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Stoffpferd
Author of 22 Stories

Rated: T - German - Suspense/Angst - Joker & Bruce W./Batman - Reviews: 1 - Updated: 09-24-09 - Published: 05-07-09 - id:5045326

Blutiges Handwerk

8

Ein unmoralisches Angebot

Angst negativ zu sehen, ist nicht richtig. Ich möchte nie mit jemandem arbeiten, der keine Angst mehr hat.“

[Outbreak]

Das leise, gleichmäßige Ticken der Zeigeruhr an der Wand, das sonst ganz allein die nächtliche Stille meiner Küche ausfüllte, wurde vom notorischen Schmatzen des Jokers untermalt, als er sich einen Happen nach dem anderen einverleibte und dabei jeglichen Tischmanieren trotzte. Er schlang regelrecht, schien wirklich ausgehungert zu sein, und aß dabei alles durcheinander. Eine Frikadelle hier, dort ein Stück Schokolade, nur um dann zum Käse überzuwechseln. Die bloße Beobachtung seines Essverhaltens weckte in mir Übelkeit und doch konnte ich den Blick nicht abwenden. Man ließ ein wildes Tier nicht aus den Augen, selbst wenn man im Glauben war, es würde durch eine Fütterung mild gestimmt sein. War er nur hierher gekommen, um sich den Bauch vollzuschlagen? Es wollte mir nicht glaubhaft erscheinen. Allein, dass er wusste, wo ich wohnte, setzte voraus, dass er mich beobachtet haben musste, dass er seinen Besuch bewusst auf diesen Abend gelegt hatte. Dass ich keinerlei Anzeichen bemerkt und mich in falscher Sicherheit gewiegt hatte, versetzte mich in Angst. Zu schnell hatte ich meine Vorsicht abgelegt. So absurd, wie sie mir vorgekommen war, schien meine Paranoia nicht gewesen zu sein.

Er schmatzte grunzend und versuchte dann mit seiner Zunge nach einem Salatblatt zu fischen, das sich in seinen hinteren Zahnzwischenräumen verfangen haben musste. Seine blutrot bemalten Lippen glänzten feucht vor Speichel und Fett, an seinem Mundwinkel klebte etwas Salatdressing, während seine Oberlippe ein Schokoladenfleck zierte. Sein Anblick hätte lachhaft angemutet, hätte ich nicht gewusst, dass er kein kindlicher Schwachsinniger, sondern der wohl kaltblütigste Mörder war, den Gotham oder gar ganz Amerika je zu Gesicht bekommen hatte. Die ganze Zeit über hatte er still – zumindest im Sinne von nicht sprechend – sein Essen verdrückt und auch ich hatte es nicht gewagt, ihn dabei zu stören. Wäre ich allein gewesen, hätte ich vielleicht einen riskanten Fluchtversuch gewagt, aber ich war nicht allein. Jamie war in seinem Zimmer und schlief nichts ahnend seit langem wieder in seinem eigenen Bett.

Der Joker bemerkte meine nervösen Blicke und sah mich an, griff nach einem Falz der weißen Tischdecke, die den Küchentisch bedeckte, und betupfte damit seinen Mund, als wäre er eine Serviette. Nicht nur Essensspuren färbten auf den Leinenstoff ab, auch sein Make-up, cremeweiße und scharlachrote Abdrücke, ruinierten das Textil. Noch immer kauend lehnte er sich leicht zurück und betrachtete mich. Es war mir unmöglich, aus seinem Blick zu lesen, ihm hingegen schien es sehr leicht zu fallen, zu erkennen, was in mir vorging.

„Ah, die kleine Stärkung hat...gut getan...auf nüchternen Magen verhandle ich nicht gern“, plauderte er in einem gewöhnlichen Umgangston, der ihm nicht das Prädikat ‚wahnsinnig’ verliehen hätte. Verhandeln? Er wollte mit mir verhandeln?

„Vielleicht...äh...solltest du auch ein Stück Schokolade essen, du...äh...schaust recht unglücklich drein, oh my darling Clementine.“ Der kleine Reim in seiner Äußerung schien ihn zu verzücken. Er lachte kurz und gellend auf, ehe er mir ein Stück der Vollmilchschokolade hinhielt, die er fast restlos verputzt hatte. „Hm?“, machte er und hielt es mir fast vor die Nase, sodass ich sein süßliches, vollmundiges Aroma wahrnehmen konnte. Ich schüttelte schwach, kaum merklich den Kopf. Die Situation überforderte mich, jede weitere Äußerung aus seinem Munde verwirrte mich mehr. „Verstehe...du nimmst keine Süßigkeiten von Fremden an, wie?“, amüsierte er sich, während seine Zunge kurzzeitig wie ein Pendel über seine Unterlippe schwang und die letzten daneben gegangenen Spuren seines Festmahls dabei aufsammelte. „Und ich dachte, wir wären uns gar nicht mehr so fremd, meine liebe Elena.“ Er zog die Hand, in der er die Schokolade hielt, nicht zurück, sah mich stumm, aber fordernd an. Ich ahnte, dass es ihn erzürnen würde, wenn ich das Stück nicht annahm, so lächerlich diese Geste auch anmuten mochte.

Zögerlich hob ich die Hand und griff nach dem Stück Schokolade, streifte dabei nur kurzzeitig seine Fingerspitzen und erschauderte unwillkürlich ob deren unerwarteter Wärme und Sanftheit. Es hätte besser in sein Erscheinungsbild gepasst, wenn er raue Hände gehabt hätte, die sein verwahrlostes Äußeres vervollkommnet hätten und zum Charakter seines entsetzlichen Tuns gepasst hätten. Aber seine Hände schienen sich weich, fast zart anzufühlen, beinahe gepflegt zu sein, wären seine Fingernägel nicht abgekaut und rissig gewesen. Ich erinnerte mich unfreiwillig daran, was er über meine Hände gesagt hatte und wie er darüber philosophiert hatte, dass wir uns ähnlich wären. Kaltes Entsetzen nistete in meinem Nacken und schien sich so schnell nicht wieder verflüchtigen zu wollen.

Er sah mich abwartend an, es genügte ihm anscheinend nicht, dass ich die Schokolade genommen hatte und nun zwischen den Fingern hielt. Er wollte, dass ich davon aß. Und obwohl sich mein Magen gegen den bloßen Gedanken sträubte und zu rebellieren drohte, führte ich die Schokolade an meinen Mund und biss ein Stück davon ab, zerkaute es langsam und bemühte mich, nicht den Mund zu verziehen, als sich ihr zuckersüßer Geschmack mit dem metallischen Aroma meiner nie ganz abgeflauten Panik vermengte.

Er beobachtete mich, als wäre ich ein interessantes Studienobjekt und leckte sich hungrig die Lippen. „Essen ist eine...sehr sinnliche Triebbefriedigung des Menschen...“, begann er dann leise, während die braune Köstlichkeit auf meiner Zunge schmolz, „...sinnlicher als Sex“, er verzog den Mund kurzzeitig zu einem Schmollmund, während sein Blick eingängig auf mir ruhte. Es gab viele Dinge, über die ich mit ihm nicht reden wollte, und Sex gehörte eindeutig dazu. „...aber nicht so sinnlich wie das Töten.“ Der Joker bleckte seine vergilbten Zähne zu einem humorlosen Grinsen. Ich atmete gepresst aus, wusste nicht, wie viel ich noch von seinen Psychospielchen ertragen können würde.

„Warum erzählen Sie mir das?“, fragte ich und musste mich räuspern, um diese grässliche Trockenheit aus meiner Kehle zu bekommen. „Warum, warum, warum...was habe ich dir vorhin über das Warum gesagt, Frau Doktor? Hörst du mir nicht zu?“ Es klang nicht so, als hätte ihn meine Frage provoziert, vielmehr schien es ihm Spaß zu bereiten, zu sehen, dass seine Worte nicht spurlos an mir vorübergingen.

