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Author of 21 Stories |
Sehr verehrte Leserschaft,
da ist sie wieder, die Textehexe, und empfiehlt sich mit der jährlich wiederkehrenden Tradition einer Weihnachts-Fanfiction. Die ist zum Teil meiner hauptberuflichen Schwerbeanspruchung zu verdanken, die dazu führt, dass ich dringend ein Schreibventil brauche, aber weder Kraft noch Antrieb für meine Originale habe, zum anderen Teil einer dieser hartnäckigen Plotideen, die sich nicht vertreiben lassen wollen – und nachdem ich mir derzeit den Luxus gönne, nur das zu schreiben, was mir Spaß macht, kommt dann so etwas dabei raus.
Wir werden vermutlich bis Weihnachten nicht ganz fertig damit werden, die Geschichte ist doch nicht so schnell erzählt. Die Kapitel sind etwas kürzer als üblich, dafür kann ich auch alle paar Tage eines hochladen.
Worum geht’s? Um große Gefühle und richtig großes Kino.
Disclaimer: Alle Anleihen aus dem Harry-Potter-Universum sind als solche zu verstehen: als Anleihen, die mir nicht gehören.
Warnung: In dieser Geschichte wird Homosexualität als etwas völlig Normales, Natürliches dargestellt. Wer mit dieser Sichtweise ein Problem hat, ist hier falsch.
Die Geschichte steht für sich selbst und kann losgelöst vom Emilia- oder Wüstenwolfuniversum gelesen werden.
Soundtrack für dieses Kapitel: James Blunt, Tears and Rain, zu finden bei Youtube.
Ich wünsche Euch allen eine schöne Adventszeit!
oooOOOooo
Eins: NeumondHow I wish I could walk through the doors of my mind.
„So geht das nicht weiter“, sagt Sirius finster. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“
„Huh?“
Irritiert sieht James von „Quidditch Weekly“ auf und schiebt sich die Brille hoch. Seit er versucht hat, einen verbogenen Bügel mit einem Spruch zu reparieren, will sie ihm nicht mehr recht passen.
„Hier“, sagt Sirius und zeigt auf Remus. „So kann das doch nicht weiter gehen.“
Sirius hat sich neben Remus auf dem schmalen Bett ausgestreckt. An seinen Jeans und den Stiefeln, die unter der Schulrobe heraus schauen, kleben noch Tannennadeln und dicke Klumpen vom lehmigen Waldboden. Durch die hohen Fenster sickert trübes Tageslicht.
„Die Pomfrey hext dir den Hintern ins Gesicht, wenn sie sieht, was du hier für einen Dreck machst“, sagt James und zeigt auf Sirius’ Stiefel.
„Soll sich nicht anstellen“, sagt Sirius achselzuckend. „Wozu gibt’s Zauber? Also, was sagst du?“
„Wozu?“
„Zu meinem Plan, natürlich.“
„Verrat ihn mir, dann sag ich auch was dazu.“
Sirius seufzt und sieht hinüber zu Remus.
Remus’ Schlaf ist unnatürlich tief. Wie ein Welpe hat er sich unter der Decke zusammen gerollt, und das einzige, das an ihm Farbe hat, sind die tiefen roten Linien an seinem Hals und auf den Wangen.
James wünscht sich, Pomfrey wäre ehrlich zu ihnen. Sie muss Remus mit Schlafzaubern belegt haben, die einer Narkose gleichkommen, aber alles, was sie verlauten lässt, sind Phrasen wie „Er muss sich jetzt ausruhen“. Wenn es nach ihr ginge, hätten die Jungs ihre allmonatliche Ehrenwache an Remus’ Bett längst aufgeben, aber da hat sie sich geschnitten.
„Zwei Rippen hat der Wolf ihm diesmal gebrochen“, sagt Sirius finster. „Pomfrey hat den Bruch geheilt, aber die Lunge ist gequetscht, oder so ähnlich. Er wird noch eine ganze Weile Probleme damit haben. Außerdem hat er fast einen halben Liter Blut verloren, und die Bisswunde am Arm geht runter bis auf den Knochen. Ich meine, das ist ein bisschen hart, oder nicht?“
„Woher weißt du das alles?“
„Ich hab’ den Diagnosebogen geklaut.“
„Und was geht jetzt wie nicht weiter?“
„Das mit dem Wolf. Ich meine, wollen wir warten, bis der Wolf ihn tot beißt, oder wollen wir etwas dagegen unternehmen?“
Remus wimmert im Schlaf. Seine Beine zucken unter der Decke, seine Augenlider flattern, als würde er träumen.
