Löwenmut

»Mut ist nicht Freisein von Angst, sondern ihre Überwindung.«

Prolog

Leonard McCoy hasste das Fliegen, ganz besonders in diesen winzigen Shuttles. Er hatte sich nie sicher darin gefühlt. Außerdem machte ihn die Enge in diesen verflixten kleinen Fluggeräten klaustrophobisch. Schon die bloße Vorstellung in einem dieser Dinger reisen zu müssen, und sei es nur für kurze Zeit, hatte stets Schweißausbrüche in Kombination mit Herzrasen bei ihm ausgelöst.

Jim hatte ihn während der Akademiezeit gerne für seine irrationale Angst aufgezogen und trotzdem geduldig versucht, ihm die Grundlagen der Navigation in einem Simulator beizubringen. Aber es hatte Jahre gedauert bis Leonard endlich zumindest im Simulator gelernt hatte sich zu entspannen.

„Die Sternenflotte operiert nun mal im Weltall", hatte Jim zu ihm gesagt, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, nachdem Leonard ihn vorgewarnt hatte, dass er ihn womöglich vollkotzen würde.

Jahre später fand sich Leonard auf der Enterprise als Chefarzt wieder und fragte sich immer wieder, wie zum Henker es Jim gelungen war, ihn dazu zu überreden! Leonard hatte auf der Erde bleiben und im Medizinischen Zentrum arbeiten wollen. Alternativ wäre eine Raumstation für ihn in Frage gekommen, aber ein Raumschiff war nicht in seiner Zukunftsplanung enthalten gewesen.

Ebenso wenig hatte er geplant gehabt, dass ausgerechnet Jim sein bester Freund und später auch sein Captain werden würde. Jim kannte ihn viel zu gut. Er kannte Leonards Belastungsgrenze und er wusste, dass dieser Befehle befolgen würde, auch wenn sie ihm nicht gefielen.

Ihre Mission hatte sich dermaßen simpel angehört, dass sogar Leonard darauf hereingefallen war. Pharmazeutische Güter zu einer Kolonie bringen, einen Routinecheckup bei den Einwohnern durchführen – wofür eine paar Tage eingeplant waren – und einen möglichst guten Eindruck machen. Die Welt, die sie besuchen sollten, galt als ein wichtiger Deuteriumlieferant für die Sternenflotte.

Soweit hatte für Leonard auch noch alles Sinn ergeben. Die Enterprise würde sie in einer knappen Woche wieder einsammeln und indessen einen halbwegs nahegelegenen Nebel erforschen. Dass die Welt jedoch eine recht unwirtliche Atmosphäre besaß, davon hatte Jim ihm kein Wort gesagt. Natürlich nicht, weil Jim genau gewusst hatte, dass Leonard sich ansonsten nie bereit erklärt hätte, ihn auf dieser verfluchten Mission zu begleiten und stattdessen M'Benga mitgeschickt hätte.

Das Letzte woran Leonard sich erinnern konnte war, dass Jim versucht hatte, das Shuttle kontrolliert durch den Ionensturm zu fliegen, der über dem Hauptkontinent tobte. Die Turbulenzen im Shuttle waren für Leonard unerträglich geworden und er hatte sich mehrfach in eine Papiertüte übergeben. „Halte dich irgendwo fest!", hatte Jim ihm über die Schulter vom Cockpit aus zugerufen, aber es war bereits zu spät gewesen.

Als Leonard zu sich kam, heulte der Alarm des Shuttles und warnte vor einer Hydrazingasvergiftung. Hinter seiner Stirn hämmerte ein zorniger Schmerz, der ihm weitere Übelkeit bescherte. Als Arzt wusste er, dass er sich vermutlich irgendwo den Kopf angeschlagen hatte und infolgedessen unter einer Gehirnerschütterung litt. Allerdings scherte ihn seine eigene Gesundheit im Moment recht wenig. Er blinzelte gegen den Rauch im hinteren Teil des Shuttles an, der ihm Tränen in die Augen trieb.

„Jim?" Leonard hustete. Der Rauch im Shuttle kratzte fürchterlich in seinem Hals. „Jim, melde dich!"

Ein höchst ungutes Gefühl überschattete Leonards Angst, an einer Rauchvergiftung zu sterben, als Jim ihm eine Antwort schuldig blieb. Daher stemmte er sich aus seiner unbequemen Position, schob einen Teil der Wandverkleidung des Shuttles von sich und versuchte sich zu orientieren. „Jim?!", versuchte er abermals seinen Freund zu rufen. Auch diesmal blieb eine Reaktion aus. „Tu mir das nicht an …"

Irgendwie war es Jim gelungen, das Shuttle notzulanden. Allerdings hatte es eine starke Schräglage, sodass Leonard sich an lose hängenden Kabeln und Sitzen hochziehen musste, um das Cockpit überhaupt zu erreichen.