„Ich weiß nicht, was am Töten sinnlich sein sollte...und für einen menschlichen Trieb halte ich es noch weniger.“ Es war riskant, ihm zu widersprechen, aber er hätte es durchschaut, wenn ich vorgegeben hätte, seiner Meinung zu sein. Das hätte ihn vermutlich noch mehr erbost.

„Du weißt nicht, was daran sinnlich ist, weil du es noch nie getan hast, mein Täubchen“, raunte er mir zu. Mit der rechten Hand wischte er die Überreste seines Essens, die halbleere Käsepackung und die Salatschüssel, beiseite und lehnte sich wieder zu mir vor. Die Süße der Schokolade lag noch auf meiner Zunge, aber der kupferartige Geschmack nackter Angst überflutete dieses Geschmackserlebnis. „Und es ist ein Trieb des Menschen, weil jeder mindestens einmal daran denkt, einen anderen Menschen zu töten...“, er grinste mit seinen verschrobenen Mundwinkeln, seine Augenbrauen vollführten eine gekonnte Akrobatik und verliehen seinem beunruhigenden Blick noch stärkere Akzente. „Aggression ist ein Hauptelement der menschlichen Psyche. In uns allen...schlummert sie.“ Er senkte seinen Tonfall herab, flüsterte die letzten Worte regelrecht, ehe er leise fortfuhr: „Warst du schon mal so wütend auf einen Menschen, so...blind vor Zorn...dass du ihm wehtun wolltest? Dass du...ihm den Tod gewünscht hast?“

Ich hielt seinem Blick stand, aber die zermürbende Erkenntnis, die hinter seinen Worten lag, drang durch meinen mentalen Schutzwall hindurch. Ich dachte an die unzähligen Male zurück, in denen ich meine Mutter sturzbetrunken in unserem alten Haus randalieren gesehen hatte, wenn sie wieder einmal meine Geldvorräte gesucht hatte, die ich mir durch Schülerjobs hart erarbeitet und versteckt gehalten hatte, weil es mehrfach vorgekommen war, dass sie das Geld für ihren Fusel ausgegeben hatte. Ich dachte an Thelma, die mir nie das Gefühl gegeben hatte, eine akzeptierte Schwiegertochter zu sein, die mir durch die Blume hindurch immer wieder zu verstehen gegeben hatte, dass sie mich nicht für eine gute Mutter hielt. Ich dachte an Michael, der mein Vertrauen missbraucht und mich verletzt hatte, dachte an meine Kollegen, die keine Gelegenheit ausließen, mir ein Bein zu stellen.

„Ja, das hast du, nicht wahr? In deinen Gedanken...hast du schon viele Menschen getötet...“, ließ mich die Stimme des Jokers aus meinen abtrünnigen Gedanken hochfahren.

„Ja, aber...das heißt nicht, dass ich es auch wirklich getan hätte!“, hielt ich aufgebracht dagegen. Das brachte ihn zum Lachen. Als er sich mühsam wieder unter Kontrolle gebracht hatte, sagte er: „Denken und Tun liegen manchmal nur um Haaresbreite auseinander.“

Meine Nasenflügel blähten sich auf, als ich heftig ausatmete. „Das ist nicht wahr. Ich würde nie jemanden töten.“

Das Gelächter, das leise glucksend immer wieder zum Vorschein gekommen war, verstummte. Er beugte sich so weit zu mir vor, dass ich dem Impuls widerstehen musste, zurückzuweichen. Nur wenige Zentimeter trennten sein grotesk geschminktes Gesicht von meinem. Sein Mundgeruch, der die gegensätzlichen Aromen seines Essens vereinte, strömte mir entgegen.

„Oh doch, Elena. Oh doch...in uns allen...steckt...ein Mörder.“ Er flüsterte nur noch und intonierte dennoch jedes einzelne Wort mit der Prägnanz eines eigenständigen Satzes. Er ließ die Augen in keiner Sekunde von mir, es war hart, diesem Blick standzuhalten, dem Wahnsinn zu begegnen, der so unverhohlen darin geschrieben stand. „Wir alle töten...und wenn wir nur uns selbst töten...wir töten dennoch, wir...vernichten...der Mensch ist das einzige zum Denken befähigte Lebewesen. Und es ist gerade die Fähigkeit zu denken, die uns animalischer und primitiver macht als jeden verdammten dahergelaufenen Köter. Die das Töten zu einem Instinkt, einem Bedürfnis von uns macht. Weißt du auch, wieso das so ist?“

Meine Kehle war so trocken, dass es fast schmerzhaft war. Er wartete nicht darauf, dass ich auf seine Worte reagierte, ich fühlte mich auch nicht länger fähig dazu.

„Weil das Denken uns nur die Illusion gibt, über den Dingen zu stehen...etwas Besseres zu sein als das Tier, höher entwickelt zu sein...du meinst vielleicht, dein Denkvermögen, dein Gewissen würde über deinen Trieben stehen, aber so ist es nicht. Beides sind nur Deckmäntel deiner Primitivität. Beides versucht deine Triebe zu unterdrücken und verstärkt sie dadurch nur. Es ist nur dein Gewissen, das dich ausbremst, den...letzten Schritt zu tun, deine Gedanken in die Tat umzusetzen.“

Ich schluckte, meine Kehle brannte. Es war schrecklich, was er da sagte. Dass es einleuchtend war und einen Sinn ergab, war jedoch noch um einiges schrecklicher.

„Und doch bremst es mich und verhindert, dass ich es tue...also hindert es mich daran, zum Mörder zu werden.“ Meine Stimme hörte sich kläglich an, ohne dass ich es beabsichtigt hatte, waren diese Worte über meine Lippen gekommen. Ich tat genau das, was er wollte, ich setzte mich mit ihm und seiner verworrenen Sicht auf die Welt und die Menschheit auseinander, ich machte mich allein dadurch empfänglich für sein anarchistisches Gedankengut, indem ich ihm zuhörte. Und ich hatte es nicht mehr in der Hand, mich dagegen zu wehren. Mit geschickten psychologischen Kniffen hatte er mich meiner Kontrolle beraubt, diesem Gespräch Herr zu werden. Er mochte bis an die Zähne bewaffnet sein, aber seine gefährlichsten Waffen waren immer noch sein Geist in Kombination mit seinem Mundwerk.

„Das hättest du gern, oh my darling Clementine...aber wie mit allen Trieben wirst du auch dem Töten früher oder später erliegen. Du isst, um nicht zu verhungern, du vögelst, um deinen primitiven Fortpflanzungstrieb zu stillen...da dein entzückender Sohnemann nebenan zuckersüßen Träumen frönt, hast du es mindestens einmal getan, hm?“ Er schnalzte mit der Zunge und zwinkerte mir verrucht zu. „Da ich annehme, dass er keine Retortenzucht ist...“ Ich wandte angewidert den Blick von ihm ab, was ihn nicht daran hinderte, fortzufahren: „...und genauso, mein Täubchen, wird irgendwann der Trieb zu töten in dir übermächtig sein. So übermächtig, dass du ihm erliegen musst, um nicht...wahnsinnig zu werden!“ Er schüttelte sich wie ein Hund, der Regennässe aus seinem Fell zu treiben versuchte.

„So wahnsinnig, wie Sie es bereits sind?“, platzte es aus mir heraus und noch ehe die letzte Silbe verklungen war, wusste ich, dass ich über das Ziel hinausgeschossen war. Sein Gesicht versteinerte sich, nicht einmal seine zu einem bizarren Grinsen verlängerten Mundwinkel konnten darüber hinwegtäuschen, dass er nicht mehr lächelte. Stille dehnte sich zwischen uns aus und lud sich mit unerträglicher Spannung auf. Ich hatte die Luft angehalten. Meine Nervenenden ließen meinen gesamten Körper kaum merklich zittern.

