
Sequel One-Shot to Baby Love: Ein bisschen Weihnachtsfeeling für alle, die es gar nicht mehr abwarten können, bis wieder überall Lichter funkeln, Geruch von Spekulatius in der Luft liegt und an jeder Straßenecke Wham's "Last Christmas" gespielt wird.
Rated: Fiction K - German - Romance/Humor - Margarethe H./Gretchen & Marc M. - Words: 5,934 - Favs: 1 - Published: 09-15-11 - Status: Complete - id: 7383535
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A+ A- |
Disclaimer:
Ich borge mir nur die Charaktere, sonst nichts. Idee, Entwurf und fertige Geschichte gehören mir. Fehler, können passieren, selbst der unglaublichen Beta-Leserin, Amira.
Titel: A Christmas Carol
Genre: Humor, Romanze,
Rating: P6
Original Writing: 18. November 2010
Original Air-Date: 15. September 2011
a/n: Es ist nicht zwingend notwendig, die Multichapter-Story Baby Love gelesen zu haben, da dies hier eine eigene abgeschlossene Geschichte ist, doch um zu verstehen, warum Dr. Kaan auf einmal eine zweite Tochter hat, Anna und Lily zurück sind, oder überhaupt Marc und Gretchen zusammen sind, sollte sich die Geschichte davor wirklich ansehen.
Die Tochter von Maria heißt eigentlich nicht Moira, ich weiß! Wer aber einmal auf das erste Verfassungsdatum schaut: Da war der Name von ihrer Tochter noch nicht bekannt, außerdem hasse ich den Namen Melanie, wer dies also als Kritikpunkt in seinem Kommentar angibt, dem muss ich vorab schon sagen: Soviel Eigeninitiative müsst ihr einem Autor schon lassen!
Ich hoffe es gefällt. Viel Spaß:
Something About Christmastime (Bryan Adams)
Doktor Marc Meier fühlte sich sehr unwohl.
Der feste Rauschebart kratzte furchtbar auf seinen makellos frisch rasierten Wangen.
Diese gummierte Knollnase, die man ihm aufgeschwatzt hatte, stank zehn Meilen gegen den Wind und aus den Augen konnte er das grauenhafte Gesamtbild, was er vermutete im roten Nikki-Anzug abzugeben, im Spiegel kaum noch betrachten, weil diese flauschige Perücke aus weißem Engelshaar ihm die Sicht fast gänzlich versperrte.
„Halt doch still, Marc", lachte seine Freundin hinter ihm, als diese auf einen Hocker geklettert war, um ihm den letzten Schliff zu verpassen: eine passende Zipfelmütze.
Er war doch tatsächlich zum Weihnachtsmann mutiert.
„Du siehst ja gar nichts", Gretchen schaute ihn durch den Spiegel grinsend an, ehe sie ihm ein paar weiße Löckchen aus der Stirn streifte.
Als er eben noch nach dem ersehnten Lichtblick hinter all dem Weiß gerungen hatte, wünschte er nun, dass er wieder weniger sah – zumindest weniger von dem Spiegelbild, das ihn unverwandt musterte.
Ein frustriertes Brummen entwich seinen Lungen, als Gretchen sich neben ihn stellte.
In einem knappen grünen Rock, rot-grün gestreifter Strumpfhose und einem engen Oberteil in Rot sah sie nicht nur verboten sexy aus, sondern auch verboten auffallend unlustig und damit Weihnachts-Porno reif – und damit im absoluten Kontrast zu ihm.
Er wünschte sich im Moment nichts sehnlicher als mit Eierstöcken auf die Welt gekommen zu sein.
Ja – wirklich. Marc wünschte sich nichts sehnlicher auf der Welt als in dem Moment nicht er selbst zu sein.
„Wir sehen gar nicht mal so schlecht aus, was?", sie sah ihn von unten herauf verschmitzt an und ihre blauen Augen funkelten wie tausend glitzernde Sterne.
Ja – es war amtlich. Dieses Kostüm hatte ihm sämtlichen Verstand geraubt.
Funkelten wie tausend glitzernde Sterne, er war doch bekloppt – und verknallt wie ein hormongesteuerter Teenager.
„Wir sehen wie aus einem schlechten Horror-Weihnachtsfilm aus. Tim Burton würde uns noch nicht mal mit dem Arsch an..."
„Na, na, na...", Frau Doktor Hassmann kam in diesem Augenblick gerade in den Umkleideraum hereingeschneit. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf ihren Haaren hatten sich dicke weiße Schneeflocken verfangen.
„Lachen, Herr Doktor", sie selbst lächelte kurz und zeigte ihm mit ihrem Zeigefinger die entstandenen Grübchen.
Abermals brummelte Marc nur vor sich her. Es war keine gute Idee, denn jedes Mal, wenn er das tat, vibrierte sein ganzes eingepacktes Gesicht mit.
„Frau Doktor Haase, die Geschenke sind noch in meinem Auto, schnappen Sie sich die Frau vom Kaan und bringen Sie die doch schon mal ins Auditorium", zur Bestätigung warf Maria Gretchen die Schlüssel zu, ehe sie sich zu ihrem Spind drehte und ablegte.
„Kommst du hier allein klar, Marc", die blonde Frau wandte sich zu ihrem Freund um.
Auch noch drei Monate, nachdem sie nach Jahrzehnten zusammen gekommen waren, hörte es sich für Gretchen ungewohnt und neu an, Marc Meier als ihren festen Freund, als ihren festen Lebensabschnittspartner zu bezeichnen – selbst in ihren eigenen Gedanken.
„Sollte er den Drang nach Sex verspüren – ich bin ja auch noch da!"
Synchron drehten sich Marc und Gretchen zu Maria um und schallten wie aus einem Mund: „Frau Doktor Hassmann!"
