Zweiter Gesang

Xena führte sie querfeldein in den Wald. Die Kriegerprinzessin rannte so schnell sie konnte. Lygeia und Gabrielle versuchten mitzuhalten, aber sie hatten Schwierigkeiten. Hinter ihnen drang das abgeschwächte Knurren und Brüllen der Männer an ihre Ohren.

Lygeia wagte es nur einmal im Laufen zurückzusehen. Was sie sah, ließ sie noch schneller rennen. Die Männer jagten wie eine Armada Teufel hinter ihnen her. Einmal flog eine Wurfaxt an Lygeia vorbei und blieb im Stamm eines nahen Baumes stecken.

Und der Tag hat so gut angefangen.

Sie kamen aus dem Dickicht heraus auf ein von Farn bewachsenes Feld.

„LAUFT WEITER!" befahl Xena.

Das hätte man weder Gabrielle noch Lygeia zweimal sagen müssen.

Sie hatten das Feld fast überquert, als aus dem Wald vor ihnen drei weitere Männer herausbrachen.

Xena und Gabrielle wurden langsamer und blieben stehen.

In diesem Moment hatten die anderen drei Männer das Feld erreicht und rannten axtschwingend auf die Frauen zu.

Sie waren umzingelt.

Lygeia blieb nicht stehen. Noch im Laufen hatte sie einen Beutel an ihrem Gürtel geöffnet und eine Hand voll des Inhalts herausgezogen. Nun stürmte sie auf die drei Männer vor ihnen zu und schleuderte es ihnen mit einer weit ausholenden Bewegung ins Gesicht.

Die Männer schrien auf und bedeckten ihre Augen. Lygeia hatte ihnen Salz ins Gesicht geworfen.

Durch das Salz geblendet konnte sich keiner der Männer verteidigen, als Lygeia mit einem Schrei in die Luft sprang und den ersten der Männer mit einem gesprungenen Kreisfußtritt zu Boden schickte.

Xena fuhr herum, hob einen Knüppel vom Boden auf und griff ihre Verfolger an.

Lygeia schlug den zweiten der Männer nieder und wandte sich dem Dritten zu. Dieser hatte seine Sicht inzwischen geklärt und hob seine Axt um Lygeia zu töten. Die junge Frau wich zur Seite aus, drehte ihre Hüfte und schlug ihrem Gegner mit der Handkante gegen den Hals. Die Wucht des Schlages ließ den Mann in sich zusammenfallen wie eine Gliederpuppe.

„LAUFT ZUM FLUSS! LOS!"

Lygeia und Gabrielle taten, was Xena gesagt hatte und rannten zum Fluss zurück, wo ihr Kanu lag. Sie warfen ihre Sachen hinein und schoben das Boot ins Wasser.

Sie hatten das Ufer kaum verlassen, als drei der Männer aus dem Wald kamen und in ihr eigenes Boot sprangen, das direkt neben dem Kanu von Xena, Gabrielle und Lygeia angelegt hatte.

Gabrielle und Xena ruderten so schnell sie konnten, doch ihre Verfolger waren im Umgang mit den Kanus geübter und holten auf.

Xena warf einen Blick zurück und überschlug grob die Entfernung. Dann schleuderte sie ihr Chakram.

Kreischend schoss die runde Waffe zum Ufer, wurde dort von einem massiven Felsen zurückgeworfen und durchbrach knapp über der Wasseroberfläche das Boot ihrer Verfolger. Wasser drang durch die geschlagenen Lücken und nur wenige Sekunden später war das Boot untergegangen.

Für den Moment kehrte Ruhe ein.

Trügerische Ruhe.

Xena ruderte das Boot weiter, bis sie in den Hauptarm des Flusses kamen, von dem aus die vielen Wasserstraßen abzweigten. Die ganze Zeit über hatten sie, Gabrielle und Lygeia das Ufer nach diesen furchteinflößenden Männern im Blick behalten.