Wider Erwarten überging er meine unschmeichelhafte Betitelung und sagte mit Nachdruck: „Töten bedeutet nicht zwangsläufig, ein biologisches Leben auszulöschen...Menschen haben viel...grausamere Methoden entwickelt, ihre Aggression auszuleben. Nicht nur gegenüber anderen, sondern allen voran gegen sich selbst...der Alkoholiker versucht seine Aggressionen zu ertränken und tötet sich dadurch langsam selbst...der Raucher raucht, um sich zu beruhigen und...tötet sich selbst...der Junkie will die Aggression betäuben, indem er sich Heroin spritzt...und krepiert elendig daran. Der Depressive sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und...tötet sich zumindest emotional und psychisch selbst, wirtschaftet sich selbst so weit herunter, bis er am Nullpunkt angekommen ist. Der Essgestörte, der Einsame...“ Ich hatte den Eindruck, dass er sich immer weiter in Rage redete, beinahe ekstatisch seinen Standpunkt mit Beispielen untermauerte, bis ich nicht mehr an seiner ultimativen Wahrheit zweifelte. Nicht zuletzt fiel mir das anhand der Art auf, wie er seine Finger klauenartig verkrampfte, kurzzeitig sogar die Hand zur Faust ballte. „...nimm, wen du willst...sie alle unterliegen früher oder später ihren Trieben. Wenn du also...keinen anderen Menschen tötest...wirst du zwangsläufig dich selbst töten...“

Ich atmete flach, versuchte, seine Worte zu verdauen. „Sie entschuldigen Ihr Tun damit, dass es Ihr Überlebenstrieb ist?“, fragte ich, als ich langsam meine Stimme wieder gefunden hatte. Der Joker lachte heiser auf, sodass es sich fast wie ein Fauchen anhörte. „Nein.“ Wie er eine Silbe mit solcher Sorgfalt und Prägnanz artikulieren konnte, dass sie einen beinahe lyrischen Klang annahm, war mir ein Rätsel. Er beugte sich leicht vornüber und sah mir tief in die Augen, ließ mich dadurch frösteln. „Ich entschuldige mich für gar nichts.“

Ich senkte den Blick, atmete aus und bemerkte erst jetzt, dass ich meine Hand so fest um das restliche Stück Schokolade geschlossen hatte, dass sie zu groben schmierigen Klumpen verlaufen war. „Ich...bitte...ich“, begann ich zu drucksen, völlig überfordert von den Dingen, die er gesagt hatte, sodass ich nicht einmal aussprechen konnte, was mir ein innerstes Bedürfnis war; nämlich dass er von hier verschwand, mich mit seinem Psychogequatsche in Frieden ließ.

„Ich glaub, ich kann dich ganz gut leiden, oh my darling Clementine...“, er endete seine Worte in melodischem Singsang, der dem ursprünglichen Lied wieder sehr nahe kam. „Du bist nur ein bisschen...verbohrt, was deine von falscher Moral geprägte Sicht der Dinge angeht...aber...das kann man ja...korrigieren.“ Es reichte mir, ich würde kein einziges weiteres Wort aus seinem Mund ertragen können, wenn er nicht endlich zur Sprache brachte, weswegen er hierher gekommen war. Doch nicht, um mich einer Gehirnwäsche zu unterziehen, oder doch? Ich sah nicht, dass ich für ihn in irgendeiner Weise von Nutzen sein konnte, wahrscheinlich erlaubte er sich nur einen perfiden Spaß, vielleicht war ich nur so etwas wie Feierabendunterhaltung für ihn.

„Bitte...was wollen Sie? Brauchen Sie Medikamente? Antibiotika? Ist etwas mit Ihrer Schusswunde?“, fragte ich mit wachsender Verzweiflung und Ratlosigkeit. Ganz Gotham war ihm auf den Fersen und er hatte die Ruhe, mitten in der Nacht in meine Küche einzusteigen und mich mit seinen verstörenden Anschauungen zu erziehen? Nein, das ergab keinen Sinn. Aber was ergab schon Sinn in der Kopf stehenden Welt des Jokers?

„Nein, nein, nein, alles bestens, Clementine...“ Wieder amüsierte ihn seine spontane Reimkunst köstlich, während ich mich außerstande sah, mir auch nur ein schmales Lächeln zu entlocken. „Du hast gute Arbeit geleistet und...es ist ja nicht so, dass du...meine...äh...Hausärztin wärst. Ich habe mir...wie sagt ihr Mediziner so schön? Eine Zweitmeinung eingeholt.“ Hektisch schnellte seine Zunge hervor, benetzte die liederlich mit roter Schminke überdeckten vernarbten Furchen seiner Lippen mit Speichel, der kleine Bläschen warf, die nur Bruchteile von Sekunden später zerplatzten. „Nur leider war der gute Doc nicht ganz so schnell wie du...“, deutete er an und setzte ein gespielt bedauerndes Gesicht auf. Die Kälte kehrte in meine Glieder zurück, füllte zuerst meine Fingerspitzen und breitete sich wie eine Injektion in meine Hände und Arme aus.

„Haben Sie ihn erschossen?“, fragte ich leise, kaum hörbar, ohne zu wissen, wieso ich das eigentlich fragte. Ich wollte es doch gar nicht wissen, wie er meinem Zunftkollegen ein Ende bereitet hatte.

„Nein...“, er legte den Kopf schief und musterte mich belustigt, „wieso interessiert dich das? Hast du...äh...doch Blut geleckt?“ Über diesen Wortwitz konnte ich im Gegensatz zu ihm nicht lachen. „Keine...keine Sorge“, brachte er zwischen gekeuchten Lachsalven hervor, „...er hat nicht lang leiden müssen.“ Er sah mich durchdringend an und fügte nachdenklich mit den Augen rollend hinzu: „Glaub ich.“

Ich wusste nicht, wie ich ihn wieder loswerden konnte, ob ich ihn überhaupt irgendwie dazu bringen konnte, zu verschwinden, möglichst ohne dass er Jamie oder mir etwas antat. Der Grund für seinen Besuch war mir nach wie vor schleierhaft. „Ich habe der Polizei erzählt, was passiert ist“, gestand ich, obgleich ich mir der Gefahr bewusst war, dass ihm das missfallen und ihn zu übleren Taten als psychologischer Kriegsführung anstiften konnte.

„Ich weiß“, erwiderte er vollkommen gleichgültig und unbeeindruckt, zurrte und zupfte weiterhin an seinem Kragen herum, so als säße er zu eng und brächte ihn zum Schwitzen, aber wahrscheinlich wusste er eher nicht, was er mit seinen Händen anstellen sollte, solange kein Messer in ihnen lag. „Aber...“, er zog eine Schnute, zuckte mit den schmalen Schultern und hielt die Handflächen ausgestreckt nach oben, wie um Ratlosigkeit auszudrücken, „...ich bin ja immer noch hier und auf freiem Fuß, oder nicht?“

Das Spiel seiner Mimik war beeindruckend. Er transportierte so viele Ausdrücke allein mit seinen Blicken, dass es fast schon unheimlich war. Sein entstellter Mund beraubte ihn der Optionen, deutlich zu lächeln oder Missfallen auszudrücken. Binnen Sekunden wechselten die Facetten, die er im Repertoire hatte. Es war, als befände er sich auf einem Maskenball und probierte sich an den unterschiedlichsten Kostümierungen. Das Schlimmste daran war, dass er mit einigen Gesten und Mimiken eine ungeahnte Menschlichkeit evozierte, die man in seinem übrigen Gebaren, seinem Handeln für hinfällig hielt. So fürchtete ich ihn gleichzeitig und empfand dabei doch eine seltsame Art der Vertrautheit. Es war gefährlich, so zu denken, und doch kam ich nicht dagegen an.

„Wenn die Polizei Sie nicht stellen wird, dann Batman“, sagte ich brüsk, worauf er die Hände fallen und auf seine schlanken Oberschenkel klatschen ließ.

