
Im wahrsten Sinne des Wortes ein One Shot:Die Handlung dieser KFF schließt direkt an Folge 292 an, in der er im Empfangsbereich Lisa endlich seine Liebe gesteht.
Rated: Fiction T - German - Drama/Tragedy - David S. & Elisabeth P./Lisa - Words: 3,493 - Follows: 1 - Published: 03-25-12 - Status: Complete - id: 7957492
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Die Handlung dieser KFF schließt direkt an Folge 292 an, in der er im Empfangsbereich Lisa endlich seine Liebe gesteht.
Zur Erinnerung:
Lisa haut ab, um die letzte S-Bahn nach Göberitz zu erwischen und lässt David alleine bei Kerima zurück. Er geht in ihr Büro, findet ihren Schal, den sie vergessen hatte und nimmt ihn an sich. Hier geht die Handlung dieser Story los.
One Shot
David saß in seinem Büro und starrte auf den bunten Schal, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Immer wieder griff er nach dem weichen Stoff, ließ ihn durch seine Finger gleiten, hob ihn an die Nase und sog ihren Duft tief in sich ein. Ein zarter Hauch von Lavendel und Vanille hatte sich um die Fasern gelegt, ein Geruch, den er schon öfters an ihr wahrgenommen hatte, wenn sie sich mal wieder so ganz ohne Absicht näher gekommen waren und sich dabei ganz unbewusst und natürlich rein zufällig berührt hatten. Haut an Haut, immer ein wenig länger, als es nötig war, immer hinterließen diese Berührungen aufwühlende Gefühle, die aus dem Zufall geboren worden waren. Oder war es am Ende gar wieder einmal das Schicksal, das seine Finger im Spiel hatte und ihnen durch diese auf den ersten Blick unbedeutenden Gesten klarmachen wollte, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie endlich beide erkannten, dass sie zusammengehörten.
Ungläubig schüttelte er den Kopf und starrte mit kaum sichtbarem Lächeln auf einen unbestimmten Punkt im Regal, das mit zahlreichen Ordnern gefüllt seinem Schreibtisch gegenüber stand. Unzählige Male hatte er sich schon gefragt, wie er nur so lange so blind hatte sein können. Und warum er so lange gebraucht hatte, um endlich erwachsen zu werden, warum es erst einer Lisa Plenske bedurft hatte, damit sich der wahre David Seidel endlich an die Oberfläche traute und es wagte, sich der Welt als der Mann zu präsentieren, der er war. Sein ganzes Leben hatte er damit verbracht, die Erwartungen anderer zu erfüllen und dabei hatte er sich im Laufe der Jahre von einem süßen kleinen Jungen, der seine Nachmittag oft mal spielend, mal schlafend unter dem Catering-Tresen von Agnes verbracht hatte, zu einem jungen Mann entwickelt, der ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer seinen Willen durchsetzte und sich alles nahm, was er wollte. Natürlich nur im Rahmen dessen, was sein allmächtiger Vater zuließ und dieser sah großzügig darüber hinweg, dass er trotz seiner Beziehung zu Mariella die Finger einfach nicht von all den Schönen, mit denen seine Arbeit ihn umgab, lassen konnte. Besonders die öffentliche Bekanntgabe ihrer Verlobung bei der Präsentation der ‚Leisure-Line' hätte den alten Herren noch großzügiger werden lassen, wäre da nicht dieser dämliche Unfall gewesen.
So grotesk es war, ließ die Erinnerung daran sein Lächeln breiter werden. An jenem Abend hatte er zu viel getrunken, hatte sich die Fesseln, die er sich soeben vor der versammelten Presse, der gesamten Belegschaft von Kerima und vor allen, die in der Modewelt Rang und Namen hatten oder sonst etwas auf sich hielten, angelegt hatte, schöngetrunken. Dadurch und vom Alkohol und der gelungenen Präsentation innerlich aufgefühlt, hatte er nicht darauf geachtet, wo er lang gelaufen war. Nur allein wollte er sein – wenigstens für ein paar Augenblicke, in denen sich die pressewirksame Veränderung seines ganzen Lebens setzen sollte. Das Kabel hatte er nicht gesehen und das nächste, woran er sich wirklich erinnerte, waren die vorwurfsvollen Gesichter seiner Eltern und Mariellas, die um sein Bett im Krankenhaus versammelt standen und nicht aufhören wollten, ihm Vorhaltungen ob seines unverantwortlichen Verhaltens zu machen.