„Computer", keuchte Leonard, „Ventilation aktivieren."

Befehl nicht ausführbar."

„War ja klar. Das wäre auch zu einfach gewesen", raunte er zu sich selbst, verdrehte die Augen und hangelte sich weiter nach vorn.

Bitte Frage neu formulieren."

„Du mich auch", maulte Leonard weiter. Der Computer gab ein Piepen von sich, das vom anhaltenden Alarm jedoch übertönt wurde. „Computer, schalte den verdammten Alarm ab! Davon bekommt man ja Tinnitus!"

„Warnung!", meldete sich der Computer erneut, nachdem er den Befehl ausgeführt hatte. „Hydrazingasniveau erreicht kritischen Wert. Sofortige Evakuierungsmaßnahmen einleiten."

„Bin ja dabei!", erwiderte Leonard, als spräche er zu einer anderen Person. „Aber ohne Jim gehe ich nicht von Bord." Der Arzt erreichte das Cockpit schließlich und fand dort Kirk, der bewusstlos auf dem Pilotensitz hing. Wenigstens war er geistesgegenwärtig genug gewesen, sich anzuschnallen, dachte Leonard. „Jim, hörst du mich?" Er wartete erst gar nicht die Reaktion ab, welche letztlich ohnehin ausblieb, und tastete nach dem Puls seines Freundes. Er war schwach, aber fühlbar und Leonard atmete erleichtert durch, was ihm prompt einen Hustenanfall einbrachte.

Die Alarmsirene war zwar inzwischen deaktiviert, trotzdem warnte der Computer im Dreißigsekundentakt vor einer Hydrazingasvergiftung und mahnte wiederholt zur Evakuierung.

Leonard war redlich bemüht, sich davon nicht unter Druck setzen zu lassen und versuchte sich krampfhaft an seine Ausbildung an der Sternenflottenakademie zu erinnern, die ihn grundsätzlich auf derartige Situationen vorbereitet hatte.

Er versuchte als erstes die Lebenserhaltung manuell wiederherzustellen, doch diese war komplett ausgefallen. Als nächstes, so hatte er gelernt, war es entscheidend ein Notsignal abzusetzen, was er dann auch tat. Die Enterprise konnte jedoch schon einige Lichtjahre entfernt sein und der Ionensturm, der außerhalb des Shuttles tobte, störte das Signal womöglich. Leonard stellte den Notruf daher so ein, dass er sich automatisch alle zehn Minuten wiederholte.

Scotty wäre es sicher gelungen, das Signal so zu verändern, dass es trotzdem durchkäme. Er war jedoch kein Ingenieur, sondern Arzt. Nachdem er den Notruf abgesetzt hatte, galt seine ganze Aufmerksamkeit wieder Jim Kirk.

„Ich hole dich hier raus, keine Sorge", versprach er Jim, auch wenn dieser ihn wohl nicht hören konnte. Er löste den Sicherheitsgurt und schaffte es, Jim aufzufangen, ehe dieser, der Schwerkraft folgend, vom Pilotensessel fallen konnte. „Ich hab dich. Ich hab dich", wiederholte Leonard und schulterte seinen Freund so gut es eben ging, um ihn in Sicherheit zu bringen.

Tag Eins

Einen Rucksack mit den wichtigsten Utensilien auf dem Rücken, Jim über seiner linken Schulter und den aktivierten Tricorder in der rechten Hand, versuchte Leonard sich in dem wütenden Ionensturm zu orientieren. Der Himmel über ihm war von schwarzen, unheilschwangeren Wolken überzogen, Blitze zuckten hier und da auf den Planeten herab, und als wäre das nicht schon schlimm genug, peitschte der Sturm ihm Regen und allerlei herumfliegende Objekte ins Gesicht.

„Das war das letzte Mal, Jim, dass du mich zu so einer Mission überredet hast. Das schwöre ich bei Gott!", raunte Leonard und es war ihm verdammt nochmal egal, dass Jim bewusstlos über seiner Schulter lag und ihm nicht zuhörte.