„Batman!“ Er erbrach diesen Namen beinahe und lachte dann mehrfach kurz und hysterisch auf, was seiner Stimme eine schrille Note verlieh, die sich in seiner Sprechmelodie jedoch wieder verlor, „Du scheinst...keine Nachrichten zu schauen, Schätzchen...Batman ist genauso geächtet, wie ich es bin...wenn nicht gar schlimmer wegen seines...“, seine Mimik veränderte sich, ein betroffener, fast schockierter Ausdruck stahl sich auf seine Augenpartie, die Runzeln, die seine Stirn warf, beschatteten seine in Schwärze getauchten dunkelbraunen Augen, „...entsetzlichen, heimtückischen Mordes...an unserem geliebten Staatsanwalt Harvey, Harvey, Harvey Dent...von vier weiteren unschuldigen Menschen ganz zu schweigen. Wenn er mich der Polizei übergeben würde, könnte er sich gleich mit einliefern lassen und dann...äh...würden wir unsere kleine Privatparty hinter schwedischen Gardinen fortsetzen.“

Ich sagte nichts, presste nur die Lippen aufeinander. Ich wusste nicht, was ich von Batman halten sollte oder was an der Sache mit den Morden wirklich dran war, aber ich wusste, dass er der Einzige gewesen war, der sich dem Joker halbwegs erfolgreich in den Weg gestellt hatte. Ich hätte alles dafür gegeben, wenn er jetzt hier aufgekreuzt wäre, aber den in der Not eingreifenden Helden gab es wohl nur im Märchen oder in Filmen. Ich saß ganz allein im Schlamassel und musste mich demnach auch selbst darum kümmern, heil wieder herauszukommen.

„Hast du den guten Harvey gewählt, oh my darling Clementine?“

„Wie bitte?“ Ich blinzelte ihn verdutzt an und atmete ein wenig erleichterter, als er sich zurücklehnte und leicht zu kippeln begann. Abstand war gut und ich war dankbar für jeden Zentimeter, den er mir überließ. „Ob du ihn gewählt hast. Weißt du nicht, wer Harvey Dent war? Groß, blondes, wehendes Haar, nur ein halbes Gesicht...“, zählte er mit einer solchen Selbstverständlichkeit auf, als ob es das Normalste von Welt war, wenn einem eine Gesichtshälfte völlig fehlte.

„Nein...ich...bin nicht zur Wahl des Bezirksstaatsanwalts gegangen.“ Es klang in meinen Ohren völlig verrückt, wie ich mich zu meinem Wahlverhalten äußerte. Es war, als säße ich mit ihm bei einem gottverdammten Kaffeeplausch beisammen.

„Aber, aber, Elena, das ist sehr nachlässig von dir...du nimmst...ja gar nicht dein Recht als Bürgerin wahr, deine Vertreter eigenhändig zu wählen“, spottete er unverhohlen über das System, dem ganz Gotham unterstellt war. „Das hätte Harvey, das alte Haus, sicher geärgert...ich kannte ihn ganz gut musst du wissen...“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Die Berichterstattung rund um den Joker hatte in den Medien eine ganz andere Geschichte erzählt. „Sie haben ihn und seine Lebensgefährtin an Ölfässer gekettet und dabei zugesehen, wie er fast draufgegangen ist!“ Der Joker wippte auf zwei Stuhlbeinen sanft vor und zurück und wirkte dabei fast wie ein rüpelhafter Schuljunge. „Das ist so nicht ganz korrekt, Frau Doktor...“, belehrte er mich kopfschüttelnd, aber keinesfalls schlecht gelaunt, „...ich hab leider nicht zusehen können, denn zu dem Zeitpunkt...hab ich in Gordons kleiner Festung eingesessen und Däumchen gedreht.“

Dass er es bedauerte, nicht daneben gestanden und vielleicht noch weitere Brandbeschleuniger ins lodernde Feuer gekippt zu haben, war nur ein weiterer Ausdruck seiner Skrupellosigkeit.

„Außerdem“, fuhr er fort, „liegt die Betonung auf fast draufgegangen...ich hab Harvey nicht getötet.“ Er hob beide Hände, wie um mir zu zeigen, dass er sie in Unschuld gewaschen hatte. Ironischerweise klebten immer noch Rückstände fremden Bluts in den Zwischenräumen seiner Finger. „Ich hab ihm lediglich die Augen geöffnet. Unserer kleinen Fledermaus hat das offensichtlich nicht gefallen. Wo wir wieder bei dem Punkt angelangt wären, dass jeder dazu geboren ist, zu töten. Auch Gothams Held Batman steht nicht über den Dingen. Weißt du, er würde es gern...noch viel lieber als jemand wie du, der maskierte Rächer...uhhh“, er lachte quirlig auf und verdrehte die Augen, „...wenn ich ein Talent habe, dann ist es...Menschen ihre Schwächen aufzuzeigen.“ Die Lehne seines Stuhls schlug gegen die Arbeitsfläche, gebot seiner nervtötenden Kippelei vorübergehend Einhalt.

„Dann sollten Sie vielleicht bei sich selbst anfangen“, setzte ich brüsk entgegen. Ich hatte genug von dieser Privataufführung der Rocky Horror Picture Show und wollte mein Rückfahrtticket aus der Welt dieses Geisteskranken lösen. Besser früher als später, bevor ich mich noch weiter von ihm einlullen ließ. Der Joker quittierte meine faustdicke Beleidigung mit heiterem Gelächter, das mich noch mehr auf die Palme zu treiben drohte. Dass es nur in seiner Absicht lag, mich zu provozieren, lag mir in diesem Augenblick fern.

Ich seufzte und stützte meinen Kopf in meine Hand, fuhr mir entnervt durch das volle schwarze Haar, bemerkte erst als es zu spät war, dass ich mir die in meiner Hand zerlaufene Schokolade geradewegs in die Mähne geschmiert hatte, was dem Joker natürlich ein abartig schadenfrohes Glucksen entlockte, gefolgt von einem unschuldigen: „Fühlst du dich nicht wohl, Frau Doktor?“, genau wissend, dass es mir nicht gut ging. „Ich bin...müde“, murmelte ich und rieb mir die Schläfe mit der linken Hand. „Verstehe, verstehe, es ist ja auch schon spät. Lange möchte ich dich auch gar nicht von deinem wohl verdienten Schlaf abhalten.“ Ich sah zu ihm auf. Würde er jetzt endlich zur Sprache bringen, was diese ganze Farce hier sollte? „Was wollen Sie?“, wiederholte ich erschöpft.

Langsam verlagerte der Joker sein Gewicht, sodass sein Stuhl wieder vornüber kippte und ihn zurück an den Tisch rutschen ließ. „Liebst du deinen Sohn, Elena?“ Er stellte diese Frage simpel und in verhältnismäßig freundlichem Tonfall, aber mit keinem Satz, den er bislang zu mir gesprochen hatte, hatte er mich so heftig getroffen wie mit diesen fünf Wörtern. Ich blinzelte, schluckte und schüttelte mich irritiert. „Was...?“, hob ich an, doch kam nicht dazu, meine Frage zu vollenden. „Du würdest...doch sicher niemals zulassen, dass ihm etwas geschieht, hab ich Recht?“

Dieses verdammte Schwein! Er drohte mir!

