|
Author of 13 Stories |
Kapitel 24
Nan und Jerry ahnten nichts davon, was soeben in diesem Augenblick geschehen war. Sie hielten sich auf Ingleside auf. Und versuchten etwas Trost zu spenden. Faith jammerte immer wieder: „Mein armer Junge. Getroffen von einer feindlichen Kugel. Ob er jetzt wohl starke Schmerzen hat?“
„Die Ärzte im Lazarett geben ihr bestes.“, meinte Jem. „Bald ist Al wieder bei uns zu Hause.“
„Nie wieder wird er die Sonne über dem Regenbogental sehen können, wenn sie beinahe im Meer versinkt.“, seufzte Faith und blickte aus dem Fenster. „Warum hat es ausgerechnet Al erwischt?“
Jem stand hinter ihr: „Auf diese Frage finde ich so rasch keine Antwort. Wir müssen dankbar sein, dass Al nichts schlimmeres geschehen ist. Vielleicht bekommt er eines Tages sein Augenlicht ...“
„.... wieder.“, unterbrach ihn Faith zynisch. „Das glaubst du doch wohl selber nicht. Die Verletzung ist endgültig. Damit müssen wir uns abfinden. Nie wieder wird uns Al mit seinen Augen anlächeln.“
Faith rannen heiße, lautlose Tränen der Verzweiflung über die Wangen. Als ob das nicht schon genug wäre. Im nächsten Augenblick klingelte das Telephon. Eine verzweifelte Stimme, die fragte, ob der Brief noch nicht angekommen sei. Daran stände alles weitere Wichtige sehr detailiert drinnen.
Hastig verabschiedeten sich Nan und Jerry. Dann gingen sie zum Pfarrhaus zurück, wo Vicky mit dem Brief schon auf sie wartete: „Der ist für euch. Hier bitte. Nehmt ihn und lest ihn euch genau durch.“
Nan riss den Brief hastig auf. Dann schluckte sie und reichte die Zeilen an Jerry weiter. Vicky verstand nur Bahnhof. Offensichtlich war jemand gestorben, das zeigte der schwarze Rand am Umschlag an.
„Ist etwas mit Jo? Oder mit Gil?“, erkundigte sich Vicky bei ihren Eltern. Doch beide gaben ihr keine Antwort. Jerry war noch immer in den Brief vertieft. Er las ihn ein weiteres Mal, in der Hoffnung, dass der Inhalt ein anderer würde. Doch es standen immer noch die gleichen Zeilen auf dem Papier. Nan wischte sich eine Träne aus den Augen: „Ich geh‘ in die Küche und sage Rosemary Bescheid.“
„Wenn der Krieg doch nur zu Ende wäre.“, schoss es Vicky durch den Kopf. „Al ist verwundet. Gil vermisst. Und was hat es mit diesem Brief auf sich? Wenn Vater ihn mir doch nur geben würde.“
Jerry zog sich den Mantel wieder an: „Wenn du mich suchst, ich bin auf Ingleside. Auch deine anderen Großeltern haben ein Recht darauf zu erfahren, was in diesem Brief steht. Du darfst mich begleiten.“
Während Rosemary von Nan über die veränderte Situation in Kenntnis gesetzt wurde, eilten Jerry und Vicky nach Ingleside. Dort berichteten sie was in dem Brief stand. Faith brach abermals in Tränen aus. Sie war nicht imstande, durch den Tränenschleier den Brief, welchen Jerry mitgenommen hatte, zu lesen. Jem winkte ab. Er wollte ihn ebenfalls nicht lesen: „Vater muss und soll es auch erfahren.“
Jerry und Vicky nahmen im Wohnzimmer Platz. Faith lehnte am Türrahmen. Sie weinte immer noch. Anne kam langsam die Treppe herunter und hielt sich dabei mit den Händen zögernd am Geländer fest: „Was ist geschehen? Warum weinst du, Faith? Ist es wegen Al?“ Hat sich seine Verwundung..“
„Nein, das ist es nicht.“, unterbrach Jerry seine Schwiegermutter ein wenig grob und reichte ihr den Brief hinüber. „Lies‘ selbst. Ich kann es immer nur schwer glauben, das das wirklich darin steht.“
Anne bekam das Gefühl, als ob sie den Boden unter den Füßen verlieren würde. Beinahe wäre sie umgekippt, doch Vicky lief herbei und konnte sie gerade im letzten Augenblick noch auffangen.
Faith wischte sich die Tränen von den Wangen. Dann besann sie sich auf ihre Hausfrauenpflichten: „Setz‘ dich doch, Mutter Anne. Gleich hier in den erstbesten Stuhl. Ich hole dir ein Glas Wasser.“
Der Himmel war trüb und grau an diesem Tag. Es regnete in Strömen. Bald würde auch ein Gewitter kommen. Zumindest behauptete das der Sprecher im Radio immer wieder bei der Wetteransage.
Jem kam alleine die Treppe herunter: „Vater möchte lieber oben bleiben. Ich habe es ihm gesagt.“
Faith brachte Anne das Glas Wasser. Dann warf sie sich in Jems Arme und weinte abermals.
„Darf ich auch einmal erfahren was los ist?“, platzte Vicky mit ihrer Frage ungeniert heraus. Anne gab den, inzwischen deutlich zerlesenen und zerknittert aussehenden Brief an ihre Enkeltochter weiter.
Vicky las die ersten beiden Zeilen. Dann meinte sie zögernd: „Arme Tante Rilla. Armer Onkel Ken. Wie schrecklich muss das für die beiden sein. Warum müssen gerade die beiden so leiden?“
„Es war wohl Gottes Wille.“, meinte Jerry. Doch er spürte, dass die Worte an diesem Tag nicht von Herzen kamen. Aber es ließ sich nicht mehr rückgängig machen. May hatte sich bei der Pflege thypuskranker Patienten angesteckt und war am 01. Oktober viel zu früh der Krankheit erlegen.