Wahrscheinlich würde Jim ihm sagen, dass er doch selbst schuld war. Dass sie nur deshalb in dieser Situation waren, weil Leonard sich mal wieder geweigert hatte, sich beamen zu lassen. Verdammt, er ließ sich doch nicht in seine Moleküle zerlegen! Schön und gut, wenn Jim und so ziemlich jedes andere Mitglied der Sternenflotte damit kein Problem hatten. Leonard hasste das Beamen. Es gruselte ihn ganz schrecklich. Und das war unter anderem Jims Schuld, da dieser ihm in einer Halloween-Nacht, in der sie völlig betrunken in Leonards Unterkunft an der Akademie gesessen hatten, die Legende von Cyrus Ramsey erzählt hatte. Leonard hatte daraufhin nachgeforscht, aber keinen Beweis für diesen ominösen Transporterunfall herausfinden können. Trotzdem hatte er seitdem furchtbare Angst, sich beamen zu lassen.

Jim hätte womöglich recht. Es wäre eventuell sicherer gewesen mit dem ganzen medizinischen Equipment zur Hauptstadt zu beamen. Andererseits war nicht ausgeschlossen, dass der Ionensturm sich auch auf den Beamvorgang ausgewirkt hatte und … sie verdammt nochmal auf dem Planeten in alle Winde zerstreut worden wären.

„Ich werde dich auf Diät setzen, wenn wir wieder auf der Enterprise sind. Das verspreche ich dir! Du wiegst ja eine Tonne!", sprach Leonard weiterhin mit seinem bewusstlosen Freund und suchte nach einem Unterschlupf. „Hättest du nicht näher an der nächsten Stadt bruchlanden können? Stattdessen hast du uns irgendwo am Arsch dieser fremden Welt runterkommen lassen und besitzt dann auch noch die Unverfrorenheit ohnmächtig zu sein." Ein Dreckpartikel flog geradewegs in Leonards linkes Auge und stoppte seine Schimpftirade. Er kniff schmerzhaft das Auge zu, versuchte es zu reiben, ohne dass Jim ihm von der Schulter fiel. Seine Augen tränten unkontrollierbar, wodurch sein ohnehin eingeschränktes Sichtfeld zunehmend verschwamm. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde er den kleinen Fremdkörper los und blinzelte noch einige Male, ehe er wieder richtig klar sehen konnte.

„Der Planet wird dir gefallen, Bones", äffte er Jim nach und machte dabei eine Grimasse, die niemand sehen konnte. „Von wegen!" Leonard setzte seinen Weg durch das Unwetter maulend fort, bis er endlich eine Zuflucht fand. Es war eine scheinbar verlassene Hütte, bereits halb zerfallen, aber besser als nichts.

Er trat die Tür auf, die ächzend aufschwang und fand sich in einem modrig riechenden Raum wieder. Zu seiner Linken befand sich ein Kamin, leider war das Dach darüber größtenteils offen, der Kamin vollkommen nass, so dass Leonard gar nicht erst in Erwägung zog, dort ein Feuer zu schüren. Er sah sich weiter um, während Blitze den düsteren Himmel durchzuckten und ihm gelegentlich für Sekunden etwas Licht spendeten.

Zu seiner Rechten fand Leonard eine Nische, die trocken schien. Er nahm an, dass es sich bei der Hütte um eine Art Jagdhaus gehandelt haben musste. Jim hatte sie in einem Tal heruntergebracht, das zwischen einem Bergmassiv und einem bewaldeten Hang lag. Wäre das Wetter nicht so lausig und die Hütte in besserem Zustand, überlegte Leonard, hätte dies ein hübscher Urlaubsort sein können. Für gewöhnlich liebte er die Natur. Nur eben nicht gerade nach einer Bruchlandung auf einer fremden Welt, inmitten eines Unwetters.

„So, Jim", sagte Leonard und legte seinen Freund behutsam auf dem trockenen Holzboden ab. Die Dielen knarzten verdächtig unter jedem seiner Schritte, schienen aber zu halten. „Dann will ich dich mal untersuchen."

Aus dem Rucksack holte Leonard das Medkit hervor, das zur Standardausrüstung eines jeden Shuttles gehörte. Was ihm der medizinische Tricorder nach einem ausführlichen Scan anzeigte, missfiel Leonard in jeder Hinsicht. „Wie zum Teufel schaffst du nur immer wieder, dich dermaßen zu verletzen? Wüsste ich es nicht besser, würde ich meinen, du machst das mit Absicht, um mich in den Wahnsinn zu treiben." Die leichten Verbrennungen seiner Haut waren Jims kleinstes Problem und auch die offene Wunde an seinem Kopf bereitete Leonard keine größeren Sorgen. Was ihn jedoch zutiefst beunruhigte, war der Bruch zweier Rippen und die vermutlich dadurch ausgelöste Blutansammlung in Jims Brustkorb. „Wie denkst du, soll ich hier einen verdammten Hämothorax behandeln, Jim?" Leonard ließ frustriert den medizinischen Tricorder sinken und sah verzweifelt in das bewusstlose Gesicht seines Freundes.

