ALICE

Übersetzung. Als Ken auf einer Mission durch einen mysteriösen Spiegel fällt, sieht er sich mit einer ganz anderen Welt konfrontiert, wo es kein Weiß und Schwarz gibt und Schuldig sein Liebhaber ist. Doch ist diese Welt wirklich so perfekt wie es scheint? Und vor allem: Wie kommt Ken wieder zurück?

Pairing: Schuldig/Ken

Rating: R

Warnungen: yaoi, language

Autor: Mami

Anmerkung: Die Story dreht sich um eine Beziehung zwischen Männern, also lest es bitte nicht, wenn euch so etwas nicht gefällt.

Ich danke der Autorin Mami ganz herzlich für die Erlaubnis ihre geniale Story übersetzen zu dürfen. Ich möchte hier noch nicht zu viel verraten und wünsche euch einfach viel Spaß beim Eintauchen in die Spiegelwelt!

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

"Siberian?"

Ken berührte sein Head-Set und ließ seine braunen Augen über den leeren Gang vor sich schweifen. Er warf noch einen Blick über seine Schulter und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass sich niemand hinter ihm befand. „Alles klar", antwortete er. Er lief zu einer Tür und testete den Türgriff. Unverschlossen. Er fuhr seine Krallen aus und drückte die Tür langsam auf. Seine Sinne waren bis aufs Äußerste geschärft, falls es Ärger geben sollte. Es lauerten jedoch keine Männer im Schatten und er berührte wieder sein Head-Set. „Es ist fast so, als wäre die Mission einfach, weil wir nur zu zweit sind", schickte er an Bombay, während er sich daran machte den Raum zu verlassen. Aya konnte wegen eines stark verstauchten Knöchels nicht an der Mission teilnehmen und Yohji hatte ein Date. Manx hatte ihnen versichert, dass zwei Leute reichen würden, aber das hatte keinen von ihnen davon abgehalten sich die schlimmsten Szenarien auszumalen.

Etwas im Raum glitzerte und Ken blieb wie versteinert stehen. Doch das Glitzern war verschwunden und Ken runzelte die Stirn. Er hörte Omis Antwort nicht, als er seine Hand auf der Suche nach dem Lichtschalter an der Wand entlang gleiten ließ. Das Licht ging an und Kens Blick fiel sofort auf den riesigen Spiegel, der an der Wand hing. Er reflektierte ein anderes Leuchten… Er betrat den Raum noch einmal und drehte sich um, um die dem Spiegel gegenüberliegende Wand zu inspizieren.

„Hey, Bombay", meinte er. „Hier ist irgendeine Art System in die Wand gebaut. Willst du dir das mal ansehen?"

„Ja… Wo bist du?"

„Zweiter Stock, ungefähr der neunte Raum auf der rechten Seite."

„Ich bin schon unterwegs."

Ken trottete zurück zum Spiegel, wobei seine Schritte leise auf dem metallenen Boden wiederhallten. Der Spiegel war mindestens 3 Meter hoch und rechtwinkelig. Der Rahmen bestand aus einer Mischung von Farben, die durcheinander wirbelten: glänzendes silber mischte sich mit marineblau. Er zog seine Krallen ein und ließ eine Hand bewundernd am Rahmen entlangfahren. Wie seltsam, dass hier ein Spiegel war – und noch dazu ein so großer. Da er nichts Besseres zu tun hatte, betrachtete er sein Spiegelbild kritisch von oben bis unten. Sein Haar war wegen der Schutzbrille, die er bei seiner Ankunft nach oben geschoben hatte, zerzaust. Auf seiner Jacke war ein Schmutzfleck. Wie kam der da hin? Er rubbelte halbherzig einige Sekunden daran herum, bis er es aufgab. Sein Pullover war fest um seine Taille gebunden und die Ärmel schwangen lose um seine Beine.

„Ich bin da", kündigte sich Omi an, bevor er den Raum betrat. „Huh? Was ist das?"

Ken grinste Omis Spiegelbild an und winkte grüßend. „Ich glaube, dass derjenige, dem der hier gehört, ziemlich eitel ist, meinst du nicht?"