„Schschsch“, macht Sirius, beugt sich über Remus und streicht ihm über die Wange. Remus’ atmet so tief, dass es beinahe ein Seufzen ist, und liegt still.
„Lykantrophie ist nicht heilbar“, sagt James. „Hast du im Unterricht nicht aufgepasst?“
Sirius macht eine wegwerfende Geste, ohne James anzusehen. Stattdessen hat er sich wieder einmal ganz in Remus’ Anblick versenkt, wie er es für James’ Geschmack einfach viel zu oft tut in letzter Zeit.
Als wäre Remus ein Mädchen.
Falsch. James hat nie beobachtet, dass Sirius Mädchen auf diese Weise ansieht.
Manchmal wünscht James sich, er wäre einfach stumpf genug, um nicht zu bemerken, was sich zwischen den beiden abspielt. Es schmerzt ihn, zu verfolgen, wie Sirius ganze Lateinstunden damit verbringt, Remus anzustarren, quer durch die Sitzreihen, während dieser ungerührt und sorgfältig wie immer seine Vokabellisten notiert. Einmal ist Sirius auf seinem Stuhl so weit nach hinten gekippelt, um freie Sicht zu haben, dass er mitsamt dem Stuhl rückwärts umgefallen ist.
Vor Jahren schon haben sie sich geschworen, James und Sirius, die besten Freunde der Welt, dass niemals ein Mädchen zwischen sie kommen soll. Heute denkt James, dass sie damals eine entscheidende Klausel ausgelassen haben: von Jungs war nie die Rede gewesen.
„Ich brauch’ keinen Lehrer, der mir was über Lykantrophie erzählt“, sagt Sirius. „Ich kenne mich damit besser aus als all die Holzköpfe. Natürlich kann man’s nicht heilen. Ich habe eine viel bessere Idee.“
„Schieß los.“
Fünf Minuten später.
„Wie schön, dass du noch Witze machen kannst“, sagt James kopfschüttelnd.
„Das ist kein Witz“, sagt Sirius. „Glaub mir. Ich war noch nie so ernst.“
James studiert Sirius’ Gesicht. Sirius hat ihm gerade den größten Bockmist unterbreitet, den man sich vorstellen kann, aber seine Augen blitzen, und er hat diesen Zug um den Mund, den er immer bekommt, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
„Du spinnst“, sagt James. „Wie willst du das denn bewerkstelligen? Das ist Magie für ganz Fortgeschrittene, nicht für Viertklässler!“
„Ich hab’ da schon eine Idee.“
„Na, wenn die so viel taugt wie die andere, dann gute Nacht.“
„Es ist machbar“, sagt Sirius. Er sitzt mittlerweile auf der Bettkante, nach vorne gelehnt, und fixiert James, als wolle er ihn hypnotisieren. „Wir können es schaffen. Du und ich. Und wenn wir die Klappe halten, wird niemand es jemals erfahren. Es ist absolut idiotensicher!“
„Woher hast du nur diese Schwachsinns-Idee?“
„Unterricht“, sagt Sirius und grinst schief. „Manchmal erzählen die da ganz brauchbare Sachen. Solltest auch mal zuhören, gelegentlich.“
„Das tu ich! Und deshalb weiß ich, dass dein Plan fürchterlich in die Hose gehen kann! Es hat schon seinen Grund, warum diese Form der Magie vom Ministerium reglementiert ist. Man kann nämlich ein fürchterliches Durcheinander anrichten, wenn man’s nicht im Griff hat.“
„Dann dürfen wir einfach nicht die Kontrolle verlieren. Komm schon, Jim. Lass mich nicht hängen. Denkst du nicht auch, dass er etwas Besseres verdient hat? Nicht jeden Monat eine solche Tortur. Wie soll denn jemals etwas aus ihm werden, unter diesen Umständen?“
James seufzt. Natürlich wünscht er Remus ein leichteres Schicksal, aber Sirius’ Plan ist einfach haarsträubend.