Im Grunde konnte er hier nichts machen. Die Hütte war alles andere als steril. Ihm fehlten die notwendigen medizinischen Instrumente, um eine Operation durchzuführen. Ganz zu schweigen davon, dass er mit dem medizinischen Tricorder nicht die Quelle der Blutung finden würde. Dazu brauchte er einen deutlich umfangreicheren Scan. Selten zuvor hatte Leonard sich in seiner medizinischen Laufbahn dermaßen hilflos gefühlt.

Auch wenn es nicht Jims schwerste Verletzungen waren, versorgte er die Verbrennungen in seinem Gesicht und an den Händen, ebenso die offene Wunde über seinem linken Auge. Da Jims Atmung im Moment noch einigermaßen stabil war, ließ ihm dies noch etwas Zeit darüber nachzudenken, wie er Jims innere Blutungen behandeln konnte.

Tag Zwei

Leonard schreckte auf. Er war eingeschlafen! Sofort scannte er Jim, um sicher zu gehen, dass sich sein gesundheitlicher Zustand nicht verschlimmert hatte. Nach Sekunden, die Leonard wie eine kleine Ewigkeit vorkamen, ließ ihn der Tricorder wissen, dass Jims Zustand unverändert war und der Arzt atmete erleichtert durch.

Sein Magen begann zu knurren. Bei einem so kurzen Flug waren Lebensmittelrationen nicht Bestandteil der Standardausrüstung der Shuttles. Er würde sich darüber beschweren und dafür Sorge tragen, dass sich das künftig änderte. Was hätte er nicht dafür gegeben wenigstens einen lausigen Energieriegel in die Finger zu bekommen?

Er fragte sich, was Jim in dieser Situation tun würde. Sicher würde er nach etwas Essbarem suchen, oder nach einer Wasserquelle. Allerdings missfiel Leonard der Gedanke, Jim in diesem Zustand allein zu lassen, nur weil er hungrig und durstig war. Als Arzt wusste er, dass das Hungergefühl irgendwann nachlassen würde. Sie beide würden einige Zeit ohne Essen auskommen. In Hinsicht von Flüssigkeit sah es allerdings anders aus.

Der Ionensturm hatte sich inzwischen gelegt, dennoch war der Himmel von dunklen Wolken verhangen. Für gewöhnlich bevorzugte Leonard Sonnenschein, nicht jedoch in dieser Situation. Der bedeckte Himmel würde maßgeblich zu ihrem Überleben beitragen. Sie brauchten weniger Flüssigkeit. Weniger bedeutete jedoch nicht, dass sie ohne auskämen. Davon abgesehen durfte Leonard nicht davon ausgehen, dass das Wetter so bleiben würde.

Der Gedanke, seinen Freund hier vollkommen allein zu lassen, bescherte ihm Bauchschmerzen. Was, wenn es wilde Tiere gäbe, die Jim witterten, während Leonard sich nach einer Wasserquelle umsah? Ebenso gut könnte sich Jims gesundheitlicher Zustand von ganz allein verschlechtern.

Soweit Leonard es beurteilen konnte, war es vorerst besser bei Jim zu bleiben. Er würde seinen besten Freund nicht zurücklassen.

Tag Drei

Sein Magen knurrte. Seine Hände zitterten. Ihm war furchtbar übel. Leonard war bemüht nicht fortlaufend ans Essen zu denken, aber es wollte ihm nicht gelingen. Es gab einen guten Grund, weshalb Nulldiäten medizinisch nicht vertretbar waren. Herrgott, was würde er für eine Handvoll Waldbeeren geben oder ein paar Nüsse. Er war sich sicher, dass er etwas finden würde, wenn er Jim nur für eine kurze Zeit allein ließ.

Immer wieder umkreiste er die zerfallene Hütte, aber in der direkten Umgebung war nichts Essbares und kein Wasser zu finden. Er würde seinen Radius ausweiten müssen. Er hatte das Gefühl, als verdaue er sich allmählich selbst. Rational betrachtet wusste er, dass das Unsinn war. Aber am dritten Tag auf dieser fremden Welt und ohne Aussicht auf baldige Rettung, vermochte er es nicht mehr allzu rational zu denken.

Jims Zustand hatte sich über Nacht verschlechtert. Die inneren Blutungen beeinflussten inzwischen seine Atmung. Abgesehen von der Lunge wurden auch andere Organe zunehmend in ihrer Funktion gestört. Er konnte nicht mehr lange warten. Eine Lösung musste her und zwar bald!

