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Author of 2 Stories |
A/N: Diese Geschichte spukt nun schon seit Längeren in meinem Kopf herum. Gestern habe ich mich endlich aufgerafft und sie aufgeschrieben. Es ist nicht meine erste Fanfic, allerdings die erste, die ich auch tatsächlich veröffentliche. Wie der Titel vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine Songfic; Lyrics © Snow Patrol und so weiter. Alles andere ist aber von mir. ;)
Oh, und die Hauptperson wird nicht mit Namen genannt, also könnt ihr euch selbst aussuchen, wer sie sein soll.
Set the Fire to the Third Bar
Die Luft, die ihm entgegenschlägt, als er die Tür des kleinen Wirtshauses öffnet, ist warm und riecht nach all den Dingen, die er schon viel zu lange in seinem Leben vermisst. Er hält einen Augenblick inne, beinah überwältigt von der Vielfalt und Intensität der Aromen. Fast scheint es ihm, dass sie zu ihm flüstern, der leise Atem einer verblassenden Erinnerung, und er erzählt von Feierabend und Freundschaft und von Freiheit.
Von einem Leben, das ihm nicht mehr gehört.
Er schüttelt den Kopf, fast unmerklich. Es ist jetzt weit fort, dieses Leben, doch die Gesichter der Menschen, die einst ein Teil davon waren, sind noch immer vertraut in seiner Erinnerung. Manchmal stellt er sich vor, wie es wäre, zu ihnen zurückzukehren, einfach aufzustehen und loszugehen, nicht anzuhalten, nicht zu zögern. Er würde einfach laufen, laufen und laufen, ohne einen Gedanken zu verschwenden an Entfernungen oder Grenzen. Ohne einen Gedanken an den Krieg.
I find a map and draw a straight line
Over rivers, farms, and state lines
Das Heimweh, das ihn plötzlich überkommt, raubt ihm fast den Atem, und der Drang, auf dem Absatz kehrt zu machen, ist so stark, dass er die Bewegung schon halb vollendet hat, bevor er sich wieder in den Griff bekommt. Er blinzelt und ist ein wenig zerstreut, und die Geste seiner Hand, die über seine Augen streicht, fühlt sich ungeschickt an. Solche Gedanken sind albern, närrisch, und dass er sich immer wieder gestattet, ihnen nachzuhängen, macht alles nur schlimmer.
Es ist fort, sagt er sich energisch und merkt, wie sich die Worte anstrengen, ausgesprochen zu werden. Weit, weit fort. Du kannst nicht wieder zurück. Und wie auch? Da ist kein Weg. Es ist dunkel vor deinen Füßen. Du wirst stolpern, wenn du losgehst. Du wirst fallen.
The distance from A to where you'd B
It's only finger-lengths that I see
I touch the place where I'd find your face
My fingers in creases of distant dark places
Genug, denkt er, blinzelt erneut und strafft sich, bevor er einen zögernden Schritt macht und in die Wolke aus Zigarettenrauch eintritt, die über der ganzen Stube zu schweben scheint.
Das Wirtshaus ist gut besucht an diesem Abend. Er muss sich zweimal umsehen, bis er einen freien Tisch entdeckt, ganz hinten in der Ecke, neben dem Kamin. Er steuert darauf zu. Es ist ein guter Platz, denkt er als er sich setzt. Von hier aus hat er alles gut im Blick, ohne selbst in jemandes Blick zu sein.
Aus der Küche wabert ein Dunstgemisch von angebranntem Fett, Braten und glühenden Holzscheiten, der typische Geruch aller Wirtshäuser dieser Art. Wenn er die Augen schließt, ist es wirklich fast wie Zuhause. Nur dass die Bedienung, die nach seinen Wünschen fragt und ob es denn auch etwas zu essen sein dürfte, Deutsch spricht. Er bestellt Bier, während er sich aus seinem Mantel schält und sich den Schnee aus den Haaren wischt.