Bereits damals in den darauf folgenden Tagen im Krankenhaus, hatte sich der andere David Seidel in ihm geregt, als er unbedingt in Erfahrung bringen wollte, wer sein Schutzengel gewesen war, wer ihm das Leben gerettet hatte. Und dann war es ausgerechnet die kleine hässliche Neue vom Catering, die allein durch ihre äußere Erscheinung den alten David ganz schnell wieder die Oberhand gewinnen ließ.
Heute ließ allein die Erinnerung daran seine flache Hand ziemlich unsanft gegen seine Stirn prallen. Er konnte sich einfach nicht mehr vorstellen, wie er nur jemals hatte so oberflächlich und unglaublich von sich selbst eingenommen hatte sein können. Solch ein Verhalten war ihm mittlerweile mehr als zuwider, zumal Lisa ihm mit Engelsgeduld die Dinge im Leben offenbart hatte, die wirklich zählten. Ohne Kämpfe war dieser Prozess jedoch wahrlich nicht von Statten gegangen. Wie oft hatten sie sich wegen irgendwelcher dämlicher Kleinigkeiten in die Haare gekriegt, wie oft hatten beide versucht ihre Sturschädel durchzusetzen, nur um am Ende festzustellen, dass sie doch immer wieder auf das Gleiche hinaus wollten und nur zu dämlich gewesen waren, sich für den anderen verständlich auszudrücken.
So vieles hatte sie ihn gelehrt; für so viele Dinge im Leben hatte sie ihm die Augen geöffnet, vor allem für die Kleinigkeiten im Alltag, die ihn für das lustlose Aufstehen am Morgen entschädigten. Vor ihm auf dem Schreibtisch in einem Schälchen, in dem er all die kleinen Büroutensilien aufbewahrte, die er mehrmals täglich brauchte, lag wie zum Beweis dafür und doch etwas fehl am Platze seine kleine rote Siegestrophäe vom Minigolf. Damals war alles nur aus reinem Kalkül und nur auf den eigenen Vorteil bedacht geschehen. David Seidel und Minigolf hatte zu dieser Zeit ungefähr so gut zusammengepasst wie Vanilleeis und Salamipizza – jedes für sich schon ein Gräuel und doch hatte Lisa es tatsächlich geschafft, ihm das Eis schmackhaft zu machen. So schlecht war es tatsächlich nicht gewesen, es war durchaus genießbar, wenn man nur die guten Seiten daran entdeckte. Aber bedeutete das jetzt, dass die beste Metapher auf ihn selbst so etwas Banales wie Vanilleeis war?
„Ich bin kein Vanilleeis" murmelte er verschwörerisch den kleinen roten Ball an und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Schal zu. „Und wenn doch? Wenn ich wie Vanilleeis bin, was ist dann Lisa? Ein Keks?" Er erinnerte sich an ihre Worte, als er nach ihrem unabsichtlichen Liebesgeständnis in seinem Büro versucht hatte mit ihr zu sprechen. Eine Schachtel Kekse hatte er ihr hingehalten, anstatt ihr von vorneherein die Wahrheit zu sagen. Warum hatte er es eigentlich nicht getan?
Sicher, damals hatte er tatsächlich seine Gefühle zu Lisa noch nicht in ihrer ganzen Fülle entdeckt, aber er hatte gewusst, dass er ohne diese Frau weder weiterleben konnte, noch wollte. Sie war zu einem festen Bestandteil seines Daseins geworden, war immer da, wenn es brannte, war immer seine Anlaufstelle, wenn er einen Ruhepol brauchte. In seiner hektischen, oberflächlichen Welt, in der er immer zu funktionieren hatte, egal wie hundeelend er sich auch fühlen mochte, war Lisa seine Insel der Ruhe, auf die er sich flüchten konnte, wann immer die Dämonen der Erde dabei waren, ihn mit ihren Forderungen und Wünschen zu verschlingen.
Doch bei all diesen Gedanken, drängte sich ihm unweigerlich ein anderer auf, eine bohrende, unangenehme und an ihm nagende Frage. Was hatte er jemals für sie getan? Hatte er sie etwas lehren können? Hatte er ihr etwas beigebracht, sie irgendwie in ihrem Leben weitergebracht, so wie sie es für ihn unermüdlich getan hatte?