Der Joker musste den Zorn in meinen Augen aufflackern gesehen haben, ich glaubte, den Schatten eines zufriedenen Grinsens auf seinen Mundwinkeln zu erkennen. „Du würdest...dich lieber selbst opfern, als dass du zulassen würdest, dass ihm Schmerzen zugefügt werden, die...so grässlich sind, dass sein Geist noch vor seinem Körper daran zerbrechen würde.“ Jegliches Geplänkel, jegliche scheinheilige Friedfertigkeit war aus seinen Zügen und seiner Stimme verschwunden. Ich hatte die ganze Zeit über gewollt, dass er Klartext sprach, und jetzt, wo er es tat, fürchtete ich, den Verstand zu verlieren. Es gelang ihm, mir mit wenigen Worten Angst zu injizieren, die meinen Herzschlag gefühlt verdoppeln ließ. „Was...ich...?“

„Beantworte meine Fragen, oh my darling, oh my darling Clementine!“, schnitt er meine Stammelei barsch ab. Ich schluckte, hatte keine Vorstellung, was er von mir hören wollte und worauf er hinauswollte. „Natürlich liebe ich Jamie“, brachte ich hervor, fühlte, wie die Angst endgültig die Oberhand gewann und jeden Winkel meines Körpers auszufüllen schien. Er hatte nachgehakt und gebohrt, aber er hatte meinen absoluten Schwachpunkt die ganze Zeit über gekannt und sich den Todesstoß für das große Finale aufgehoben. Ich fragte mich nur, was er damit bezwecken wollte.

„Bitte, was...bitte lassen Sie ihn aus dem Spiel...“, brachte ich zusammenhangslos hervor und straffte meine Gestalt. Meine Müdigkeit, der Dreck an meinen Fingern, all das war in Vergessenheit geraten.

„Spiel...das ist...ein sehr gutes Stichwort, doch, das gefällt mir“, entgegnete er, verschränkte die Arme vor der Brust und platzierte sie auf den Tisch. „Spielt dein Sohn gern Spiele, Elena?“ Ich hörte meinen eigenen Herzschlag laut und deutlich in meinen Ohren. Ich wusste, dass alles, was ich jetzt sagte, ausschlaggebend für sein weiteres Handeln sein würde.

Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.

„Was meinen Sie damit? Bitte, er hat damit nichts zu tun...was auch immer Sie von mir wollen, Sie kriegen es, aber lassen Sie Jamie da raus.“ Betteln und Bitten waren bei dem Joker so nützlich wie ein Kupferhelm bei einem Gewitter, und doch kamen diese Worte automatisch über meine Lippen. Ich wollte nichts unversucht lassen, meinen Sohn vor irgendwelchen zwielichtigen Aktionen des Jokers zu bewahren. War meine größte Sorge zuvor gewesen, dass er durch Bruce Waynes Imponiergehabe eine falsche Vorstellung von Geld und Besitz bekommen würde, wurde mir nun klar, dass ich mir ernsthafte Sorgen um das Leben meines Kindes machen musste.

Er schüttelte den Kopf und hob in einer belehrenden Geste den Zeigefinger: „Versprich nichts, das du nicht auch halten kannst, mein Täubchen!“ Er leckte sich die Lefzen und fuhr dann fort: „Und jetzt reiß dich bitte zusammen, jammern passt nicht zu dir, dafür...bist du viel zu stark.“ Wie um seine Worte zu widerlegen, spürte ich Tränen in meinen Augen aufwallen, die sich sehr langsam aus meinen Wimpern lösten und über meine Wangen rollten. Wenigstens gab ich mir nicht die Blöße, die Tränen wegzuwischen.

Den Joker ließ meine elende Erscheinung völlig kalt, es schien ihn fast zu unterhalten, dass ich unter dem psychischen Druck, den er aufbaute, nach und nach zerbrach. „Ich bin...beeindruckt von deinem...chirurgischen Improvisationstalent. Ich...muss sagen, dass es wahrhaft schade gewesen wäre, wenn ich dich einfach so getötet hätte, dann...wäre mir wirklich eine sehr interessante...Hilfskraft durch die Lappen gegangen.“ Wie bitte? Hatte er eben Hilfskraft gesagt? Ich musste nicht recht gehört haben.

„Wie meinen Sie das?“ Ich hasste es, dass sich meine Stimme brüchig und weinerlich anhörte, aber ich konnte nicht länger die Coole spielen, wenn mein Sohn in unmittelbarer Lebensgefahr schwebte. Er hatte meine Achillesferse freigelegt und getroffen. Schachmatt.

„Ich meine es...so wie ich es sage, oh my darling, oh my daaarling Clementine...“ Ich ließ meine flache Hand donnernd auf den Küchentisch knallen und überraschte nicht nur ihn, sondern auch mich selbst ein wenig damit. „Schluss damit! Hören Sie auf mit diesem schrecklichen Lied! Sie machen mich wahnsinnig!“ Ich hatte fast geschrieen. Wenn Jamie nicht bereits wach gewesen war, so standen die Chancen gut, dass er es jetzt war. Ich biss mir sofort auf die Zunge. „Ja, ja, das...äh...wird mir öfter nachgesagt“, entgegnete der Joker gelassen und richtete seinen Kragen zum hundertsten Mal. Ich starrte ihn perplex an, konnte förmlich fühlen, wie meine Hautpigmente arbeiteten und mein Gesicht in ein weiß-rotes Mosaik verwandelten.

„Ich schätze deine Fähigkeiten und deine...unabdingbare Willenskraft. Deswegen möchte ich, dass du...Dinge für mich erledigst.“ Mein Unterkiefer verflüchtigte sich und ließ meinen Mund offen stehen. „Tu das nicht, Elena, so siehst du furchtbar dumm aus“, stellte er in seinem bemerkenswert ruhigen, noch immer melodischen Tonfall fort.

Ich schloss fast augenblicklich den Mund und spürte, wie Verlegenheit meine Wangen rot färbte. „Was für...Dinge?“, fragte ich wie betäubt nach. Plötzlich schien es in dieser Wohnung totenstill zu sein, das Ticken der Wanduhr ließ meine überbeanspruchten Nerven flattern.

„Dinge“, erwiderte der Joker und schlug seine Hände in einer einfachen Geste zusammen.

„Wenn Sie von mir erwarten, dass ich jemanden für Sie töte...“, begann ich und trug somit unwissentlich ein weiteres Mal zu seinem Amüsement bei.

„Clementine, Clementine, wo denkst du nur hin? Das...ist etwas, das ich noch gern selbst übernehme...“ Das Funkeln in seinen Augen versicherte mir, dass er diese Worte ernst meinte. Ich schluckte, rang um Fassung: „Warum ich? Was...erwarten Sie von mir?“ Er wollte offensichtlich von dem profitieren, was ich am besten beherrschte, und das waren immer noch meine chirurgischen und diagnostischen Fähigkeiten. Wollte er mich etwa als Leibarzt engagieren?

„Sagen wir es so...ich...kann dein...Talent gut gebrauchen.“ Er musterte mich eindringlich, ehe er leise ergänzte: „Aber du musst es schon ein bisschen wollen.“ Seine vagen Äußerungen trugen nicht gerade dazu bei, dass dieses ungewöhnliche und abstrakte Angebot, das er mir unterbreitete, an Klarheit gewann.

„Wieso sollte ich für Sie arbeiten wollen?“ Ich fragte, so ruhig es mir möglich war, aber er schien ein Gespür für Angst zu haben und jede noch so winzige Zittrigkeit meiner Stimmbänder herauszuhören. „Weil es zweifelsohne gewisse Vorteile mit sich bringt, zum Beispiel“, bot er mir an und ließ seinen Kopf zur Seite kippen, so als wäre er nicht mehr stark genug, ihn hochzuhalten.

Ich verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln. „Vorteile“, spie ich aus, „halten Sie mir dann die Schmeißfliegen von Reportern vom Leib, die Sie eigens auf mich gehetzt haben?“ Er beantwortete diese Frage nur mit einer undeutbaren Bewegung seiner Augenbrauen, ehe er mich weiterhin stumm taxierte. „Was auch immer Sie von mir erwarten...ich bin nicht nützlich für Sie...mein kriminelles Genie reicht nicht über das Knacken von Fahrradschlössern hinaus, ich...ich hab nicht den Schneid dafür...es...es tut mir leid.“ Ich log wie gedruckt. Nicht, was meine kriminellen Geschicke oder meinen Mut anging, sondern indem ich mich bei ihm entschuldigte. Ich würde nicht für diesen Geisteskranken arbeiten, würde nicht zu dem werden, als was mich einzelne Zeitungen bereits betitelt hatten – die rechte Hand des Teufels.