Omi grinste zurück und zuckte mit den Schultern. Er sah im Spiegel die Reflektion eines Computers und drehte sich zu diesem um. Der einzig sichtbare Teil des PCs war ein großer Bildschirm, der in die Wand eingesetzt war. Er stand davor und suchte nach einer Tastatur oder einer Maus. Doch da war nichts. Er sah den Monitor argwöhnisch an, bevor er vorsichtig seine Hand ausstreckte und sie sanft über den Bildschirm gleiten ließ. Das weiße Leuchten verschwand und hinterließ ein Kästchen, das nach einem Befehl fragte. Omi runzelte leicht die Stirn. „Wie soll man schreiben…?" Er versuchte einen Buchstaben auf den Bildschirm zu schreiben, aber das funktionierte nicht. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, während er grübelte.

Ken verhielt sich ruhig und überließ es Omi sich den Kopf über diese neue Komplikation zu zerbrechen. Er vertrieb sich die Zeit damit seinem Spiegelbild Grimassen zu schneiden. Als er gerade belächelte wie kindisch er sich benahm, bemerkte er einen Flecken auf dem Spiegelglas. Was für eine Schande, dass ein Fleck diese Schönheit zerstörte. Er rubbelte mit seinem Finger darüber, was es jedoch nur schlimmer machte. Er zog seinen Handschuh aus und berührte den Fleck mit seiner Fingerspitze.

Ein Schauer fuhr ihm über den Rücken und er holte tief Luft. Er sah mit geweiteten braunen Augen von seiner Hand auf, um seinem eigenen Blick im Spiegel zu begegnen. Der Spiegel war warm. Nein, nicht warm. Ziemlich heiß sogar, aber keine schmerzhafte Hitze – eine Hitze, die ihn durchdrang; die ihren Weg durch seine Venen fand und sein Blut zum Summen brachte. Bilderfetzen tauchten in schneller Abfolge vor seinem inneren Auge auf: er schwankte zwischen dem Hier und Jetzt vor diesem Spiegel und dem Bild von jemanden mit blauen Augen, der sich zu ihm lehnte. Er bemühte sich um ein deutlicheres Bild und schüttelte seinen Kopf.

„A-ah…" Der Laut entkam seinen Lippen, bevor er es verhindern konnte. Er fühlte sich plötzlich so schläfrig.

„Siberian…?", fragte Omi. Ken sah wie sich das Spiegelbild des Jungen umdrehte und sich ihre Augen im Spiegel trafen. Das war das falsche Blau, und Ken fühlte einen Stich Ärger und Schmerz, weil es nicht die richtigen Augen waren. Er schüttelte noch einmal seinen Kopf und versuchte seine wirren Gedanken zu ordnen. Er fuhr sich mit seinen Fingerspitzen über seine Augenlider. Er fühlte plötzlich Übelkeit in sich aufsteigen. Ein tiefes und raues Lachen ertönte in seinen Ohren.

„Siberian!", sagte Omi noch einmal, aber dieses Mal besorgt. Ken zwang sich dazu seine Augen zu öffnen. Im Spiegel sah er, dass der Bildschirm hinter Omi nun rot leuchtete. Er öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, aber Omi hatte es auch bemerkt. Der Junge wirbelte genau in dem Augenblick herum, als der Computer sich mit einer großen Druckwelle selbst zerstörte. Ken sah wie Omi durch die Luft flog, bevor auch er von der Explosion erfasst wurde und gegen den Spiegel prallte. Er hörte noch das Splittern von Glas ehe er ohnmächtig wurde.