Lange Zeit überlegte er; ihm wollte nichts Rechtes einfallen und so tröstete er sich mit der alten Weisheit, dass es immer schwierig war, positive Eigenschaften an sich selbst zu finden. Kopfschüttelnd schnaubte er aus. Früher war es ihm eher schwer gefallen, keine positiven Eigenschaften an sich zu finden.
Plötzlich begann dieses Hochgefühl, das ihn seit seinem Geständnis unaufhörlich durchflutete, abzuflauen und einem anderen Platz zu machen. Zweifel drängten an die Oberfläche seines Bewusstseins – Zweifel ob der Richtigkeit dessen, was er getan hatte. Sicher, für ihn war es richtig gewesen, endlich sein Innerstes nach Außen zu kehren und zu dem zu stehen, was er fühlte. Aber hatte er damit nicht irgendwie auf den ihren herumgetrampelt? Schließlich war sie gerade dabei, eine Beziehung zu diesem nervtötenden Kowalski aufzubauen und die beiden schienen sich wirklich so richtig gut zu verstehen und zu allem Übel war es wohl auch so, dass sich dieser Blödmann doch tatsächlich Hals über Kopf in seine Lisa verliebt zu haben schien. Das Schlimmste an dieser prekären Situation war aber, dass er selbst es gewesen war, der Lisa mehr oder weniger in die Arme dieses Werbeheinis getrieben hatte. Und warum? Weil er zu feige gewesen war, sich einzugestehen, dass sich selbst ein David Seidel in eine Frau wie Lisa Plenske verlieben konnte. Mit den ganz eigenen Gesetzen der Modewelt und ihrer noch viel eigeneren Logik war eine Liaison der beiden ungefähr das Gleiche, wie eine Liebesbeziehung zwischen Sonne und Mond und somit in einem Wort unmöglich. Es ging einfach nicht an, dass der gut aussehende, charmante, lebensfrohe und vor allem liebeshungrige Playboy und Geschäftsführer eines weltweit agierenden Modekonzerns sich in eine kleine graue Dorfmaus verliebte. An diesem ungeschriebenen Gesetzt konnte auch die kleine, aber nicht ungewichtige Tatsache rütteln, dass diese kleine graue Maus die Mehrheitseignerin besagter Firma war.
Ein schier unerträgliches Bedürfnis mit ihr zu sprechen überfiel ihn; der Drang elektrisierte jede einzelne Faser seines Körpers, setzte ihn unter unglaublichen Druck und eine Spannung, der zu widerstehen, er nicht in der Lage war. Auch wenn er am liebsten Hals über Kopf aus dem Büro gestürzt wäre, so ließ er seinen Stuhl nur gemächlich vom Schreibtisch zurückrollen. Bevor er sich daraus erhob, ließ er seinen Blick noch einmal prüfend über seinen Arbeitsplatz streifen, ob er ja auch wirklich alles ordentlich aufgeräumt zurücklassen würde. Wie in Zeitlupe schlüpfte er in seinen Mantel, griff nach dem Minigolfball, steckte diesen in seine Hosentasche und schnappte sich den Schal. Mit der Hand klopfte er ein paar Mal leicht auf seine Manteltasche, um zu überprüfen, ob er den Autoschlüssel auch eingesteckt hatte und verließ schließlich, nicht ohne noch einmal seinen Blick durch den Raum gleiten zu lassen, sein Büro.
Unendlich langsam schlichen die wenigen Minuten dahin, die der Fahrstuhl brauchte, um so spät am Abend seinen einzigen Fahrgast hinunter in die Tiefgarage zu bringen. Als sich die Türen endlich öffneten, schlug David sofort eine eisige Kälte entgegen, die sich tief in Mark und Bein grub. Seine Schritte hallten durch das niedrige Kellergeschoss, als er schnell zu seinem Wagen lief, einstieg und hinter sich schließlich die Tür mit einem lauten Krachen zufallen ließ. Das Geräusch beim Starten des Motors hörte sich seltsam blechern an, wie immer, wenn ein Wagen in einer Tiefgarage gestartet wurde und David war froh, dass er nach einigen engen Kurven endlich draußen die Straßen des nächtlichen Berlins entlang fuhr.
