Disclaimer: Mir gehört nix, aber ich schreib trotzdem weiter.

A/N: Nur zur Erklärung:

„---" normales Sprechen

... Yamato denkt

//...// Zeichensprache oder Geschriebenes

Schweigen

von Alinija

Teil 1

„Na, nun geh schon, Yamato." Der Vater schubste seinen Sohn in Richtung des Lehrkörpers der geduldig auf ihn wartete. „Und viel Spaß!"

Ha, ha, ha schoss es ihm ironisch durch den Kopf. Spaß! Das Papa und ich schon immer eine unterschiedliche Auffassung von Spaß hatten, war mir ja bekannt, aber seit wann sollte Schule Spaß machen.

Ein zorniger Blick war die Antwort des Jugendlichen, der ziemlich deutlich machte, wie absolut schlecht er heute gelaunt war, und dass sein Vater ihn gar nicht mit seinem Mein-kleiner-Sohn-ist-brav-und-lieb Blick anbitten sollte. Dafür war mit 16 entschieden zu alt.

Sein Vater zuckte resignierend mit den Schultern. Yamato sah ihm an, was er dachte. In den letzten Jahren hatte er genug Zeit gehabt, die Gesichter anderer Menschen zu deuten.

Und sein Vater war kurz davor aufzugeben, die Nerven zu verlieren oder einfach hinzunehmen, dass sich auch hier in der neuen Stadt, in der neuen Wohnung und der neuen Schule nicht das Geringste ändern würde. Wieso sollte es auch? Es war schließlich seine eigene Schuld. Yamato ließ sich doch nicht von ihm verarschen.

Ein Ortswechsel war nun wirklich nicht der beste Beweis seinem Sohn zu zeigen, wie wichtig er ihm ist. Nein, es war nur ein weiterer Versuch, ihn aufs Kreuz zu legen, von seiner Familie zu trennen und das Problem Yamato Ishida aus der Welt zu schaffen. Aber er war zu schlau. Er würde sich niemals drauf einlassen.

Vollkommen desinteressiert folgte er dem alten Lehrer durch die vielen Gänge. Dieser laberte und laberte was eigentlich total unwichtig und sinnlos für den Jungen war. Bei jedem Satz schaute er dem Jungen so seltsam in die Augen, als würde er verlangen, dass er dem Mann auch wirklich zuhörte. Das tat er aber dennoch nicht.

Was interessierte ihn die Cafeteria? Er hatte keinen Hunger. Was interessierte ihn der Weg zur Sporthalle? Er würde sowieso nicht teilnehmen. Die fünfminütige Anschauungsaktion des Fußballfeldes aus einem der großen Fenster hätte er sich auch sparen können. Er spielte kein Fußball.

Doch leider musste Yamato schon bemerken, dass diese Schule so verdammt auf Fußball stand, dass es schon wieder anstrengend war. Oder bedauerlicherweise noch werden könnte.

Überall standen Trophäen herum. Meister, zweiter Sieger, Jugendmeister usw. Die Laufbahn der hiesigen Schulmannschaft war schon in der Zeitung zu lesen. Erst letzte Woche hatten sie wieder den 1. Platz einer Meisterschaft gewonnen. Yamato hatte während ihres Einzuges in die neue Wohnung Zeit genug gehabt, die Zeitung zu lesen.

Einerseits wollte er wissen, wo er da gelandet war und andererseits konnte man schon einmal das Kinoprogramm für die nächste Woche festlegen. Hoffentlich hatten die hier große Leinwände und einen gescheiten Sound. Yamato hasste Kinos, die nicht laut und dunkel genug waren. Das störte sein Gefühl der Einsamkeit.

Der Rundgang durch seine neue Schule dauerte noch eine ganze Weile bis er vor einem Klassenraum angelangt war, an dem groß die Zahlen 13-III eingraviert waren. Das war also sein zukünftiger Klassenraum. Nun ja. Man konnte es sich ja nicht aussuchen.

Genervt ließ er sich hineinführen. Der alte Grufti, der wohl nur noch aus Freundlichkeit des Direktors unterrichten durfte, bewegte sich wankend auf die alte Schrulle zu, die nun mit einem fratzenhaften Grinsen dem blonden Jungen zunickte.