Als Gretchen noch nicht mal zwei ganze Schritte in den Korridor gesetzt hatte, kam der Weihnachtsmann noch einmal hinter her.
„Du... Gretchen", er räusperte sich umständlich und griff ganz unbewusst nach dem kleinen Kästchen in seiner Hosentasche.
Sie biss sich unverwandt auf die Unterlippe, als sie ihn anschaute und sie in seinem Blick mehr lesen konnte, als eine ganze Enzyklopädie je erschließen würde.
Ohne große Umschweife lehnte sie sich ein Stück weiter nach vorne und berührte federleicht durch all die Lagen vom fluffigen Bart seine Lippen.
Gerade als Marc sie näher an sich ziehen wollte, um noch ein bisschen mehr von diesem Kuss zu haben, erschallte die zeternde Stimme von Maria aus dem Raum nebenan:
„Die Kids wollen heute noch ihre Geschenke bekommen, Frau Doktor Haase!"
Gretchen seufzte tief und rollte ungeniert die Augen: „Ja-ha", flötete sie selig, als sie sich umdrehte, um nun endlich die aufoktroyierte Aufgabe von der brünetten Neurochirurgin auszuführen.
„Na, mein Schatz", Anna Kaan beugte sich über Gwendolyn und streichelte ihr vorsichtig über die Stirn. Das Baby lachte und Mehdi schaute Lily mit rollenden Augen an, aber ein breites Grinsen zierte seine Lippen.
„Mama", quengelte Lili. „Gwenny ist doch keine Katze, also red' doch mit ihr nicht so!", schallt Lily ihre Mutter, die sich nur teilnahmslos umdrehte und ihrer eigenen Tochter die Zunge rausstreckte.
Im Türrahmen stand Gretchen und räusperte sich umständlich.
„Entschuldigung", brach sie die Stille und alle drei drehten sich zu ihr um.
„Gretchen?", Lily lief auf sie zu und umarmte die Blonde fest und zog sie dann ins Zimmer:
„Schau mal, Gwenny ist schon wieder einen ganzen Zentimeter gewachsen", erzählte Lily stolz und Gretchen musste erstaunt feststellen, dass Lily die Rolle der großen Schwester maßgeschneidert worden war. Sie konnte stundenlang über Kleinigkeiten, die eigentlich alle Babys veranstalteten, reden und analysieren und wusste vermutlich über Kinderkrankheiten sehr viel mehr Bescheid, als ihr Papa oder ihre Mama.
„Ja, das ist unglaublich", bestätigte die Assistenzärztin enthusiastisch und gab Mehdi einen flehenden Blick. Obwohl ihre biologische Uhr zu ticken begann, zumindest redeten ihr das alle Frauen in ihrer Umgebung erfolgreich ein, war sie der Aufgabe einfach nicht gewachsen, mit Kindern umzugehen, geschweige eigene aufzuziehen und ihnen moralische Werte zu vermitteln – geschweige die Liebe ihres Lebens Marc.
Es würden Androiden-Kinder werden? Ein Junge, der rund und etwas zu dick sein würde, aber sehr lieb und ein Mädchen, das sich im pubertären Alter von Jungs umgraben lassen würde.
Gretchen schob den Gedanken in weite Ferne.
Kinder? Ja?
Wann? Definitiv noch nicht sehr bald.
„Anna, haben Sie Zeit, mir beim Ausräumen der Geschenke zu helfen? Frau Doktor Hassmann hat diese undankbare Aufgabe auf mich abgewälzt und ich könnte..."
„Geschenke?", fragte Lily mit großen glänzenden Augen, das ein Stichwort für Mehdi war:
„Lily-Maus, wollen wir nicht schon mal mit Gwenny zusammen uns gute Plätze aussuchen gehen?"
Noch bevor Lily ein „nein, ich will lieber Geschenke gucken", aussprechen konnte, hatte Mehdi als erster Multitasking ausführender Mann, Lily an die eine Hand genommen, sich den Babykorb in die andere von Anna geben lassen und dieser dann einen leichten Kuss auf die Wange gedrückt.
Gretchen guckte peinlich berührt weg.
Auf dem Weg zu Marias Auto herrschte beträchtliches Schweigen zwischen Anna und Gretchen. Sie hatten nichts gegen einander, aber dennoch konnte Gretchen ihrer ehemaligen Ex-Konkurrentin nicht in die Augen blicken, ohne dabei rot anzulaufen, weil die Situation einfach so grotesk war.
Sie seufzte, als sie durch den Schnee stapften und den schon wieder leicht eingeschneiten silbernen VW Passat der Neurochirurgin erreichten.
„Gucken Sie mal, Gretchen", sagte Anna besorgt, als im Innenraum des Wagens noch Licht brannte und man schemenhaft eine Person auf dem Beifahrersitz ausmachen konnte.
Entgegen des gesunden Menschenverstandes, ging Gretchen direkt weiter auf das Auto zu und wischte den Schnee von dem Fenster.
Sie hatte sich so furchtbar erschreckt, als der Passagier innen „Buh" gerufen und eine grässliche Fratze verzogen hatte, dass sie zurück in den weichen Schnee plumpste.
„Alles okay?", Die bald-immer-noch-Frau von Mehdi streckte Gretchen freundlich die Hand aus und half dieser wieder auf die Beine.
Die Beifahrertür öffnete sich und ein vierzehnjähriges Ebenbild von Maria Hassmann schaute durch eine stylische Brille die beiden Mittdreißiger unverwandt an: „Sie sind die Packesel?"
Gretchen klopfte sich den Schnee von ihrem Rock und sprach in Gedanken tausende Flüche aus. Die vermeintliche Tochter der Hassmann war ja noch schlimmer als das Original, mit dem sie, also Gretchen, sich tagtäglich rumschlagen musste.
„Ja, ich denke, so kann man das nennen", sagte Anna leichthin und hatte ein sanftes Lächeln auf den Lippen.
