Chapter 11

„Hey Andy, alter Freund. Na, was macht das Nachtleben so?"

Mit einem schiefen und hämischen Grinsen setzte sich der Mann neben ihn an die Theke.

„Hab ich verpasst, dass wir Freundschaft geschlossen haben?"

Andy würdigte ihn keines Blickes. Er starrte weiterhin in seinen Tumbler und schwang die goldbraune Flüssigkeit darin hin und her.

„Ach jetzt komm schon, seit Jahren sitzen wir beide hier und genießen den ein oder anderen Drink zusammen. Wie würdest du das sonst nennen?"

Andy schüttelte leicht den Kopf uns schnaubte.

„Genießen? Wir kommen her, um uns zu betrinken, Raydor. Es hat mein Leben zerstört. Wie siehts bei dir aus?"

Diesmal drehte er sein Gesicht zu dem Mann neben ihm, der sich gerade mit einem Winken einen Bourbon bestellt hatte. Er hatte immer noch ein Lächeln aufgesetzt.

„Ach Flynn, hör doch auf, im Selbstmitleid zu versinken. Deine Frau wäre dir so oder so irgendwann abgehauen. Das machen sie alle."

Andy zog die Augenbrauen nach oben. Zum ersten Mal seit dem Beginn des Gesprächs hatte seine Stimme einen anderen, nicht mehr so unbeschwerten Ton angenommen.

„Was, ist die Eiskönigin etwa endlich zur Vernunft gekommen und hat dich abgeschossen?"

Diesmal waren es Andys Mundwinkel, die sich nach oben bewegten. Jack antwortete nicht. Er zog die Brauen zusammen und leerte sein Glas mit einem Schluck. Als er es absetzte, lag ein fast hasserfüllter Blick in seinen Augen und das Glas prallte mit solch einer Wucht auf dem Tresen auf, dass es die Aufmerksamkeit des Barkeepers erregte.

„Halt den Mund, Flynn. Sie denkt, ich lasse mir das gefallen. Aber sie wird dafür noch bezahlen."

Andy schluckte. Er wusste, dass Jack Raydor den Mund schon mal sehr voll nahm, aber diesmal klang er tatsächlich entschlossen. Doch sein vom Alkohol vernebelter Verstand redete ihm das ganze sofort wieder aus. Es ging ja doch nur um die Hexe. Was kümmerte es ihn?

„Was hast du erwartet, wenn du dich jeden Abend volllaufen lässt und alles mit ins Bett nimmst, was nicht bei drei auf den Bäumen ist."

Andy leerte sein Glas und kramte seine Brieftasche aus seiner Jacke.

Jack spielte an seinem mittlerweile wieder aufgefüllten Glas herum und sah ihn weiterhin nicht an. Andy seufzte, zog seine Jacke über und warf mit einem Nicken in Richtung Barkeeper ein paar Scheine auf die Theke.

„Das haben wir selber verbockt, Jack. Leb damit."

Andy folgte der einzelnen Träne mit den Augen, als sie sich langsam einen Weg über Sharons Wange bahnte und schließlich an ihrem Kinn hinunter auf das weiße Krankenhaushemd tropfte. Die Worte hallten in seinem Kopf immer wieder. Mein Ehemann.

Jack.

Es war eine Weile still im Raum und irgendwann merkte Andy, dass sie unruhig wurde. Er sah sie an. Im Moment konnte er nichts von der Frau erkennen, die er kannte. Sie sah beunruhigt aus, nervös und verzweifelt. Sie hatte Angst. Plötzlich fiel ihm auf, dass er das Gefühl für sie vermutlich nur verschlimmerte, indem er schwieg. Er räusperte sich und setzte sich auf.

„Sie glauben, es war Jack?"

Als er den Namen ausgesprochen hatte, zeigte sich eine kleine Regung in ihrem Gesicht. Sie sah ihn an und er konnte beobachten, wie sich ihre Stimmung veränderte. Als sie zu sprechen begann, hatte sie wieder eine Mauer von Entschlossenheit und Kälte um sich herum hochgezogen.

„Nein. Ich weiß es."

Er sah sie noch einen Moment länger an. Dann legte er den Kopf schief und nickte leicht.

„Okay. Vielleicht erklären Sie mir einmal genau, was sie wissen."

Er kramte in seiner Hosentasche nach dem kleinen Notizblock, den er während des Arbeitens immer bei sich trug und fischte aus seiner Jacke noch einen Kugelschreiber.