Während er so gedankenverloren in seinem Büro gesessen hatte, war ihm gar nicht aufgefallen, wie schnell die Zeit doch dahin geeilt war. Mittlerweile war es zwei Uhr morgens und auch wenn das keine Zeit war, irgendjemandem Besuche abzustatten, so war der Entschluss doch gefasst. Er musste sie sehen, heute noch, auch wenn er damit das Risiko einging, ihren Unmut auf sich zu ziehen, wenn er mitten in der Nacht bei ihr auftauchte. Kurzerhand griff er nach seinem Handy und wählte, beide Augen auf den wenigen Verkehr gerichtet, blind ihre Nummer. Es dauerte eine ganze Weile, ehe das monotone Tuten zuerst von einem Knacken und dann von ihrer verschlafenen Stimme unterbrochen wurde.
„Plenske?" murmelte sie kaum verständlich und David fühlte sich schuldig, sie nach einem so langen und emotional aufwühlenden Tag auch noch aus dem wohlverdienten Schlaf zu reißen.
„Hallo Lisa." Er flüsterte die beiden Worte fast und war sich bei der langen Stille, die nun eingetreten war, nicht sicher, ob sie ihn überhaupt gehört hatte.
„David…" Ihre Stimme klang heiser und verweint, als sie nach einer halben Ewigkeit endlich reagierte. „Es ist spät…"
„Ich weiß, und es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe, Lisa." Wie zur Bekräftigung seiner Worte schüttelte er leicht den Kopf, auch wenn er wusste, dass sie es nicht sehen konnte. Kalter Regen hatte eingesetzt und trommelte erbarmungslos gegen die Windschutzscheibe und das Wagendach und ließ ihre Stimme ein wenig weiter in die Ferne rücken.
„Ist etwas passiert?" nahm er ihre nun besorgt klingende Stimme wahr und fühlte sich noch einmal ein wenig schuldiger.
„Nein… ja… also" stotterte er und unterbrach sich selbst mit einem Seufzen. Am Telefon konnte und wollte er nicht aussprechen, warum er so dringend mit ihr reden wollte.
„David? Bist du noch dran?" holte ihn ihre Stimme zurück in die Gegenwart.
„Ja… ja… natürlich bin ich noch dran. Lisa…" wieder zögerte er, fuhr aber fort, ehe er es sich wieder anders überlegen konnte. „Ich weiß, es ist spät, aber ich muss dich unbedingt sehen. Jetzt."
„Jetzt noch? Es ist fast halb drei!" fragte sie etwas ungläubig, aber der Klang der Worte verriet ihm, dass sie ihn nicht zurückstoßen würde.
„Bitte. Ich weiß, dass es ein ungünstiger Zeitpunkt ist, aber es ist wirklich sehr wichtig." Wieder entstand diese unendlich laute Stille in der Leitung, die jeder kennt, jeder hasst und die niemand vermeiden kann.
„Ruf mich noch mal an, wenn du da bist. Ich will nicht, dass das Klingeln meine Eltern weckt" sagte sie mit noch immer nicht viel kräftigerer Stimme.
„Das werd ich, Lisa. Bis gleich." Erleichtert drückte er das Gespräch weg und ließ sein Handy achtlos auf den Beifahrersitz fallen.
Auch wenn ihm sein Herz vor Aufregung bis zum Hals klopfte, konnte er es kaum mehr erwarten, nach Göberitz zu kommen. Die Tatsache, dass sie ihn nicht zurückgestoßen hatte, schenkte ihm Hoffnung – Hoffnung, dass sie ihm eine Chance geben würde und Hoffnung, dass die Sache mit Kowalski nichts wirklich Ernstes war und sie irgendwo tief in ihrem Herzen immer noch die Liebe und Zuneigung für ihn empfand, die sie schon so lange gehegt hatte und die er erst jetzt auch in sich selbst entdeckt hatte.
Nach schier endlosen zwanzig Minuten Fahrt, kam sein Wagen endlich in einer kleinen dunklen Göberitzer Seitenstraße unweit des Hauses der Plenskes zum Stehen. David griff erneut nach seinem Handy, wobei seine Finger zärtlich noch einmal über den weichen Stoff ihres Schals glitten, der ebenfalls auf dem Beifahrersitz lag. Er wählte erneut ihre Nummer und diesmal wurde sein Anruf schneller beantwortet.