„Oh, es tut dir nicht leid, mein Täubchen...noch tut es dir nicht leid.“

Ein Schauer kroch mit lähmender Langsamkeit durch das Tal zwischen meinen Schulterblättern. „Bitte...ich...“, begann ich unsicher, aber da stand er bereits auf. Ich rechnete damit, dass er mir eine Kugel zwischen die Augen verpassen oder die Kehle aufschneiden würde, irgendetwas...aber nicht mit dem, was er wirklich tat. Er beugte sich zu mir vor, umfasste mein Kinn grob mit seiner Hand, die sich geschmeidig anfühlte, aber erstaunliche Kraft in sich barg, und zwang mich so dazu, ihm direkt in die Augen zu sehen, als er sich nah zu mir vorlehnte und flüsterte: „Du kannst es dir gern noch überlegen...ich werde dir...in naher Zukunft ein paar...Denkanstöße geben...“

Er wirkte nicht sonderlich begeistert ob meines Widerwillens, aber gleichzeitig gewann ich nicht den Eindruck, dass er mit meiner Zusage auf sein krankes Angebot gerechnet hatte. Sein Zeigefinger glitt unsanft über den Schnitt, den er mir vor einigen Tagen verpasst hatte und der auf bestem Wege war, zu verheilen. Ich schnappte hörbar nach Atem, als das grobe Reiben seines Fingers genügte, um das sensible Gewebe zum Bluten zu bringen. Meine Reaktion ließ ihn grinsen, der Anblick meines Blutes schien zu genügen, damit sich seine Pupillen wie die eines Raubtiers weiteten und die braune Korona seiner Augen in ihrer Schwärze ertränkt wurde. Ich war unfähig, irgendetwas zu sagen, alles, was ich an Mut zu besitzen geglaubt hatte, war zerstoben. Seine Nase streifte fast die meine, sein furchtbar zugerichteter Mund war nur wenige Zentimeter, vielleicht sogar nur Millimeter von meinem entfernt. Ich atmete die Luft ein, die er ausstieß, fürchtete fast, seine Zunge würde auch meine Lippen streifen, als sie in zur Gewohnheit verkommener Manier die Narben seines Mundes abtastete.

Er ließ urplötzlich von mir ab, sodass ich haltlos zurück auf meinen Stuhl sank, durch die Wucht meines Aufpralls aber damit auf dem Küchenboden landete und mir die Schulter am Türrahmen anschlug. Ich zitterte, mein Blut mischte sich mit den lautlosen Tränen, die über mein Gesicht sickerten, und troff von meinem Kinn auf meinen Pullover. Der Joker stand noch am Tisch und schaute mit einem undeutbaren Ausdruck auf mich hinab.

Gerade, als ich glaubte, er würde abermals und mit weitaus weniger glimpflichem Ausgang auf mich losgehen, hörte ich eine Stimme im Flur, die mir das Herz in tausend Teile zerbrach. Sie klang verschlafen und noch kindlich hoch, unsicher, aber nicht wirklich ängstlich. Und sie fragte zaghaft in die Dunkelheit des Korridors hinein: „Mommy?“

Ich schnappte nach Luft. Was auch immer passieren würde, Jamie durfte nicht wissen, wer hier war oder was sich hier abspielte. „Ein Wort zu irgendjemandem...und er endet als Hundefutter.“ Die Stimme des Jokers war nicht mehr als ein Flüstern, aber dass es ihm ernst war, war unmissverständlich aus seinem Tonfall zu entnehmen.

„Mommy? Bist du in der Küche?“ Jamies Stimme klang näher, er war nur wenige Meter von der Küche entfernt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er in das Zimmer abbiegen und den Joker sehen würde. Und dann konnte ihm nur Gott allein gnaden. „Ja, mein Schatz, warte, ich bin gleich bei dir!“ Ich wischte die Tränen mit der Hand ab und richtete mich langsam gegen den Türrahmen gelehnt auf, der Joker behielt mich die ganze Zeit über im Auge, das ewige Grinsen verzerrte sein Gesicht zu einer grauenvollen Grimasse.

„Mommy? Ist was passiert?“ Mit jedem Wort, das er sprach, schien er wacher zu werden, alarmierter. Ich hatte mühevoll ein Schluchzen unterdrückt, aber nicht vertuschen können, dass ich weinte. Zu belegt war meine Stimme, zu heiser, zu unstet. „Alles ok, warte, mir ist etwas heruntergefallen und hier liegen sicher noch überall kleine Scherben herum. Bleib im Flur...“

Ich sah den Joker an, während ich mich Stück für Stück rücklings an der Wand entlang tastete und so langsam die Küche verließ. Als ich in den Flur hinaustrat, stand Jamie nur wenige Meter von mir entfernt in seinem kurzen Pyjama im Korridor, sein Haar vom Schlaf zerzaust, die Augen noch ganz klein und benommen. „Was ist dir denn herunterge...“, begann er, aber ich hatte ihn schon am Arm gepackt und etwas unsanft mit mir gezogen, steuerte eiligen Schrittes sein Schlafzimmer an. Erst als ich dort angekommen war, ließ ich ihn los.

„Aua, Mom, was soll das?“ Er sah mich mit allem Unverständnis an, das er in seinem Dämmerzustand aufbringen konnte. Sein Bewusstsein klarte deutlich auf, als er das Blut sah, das mein Gesicht einseitig bedeckte. Seine Augen weiteten sich voller Unbehagen. „Was hab ich dir übers barfuß laufen in der Wohnung gesagt?“, brachte ich um eine feste Stimme bemüht hervor. „Ich wollte doch nur kurz aufs Klo!“, mokierte er sich. Mein erschreckendes Aussehen beunruhigte ihn sichtlich, seine von Schock geweiteten braunen Augen hafteten auf meinem Gesicht.

„Scherben...da sind...überall Scherben“, murmelte ich, bis meine Stimme in einem Schluchzen erstarb und ich nur noch meine Hand an meinen Mund führen konnte, um ein lauteres zu unterbinden. Ich drohte völlig zusammenzubrechen, egal, ob Jamie hier bei mir war oder nicht; das, was mir eben widerfahren war, war auf ganzer Linie Psychoterror gewesen und ich wollte unter keinen Umständen, dass Jamie Wind davon bekam, was sich wirklich zugetragen hatte. Ich ließ von ihm ab und stolperte rücklings gegen die Tür, die daraufhin ins Schloss fiel. Sicherheit.

Ich sank auf meine Knie und konnte nichts dagegen tun, ich brach hemmungslos in Tränen aus. Verschlafener Schrecken wich aufrichtiger Angst in Jamies Augen, er trat an mich heran und legte unbeholfen die Arme um meinen Hals. „Mommy, was ist denn los? Was ist denn passiert?“ Er klammerte sich an mich, tat mir dadurch unwissentlich weh, als er sich gegen meinen Oberarm drückte, aber es war ein erträglicher, angenehmer Schmerz, dem ich mich entgegen lehnte. Ich schloss die Arme um Jamies zierlichen Körper, zog ihn fest an mich, als würde ich ihn zum letzten Mal umarmen. Ich wollte ihm keine Angst machen, wollte ihm Entwarnung geben, aber konnte nichts dagegen tun, ich war völlig aufgelöst, hatte solche Angst gehabt, er hätte Jamie vielleicht schon etwas angetan, schon bevor ich ihn in der Küche bemerkt hatte. Meinen Sohn jetzt unbeschadet in meinen Armen halten zu können, bis auf wenige Blessuren, die noch dem Unfall entstammten, erfüllte mich mit unmenschlichem Glück. Gleichzeitig aber war die Angst, ihn zu verlieren größer und übermächtiger als je zuvor. Mich überschwemmten diese zwiespältigen Emotionen mit voller Wucht, ich weinte in den Armen meines Kindes, als wäre ich selbst noch eines, es war, als hätten wir kurzzeitig die Rollen getauscht, etwas, das ich unter keinen Umständen zulassen wollte, aber dafür war es zu spät. Ich hatte mich völlig vergessen, vollkommen den Halt verloren. Vor den Augen meines eigenen Sohnes!

