„Friss Staub, Brillenschlange!"

Er wich dem Schlag aus, bevor er ihn kommen sah, fuhr herum, blockte den Arm des Angreifers mit dem linken Arm und schlug aus der gleichen Bewegung heraus mit der anderen Hand zu. Seine Faust traf präzise die Magengrube des anderen Jungen. Mit einem gequälten Laut stürzte der zu Boden. Sofort war er über ihm, nagelte ihn am Boden fest und ließ seine Faust erneut nieder sausen. Dieses Mal traf er die Nase des blonden Jungen, den er nur flüchtig aus der Schule kannte. Es knirschte und der Getroffene jaulte auf. Blut schoss aus den Löchern des malträtierten Organs und besprenkelte sein weißes Hemd. Er hob erneut den Arm.

„Hey, lass ihn in Ruhe", brüllte jemand dicht neben ihm. Eine Hand fing seinen nächsten Schlag ab, Mehrere Hände zerrten ihn von seinem Opfer herunter.

„Bist du irre? Du bringst ihn ja um!"

Die zwei Begleiter des am Boden liegenden Schreihalses schubsten ihn fort und halfen ihrem Freund auf die Beine. Staub wirbelte auf, als sie ihn hochzerrten und seine Füße über den Boden scharrten. Er hielt die Hände auf das Gesicht gespresst und wimmerte. Einer der anderen beiden zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und reichte es ihm. Es färbte sich augenblicklich rot.

Er selbst saß unweit der drei Freunde auf dem Boden. Die kleinen Steine des sandigen Platzes stachen unangenehm durch den dünnen Stoff seiner Hose. Auch sie hatte Blutflecken abbekommen. Er würde sie auswaschen müssen, wenn er zu Hause ankam. Die sengenden Strahlen der Julisonne, die auf alles und jeden niederbrannte, würde den Rest erledigen. Er spürte einen Schweißtropfen seinen Rücken hinunterrinnen, bevor der Stoff seines Hemdes ihn aufsog. Gleich morgen würde er die Sachen wieder in der Schule tragen können. Wie jeden Tag.

„Das hast du nicht umsonst gemacht, Freak!", bellte jetzt der größere der beiden Kumpane, als er sich ihm wieder zuwendete. Der Kleinere klatschte begeistert in die Hände.

„Ja los! Zeig´s ihm!"

Aber der fremde Junge zögerte. Er sah zu ihm auf und spürte, wie wieder ein Schweißtropfen seinen Rücken hinab lief. Die salzige Flüssigkeit begann sich unter den Rändern seiner Brille zu sammeln und in den Augenwinkeln zu beißen. Keine gute Ausgangsposition für einen Kampf. Ebenso wenig wie seine unterlegene Stellung am Boden. Mit einer fließenden Bewegung kam er auf die Füße und suchte auf dem sandigen Boden festen Stand. Die drei wussten jetzt, dass er keinesfalls so wehrlos war, wie sie angenommen hatten. Aber sie waren zu dritt. Das würde trotz allem kein Spaziergang werden. Ein unbestimmtes Gefühl von Gefahr kitzelte den Rand seines Bewusstseins, doch er verdrängte es, bevor es ihm hinderlich werden konnte. Er brauchte seine Konzentration für den Kampf.

Er wartete. Hasste es zu warten. Warum griffen sie nicht an?

Jetzt erst bemerkte er, dass die Blicke seiner eben noch so entschlossenen Gegner unruhig geworden waren. Sie glitten an ihm vorbei in den Schatten der Häuser hinter ihm. Er vermutete einen Trick. Drehte sich nicht um. Sie waren immer noch in der Sackgasse, in die er sich hatte hinein manövrieren lassen. In seinem Rücken lagen lediglich die fast fensterlosen, gelben Mauern des Hinterhofs, in deren Schatten Mülltonnen dank der brütenden Hitze ein übles Aroma verbreiteten. Sein Hemd war inzwischen schweißdurchtränkt, seine Fäuste von innen feucht. Er widerstand dem Drang, sich die Stirn zu wischen. Fürchtete, sie würden es als Schwäche auslegen. Das Kribbeln der in der Luft liegenden Gewalt ließ ihn zittern.

„Lasst uns abhauen", zischte plötzlich der Kleinste der Gruppe. Er wandte sich zum Gehen und zog seinen verletzten Anführer an der Schulter mit sich. „Kommt schon. Das gibt Ärger."

Die beiden anderen zögerten zuerst, ihm zu folgen. Sie gingen langsam rückwärts, die Blicke immer noch auf die Schatten gerichtet. Dann endlich drehten sie sich um und suchten ihr Heil in der Fluchte. Er war versucht aufzuatmen, tat es aber nicht. Das Gefühl von Bedrohung wurde stärker. Er presste die Kiefer zusammen und überlegte fieberhaft. Sollte er ebenfalls fliehen oder sich dem stellen, was hinter ihm lag? Noch bevor er ganz wusste, was er tat, fuhr er mit einer entschlossenen Bewegung und hob die Fäuste.

Die Schatten starrten ihn an. Schweiß brannte in seinen Augen, aber er wagte nicht zu blinzeln. Trotz der drückenden Hitze richteten sich die Haare an seinen Unterarmen auf. Sein Atem wurde schneller. Er schluckte. Seine Kehle war plötzlich trocken, wie ausgedörrt. Irgendetwas war dort. Etwas das langsam näher kam.