„Bitte, Jim. Lass mich ein paar Dinge organisieren, und dann hör dir meinen Plan noch mal an. Lass es dir durch den Kopf gehen. Ich kann dir alles noch viel genauer erklären. Es gibt Bücher, in denen…“
„Danke! Ich will diesen Teppich nicht kaufen!“
„Huh?“
„Du redest wie ein Teppichhändler auf dem Bazar. Halt doch mal die Klappe.“
Sirius’ Mund schnappt zu. Nur seine himmelblauen Augen haben sich auf James’ Gesicht festgesaugt und sprechen Bände.
James nimmt die Brille ab und putzt sie am Ärmel.
„Du willst das wirklich durchziehen?“
Sirius nickt.
„Und du hast schon eine Idee, wie wir die technische Seite in den Griff kriegen?“
„Ja. Es gibt da diesen Typen, der meinem Onkel Alphard manchmal Gras besorgt. Der kennt alle Kanäle.“
James setzt die Brille auf. Der rechte Bügel fühlt sich immer noch irgendwie wabbelig an, wie ein halbgares Spaghetti.
„Also gut.“
Sirius grinst, beugt sich vor und haut James auf die Schulter.
„Cool. Ich wusste doch, ich kann mich auf dich verlassen.“
„Unter einer Bedingung.“
„Und die wäre?“
„Wir behalten immer, bei jedem Schritt, die erste Regel im Auge.“
„Und wie lautet die?“
„Die erste Regel lautet: Nichts ist jemals idiotensicher.“
oooOOOooo
„Moony? Pssst… Moony…“
Noch ehe die Stimme an seinem Ohr flüstert, erkennt Remus die unsichtbare Hand auf seinem Arm, er weiß selbst nicht, woran. Die Witterung vielleicht.
„Wach auf!“
„Snlos“, murmelt Remus und klammert sich an seine Decke, die ihm gerade von einer unsichtbaren Kraft weggezogen wird.
„Komm mit“, flüstert Sirius. „Leise.“
„Will nicht. Will schlafen.“
„Du wirst wollen, wenn du’s erst gesehen hast. Los, steh auf. Zieh dir was an, es ist kalt draußen.“
Remus setzt sich stöhnend auf und wird mit einem energischen „Pssst!“ zur Ordnung gerufen.
„Leise“, flüstert die körperlose Siriusstimme.
Remus sieht sich blinzelnd um. Der Schlafsaal ist dunkel. Der abnehmende Mond schaut durchs Fenster und beleuchtet sanft atmende Deckenberge in den anderen Betten.
Wenn es so wichtig ist, warum sind James und Peter nicht wach? Und worum geht es eigentlich?
„Was ist passiert?“, wagt er einen neuen Versuch.
„Nichts“, flüstert Sirius. „Ich will dir was zeigen.“
Es ist ihm ernst, denn Augenblicke später drücken unsichtbare Hände Remus’ Mantel gegen seine Brust, und seine Stiefel schweben vom Fußende des Bettes herbei. Seufzend schlüpft Remus hinein und zieht sich Schulrobe und Wintermantel über den Schlafanzug. Wenn er sich bückt, hat er immer noch Schmerzen im Brustkorb, und zu rasch atmen darf er auch nicht.
Zumindest ist er für zwei Wochen vom Sportunterricht befreit. Wenigstens etwas.
Er steht auf und wirft seinem Bett einen letzten sehnsüchtigen Blick zu, bevor eine körperlose Bewegung die Luft um ihn flirren lässt und Sirius ihm Mantel und Arm um die Schulter schlingt.
„Was ist mit den anderen?“, fragt Remus.