Die hatte Nerven. Die war ja auch nicht hingefallen und hat sich mal wieder zur Lachnummer der Nation gemacht, Gretchen kräuselte ihre Nase.
„Wonderful. Real' now? The klutzy lovey-dovey bride and the so well known bitch-mother, who kidnapped his own child?"
Gretchen blieb der Mund offen stehen. Sie hoffte wirklich, dass Anna kein Englisch verstand. So wie sie grinste, ging Gretchen glücklicherweise davon aus. Anna hatte einfach viel mehr Temperament und was ihren alten Job anging, war sie sicher auch nicht gerade zimperlich, auszurasten, wenn sie beleidigt worden war.
Doch abermals zu Gretchens Verwunderung sprach Anna in fließendem Englisch:
„And I'm so grateful to meet you, too, little miss Punkness. Your mother mentioned you once, or twice. Did ya' really wet ya bed till ya' were seven? It is really sweet to know something so personal 'bout ya, isn't it, Gretchen?"
Gretchen schaute ein bisschen doof drein und antwortete mit einem simplen: „Yes!"
Okay, Nutte, Edelnutte, oder nicht. Anna schien sehr viel besser die englische Sprache zu beherrschen, als Gretchen selbst, die eigentlich nur Latein gut konnte. Wie innovativ, wo besagte Sprache doch schon seit Jahrhunderten ausgestorben war!
Die Tochter von Maria war peinlich berührt angelaufen und hatte dickfällig die Tür wieder geschlossen.
Mehrfach hatten Gretchen und Anna laufen müssen, bis sämtliche Geschenke von Rückbank und Kofferraum im Auditorium unter den Weihnachtsbaum gelegt waren.Während Anna jedoch bei der letzten Fuhre einfach ging, marschierte Gretchen noch einmal zu Marias Tochter und öffnete die Tür: „Willst du hier den ganzen Abend draußen sitzen bleiben?"
Das Mädchen verschränkte nur ihre Arme vor der Brust.
Gretchen seufzte abermals: „Ich denke, deine Mama hätte dich schon gern heute an Heiligabend dabei und keine erfrorene Leiche in ein paar Stunden in ihrem Wagen sitzen. Außerdem ist es unverantwortlich, schließlich ist es auch schon dunkel... und so", endete Gretchen lahm. Was konnte man einem aufsässigen Teenager denn bitteschön auch sagen?
Anna rief nach Gretchen: „Ich komme gleich, Anna", entgegnete diese zurück und senkte sich dann in die Hocke.
„Also ich bin Gretchen, und wie heißt du?", fragte sie vorsichtig.
Sie wollte nicht, dass zwischen Maria und ihrer Tochter am Weihnachtsabend Funkstille herrschte. Sie konnte sich dunkel daran erinnern, dass ihr etwas Ähnliches einmal mit ihrer Mutter passiert war, allerdings war es Geburtstag, so dachte sie zumindest. Es war ja auch egal. Was auch immer die kleine Streiterei zwischen der Neurochirurgin und ihrer Tochter war, konnte niemals so schlimm sein, hier allein draußen sitzen bleiben zu wollen – hoffte zumindest Gretchen.
„Moira, Moira Hassmann", erwiderte das braunhaarige Mädchen schon etwas aufgetauter.
„Hübsch", sagte Gretchen schlicht, konnte sich ein Grinsen allerdings nicht verkneifen, da die Namensähnlichkeit einfach wieder so für die so resolut wirkende Maria sprach.
„Na komm", sagte Gretchen und Moira schnallte sich ab.
„Ich bin ja so aufgeregt, Jochen." Seine Mutter zitterte ein bisschen als sie hinter den dunkelroten Vorhang lugte und die vielen Menschenmassen beobachtete, die sich alle auf die bereitgestellten Plätze setzten.
Doch Jochen selber war nicht minder kribbelig.
Es war das erste große Projekt seiner Mutter, das sie als neue Grand Dame der Charity-Galas auf die Beine gestellt hatte. Nicht nur einfach eine Weihnachtsfeier für das Krankenhaus. Sondern eine Weihnachtsfeier und Spendengala für und von Groß und Klein.
Zuerst würden Kinder und gewachsene Kinder einstudierte Theaterstücke aufführen. Kinder, die nicht körperlich eingeschenkt waren, würden danach talentierte Kunststücke aufführen, singen, tanzen, und damit ein schönes Weihnachten erleben, auch wenn sie im Krankenhaus sein mussten. Seine Mutter und Jochen (sie hatte gewinselt und gebettelt und seine verräterische Freundin hatte ebenfalls zu seiner Mutter gehalten und mit gebettelt) würden durch diesen Abend führen.
Nicht zuletzt würde auch ein B-Promi vorbeischauen, niemand Anderes als die grandiose Schriftstellerin: Elke Fischer!
Es war die einzige Person, die man auftreiben konnte und dank Emanuels gutem Einfluss auch kein Geld für ihren Auftritt verlangte. Mehdi, Frau Doktor Hassmann und Sabine waren als Jury verpflichtet worden, denn es gab natürlich für die Kinder auch etwas zu gewinnen: Der erste Platz dürfte zuerst auf den Schoß des Weihnachtsmannes, um sein Geschenk abzuholen.
Und Jochen freute sich schon fast diebisch darüber, dass er nur „Moderator" spielte, und nicht in der Haut seines Schwagers in Spe stecken musste.
Allerdings trübte auch ein Gedanke seine Festtagesstimmung: Seine Freundin würde nicht hier sein.
Mit fast zwanzig Minuten Verspätung wurde um kurz vor halb neun das Auditorium abgedunkelt und Bärbel erschien in einem eleganten dunkelgrünen Kleid auf dem erhobenen Podest, auf dem ein großer, wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum, ein Flügel und ein purpurfarbener Stuhl in Form eines Throns standen.