„David?" vernahm er ihre Stimme, die beinahe ängstlich klang, so als hätte sie gedacht, alles sei nur ein Traum gewesen, als hätte man ihr damit einen üblen Streich gespielt, dass ausgerechnet der Mann, den sie seit etwas mehr als einem Jahr liebte und begehrte, sie mitten in der Nacht sehen wollte.
„Ich bin in drei Minuten da" versuchte er ihr die Unsicherheit zu nehmen und lächelte an den Hörer. „Lisa?" flüsterte er ihren Namen fragend.
„Ja?"
„Ich hab das vorhin alles genau so gemeint, wie ich das gesagt habe." David versuchte für das, was ihm bevorstand, vorzubauen, ihr wenigstens noch für ein paar Minuten die Zeit zu geben, sich auf ihn und das Gespräch vorzubereiten.
„Ich warte an der Haustür" erwiderte sie knapp und erneut eintretendes Tuten zeigte ihm, dass sie aufgelegt hatte.
„War nicht anders zu erwarten" seufzte er, enttäuscht darüber, dass sie nicht näher auf seine Worte eingegangen war. Aber sie hatten den Rest der Nacht Zeit und wenn Lisa und das Schicksal es so wollten, so blieb ihnen noch der Rest der Ewigkeit.
David zog den Schlüssel ab, nahm Lisas Schal und stieg aus seinem Wagen. Den strömenden Regen schien er aus Berlin mitgebracht zu haben, denn er hatte während der ganzen Fahrt nicht auch nur für einen Moment nachgelassen. In Gedanken versuchte er sich noch ein letztes Mal auf das Gespräch vorzubereiten, versuchte, die richtigen Worte zu finden, um sich nicht wieder in ungeschickten Worten zu verheddern, wie er es sonst so oft tat. Für ihn zählte nur noch, dass sie wusste, wie ehrlich er es mit ihr meinte – sie musste einfach wissen, dass er sie von ganzem Herzen liebte, aufrichtig und für immer und ewig.
Der Klang seiner Schritte verhallte in dem alles beherrschenden Prasseln des Regens, dessen Tropfen sich auf seiner Haut anfühlten, wie tausend kleine, eiskalte Nadelspitzen. Blind für seine Umwelt trabte er, den Kopf eingezogen und den Blick stur auf den Asphalt des Gehwegs gerichtet, um die Kurve bis er auf die Straße kam, in der Lisas Elternhaus stand. Nur noch wenige Meter trennten ihn von ihr und diese Tatsache ließ sowohl seine Schritte als auch seinen Herzschlag schneller werden.
Zunächst bemerkte er die dunkle Gestalt, die ihm, seit er aus dem Wagen gestiegen war, folgte, nicht. Wie seine eigenen, wurden auch ihre Schritte vom Lärm der Nacht verschluckt. Erst der Druck eines Gegenstandes in seinem Rücken und eine vor seinen Mund gepresste Hand, ließ ihn gewahr werden, dass er alles andere als allein durch die Dunkelheit wanderte.
„Geld her, oder ich drück ab" krächzte die brüchige Stimme eines noch sehr jungen Mannes in einem drohenden Flüsterton direkt an seinem Ohr. David roch den faulen Atem seines Angreifers, spürte wie sich der Druck der Pistole gegen seinen Rücken erhöhte, nahm das leise Klicken wahr, als der Hahn der Waffe zurückgezogen wurde und schließlich einrastete.
„Ganz ruhig" wisperte er verängstigt. Aus dem Augenwinkel sah er bereits das Haus der Plenskes; es war nur noch wenige Meter entfernt. Über dem Busch, der die Sicht auf die Haustür verdeckte, konnte er den schwachen Lichtschein der Außenlampe sehen. Erneut presste etwas gegen seine Schulter. Diesmal war es die Hand des Mannes, der ihn von sich wegstieß. David stolperte zu Boden und schlug hart auf. Als er den Kopf hob, sah er direkt in den Lauf der Waffe, die ihm von einem Maskierten ins Gesicht gehalten wurde.
„Mach schon!" tönte die krächzende Stimme erneut. „Bei dem fetten Wagen wirste wohl auch was in der Börse haben. Her damit!" forderte sein Gegenüber ihn auf und David tat wie ihm geheißen. Langsam griff er in die Innentasche seines Mantels, um seine Brieftasche herauszuholen. „Wird's bald? Ich hab nicht die ganze Nacht Zeit!" Er reichte dem Bewaffneten das gewünschte Objekt und hoffte inständig, dass er überhaupt noch irgendwelches Bargeld bei sich hatte. Im Zeitalter des Plastikgeldes war dies schließlich keine Selbstverständlichkeit mehr.