„Brauchen wir nicht“, sagt Sirius an seinem Ohr. „Komm mit.“
Es gibt Gründe, warum Remus sich zusammen mit Sirius unter einem Mantel nicht sonderlich wohl fühlt. Er hat eine Entscheidung getroffen, vor mittlerweile sechs Wochen, an Allerheiligen auf dem Dach des Gryffindorturmes, und er hat sich bisher dran gehalten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Sirius direkt neben sich atmen zu hören, sein weiches, glattes Haar an der Wange zu spüren, seinen kantigen, schlaksigen Körper auf Tuchfühlung mit dem eigenen zu haben, empfindet Remus als unzulässige Widrigkeit.
Alles ist schon schwer genug ohne das.
Sirius schiebt ihn vorwärts, und weil Remus nicht mitten im Schlafsaal ein Handgemenge provozieren will, lässt er es mit sich machen.
Der Gemeinschaftsraum liegt dunkel und verlassen. Die Dicke Dame schläft, und es gelingt ihnen, sich an ihr vorbei hinaus auf den Gang zu schleichen, ohne sie zu wecken.
Remus stellt fest, dass er sich nicht wehren kann, ohne Sirius gewisse Absichten zu unterstellen. Er ist in den letzten Jahren ungezählte Male mit Sirius oder einem der anderen unter den Mantel geschlüpft. Er hat keinen offiziellen Grund, es jetzt nicht mehr zu tun.
Er kann Sirius beinahe hören.
„Also wirklich, Moony, wie kommst du denn auf die Schnapsidee? Glaubst du etwa tatsächlich, ich wäre einer von diesen Schwanzlutschern? Das Dach? Vergiss das Dach. Das war doch nur Spaß.“
Sirius schlägt den Weg zum Nordflügel ein. Mondlicht sickert durch die hohen Fenster und bildet Pfützen auf dem glatten Steinboden. Ihre Schritte sind kaum zu hören.
„Was ist mit der Karte?“, flüstert Remus. „Warum hast du die nicht dabei? Das wäre so viel bequemer, und sicherer.“
„Kam ich nicht ran“, sagt Sirius. „James hatte sie unter dem Kopfkissen. Was soll’s, früher waren wir auch ohne sie unterwegs.“
Und vielleicht handelt es sich bei Sirius’ Vorhaben ja trotzdem nur um einen harmlosen Marauderstreich – auch wenn Remus sicher ist, die Karte noch am Abend bei Peter gesehen zu haben, der ein paar falsche Koordinaten korrigieren wollte. Auch wenn es praktisch keinen Marauderstreich gibt, den Sirius freiwillig ohne seinen Wahlzwilling durchführen würde.
Auch wenn Remus’ Gefühl eine deutlich andere Sprache spricht.
Vorbei am verlassenen Lehrerzimmer und am Sekretariat gelangen sie ins Treppenhaus, klettern in den dritten Stock, nehmen eine Abkürzung durch einen schmalen Gang in der Außenmauer und lassen die Eulerei zur Rechten. Als Sirius Remus schließlich in ein weiteres, schmäleres Treppenhaus schiebt, kennt Remus das Ziel der Reise.
„Astronomieturm?“
„Sehr gut, Mister Moony.“
„Aber warum?“
„Lass dich überraschen.“
Die Luft wird kälter, während sie hinauf steigen. Sie riecht nach Wald und Schnee. Das plötzliche Echo einer Sehnsucht streift Remus, nach stillem Wald und hohem Himmel und dem Gefühl von Freiheit. Er schiebt es weg. Freiheit ist etwas, das einer wie er sich ohnehin nicht leisten kann.
Oben empfängt sie das Mondlicht, sickert durch das feine Gespinst des Umhanges und lässt Sirius’ Wangen alabasterweiß schimmern.
„Da sind wir“, sagte er, schlägt den Mantel zurück und macht eine generöse Geste. Alles hier oben sieht aus wie immer.
„Ja“, sagt Remus verdutzt. „Und?“
Sirius grinst, taucht in eine Nische neben dem Durchgang und fördert einen Karton zutage. Er deponiert ihn auf der Brüstung und hebt den Deckel. Zwei dunkel Flaschen liegen darin und ein unförmiger, in ein kariertes Tuch eingeschlagener Gegenstand.