Alle Plätze waren gefüllt und mindestens noch mal so viele Personen standen oder saßen auf dem Boden rum.
Tiefdurchatmend führte sie das Mikrofon zum Mund:
„Guten Abend, meine Damen, meine Herren, liebe Kinder..."
„Guten Abend, liebe Gemeinde hast du vergessen", Jochen kam jetzt ebenfalls hinter dem Vorhang heraus und die Menge lachte.
Er war in eine grüne Stoffhose und rotes Sakko gesteckt worden. Auch das hatte er seiner Freundin zu verdanken, die die Kostüme bzw. Garderoben mit seiner Mutter ausgewählt hatte.
„Ja", fuhr Bärbel strahlend fort, „ich darf sie herzlich zu unser ersten Charity-Weihnachts-Gala willkommen heißen."
„Hei, yo, Kiddies, das ist eure Weihnachtsparty", übersetzte Jochen so, wie es geplant war.
„Wir, mein Sohn und ich", sie zog ihn spielerisch an den eh zu langen Ohren „werden sie heute durch das Programm führen und wünschen Ihnen direkt mit der Weihnachtsgeschichte sehr viel Spaß."
„Sie sind wirklich sehr gut", lobte Gretchen als sie von der Seite zuschaute, wie die Weihnachtsgeschichte nachgespielt wurde und sich die restlichen Kinder im angrenzenden Flur und Umkleideraum für ihre eigenen Auftritte vorbereiteten.
„Jetzt steck deinen Kopf nicht zu weit raus, sonst sieht dich da noch einer", hielt sie Marc zurück. Er hatte sich der Gumminase entledigt – zumindest bis zu seinem Auftritt, dann musste er dieses stinkende Etwas wieder aufsetzen.
Gretchen grinste ihn wissend an: „Ich weiß genau, dass du auch aufgeregt bist, musst du gar nicht so herunterspielen!"
Marc guckte sie ernst an: „Hasenzahn, du bewegst dich gerade auf sehr dünnem Eis. Ich bin wegen so einem Kinderkram doch nicht aufgeregt!", sagte er fest.
Gretchen zog die Lippen zusammen und nickte ironisch im Takt zu Marcs Herzschlag.
In einer fließenden Bewegung zog er Gretchen zu sich heran und presste sie mit seinem Gewicht gegen die nächste freie Wand.
„Wir sind heute aber sehr aufmüpfig!", raunte er nahe an ihrem Ohr und biss ihr zaghaft in die Stelle, an der sich ihr Hals mit der Schulter verband. Er hatte früh in ihrer Beziehung bemerkt, dass es eine unheimlich empfindsame Stelle war, und nutzte dies bei jeder Gelegenheit schamlos aus.
„M-Marc", stammelte sie keuchend, als nach seinem Biss das geschundene Stigma von seiner Zunge besänftigt wurde.
„Um Gottes Willen, hör auf damit, du kannst mir unmöglich einen Knutschfleck machen", wehrte sie sich verbal. Doch ihr Körper war ihm in jeder Hinsicht verfallen. Marc konnte einfach Dinge, die kein anderer Mann vor ihm mit ihr angestellt hatte. Angefangen bei einer einfachen Berührung ihrer beiden Hände bis hin zum...
Sie stöhne erschöpft auf, als ein Vorstoß seiner Hüfte ihr jegliches Denken aus dem Kopf in ihren Unterleib drückte. Und da hatte sie immer erzählt, Männer waren schwanzgesteuert.
Sie war es auch!
„Du hast die Wahl: Ein Knutschfleck auf deinen heute Abend freiliegenden Schultern, oder ein fixer Quickie – beides ist unheimlich heiß. Wenn absolut alle Leute da draußen sehen, dass du mir gehörst, ist das fast genauso antörnend, wie wenn ich dich hier durchvögeln würde und jeden Moment jemand reinkommen könnte!"
Ein erstickter Schrei formte sich auf ihren Lippen, als Marc seine beiden Hände nur ein kleines Stück unter ihre rote Bluse schob und mit seinen Daumen über ihre Taille streichelte.
„Was machen die denn da?", fragte ein Mädchen im Alter von gerade mal höchstens sechs Jahren die im Türrahmen stehen geblieben war.
Ein Junge, vielleicht nicht mal ganz zehn Jahre alt, der vorbeikam rümpfte die Nase:
„Die machen Sex."
„Ich bin auch bald sechs", sagte das Mädchen freundlich und winkte den erstarrten Erwachsenen zu.
Der Junge schüttelte den Kopf und das Mädchen zog sich ihr Steppkostüm an.
Während Gretchen die Farbe einer überreifen Tomate angenommen hatte, sah Marc dem Schnee draußen ähnlicher, als es gesund war.
Er räusperte sich umständlich, als er sich einen sehr großen Schritt von ihr entfernte. Sicher, war nun mal sicher.
Auch Gretchen fummelte sich verlegen durch ihre Haare.
Frau Doktor Hassmann kam geschwind zur Tür herein:
„Sie können hier nicht wie zwei Sexsüchtige rummachen!", sie bemühte sich so leise wie möglich zu schreien, was einen gefährlichen Schlangenton mitbrachte.
„Hier sind überall Kinder! Reißen Sie sich gefälligst zusammen. Ich oder Doktor Kaan schaffen das doch auch!"
„Gut, Doktor Kaan reißt sich zusammen, du hingegen hast ja niemanden, mit dem du dich in der Horizontalen vergnügen könntest, Mama", kam Moira hinter ihrer Mutter zur Tür herein und setzte sich lustlos auf einen Stuhl und legte ihre Beine auf zwei weitere.