Die Wolken verzogen sich am Mittag des dritten Tages. Leonard saß mit dem Rücken gegen die morsche Holzwand gelehnt, in Gedanken versunken und bemerkte erst nach einer Weile, dass Jim zunehmend im Sonnenlicht lag. Die Schattenflächen in der Hütte wurden immer kleiner. Leonard zwang sich auf die Beine und zog Jim in eine andere Ecke, wo er ihn erneut scannte. Die Anzeige der Energiezelle des medizinischen Tricorders begann zu blinken und verlangte aufgeladen zu werden.

Wenn er eine Notoperation an Jim durchführen wollte, dann musste er es in absehbarer Zeit tun. Der medizinische Tricorder war schließlich besser als nichts. Nur, womit sollte er in dieser Gegend eine Thoraxdrainage durchführen? Dass er selbst in keiner guten Verfassung war, dehydriert und vollkommen übermüdet, ignorierte Leonard bei seinen Überlegungen. Hier ging es schließlich um das Überleben seines besten Freundes, seines Captains. Und momentan war er, wenn auch selbst nicht in bester Verfassung, Jims beste Überlebenschance.

„Hör mal, Jim", sprach er nach einer Weile seinen Freund an, „ich muss dich für einige Zeit allein lassen. Ich muss zurück zum Shuttle und nach dem Notsignal sehen. Vielleicht finde ich auch irgendwas, das für eine Operation nützlich werden könnte. Ich kann nicht länger hier bei dir bleiben und hoffen, dass wir gerettet werden."

Leonard vergewisserte sich, dass Jim weiterhin von direkten Sonneneinstrahlung geschützt sein würde, indem er die Ecke in der sein Freund lag, mit halb zerfallenen Möbeln und losen Holzbrettern verbarrikadierte. In den drei Tagen, die sie nun auf dieser Welt verbracht hatten, hatte Leonard noch kein wildes Tier hier gesehen oder gehört. Von daher ging er guten Gewissens davon aus, dass Jim in seiner Abwesenheit nicht gefressen werden würde.

„Ich beeile mich. Mach keine Dummheiten während ich unterwegs bin, hörst du?" Sein besorgter Blick ruhte noch einen Augenblick länger auf dem ausdruckslosen Gesicht seines Freundes, dann wandte sich Leonard ab und eilte davon, ehe er es sich anders überlegte.

Zurück im Shuttle stellte Leonard erleichtert fest, dass sich das Hydrazingas verflüchtigt hatte und dass das Notsignal noch aktiv war.

Trotz des automatischen Signals versuchte er eine direkte Verbindung zur Enterprise herzustellen. „McCoy an Enterprise; hört mich jemand? Enterprise, bitte kommen. Wir hatten einen Unfall und sind abgestürzt. Erbitten dringend Hilfe. Enterprise, bitte kommen." Die erhoffte Antwort blieb erwartungsgemäß aus.

Anschließend durchsuchte er diverse Fächer nach allem, was ihm hilfreich erschien. Aber er fand nur einen kleinen Werkzeugkoffer, der ihm zunächst wenig nützlich schien. Trotzdem beschloss er ihn mitzunehmen. Ebenso packte er ein handliches, scharfkantiges Metallstück ein, das wohl mal Teil einer Wandverkleidung gewesen war. In Ermangelung eines Laserskalpells war dieses Stück Schrott vermutlich das Beste Schneidwerkzeug, das Leonard zur Verfügung stand.

Es graute ihm beim Gedanken daran, den Brustkorb seines Freundes mit diesem Metallstück aufzuschneiden. Aber hatte er eine andere Wahl?

Bevor er sich auf den Rückweg machte, suchte er noch nach Energiezellen für die Tricorder, fand jedoch keine. Was er jedoch fand, war ein Fach mit Handphasern. Er nahm zwei heraus und steckte sie ein.

Auf dem Weg zurück zu der verlassenen Hütte, scannte Leonard mit dem Standard-Tricorder die Umgebung nach Wasser und essbaren Pflanzen oder Lebewesen ab. Er fand eine Wasserquelle, südöstlich ihres Unterschlupfes, etwa fünf Kilometer entfernt. Selbst wenn er es bis zu dieser Quelle schaffen würde, wie um alles in der Welt sollte er Wasser von dort bis zu Jim bringen können? Und Jim dorthin zu tragen war vollkommen ausgeschlossen. So oder so, Jim würde nichts von dem Wasser haben.

