Erster Gesang

Lygeia saß mit dem Rücken an einen Baum gelehnt und beobachtete Gabrielle und Xena, die am Ufer des Flusses standen und darauf warteten, dass ihr Frühstück anbiss. Die Geduld der beiden faszinierte Lygeia. Vor fast einer Stunde hatten Gabrielle und Xena ihre Angeln ausgeworfen. Seitdem hatte sich nichts gerührt. Lygeias spöttische Kommentare hatte Xena damit beantwortet, dass zum Fischen nun mal Geduld gehörte.

„Außerdem, wenn es dir nicht schnell genug geht, kannst du gerne selbst dein Glück versuchen."

Daraufhin hatte Lygeia beschlossen den Mund zu halten und selbst für ihr Frühstück zu sorgen. Giftige von essbaren Beeren und Früchten unterscheiden konnte sie inzwischen ganz gut.

Und damit war die Landschaft hier beträchtlich freigiebiger als mit Fischen oder anderen Tieren.

Grinsend griff Lygeia zu dem Beerenhaufen neben sich und schob sich eine der süßen, roten Früchte in den Mund. Das ‚Mmmm' fiel deutlicher lauter und genussvoller aus, als sonst.

Auf einmal kam Bewegung in die Szene vor ihr. Gabrielles Angel wurde nach vorne gezogen.

„Ich hab was!" rief sie begeistert.

„Lass ihn ja nicht entkommen!" antwortete Xena.

„Niemals!"

Der Kampf mit dem, was auch immer Gabrielle an der Angel hatte, dauerte nur ein paar Sekunden. Dann stemmte sich Gabrielle in den Boden und riss ihre Angel nach hinten. Etwas flog durch die Luft und landete zwei Meter neben Lygeia im Gras.

Gabrielle warf ihre Angel beiseite und hob den Fisch auf.

„Na endlich.", sagte sie erleichtert und löste den Haken aus dem Maul des Fisches.

„Eine Runde Applaus für unsere Fischerkönigin!" rief Lygeia und klatschte dreimal in die Hände.

„Ach sei still. Du bist doch nur neidisch."

„Neidisch?", fragte Lygeia und deutete neben sich, „Ich hab mein Frühstück."

Gabrielle ging nicht darauf ein, sondern drehte den Fisch und schaute ihm ins Gesicht.

„Glaube mir, kleiner Fisch, ich tue das nicht zum Vergnügen. Nur um zu leben."

Xena schüttelte lächelnd den Kopf.

„Sprich nicht so mit deinem Frühstück." Sagte sie.

„Warum nicht? Ich mach das auch."

Lygeia nahm eine Beere hoch und verstellte ihre Stimme.

„Guten Morgen, meine Damen. Und was für ein herrlicher Morgen das ist, nicht wahr?"

„Ja, in der Tat, meine gute Frau Beere.", antwortete Lygeia in ihrer normalen Stimme, „Aber ich fürchte ich werde Sie jetzt essen müssen."

Erneut verstellte sie ihre Stimme.

„Oh nein, bitte nicht. Ich bin noch so jung."

Xena warf eine Hand voll Sand nach Lygeia.

„Jetzt hör schon auf, sonst beißen die Fische nicht an."

Lygeia aß die Beere und antwortete: „Tun Sie doch sowieso nicht. Wenn du das schaffst, dass der nächste Fisch in weniger als einer Stunde anbeißt, sammele ich für eine Woche das Feuerholz."

„Die Wette gilt." Sagte Xena.

Sie hatte kaum ausgesprochen, als ihre Leine nach vorne gezogen wurde. Xena gab etwas nach, dann holte sie aus und kurz darauf flog ein dicker, saftiger Fisch ans Ufer.

Lygeia starrte den Fisch an, als hätte er sich mit Absicht von Xena fangen lassen. Nur um Lygeia eins auszuwischen.

„Erinnere mich daran nie wieder mit dir zu wetten, Xena." Sagte sie beleidigt.

Was muss ich auch meine Klappe soweit aufreißen?

Die Kriegerprinzessin enthielt sich einer Antwort. Zufrieden lächelnd befreite sie den Fisch vom Haken und warf ihre Angel erneut aus.

Lygeia vergaß ihren Ärger über die verlorene Wette schnell und aß ihre restlichen Beeren auf, während Gabrielle und Xena weiter angelten.

„Es ist doch wunderschön hier, oder?" fragte Gabrielle.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es Orte wie diesen in Griechenland überhaupt gibt." Sagte Lygeia.

„Man lernt eben nie aus." Sagte Xena und warf Gabrielle einen warmen Blick zu, den die Bardin lächelnd erwiderte.

Sie hatten die Gegend vor zwei Tagen erreicht. Es war eine abgeschiedene, von Flüssen durchzogene Landschaft. Kleinere und größere Inseln hatten sich gebildet und eine für Griechenland unübliche Vegetation hervorgebracht. Mangrovenbäume ragten aus dem türkisblauen Wasser und bildeten mit ihrem weitverzweigten Wurzelwerk weitere Inseln, auf denen sich kleine Tiere eingenistet hatten. Und obwohl der Sommer noch nicht mal angefangen hatte, herrschten warme Temperaturen.

Lygeia löste sich von ihrem Platz an dem Baumstamm und gesellte sich zu Xena und Gabrielle. Sie legte sich in die Nähe des Wassers, schob ihre Tunika hoch und steckte die Füße ins Wasser. Mit geschlossenen Augen horchte sie auf das Plätschern des Flusses und das Rauschen des Windes in den Bäumen.