Yamato reagierte nicht auf die versuchte Begrüßung. Er blickte sich in der Klasse um. Mehr Mädchen als Jungs. Die meisten aufgetakelt und geschminkt, dass man ihre natürliche Haut- und Haarfarbe nicht mal mehr erahnen konnte. Sie warfen ihm gleich aufreizende Blicke zu. Yamato wich den Blicken aus. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, gleich am ersten Schultag von ihnen visuell ausgezogen zu werden. Aber was sollte man machen, das Leben war brutal zu einem gutaussehendem Jugendlichen.

Die männlichen neuen Klassenkameraden des Blonden sahen ihn nur teilweise interessiert an. Ein bisschen wurde getuschelt und man schien schon sein gesamtes Wesen analysiert zu haben, bevor der alte Knaus überhaupt zu Ende geschwatzt hatte mit dem Lehrerweib.

Die allerdings kam jetzt auf Yamato zu und wollte ihm doch tatsächlich die Hand reichen.

Angeekelt nahm er sie. Jedoch ließ er es sich nicht anmerken.

„Schön, dich kennen zu lernen," brüllte sie dem Jungen ins Ohr, der ein wenig zurückzuckte. Um Himmels Willen ich bin doch nicht taub. Na, aber vielleicht sie, überlegte er einen Augenblick später.

„So ihr lieben. Darf ich euch euren neuen Klassenkameraden Yamato Ishida vorstellen. Er ist gerade erst hierher gezogen und kennt hier niemanden. Also seid ein wenig nett zu ihm. Ach, ja noch etwas. Er kann euch nicht hören. Also denkt daran, immer mit dem Gesicht zu ihm zu sprechen, damit er von den Lippen lesen kann."

Bitte was? Was soll das bedeuten? Er war doch gar nicht taub. Wer hatte dieser Alten eigentlich so einen Blödsinn erzählt. Doch was sollte er machen? Er konnte ja schlecht antworten und die ganze Sache verneinen. Aber wenn alle glaubten, er könne nicht hören, dann ließen sie ihn auch in Ruhe. Das wäre endlich mal ein erfreulicher Gedanke.

Wieder entstand einiges Gemurmel. Ein paar der Mädchen, die ihn vorhin noch mit Blicken ausgezogen hatten, bekamen nun einen fiebernden Jagdblick und das falsche Mitleid für den armen tauben Jungen war unerträglich lächerlich.

„Komm Yamato, damit du meine Lippen besser lesen kannst, setzt du dich am besten weiter vorne hin." Sie zeigte auf ein Stuhl hinter einem Zweiertisch. Wenigstens musste er sich diesen Tisch nicht mit jemanden teilen, dann war auch niemand da, der ihn nerven konnte. Yamato setzte sich und versuchte die neugierigen Blicke um ihn herum zu ignorieren.

Ich soll bei der alten Schrulle Lippen lesen?" dachte er angewidert.

Was ein Glück, dass ich nicht wirklich taub bin, dann wäre ich ja wirklich darauf angewiesen gewesen. Wie grässlich. Dann hätte ich meinen Kopf ja ständig über der Kloschüssel hängen gehabt.

„Weißt du, dass man den voll geil verarschen kann?" flüsterte ein Junge hinter ihm. Yamato schmunzelte. Versuchs nur. Ich bin eindeutig in der besseren Situation.

Doch bevor er Näheres in Erfahrung bringen konnte, kam eine Erscheinung in die Klasse gestürmt. Lautes Atmen, nein eher Hecheln unterbrach die Lehrerin in ihrem gerade begonnenen Redeschwall. Ein Junge mit längerem braunen Haar, das zu allen Seiten abstand, lag fast vor Atemlosigkeit auf dem Boden und entschuldigte sich vielmals für sein Zuspätkommen. Der sollte langsam mal wieder aufstehen. Sonst will die Alte ihn noch Mund zu Mund beatmen, dann kann er sich gleich einweisen lassen.