Als er die Unterkunft erreichte, versank die Sonne bereits hinter den Wipfeln des Waldes. Wenn er Jim noch operieren wollte, durfte er keine Zeit verlieren. Ohne Licht würde er unmöglich arbeiten können.

Im medizinischen Notfallkoffer fand er ein paar Handschuhe, welches er sich rasch über die Hände streifte, ehe er Jims Brustkorb mit einem Antiseptikum desinfizierte. „Jim, das wird jetzt unangenehm werden. Aber ich habe kein Betäubungsmittel da und ich muss …" Er atmete tief durch, während er mit zitternden Fingern auch das scharfe Metallstück desinfizierte. „Ich muss das tun, wenn ich dich retten will. Denkst du, du kannst stark genug dafür sein?"

Selbstverständlich antwortete Jim ihm nicht. Leonard schickte ein Stoßgebet zum Himmel und setzte zum Schnitt an. Es würde nur ein kleiner Schnitt sein, nicht mehr als drei bis vier Zentimeter lang, aber das war auch noch nicht der wirklich schmerzhafte Teil.

Sobald Leonard die Hautschicht im Interkostalraum der vorderen Axillarlinie eröffnet hatte, steckte er beherzt den Zeigefinger in die offene Wunde und schob das Subkutangewebe und die Interkostalmuskulatur mit stumpfem Druck beiseite. Sein Blick huschte dabei immer wieder zum medizinischen Tricorder, der Jims Vitalwerte aufzeigte. Jims Herzschlag war erhöht, aber immer noch im akzeptablen Niveau. Nachdem Leonard die Pleura parietalis überwunden hatte, entwichen Luft und Blut, Jims Atmung verbesserte sich zusehends.

Leonard erschrak, als Jims linke Hand plötzlich sein Handgelenk umklammerte und sein Freund ihn keuchend und mit schreckensweiten Augen anstarrte. „Was zum …", brachte Jim nur hervor, ächzte vor Schmerz und starrte Leonard fassungslos an.

„Du hast innere Blutungen, Jim. Ich musste deinen Thorax öffnen, um das Blut abfließen zu lassen …", erklärte Leonard. „Ich gebe dir etwas gegen die Schmerzen." Den Zeigefinger weiterhin in der offenen Wunde, durchsuchte Leonard mit der linken Hand den Notfallkoffer und lud das Hypospray, sobald er das Schmerzmittel gefunden hatte. „Tut mir leid", entschuldigte er sich bei Jim und injizierte ihm das Mittel in die Halsschlagader. „Ich weiß, das tut höllisch weh."

„Was … ist … passiert?" Jim schloss die Augen und atmete schwer.

Leonard fand, dass Jim aussah, als übergebe er sich jeden Moment. „Wir mussten notlanden. Die Steuerkonsole ist beim Aufprall explodiert und hat dich ziemlich schwer verletzt."

„Die Enterprise?"

„Ich habe ein dauerhaftes Notsignal aktiviert, aber bisher ohne Erfolg."

Jim schluckte schwer. Ihm trat der Schweiß auf die Stirn. „Wie … lange …?"

„Drei Tage", antwortete Leonard, sah Jim dabei jedoch nicht ins Gesicht. Stattdessen beobachtete er, wie das Blut aus der offenen Wunde floss und eine Lache auf dem morschen Holzboden bildete. „Der Blutverlust wird dich ziemlich schwächen, Jim. Versuch nicht mehr zu reden. Spare deine Kräfte."

Als genug Blut abgeführt war zog Leonard seinen rechten Zeigefinger wieder aus Jims Thorax. Sein Freund schrie vor Schmerz auf und wurde gleich darauf wieder bewusstlos. Sicher war es besser so, überlegte Leonard. Mit dem Dermalregenerator konnte er zumindest die äußere Hautschicht wieder schließen und so die Blutung nach außen stoppen. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass Jim überm Berg war. Die Notfall-Thoraxdrainage war nur eine vorrübergehende Lösung. Jim musste dringend operiert werden.

Fürs Erste war die größte Gefahr jedoch gebannt, dass Jim an seiner inneren Blutung sterben würde. Jetzt konnte Leonard nur hoffen, dass Jim keine Infektion bekam. Dieser Ort war alles andere als ein steriles Umfeld.

Erschöpft sank er an die Wand neben seinem Freund und streifte sich die blutigen Handschuhe ab, die er beiseite warf.

Tag Vier

Leonard hatte seit Tagen kaum geschlafen. Jedes Mal wenn er kurz davor war einzunicken, stand er auf und ging einige Schritte. Sein Hunger hatte sich in der Tat verflüchtigt. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass das Magenknurren tatsächlich nach einiger Zeit ausblieb. Allerdings hatte er immer noch furchtbaren Durst und wünschte sich sehnlichst, dass es regnen würde.