I hang my coat up in the first bar
There is no peace that I've found so far
Mit nüchternem Interesse lässt er seinen Blick durch die Stube wandern. Am Tisch nebenan sitzt ein kleines Grüppchen fröhlicher Landser, die alle bereits genug Bier getrunken zu haben scheinen, um sich durch die Anwesenheit des Offiziers, der er heute Abend ist, nicht stören zu lassen. Drei junge Luftwaffengefreite besetzen einen Tisch am Fenster, an dessen Scheibe prächtige Eisblumen blühen. Sie trinken Bier, essen Bratkartoffeln mit Speck und werfen immer wieder verstohlene Blicke zu der vollbusigen Kellnerin, die geschäftig durch die Stube wuselt und bedient. Am Tisch neben ihnen hat ein schlecht rasierter Feldwebel mit zerzaustem grauschwarzem Haar gerade die Zeitung aufgeschlagen und mit zusammengekniffenen Augen zu lesen begonnen. Gelegentlich schnippt er Asche von seiner Zigarette. An der Theke sitzt ein weiterer Gefreiter mit bleichem Gesicht und hellbraunem Haar, dessen Blick in unstetem Rhythmus zwischen der Tür des Wirtshauses und dem Ziffernblatt seiner Armbanduhr hin- und her wandert, während er immer wieder nervös an seinem Kragen zupft. Zivilisten sieht er nicht, abgesehen von den kichernden Mädchen, die am Tisch vor der Theke mit zwei Unteroffizieren liebäugeln. Ihr Lachen dringt bis an seine Ohren.
The laughter penetrates my silence
As drunken men find flaws in science
Er mag Wirtshäuser nicht. Lieber trifft er sich irgendwo draußen, im Wald oder in einer leer stehenden Scheune, wo es zwar kalt ist, aber auch still und auf eine eigentümliche Weise besinnlich. Der Sache angemessener, wie er findet. Es ist ein neues Leben. Eines, in dem kein Platz sein sollte für Erinnerungen an das alte, auch wenn sie noch so verschwommen sind. Wie soll er dagegen ankommen, hier, wo ihn alles an Zuhause erinnert? Wo seine Konzentration nur ein wenig nachlassen muss, damit es real wird?
Er kann beinah sehen, wie er dasäße, mit glasigem Blick und leerem Gesicht, weil sich das Bild vor seinen Augen plötzlich gewandelt hat und die fremden Menschen verschwunden sind, ihre Gesichtszüge verlaufen in denen seiner Familie und Freunde, und die vertrauten Stimmen übertönen alles, übertönen die Stimme der Vernunft in seinem Kopf.
Their words mostly noises
Ghosts with just voices
Für gewöhnlich vermeidet er es, daran zu denken, an all die Hoffnung und Zuversicht, die ihn damals erfüllt aben, an seinen unerschütterlichen Glauben an die Menschen um ihn herum, und vor allem an das Gefühl, das wunderbare, alles durchdringende Gefühl, dass er weiß, wohin er gehört.
Zu Ihr.
Er schluckt hart, um sich gegen den Erinnerungsstrom zu wehren, der wie eine Welle über ihn hereinbricht und ihn mitzureißen droht, doch es ist längst zu spät. Mit einem Mal ist Ihr Bild in seinem Kopf. Ihre Augen, tief wie Teiche, Ihr Lächeln. Er glaubt sogar, Ihre Stimme zu hören, tröstend und leise, und sie ruft seinen Namen, ruft ihn nach Haus.
Your words in my memory
Are like music to me
Er denkt nicht mehr oft an Sie. Fast nie. Mit der Zeit hat er gelernt, die Erinnerungen fernzuhalten, weil er weiß, dass es weniger weh tut, wenn er nicht zurückdenkt an das, was er einst hatte. Es ist eine Sache der Gewohnheit, und er hat es perfektioniert.
Nur manchmal kommt sie noch über ihn, ganz unvermittelt und ohne Warnung, die Erinnerung an die Frau, die er liebt. In den langen kalten Nächten, wenn der Wind draußen über den Hof fegt und an den Fensterläden rüttelt. Wenn alle anderen schlafen und er den Gedanken nicht mehr erträgt, vielleicht nie mehr nach Hause zu kommen.
Wenn er dann die Augen schließt und alles um sich herum vergisst, kann er Sie neben sich spüren, und er liegt in Ihren Armen, sicher und geborgen, und weiß, dass er Ihr niemals näher gewesen ist als in seinen Träumen. Alles ist so viel intensiver: Ihre Hand in seinem Haar, Ihr warmer Atem, der federleicht über seine Wange streicht, Ihre leise Stimme, die beruhigende Worte in sein Ohr flüstert und verspricht, ihn zu lieben, zu lieben bis zum Tage Ihres Todes und noch darüber hinaus. Und er liegt neben Ihr und lässt sich treiben, solange bis der Morgen dämmert und das erste Licht des neuen Tages Ihre Gestalt neben ihm langsam verblassen lässt. Dann ist er wieder allein, und die Kälte kommt zurück und kriecht ihm unter die Haut, lässt ihn zittern und frieren. Er vermisst Sie nun umso mehr, vermisst Sie, dass es körperlich wehtut. Und wünscht sich, er wäre nie aufgewacht.