Als ob Yamatos Gedanke Wirkung zeigte, rappelte sich der Unbekannte auf und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Verdammt, warum ausgerechnet neben mir. Yamato rückte ein Stück zur Seite. Der Junge war nicht nur atemlos, sondern auch pitschnass. Igitt, der soll mir bloß vom Leib bleiben. Bestimmt fängt seine irrsinnige Mähne bald an wie ein nasser Pudel zu stinken. Na super!

"Yagami! Schon wieder zu spät. Das war das dritte mal in zwei Wochen. Entweder du beeilst dich morgens eher aus dem Bett zu kommen oder ich werde mal ein ernstes Wörtchen mit deinen Eltern reden müssen."

Der Junge neben Yamato schluckte merklich. Tja, wenn man eine Schlafmütze war, dann brauchte man sich nicht wundern, wenn man Ärger bekam. Aber wieso machte er sich eigentlich Gedanken darum? Er kannte diesen Jungen nicht und ihn selbst störte es am wenigsten von den Erwachsenen Ärger zu bekommen. Das war eigentlich schon eine Art Hobby von ihm. Ihn wunderte es überhaupt, warum er heute so schrecklich nett zu den Leuten war. Der Unterricht ging weiter.

Der Junge neben ihm, warf Yamato einen neugierigen Blick zu. Yamato tat so, als würde er ihn nicht bemerken.

„Hi!" flüsterte er ihm in sein linkes Ohr. Yamato grinste in sich hinein. Darauf brauchte er ja nicht zu antworten. Laut offizieller Aussage des Lehrkörpers waren seine Ohren nicht funktionstüchtig. Warum war er nie auf die Idee gekommen, sich als taub auszugeben? Das war ja richtig praktisch. Wenn man nichts wissen wollte, dann machte man einfach die Augen zu.

Er spürte den neugierigen Blick des anderen auf sich liegen.

Dann stupste ihn der Yagami-Junge an. Yamatos Grinsen verflüchtigte sich.

Mist, darauf muss ich antworten. Wenn ich noch teilnahmsloser werde, weisen sie mich wegen Apathie ein.

Wütend wandte er sich dem Jungen zu und schenkte ihm einen eindeutigen Blick zu, dass er in Ruhe gelassen werden wollte.

Der Junge zuckte merklich zurück. „Ich wollte dich nicht stören, ich wollte mich nur vorstellen, wenn wir nun schon in den Hauptfächern nebeneinander sitzen. Ich bin Taichi Yagami. Aber meine Freunde nennen mich einfach Tai."

Na, wundervoll. Wir sind aber keine Freunde. Also nenn ich dich auch nicht Tai. Eigentlich ist es mir auch egal, wie ich dich nenne, denn ich rede nicht mit dir.

Er schaute den Jungen nur weiter desinteressiert an.

„Na und du, wie heißt du?"

„Ruhe da vorne!" zischte die Alte und Taichi richtete sich wieder ertappt nach vorne.

„Du bekommst doch alles mit, was ich sage?" Sie schaute nun Yamato energisch an. Yamato nickte. Er hatte sich zu seiner eigenen Verwunderung sogar ein paar Notizen gemacht.

Zufrieden wandte sich die Lehrerin wieder ihrem Unterrichtsstoff zu.

Yamato spürte nun aber erneut den Blick seines Sitznachbarn auf ihm ruhen.

„Wieso antwortest du mir eigentlich nicht??" fragte er nun wieder leise.

Der ist vielleicht ein Idiot. Er müsste doch nun schon bemerkt haben, dass ich taub bin. Natürlich nur für alle anderen hier in der Klasse.

„Der hört nix!" flüsterte ihm nun ein Mädchen mit langen braunen Haaren von der Seite zu.

Danke, für die Aufklärung. Wäre ich ein freundlicher Mensch, der das gehört hat, dann würde ich ihr dankbar zu nicken. Mach ich aber nicht!

„Ehrlich?" Taichi schien überrascht. Als ob es nicht auch Gehörlose in unserer Gesellschaft gäbe. So ganz helle, schien der Knabe auch nicht zu sein.

Dann hörte er ein Kritzeln und schon wurde ein kleiner Zettel zu ihm herüber geschoben.