Stattdessen ging jedoch die Sonne über den Bergen auf und verkündete einen neuen Tag. Leonard hatte die Energiezelle des Standard-Tricorders in den medizinischen gewechselt, um weiterhin Jims Vitalwerte in regelmäßigen Abständen prüfen zu können.

Es verging Stunde um Stunde. Der Tag kam ihm endlos lang vor. Er träumte sich auf die Enterprise, in die Kantine, wo er sich satt aß und so viel trank, dass er glaubte platzen zu müssen. Träumte sich in sein klimatisiertes Quartier und stellte sich vor, dort unter der Dusche zu stehen und sich endlich wieder mal waschen zu können. Die Bartstoppeln in seinem Gesicht juckten fürchterlich. Er fühlte sich wie ein Landstreicher.

Wo blieb die Enterprise nur? Sie mussten doch längst das Notsignal aufgefangen haben. Wieso kam niemand, um sie zu retten? Sollte das ihr Ende sein? Verlassen auf dieser fremden Welt?

„Wenigstens", sprach Leonard seinen Gedanken laut aus und legte seinem Freund dabei die Hand auf den Brustkorb, der sich langsam hob und senkte, „sterbe ich nicht allein."

Nachdem die Sonne untergegangen war, die den ganzen Tag unerbittlich auf den Planeten geschienen hatte, konnte Leonard sich nicht länger wachhalten und schlief schließlich ein.

Tag Fünf

Ein vertrautes Geräusch drang wie durch dichten Nebel in Leonards Bewusstsein. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis ihm klar wurde, dass es sich um den Kommunikator handelte, der in seiner Hosentasche piepte.

Es kostete ihn wahnsinnig viel Willenskraft auch nur einen Muskel zu bewegen. Er war so müde … so unglaublich müde … Aber er wusste, dass er das Gespräch annehmen musste. Das Zirpen in seiner Hosentasche versprach Rettung.

Jim, dachte Leonard. Ich muss Jim retten.

Und so zog er den Kommunikator aus der Tasche und klappte ihn schwerfällig auf. „McCoy", krächzte er in das Gerät.

„Dem Himmel sei Dank", erklang die aufgeregte Stimme Uhuras aus dem Gerät. „Doktor McCoy, sind Sie unversehrt? Wo ist der Captain?"

Jim! Leonard richtete sich aus seiner halbliegenden Position auf und fühlte instinktiv nach dem Puls seines Freundes. Er war kaum noch spürbar. „Beamen Sie uns sofort an Bord!"

„Verstanden", bestätigte Uhura und Leonard zog seinen Freund auf den eigenen Schoß.

Ein sanftes Kribbeln erfasste ihn und er konnte gerade noch sehen, wie sich sein Arm über Jim und auch der Körper seines Freundes in Lichtwirbeln auflösten. Kurz darauf fand er sich auf der Enterprise wieder.

Sofort eilte medizinisches Personal auf sie zu, darunter seine Vertretung Doktor M'Benga und seine Oberschwester Christine Chapel. „Wir müssen ihn operieren", ließ er sein Personal wissen und versuchte aufzustehen. Sein Körper wollte ihm jedoch nicht gehorchen, wirkte wie betäubt.

„Schaffen Sie sie sofort auf die Krankenstation", hörte er M'Benga sagen.

Christine Chapel half ihm auf die Beine und stützte ihn, während Jim auf eine Hovertrage gelegt und aus dem Transporterraum gebracht wurde. „Können Sie gehen, Doktor?", fragte Chapel vorsichtig.

„Selbstverständlich", erwiderte Leonard, aber seine Beine straften ihn Lügen und ließen ihn in Chapels Armen zusammensacken.

Sie vermochte es nicht, ihn allein zu halten und so kam ihm der Transporterchief zur Hilfe. „Ich muss Jim operieren. Er hat einen Hämothorax", ließ er Chapel wissen und drängte Richtung Ausgang.

„Sie werden nichts dergleichen tun, Doktor. Doktor M'Benga wird sich um den Captain kümmern. Seien Sie unbesorgt. Um Sie kümmere ich mich persönlich."

Leonard war sich nicht sicher, ob das ein Versprechen oder eine Drohung war. Aber er fühlte sich außerstande, sich ausgerechnet jetzt mit Chapel anzulegen und ließ sich bereitwillig von ihr zur Krankenstation bringen.

„Sie müssen liegen bleiben, Doktor", bat Chapel nachdrücklich und schob Leonard immer wieder zurück auf das Bett.

