Zehnter Gesang

Am nächsten Morgen holte sich Lyeia einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen aus der Waffenkammer und stieg auf die Zinnen des Forts. Die Soldaten blickten sie erstaunt an, doch Lygeia beachtete sie nicht.

Sie hatte Wichtigeres zu tun.

Die Nacht hindurch hatten sie ihr Vorhaben ins Detail geplant. Gabrielle würde den Verwundeten Kriegern der Horde Wasser geben. Sollte die Horde aus dem Wald anrücken, würde sie ihnen einen zweiten Wasserschlauch anbieten. Lygeia währenddessen würde mit einem Bogen auf der Mauer warten.

„Pass aber ja auf dich auf.", hatte sie die Bardin gewarnt, „Ich bin keine Meisterschützin. Bleib in der Nähe der Mauer, damit ich gut treffe, wenn's sein muss."

Lygeia hatte das Bogenschießen bei ihrem letzten Besuch bei den Amazonen gelernt. Ephiny hatte Stunden damit zugebracht, Lygeia Übungsschüsse auf verschieden weit entfernte Ziele abgeben zu lassen.

Auch wenn ihre Leistung ganz passabel war. Auf ein bewegliches Ziel – noch dazu auf ein lebendiges – zu schießen, das war etwas vollkommen anderes.

Unter sich hörte Lygeia wie Gabrielle mit den Soldaten sprach. Kurz darauf wurde der Wagen ein Stück beiseite gezogen, damit Gabrielle nach draußen konnte. Dann sah sie die gebückte Gestalt der Bardin über das Feld huschen.

Den Rand des Waldes im Blick haltend, zog Lygeia einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn auf die Sehne.

Xena hielt sich gerade im Befehlsraum auf und hatte von den Vorgängen draußen nichts mitbekommen, als Menticles hereinstürzte.

„Gabrielle ist draußen vor der Festung!"

„Was?!"

Xena stürmte nach draußen zum Tor und blickte hinaus. Sie sah die Gestalt der Bardin von einem Punkt zum anderen kriechen.

„Wer von euch Idioten hat sie rausgelassen?!" donnerte die Kriegerprinzessin.

„Sie hat gesagt, der Befehl käme von dir." Antwortete einer der Soldaten.

Xena packte ihn am Kragen seiner Rüstung und schüttelte ihn.

„Und das hast du ihr einfach geglaubt?!" brüllte sie ihn an.

„Sie klang sehr überzeugend." Verteidigte sich der Soldat.

Mit einem Aufschrei stieß ihn Xena von sich und raufte sich die Haare. Das konnte doch nicht wahr sein. Wie blöd waren diese Kerle eigentlich?

„Menticles, holt alle Rauchbomben, die wir haben und macht die Männer zum Kampf bereit. Schnell!"

Menticles beeilte sich Xenas Befehl auszuführen und nahm ein paar Soldaten mit zur Waffenkammer. Xena stürmte auf die Mauer und sah hinaus.

„Gabrielle, komm sofort zurück!" rief sie. Die Wut auf die Männer war verflogen. Alles, was Xena nun fühlte, war die unendliche Angst um Gabrielles Leben.

Gabrielle hörte Xenas Rufen, doch sie ignorierte es. Das hier war ihre Mission, die sie alleine ausführen musste. Xena hatte ihr gegenüber keine Befehlsgewalt. Sie war der Kriegerprinzessin nicht zum Gehorsam verpflichtet.

Sie war keiner ihrer Soldaten!

Ein Schatten fiel auf Gabrielle. Langsam hob sie den Kopf.

Das Erste, was sie sah, war die vor Blut tropfende Axt. Dann sah sie den Krieger, der die Axt in der Hand hielt. Sein Gesicht war nicht zu deuten, doch er schien nicht recht zu wissen, wie er mit Gabrielles Verhalten umgehen sollte.

Gabrielle nahm den Wasserschlauch in ihrer Hand und reichte ihn dem Krieger.

„Kaltaka." Sagte sie ehrfürchtig und neigte das Haupt.