Maria war kurz vorm Platzen und wollte gerade beginnen, allen dreien, Marc, Margarethe und Moira einen gehörigen Benimm-Kurs zu erläutern, als es draußen wie wild applaudierte und der erste Akt der Weihnachtsgeschichte beendet worden war.
Die perfekte Ablenkung, als alle Kinder von der Bühne hineingestürmt kamen, drückte Marc Gretchen ganz schnell einen Kuss auf die Wange.
Nach der zweiten Hälfte des Theaterstücks und unzähligen Jongleuren, Akrobaten, Stepptänzern, Comedians, Sängern, Instrumentenspielern, Pantomimen, verpatzten Vorführungen und Sticheleien seitens Frau Dr. Hassmann als Jurymitglied gegen ihren Mitjuroren Mehdi, weil er einfach alle Kinder, ob alt, jung, gut oder schlecht, immer lobte und ihre Darbietungen laut applaudierte, später, war es an der Zeit für besagtes Gremium von allen Kindern den besten auszusuchen, was für eine längere Pause sorgte, in der sich am Büfett gelabt werden konnte.
„Oh Gott", stöhnte Marc, als sich wieder ein leicht flaues Ziehen in seinem Magen ausbreitete, als er nur daran dachte, bald in diesem Affenaufzug dort vorne auf der Bühne zu stehen und jedem einzelnen Kind das richtige Geschenk zuzuordnen. Also Gretchen musste es raussuchen, aber er musste so tun, als ob er wie der Weihnachtsmann einfach genau wüsste, was sich die Kinder gewünscht hatten. Es war unheimlich aufwändig gewesen all die Geschenkwünsche in einer Woche mit passendem Namen zu erlernen und er dankte Gretchen für ihre unglaublich gute Idee der Belohnung, wenn er beim Abfragen die richtige Kombination genannt hatte. Er erinnerte sich gern an die letzten Abende zurück, an denen er wirklich hart gearbeitet hatte, damit besagte Belohnung noch besser ausfallen sollte. Wäre er ein Hund, würde er jetzt vermutlich die Zunge raushängen lassen, sabbern und mit dem Schwanz wedeln.
„Also doch aufgeregt", lachte Gretchen, die mit Jochen im Schlepptau Marc einen alkoholfreien Punsch in die Hand drückte.
„Sei froh, dass ich das überhaupt mache", rechtfertigte er sich und schaute ein bisschen skeptisch Jochen an, der die ganze Zeit mit seinem Handy herumfummelte.
„Du-hu, Gretchen, bekomme ich eigentlich auch ein Geschenk?", fragte Lily, die sie mit ihren großen Augen tieftraurig anschaute: „Papa hat nämlich gesagt, dass das nur für Kinder ist, die etwas vorführen."
Marc schaute seine Freundin belustigt an, als diese nicht so recht wusste, was sie sagen sollte, geschweige tun, da Lily wohl schon ein Geschenk bekommen würde, aber dies ja geheim bleiben sollte.
„Uhm... du, wir gehen mal Frau Doktor Hassmann fragen, die weiß das nämlich ganz bestimmt", sie nahm die Kleine bei der Hand und hoffte, dass Maria als Mutter wusste, so eine ausweglose Situation zu meistern.
Marc lachte.
Jochen schwieg und schaute noch immer angestrengt auf das Handydisplay.
„Wo hast du denn deine schlechtere Hälfte gelassen", fragte Marc und wusste, ins Schwarze getroffen zu haben, als Jochen tief seufzte.
„Sie kommt nicht...", er wusste nicht ob Marc einfach nur aus Höflichkeit gefragt hatte, oder aber wirkliches Interesse an seinem inneren Seelenzustand zeigte. Er hoffte letzteres:
„Mal ist sie so lieb und freundlich und richtig einfühlsam und dann wieder werde ich nicht mal ihrer Mutter vorgestellt oder ihren Freunden. Ich werde aus ihr einfach nicht schlau", sagte er offen und wünschte sich wirklich dringend einen Rat von einem erfahrenen Mann.
Doch es war leider nicht der einfühlsame Mehdi, dem er gerade sein Inneres preisgegeben hatte, sondern Marc Macho-Meier, der schlicht darauf antwortete: „Dann hat sie eine hässliche Mutter und keine Freunde, die arbeitet doch eh die ganze Zeit, wenn ihr nicht gerade zusammen aufeinander hockt."
Jochen seufzte ergeben auf.
Dafür trug Marc allerdings auch dieses Kostüm, das war Strafe genug!
Die Jury hatte beschlossen, dass alle Kinder so unglaublich gut waren, dass alle zu grandiosen Siegern erklärt wurden und die Geschenke wie beim Gesellschaftsspiel dem Alter nach verteilt wurden. Die jüngsten zuerst, bis hin zur ältesten Sechzehnjährigen.
Nun kam also der Weihnachtsmann in Vollmontur schlecht geschauspielert, sehr plump wirkend auf die Bühne und setzte sich auf den Thron. Er kraulte sich seinen Rauschebart und schaute in all die Kinderaugen vor ihm, deren Eltern, viele des eigenen Krankenhauspersonals, Sponsoren, Verwaltungsangestellte und freute sich fast darüber, dass er als krönender Höhepunkt von allen erwartet wurde.
„Hei, Elf, wo bleibt der Sack voller Geschenke?", ihm wäre beinahe das Wort Weib rausgerutscht, als Gretchen sehr überzeugend drei riesengroße Jutesäcke hinter sich her schleppte und antwortete: „Santa, die sind doch schwer, das braucht ein bisschen, bis ich die alle unter den Weihnachtsbaum gelegt habe."
Die Kinder stöhnten. Sie mussten also doch noch ein bisschen warten, bis es Geschenke gab?
„Aber die Geschenke passen doch gar nicht alle unter den Weihnachtsbaum, warum holen wir sie also nicht direkt aus dem Weihnachtsbeutel?", schlug der weise Santa Claus vor.
