann im Juni lag und an dem Harry trotzdem zu Besuch kam.
„... wollte mich von dir noch verabschieden...“
Bis zu dem Tag, an dem Peter erfahren musste, dass er seine Arme, Beine und Augen hergegeben hatte, damit Harry erwachsen und zur Schlachtbank geführt werden konnte.
„Ich frage mich, wie es sich anfühlt, zu sterben... aber ich war nicht scharf drauf, es schon so bald herauszufinden...“
Und dieser kleine Gryffindoridiot ließ sich auch noch willig führen.
„Aber wenn ich es jetzt tue...“
Nein.
Nein.
NEIN.
„... dann war auch dein Opfer nicht umsonst.“