Eine starke Schwindelattacke überkam ihn. Ken stöhnte leise auf und drückte eine Hand gegen seine Stirn, als er wartete, dass das Schwindelgefühl nachließ. Er hatte erwartet Blut auf seinem Gesicht zu spüren, aber seine Handfläche kam nicht mit irgendetwas Warmen oder Dickflüssigen in Berührung – nur weicher Haut. Er musste viel Glück gehabt haben, die Explosion ohne Verletzungen im Gesicht zu überstehen. Er wimmerte und versuchte den Kopfschmerz zurückzudrängen. Ein Orchester spielte in seinem Kopf auf und sein ganzer Körper tat weh. Dieser verfluchte Computer… Er begann langsam eine Bestandsaufnahme der Verletzungen zu machen, indem er einzelne Körperteile bewegte. Nichts fühlte sich gebrochen an… Er hatte alle zehn Finger und Zehen, sowie seine Arme und Beine bewegt. Es wäre ein Wunder, wenn er ohne Brüche davongekommen wäre. Andererseits war er ja nicht sehr weit durch die Luft geschleudert worden – nur den halben Meter gegen den Spiegel. Derjenige, der am schwersten verletzt sein musste, war demnach…

Die plötzliche Angst verdrängte den Schwindel und seine Augen flogen auf. Omi!

Licht strömte auf ihn ein und er presste seine Augen fest zu, wobei er eine Verwünschung murmelte und den Druck seiner Hand verstärkte. Die Besorgnis um sein Teammitglied war jedoch größer als der Schmerz und nach einigen Augenblicken ließ er seine Hand sinken und zwang sich dazu die Augen zu öffnen. Sie gewöhnten sich langsam an das helle Licht und er nahm überrascht seine Umgebung wahr.

Er befand sich auf einem Bett in einem ihm unbekannten Schlafzimmer. In der Wand gegenüber war ein großes Fenster eingebaut, dessen Vorhänge zurückgezogen waren und so schien ihn das Sonnenlicht direkt an. Auf dem Fensterbrett stand eine Topfpflanze, die sich dem Sonnenlicht entgegenstreckte und einige andere Pflanzen waren entlang der Wand platziert. Es hingen auch einige geschmackvolle und wahrscheinlich teure Bilder an den Wänden. Kens Mund verzog sich zu einer fragenden Grimasse. Wo war er? Hatte Kritiker sie schon aus der Firma geholt? Falls sie es schon getan hatten, wo war er? Er versuchte sich aufzusetzen, fest entschlossen Omi zu finden.

Sein Versuch aufzustehen wurde durch etwas vereitelt, das fest um seine Taille geschlungen war. Er sah an sich hinunter und registrierte nur am Rande, dass er kein Oberteil anhatte und keine Anzeichen von Verletzungen sichtbar waren. Seine braunen Augen fielen auf einen Arm, der ihm nicht gehörte; ein Arm, der ihn an Ort und Stelle hielt. Erschrocken drehte er sich in der Umarmung, um zu sehen neben wem er aufgewacht war.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und sein Magen drehte sich schmerzhaft um. Der Mann, der hinter ihm lag, hatte lange orange Haare, die seine nackten Schultern und seine Brust umspielten. Sein Gesicht war im Schlaf so entspannt, dass es den ruhigsten und friedlichsten Ausdruck trug, den Ken je auf diesem Gesicht gesehen hatte. Er schluckte hart; sein Herz schlug alarmierend schnell. Schwarz… Er hielt den Atem an und versuchte so still wie möglich zu sein, als er vorsichtig begann den Arm des anderen Mannes von seiner Taille zu heben. Seine Augen waren starr auf das Gesicht des Deutschen gerichtet, als er in Gedanken betete, dass Schuldig nicht aufwachen würde.

Blaue Augen öffneten sich langsam und Ken erstarrte. Schuldig blinzelte verschlafen, gähnte und zog seinen Arm zurück. Er schenkte Ken, der kurz vor dem Hyperventilieren stand, ein zufriedenes Grinsen. „Sie haben wirklich eine verdammt gute Party geschmissen, nicht?", fragte Schuldig.

„B-bleib weg!" Ken wich wie von der Tarantel gestochen nach hinten aus; weg von dem Deutschen. Er sah gerade noch den erstaunten Ausdruck auf dem Gesicht des älteren Mannes, bevor er aus dem Bett stolperte und mit einem schmerzhaften Aufprall neben dem Bett landete. Er wäre sofort wieder aufgesprungen, wenn nicht genau in diesem Moment das Schwindelgefühl zurückgekommen wäre. Ihm wurde wieder übel und er presste seinen Handrücken über den Mund in dem Versuch die Übelkeit in Schach zu halten.