Lygeia hatte ihre Hände an die Seiten des Bootes gekrallt, als müsste sie Halt suchen, dabei schaukelte das Boot kein bisschen. Ihr Herz schlug nicht schnell oder rasend, aber doch so laut und kräftig, dass ihr ganzer Körper erzitterte. Während sie mit den Augen die beiden Ufer des Flusses nach Anzeichen für einen Angriff absuchte, versuchte sie nicht daran zu denken, ob sie vielleicht ein Menschenleben auf dem Gewissen hatte.

Sie wusste, dass ein Schlag gegen den Hals eines Menschen – wenn er richtig ausgeführt wurde – tödlich war.

Als die Vegetation an den Ufern etwas lichter wurde, lenkte Xena das Boot in einen leicht sumpfigen Seitenarm und von dort an Land.

Nachdem sie das Boot an Land gezogen hatten, setzten sie sich nahe beieinander auf einen der vielen Baumstämme, die von der Strömung an Land getrieben worden waren.

In der letzten Stunde hatte es einen starken Temperaturabfall gegeben. Es war kühl und feucht. Gabrielle rieb sich die Arme um etwas Wärme zu bekommen, während sie sich umsah.

Lygeia hatte sich zur rechten von Xena gesetzt, die Arme um die Knie geschlungen und beobachtete die Kriegerprinzessin. Xena hielt eine der Wurfäxte, welche die Männer benutzten in der Hand, drehte und wendete sie und fuhr sie mit den Fingern ab. Ihr Gesicht war blass und angespannt, und Lygeia war erstaunt zu sehen, dass Xena zitterte. Obwohl sich die Kriegerprinzessin Mühe gab es zu verbergen, konnte Lygeia die Angst erkennen, die in Xena wütete. Sie wusste, dass Xena diesen Männern schon einmal begegnet war. Dass sie ihnen irgendwann noch einmal begegnen würde.

Gabrielle setzte sich näher zu Xena. Auch sie hatte den Gefühlszustand der Kriegerprinzessin bemerkt.

„Xena…Kanntest du diese Männer?" fragte sie vorsichtig.

Xena nickte. Aber sie antwortete nicht. Stattdessen blickte sie nur starr auf die Klinge der Wurfaxt.

„Möchtest du es uns erzählen?" fragte Lygeia.

Die Kriegerprinzessin bedachte sie mit einem harten Blick, der Lygeia dazu brachte den Kopf zu senken und den Ärmel ihrer Tunika zu inspizieren.

Für die nächsten Minuten schwiegen sie. Selbst Gabrielle sagte nichts weiter. Nur einmal hob sie die Hand und wollte sie auf Xenas Arm legen, zog sie jedoch wieder zurück. Der Blick in Xenas Augen machte ihr Angst. Beinahe fürchtete sie, Xena würde ihr die Hand abreißen, sollte sie es wagen sie zu berühren.

Schließlich, als Lygeia die Stille fast nicht mehr aushielt und kurz davor war etwas Dummes zu sagen, erzählte Xena ihre Geschichte:

„Es ist viele Jahre her. Ich hatte gerade ein neues Heer aufgestellt und wollte nach Westen ziehen. Nach einem Monat stießen wir auf ein Gebirge, also sandte ich Kundschafter aus, um einen Pass zu finden. Da begegnete ich das erste Mal der Horde."

Xenas Stimme war leise und scharf wie die Klinge eines Schwertes, als sie das Wort Horde aussprach.

„Die Kundschafter hatten einen Hohlweg gefunden, der durch den Berg führte. Wir hatten auf einem Plateau Stellung bezogen, dass über dem Hohlweg lag. So konnten wir die Kundschafter beobachten."

Xena stoppte und holte tief Luft, als müsste sie Kraft sammeln, um weitererzählen zu können.

„Als der Trupp auf gleicher Höhe mit uns war, griff die Horde an. Ganz plötzlich. Ohne Warnung. Wie aus dem Nichts. Sie waren einfach da."

Erneut machte die Kriegerprinzessin eine Pause. Ihr Blick wurde abwesend, als sie sich an diese Zeit zurückerinnerte.