Was denn nun schon wieder? Yamato schaute sich ihn an.

//Wie heißt du? Mein Name ist Taichi Yagami// stand dort in Buchstaben, die man nur erahnen konnte.

Jetzt habe ich wohl wirklich keine Wahl mehr und der Kerl wird ohnehin keine Ruhe geben.

Yamato schrieb seinen Namen darauf und schob ihn wieder zurück.

Ich bring denjenigen um, der die Kommunikation erfunden hat. schwor sich der Junge gleich darauf.

Taichi schien sich darüber zu freuen. Als hätte er einen neuen Freund gefunden, schrieb er dem Blonden dauernd Briefe, in denen er ihn ausfragte, wo er denn her komme und wo er jetzt wohne, seine Hobbies etc.

Yamato beantwortete nur die Hälfte der Fragen seines Tischnachbarn. Erstens wollte er schon verstehen, worum es in der Geschichtsstunde ging, da es bestimmt nicht einfach war, mitten ihm Jahr die Schule zu wechseln und trotzdem seine guten Noten zu behalten.

Das war allerdings auch der einzige Ehrgeiz den Yamato aufweisen konnte. Gute Noten bekommen. Auch wenn er sich sonst für die Schule kaum interessierte. Zum Lernen hatte er eigentlich immer genügend Zeit. Er ging ja niemals weg, saß immer nur zu Hause vor dem Fernseher oder den Spielkonsolen. Zwar kam öfters die Langeweile auf, so dass er sich freiwillig mit dem Unterrichtsstoff beschäftigte, aber er wollte auf keinen Fall sein ruhiges Leben ändern.

Erstens hatte er sich daran gewöhnt und zweitens legte er keinen Wert auf das Kennenlernen andere Personen in seinem Alter. Den einzigen, den er ertragen konnte, war natürlich Takeru, sein kleiner Bruder.

Aber Familie bildete dabei auch eine Ausnahme. Das war ein Thema, dass nicht einfach an ihm vorbeiging, ohne beachtet zu werden. Im Gegenteil, er wünschte sich sehr seine Familie zurück. So wie sie früher einmal gewesen war. Als er noch mit gutem Gewissen von sich behaupten konnte, glücklich gewesen zu sein.

Allerdings war es auch ein Thema über das er am wenigsten hören wollte. Die Trennung seiner Eltern lag nun fast zehn Jahre zurück und schmerzte den Blonden noch immer.

Und seine Eifersucht auf andere glückliche Familien hatten ihn schon in so manche Prügeleien gebracht. Auch wenn er nie wirklich eine Chance gegen die Rowdies seiner früheren Klasse hatte, er war bestimmt kein Feigling und seine Wut war meistens größer, als die Vernunft.

Und am liebsten hätte er Taichi seinen bescheuerten Zettel in den Mund gestopft, als dieser darauf schrieb, ob er noch Geschwister hatte und ob diese nun auch auf diese Schule gekommen sind.

Zwar konnte Taichi nichts dafür, dass Takeru und er nicht zusammen aufwachsen konnten, aber er wollte nicht darüber ausgefragt werden. Und somit war der häufigste Satz den Yamato schrieb //Das geht dich nichts an!//

Irgendwann musste er doch merken, dass Yamato ihn nicht leiden konnte. So wie er niemanden leiden konnte.

Allerdings merkte er bis zum Ende der Stunde, dass er wohl nicht seine Rechnung mit Taichi Yagami gemacht hatte, der ihn immer noch dämlich angrinste und die unbeantworteten

Fragen als hinausgeschoben betrachtete.

Am Ende der Stunde hechtete die alte Lehrerin noch mal auf ihn zu und schrie ihn wieder an, so dass Yamato kurz davor war, die Hände auf die Ohren zu legen. Hey, du blöde Kuh, ich kann ich hören und wenn ich taub wäre, dann bräuchtest du nicht schreien.

Hoffentlich nahmen sich die anderen Klassenkameraden dieses Verhalten nicht zum Vorbild, sonst wäre er von dem Gekreische bestimmt bald gehörgeschädigt.

-to be continued-