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Two lives
Author:
Lady in black PM
One Shot: Lisa hat Rokko geheiratet und David ist mit seinem Schiff davongesegelt. Jahre später treffen sie sich wieder...
Rated: Fiction K+ - German - Friendship/Drama - David S. & Elisabeth P./Lisa - Words: 3,649 - Published: 03-25-12 - Status: Complete - id: 7957498
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Two lives

Am Anfang hatte es noch wehgetan. Und dann irgendwann nicht mehr so sehr. Es war vorbei gewesen, noch ehe es richtig begonnen hatte und je mehr Jahre ins Land zogen und die Zeit auf seiner Lebensuhr verstreichen ließen, umso bewusster wurde er sich, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Zu erst hatte es sich noch so angefühlt wie verzweifelt gekämpft und dann hoffnungslos verloren, doch wandelte sich die große Trauer in ein Gefühl der Zufriedenheit, die sich nur durch eine Erkenntnis hatte einstellen können. Sie passte einfach nicht zu ihm. Blöd dahin gesagt, ein dummer und dennoch oft zitierter Spruch, der mit etwas sorgfältiger und genauer Betrachtung einen längst nicht mehr schmerzhaften Sinn ergab.

Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen, indem sie einem anderen ihr Ja-Wort gegeben hatte und ihn damit aus seinem Wahnsinn befreit hatte. Heute war ihm das klar, zehn Jahre später. Er war froh, dem Ratschlag ihrer Mutter, dass er sie gehen lassen musste, ihr das kleine Bisschen Glück gönnen musste, damals gefolgt zu haben, schätzte sich richtiggehend glücklich. Hätte er es nicht getan, so wusste er nun, dass ihm die wahre Liebe davongelaufen wäre. Sicher. Es hatte jede Menge Anzeichen gegeben, dass Lisa ihn geliebt hatte. Doch war es am Ende nicht doch nur eine kindische Schwärmerei gewesen, die sich mit der Entdeckung ihrer Gefühle für Rokko Kowalski in Luft aufgelöst hatte? Oder waren es nurmehr die Umstände gewesen, war es der pure Zufall gewesen, dass ausgerechnet am Abend ihres ersten gemeinsamen Dates als Paar das Schicksal in aller Härte zugeschlagen hatte und ihn aus seinem gewohnten Leben gerissen hatte?

Dies alles waren Fragen, auf die er bis heute keine Antwort hatte, aber von irgendwoher wusste er, vielleicht instinktiv, dass es richtig gewesen war. Es war richtig gewesen, dass sie nicht zueinander gefunden hatten, dass er gekämpft hatte und verloren hatte. So konnte er sich nun wenigstens sicher sein, keiner versäumten Gelegenheit sein Leben lang nachtrauern zu müssen. Je weiter sein Schiff in die Weiten des Ozeans vorgedrungen war, umso weniger wurde der Schmerz, umso weniger bitter der Geschmack des Verlustes. Auf Tahiti schließlich reifte die Erkenntnis, dass er nichts verloren hatte, sondern vielmehr gewonnen. Auch wenn Lisa es gewesen war, die ihn auf den richtigen Weg gebracht hatte, die den wahren, in ihm schlummernden Kern ans Tageslicht befördert hatte; auch wenn Lisa es gewesen war, die ihn das Lieben gelehrt hatte, so nahm er die Tatsache, dass sie niemals das Objekt seiner Liebe sein konnte, in bescheidener Dankbarkeit hin.

Nach knapp eineinhalb Jahren auf Tahiti, hatte er sich endlich entschlossen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Er fühlte sich bereit dazu, fühlte, dass seine alte Kraft und innere Stärke wieder in ihn zurückgekehrt waren. Bevor er irgendwen in seiner alten Heimat über seine Rückkehr in Kenntnis setzte, lebte er eine Weile inkognito, suchte sich eine Wohnung und brachte seine ganz persönlichen Umstände erst einmal in Ordnung, ehe er Familie und Freunden wieder unter die Augen getreten war. Seine Absicht war es gewesen, unter klaren Verhältnissen und Bedingungen zurückzukehren und es war ihm gelungen. Auch wenn seine Eltern sich während seiner Abwesenheit getrennt hatten, auch wenn Kim zu Sophies Protegée geworden war und damit auch den letzten Funken Anstand und Ehre in den Wind geschossen hatte, so konnten ihn diese Umstände nicht erschüttern. Von seiner Mutter erfuhr er, dass Lisa noch immer die Firma leitete, sich aber seit der Geburt ihres ersten Kindes mit Rokko, von Kerima zurückgezogen hatte. Als Geschäftsführer fungierten Sophie von Brahmberg und sein Vater, wobei er allerdings bereits aus den Medien erfahren hatte, dass das größte deutsche Modeunternehmen langsam aber sicher den Bach hinunter ging. Sein Herzblut hatte er schon lange von Kerima losgesagt, aber dennoch ärgerte es ihn mehr, als er zugeben wollte. Er haderte lange mit sich, ob er nicht doch wieder einsteigen sollte, entschied sich dann aber schließlich dagegen.

