
Die Vergangenheit holt einen ein, so sagt man. Doch manchmal läuft sie sogar schneller und zieht an einem vorbei, während man nur noch dabei zusehen kann, unfähig sich zu bewegen. Cal/Gillian, Drama, keine Spoiler.
Rated: Fiction K+ - German - Drama - Cal L. & Gillian F. - Chapters: 5 - Words: 8,756 - Reviews: 10 - Favs: 2 - Updated: 10-14-12 - Published: 02-12-12 - id: 7827513
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A+ A- |
TITEL: Die Summe des Vermeidbaren
GENRE: Drama
CHARAKTERE: Cal, Gillian, Emily, Ria, Eli, Zoe
PAIRING: Cal/Gillian
RATING: PG-13
SPOILER: keine
WÖRTER: tbd
ZUSAMMENFASSUNG: Die Vergangenheit holt einen ein, so sagt man. Doch manchmal läuft sie sogar schneller und zieht an einem vorbei, während man nur noch dabei zusehen kann, unfähig sich zu bewegen.
Bittersüß
"Wo sind wir?", fragte sie leise, während seine Hand fest über ihre geschlossenen Augen gelegt war. Sie hatte die Orientierung verloren und wollte sich freikämpfen, doch er ließ sie nicht.
"Warte es ab", sagte er nur und steuerte sie mit seinem Körper, den er von hinten eifrig gegen sie presste, durch die dunklen Räume.
"Lass mich gehen", bat sie und sträubte sich, doch er war stärker als sie. "Bitte."
Er grinste und beugte sich weiter nach vorn, bis seine Lippen ganz nah an ihrem Ohr waren. "Hast du etwa Angst?", fragte er und seine Stimme war bedrohlich tief.
"Man sollte immer Angst haben, wenn man dir die Kontrolle einer Situation überlässt", erklärte sie amüsiert und versuchte ein weiteres Mal, seine Hand von ihren Augen zu nehmen. "Cal, bitte."
"Nur noch hier um die Ecke", versicherte er ihr und drehte ihren Körper spaßeshalber noch einmal komplett im Kreis, bevor er sie gen Küche richtete. "Bereit?"
"Bereit zum Übergeben oder was meinst du?"
"Du solltest wirklich ein bisschen netter sein. Es ist dein Geburtstag", mahnte er und beließ seine Hand auf ihren Augen, weil er es mochte, sie warten zu lassen und damit ein wenig verrückt zu machen. Es zauberte für gewöhnlich ein paar interessante Züge auf ihr Gesicht, die sein Herz eigenartig höherschlagen ließen.
"Ich glaube, du verwechselst da etwas. Du solltest nett zu mir sein."
"Wer sagt, dass ich das nicht bin?"
"Dieses alberne Spiel gerade", erwiderte sie und gab es auf, sich weiter zu wehren. Sie spielten nach seinen Regeln und gegen die kam normalerweise keiner an. "Du hast mir deine Geschenke doch schon gegeben."
Ihre Finger berührten das filigrane Armband an ihrem linken Handgelenk, das sich über ihre Haut legte, als gehörte es schon immer dahin. Vielleicht war es auch so, denn sie hatte dieses Gefühl bereits, als sie das Schmuckstück zum ersten Mal in einem Schaufenster zwischen ihrem Büro und einem ihrer Lieblingscafés entdeckte. Da war ein Glanz in ihren Augen, als sie es ihm zeigte.
Es war Jahre her und sie hatte es lange vergessen, doch heute hatte er es aus seiner Tasche gezaubert und zugegeben, dass er es damals gekauft hatte, ohne den Anlass dafür zu kennen. Heute, so sagte er, hätte er einen.
"Das war doch nur die Anzahlung." Er schlang einen Arm um ihre Taille und legte sein Kinn auf ihrer Schulter ab. "Also, bereit?"
"Ja", hauchte sie ungeduldig und musste doch zugeben, dass sie neugierig war und sich freute auf das, was auch immer er ausgeheckt hatte. Er hatte ein Händchen für ungewöhnliche Überraschungen mit dem kleinen Bisschen Ehrlichkeit und Gefühl, das es brauchte, um ihr wieder und wieder zu bestätigen, dass seine verquere Liebeserklärung vor ein paar Monaten keine Eintagsfliege war. Es brachte ein Lächeln auf ihr Gesicht.