Früher, in ihrem alten Leben, wäre das alles nicht der Rede wert gewesen. Doch seit sie mit Xena und Gabrielle unterwegs war, hatte sie gelernt diese Momente des Friedens und der Ruhe zu schätzen. Sie waren zwar keine Rarität, aber doch selten genug, dass Lygeia sich darüber freuen konnte, wie über ein Geschenk zu Weihnachten. Denn das waren diese ruhigen und friedlichen Momente auch. Geschenke in einer Welt, in welcher der Tod sprichwörtlich hinter jeder Ecke lauerte.

„Hier könnte ich es eine Zeit lang aushalten." Sagte sie leise.

Gabrielle nickte abwesend.

„Ob wir die allerersten Menschen hier sind?" fragte die Bardin.

„Glaub ich nicht.", antwortete Lygeia, „Die Zeiten sind vorbei."

Gabrielle fing an zu kichern.

„Was ist so witzig?" fragte Lygeia.

„Du hast gesagt ‚Die Zeiten sind vorbei'. Du, als Frau aus der Zukunft." Antwortete Gabrielle.

Lygeia sah Gabrielle mit hochgezogener Augenbraue an. Den Witz verstand sie nicht.

Xena packte ihre Angel fester.

„Ob wir nun die ersten Menschen hier sind, oder nicht.", sagte sie konzentriert, „Die Fische scheinen das zu denken, sonst würden sie nicht so aus dem Wasser springen." Sie zog die Angel ein und holte einen dritten Fisch ans Ufer.

„Ich habe eine Theorie über Fische.", sagte Gabrielle stolz, „Möchtet ihr sie hören?"

Lygeia stützte sich auf die Unterarme.

„Na jetzt bin ich aber gespannt."

„Ich glaube, dass wir alle aus dem Wasser kommen."

Gabrielle blickte von Xena zu Lygeia um zu sehen, welche Reaktion ihre Theorie hervorgerufen hatte. Doch keiner von beiden schien etwas Bemerkenswertes an Gabrielles Behauptung zu finden.

„Was denkst du denn darüber, Lygeia?" fragte Gabrielle.

Lygeia zuckte die Schultern, antwortete aber nicht. Sie wusste, dass die Bardin hoffte etwas über die Zukunft herauszubekommen. Aber diese Fallen kannte sie inzwischen.

„Jedenfalls glaube ich, dass Fische im Grunde nur Menschen sind." Fuhr Gabrielle fort.

Ein neuer Fisch zog an der Angel der Bardin. Sie gab ihm etwas Leine und zog ihn langsam ans Ufer.

„Und diese Menschen warten nur auf den richtigen Moment um an Land zu kommen."

Plötzlich schoss eine Hand aus dem Wasser und packte Gabrielles Arm.

Gabrielle schrie auf und versuchte sich loszureißen, doch der Griff der Hand war wie ein Schraubstock.

Bei Gabrielles Aufschrei war Lygeia auf die Füße gesprungen und kam ihrer Freundin nun zu Hilfe. Gemeinsam mit Xena zogen sie den Besitzer der Hand aus dem Wasser.

Lygeia riss erschrocken die Augen auf. Eine fremde, seltsam geschwungene Wurfaxt steckte in der Brust des Mannes. Durch Wasser verdünntes Blut tropfte auf den Sand und färbte ihn rot. In seinem Gesicht klebte getrocknetes Blut.

„Sie…Sie haben….uns umzingelt…unsere Garnison…wir brauchen Verstärkung…DIE HORDE!"

Nachdem er die letzten Worte herausgeschrien hatte, versagte seine Stimme. Sein im Todeskrampf zitternder Körper wurde ruhiger und sein Atem flacher. Ein letztes Mal holte er tief Luft. Dann hauchte er seinen Geist aus.

Die Hand an Gabrielles Arm fiel zu Boden.

„Die Horde? Was hat er damit gemeint?" fragte Gabrielle. Ihr Blick wanderte von Xena zu Lygeia. Die beiden sahen sich einen Moment lang an.

Dann sprang Lygeia auf und holte ihren Rucksack.

„Hol deine Sachen, Gabrielle." Sagte Xena.

„Was ist denn los?"

„Tu was ich sage! Schnell!"

Gabrielle wusste nicht, was los war. Aber so viel hatte sie begriffen, dass sie in Gefahr waren. Sie rannte zu dem Baum, wo sie ihren Stab und ihre Tasche abgelegt hatte. Gerade als sie sich umdrehen und zu Xena zurücklaufen wollte, fiel ihr Blick auf den Fluss.

„Xena." Mit vor Schreck geweiteten Augen deutete Gabrielle auf den Fluss.

Die Kriegerprinzessin und Lygeia kamen zu ihr. Was sie sahen verschlug ihnen den Atem.

Die Leichen griechischer Soldaten trieben den Fluss hinunter, eine Spur aus rotem Blut hinter sich herziehend.

Jeder von Ihnen hatte eine Axt im Körper stecken.

„Was ist passiert?" fragte Gabrielle.

„Die haben uns umzingelt, so machen sie es immer.", antwortete Xena leise, „Diese Männer waren Soldaten aus Athen. Wahrscheinlich ein Hinterhalt."

„Ein Hinterhalt? Von wem?"

„Von denen!" rief Lygeia und zeigte den Fluss hinauf.

Unbemerkt hatte ein Kanu angelegt. In dem Kanu saßen Männer, bekleidet in Fellen und Lederschurzen. Furchteinflößende Symbole waren mit brauner und weißer Farbe auf ihre Körper gemalt. In Nasen und Ohren trugen sie Piercings aus Holz. An ihren Gürteln hingen Knochen und Totenköpfe. Mit lauten Schreien, die entfernt an das Knurren und Geifern von Tieren erinnerten, stürmten die Männer das Ufer hinauf.

„LAUFT!" brüllte Xena.