Ein Kinderchor rief wie verzaubert „Ja."
Es begann mit einem kleinen Mädchen, das gerade mal vier Jahre alt war und Marc nachhelfen musste, dass sie auf seinem Schoß fest saß...
„Marie-Antoinette."
„Woher weißt du meinen Namen?", fragte sie kleinlaut und das Publikum konnte nur mit Mühe ein kleines Lachen unterdrücken...
„Ich bin der Weihnachtsmann und weiß einfach alles!"
„Auch was 34 mal 76 ist?"
Marc schloss die Augen, das fing ja schon mal gut an.
Ein fragender Blick zu Gretchen, die ihn glücklich zusammen mit dem Kind musterte nickte ihm aufmunternd zu.
Ja, Liebe war was für Idioten, wenn sie so ergeben an das Glück des Partners dachten...
Jochen stand mit Mehdi, Lily, Anna und Gwendolyn am Rand und beobachtete das Spektakel auf der Bühne sehr belustigt. Seine Mutter saß bei Dr. Rössel, dessen Familie und neben Marcs Eltern und schauten faszinierend zu ihren Zöglingen hinauf.
Marc mochte vielleicht ein unheimlicher Egomane sein, aber er liebte seine, Jochens, Schwester wirklich und wollte sie glücklich machen. Es war fast beneidenswert, denn alles, was er abbekommen hatte, war eine Freundin, die die Push-Pull-Methode noch besser zu beherrschen schien als es sein Schwager in Spe jemals ausgespielt hatte.
Wenn er genau darüber nachdachte, seine Freundin hatte ihn schon seit ihrem ersten Date auf Abstand gehalten, also nicht in körperlicher Hinsicht, sondern auf mentaler Ebene. Je weiter er einen Schritt auf sie zugemacht hatte, desto mehr musste sie angeblich arbeiten. Er schnaubte verächtlich, vermutlich wäre es besser, wenn er die Beziehung, wenn es denn wirklich eine war, schnell beenden würde.
Doch die Vernunft in seinem Kopf wusste genau, dass sie wirklich viel arbeitete und es einfach nur langsam angehen wollte, was das Psychische betraf. Dennoch musste er ein kleines Zeichen bekommen, nur ein sehr kleines, dass er hier nicht auf verlorenem Posten kämpfte.
Er seufzte und guckte auf Lily, die wie wild dem Eingang zuwinkte.
Er schaute in die entgegengesetzte Richtung und ihm blieb die Spucke weg, als er besagte Freundin auf ihn zukommen sah, strahlend wie gleißendes Licht.
Sie hatte die Haare offen.
Er liebte es, wenn sie die Haare offen ließ und er ohne Bedenken darin herumwühlen konnte. Er ging ein paar Schritte auf sie zu:
„Ich dachte, du kommst nicht? Hattest du nicht Familienabend bei dir", er wurde unterbrochen, als sein Pummel ihm einen leichten Kuss auf die Lippen hauchte: „Ich bin da, okay!", sie lächelte herzlich. Und Jochen musste sich eingestehen, dass er dieses Lächeln echt liebte, diese breite Grimasse. Er starrte sie einen Moment lang mit trockenen Lippen an.
„I know what you think, Hun, and I don't know if I really want the good guy who's whiped 'bout his girlfriend", sie gab ihm einen schnellen Kuss aufs Kinn, weil sie einfach zu klein war, wenn sie sich nicht unbedingt auf die Zehenspitzen stellte, seinen Mund zu erreichen.
„Frohe Weihnachten", flüsterte Lily leise und drückte sich an Jochens Freundin.
„Dir auch fröhliche Weihnachten, Lily-Haseee", sagte die Bestatterin zurück und streichelte dem kleinen Mädchen über die Haare.
„Wie weit sind sie denn hier?", fragte sie an Jochen gewandt.
„Vielleicht gerade Halbzeit, obwohl, wenn die Sechszehnjährige wirklich noch umkippt, weil sie von Marc einen Kuss auf die Wange bekommt, könnte es noch länger dauern. Warum? Hast du was geplant? Your dress is amazing, 'Ehm. I really hope I can undress it later?"
„Warum redet ihr immer englisch?", fragte Lily und schmollte ein bisschen.
„Damit sie dich nicht verstören, wenn sie sich ihre kleinen Schweinereien zureden", meldete sich Moira zu Wort.
Die letzten Pakete verrieten endlich das Ende dieser ganzen Aktion. Marc war sichtlich erleichtert und je mehr der Sack schrumpfte, desto entspannter wurde er. Die letzten paar Teenager würde er auch noch überleben, die wünschten sich eh alle komische Dinge, wie Kerzenleuchter, Wasserkanonen und die Älteste hatte sich von ihrem behandelnden Arzt nichts sehnlicher gewünscht als einen Kuss.
Vor ein paar Tagen winkte Gretchen mit dem Wunschzettel vor seiner Nase herum und erfreute sich an seiner Abwehrhaltung, diesen Wunsch auf gar keinen Fall in die Tat umzusetzen. Er verstand auch gar nicht Gretchens Begeisterung, schließlich müsste sie ja als Freundin zumindest den Hauch von Eifersucht spüren, doch alles was die Blonde ihm mitteilte, war, dass sie es unwahrscheinlich süß fand, dass Marc so angehimmelt wurde.
Verstehe da einer die weiblichen Gehirnwindungen!
„Und für Alexandra gibt es..."
„Alessandra", verbesserte ihn die Dreizehnjährige mürrisch, weil sie sich albern vorkam. Sie glaubte nicht mehr an den Weihnachtsmann und musste diesen Unsinn über sich ergehen lassen.