„Butterbier und Schokoladenkuchen“, sagt Sirius stolz. „Von Hogsmeade eingeschleust, und den Kuchen hab ich in der Küche geklaut.“
„Und zu welchem Zweck, bitte?“
„Kleines Mitternachtspicknick.“
„Hier oben? Bei der Kälte?“
„Ich kann Wärmezauber.“
Remus sieht Sirius an. Er kann nur hoffen, das alles wäre ein merkwürdiger Marauderstreich. Die Vorstellung, es wäre keiner, schickt ihm eine heiße Panikwelle durch den Körper.
Das Schicksal sollte vielleicht nichts Menschenunmögliches von ihm erwarten.
Sirius öffnet die Arme zum Himmel.
„Ist das nicht toll hier“, sagt er. Das Mondlicht fließt um ihn wie ein kostbarer Schleier, und der Wind greift in sein schwarzes Haar und lässt es flattern wie Fetzen einer Neumondnacht. Sirius’ Schönheit ist unwirklich, unvergänglich wie ein unerfüllbarer Wunschtraum.
„Ich glaube, ich geh’ wieder rein“, sagt Remus. „Danke für die Einladung.“
„Teufel wirst du“, sagt Sirius und greift nach Remus’ Arm. „Erst musst du mit mir Sterne gucken.“
Tatsächlich ist die Nacht sternklar, und das Himmelszelt breitet seine Diamanten vor ihnen aus wie einen unermesslichen Schatz.
„Hier“, sagt Sirius, zeigt und hat den anderen Arm schon wieder um Remus’ Schultern geschlungen. „Sirius. Er ist wieder da.“
„Schon seit Allerheiligen“, sagt Remus und denkt, dass es nicht der stellare Sirius ist, der all diese irdischen Turbulenzen verursacht, und dass es so irritierend ist, weil ein Stern sich nicht um einen Mond drehen soll.
„Ja“, sagt Sirius. „Aber man sieht ihn nicht in jeder Nacht so nah.“
Remus sieht Sirius an. Es könnte alles so einfach sein. Ein Wunschtraum, den er nur vom Himmel pflücken muss.
Wenn er nicht er wäre, und nichts jemals einfach.
„Was soll das, Sirius?“, sagt er leise. Laut geht nicht. Seine Stimme hört sich schon merkwürdig genug an. „Was soll das werden?“
„Na, romantisch“, sagt Sirius, und Remus sieht, wie er sein Grinsen vor eine plötzliche Unsicherheit zieht wie einen Vorhang. „James kriegt auf diese Weise immer seine Mädels rum.“
„Und wozu bist du dann mit mir hier oben?“
Das Lächeln sinkt, und der verletzliche Sirius dahinter ist noch viel schöner als der unbesiegbare Gewinnertyp.
„Na, wozu“, sagt Sirius. „Ist das denn so schwer zu kapieren, Moony?“
„Ich habe dir gesagt, wie ich darüber denke“, sagt Remus. Es ist plötzlich so kalt, dass ihm die Zähne aufeinander schlagen.
„Ja“, sagt Sirius. „Aber ich will es nicht akzeptieren.“
„Dir wird nichts anderes übrig bleiben.“
„Aber warum? Das ist doch Irrsinn! Ich will dich, du willst mich, wo ist das Problem? Das kann doch nicht falsch sein!“
Remus ballt die Hände zu Fäusten, fest, und konzentriert sich auf den Schmerz, den seine Fingernägel in den Handflächen verursachen.
„Auf wie viele Arten soll ich mich denn noch zum Außenseiter machen, Sirius? Vielleicht ist es dir egal, schwul zu sein oder nicht, vielleicht genießt du es ja sogar, deine Familie damit zu schockieren. Aber ich bin vollends damit beschäftigt, lykantroph zu sein, vielen Dank. Mehr verkrafte ich einfach nicht.“
„Aber… wenn es doch nun mal so ist?“
„Dann habe ich immer noch die Wahl, danach zu handeln oder nicht. Eine Wahl, die ich nutzen will, übrigens, denn mit dem Wolf habe ich sie nicht.“
Sirius lässt nicht locker. Er steht immer noch viel zu nah, seine Hand liegt auf Remus’ Schulter. Sein Atem steigt ihm in weißen Frostwolken vom Mund und streicht an Remus’ Wangen vorbei wie eine Berührung.