I'm miles from where you are,
I lay down on the cold ground
And I, I pray that something picks me up
And sets me down in your warm arms
Die Bedienung kommt zurück und bringt ihm seine Bestellung. Er nimmt sofort einen großen Schluck. Deutsches Bier ist gut, herb und kräftig im Geschmack, und dieses ist keine Ausnahme. Es holt ihn zurück in die Gegenwart, lässt ihn wie einen Erwachenden die Augen reiben, bis die Bilder in seinem Kopf langsam zu verblassen beginnen und der nächste Schluck aus dem Glas auch die letzten Erinnerungsfetzten wieder fortspült.
Er denkt an seinen Auftrag. Der Kontaktmann, den der Untergrund schicken will, soll ihm einige Fotographien der Enzian Flugabwehrrakete übergeben, die zur Zeit in Peenemünde-West, der Erprobungsstelle der Luftwaffe, getestet wird. Es sind wichtige Informationen, doch er kann sich im Augenblick nicht recht auf sie konzentrieren. Und eigentlich glaubt er ohnehin nicht mehr, dass es eine Rolle spielt. Gesprengte Brücken, entgleiste Züge, zerstörte Fabriken – nur Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn es wirklich etwas ausmachen würde, warum ist er dann immer noch hier?
Früher war es anders. Früher hat er daran gelaubt, an die Sache, an den Unterschied, den er machen könnte, wenn er bleibt. Er hat ihr sogar einen Brief geschrieben, damals, als er noch dumm und naiv genug gewesen war, um an Pflicht zu glauben. Es war ein langer Brief, voller Behauptungen und Versprechen, die er nicht eingehalten hat. Hatte er wirklich erwartet, sie würde ihm antworten?
Ja, denkt er, früher war es anders. Er war anders.
Manchmal hofft er im Stillen, dass es einfach aufhört. Eine Hand auf seinem Arm, ein strenges Gesicht, eine Gestalt in einem schwarzen Mantel. Kein Entkommen. Irgendwann muss auch ihn das Glück einmal verlassen. Und dann? Er weiß, was danach kommt. Er hat es sich viele Male vorgestellt, heimlich, still, im hintersten Winkel seines Bewusstseins, weil er es nicht ertragen könnte, die sorgenvollen Blicke der anderen auf sich gerichtet zu spüren, wenn sie das Spiegelbild seiner Gedanken auf seinem Gesicht sähen. Folter und Tod. Es fällt ihm immer schwerer, sich davor zu fürchten.
Was würde er geben für eine dunkle Zelle irgendwo unter der Erde, mit einer harten Pritsche und Wänden kalt wie die Nacht. Dort könnte er sich zusammenrollen und die Augen schließen und die Dinge ruhen lassen. Keine Fragen, keine Zweifel. Das Ende ist gewiss. Dann würde Sie kommen, lautlos und anmutig in der Dunkelheit, und ihn wieder in die Arme schließen, und Ihre Gestalt vor seinen Augen würde deutlicher sein als jemals zuvor. Wenn er erst sterben muss um Sie wiederzusehen, dann ist er bereit, diesen Preis zu zahlen.
After I have travelled so far
We'd set the fire to the third bar
We'd share each other like an island
Until exhausted close our eyelids
Im Grunde seines Herzen schämt er sich für diese Gedanken, schämt sich, weil er weiß, dass er die anderen damit verrät. Was würden sie sagen, wenn sie wüssten, dass er daran denkt, sie im Stich zu lassen? Was würden sie sagen, wenn sie wüssten, dass er sie nur noch „die anderen" nennt?