Schuldig erschien am Bettende, verschränkte seine Arme auf der Matratze und ließ sein Kinn darauf sinken, während er auf Ken hinabsah. „Du wirst dich jetzt nicht übergeben, oder?"

„Wo bin ich?", murmelte Ken gedämpft durch seine Hand. Er versuchte den Telepathen böse anzufunkeln, aber ihm war zu schlecht, um seiner Mimik einen gefährlichen Ausdruck zu verleihen. Oh Gott… Er hatte auch untenrum nichts an. Er schloss seine Augen, als sich die Übelkeit verdoppelte.

"Wir sind bei Yohji zu Hause", antwortete Schuldig.

Yohjis Haus? Yohji hatte ein kleines Appartement. Das hier war ein riesiges Schlafzimmer. Fast Yohjis ganzes Appartement passte hier rein. „Lüg mich nicht an", fauchte er, als Wut, Verwirrung und Hass gegenüber dem Deutschen seine Übelkeit kurzzeitig in den Hintergrund drängten. Er öffnete seine Augen und sammelte die Kraft ihn wütend anzufunkeln.

„Lügen?", wiederholte Schuldig überrascht und klang dabei sowohl überrascht als auch verwirrt. Er legte seinen Kopf schief. „Die Party", bot er an. „Erinnerst du dich? Das Team hat letzte Nacht gewonnen…" Er verstummte, als Ken ihn noch wütender ansah. Ken würde nicht auf seine Spielchen hereinfallen. Er weigerte sich.

„Ich glaube, ich habe dich letzte Nacht zu viel trinken lassen." Schuldig zuckte mit den Schultern, setzte sich auf und seufzte. Mit einer Hand zog er an einer der Decken, um sie wegzuziehen. Auf ihr befand sich ein Fleck, aber Ken konnte nur einen kurzen Blick darauf werfen, bevor er wieder bedeckt wurde.

„Wo ist Omi?", verlangte Ken zu wissen.

Schuldig grinste anzüglich. „Wo soll der Süße schon sein?"

Diese Antwort war nicht hilfreich. Ken brachte sich in eine aufrechte Position und zog die Beine an die Brust, um seine Blöße zu bedecken. Das erste, was tun musste, war seine Kleidung zu finden. Danach würde er sich Gedanken machen wie er Omi finden und dann fliehen könnte. Schwarz… natürlich. Sie hatten die Explosion bei der Mission verursacht und nun waren Omi und er ihre Gefangenen. Verdammt. Das war schlecht. Er konnte sich glücklich schätzen, dass es nicht so aussah als würde Schuldig ihm im Moment wehtun wollen. „Wo sind meine Anziehsachen?"

„Irgendwo zwischen der Tür und dem Bett." Schuldig grinste wieder zufrieden. Das Grinsen verschwand jedoch nach einem Augenblick wieder und er lehnte sich ans Bettende. Ken spürte wieder ein unangenehmes Stechen in der Magengegend als er daran erinnert wurde, dass Schuldig auch nichts an hatte. Es musste einen Grund dafür geben, dass sie beide nackt waren. Natürlich. Er war nackt, weil er Verletzungen hatte, die behandelt worden sind und Schuldig war nackt, weil er ihn aus der Fassung bringen wollte.

~Aber du hast keine Verletzungen…~ fiel ihm ein und seine Augen schweiften zu dem zusammengewühlten Bettlaken und er erinnerte sich an den Fleck, den er darauf gesehen hatte. Oh Gott, er wollte nicht über die sich daraus ergebende Schlussfolgerung nachdenken. Er hatte keinerlei Verletzungen, aber sein ganzer Körper schmerzte – die gleichen Schmerzen wie nach einem langen Training. Er biss sich auf die Lippe als sein Magen drohte seinen Inhalt überall zu verteilen.

„Warum bin ich nackt?", fragte er. Schuldig starrte ihn verständnislos an. Ken wiederholte die Frage: „Warum bin ich nackt?"