"Okay." Er nahm seine Hand von ihren Augen und ließ sie ein wenig gegen die Dunkelheit anblinzeln. Erst dann betätigte er den Lichtschalter und ließ sie entdecken. "Herzlichen Glückwunsch, Liebes", flüsterte er ihr ins Ohr und gab ihr dann einen Kuss auf die Wange.
Ihre Augen waren groß, auch wenn das plötzliche Licht anfänglich schmerzte. Auf dem Küchentisch standen etwa zwanzig Himbeer-Cupcakes, drapiert zu einem kitschigen Herz. "Du bist verrückt", informierte sie ihn und fuhr ihm kurz durchs Haar.
"Die magst du am liebsten, oder?", fragte er und war sich einen Moment tatsächlich unsicher, doch der Glanz in ihren Augen hätte nicht intensiver, das Lächeln auf ihren Lippen nicht größer sein können.
"Wenn ich mir auf meinem Sterbebett noch etwas wünschen könnte, dann wahrscheinlich ein Himbeer-Cupcake."
"Wollen wir hoffen, dass es heute Abend nicht so weit kommt. Aber für alle Fälle hätte ich dann welche."
"Wann soll ich die alle essen?", fragte sie und löste sich aus seiner Umarmung, um die süßen Kunstwerke aus der Nähe zu betrachten. Die rosarote Masse türmte sich elegant auf den Schokoküchlein, jeweils garniert mit einer einzelnen Himbeere.
Er folgte ihr und musste grinsen ob der kindlichen Freude, die sie an den Tag legte. "Jetzt tu nicht so, als könnten die lange überleben. Du machst ihnen falsche Hoffnungen."
Sie setzte einen empörten Blick auf und schubste ihn sanft von sich weg. "Muss ich dafür einen meiner Gutscheine abgeben?", wollte sie wissen. Sie holte das Gutscheinheft aus der Tasche, das er ihr während des Abendessens mit der Gewissheit gegeben hatte, dass es ihr an einem öffentlichen Ort wie ihrem Lieblingsrestaurant die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.
"Ich bin gnädig und würde sagen, dass du dir den für einen anderen Tag aufheben kannst." Er deutete auf den Gutschein, der 'Etwas Süßes' versprach. "Heißt natürlich nicht, dass du die anderen nicht heute noch einlösen darfst." Er blätterte weiter und fand den Gutschein mit 'Sex. Jetzt. Und hier', den er für sich sprechen ließ.
Ihre Augenbrauen reckten sich in die Höhe. "Was ist, wenn ich lieber den hier einlösen will?" Ihr Finger zeigte auf 'Einmal das letzte Wort haben'.
Er zuckte mit den Schultern. "Wir könnten erst miteinander schlafen und danach kannst du das letzte Wort haben. Zum Beispiel: 'Oh Cal, das war großartig, nicht zu überbieten.'" Er imitierte ihre Stimme und musste selbst darüber lachen. "Dem würde ich sicher nicht widersprechen."
"Du glaubst wirklich, du bist der Größte, oder?"
"Ja", bestätigte er ohne Umschweife und wusste, dass sie ihn immer verstehen würde. Sie kannte ihn besser als jeder andere auf dieser Welt, kannte seine Fehler, seine Schwächen, seine Unzulänglichkeiten. Und trotzdem war sie hier und lachte mit ihm. Er hätte glücklicher nicht sein können.
Seine Hände fanden zurück zu ihren Hüften und er verwickelte sie nach und nach in einen Kuss, dem sie nicht widerstehen konnte. Die Art von Kuss, die ihr den Atem raubte und hungrig machte. Ein Hunger nach mehr, den keine Süßspeise der Welt hätte stillen können.
"Gib zu, dass du den Gutschein einlösen willst", säuselte er ihr leise ins Ohr.
"Nicht hier auf dem Küchentisch. Ich hätte zu viel Angst um meine kleinen Geschenke. Außerdem sind wir dafür inzwischen ein bisschen zu alt, oder?"
"Also ich nicht, aber wenn du dich ab heute als alt bezeichnen willst, dann nur zu."
Sie schüttelte belustigt mit dem Kopf und zog ihn wieder zu sich heran, um in dem Kuss von gerade eben zu versinken. Nichts mit ihm war je einfach, nicht in den vergangenen Jahren, nicht in den vergangenen Monaten. Doch es gab diese Momente hier und es ließ sie an sie beide glauben. Sie beide, die zusammen stärker waren als ihre Fehler, stärker gar als ihre Wissenschaft.
