
David verlässt Lisa, Deutschland, sein altes Leben. Es zieht ihn auf seinem Boot nach Irland, wo er ein neues Leben findet. Doch es hat nicht lange Bestand. Rated T just to be safe.
Rated: Fiction T - German - Drama/Hurt/Comfort - David S. & Elisabeth P./Lisa - Chapters: 12 - Words: 30,965 - Follows: 1 - Updated: 03-27-13 - Published: 03-25-12 - Status: Complete - id: 7957560
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Tage im September
1. Abschied
David saß auf einer Bank im Garten der Seidel'schen Villa und starrte gedankenverloren auf die winzigen Wellen im Teich, die sich mit jedem Luftzug ihren Weg vom einen Ende zum anderen machten. Helga Plenske war bei ihm gewesen und hatte ihm wegen ihrer Tochter ins Gewissen geredet. Freigeben sollte er sie. Ihrem Glück sollte er nicht im Weg stehen. Er solle sich endlich klar machen, dass Lisa ihn nie wirklich geliebt habe und sich nach der Entführung nur um ihn gekümmert habe, weil sie Mitleid mit ihm hatte. Verächtlich schnaufte David heftig aus und verdrehte die Augen. Was wusste die Plenske schon.
Wie sie ihm vorgeschwärmt hatte von dem Kowalski. Wie gut er ihrer Tochter doch täte – Lisa sei ein ganz neuer Mensch geworden, seit sie mit dem Kowalski zusammen ist. Ganz anders als die eineinhalb Jahre zuvor, die sie mit sinnloser und vor allem hoffnungsloser Schwärmerei für ihren Chef bzw. Geschäftsführer verschwendet hatte.
David zog einen kleinen roten Ball aus seiner Hosentasche und warf ihn ein paar Mal in die Luft. War denn alles bedeutungslos geworden, was sie erlebt hatten? Waren es denn all die schönen Erinnerungen nicht länger wert, darin zu schwelgen? Für Lisa nicht, denn sie hatte ihm ja erst erklärt, dass er nicht länger ein Teil ihres Lebens sein würde. Mit aller Konsequenz. Sie hatte ihn in eine Schachtel gepackt und auf den Dachboden gebracht. Verbannt hatte sie ihn aus ihrem Leben. Verbannt? Nicht ganz. Immerhin hatte sie ihm ja großzügig gestattet, dass er weiterhin ihr Freund sein durfte - auch nach der Hochzeit. Rein platonisch natürlich. Warum hatte sie ihm nicht gleich an den Kopf geworfen, was sie wirklich dachte? ‚David Seidel – du bist nicht mehr als ein guter Bekannter und ich werde jetzt den Mann heiraten, den ich wirklich liebe.' Auch sein Kuss nach der gelungenen Präsentation hatte sie nicht überzeugt und dabei hatte er doch genau gespürt, wie sehr sie ihn genossen hatte, wie sehr ihr die Erfüllung dieses lange gehegten Traumes den Boden unter den Füßen weg zog. Ebenso wie ihm selbst. Nur hatte Lisa es im Gegensatz zu ihm in die Tat umgesetzt. Ohnmächtig war sie in die Arme ihres Verlobten gesunken. Geschah das einer Frau, die ihre Gefühle für einen Mann komplett ausgestellt hatte? Wohl kaum, dachte David bei sich, aber was nützte es ihm schon, eine gewonnene Schlacht zu feiern, wo er doch den Krieg bereits verloren hatte?
Er stand auf und warf den roten Minigolfball in hohem Bogen in den Teich. Endlich wusste er, was zu tun war. Und er würde Helga Plenskes Wunsch erfüllen. Aber so einfach wollte er es Lisa nicht machen.
Er rannte durch die Halle der Villa hinauf in sein Wohnzimmer. Das „David, was hast du?" von seiner Mutter hatte er elegant überhört. Nur um sicher zu sein, dass ihn niemand stören würde, drehte er den Schlüssel hinter sich im Schloss um. Ohne eine weitere Sekunde zu verlieren, holte er sich Papier und Stift aus dem Sideboard, setzte sich und begann zu schreiben.
Liebe Lisa,
David blickte auf. Liebe Lisa? Würde das nicht gegen Frau Plenskes Regeln verstoßen? Er riss das Blatt vom Block, zerknüllte es und warf es auf den Boden. Nächster Versuch.
Hallo Lisa,
Was soll das denn sein? Nach allem, was sie durchgestanden hatten, was sie erlebt hatten, war das ja doch etwas banal. Ein zweites zerknülltes Blatt Papier gesellte sich zum ersten auf den Boden.
Sehr geehrte Frau Plenske,
Nicht wirklich. Spinnst du jetzt komplett, Alter? Das ist doch kein Geschäftsbrief. Das dritte Blatt flog.
Lisa,
seit einer ganzen Zeit werde ich das Gefühl nicht mehr los, dass ein Gespräch zwischen uns dringend notwendig wäre. Es gibt so viele Dinge, die ich dir sagen möchte, dass ich nicht so recht weiß, wo ich überhaupt beginnen soll.
Damals im Wolfhardts bist Du mit so vielen unbeantworteten Fragen im Gesicht davon gelaufen und wenn ich ehrlich bin, war ich damals auch nicht dazu bereit, diese Fragen zu beantworten. Zu tief saßen die Angst und der Schmerz ob dem, was sich in den Wochen zuvor ereignet hatte.