„Was zur Hölle ist das für eine Frage?", wollte Schuldig wissen, wobei er gleichzeitig ungehalten und verdutzt wirkte. Ken starrte ihn nur an. Er hatte Angst vor der Antwort. „Warum solltest du wohl sonst nackt sein?", fragte Schuldig und verdrehte verstimmt seine Augen. „Du wirst für den Rest deines Lebens nie mehr einen Tropfen Alkohol anrühren, Ken."

Ken gefiel die vertraute Art wie Schuldig seinen Namen aussprach nicht. Das war ein krankes Spiel, das der Deutsche hier mit ihm spielte. Was zur Hölle war passiert, während er bewusstlos gewesen war?! Er wäre sicherlich aufgewacht, wenn der Telepath sich an ihm vergangen hätte! Oh Gott! Nun war ihm wirklich schlecht. Die Welt schien sich ebenso wie sein Mageninhalt wie wild zu drehen und er drehte sich weg, als er würgend und hustend seinen spärlichen Mageninhalt auf dem Plüschteppich entleerte.

Er hatte nicht mitbekommen, wie der Deutsche zu ihm gekrochen war, bis er die Finger spürte, die über seine Stirn strichen und durch sein Haar fuhren. Die Berührung war so sanft, dass Kens Haut kribbelte. Es war eine mitfühlende Geste von Seiten des Telepathen; ein Unterschied, der der sonstigen Grausamkeit, die der ältere Mann bei ihren Aufeinandertreffen gezeigt hatte, spottete. „Yohji wird nicht besonders froh darüber sein", informierte Schuldig Ken trocken, als dieser nicht mehr würgte.

Ken schubste ihn hart von sich weg. Schuldig hatte das nicht erwartet und stieß rückwärts gegen den Bettrahmen. „Hey!", regte sich der Deutsche auf.

Ken rappelte sich auf, trat zurück und wischte sich über den Mund. „Halt dich von mir fern, Schwarz!", fauchte er.

„Was zur Hölle hast du denn?" wollte Schuldig wütend wissen. Auf seinem Gesicht zeichnete sich nun deutlich Wut ab, als er wieder aufstand.

„Du bist der Telepath! Sag du's mir!", bellte Ken zurück.

„Woher soll ich wissen, was los ist, wenn du deine Schilde oben hast?", fragte Schuldig. Er kam wieder auf Ken zu, doch Ken trat noch weiter zurück und hob abwehrend seine Hand.

„Komm mir nicht zu nahe!"

Auf Schuldigs Gesicht zeigte sich Verwirrung ab und der Deutsche hielt mitten in seiner Bewegung inne, als er Kens harschem Befehl Folge leistete. Er blieb wo er war und seine blauen Augen fixierten Kens Gesicht. Ken wich immer weiter zurück und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Schuldig hat… er hat… Ken hatte das Gefühl, dass er sich jetzt aufs Heftigste übergeben würde, wenn er noch irgendetwas im Magen gehabt hätte, dass er loswerden hätte können. Er fühlte sich missbraucht und schmutzig. Er hatte gewusst, dass Schuldig ein Bastard war, aber dass er so etwas tun würde… Er schauderte. Es widerte ihn an und ihm war schlecht. Er musste hier raus. Er musste weit weg. Wo war Omi? Er musste ihn finden.

Am Boden lag eine Spur aus Klamotten, aber Ken erkannte keine davon als seine eigenen. Er warf einen kurzen Blick zu Schuldig, während er auf sie zutrat und sah, dass der andere Mann ihn mit angespanntem Gesichtsausdruck beobachtete. Wegen seiner Unaufmerksamkeit blieb er mit seinem Fuß in einem T-Shirt hängen und stolperte.

Schuldig war sofort neben ihm und gab ihm Halt. Ken schlug panisch nach ihm. „L- Lass mich!", keuchte er. Schuldig war stärker als er und er weigerte sich ihn loszulassen. Seine Hände hielten Kens Oberarme fest – wenn nicht sogar schmerzhaft – umklammert. „Fass mich nicht an!"