"Jetzt. Und hier", murmelte er, als sie Luft holte und sich kurz umsah.
"Bist du dir sicher, dass Emily nicht da ist?"
"Absolut", bestätigte er. "Aber sie weiß, dass wir miteinander schlafen."
"Trotzdem muss sie es nicht sehen."
In Sekundenbruchteilen schreckte er zurück und verzog angewidert das Gesicht. "Jetzt hast du furchtbare Bilder in meinem Kopf platziert." Er ahmte das Geräusch einer kleinen Explosion nach. "All die Romantik dahin."
"Vielleicht sollten wir die Romantik in deinem Schlafzimmer suchen. Fernab von Cupcakes, die zerstört werden könnten, und Töchtern, die uns womöglich ertappen." Sie suchte sich ein besonders schönes Exemplar der essbaren Kunstwerke aus und nahm seine Hand, um ihn aus der Küche und in Richtung Treppe zu ziehen.
"Du suchst, ich checke den Anrufbeantworter", schlug er vor.
"Fängt ja schon sehr romantisch an." Sie verdrehte kurz die Augen und lachte, als sie die Treppe nach oben lief, die Hüften dabei so ausladend schwingend, dass er es noch bereuen würde, auch nur eine Sekunde gewartet zu haben.
"Sieh auch unterm Bett nach!", rief er ihr hinterher und drückte auf den Abspielknopf des Anrufbeantworters. Er hatte schon beim Hereinkommen vor ein paar Minuten gesehen, dass er blinkte und erwartete eine womöglich stichelnde Nachricht von Emily. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn vor dem großen Tag mit allem aufzuziehen, was er getan und nicht getan hatte, um Gillians Geburtstag so schön wie möglich zu machen.
Ein Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, doch es verschwand relativ schnell, als er eine unbekannte, männliche Stimme hörte, die ernst zu ihm sprach:
"Dr. Lightman, hier ist Thomas Murphy. Ich rufe aus London an. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Frau Laura Sterling in der letzten Woche verstorben ist. Ich bin damit beauftragt worden, ihr Testament zu verwalten. Darin ist festgehalten, dass Sie über ihren Tod informiert werden sollten. Es tut mir sehr leid. Bitte rufen Sie mich doch zurück, wenn Sie Zeit dazu finden. Sie erreichen mich unter der 020—"
Cal hatte aufgehört zuzuhören. Er glaubte, nicht einmal mehr zu atmen. Sein Körper war erstarrt, unfähig sich zu bewegen. Es herrschte absolute Stille, um ihn herum und in seinem Kopf.
Erst nach einer Weile hörte er, wie sie seinen Namen rief, wahrscheinlich nicht zum ersten Mal. "Cal?" Sie bog um die Ecke und musterte ihn misstrauisch. "Was ist los?"
Seine Augen starrten sie ratlos an. Auch im schwachen Licht sah sie, dass er kreidebleich war. Er fühlte sich tatsächlich so, als hätte man ihm all sein Blut auf einmal aus den Adern gesaugt.
Sie trat näher an ihn heran und versuchte seine Hand zu nehmen, doch er ließ sie nicht gewähren und stolperte einen kleinen Schritt zurück. "Ist was mit Emily?", fragte sie und war den Tränen nahe, ohne irgendetwas Genaues zu wissen. Der fehlende Ausdruck in seinen Augen machte ihr Angst.
Er schüttelte mit dem Kopf. "Ich muss nach London", erklärte er und sah sich in dem Raum um, als müsse er überlegen, was er alles mitnehmen sollte. Doch in Wirklichkeit konnte er keinen klaren Gedanken fassen.
"Was ist passiert, Cal?", fragte sie ein weiteres Mal und erwischte diesmal seinen Arm, der plötzlich eiskalt war. Der Moment von gerade eben in der Küche war wie verflogen. Verpufft, diesmal ganz ohne Flachs.
Sein erster Instinkt sagte ihm wegzulaufen, doch wenn er eines wusste, dann dass er darin schon immer besonders schlecht war. Ob auf der Aschenbahn hinter der Schule im grauen Süden Londons oder dann, wenn es um seine Gefühle ging. Er zwang sich, sie anzusehen. "Ich muss dir was sagen."
Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt und er war naiv zu glauben, sie würde es nicht tun. Er war naiv und dumm, sie überhaupt so lange zu vermeiden.
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