„Entspann dich“, sagt Sirius. „Du musst doch nicht heute eine Entscheidung für dein Leben treffen. Alles, was ich will, ist ein Kuss.“
„Und dann noch einer, und noch einer, und dann nur ein bisschen fummeln, und wer weiß was dann, und morgen wieder…“
„Ich sehe, du hast dir schon ein paar Gedanken gemacht.“
„Ich mache den ganzen Tag nichts anderes als mir Gedanken, Sirius.“
„Ich weiß.“
Sie schweigen. Remus zieht die Schultern hoch und schlingt die Arme um sich. Vielleicht berührt seine Wange für Millisekunden Sirius’ Hand, vielleicht schmerzt sein ganzer Körper von der Berührung, vielleicht ist es nur die Kälte, die ihm Tränen in die Augen treibt.
Vielleicht ist alles nur Einbildung, Phantasie, Pubertät, Hormone. Vielleicht kommt irgendwann alles in Ordnung, ganz von selbst.
„Niemand muss es erfahren“, drängt Sirius. Seine Hand verirrt sich auf Remus’ Hüfte, und er schiebt sich näher, so nah wie vorhin, unter dem Mantel. „Nur ein Kuss, Moony. Bitte. Ich wünsche es mir zu Weihnachten.“
„Warum quälst du mich so? Kannst du nicht damit aufhören?“
„Ich quäle dich nicht. Du quälst dich selber.“
Remus schüttelt den Kopf und schließt die Augen.
„Ich will das nicht, Sirius. Ich will nicht. Ich will nicht.“
„Sag, dass du mich nicht willst. Dann lasse ich dich in Ruhe.“
Remus bleibt stumm.
„Siehst du“, sagt Sirius triumphierend.
„Ich kann nicht“, flüstert Remus. „Ich kann es einfach nicht. Ich will nicht so sein.“
Es nützt nichts, die Augen zu schließen. Er fühlt Sirius’ Herzschlag, riecht sein Blut, weiß noch, als wäre es gestern gewesen, wie sein Kuss sich anfühlt.
Der erste und, so hat Remus es beschlossen, letzte Kuss seines Lebens. Es wird ohnehin keinen mehr geben, der diesen ersten übertrifft. Remus hat den besten Kuss gehabt, und man soll immer aufhören, wenn es am schönsten ist.
„Was wäre, wenn es den Wolf nicht gäbe?“, sagt Sirius. „Könntest du dann mit mir zusammen sein?“
„Ich weiß nicht“, sagt Remus. „Die Frage ist akademisch. Es gibt ihn nun mal.“
„Aber was, wenn nicht? Könntest du? Ich meine, du bist kein Schwulenhasser oder etwas?“
Remus verzieht das Gesicht im Versuch eines Lächelns.
„Vielleicht könnte ich“, sagt er. „Ich frage mich manchmal, warum sie sich alle so anstellen mit ihren paar kleinen Problemen. Ich würde das alles mit links bewältigen, wenn ich den Wolf nicht hätte. Oder vielleicht auch nicht, denn wenn ich ihn nicht hätte, wüsste ich ja nicht, wie hart das Leben wirklich sein kann. Ich würde dann vielleicht mein Leben für richtig schwierig halten, wie die anderen auch. Weil mir der Vergleich fehlt. Und dann hätte ich auch wieder keinen Nerv, schwul zu sein.“
„Huh?“, sagt Sirius. „Bin ungefähr zur Hälfte ausgestiegen. Ist das schlimm?“
„Nein“, sagt Remus und spürt eine winzige Wärme in seinem Lächeln. „Bin ich doch dran gewöhnt.“
„Ich will etwas für dich tun“, verkündet Sirius. „Größer, als du dir vorstellen kannst. Eine Heldentat. Damit du siehst, wie wichtig du mir bist.“
„Ich weiß es“, flüstert Remus. „Ich kann nur nicht verstehen, warum.“
„Weil du klug bist“, sagt Sirius. „Und hübsch. Weil es mir so… so ein Gefühl macht, dich anzusehen. Als würde gerade etwas ganz Großes passieren, auch wenn es eigentlich ganz belanglos ist. Weil du nicht so oberflächlich bist wie die anderen Idioten. Und weil ich jedem anderen, der dich so zurichtet, fürstlich die Fresse polieren würde. Und weil es mich fertig macht, dass ich das nicht tun kann, weil ich an ihn ja nicht rankomme, denn das bist ja du. Und weil doch endlich jemand etwas unternehmen muss.“
„Du kannst nichts unternehmen, Sirius. Lykantrophie ist nicht heilbar, wie du weißt, und den Biss kannst du nicht ungeschehen machen.“
„Wart’s ab. Du wirst schon sehen.“
„Sirius, bitte, keine Heldentaten. Du bringst dich nur in Schwierigkeiten.“
„Na und? Wäre doch nichts Neues.“
Remus seufzt. Sirius ist immer noch dicht vor ihm, er müsste nur den Kopf heben, um seine Lippen auf die von Sirius zu legen, nur einen Schritt machen, um Sirius’ Körper zu spüren. Sirius ist gewachsen über den Sommer, hat lange Beine bekommen und breitere Schultern. Er überragt Remus beinahe um Kopflänge. Remus ist kaum gewachsen. Der Wolf frisst die Energie, die für Wachstum bestimmt wäre.