„Was ist denn in dich gefahren?", wollte Schuldig wissen, als er Ken von sich stieß. Der Jüngere prallte gegen die Wand und Ken wehrte sich als Schuldig ihn dagegen drückte. „Verflucht, was ist dein Problem, Ken?"

„Fass mich nicht an, du kranker Bastard! Geh weg von mir! Geh weg!"

Zu seiner Überraschung ließ Schuldig ihn sofort los und trat einige Schritte zurück. Zwischen ihnen herrschte Stille als Kens wilde braune Augen Schuldigs eisig blaue Augen trafen. Schuldig öffnete seinen Mund, schloss ihn dann wieder und verzog ihn schließlich zu einem dünnen Strich. Schließlich bewegte er sich. Ken wich zu einer Seite aus und sah Schuldig warnend an. Aber Schuldig stöberte nur durch die herumliegenden Kleidungsstücke. Er warf einige zu Ken. Ken fing das fliegende Material instinktiv auf und zog schnell die fremden Kleidungsstücke an.

Jetzt, wo er angezogen war, fühlte er sich etwas mutiger. Er behielt Schuldig wachsam im Auge, während er zur Tür schlich. Schuldig sah ihm regungslos zu. Ken riss die Tür auf und flüchtete in den Gang. Nach einigen wenigen Schritten hörte er wie die Tür fest zugeschlagen wurde. Für einen Augenblick glaubte er, dass Schuldig ihm folgen würde. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte jedoch, dass der Deutsche das Zimmer nicht verlassen hatte.

Schuldig verhielt sich seltsam und Ken hoffte inständig, dass dieses seltsame Verhalten bedeutete, dass es sich hierbei nur um einen furchtbaren Albtraum handelte. ~Bitte lass mich aufwachen! ~ Ah, aber die Schmerzen waren verdammt real. Seine Muskeln schrien protestierend auf, als er den Flur entlang rannte. Am Ende des Korridors war eine Treppe und Ken nahm drei Stufen auf einmal, wobei er sich mit einer Hand am Geländer festhielt, um nicht zu stürzen.

Er erreichte den Treppenabsatz und bog um eine Ecke, wobei er mit jemandem zusammenstieß. Er taumelte rückwärts und griff haltsuchend nach der Wand, während sich braune Augen auf sein Gegenüber richteten. Erleichterung durchströmte ihn. „Yohji!", hauchte er und stolperte mit offenen Armen auf ihn zu.

Yohji starrte ihn verwundert an. Er streckte seine Hand aus und drückte sie auf Kens Stirn. Ken ließ die Berührung zu, während seine Gedanken wild umher wirbelten. Yohji war hier. Bedeutete das, dass Yohji ebenfalls gefangen worden war? „Du fühlst dich gar nicht so heiß an, Ken. Vielleicht solltest du noch etwas schlafen. Wir hatten eine Wette am Laufen, dass du bis spätestens mittags k.o. im Bett liegen würdest."

„Omi", brachte Ken heraus. „Wo ist Omi?"

Yohji blinzelte so als würde ihn die Frage verwirren. „Er ist in der Küche", antwortete er, wobei er mit einer vagen Handbewegung über seine Schulter deutete. Ken spitzte um ihn herum und sah einen weiteren großen Gang. Er konnte Gelächter hören – welches er leicht als das Lachen des jüngsten Weiß identifizierte – und Erleichterung durchflutete ihn. „Er ist in Ordnung", hauchte er. „Gott sei Dank."

„Ken?", fragte Yohji.

„Yohji, was geht hier vor sich?", fragte Ken angespannt.

„Eh?", Yohji schaute ihn ratlos an.

„Wo sind wir?", Ken wedelte mit seiner Hand herum. „Was ist passiert? Das letzte woran ich mich erinnere ist, dass dieser dämliche Computer in die Luft geflogen ist und dann wache ich auf und –" Er brachte es nicht heraus. Er war sich nicht sicher, ob er es überhaupt aussprechen wollte. Wenn er nur daran dachte, wurde ihm schlecht.