Vor Angst wie gelähmt, schloss sie die Augen und erwartete den tödlichen Schlag der Axt.

Doch dieser Schlag kam nicht. Stattdessen merkte sie, wie man ihr den Beutel aus den Händen nahm. Gabrielle wagte es den Kopf zu heben, stand vorsichtig auf und entfernte sich rückwärts.

Weitere Krieger der Horde waren vom Wald her gekommen. Vorsichtig, Gabrielle im Blick haltend, hoben sie ihren verletzten Stammesbruder auf und trugen ihn davon. Bald kamen noch mehr von ihnen um ihre restlichen Verwundeten und die Gefallenen aufzuheben.

Gabrielle ging langsam die Straße entlang, die zum Toreingang des Forts führte. Der Wagen wurde zur Seite geschoben und eine Gruppe Soldaten kamen heraus um ihrerseits die Gefallenen und Verwundeten Kameraden zu holen.

Jemand packte sie am Arm und riss sie herum.

„Gabrielle, bist du lebensmüde geworden?!" fuhr Xena sie an.

Die Bardin riss sich los.

„Fass mich nicht an!", antwortete sie barsch, „Ich war keinen Moment in Gefahr."

„Ach ja? Und wieso?"

„Weil ich mit einem Bogen auf der Mauer stand.", Lygeia war unbemerkt von den beiden ebenfalls nach draußen gekommen, „Hätte einer von denen versucht sie zu verletzten, hätte ich ihn getötet."

„Du wusstest davon?"

„Glaubst du, ich hätte sie da alleine rausgehen lassen?" fragte Lygeia. Sie drückte Xena den Trinkbeutel in die Hand, den sie mitgebracht hatte. „Trink mal `nen Schluck Wasser, vielleicht wirst du dann wieder klarer."

Im Moment hätte Xena Lygeia am liebsten ersäuft, so wütend war sie.

Plötzlich deutete Gabrielle auf einen Punkt zur Linken. Eine Gestalt kroch auf allen vieren über den Boden.

„Scheiße, das ist Mercer!" rief Lygeia.

Gabrielle, Lygeia und Xena rannten auf den Soldaten zu. Als sie bei ihm waren, sahen sie erst wie schlimm er verletzt war. Sein Hemd war von Blut und Dreck übersäht. Wie viel davon sein Eigenes war konnte niemand sagen. Sein Gesicht war von Beulen und aufgerissenen Wunden übersäht. Blut floss ihm über das Gesicht.

Gabrielle drehte ihn auf den Rücken und bettete seinen Kopf in ihrem Schoß. Der Soldat schien kurz davor ohnmächtig zu werden.

„Xena.", stöhnte er, „Du hattest Recht…Ich hätte nach…nach Norden gehen sollen."

Sein Kopf fiel zur Seite als er das Bewusstsein verlor.

„Wir müssen ihn sofort nach drinnen schaffen.", sagte Lygeia, „Die haben ihn durch den Fleischwolf gedreht."

Gemeinsam luden sie sich den leblosen Körper des Soldaten auf die Schultern und trugen ihn zum Fort.

Gabrielle sah zu Xena.

„Jetzt hast du deinen Kampf auf Leben und Tod.", sagte sie verächtlich, „Das wolltest du doch."

Von den Verwundeten, welche die Soldaten ins Fort gebracht hatten, waren nur noch drei am Leben. Zusammen mit denen, die noch ruhen mussten, war das Lazarett völlig ausgelastet. Einige von ihnen boten an das Lazarett freiwillig zu verlassen, damit Gabrielle und Lygeia weniger Arbeit hatten. Doch dieses Ansinnen lehnten die beiden Frauen energisch ab.

Gabrielle war gerade damit beschäftigt Mercers Wunden zu verbinden, als drei Soldaten ins Lazarett kamen.

„Braucht man euch nicht auf der Mauer?" fragte die Bardin.

„Xena sagte, ich soll mich bei dir melden.", antwortete der Soldat, „Ich soll helfen die Kranken zu pflegen. Das Essen hier in dem Korb ist für die Verwundeten."