„Natürlich", sagte der Weihnachtsmann schnell. Hilfe suchend schaute er sich nach Gretchen um, die ebenfalls einen sehr genervten Eindruck zu machen schien, da dieses Kind sie schon bei der Geschenkauswahl ziemlich in den Wahnsinn treiben wollte: „Walle", hatte sie geschrieben und erst nachdem Lily durch dummen Zufall darauf gekommen war, dass es ja „Wall-E" hieß. Nachdem man das dann gegooglet hatte, musste Marc erstaunt feststellen, dass es sich dabei um eine Art neumodische „Nummer Fünf Lebt" handelte. Konnte man sich jetzt also aussuchen, was das Kind denn nun haben wollte?
Die DVD? Ein Plüschtier von dem Weltraum-Schrott? Lebensgroße Plastik-Figur?
Nach längerem Überlegen hatte Maria einfach beschlossen, die DVD zu kaufen.
Und nun saß dieses fiese kleine Kind auf seinem Schoss und ihm blieb nichts über, als freundlich zu sein.
Wenn dieses Kind in fünf Jahren erwachsen sein würde und er irgendwann noch mal das Vergnügen hätte, sie als Patienten zu haben, er würde ihr absichtlich nur Bruchteile erklären, damit sie sich genauso doof vorkam, wie er in dieser Situation.
Die nächsten Kinder waren heranwachsende Jungen, dessen Wünsche Marc auch aus seiner frühen Teenagerzeit wiedererkannt hatte. Wasserkanone, Basketball und Jahres-Abo für den Playboy, das der eine fünfzehnjährige Junge natürlich nicht bekam, sondern nur Bettwäsche des berühmtesten Hasen, nach Roger Rabbit und Bugs Bunny, der Welt.
Das verschmitzte Grinsen, was ihm der fesche junge Mann zuwarf, ließ Marc ebenfalls wissend lachen. Gefreut hatte er sich jedenfalls, denn welcher Heranwachsende freute sich nicht über Bettwäsche in Hülle und Fülle – musste man die Laken nicht so oft waschen, wenn man gleich für mehrere Freundinnen beziehen konnte.
Zu guter Letzt kam ein schüchternes Mädchen, gerade sechzehn geworden und damit nicht nur die Älteste, sondern gleichzeitig auch das letzte Kind, was beschenkt werden musste. Und für diesen letzten Wunsch, hatten sich Gretchen und Maria wirklich Außerordentliches einfallen lassen. Einen kleinen Beutel mit Sternenstaub, a.k.a. Bastelglitzer aus einem Baumarkt, voll, den das Mädchen über das Objekt ihrer Begierde schütten müsste, sofern er ihr begegnete. Damit blieb vor den restlichen Kindern verborgen, dass es den Weihnachtsmann ja gar nicht gab, wenn Marc später in seinem weißen Kittel ihr über den Weg laufen würde.
Das Mädchen grinste erst irritiert, und Marc hatte das Gefühl, dass sie eh schon gleich vor Scham und Vorfreude sterben würde, so aufgeregt schien sie, als sie sich auf seinen Schoß setzen durfte. In tiefer rauer Stimme erklärte er ins Mikrofon, was sie mit dem Staub anfangen müsste, und verabschiedete sich dann von den Kindern. Schleifte seinen Hilfs-Elf gleich mit hinter die Bühne und überließ dann seiner Mutter die Bühne, die eine ganz coole Weihnachtsgeschichte geschrieben hatte, und die Rechte, sollte diese einmal veröffentlicht werden, auf Bärbels Stiftung übertragen werden.
Marc hatte es nicht glauben können, als er diese so selbstlosen Worte von seiner Mutter gehört hatte, doch sein Vater schien in der Beziehung ganze Arbeit an ihrer Normalität geleistet zu haben. Und nicht zuletzt war sie neuerdings auch ziemlich angetan von Gretchen.
Warum allerdings so plötzlich hatte er noch nicht herausgefunden.
Sich den Rauschebart vom Gesicht zerrend, atmete er tief durch. Er hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, er würde durch dieses Kunsthaar weniger Sauerstoff bekommen – natürlich ein Irrglaube, aber Menschen bildeten sich viel ein, wenn sie in einer unangenehmen Situation steckten.
Gretchen hinter ihm, legte ihre kalte Hand in seinen Nacken. Sie hatte früh gelernt, dass sein Nacken ein wunderbarer Punkt an seinem Körper war, der ihn, wenn man ihn zärtlich streichelte, wie Wachs schmelzen oder aber in seinen Handlungen gefrieren ließ. In diesem Moment stellte es beides mit ihm an, denn auf der einen Seite wünschte er sich nichts sehnlicher, als endlich mit Gretchen in seinem Apartment im Bett zu liegen, auf der anderen war ihm bewusst, dass noch zwei wichtige Dinge verschenkt werden mussten. Die eine undankbare Aufgabe einen waschechten Kuss zu schauspielern, mit einem noch nicht erwachsenen Mädchen, dessen Eltern viel hineininterpretieren könnten, egal was auch immer Gretchen und die Neurochirurgin gesagt hatten. Und Lily ihr erstes Geschenk, seit seiner Ernennung als Patenonkel vor fast neun Jahren, zu überreichen. Nach der Wiedervereinigung mit ihrem Vater, Anna und dem neuen Zuwachs Gwenny, wollte Marc aus freien Stücken auch endlich dem nachkommen, was er Lilys Leben lang schon aufgeschoben hatte, wenn nicht gerade eine Ausnahmesituation bestanden hatte.
„Müde?", fragte seine Freundin mit Schlafzimmerblick und gähnte selbst erschöpft.
Er machte es ihr gleich und klappte seinen Kiefer einmal auf.
Sie schmunzelte daraufhin.
