Wahre Liebe

Kapitel 1

Es war ein kalter und nebliger Novembermorgen, als Gilbert sich auf den Weg zum Krankenhaus machte. Sein Apartment war nur wenige Blocks entfernt, weshalb er meist zu Fuß zur Arbeit ging. Die Straßen von Halifax waren jetzt, um sieben Uhr morgens, noch wie leer gefegt. Um halb acht begann seine Schicht. Gilbert liebte seine Arbeit und er war ein guter Arzt.

Seit drei Jahren arbeitete er schon im Kreiskrankenhaus von Halifax und so sollte es auch weiterhin bleiben, da war es sich absolut sicher. Was sein Privatleben betraf, war er sich jedoch überhaupt nicht sicher. Er war schon mit vielen Mädchen ausgegangen, aber keine von ihnen schien die Richtige zu sein. Seit mehr als einem Jahr ging er des öfteren mit Christine Stuart aus, sie war die Tochter von Dr. Stuart und bildhübsch. Christine war sehr nett und Gilbert mochte sie, aber liebte er sie auch? In letzter Zeit dachte er viel über diese Frage nach. Er wusste nicht, ob er ihr die entscheidende Frage fürs Leben stellen sollte. Christine war nett, hübsch und intelligent. Aber wollte er wirklich den Rest seines Lebens mit ihr verbringen? Er wusste, dass Christine auf seine Frage wartete, doch er hatte es bisher einfach nicht fertig gebracht. Gestern Abend hätte er ihr die alles entscheidende Frage, beinah gestellt. Sie waren nach dem Essen noch durch den Park spaziert und im betörenden Mondschein hatte alles so einfach ausgesehen. Aber plötzlich hatten ihn wieder diese Zweifel befallen und er hatte geschwiegen. Hätte er wirklich Zweifel, wenn er sie wahrhaft lieben würde? Gilbert verscheuchte all die wirren Gedanken, als er nun die Auffahrt zum Krankenhaus hoch lief. Er würde später darüber nachdenken.

Wie gewöhnlich herrschte bereits eine rege Geschäftigkeit in dem alten Backsteingebäude. Die Krankenschwestern, die ihm entgegenkamen begrüßten ihn. Gilbert war recht beliebt bei den Schwestern, was zum einen daran lag, dass er immer nett und freundlich war, aber auch an seinem guten Aussehen. Obendrein war er noch Junggeselle und die eine oder anderen malte sich noch Chancen bei ihm aus, obwohl Gilbert nie dazu Anlass gab. Er öffnete die Tür zur Station im zweiten Stock und Martha Camps kam ihm lächelnd entgegen. "Guten Morgen, Martha." "Guten Morgen, Dr. Blythe." Martha war die Oberschwester und sie tat ihre Arbeit stets pflichtgemäß und freundlich. Sie konnte gut mit den Patienten umgehen und hatte sowohl Schwestern, als auch Ärzte fest im Griff. Jeder respektierte die mollige, kleine Oberschwester. Ihr Haar, das bereits einige graue Strähnen zeigte, trug sie immer ordentlich unter ihrem Häubchen aufgesteckt. Ihre Schwesterntracht war immer makellos. "Irgendwas neues?" fragte Gilbert und Martha folgte ihm in seine Arztzimmer. Sie hielt einige Patientenkarten in der Hand und während Gilbert seinen weißen Arztkittel anzog, berichtete sie ihm, was in der letzten Nacht geschehen war. "Eigentlich war nichts besonderes, das übliche. Mrs. Shivers Fieber ist ein wenig angestiegen und Mr. Fouler klagte über Kopfschmerzen, bis Dr. Piller ihm ein Schlafmittel verabreicht hat. Sonst war es ruhig. Auf 22c haben wir allerdings einen Neuzugang." Interessiert blickte Gilbert auf. "Gestern Abend ist die Patientin eingeliefert worden. Eine junge Lehrerin aus Hopetown. Sie hat sich den Knöchel gebrochen und Dr. Piller hat noch den Verdacht auf eine Gehirnerschütterung geäußert. Das lustige dabei ist nur die Art, wie es passiert ist." Marthas Mundwinkel zuckten zu einem kleinen Lächeln. Es musste Martha wirklich amüsiert haben, denn es war sonst nicht ihre Art, sich über die Missgeschicke ihrer Patienten, lustig zu machen. "Stellen sie sich vor, sie ist von einem Lattenzaun gestürzt." "Von einem Lattenzaun?" Verwundert schüttelte Gilbert den Kopf. "Irgendwie haben ihre Schüler sich Mutproben füreinander ausgedacht und sie wollte dem ganzen ein Ende setzten. Die Schüler wollten unbedingt wissen, ob es jemand fertig bringt, auf einem Lattenzaun zu balancieren. Also nahm sie ihnen das Versprechen ab, mit den Mutproben aufzuhören, wenn sie es ihnen zeigte. Leider war der Zaun am Ende schon recht wackelig und sie verlor das Gleichgewicht. Dabei fiel sie so unglücklich, dass sie sich den Knöchel brach und mit dem Kopf ein wenig aufschlug." "Das ist wirklich eine außergewöhnliche Geschichte. Eine balancierende Lehrerin, " lachte Gilbert. "Ich werde wohl als erstes nach ihr sehen. Dieser Miss....Wie heißt sie Martha?" "Miss Shirley, " beendete Martha den Satz.