Ich musste mich wieder in den Griff bekommen, durfte mich nicht gehen lassen, nicht solange der Joker möglicherweise immer noch in meiner Wohnung war. Seine Drohung war unmissverständlich gewesen, er würde sich an Jamie vergreifen, wenn ich mich nicht auf ihn einließ. Meine Arme schlangen sich fester um ihn, fast glaubte ich, ihn somit und mithilfe meiner guten Gedanken vor allem Bösen beschützen zu können.

„Mommy...du tust mir weh!“, sagte er an mein Ohr, seine brüchige Stimme verriet mir, dass auch er weinte, wahrscheinlich mehr aus Angst als aus Schmerz. Ich ließ von ihm ab, hatte sein geprelltes Schlüsselbein zu fest und unachtsam gegen mich gedrückt. „Entschuldige, Babe...“, flüsterte ich und wischte mir mit zitternden Händen die Tränen aus dem Gesicht. Ich hatte nicht oft in meinem Leben die Nerven verloren, innerhalb weniger Tage war es gleich zweimal passiert. Es half nichts, ich musste mich beruhigen, musste wieder klar im Kopf werden, bevor ich Jamie durch meinen Ausfall in Gefahr brachte.

Ich schniefte, fasste meinen Sohn bei den Händen und sah zu ihm auf. Sein Gesicht über der Halskrause war feuerrot, ungleichmäßige feuchte Schlieren überzogen seine Wangen, einzelne Tränen hingen in seinen Wangen fest.

„Du weinst doch nicht, bloß weil du etwas fallen gelassen hast, oder Mommy?“, fragte er mich, seine braunen, klaren Augen verlangten eindeutig nach der Wahrheit, duldeten kein schonendes Lügenmär, bargen wieder diesen erwachsenen, wissenden Ausdruck, von dem ich gehofft hatte, ihn erst in ein paar Jahren sehen zu müssen. Er war ein Kind und sollte das Recht genießen können, Kind zu sein, erwachsen würde er noch lange genug sein müssen. „Nein“, räumte ich ein, strich mir fahrig einzelne Strähnen aus dem Gesicht und verschmierte die Schokolade, die einzelne Haare miteinander verklebte, „ich hab mich nur sehr erschrocken.“

„Wovor denn?“ Es hätte mir klar sein müssen, dass Jamie nicht einfach so locker lassen würde, nicht nach dem, was er gesehen hatte, wie er mich erlebt hatte. Ich hatte mich ihm gegenüber immer unter Kontrolle, war stets die Gefasste, die Beherrschte. Einen so intensiven Gefühlsausbruch, zudem noch negativer Natur, hatte ich mir in seiner Gegenwart noch nie geleistet. Ich schwieg, wischte mir weiterhin die Tränen und das Blut aus dem Gesicht, hoffte, er würde sich dadurch ablenken lassen, aber mein Sohn war nicht auf den Kopf gefallen, was ich in Situationen wie dieser bedauerte.

„Was hat dich denn so erschreckt?“, wiederholte er, während ich mich schniefend auf die Füße zurückkämpfte. „Ich hab Stimmen gehört...ist jemand hier gewesen?“ Ich schluckte, suchte noch immer nach den richtigen Worten, nach einer Erklärung, die er schlucken würde, ohne dass er sich zu viele Gedanken um diesen Vorfall machte. „Mommy, warum sagst du nichts? Du blutest und du weinst und ich weiß nicht, wieso und...“, seine kindliche Stimme verlor sich in heiserem Krächzen, frische Tränen drohten in seine Augen zu steigen.

„Ich hab mit meinem Handy telefoniert, daher die Stimmen und ich wollte mir gerade ein Glas Wasser einschenken, als ich ein Geräusch gehört hab...ich...Schätzchen, es tut mir leid, dass ich dich erschreckt hab, das wollte ich nicht...ich...bin ein wenig durcheinander. Weißt du, die letzten Tage waren...sehr nervenaufreibend. Erst hat dich Daddy mitgenommen, ohne mir Bescheid zu sagen, dann baut er noch einen Unfall...“, ich atmete lang anhaltend aus und schüttelte den Kopf, „...ich...es tut mir leid.“ Jamie sah mich lange an, ohne etwas zu sagen. Dann fragte er: „Mit wem hast du telefoniert?“

„Was?“ Seine braunen Augen musterten mich hellwach. „Du hast gesagt, du hast telefoniert. Mit wem denn?“

Ich befeuchtete meine Lippen. „Mit einer Kollegin.“

„So spät noch?“ Ich biss mir auf die Zunge. Wenn es mit der Karriere als Pitcher nichts werden sollte, konnte er sich immer noch bei der Polizei bewerben. Die nötige Hartnäckigkeit für den Job hatte er jetzt schon.

„Ja, sie hat Nachtschicht.“

Jamie sah mich skeptisch an, ich konnte von seinem Gesicht ablesen, dass er mir kein Wort glaubte. „Es hat sich aber zu laut für ein Telefonat angehört...und ich hab eine ganz tiefe Stimme gehört. Frauen haben keine so tiefe Stimmen.“ Ich wandte den Blick ab, richtete meine Haare und fühlte mich schlagartig unglaublich erschöpft, die abflauende Angst hatte viel Kraft gekostet, jetzt auch noch mit Jamie zu diskutieren war mehr, als ich mir zumuten konnte.

„Warum lügst du mich an, Mommy?“ Wieder dieser erwachsene Ausdruck in diesen Augen eines Neunjährigen, diese Reife, die in manchen Momenten durchblitzte. Ich fragte mich, wann er mir bereits entglitten war, wann mein kleiner Sohn beschlossen hatte, nicht mehr klein zu sein. „Jamie...“, hob ich an und befeuchtete abermals meine Lippen, war vielmehr darauf konzentriert, zu lauschen, ob ich Schritte im Flur hören konnte, doch nichts Auffälliges wollte sich an meine Ohren drängen. „Mom, ich hab Angst!“, unterbrach er mich, „Du bist so komisch.“ Ich schloss die Augen. Ich hatte auf der ganzen Linie versagt und wenn ich es nicht noch mehr vermasseln wollte, musste ich mich zusammennehmen.

„Ich kann es dir jetzt nicht erklären. Es gibt viele hässliche Sachen, die passieren, und manchmal gerät man in etwas hinein, obwohl man das gar nicht will.“ Ich legte meine Hände auf Jamies schmale Schultern, die sich im Gegensatz zu meinen Fingern angenehm warm anfühlten. Lebendig. „Du musst keine Angst haben. Ich kümmere mich darum und bald ist wieder alles beim Alten. Ich möchte, dass du mir vertraust, Jamie, und dass du auf das hörst, was ich dir sage.“ Seine braunen Augen musterten mich zweifelnd. Dass ich irgendwann meine Autorität ihm gegenüber verlieren würde, war der Lauf der Dinge. Aber nicht heute. Nicht hier.

„Hast du Probleme?“ Ich musste lächeln auf seine Frage hin, zog ihn an mich und raunte ihm zu: „Keine, die sich nicht lösen ließen. Es tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe...aber du musst mir vertrauen...zu deiner eigenen Sicherheit.“ Ich machte eine kleine Pause und murmelte dann: „Vertraust du mir?“ Er sah zu mir auf und nickte nach kurzer Zeit. „Hat das mit dem Mann zu tun, mit dem wir nach Hause gefahren sind? Ich dachte, er wäre cool, aber wenn er dir Ärger macht...“ Ich konnte es nicht fassen, aber Jamie gelang es wirklich, mich zum Lachen zu bringen. Ich schüttelte den Kopf, mehr und mehr Tränen flossen über meine Wangen. Alles fiel von mir ab, Angst, Anspannung, Panik, und löste sich in meinen Tränen auf.