Nach einem Jahr in Deutschland hatte er Lisa noch nicht wieder getroffen. Über eine ganze Weile war er sich nicht klar darüber, ob er sie überhaupt sehen wollte, doch wurde ihm bald schon bewusst, dass ein Wiedersehen keine alten Wunden aufreißen würde, ihm aber schlicht und ergreifend das Bedürfnis dazu fehlte. Dies bedeutete jedoch leider nicht, dass er mit ihr und seinen Gefühlen für sie abgeschlossen hatte.

Es hatte nicht lange gedauert und aus der Liebe zu ihr, war Wut geworden. Die Wut war in dem Moment gekommen, als der nachlassende Schmerz endlich einen einigermaßen neutralen Blick auf die Geschehnisse der Vergangenheit zuließ. Natürlich war er sich im Klaren darüber, dass er selbst auch Fehler gemacht hatte, sogar eine ganze Menge, aber hatte er deshalb das Recht verwirkt, über Verzeihen und nicht Verzeihen der Fehler anderer an ihm zu befinden und zu urteilen? Nichts von dem, was er jemals einem anderen angetan hatte, war mit dem gleichzusetzen, was ihm widerfahren war. Niemals hatte er einem Menschen so dermaßen zugesetzt, als dass er darüber beinahe sein Leben verloren hätte. Sie hatte zu viel von ihm erwartet, wollte Dinge von ihm, die er ihr nicht geben konnte. Und als er dann endlich bereit gewesen wäre, oder dies zumindest geglaubt hatte, war sie bereits die Frau an der Seite eines anderen. Zu spät für ihn und doch keinen Augenblick zu früh.

Irgendwann jedoch war der Tag gekommen, an dem sich ein Treffen mit ihr zwar wohl hätte vermeiden lassen, er es aber nicht mehr vermeiden wollte, nur um seinen Seelenfrieden zu bewahren. In sein Herz war Ruhe eingekehrt in dem Augenblick, als er die Liebe erneut entdeckt hatte. Ganz zufällig und ohne großes Aufsehen war sie in sein Leben zurückgekehrt und hatte ihn sich unwiederbringlich in ihren zarten Fängen verlieren lassen. Sarah war die Frau, an die er sein Herz verlor und die es auch heute, beinahe zehn Jahre später, noch immer gefangen hielt. Ganz leise und ruhig liebten sie sich, nahmen es nicht als selbstverständlich und gegeben hin, sondern dankten einander jeden Tag aufs Neue für die Gegenwart des anderen mit kleinen Liebesschwüren. Der sichere Hafen dieser Liebe nahm ihm auch die Angst vor einer ersten Begegnung mit Lisa.

Niemals würde er diesen Tag vergessen, soviel war sicher.

Nach vier Jahren in Deutschland hatte er es zum Geschäftsführer und Firmengründer einer gut gehenden kleinen Firma gebracht, die sich – wie sollte es unter seiner Führung auch anders sein – in der Modewelt bald einen ansehnlichen Namen gemacht hatte. Hauptsächlich vertrieb er Accessoires, brachte aber mit Hilfe einer über die Maßen begabten Jungdesignerin auch kleinere Kollektionen auf den Markt. Und so kam es, dass ‚DS-Accessories' von ‚Kerima-Moda' kontaktiert wurde mit der Anfrage, verschiedene Accessoires für die aktuelle Kollektion zu entwerfen und zu vertreiben, da sich der Chef-Designer des größeren Unternehmens weigerte, sich mit solchen Banalitäten auseinanderzusetzen.

Interessiert an dem Angebot der Firma, für die er doch einige Jahre gearbeitet hatte, stimmte er einem ersten Meeting zu, in dem die Details des Auftrags besprochen werden sollten. Er war sich nicht sicher, ob es auch tatsächlich Lisa war, mit der er die Verhandlungen führen sollte, denn der bisher lediglich schriftliche Verkehr, war immer nur im Auftrag der Geschäftsleitung unterzeichnet worden.