Das war nicht fair, ich weiß, und doch konnte ich nicht anders. Ich konnte einfach nicht da weitermachen, wo wir vor der Entführung aufgehört hatten und so tun, als sei nichts geschehen – auch wenn ich Dich mehr liebe, als alles andere auf der Welt. Es war mir klar, dass ich ein gefährliches Spiel mit dem Feuer wagte, wenn ich Dich so vor den Kopf stoße in meinem Freiheitswahn und schließlich hab ich mir auch die Finger verbrannt, aber ich bereue diese Entscheidung nicht.
Es sollte jetzt nicht um schuldig oder nicht schuldig gehen. Glaub mir, ich bin dir für alles, was Du für mich getan hast so unendlich dankbar, aber in der Zeit im Krankenhaus fühlte ich mich so furchtbar eingeengt und unverstanden. Es kam mir so vor, als wolltet ihr das Trauma der Entführung mit eurem Heile-Welt-Gefasel einfach nur ignorieren. Sie hat Spuren an mir hinterlassen und damit meine ich nicht die Narben, die mich mein Leben lang an diese Wochen erinnern werden.
Ich fühlte mich total aus der Bahn geworfen und sehnte mich nach jemandem, der mich an die Hand nimmt und mir den Weg zurück ins richtige Leben zeigt. Langsam und behutsam. Natürlich wollte ich reden, doch nicht so lange ich das Gefühl dabei haben musste, meine Zuhörer mit meiner Geschichte gnadenlos emotional zu überfordern. Das betrifft nicht nur Dich. Friedrich und Laura, Max, Kim… Eine zerrüttete Seele passte einfach nicht ins Konzept.
Vermutlich habe ich mir das auch selbst zuzuschreiben. Wer traut einem David Seidel schon ernsthaft Gefühle zu. War das nicht der Kerl, der immer nur zu seinem Vorteil gewirtschaftet hat und alle Schönen und Willigen ins nächst beste Hotelbett gezerrt hat, wenn sie nicht bei drei auf dem Baum saßen? Ja, das war der Kerl! Mit Betonung auf war.
Lisa, du hast mir gezeigt, wie viel schöner das Leben ist, wenn man mit offenen Augen und offenem Herzen den Chancen begegnet, die einem das Leben bietet. Du warst es, die meinem Herzen die Augen geöffnet hat und du warst es, die immer an mich geglaubt hat. Egal welchen Unsinn ich gerade wieder angestellt hatte. Ständig war ich dem Druck ausgesetzt, mich anderen beweisen zu müssen, ihnen zeigen zu müssen, was für ein toller Hecht ich doch bin.
Doch Du hast mich gelehrt was es heißt einfach nur zu sein, nicht zu müssen. Du hast mir Fehler zugestanden und mich nicht dafür verurteilt, sondern beurteilt und mich sanft auf den richtigen Weg zurückgebracht.
Und für all das und doch noch so viel mehr liebe ich Dich.
Ich liebe Dich, so wie Du bist - mit Zahnspange, Brille, zerzaustem Haar und vorzugsweise ein paar Pfund zu viel auf den Hüften. Und wenn Du auf der Nase drei riesige Warzen hättest, einen Buckel wie Quasimodo und das Gesicht des Phantoms der Oper. Ich würde Dich immer noch lieben. Selbst wenn mir die komplette Modebranche Geschmacksverirrung unterstellt, dann ist mir das gleichgültig. Bedeutete meine Liebe zu Dir, dass ich alles aufgeben müsste, was ich besitze, so würde ich es ohne Zögern und ohne Zweifel tun – solange ich Dich hätte.
Der Gedanke, dass Du jetzt einem anderen gehörst, ihn gar noch in wenigen Tagen heiraten wirst, zerreißt mir das Herz. Ich könnte es nicht ertragen, Dich täglich in seinen Armen sehen zu müssen. Und da Du Deine Erinnerung an unsere guten Zeiten ohnehin schon weggepackt hast, bin ich zu dem Entschluss gekommen, doch mit meinem Boot in See zu stechen.
Auch ein David Seidel weiß, wann es Zeit ist, zu gehen.
Nur noch eines möchte ich Dir sagen. Mach Dir keine Vorwürfe. Du musst Deinem Herzen folgen, Lisa. Ab jetzt ist es nicht mehr Dein Problem, wie ich mit mir selbst fertig werde.
Versprich mir, dass Du glücklich wirst.
In Liebe,
David
Immer und immer wieder las David den Brief und legte ihn schließlich auf den Couchtisch. Er stand auf, ging ans Sideboard und goss sich ein Glas Whiskey ein. Und noch ein Glas. Und noch eins. Beinahe wie von Geisterhand füllte sich das Glas, bis irgendwann die Flasche leer war und mit einem lauten Krachen an der Wand landete.
David wankte auf die Couch zu und setzte sich wieder. Noch einmal las er den Brief, zerknüllte ihn schließlich und warf ihn zu den anderen auf den Boden. Ein letztes Mal nahm er Papier und Stift in die Hände.
Liebe Lisa,
ich segle heute los und werde auf lange Zeit unterwegs sein.
Ich wünsche Dir alles Glück dieser Welt. Leb wohl!
David
Zufrieden faltete er den Brief zusammen, stand auf und schwankte ins Schlafzimmer, wo er seine Sachen packte.
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