Eine ganze Weile lang verharrte Odette mit ihrem Kopf auf Mérantes Schulter. Am liebsten hätte sie ihren Gefühlen nachgegeben. Aber sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Nicht hier. Mérante war ein wichtiger Mann an dem Opernhaus und gut angesehen in der Gesellschaft. Er hatte sich seine Karriere aufgebaut und Odette wollte sie nicht zerstören. Es war schon schlimm genug, dass sie niemand mehr erkannte und sie ihre Beziehung zu dem Tanzlehrer geheim halten musste. Ein Jahr lang waren sie schon zusammen und dennoch kam sie sich albern vor. Es war ein furchtbares Gefühl ihn in der Öffentlichkeit beim Nachnamen zu nennen und sobald sie sicher alleine waren, konnte sie ihn beim Vornamen nennen. Kurz nach Félicies Debüt waren sie zusammen gekommen. Noch wusste die junge Rothaarige nichts davon. Es würde Odette viel zu sehr verletzen, würde Louis ihretwegen böse Blicke erhalten. Die Brünette seufzte tief. ,,Was hast du"? erkundigte sich Louis sanft. Er hatte den plötzlichen Stimmungswechsel sofort bemerkt und sah seine Freundin nun eindringlich an. ,,Wenn das einer erfährt..." begann Odette schließlich und drehte sich von ihm weg ,,Das mit uns..." sie schluckte schwer ,,Dann könnte das fatale Folgen haben für dich Louis". Er sah sie kurz überrascht an, lächelte dann aber. ,,Und du denkst wohl das wäre mir wichtiger"? Perplex wandte sich Odette wieder um ,,Wie meinst du..."? Liebevoll schob der Schwarzhaarige seine Freundin wieder zu sich ,,So wie ich es gesagt habe". ,,Ja aber.." setzte Odette an. ,,Nichts aber" brachte er sie zum Schweigen. ,,Regine ist fort und wird dir und Félicie nie wieder etwas antun. Du wurdest damals von Claire Le Haut adoptiert. Du hast nichts zu befürchten. Du müsstest nicht einmal mehr als Putzfrau arbeiten". Odette sah zur Seite. ,,Ich kann das nicht". ,,Warum nicht"? Mérante folgte ihrem Blick. ,,Es würde ihr das das Herz brechen, würde sie erfahren, dass ich es bin. Dass, dass ich so tief gesunken bin. Von Prima Ballerina zur Putzfrau". Louis Augen weiteten sich. ,,Odette, sie mich an" und er hob ihr Kinn. ,,All die siebzehn Jahre haben sich meine Gefühle für dich nicht verändert. Im Gegenteil. Ich könnte alles verlieren und es wäre mir egal. Dich zu verlieren allerdings..." Er kam ihr verdächtig nahe. ,,Ich dachte du erkennst mich nicht wieder" hastete Odette. ,,Ich habe dich sofort wiedererkannt" bemerkte er mit einem stolzen Schmunzeln. ,,Ich glaube kaum, dass irgendjemand etwas gegen uns haben würde. Ich habe mich für dich entschieden". ,,Die Leute werden starren" erwiderte Odette. ,,Dann lass sie starren" konterte Mérante und sofort erinnerte sich Odette. ,,Felicie war auch eine Weise und schau was aus ihr geworden ist. Sie ist auf dem besten Weg in deine Fußstapfen zu treten. Wer urteilt nach ihrer Herkunft? Sie ist mutig, leidenschaftlich, selbstbewusst, ehrlich und liebenswert. So wie du". Über Odettes Lippen breitete sich ein zaghaftes Lächeln aus. ,,Also"? ,,Also"? Wiederholte Louis. ,,Was hast du jetzt vor"? erkundigte sich die Brünette. ,,Das erfährst du heute Abend"! Mérante drehte sich von Odette weg und schmunzelte über seine Schulter. Odette blinzelte irritiert ,,Louis...". ,,Ich hole dich heute Abend ab. Pünktlich um sieben Uhr" bestimmte ihr Freund und schritt voraus. ,,Louis jetzt warte mal" unterbrach ihn Odette. ,,Wie stellst du dir das vor? Was soll ich Felicie erzählen"? Louis drehte sich nochmal um. ,,Sag ihr du bist mit ihrem Geburtstagsgeschenk beschäftigt". Odette zog nun auch schmunzelnd die Lippen zur Seite, schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme. ,,Also wirklich Louis, ich werde die Kleine nicht anlügen nur um mit dir auf ein Rondevouz zu gehen". Mérante hob eine Augenbraue und begann zu kichern ,,Oh wer sagte denn, dass es ein Rondevouz wird"? Nach der Aussage nahm Odettes Gesicht ein tiefes Rot an. ,,D-das meinte ich nicht so ...also ich dachte ..ich meinte..". ,,Aber wenn du es schon so erwähnst meine Liebe..." Louis machte wieder ein paar Schritte auf sie zu ,,Muss ich gestehen, dass das sogar zum größten Teil meine Absicht war". ,,Ok Don Juan, dann vertraue ich dir mal" Odette hob das Kinn und lief an ihrem Freund vorbei. ,,Ich habe noch ein paar Dinge zu erledigen. Ich sollte mich beeilen" sie zwinkerte. ,,Touché" grinste der Tanzlehrer und verließ dann selber die Oper.