„Nein, Schatz...nein, Mr. Wayne ist denke ich in Ordnung. Ihm gehören schließlich die Goliaths...da muss er doch einer der Guten sein, oder?“

Meine Stimme hörte sich weniger weinerlich an, aber auch nur, weil ich mich anstrengte und im Sekundentakt meinen Pulloverärmel über mein Gesicht wischen ließ, um Blut und Tränen wegzutupfen. Die Angst war da, lauerte immer noch irgendwo in meinem Hinterkopf, aber wieder war es Jamie, der mich festhielt, mein Anker, mein Halt, mein doppelter Boden. Ich wusste, dass das Monster, das mich zum zweiten Mal heimgesucht hatte, vielleicht nicht einmal einen Steinwurf von mir entfernt war, vielleicht sogar immer noch in meinem Apartment verweilte, aber dennoch konnte ich mit Jamie scherzen, mich gemeinsam mit ihm beruhigen. Ich wusste nicht, was ich ohne meinen Sohn getan hätte. Ob ich ihn hätte beschützen können, wenn es sich der Joker gleich anders überlegt und mir hinterher gekommen wäre. Wenn er an uns seine Messer gewetzt hätte. Ich kniff die Augen fest zusammen und atmete zittrig aus.

„Mom, ich muss jetzt aber wirklich mal...“, merkte Jamie leise an. Ich drehte mich zu der Tür um, dachte daran, dass ich sie wie alle anderen Türen sperrangelweit offen gelassen hatte, um sehen zu können, was hinter ihr verborgen lag. Jetzt war sie geschlossen, jetzt verhinderte ein stabiles Brett aus dunkler Eiche, dass ich sehen konnte, ob der unwillkommene Gast noch immer anwesend war oder sich in die Nacht verflüchtigt hatte, die ihn vor langen Jahren geboren hatte. „Ok, mein Schatz...aber...lass mich kurz nachsehen, ja?“

Jamie sah mich beklommen an. „Ist der Jemand noch da, mit dem du geredet hast?“ „Nein, bestimmt nicht...aber lass uns trotzdem leise sein.“ In der Hoffnung, dass ich Recht behalten würde, drehte ich den Türknauf, behielt Jamie auf eine Armlänge in Distanz, um sicherzugehen, dass er im Notfall schnell genug in sein Zimmer laufen und die Tür verbarrikadieren konnte. Der Flur lag still und schattig vor mir, noch immer war es das Licht aus dem Wohnzimmer, das einen schiefen Halbmond auf die Dielen warf. Das kalte Licht aus der Küche gesellte sich dazu und trug sein getupftes Muster zu der Gestaltung des Fußbodens bei. Ich trat mit klopfendem Herzen weiter voran, schob Jamie immer ein Stückchen von mir zurück. Ich öffnete jede Tür, die mir auf dem Weg zur Küche begegnete, stieß sie weit genug auf, um sicherzugehen, dass er sich nicht einfach in ein anderes Zimmer begeben hat.

„War das ein Einbrecher?“, fragte Jamie laut genug, dass ich zusammenzuckte. Ich fertigte ihn mit einem „So ähnlich“ ab und gebot ihm, still zu sein, was ihm bei seinem übermächtigen Harndrang nicht sehr leicht zu fallen schien. „Mom, ich muss wirklich dringend...“, murmelte er, als ich immer noch über den Korridor schlich.

Ein flüchtiger Blick in die Küche bestätigte meine Vermutung, dass der Joker wieder verschwunden war. Jetzt stand das große Küchenfenster weit offen und bot Ausblick auf die Feuerleiter. Darüber war er also irgendwie in meine Wohnung gelangt. Wie aber, bei angelehntem Fenster? Ich beschloss, mir später den Kopf darüber zu zerbrechen und den Moment auszukosten, in dem ich mich sicher vor ihm fühlen konnte. Ich prüfte noch Schlaf- und Wohnzimmer, lugte abschließend ins Bad und gab letztlich Jamie, der schon mit verzogenem Gesicht beständig das Standbein wechselte, den Weg zur Toilette frei.

Ich ging langsamen Schrittes in die Küche zurück. Die Essensreste lagen noch auf der anderen Seite des Tisches, wirkten seltsam künstlich im klinisch weißen Licht der Küchentheke. Mit Wasser verdünnte Blutstropfen säumten meine Spüle und die Arbeitsplatte, befleckten die Arbeitsfläche und den Küchenschrank. Ein lauer, schwüler Nachtwind fuhr mir wenig erfrischend durch die Haare, als ich mich dem Fenster näherte, um es zu schließen. Als ich es zuschob und den Griff herunterdrehte, fiel mir etwas in die Hände. Vor Schreck hätte ich beinahe aufgeschrieen, hatte es nur einem glücklichen Atemzug zu verdanken, dass ich es nicht tat. Mit Müh und Not hatte ich Jamie wieder halbwegs beruhigen können, ich wollte diesen Zustand nicht schon wieder umkehren. Die Hand auf die Brust gepresst, so als würde es mir dabei helfen, mich wieder zusammenzureißen, spähte ich hinab auf die Arbeitsfläche, um in Augenschein zu nehmen, was mir da eben entgegen geflogen gekommen war. Es war eine Spielkarte, auf der mir ein hämisch grinsender Harlekin prangte. Mit einem schwarzen Stift war in schiefen Großbuchstaben darauf geschmiert worden: ‚Frau Doktor hält den hübschen Mund; so schlägt Jamie nicht die letzte Stund’.’

Ich schloss meine Hand um die Karte und sah nach draußen. Die rote, stark angerostete Feuerleiter schimmerte bronzen im kümmerlichen Hauslicht, das nur einen kleinen Radius ausleuchtete. Ich konnte niemanden weit und breit entdecken, aber ich wusste, dass er da draußen war und mich beobachtete. Grinste. Konspirierte.

„Mom?“

Ich fuhr heftig zusammen, zurrte den Vorhang vor das verschlossene Fenster. „J-ja?“ Ich verbarg die Karte in der Tasche meines Pullovers und bemühte mich um Haltung. „Kann ich ein Glas Milch trinken?“ Mit einem bloßen Nicken genehmigte ich ihm das, sah dabei zu, wie er die Flasche aus dem Kühlschrank nahm, an dem sich vor nicht einmal einer halben Stunde noch der Joker persönlich gütlich getan hatte, und sich ein Glas einschenkte. Das kräftige Weiß der frischen Milch füllte die gebrechliche Substanzlosigkeit des Glases aus und ich ahnte, dass auch ich einen Schluck vertragen konnte, bedauerte, dass mit Michael der Scotch mein Apartment verlassen hatte. Aber vielleicht war es besser, in dieser Situation einen klaren Kopf zu bewahren.

„Und Mom?“, fragte er, nachdem er einen ersten großen Schluck genommen und das Glas dadurch zur Hälfte geleert hatte. Ein Milchbart zierte seine Oberlippe, gab ihm das Kindliche zurück, das er kurzzeitig eingebüßt zu haben schien. „Hm?“, machte ich sagenhaft ruhig, während die panischsten Gedanken durch meinen Kopf wirbelten. „Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?“ Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln und nickte dann, worauf er mich umarmte. Zuletzt hatte er in meinem Bett geschlafen, als er sechs Jahre alt gewesen war und einen Alptraum gehabt hatte. Man konnte die jetzige Situation gut und gerne als ähnliche Gegebenheit verbuchen.

Zehn Minuten später lag ich in meinem Bett, starrte an die Wand und lauschte Jamies gleichmäßigem Atem neben mir. Für ihn schienen die ungewöhnlichen Geschehnisse bereits abgehakt zu sein, er frönte süßen Träumen und tiefem Schlaf. Ich aber wurde das Gefühl nicht los, dass jemand über unser beider Grab gelaufen war. Jemand mit braunen Halbschuhen und bunt karierten Kniestrümpfen.

-tbc-



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