Er fühlte die Bewegung eher, als dass er sie sah. So als würde etwas die Luft um sich herum verdrängen und als Bugwelle vor sich her schieben. Die massige Gestalt, die sich in den Schatten abzuzeichnen begann, war absurd groß. Ein Riese wie aus einem Märchen. Gekommen um die unartigen Kinder zu holen. An der Grenze zwischen Schatten und Licht blieb der Mann stehen. Ein Sonnenstrahl fiel auf sorgfältig geputzte Stiefel, gefolgt von einer khakifarbenden Hose und einer ebensolchen Jacke. Die Brust zierten irgendwelche Abzeichen. Eine Uniform ohne Zweifel. Militärischer Haarschnitt, an den Seiten ausrasiert, ein Nacken wie bei einer Bulldogge und massige Pranken die er immer wieder ineinander fallen ließ. Er applaudierte?

Der Riese grinste und entblößte dabei Zähne, die einem Haifisch zu Ehren gereicht hätten.

„Bravo, mein Junge", sagte er mit einem Nicken. „Ich bin beeindruckt, wie du die Burschen fertig gemacht hast. Meinen Glückwunsch, Bradley."

Er zuckte zusammen, als hätte der Riese ihn geschlagen. Woher wusste der Mann, wie er hieß? Unwillkürlich trat er einen Schritt rückwärts. Die wässrigen blauen Augen seines Gegenübers folgten jeder Bewegung.

„Bradley Crawford, geboren am 20. November, 16 Jahre alt. Sohn von..."

Während er sprach, trat der Riese vollends aus dem Schatten, hob einen faustgroßen Stein vom Boden auf, warf ihn einmal prüfend in die Luft und fing ihn mit einer Hand wieder auf. Brads Augen klebten an dem Stein, während die Worte des Riesen nur noch bruchstückhaft in sein Ohr drangen. Etwas an diesem Stein alarmierte ihn.

„Einen Meter 76 groß, 64 Kilo schwer..."

Wie zufällig begann der Riese umher zu wandern und zog dabei einen perfekten Kreis um den Jungen in dessen Mitte. Ein Kreis, der beständig enger wurde.

„Wohnhaft in..."

Zwei Schritte, den Stein werfen und wieder auffangen.

„Schüler der West Barringa High... "

Zwei Schritte, Stein werfen und auffangen.

„Notendurchschnitt 1,0...

Zwei Schritte, Stein werfen, auffangen.

„Lieblingsessen...", er brach ab und sah Brad mit leicht schief gelegtem Kopf an. „Hast du ein Lieblingsessen, Bradley?"

„Brad", stieß er hervor. „Mein Name ist Brad."

Der Riese schnalzte vorwurfsvoll mit der Zunge. „Aber aber. Das ist doch nicht der Name, den deine liebe Mutter dir gegeben hat. Du solltest Vater und Mutter ehren, weißt du das?"

„Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel!", blaffte Brad und ballte erneut die Fäuste.

„Oh, so spannungsgeladen heute?", fragte der Riese fröhlich, als er wieder nahe seiner Ausgangsposition zum Stehen kam. „Das ist gut. Sehr gut sogar, Bradley. Und weißt du auch warum?"

Er wartete keine Antwort ab, sondern fuhr stattdessen fort: „Es ist nämlich so: Ich weiß noch etwas über dich, mein lieber Junge. Und zwar, dass du die Zukunft voraussehen kannst."

Noch während er die Worte sprach, holte er mit dem Gesteinsbrocken aus und schleuderte ihn auf Brad. Jeder andere wäre unweigerlich von dem Geschoss am Kopf getroffen worden, doch Brad wich ihm aus und wirbelte im gleichen Moment herum. So schnell ihn seine Füße trugen, rannte er fort von dem schrecklichen Mann, der so viel über ihn wusste, dass es ihm den Atem nahm.

Er kam fünf Schritte weit, bevor sich der Boden in Teer zu verwandeln schien. Seine Beine gehorchten ihm nicht mehr. In seinen Ohren war ein beständiges Tosen und Brausen, Farben und Lichter tanzten vor seinen Augen. Er kniff sie zusammen, versuchte den Blick zu fokussieren, doch vergeblich. Die Welt um ihn herum drehte sich wie wild im Kreis. Sein Magen begann zu rebellieren, drängte ihn, seinen Inhalt auf der Straße zu verteilen. Bittere Galle schwappte in seinen Mund. Er würgte sie wieder hinunter, versuchte den nächsten Schritt, strauchelte, fiel auf ein Knie, stemmte sich wieder hoch, nur um erneut zu stolpern.

„Du kannst nicht dagegen ankämpfen", hörte er die Stimme des Riesen aus weiter Ferne. „Gib lieber auf, bevor es peinlich wird.

„Niemals", presste Brad zwischen den Zähnen hervor. Mit purer Willenskraft kämpfte er gegen den Schwindel, erhob sich ein letztes Mal, bevor er im Staub der Straße zusammenbrach.

Das Letzte, was er sah, war das Gesicht des Riesen, der sich über ihn beugte. Sein Mund war zu einem breiten, selbstgefälligen Grinsen verzogen.

Mein Name ist übrigens Vertigo."