Allmählich wurde es Abend. Odette war fertig mit dem Putzen und begab sich zurück zu ihrem Zimmer. Ein wenig wunderte sich die Brünette doch. Sonst kam Felicié immer noch einmal um ihr zur helfen. In letzter Zeit aber verbrachte die junge Tänzerin viel mit ihren Freunden. Besonders viel allerdings mit Victor. Die Beiden standen sich nach wie vor sehr nahe. Man konnte sie nicht trennen. Wie Pech und Schwefel, nannte sie Louis. Auf Odettes vorsichtigen Fragen hin, ob Feliecé Victor denn mehr als nur mögen tat, wich ihr die Rothaarige jedes Mal geschickt aus. Wir sind nur beste Freunde, war dann die Antwort. ,,Odette"! riss sie eine bekannte Stimme aus den Gedanken. Sofort drehte die Brünette ihren Kopf. ,,Felicié" rief sie zurück. Die Rothaarige kam gerade den Gang entlang gerannt, direkt in Odettes Arme. ,,Wie war dein Tag"? erkundigte sich die Brünette mit einem lächeln. ,,Toll wie immer" antwortete Felicié. ,,Wie immer"? Odette lachte als sie die Tür zu ihren Zimmer öffnete. ,,Ja, naja, die machen alle ein riesen Geheimnis um Morgen" entgegnete Felicié und folgte Odette in den Raum. ,,Kann ich verstehen" erwiderte Odette während sie den Besen und den Putzeimer in ihre Ecke stellte. ,,Es ist ja auch dein Geburtstag". Felicié lächelte verlegen. ,,Bisher haben sich noch nie so viele Mühe gemacht. Ich meine Viktor...er ja. Er hat jedes Jahr etwas für mich. Ich bin es einfach nicht gewohnt". Odette lächelte über die Worte der jungen Tänzerin. ,,Nun, ich bin sicher, dieses Jahr wird es ein ganz besonderer Geburtstag". ,,Ehrlich"? Damit hatte Odette Feliciés Neugierde geweckt. ,,Oh nein" Odette hob eine Augenbraue ,,Ich kenne diesen Blick". Felicié biss sich auf die Unterlippe. Wie gerne wüsste sie was Odette vorhatte. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen, drehte sich Odette zu den Schränken um, um das letzte Stück Brot und Aufschnitt hervor zu holen. Feliciés brennenden Blick konnte die Brünette förmlich auf ihrer Schulter spüren. ,,Hör auf mich so zu beobachten, ich verrate es dir nicht. Das ist ein Geburtstagsgeschenk". Hob sie streng an. ,,Ich weiß ja" entgegnete Felicié kichernd und spielte mit ihren Fingern. ,,Also"? Odette legte das Brot auf einen Teller und gab es Felicié. ,,Danke" erwiderte sie. ,,Bitteschön" Odette setzte sich ebenfalls. ,,Isst du denn nichts"? hob die Rothaarige an. Odette blinzelte. ,,Nein, schon gut". Kurz sahen sich beide an, bis Odette den Blick abwandte. Tatsächlich arbeitete sie in letzter Zeit härter als sonst. Aß kaum etwas um Geld zu sparen und schlief noch weniger als sonst. Alles nur um Felicié das Kleid zu schenken, dass sie in einer Boutique gesehen hatte. Ein schönes kurzes Kleid, dass ihr bis zu den Knien reichte. Es war himmelblau mit weiser Spitze. Es war wie gemacht für Felicié. Odette erinnerte sich noch ganz genau, wie sie mit ihr in der Stadt unterwegs war. Sie kamen gerade vom Markt, da war Felicié plötzlich an einem Schaufenster kleben geblieben. Die Augen geweitet, starrte sie auf das Kleid. ,,Felicié"? rief sie Odette, aber die Aufmerksamkeit der jungen Tänzerin war völlig auf das Kleid gerichtet. ,,Odette schau mal" hauchte sie ,,Ist es nicht traumhaft"? Odette, die neben sie getreten war, lächelte und schaute nun auch in das Schaufenster. Ihr Magen verkrampfte sich allerdings, als sie den Preis sah. Viel zu hoch für sie. Dafür müsste sie Überstunden machen. Als sie Felicié so sah, konnte sie nicht anders. Sie liebte das kleine Mädchen wie eine Tochter und außerdem hatte sie kein Geburtstagsgeschenk. Deshalb nahm Odette all die Arbeit auf sich und kaufte Felicié das Kleid.