Manchmal erkennt er sich selbst nicht wieder. Das Gesicht, das er sieht, wenn er morgens in den Spiegel blickt, ist noch immer sein eigenes, aber es ist ihm so fremd geworden, dass er mehrmals hinschauen muss, nur um sicherzugehen, denn wie kann dieses Gesicht, dieses leere, graue Gesicht mit den müden Augen, tatsächlich dasselbe sein, das einst so viel Glück und Lebensfreude ausgestrahlt hat? Wie kann die raue Wange, die sich unter seinen Fingern anfühlt wie altes Pergament, dieselbe Wange sein, die Sie einst gestreichelt hat? Wie können seine spröden trockenen Lippen dieselben Lippen sein, die Sie geküsst hat? Und wie konnten diese Lippen die heiligen drei Worte formen, ohne sie mit ihrer Rohheit, ihrer Gefühllosigkeit zu zerbrechen?
Die Antworten auf diese Fragen kennt er nicht. Er will sie auch nicht kennen, will nicht wissen, welcher Schritt seines Weges ihn so weit von Zuhause fortgetragen hat, dass er jetzt nicht mehr weiß, wie er zurück kommen soll. Er hat sich verirrt, verirrt im Wald des Lebens, in dem die Bäume so dicht stehen und in dem es kalt und dunkel ist.
Er stellt sich vor, wie er die Zeit zurückdreht. Es gibt so vieles, das er bereut, Dinge, die er getan hat, doch vor allem Dinge, die er nicht getan hat. Er stellt sich vor, wie er an seinen Scheideweg zurückkehrt und die andere Richtung einschlägt. Stellt sich vor, wie sie dort steht und auf ihn wartet.
And dreaming pick up from
The last place we left off
Your soft skin is weeping
A joy you can't keep in
Er ist müde. Die Erschöpfung umgibt ihn wie ein Schleier und er sehnt sich danach, die Augen zu schließen und sich eine Weile auszuruhen. Das Zwielicht ruft ihn zu sich, lockt ihn mit einer Stimme, die ihm so vertraut ist wie seine eigene. Dahin gehört er nun, in die Dämmerung, in das Graue, das weder Tag noch Nacht ist, und wo die Zeit stillzustehen scheint. Dort findet er Ruhe und Frieden, denn niemand verlangt von ihm, dass er Antworten hat. Er muss nicht wissen, wer er ist, wenn er sich dorthin geflohen hat, er kann weiter auf der Linie balancieren ohne sich je für eine Seite zu entscheiden.
Er wird Sie nicht wiedersehen. Der Gedanke tritt in sein Bewusstsein, so klar, so deutlich wie nie zuvor, er füllt seine Seele, sein ganzes Wesen und drängt alles andere in den Hintergrund. Es ist nur noch Platz für eine einzige Empfindung und sie überrascht ihn. Da ist keine Verzweiflung mehr, kein Schmerz, keine Reue, nur eine stille Bitterkeit, die seinen Geist erfasst und ihn in leichten Schlummer wiegt, wie ein weinendes Kind, das im Schlaf endlich zur Ruhe kommt.
Er wird Sie nicht wiedersehen. Selbst wenn der Krieg morgen vorbei ist und er noch lebt, selbst wenn er den Mut findet, noch einmal Hoffnung zu haben – seine Rolle in Ihrem Leben spielt jetzt jemand anderes. Es war nicht fair, von Ihr zu erwarten, dass Sie auf ihn wartet, dass Sie Ihr Leben anhält, währernd er fortgeht um Krieg zu spielen. Er wünscht sich, dass Sie glücklich ist, dass Sie all das gefunden hat, was er Ihr nie geben konnte. Er wünscht sich, dass Sie ihn vergessen hat.
Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Sein Kontaktmann ist seit einer Stunde überfällig. Länger kann er nicht auf ihn warten. Der Auftrag ist fehlgeschlagen. Sie müssen es an einem anderen Abend erneut versuchen.
Er winkt die Bedienung heran, stürzt den letzten Rest Bier hinunter und bezahlt.
Das Zwielicht ist nicht Zuhause. Sein Platz in der Welt ist ein anderer, ein kälterer, einsamerer Platz, wie die Spitze eines Eisbergs, der aus dem ewig ruhelosen Meer empor ragt und jede seiner Bewegungen nachahmen muss um nicht unterzugehen. Er hat ihn selbst gewählt, hat sich selbst in die Verbannung geschickt, und es ist zwecklos, sich dagegen zu wehren. Wenn man es akzeptiert, ist es nicht mehr so schlimm.
Er steht auf und nimmt seinen Mantel. Ohne einen Blick zurück verlässt er das Wirtshaus.
Die Tür fällt leise hinter ihm ins Schloss.
I'm miles from where you are,
I lay down on the cold ground
And I, I pray that something picks me up
And sets me down in your warm arms