Nervös durchsuchte der Maskierte die Brieftasche, hielt dabei aber immer noch ein Auge und die Waffe auf sein Opfer gerichtet. Endlich hatte er gefunden, wonach er gesucht hatte.
„Das ist alles?" rief er empört aus und hielt einen blauen und einen braunen Geldschein in die Höhe. Die Börse hatte er achtlos zu Boden fallen lassen.
„Es tut mir leid…" setzte David verzweifelt an, doch ein Tritt in die Magengegend ließ ihn verstummen und krümmte sich mit einem unterdrückten Schmerzenslaut nach vorne. Ein Schlag ins Gesicht beförderte ihn dann allerdings rücklings auf den nassen und kalten Asphalt, wo er liegen blieb. Mit verschleiertem Blick nahm er wahr, wie der Fremde das Geld in der Tasche seiner Lederjacke verschwinden ließ, sogleich ein Bein über ihn schwang, um dann über ihm in die Hocke zu gehen. Wieder spürte er den Druck der Waffe gegen seinen Körper an der gleichen Stelle, nur diesmal nicht am Rücken, sondern gegen seinen Brustkorb. ‚Bitte, Lisa. Bleib, wo du bist' ging es David panisch durch den Kopf.
„Vielen Dank, auch … für nichts" krächzte die Stimme.
Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die Stille der Nacht und auf ihn folgte ein stechender, höllisch brennender Schmerz, der David fast die Sinne raubte. Er versuchte sich aus der Umklammerung der Beine des Mannes zu befreien, was ihm zu seinem nicht geringen Erstaunen gelang. David hörte die lauten und schnellen Schritte von mehr als nur einem paar Füße, konnte aber nicht mehr ausmachen, wohin sie liefen oder woher sie kamen. Ein Schatten legte sich über ihn, aber sein immer mehr verschwimmender Blick ließ ihn nicht erkennen, wer es war.
„David" nahm er Lisas panische Stimme wie aus weiter Ferne wahr. Er spürte, wie sein Kopf angehoben wurde, um schließlich in einen weichen Schoß gebettet zu werden. Irgendjemand schrie um Hilfe und die Rufe hallten abwechselnd mit seinem Namen durch die Nacht.
‚Sie ist gekommen' dachte er bei sich und kämpfte darum, bei Sinnen zu bleiben. Verzweifelt versuchte er, seinen Blick zu schärfen, wollte das Gesicht sehen, das sich über ihn beugte und von dem er genau wusste, zu wem es gehörte.
„Lisa…" Er musste ihren Namen förmlich durch seine Lippen pressen, versuchte die nach Eisen metallisch schmeckende Flüssigkeit in seiner Mundhöhle irgendwie loszuwerden, versuchte sie zu schlucken, doch seine Kehle gehorchte ihm nicht.
„David" hörte er, wie sein Name wieder mit von Tränen erstickter Stimme ausgesprochen wurde. Kein Zweifel. Es war Lisa, die ihm zu Hilfe geeilt war.
„Ich… ich…" Mehr als ein Röcheln brachte er nicht mehr zustande. Die Luft zum Atmen schien immer weniger zu werden und bleierne Schwere und Dunkelheit legte sich über seine Lider. Er musste kämpfen, wollte nicht aufgeben, nicht ehe er gesagt hatte, weshalb er gekommen war. Was danach passierte, war ihm gleichgültig. „Ich… liebe… dich…" Er spürte, wie sein Kopf immer schwerer wurde, schließlich zur Seite sackte und liegen blieb. Zu den eiskalten Tropfen des Regens gesellten sich vereinzelte heiße, die immer wieder auf sein Gesicht niederfielen. Es war vorbei; er konnte den Kampf nicht mehr weiterführen, musste sich endlich der Schwärze hingeben, die so unerbittlich an ihm riss und ihn forderte. Nicht einmal mehr schemenhaft nahm er seine Umgebung wahr und schließlich wurde alles dunkel und schwarz. Seine verkrampften Finger lösten sich und Lisas bunter Schal glitt aus seinen toten Händen auf den nassen Asphalt.[/quote]
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