„Meine Männer haben gegen sie gekämpft. Aber die Horde war wie ein nie versiegender Strom. Wie eine Hydra. Für jeden, den meine Männer töteten kam ein Neuer. Sie hatten keine Chance. Ich musste hilflos mitansehen, wie meine Männer niedergemetzelt wurden. Einer nach dem anderen. Wie Vieh."

Eine Spur Verzweiflung und Abscheu stahl sich in Xenas Stimme.

„Ich höre es noch heute. Dieses…Kriegsgeschrei der Horde...Die Todesschreie meiner Männer…Wir versuchten ihnen zu helfen. Aber wir brauchten einen ganzen Tag um zu diesem Hohlweg abzusteigen…Die Horde war verschwunden…Von meinen Männern…fanden wir nur noch die Knochen. Sie hatten ihnen das Fleisch bei lebendigem Leibe von den Knochen gerissen. Es war grauenhaft."

Die offensichtliche Not ihrer Liebsten zu sehen, gab Gabrielle den nötigen Mut Xena einen Arm um die Schultern zu legen und ihr Gesicht in Xenas Halsbeuge zu vergraben.

Für einen Moment schien Gabrielles Zärtlichkeit zu helfen. Ein Lächeln, zwar kaum wahrnehmbar, aber doch sichtbar, stahl sich auf ihr Gesicht. Doch das war nur kurz.

Gabrielle spürte, wie sich Xena anspannte und fasste dies als ein Zeichen, sich etwas zurückzuziehen. Doch Xena griff nach Gabrielles Hand und verschränkte ihre Finger mit denen der Bardin, als könnte sie daraus Kraft ziehen.

„Was sind das für Menschen? Warum tun sie das?" fragte Gabrielle.

Xenas Griff um die Axt wurde so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

„Das weiß niemand.", antwortete sie bitter, „Sie haben keine Angst davor zu sterben. Sie scheinen es fast schon zu wollen."

Xenas Gesicht verzog sich zu einer hasserfüllten Fratze.

„Sie sind wie ein Rudel Hunde…Sie umzingeln ihre Beute bevor sie angreifen…Mit einem von denen fertig zu werden, ist schon schwer genug…Aber…mit einer ganzen Horde von denen…"

Xena hob den Arm und schleuderte die Axt so stark, dass die Klinge bis zur Hälfte im Stamm eines Baumes einsank.

Lygeia saß vollkommen still auf ihrem Platz und wartete darauf, ob Xena noch etwas schleudern und sie dazu zwingen würde, in Deckung zu gehen. Doch die Kriegerprinzessin starrte nur auf die im Holz steckende Waffe.

Lygeia atmete tief durch und richtete sich auf.

„Was sollen wir tun, Xena?" fragte sie.

Diesmal hielt Lygeia dem Blick der Kriegerprinzessin Stand.

„Wir müssen fort von hier.", sagte Xena, „Und zwar so schnell es geht."

„Am besten nehmen wir den Fluss.", schlug Gabrielle vor, „Der bringt uns ganz sicher hier raus."

„Ja, raus schon.", antwortete Xena besorgt, „Aber die Horde wird überall auf uns lauern. Wenn wir es schaffen vor Einbruch der Dunkelheit wegzukommen, haben wir noch eine Chance."

Xena drehte sich zu Gabrielle und kniete sich vor die Bardin. Vorsichtig hob sie die Hände und berührte mit den Fingerspitzen das Gesicht ihrer Liebsten, als hätte sie Angst es zu zerbrechen.

„Gabrielle.", sagte Xena leise, „Es wird alles noch schlimmer werden. Ich werde gezwungen sein Dinge zu tun, die schrecklich und grauenhaft sind. Aber nur so kann ich sicherstellen, dass wir überleben werden."

Xena ließ ihre Hände sinken und stand auf. Ihre ganze Haltung schien plötzlich die eines völlig anderen Menschen zu sein. Sie verströmte kalte Entschlossenheit.

„Kommt." Befahl Xena.

Sie stiegen zurück in das Boot und fuhren den Fluss abwärts.

Als sie das Ufer hinter sich ließen, konnte Lygeia nicht aufhören darüber nachzudenken, was Xena vorhin gemeint hatte.

Was würde die Kriegerprinzessin tun müssen?