Mit einem dementsprechend flauen Gefühl im Magen machte er sich auf den Weg zu dem vereinbarten Termin. Sarah hatte sich angeboten, ihn zu begleiten; er hatte jedoch abgelehnt und war leicht erstaunt, dass in ihren Augen keine Spur von Misstrauen oder Eifersucht zu finden war. Sie wusste um seine Vergangenheit mit der Mehrheitseignerin der Firma seines Vaters, doch schien sie sich seiner Liebe sicher genug zu sein, um ihn ziehen zu lassen.

Viele der Gesichter, die ihn ansahen, als er im vierzehnten Stock aus dem Fahrstuhl stieg, kannte er nicht. Seit seinem Weggang aus Berlin hatte sich viel verändert in der Firma und so war es auch nicht verwunderlich, dass die kleine Brünette am Empfang nur mit den Schultern zuckte, als er seinen Namen und den Grund seines Erscheinens nannte. Sie telefonierte kurz und hieß ihn dann auf dem langen Sofa im Foyer Platz zu nehmen. Er tat dies auch ohne Murren und selbst wenn sich die Gesichter verändert hatten, so waren die Räume, durch die ihre Besitzer geschäftig streiften, noch immer die Selben wie an dem Tag, als er Kerima verlassen hatte. Kurz flackerte in ihm die Neugierde auf, ob sein altes Büro wohl immer noch so aussehen würde wie damals, verwarf den Gedanken aber rasch wieder und wartete stattdessen gespannt, wer nun sein Gesprächspartner werden würde. Schließlich kam doch wieder die kleine vom Empfang zu ihm und forderte ihn auf, ihr zu folgen. Zu seiner Überraschung steuerte sie direkt auf sein altes Büro zu. Es stand kein Name mehr an der Tür und durch die milchigen Scheiben konnte er zwar erkennen, dass die Wände noch immer in verschiedenen Blautönen gehalten waren, aber nicht wer nun letztendlich am Schreibtisch im Inneren des Raumes saß.

„Bitteschön" sagte die Brünette nicht unfreundlich, während sie ihm die Tür zu seinem alten Büro aufhielt. Er drückte sich an ihr vorbei hinein und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Nichts hatte sich verändert. Seine persönlichen Gegenstände waren noch immer da, wo sie einst gestanden hatten; der kleine silberne Spielzeugkombi parkte wie eh und je neben einem Foto seines Vaters auf dem Sideboard hinter seinem alten Schreibtisch. Das Modell eines Segelschiffs, das er dereinst als kleiner Junge gebaut hatte, dann als erwachsener Mann dort aufgestellt, wieder nach Hause geholt und schließlich gegen die Wand hatte krachen lassen, thronte repariert auf seinem alten Platz. Neu hinzugekommen waren ein gerahmtes Foto von ihm an der Wand und die Frau, die an seinem Schreibtisch saß. Etwas verlegen machte er durch ein leises Räuspern auf sich aufmerksam, tappte einige Male mit dem Fuß ungeduldig auf den Boden und ließ seinen Blick an die Decke gleiten. Das Geräusch eines Bürosessels, der auf dem Teppich zurückgefahren wurde, ließ ihn erahnen, dass die Frau nun endlich bereit war, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

„Es freut mich, dass sie es so schnell einrichten konnten, Herr…" Sie war von ihrem Stuhl aufgestanden, während sie ihn begrüßt hatte und stand nun mit ausgestreckter Hand erstarrt vor ihm. Noch immer strahlend schöne blaue Augen sahen ihn erschrocken an. Es war Lisa, aber nicht mehr die, die er in Erinnerung hatte. Sie hatte sich verändert. Ob zu ihrem Nachteil, mochte er nicht beurteilen, zumal sie noch kein persönliches Wort gewechselt hatten. Schön war sie. So viel konnte er erkennen, doch ob sie glücklich war, stand nicht in ihren Zügen zu lesen. „David" stieß sie hervor und ließ ihre Hand ruckartig sinken.

„Lisa" antwortete er freundlich und schenkte ihr ein kleines Lächeln, das ihn einige Kraft kostete. Jetzt, da sie ihm gegenüberstand, waren sein innere Festigkeit und Stärke auf einmal dahin. Für einen Moment lang hätte er am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre fluchtartig aus dem Büro gestürmt. „Schön, dich wieder zu sehen" sagte er stattdessen, unternahm aber nichts weiter.