Gabrielle hielt inne. Hatte sie sich verhört? Xena hatte einem gesunden Soldaten befohlen, ihr bei der Krankenpflege zu helfen? Und noch dazu Essen für die Verwundeten bereitgestellt?

„Stellt den Korb bitte da drüben hin.", sagte sie stockend, „Dann füttere bitte die Verwundeten dort drüben. Und holt bitte ein paar Stofffetzen zum Feuer machen."

Die Soldaten nickten und führten ihre Anweisungen aus. Gabrielle sah ihnen dabei zu. Sie konnte nicht begreifen, was hier gerade passierte.

Was hatte Lygeia gesagt? Dass Xena selbst zu Vernunft und Einsicht finden musste?

Die Andeutung eines sanften Lächelns erschien auf dem Gesicht der Bardin.

Vielleicht hatte die Kriegerprinzessin den Weg dorthin nun gefunden.

Xena saß allein im Befehlsraum. Es war Abend geworden und im Raum herrschte tiefe Dunkelheit, die genau das widerspiegelte, wie es in Xena aussah. Den Kopf in die Hände gelegt, starrte sie ins Leere.

Das war es also. Sie hatten verloren. Jetzt gab es keine Hoffnung mehr. Sie waren am Ende.

Verzweifelt schlug Xena mit den Fäusten auf den Tisch. Warum musste immer alles, was sie anfing, schief gehen?

Die Kriegerprinzessin war verzweifelt. Sie hatte in den letzten Stunden, seit Mercers Rückkehr, sehr viel nachgedacht. Besonders über das, was Gabrielle zu ihr gesagt hatte.

Jetzt hast du deinen Kampf auf Leben und Tod. Das wolltest du doch.

War das die Wahrheit? Hatte sie es wirklich von Anfang an auf Leben und Tod angelegt? Sie hatte doch nur Gabrielle und Lygeia retten wollen. Und die Männer, die in der Festung gefangen gewesen waren. Was war daran denn falsch?

Nichts war daran falsch.

Falsch war, wie Xena dies hatte erreichen wollen.

Mit eben jenem Kampf auf Leben und Tod. Entweder die Horde oder sie. Mit der Verstärkung, auf die Xenas ganzer Plan beruht hatte, wollte sie die Horde niedermetzeln und vernichten. Und Rache für die Männer üben, die sie damals an die Horde verloren hatte.

Nun gab es keine Verstärkung mehr. Jetzt war die Horde am Zug. Gegen sie konnte Xena mit den paar Männern, die sie hatte, nicht gewinnen. Die Horde musste nur darauf warten, dass ihnen die Vorräte ausgingen.

Ihr Schicksal war besiegelt.

Gabrielle…

Xenas Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie an die Bardin dachte. An all die grässlichen Dinge, die sie zu ihr gesagt hatte. Scham überkam sie, als die Worte in ihrem Kopf widerhallten. Ihr Hals schnürte sich zusammen. Wie hatte sie nur solche Grausamkeiten zu ihr sagen können? Was war nur über sie gekommen?

Was war aus ihr geworden?

Das, was sie einst war, und niemals wieder hatte sein wollen. Sie war zu dem geworden, was sie glaubte hinter sich gelassen zu haben.

Sie erinnerte sich, wie sie Gabrielle damals getroffen hatte. An den Menschen, der sie damals war. Ein vom Schicksal und Krieg gebrochener Mensch. Eine besiegte Kriegerin. Wie sehr hatte sie sich damals für all das geschämt, was sie getan hatte? Niemals wieder hatte sie ein Schwert in die Hand nehmen wollen.

Und dann war Gabrielle in ihr Leben getreten. Dieses junge, schöne, naive Ding aus Poteidaia, das ihr unermüdlich gefolgt und nachgelaufen war. Bis Xena schließlich nachgegeben und sie freiwillig mitgenommen hatte.

Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass dieses Mädchen einmal die Liebe ihres Lebens werden würde. Und dass aus diesem Mädchen einmal die Frau werden würde, mit der sie ihr Leben verbringen wollte.