„Ich doch nicht! Du weißt, ich habe heute Nacht noch großes vor mit dir!", er zwinkerte ihr schelmisch zu, drückte ihr einen seichten Kuss auf den Mundwinkel, um dann in seiner typischen Chef-Stimme Anweisungen zu erteilen, wo denn nun sein Sascha-Hehn-Kostüm abgeblieben war. Gretchen zuckte mit den Nasenflügeln, ehe sie ihn in ihre Arme zog, um sich von ihm richtig küssen zu lassen.
Jäh unterbrochen wurde ihre Zweisamkeit aber von Mehdi, Anna mit Gwendolyn im Arm und Lily, die enthusiastisch auf Marc zulief, und ihm beteuerte, wie echt und großartig sein Auftritt gewesen war.
„Willst du gar nicht die Geschichte hören?", fragte dieser verdutzt.
Sie schüttelte aufgeregt den Kopf: „Die hab ich doch schon gelesen, schließlich sollte ich ja auch als Vortester alieren... amieren... asieren..."
„Agieren", ertönte es von den vier Erwachsenen.
„Genau!"
„So... und wie lange dauert die?", fragte Marc gar nicht wirklich an Lily gewandt in die Runde hinein. Trotzdem antwortete die Kleine auf Anhieb: „Etwa eine halbe Stunde, wieso?", fragte Lily erwartungsvoll.
Marc grinste, und von weitem sah es beinahe so aus, als ob der Oberarzt einen Katzenmund in Form einer Drei hatte, so sehr lächelte er Lily wissend an.
„Nur so... Hasenzahn, der Kittel", ermahnte er seine Freundin, die ebenfalls wissend grinste, sich aber auf einen Stuhl niedergelassen hatte, um mit Anna die Köpfe zusammenzustecken, zu tuscheln.
Frauen konnten aber auch nie wirklich ernst bleiben, Lily würde den Braten doch zehn Meilen gegen den Wind riechen.
Augenrollend, weil Marc überhaupt nicht entspannt schien, machte sich Gretchen tatsächlich auf in den angrenzenden Raum, um Marc seinen heiß ersehnten Kittel und die zwei Geschenke für Lily zu holen.
Eine hübsche Barbie und eine CD von Rolf Zuckowski aus dem Jahr 1987: Winterkinder.
Das erwartete Jubeln, Freuen und Danken blieb aus, weil Lily losheulte.
Weder Papabär noch Mamabär waren in der Lage das kleine Mädchen zu beruhigen, weil sie ja wirklich vom coolsten Menschen, ihrem Patenonkel, das erste Mal ein Geschenk bekommen hatte.
Gretchen schniefte neben Marc auch schon, als sie sich auf Lilys Augenhöhe herab ließ, und ihr mit einfachsten Worten erklärte, dass sie, Gretchen, ab sofort immer dafür sorgen würde, dass ihr Freund seinen Pflichten als bester Freund ihres Vaters, Mehdi, und ihr persönlicher Schutzengel nachkommen würde. Marc hingegen schüttelte Grimassen schneidend den Kopf, schob Gretchen einfach beiseite. In einer fließenden Bewegung wischte er ihr synchron die Tränenspuren mit seinen Daumen von den Wangen: „Hör auf zu heulen – steht dir überhaupt nicht!" Von den Umsitzenden ertönte nur ein amüsiertes Grollen, Lily hingegen lachte, weinte dann aber bitterlich an seiner Schulter weiter.
Nachdem sich Elke unter Standing Ovations und Jubeln von der Bühne entfernt hatte, wurde eine große Hälfte der Kinder von den Schwestern ins Bett gebracht, da diese schon fast im Sitzen eingeschlafen wären. Und dann kam an diesem Abend Marcs wirklich letzte Amtshandlung:
Ein kurzer Schmatzer auf die Wange eines Teenagers.
Es war alles ein bisschen durcheinander, aber die Fotographen hatten den Oberarzt genau zur richtigen Zeit vor der Linse, als das Mädchen in Euphorie den Glitzer über Marc verteilte, dieser von den Metallplättchen, die ihm in die Augen flogen, zurücktaumelte und einmal über den Tisch mit dem klebrigen Kinderpunsch flog. Es war ein Bild für die Götter, und im ersten Moment hätte er allerliebst dieses Mädchen vor ihm angeschrien, wie unfähig sie doch war. Doch nachdem er seine Freundin glücklich lachend neben Maria stehen sah, konnte auch er seine Mundwinkel nicht länger unter Kontrolle halten.
Sein sonst weißer Kittel nahm die Farbe von einem Pflaumenlila an, und er spürte die einzelnen Zuckerkörnchen in seinen Schuhen knistern. Trotzdem sollte das Mädchen nicht ganz so ohne weiteres für dieses Unheil einfach so ihr Geschenk bekommen, weshalb in einer Body-Check-Umarmung das Mädchen ebenfalls von oben bis unten mit dem Saft getränkt wurde. Das kleine Küsschen folgte dann direkt, während sie für den Fotographen posierten. Marcs Augen wanderten zwischenzeitlich immer wieder zu Gretchen, die ihm aufmunternd zulächelte. Ihre Augen strahlten, und er wünschte sich, diese Augen festhalten zu können – für immer, denn jetzt war alles gut, wirklich alles.
In den frühen Morgenstunden hatte man sich vom Aufräumen ganz unauffällig aus dem Staub gemacht, um keine Stunde später gemeinsam im Bett zu liegen, dem Traumland schon so viel näher, als Marc gehofft hatte. Er würde also noch bis zum Weihnachtsmorgen warten müssen, bis er auf Knien vor ihr herumrutschte und sie mit einem kleinen Samtkästchen, in dem Tickets eingerollt waren, um ihren ersten gemeinsamen Urlaub bat. Dass sie denken würde, dass er ihr einen Heiratsantrag machen würde, war beabsichtigt, denn auf gewisse Art und Weise wusste er: Es war die Vorstufe.
Mit einer unheimlichen Vorfreude schlief er auf Gretchens Rücken gekuschelt ein.
lg
manney
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