Sie nickte und atmete einmal tief ein.

„Ich hatte gehofft, dass ich die Situation nicht publik machen muss, aber anscheinend habe ich ihn unterschätzt. Ich habe vor ein paar Wochen die Scheidung eingereicht."

Er sah sie überrascht an. Er war davon ausgegangen, dass das Jahrzehnte zuvor bereits geschehen war. Natürlich hatte sie Jack nur wenige Minuten zuvor als ihren Ehemann bezeichnet, aber das hatte er so hingenommen. Er hatte es für eine Phrase, für Gewohnheit gehalten.

„Sehen Sie mich nicht so an, Lieutenant. Ich weiß, dass das längst überfällig war. Aber es… es war bequemer so."

Sie senkte den Blick und er konnte spüren, wie unangenehm ihr dieses Thema war.

„Natürlich, Captain. Bitte, ich wollte nicht urteilen. Es hat mich nur überrascht."

Mit einer einladenden Handbewegung ergänzte er: „Fahren Sie fort, bitte."

Sie schloss kurz die Augen.

„Jedenfalls hatte ich erfahren, dass er betrunken einen Autounfall gebaut hatte. Dabei wurden unschuldige Menschen verletzt. Ich hab den Gedanken nicht mehr ertragen, weiterhin mit ihm verheiratet zu sein. Also habe ich meinem Anwalt Bescheid gesagt und der hat sich an Jack gewandt. Kurz darauf begann es. Er terrorisierte mich mit Anrufen. Privat, auf der Arbeit. Es wurde immer schlimmer."

Andy seufzte. Jack konnte einfach nicht verlieren. Das hatte er nie gekonnt.

„Warum haben Sie das nicht gemeldet?"

Sharon senkte ihren Blick und begann, die Bettdecke zwischen ihren Fingern hindurchzuziehen.

„Ich dachte, wie immer, dass ich allein damit fertig werde. Ich meine, es ist Jack. Er redet immer viel, aber normalerweise steckt nichts dahinter. Außerdem ist er der Vater meiner Kinder."

Andy wurde flau im Magen. Genauso hätte er Jack auch eingeschätzt. So HATTE er ihn eingeschätzt. Und jetzt hatte er wirklich versucht, seine Frau umzubringen?

„Das verstehe ich, Captain. Gehen Sie allein wegen der Anrufe davon aus, dass er hinter der Sache steckt?"

Sie sah ihn ungläubig an.

„Nein, natürlich nicht. Ich würde ihn doch nicht beschuldigen, wenn ich keine stichhaltigen Beweise hätte."

Er hob die Brauen. Beweise? Er wollte genauer nachfragen, doch er bemerkte, wie sich ihr Brustkorb immer schneller hob und senkte. Sie hatte die Augen geschlossen und ihre Finger klammerten sich nun fest an die Bettdecke.

„Hey, es tut mir leid. Das wollte ich damit auch nicht andeuten. Bitte, Captain, Sie müssen sich beruhigen."

Sie sah ihn mit einer finsteren Mine an. Und ihm wurde langsam klar, dass sie sich vermutlich gar nicht beruhigen wollte. Er wurde langsam nervös. So hatte er es überhaupt nicht gemeint. Er wollte doch nur sichergehen, dass er alles wusste, was er wissen musste, um den Fall zu lösen und ihr ein wenig Gerechtigkeit zu verschaffen.

Plötzlich klopfte es an der Tür und die Schwester von der Anmeldung trat ein, ein altes Schnurtelefon in ihrer Hand.

„So, Captain. Ihre Bestellung."

Als ihr Blick auf Sharon fiel, änderte sich ihr Gesichtsausdruck.

„Hatte ich nicht gesagt, keine Aufregung? Ich denke, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen, Lieutenant. Unsere Patientin hier braucht Ruhe."

Sie stellte das Telefon auf dem Nachttisch ab und drehte sich zu ihm um. Mit den Augen bedeutete sie ihm noch einmal, den Raum zu verlassen. Dann begann sie, sich um Sharon zu kümmern.

Es widerstrebte Andy, jetzt das Gespräch zu beenden. Er wusste noch nicht alles, was Sharon wusste. Und er brauchte die Beweise, von denen sie gesprochen hatte. Wenn es wirklich Jackson Raydor gewesen war, der versucht hatte, seine Frau umzubringen, dann musste er dafür bezahlen. Er würde dafür bezahlen.