„Schwarz", endete er. „Schuldig ist… er ist hier!"

Yohji blinzelte ein paar Mal ziemlich schnell. „Ken", sagte er langsam. „Ich denke du solltest zurück ins Bett gehen."

Ken konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. „N-nein!"

Besorgnis flackerte in Yohjis Augen auf und er legte seine Hand auf Kens Schulter: „Ken… komm mit in die Küche. Trink etwas Kaffee. Das wird dir helfen dich zu beruhigen. Ich denke dich hat die letzte Nacht doch mehr mitgenommen als wir erwartet haben."

„Omi hat es schlimmer erwischt", meinte Ken und gestattete es Yohji ihn den Gang entlang zu führen. Dieser Ort stank geradezu nach einem reichen Besitzer. Der Flur war übersät mit antiken Gemälden, Blumen und kleinen Statuen. Antworten. Er brauchte Antworten. „Er befand sich näher am Computer. Ich war am anderen Ende des Raums neben einem Spiegel. Ich bin nicht so weit geflogen."

„Du hast seltsame Träume, Ken", meinte Yohji. „Du kriegst keinen Alkohol mehr. Das nächste Mal, wenn dein Team gewinnt, kriegst du nur Wasser."

„Alkohol?", wiederholte Ken wie betäubt. Für einen Augenblick hatte er gedacht, dass Yohji es verstanden hätte. Für einen Augenblick hatte er gedacht, dass Yohji ihm helfen könnte. Aber Yohji sagte dieselben Dinge, die auch Schuldig schon gesagt hatte. Welches Team? Er und Omi? Aber sie hatten nicht gewonnen. Sie hatten verloren. Dieser Computer hatte die Mission beendet. „Yohji, was geht hier vor?", wollte er verzweifelt wissen.

„Shhh", beruhigte ihn Yohji, während er ihn in einen Raum führte.

Sie hatten ein großes Esszimmer betreten. Die erste Person, die Ken sah, war Aya, da er mit den leuchtend roten Haaren am leichtesten auszumachen war. Er beendete gerade sein Frühstück. Omi saß auf dem Stuhl neben ihm und lehnte sich gegen den Rothaarigen. Er redete mit einem Jungen ihm gegenüber, aber stoppte als Ken eintrat. „Ken-kun! Guten Morgen!", begrüßte er ihn fröhlich. Alle Köpfe drehten sich zu ihm. „Wie fühlst du dich?"

Ken erstarrte.

Gegenüber von Omi befand sich Nagi und neben dem Schwarzbalg saß Farfarello. Crawford saß einige Stühle weiter entfernt. „Du bist blass", merkte Nagi an, so als wäre es nicht besonders ungewöhnlich, dass sich Schwarz im gleichen Raum wie Weiß aufhielt – und alle hatten Jeans und T-Shirts an. Nagis Arm war mit einem von Farfarellos verschlungen. Der Ire betrachtete Ken einen Moment lang bevor er wieder wegsah und sich seinem Essen widmete. Yohji zog Ken zum Tisch, doch Ken sträubte sich. Yohji ließ ihn los, als er bemerkte, dass Ken nicht gezogen werden wollte. Das eine Ende des Esszimmers führte in eine große Küche und Yohji tapste darauf zu. Als er an Crawford vorbei kam, ließ er eine seiner Hände über Crawfords Schulter gleiten.

Ken trat einen Schritt zurück.

„Wo ist Schuldig?", fragte Omi, der seinen Kopf nun nicht mehr bei Aya anlehnte. "Schläft er noch?"

Ken öffnete seinen Mund, aber er brachte keinen Laut heraus. Crawford blickte von seinem Kaffee hoch. „Hol ihn", meinte er nur. Diese Worte waren das Letzte was Ken hörte, bevor sein Gehirn den Versuch aufgab all das zu verarbeiten und ihn glücklicherweise in eine willkommene Ohnmacht fallen ließ.

:::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

So, das war der Prolog, ich hoffe, ihr seid nicht so verwirrt wie unser lieber Ken und findet den Reviewbutton…