Leonard war jedoch nicht danach tatenlos herumzuliegen, während Jim im OP war und von M'Benga wieder zusammengeflickt wurde. Er war für Jim verantwortlich. Er hatte die Thoraxdrainage durchgeführt, Jim war sein Patient!

„Ich will doch nur …", widersprach Leonard und setzte sich abermals auf.

„Ganz wie Sie wollen, Doktor." Chapel entfernte sich von ihm.

Leonard konnte es kaum fassen, dass er sich gegen sie durchgesetzt hatte. Diese Frau hatte was von einem Feldwebel. Gut, dass sie ihn jetzt in Ruhe ließ. Er schnappte sich den Ständer, an dem sein Infusionsbeutel hing und wollte sich gerade vom Biobett schwingen, als sich ihm von hinten eine Hand auf die Schulter legte und ihn festhielt.

„Nicht so schnell", hörte er Chapel sagen, ehe sie ihm einen Injektor an den Hals presste und abdrückte. „Sie sind hiermit vom Dienst entbunden, Doktor McCoy."

Und noch ehe Leonard sich umdrehen und ihr einen finsteren Blick zuwerfen konnte, verlor er das Bewusstsein und fiel rücklings auf das Bett.

Epilog

„Hey, Bones", hörte er eine vertraute Stimme. Sein Kopf fühlte sich an als sei er in Watte gepackt. Es dauerte einige Zeit, bis es ihm gelang die Augen zu öffnen.

Grelles Licht blendete ihn und er konnte hören, wie Jim die Beleuchtung herabregelte.

„Besser so?"

Leonard nickte schwach. „Was zum Teufel … ist passiert?" Er wollte sich aufsetzen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Er blinzelte, bis er sich an das gedimmte Licht gewöhnt hatte und fand seinen Freund im Nebenbett liegend vor.

„Schwester Chapel hat dich betäubt, soweit ich weiß. Sie fand, man müsse dich zur Ruhe zwingen."

„Ungeheuerlich!", raunte Leonard. „Dafür werde ich sie …" Jim lachte leise, was den Arzt zum Verstummen brachte. „Was ist so lustig?"

„Jetzt weißt du endlich mal, wie es mir geht, wenn du mich hinterrücks mit irgendwas betäubst. Kein schönes Gefühl, oder?"

„Das kannst du doch nicht vergleichen", widersprach Leonard.

Jim lachte noch immer leise vor sich hin. Ein tiefes, männliches Glucksen. Schließlich schüttelte er den Kopf und wurde wieder ernst. „Ich sollte wütend auf dich sein", sagte Jim schließlich.

„Hör mal, Jim", begann Leonard sich zu entschuldigen, glaubte er doch zu wissen, weshalb sein Freund ihm böse war. „Ich weiß, dass diese Drainage wirklich schmerzhaft war und ich wünschte, ich hätte eine andere Möglichkeit gehabt. M'Benga hat doch alle Wunden wieder ordentlich schließen können, oder?"

Anders als er selbst, schien Jim deutlich kräftiger zu sein. Er setzte sich in seinem Bett auf und ließ die Beine über die Kante baumeln. „Du bist ein Idiot, Bones! Glaubst du ich bin dir deshalb böse?"

Leonard verstand die Welt nicht mehr. Wenn nicht deshalb, warum zum Henker dann? Er schüttelte verständnislos den Kopf.

„Hast du denn im Überlebenstraining an der Akademie nicht aufgepasst?" Es war eine rhetorische Frage, Leonard wusste das natürlich und antwortete daher gar nicht erst darauf. „Du hättest mich zurücklassen und Wasser suchen sollen."

„Und dich in deinem Zustand allein lassen? Bist du bescheuert?"

„Ja!" Jims Augen wurden groß als er die Augenbrauen hochzog. „Ja, verdammt, das wäre deine Pflicht gewesen."

„Wir wissen beide, dass das leicht zu sagen ist. Aber seien wir doch mal ehrlich, Jim. Du hättest mich genauso wenig zurückgelassen und gegen mindestens genauso viele Überlebensregeln verstoßen, wie ich es getan habe. Man lässt keinen Kameraden zurück und seinen besten Freund schon zweimal nicht."

Beide Männer sahen sich einen gedehnten Moment lang an. Dann nickte Jim kaum sichtbar. „Du bist der loyalste Mensch, den ich kenne. Und was du getan hast, erfordert wahrlich Löwenmut. Danke, dass du mich nicht aufgegeben hast."

„Niemals, Jim. Niemals", lächelte Leonard, heilfroh darüber, dass sie beide überlebt hatten.

ENDE