„David" kam es wieder von ihr, diesmal geflüstert und ein Glitzern in ihren Augen verriet, dass das unerwartete Wiedersehen, sie mehr mitnahm, als sie wohl beide je vermutet hätten. „Ich hatte ja keine Ahnung…"

„… dass ich wieder zurück bin?" fragte er und sah sie erwartungsvoll an.

„Dass du der D Punkt Seidel bist, der sich hinter DS-Accessories verbirgt" korrigierte sie ihn und konnte sich schließlich dazu durchringen, ihn mit einem Fingerzeig einen Platz anzubieten.

„So viele David Seidels gibt es in Berlin nicht" meinte er relativ trocken und folgte ihrem Angebot. Er ließ sich in einem der beiden alten Korbsessel nieder. Lisa setzte sich wieder hinter den Schreibtisch, wohl um schützenden Abstand von ihm zu bewahren. „Ich wollte meinen Namen eigentlich ganz aus dem Geschäft raushalten. Nicht er, sondern unser Angebot sollte überzeugen."

„Ich verstehe" nickte Lisa, sah aber immer noch aus, als würde sie sich einem Gespenst gegenüber wähnen. „Wie… wie… wie geht es dir?" fragte sie schließlich leise nach und wetzte unruhig auf dem Leder ihrer Sitzgelegenheit hin und her.

„Gut" antwortet David mit einem Nicken und blieb mit dem Blick an der Geste hängen, die für Lisa schon immer typisch gewesen war. Sie knetete ihre Hände ununterbrochen, walkte jeden einzelnen Finger durch, bis sie schließlich von der Reibung dunkelrot waren. „Und dir?" Forschend sah er in ihre Augen, versuchte in ihnen zu lesen, so wie er es früher immer getan hatte, jedoch wollte es ihm nicht gelingen.

„Danke, auch gut" nickte sie, doch an der Art wie sie es tat, glaubte David zu spüren, dass sie damit mehr sich selbst als ihn zu überzeugen versuchte. „Die Firma läuft hervorragend, der Familie geht es gut – was soll Frau sich da noch mehr wünschen."

„Du konntest noch nie lügen, Lisa" erwiderte David nach einer Weile nüchtern. Dass die Firma eben nicht gut lief, wusste er ja schon aus mehreren Quellen und langsam keimte in ihm die Vermutung, dass es mit der Familie auch nicht so lief, wie sie sich das erhofft hatte.

„Wieso? Wie meinst du das?" Sie fühlte sich ertappt und verfluchte sich dafür, dass sie vermutlich wie immer in solchen Situationen rot angelaufen war.

„Die Firma läuft nicht gut, Lisa. Das ist ein offenes Geheimnis, über das in sämtlichen Wirtschafts- und Modemagazinen geschrieben wird. Vermutlich braucht ihr auch deshalb den Namen eines erfolgreichen Jungunternehmens an eurer Seite, um euer Image wieder ein wenig aufzupäppeln."

„Du findest ehrlich Worte für einen Mann, der sich einfach so davongestohlen hat, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen" antwortete sie daraufhin leise und wagte es nicht, den Blick von der Schreibtischplatte abzuwenden. Sie wusste, dass sie ihn damit provozierte, aber auf eine gewissen Art und Weise war dies auch ihre Absicht. Er hatte sie allein gelassen, hatte sie zurückgelassen und ihre Liebe verraten. Er war der einzige gewesen, der sie noch irgendwie aus ihrer inneren Starre hätte lösen können, der dazu in der Lage gewesen wäre, die Mauer um ihr Herz zu sprengen. Doch er hatte es nicht getan und sie musste nun damit leben, dass sie die Mutter eines Sohnes war, der aus einer unbefriedigenden und unglücklichen Ehe hervorgegangen war. Niemals wäre es ihr in den Sinn gekommen, sich von Rokko zu trennen, schon allein des gemeinsamen Kindes wegen, doch Davids plötzliches Erscheinen brachte ihre friedlose Ruhe kräftig ins Wanken und damit die Welt, in der sie sich eingerichtet, in die sie sich eingelebt hatte.