Doch dann fiel sein Blick auf Sharon. Ihm fiel auf, dass sich die Hämatome in ihrem Gesicht noch dunkler abzeichneten als vorher, weil sie kreidebleich war. Und er konnte ein paar Schweißperlen auf ihrer Stirn ausmachen. Sie sah ihn nicht an.

„Lieutenant, bitte."

Er drehte den Kopf in Richtung der Schwester, sein Blick blieb aber auf Sharon haften.

„Ja, natürlich. Ähm, es tut mir leid, Captain. Ich wollte sie nicht aufregen. Ich komme morgen wieder. Dann machen wir weiter. Ruhen Sie sich aus, ja?"

Sie sah ihn immer noch nicht an und nickte nur leicht.

Er seufzte resigniert. Das war ja super gelaufen. Mit einem letzten Blick auf das blasse Gesicht drehte er sich um und verließ den Raum.

Draußen im Gang hatte er das Bedürfnis, seine Faust in die Wand zu schlagen. Aber im letzten Moment entschied er sich dagegen. Stattdessen holte er sein Handy aus der Hosentasche und machte sich auf den Weg nach draußen.

„Ja, Chief? Ich komm wieder rein. Ich hab ein paar Infos, ich erkläre es Ihnen gleich."

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern steckte sein Handy wieder in seine Tasche. Als er an seinem Auto ankam, kam ihm ein Gedanke.

Er hatte sie nicht mal gefragt, wie es ihr ging.

Verträumt stand Andy vor dem Regal mit den Konservendosen. Mit seinem Daumen drehte er an dem Ring an seinem kleinen Finger. Er war heute seit einem Monat trocken und es fühlte sich gut an.

Nicht lange nach seiner letzten Begegnung mit Jackson Raydor in der Bar hatte er sich endlich dazu aufraffen können, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. Er wusste, er hatte so vieles kaputt gemacht. Es war ein Wunder, dass er seinen Job noch nicht verloren hatte. So weit wollte er es nicht kommen lassen.

Er griff gerade nach einer Dose, als ihn eine bekannte Stimme innehalten ließ.

„Entschuldigen Sie, wären Sie so freundlich und würden mir eins der Gläser dort oben reichen? Ich komme nicht heran."

„Natürlich, gern."

Andy drehte sich um. Nur ein paar Meter von ihm entfernt stand niemand anderes als die Eiskönigin persönlich und reichte einer kleinen, älteren Frau ein Glas Oliven. Als die Frau sich bedankte, hob Sharon Raydor ihren Blick und Andy sah ihr direkt in die Augen.

Normalerweise hätte er jetzt die Augen verdreht und wäre einfach gegangen. Aber irgendetwas in ihrem Blick bewegte ihn dazu, stattdessen ein paar Schritte in ihre Richtung zu machen.

„Lieu- äh, Captain."

Er musste sich noch daran gewöhnen, dass sie, obwohl sie ein paar Jahre weniger im Dienst war, ihn im Rang seit neuestem übertraf. Aber das hatte er sich selbst zuzuschreiben.

„Lieutenant."

Sie nickte ihm zu. Man merkte ihr an, dass sie nicht recht wusste, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Sie hatte vermutlich auch nicht damit gerechnet, dass er sie ansprechen würde.

„Ähm."

Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Warum genau war er nochmal auf sie zugegangen?

Sie nahm ihm die unangenehme Situation ab.

„Ich habe gehört, sie hätten der Flasche abgeschworen. Das freut mich."

Er nickte.

„Ja, ich habe gedacht, bevor ich Ihnen die Chance gebe, mich rauzuwerfen, versuche ich es mal."

Es sollte witzig sein, aber es machte die Situation nur noch unangenehmer. Sie senkte den Blick und wechselte die Hand, mit der sie ihren Einkaufskorb festhielt.

„Ich habe gehört, Sie hätten Ihrem Ehemann abgeschworen."

Ganz falsch.

Ihre Brauen zogen sich zusammen und ihre Nasenflügel weiteten sich. Sie setzte gerade dazu an, etwas zu erwidern. Da klingelte sein Handy.

Er schüttelte den Kopf und begann, sein Handy aus seiner Jackentasche zu fischen. Als er wieder aufsah, war sie verschwunden. Er verdrehte die Augen und, von sich selbst genervt, nahm den Anruf entgegen.