Dann legt Sirius seine kalten Hände auf Remus’ Wangen, leise und leicht wie Schneeflocken, und zieht ihn näher.
„Bitte“, flüstert er, und der Sternenhimmel spiegelt sich in seinen Augen.
Es schmerzt über die Maßen, aber Remus ist immerhin ein Experte darin, sich selbst Schmerz zuzufügen. Er nimmt Sirius’ Hände und zieht sie von seinem Gesicht, hält sie fest, für die Dauer eines Lidschlages, dann lässt er sie los und flieht.
Die Dunkelheit im Treppenhaus schlägt über ihm zusammen. Er stolpert die Treppe hinunter, sieht nichts als Sirius auf dem Dach des Astronomieturmes, sein weißes, verletztes Gesicht, eingehüllt in eine Wolke aus Neumondnacht.
Neumond: ein paar Stunden im Monat, in denen er sich beinahe normal fühlen kann, beinahe frei. Beinahe glücklich.
Er achtet nicht auf seine Umgebung und schafft es durch reines Glück ungesehen zurück in den Gryffindorturm. Er friert, dass ihm die Zähne aufeinander schlagen: als hätte Sirius ihn in eine Polarnacht befördert und nicht in die milden Minusgrade des schottischen Frühwinters, aber vielleicht ist es auch die Polarnacht in seinem Inneren, die ihm die Wärme aus den Knochen zieht.
Remus geht duschen. Hier, unter dem heißen, harten Strahl des Wassers, kann er so tun, als wären es keine Tränen, die ihm über die Wangen rinnen. Er stellt das Wasser viel zu heiß, versucht, sich Neumond und Sternenzelt von der Haut zu brennen, die Gedanken an Sirius’ Hände, sein weiches Haar, seine Lippen durch den Abfluss zu spülen, zusammen mit dem Gedanken daran, wie greifbar das alles gewesen ist, wie nah, wie wunderbar. Und weil sein Körper ihn einmal mehr verrät und sich seiner Kontrolle entzieht, befriedigt er sich schließlich selbst, verbittert und wütend und beschämt, steigt aus der Dusche und reibt sich trocken, bis seine frischen Kratzer und Verletzungen feuerrot sind und er endlich außen so wund ist wie innen.
Sirius’ Bett ist leer, als Remus schließlich wieder schlafen geht, und bleibt leer, während Remus das Gesicht ins Kissen drückt und versucht, seine Verzweiflung zu ersticken. Als Sirius endlich zurückkommt, schläft Remus immer noch nicht. Sirius’ Schritt ist unsicher, und er bringt einen feinen Geruch nach Alkohol mit sich, der Remus verrät, dass er zumindest die beiden Flaschen Butterbier nicht hat umkommen lassen. Sirius findet schließlich sein Bett, und Remus verstopft sich die Ohren mit Deckenzipfeln, um nicht das erstickte, stockende Atmen aus dem anderen Bett hören zu müssen, und schläft nicht bis zum Morgengrauen.