David musterte sie. Früher hätte alles in ihm danach geschrieen, sich zu rechtfertigen, sich zu verteidigen, doch die zurückliegenden Jahre hatten ihn gelehrt, sein Temperament zu zügeln und seine Worte mit Bedacht zu wählen. In seinen Augen verdiente er diese Vorwürfe nicht, doch er wusste, dass es in der Natur der Sache lag, dass Lisa dies anders sah. „Ich habe dich nicht belogen, Lisa. Du wolltest oder konntest nur nicht hören, was ich sagte."

„Du gibst mir die Schuld?" ihre Stimme bebte unter dem Kampf gegen die aufsteigenden Tränen.

„Schuld?" David wiederholte ihr letztes Wort ruhig und bedächtig. „Niemand hat Schuld, Lisa. Du nicht. Und ich auch nicht. Es wäre nicht gut gegangen mit uns."

„Woher willst du das wissen?" brauste sie auf. Mit einem Ruck erhob sie sich aus ihrem Stuhl und begann im Raum auf und ab zu laufen.

„Weil ich dir nicht geben konnte, was du wolltest und verdient hast. Wäre es dir lieber gewesen, wir hätten eine Lüge gelebt? Wäre es dir lieber gewesen, einen Traum zu leben, der nicht dazu bestimmt war, wahr zu werden?" David war nach außen noch immer ruhiger, als er sich in Wahrheit fühlte. Es überrascht ihn zunehmend, dass seine gemeinsame Vergangenheit mit Lisa, wohl immer noch nicht zur Ruhe gekommen war, ihn immer noch so aufwühlen konnte, obwohl er doch eine andere liebte, ehrlich und aufrichtig. Wäre Lisa nicht so stur darauf bedacht gewesen, ihre Augen auf dem Teppich haften zu lassen, hätte er ihrem Blick mit Sicherheit ausweichen müssen.

„War unsere Liebe denn eine Lüge?"

„Welche Liebe, Lisa?" Nichts in der Welt hielt ihn nun mehr auf dem Sessel. Er sprang auf, stellte sich Lisa in den Weg und hielt sie an den Oberarmen fest. Mit starr auf sie gerichteten Augen versuchte er sie dazu zu bewegen, ihn anzusehen, doch sie blickte wie ein störrisches Kind in die andere Richtung an die Wand. „Von welcher Liebe sprichst du? Von der, die du für mich empfunden hast? Von der, die ich für dich empfunden habe? Oder von der, die wir uns nie gemeinsam verdienen und aufbauen konnten?"

„Von all diesen und doch von keiner von ihnen" schluchzte sie nun auf und wand sich aus seinem Griff. Zitternd wanderte sie wieder um den Schreibtisch herum und setzte sich. Ihr Körper wurde von vielen Schwallen von Tränen zum Zittern gebracht und David wäre am Liebsten an ihre Seite geeilt, hätte sie am Liebsten in den Arm genommen, doch irgendetwas in seinem Inneren hielt ihn zurück und zwang auch ihn, sich wieder auf seinen alten Platz zu setzen. Es dauerte lange, ehe sich Lisa wieder soweit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte. Sie nahm endlich das Taschentuch, das David ihr schon seit einer halben Ewigkeit hinhielt und wischte sich die Tränen aus dem geröteten Gesicht. „Es tut mir Leid, David. Ich weiß, das war nicht fair." Sie räusperte sich, atmete einmal tief durch und brachte es endlich über sich, ihm in die Augen zu blicken. Tief in ihr lösten sie die gleichen Gefühle und Sehnsüchte wie eh und je aus, doch sie ignorierte sie und versuchte der Vernunft die Oberhand über sich selbst zurück zu geben. „Alte Wunden" versuchte sie sich an einer Erklärung und lächelte dabei gequält. „Nach der Hochzeit mit Rokko sind mir viele Dinge klar geworden, über die ich mit keinem Menschen je gesprochen habe. Und dein plötzliches Auftauchen hier hat sie wieder hochsteigen lassen."

„Das tut mir sehr Leid, Lisa."

„Nein, David. Mir tut es Leid. Hätte ich damals etwas mehr auf mein Herz vertraut und darauf gehört, was es mir sagte, statt auf meinen Verstand zu bauen, säßen wir heute so nicht hier." Sie schüttelte den Kopf und schnaubte enttäuscht aus. „Ich weiß auch nicht, wie wir heute zueinander stehen würden, hätte ich damals anders gehandelt, aber wenigstens könnte ich in den Spiegel sehen, ohne mich jedes Mal danach zu fragen, was gewesen wäre, wenn ich mehr Geduld gehabt hätte und mehr Vertrauen in dich gesetzt hätte." Sie seufzte vernehmbar und schloss für einen Moment die Augen, ehe sie fortfuhr. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich mir gewünscht habe, die Zeit noch einmal zurück drehen zu können zu dem Abend im Wolfhardts." Wieder schwieg sie für eine Weile, ehe sie die eine Frage stellte, die ihr seit damals auf der Seele brannte. „Warum bist du gegangen? Ohne auf Wiedersehen zu sagen? Ohne ein Wort?"