Xena spürte, wie die Wärme in ihr erkaltetes Herz zurückkehrte. Wie ein Frierender sich am Feuer wärmt, so wärmte sich Xena an ihrer Liebe für Gabrielle. An dem Gefühl Zuhause zu sein, das die Bardin ihr gab.

Xena stand auf und verließ den Befehlsraum. Die Nacht war hereingebrochen. Ein wolkenloser Himmel. Unzählige Sterne erleuchteten die Dunkelheit und tauchten die Welt in ein silbriges Licht. Ruhe und Frieden lagen über der Festung.

In einer solchen Nacht hatte Xena Gabrielle damals ihre Liebe gestanden. Damals, nachdem sie in einen Krieg der Mitoaner und Thessalier geraten waren.

Nachdem sie Gabrielle fast verloren hatte.

Das Bild von Gabrielles leblosem Körper auf der Pritsche hatte sie nächtelang in ihren Alpträumen verfolgt.

Geräuschlos öffnete Xena die Tür und betrat das Lazarett. Bis auf ein paar Kerzen war es vollkommen dunkel. Die Verwundeten schliefen seelenruhig, doch Xena beachtete sie nicht. Alles was ihre Sinne wahrnahmen, war die Frau, die in einer blutigen Schürze an Mercers Krankenbett saß und sich unermüdlich um die Verletzungen des bewusstlosen Soldaten kümmerte.

Liebe überkam Xena, als sie Gabrielle betrachtete, die sie noch nicht bemerkt hatte.

Langsam, als wäre sie ein scheues Tier, das sie nicht verschrecken wollte, ging Xena auf Gabrielle zu und kniete sich hinter sie.

Die Bardin drehte sich um, sah Xena kurz an und wandte sich wieder ab. Sie sprach kein Wort.

„Kaltaka war der Schlüssel.", sagte Xena. Ihre Stimme klang leise und beschämt, „Als du rausgegangen bist, dachten sie es sei Waffenstillstand und bargen ihre Verwundeten."

Gabrielle nickte. Noch immer blieb sie still.

„Du hast den Schlüssel gefunden.", sprach Xena weiter, „Ich war geblendet von Hass. Von Zorn. Von Angst. Alles, woran ich denken konnte, war Krieg und Zerstörung."

Zögernd streckte sie ihre Hand aus und nahm die zierliche Hand der Bardin in ihre. Zärtlich strich sie mit dem Daumen über die weiche Haut.

„Aber nicht du. Du kennst Hass. Du weißt, was Hass ist. Aber du hast ihm nie nachgegeben. Du hast dir deine Menschlichkeit bewahrt. Deine Liebe und dein Mitgefühl. Ich dagegen bin vollkommen in dem aufgegangen, was ich so sehr verachtet habe."

Zum ersten Mal, seit Xena das Lazarett betreten hatte, sprach Gabrielle.

„Alles hier hat dich an die Vergangenheit erinnert, oder?", fragte sie, „Wenn…Wenn ich das erlebt hätte, was du –''

„Nein!"

Xena fasst Gabrielle an den Schultern und drehte sie zu sich.

„Niemals. Niemals könntest du solche Dinge tun, wie ich sie getan habe.", sagte die Kriegerprinzessin sanft, „Du wärst niemals zu solchen Grausamkeiten fähig. Du hast ein zu gutes und reines Herz dafür."

Xena ließ Gabrielles Schultern los und legte ihr Gesicht in die weichen und warmen Hände.

„Verzeih mir bitte. Verzeih mir, dass ich dich so enttäuscht habe. Dass ich dir schon wieder wehgetan habe."

Sie spürte, wie Gabrielle ihr Gesicht anhob. Für einen Moment sah sie nur die grünen Augen Gabrielles. Dann spürte sie die weichen Lippen der Bardin auf ihren eigenen.

Gabrielles Kuss erstickte das Schluchzen in Xenas Kehle. Er zerbrach den Panzer aus Eis, der sich um Xenas Herz gelegt hatte und fühlte es mit Liebe und Wärme.

In den Armen ihrer Liebsten spürte Xena, wie sie wieder zu einem Ganzen wurde.