„Sie hat es dir nicht gesagt?"

„Wer hat mir was nicht gesagt?" gab sie mit dem gleichen Erstaunen zurück, das sie eben in seiner Stimme vernommen hatte.

„Deine Mutter" antwortete David sogleich. „An dem Abend als ich euren Familienabend gestört habe und deine Mutter und dein Vater sich aufgeführt haben, wie zwei Marketender, die den jeweils besten Schwiegersohn zu vergeben hatten, war sie später noch bei mir, angeblich, um mir Nachtisch zu bringen. Dabei hat sie mich beschworen, dir das Bisschen Glück zu gönnen." Er seufzte verächtlich. „Und genau das habe ich dann auch getan. Aber ich stellte mir selbst die Bedingung, dass ich auch glücklich werden wollte und das konnte ich nur fern von Berlin und damit fern von dir."

„Ich sag ja schon lange, dass wohl besser meine Mutter Rokko geheiratet hätte" seufzte Lisa bitter lächelnd und schüttelte dabei erneut den Kopf.

„Du scheinst nicht sehr glücklich zu sein" stellte David sachlich fest und konnte dabei nicht verhindern, dass sich nun doch erste Schuldgefühle in ihm regten, die nichts mit seiner Liebe zu Sarah zu tun hatten, sondern vielmehr damit, dass er damals wirklich einfach so abgehauen war. Auf der anderen Seite konnte und durfte er es sich zugute halten, dass er mehr als einmal versucht hatte, sie wieder für sich zu gewinnen, auch wenn es immer mit der Absicht geschehen war, es danach langsam angehen zu lassen.

„Ich geb' mir Mühe" antwortet Lisa daraufhin wahrheitsgemäß. „Lucas, unser Sohn ist wirklich ein Goldstück. Ich wüsste nicht, was ich ohne ihn täte." Nun endlich huschte doch ein Lächeln über ihre Lippen, wie David erleichtert zur Kenntnis nahm.

„Wir müssen die Vergangenheit ruhen lassen, Lisa. So, wie ich Rokko kennen gelernt habe und so, wie ich ihn aus meinem mittlerweile etwas neutraleren Blickwinkel sehe, liebt er dich aufrichtig, Lisa."

„Ich weiß" gab sie ihm als einfache Antwort und wollte es dabei ruhen lassen. „Wie sieht es eigentlich bei dir aus?" Sie hatte Angst vor der Reaktion auf ihre Frage, aber sie musste es wissen, musste es wissen, um Rokko endgültig in ihr Herz zu lassen und um ihre Liebe zu David daraus verbannen zu können. „Liebst du?"

„Ja." David schämte sich dessen nicht, war fest entschlossen auch unter diesen Umständen zu seiner Liebe zu stehen. „Ich liebe wieder."

Mittlerweile konnte sich David ein Lächeln abringen, wenn er an dieses Gespräch dachte, das nun schon sechs Jahre zurück lag. In der Zwischenzeit waren Lisa und er gute Freunde geworden und nach noch mehr klärenden Gesprächen, war es ihr irgendwie gelungen, ihr Herz endgültig für Rokko zu öffnen und ihn darin aufzunehmen. Die Geburt ihres zweiten Sohnes hatte die beiden noch mehr zusammengeschweißt und schließlich eine glückliche Familie aus ihnen werden lassen. David war darum froh und dankbar, denn so konnte er auch endlich seine eigene kleine Familie und vor allem seine Liebe zu Sarah genießen. Zwei Kinder hatten sie bekommen und das dritte schlummerte unter dem Herzen seiner Mutter als Zeichen der Liebe seiner Eltern neben David im Bett. Sarah schlief tief und fest und David dachte dankbar daran, wie glücklich er sich schätzen durfte, eine solche Liebe noch einmal gefunden zu haben. Er wusste nur allzu gut, dass dies nicht jedem Menschen vergönnt war. Zärtlich küsste er ihre Stirn, bevor ihn die Müdigkeit übermannte und er in einen traumlosen Schlaf versank.

ENDE

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