Felicié aß ohne sich zu beschweren. Im Waisenhaus hatte es auch nichts sonderlich Besseres gegeben. Nicht nur da die junge Tänzerin es gewohnt war kein Festmahl serviert zu bekommen. Sie gab sich auch zufrieden, denn sie wusste wie hart Odette arbeitete. Nach dem Essen machte sich Felicié schnell Bett fertig, huschte unter die Decke und wartete. Odette setzte sich auf den Bettrand neben sie. ,,Freust du dich auf Morgen"? erkundigte sie sich. Felicié grinste ,,Ja, ich habe ja dich und Victor, Camille, Nora, Dora und Rudi". Odette lächelte und strich Felicié liebevoll über die Wange. Auf die Geste hin, richtete sich die Rothaarige auf ihre Knie und umarmte Odette. Sofort erwiderte sie die Umarmung und drückte die Kleine noch enger an sich. ,,Ich habe dich so lieb" flüsterte Felicié. ,,Oh" machte Odette ergriffen und vergrub ihre Nase in Feliciés Haaren. ,,Ich dich auch". Zwischen den Beiden war eine tiefe Verbindung entstanden. Odette war jeden Tag dankbar die Kleine zu haben. Sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen ohne sie zu sein. Sie wartete noch, bis Felicié eingeschlafen war und stand dann vorsichtig auf. Liebevoll zog sie die Decke bis zu dem Kinn der Rothaarigen hoch, gab ihr einen Kuss, strich ihr über die Stirn und warf dann einen Blick auf die Uhr. Kurz vor Sieben. Sie seufzte. So wie sie Louis kannte, würde er mehr als nur pünktlich erscheinen. Eilig schaute sich Odette noch einmal im Spiegel an. Wirklich gefallen tat sie sich nicht. Sie hatte abgenommen. Teilweise fragte sich die Brünette, was Louis überhaupt an ihr fand. Ein Klopfen an der Tür riss Odette aus ihren Gedanken. Auf Stichwort begann ihr Puls höher zu schlagen. Seufzend strich sie sich den Rock glatt und öffnete dem Tanzlehrer. ,,Bon soir mon Cher". Meranté neigte den Kopf. Überrumpelt blinzelte die Brünette. ,,Guten Abend Louis". ,,Felicié"? erkundigte er sich. ,,Sie schläft" entgegnete Odette knapp. ,,Gehen wir". So leise wie möglich schloss sie die Tür hinter sich. Eine Weile schwiegen Beide, bis sie etwas von der Tür entfernt waren. Meranté beobachtet Odette, ihm war sofort aufgefallen, dass sie etwas bedrückte. ,,Odette"? er wartete, da sie beschämt den Blick zur Seite gewandt hatte. ,,Tut mir leid, dass du mich so ansehen musst". Louis hob eine Augenbraue ,,Was meinst du"? ,,Sieh mich doch an Louis" Odette drehte sich zu ihm ,,Ich sehe furchtbar aus im Gegensatz zu dir". ,,Pardon"? Meranté stutzte. ,,Sei bitte ehrlich zu mir" sie sah erneut zur Seite, da packte sie der Tanzlehrer an den Schultern und sah ihr ernst in die Augen. ,,Hör mir zu Odette" sein Tonfall war streng. Überrascht weitete Odette ihre Augen. ,,Ich will, dass du nie wieder, und damit meine ich, NIE WIEDER, so etwas über dich sagst. Du bist so viel mehr als nur das Äußere Odette. Weißt du denn immer noch nicht wie sehr ich für dich empfinde? Ich kenne deine derzeitige Lage. Denkst du das beeinflusst mich? Habe ich mich jemals anders verhalten"? Die Brünette schüttelte den Kopf. Tränen sammelten sich in den Augen. Liebevoll hob Louis eine Hand an ihre Wange um sie zu trösten, da fing sie an zu weinen. Sofort nahm der Tanzlehrer seine Freundin in die Arme. Wie lange hatte sie ihre Gefühle in sich gefressen? Wie lange hatte sie sie runter geschluckt und verdrängt? Es war höchste Zeit, dass Odette los ließ. All den Schmerz, all die Zweifel. Nach einer Weile fing sich die Brünette wieder. ,,Danke" schniefte sie und strich sich mit dem Daumengelenk die Tränen weg. ,,Du musst dich nicht entschuldigen Mon Cher". bekräftige Meranté. Odette formte ein Lächeln und zusammen verließen sie die Oper.

Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Die Straßenlampen waren angegangen. Es war Frühling und noch etwas kühl in der Nacht. ,,Wo gehen wir hin"? Erkundigte sich Odette. ,,Lass dich überraschen" entgegnete Louis, woraufhin Odette schmunzelnd die Augen rollte. Eine Weile lang liefen sie, bis sie vor einem Restaurant stehen blieben. ,,Belmonte" laß Odette den Namen des Restaurants. Ihre Augen weiteten sich. Angst überkam sie, als die Erinnerungen ihr Gedächtnis fluteten. Cloés Vater hatte damals in dem Restaurant von Claire le Haut gearbeitet. Hatte er sich nun selbstständig gemacht oder war es Zufall? Odette hatte Cloé seit Jahren nicht mehr gesehen. Damals nach dem Unfall, musste Cloé gemeinsam mit ihren Eltern nach Amerika. Regine le Haut hatte später das Restaurant ihrer Mutter übernommen. Nachdem sie ins Gefängnis kam, ging die Führung an denn Mann von Richard Le Hauts Schwester. Diane.

,,Ist das etwa.." begann Odette. ,,Ja ist es" bestätigte Louis. ,,Ich kann da nicht rein" fiepte Odette ,,Was wenn Cloé da drin ist. Ich will nicht, dass sie mich so sieht". Liebevoll legte Louis seinen Arm um Odette. ,,Keine Sorge, Cloé ist im Moment nicht da. Du wirst sie treffen, wenn du dazu bereit bist". Kurz sah Odette Louis an, nickte schließlich und folgte ihm in das Restaurant. Odette staunte, das Restaurant war edel und hochwertig. Sie freute sich für Cloé und ihre Familie. Zusammen suchten sich Odette und Louis einen Platz in der Ecke. Bevor Odette auch nur den Stuhl berühren konnte, hatte Louis ihn schon für sie zurück geschoben. ,,Bitte" er lächelte sie an. Odette erwiderte die Geste dankend und setzte sich. Louis nahm Odettes Poncho und seinen Mantel und hing sie an den Kleiderständer. ,,Gefällt es dir"? Erkundigte er sich, nachdem er sich ebenfalls gesetzt hatte. ,,Sehr" entgegnete Odette glücklich ,,Es ist nur.." ihr Lächeln schwand etwas. Louis sah sie fragend an. ,,Das ist so ein edles Restaurant und ich...Schau doch wie ich gekleidet bin". Liebevoll reichte Louis seine Hände über den Tisch um ihre zu fassen. ,,Wenn Jemand etwas an deiner Kleidung auszusetzen hat, soll er sich an mich wenden. Ich denke, aber, dass in diesem Restaurant keiner so unhöflich wäre". Odette lächelte wieder. ,,Also" hob Louis an ,,Was möchtest du essen? Du kannst bestellen was immer du magst". ,,Hmm" neugierig nahm Odette die Speisekarte. Wie lange war es her, dass sie so reichlich essen konnte? Kurz wanderten ihre Augen über den Rand der Karte. Louis sah sie direkt an. Überrascht über den intensiven Blickkontakt, errötete Odette. Wie gut, das die Karte das meiste von ihrem Gesicht verbarg.

Nach einer Weile, hatten beide bestellt und begannen zu essen. ,,Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll Louis" fing Odette an ,,Für Alles". ,,Hey" entgegnete Louis sanft ,,Alles wird gut werden. Vertraust du mir"? Verblüfft hob Odette ihren Blick zu ihrem Freund. Sein Gesichtsausdruck war weich und gefühlvoll. In seinen Augen jedoch, lag ein geheimnisvoller Schimmer. ,,Du hast mehr vor als nur Essen in einem schicken Restaurant hab ich recht"? Erkundigte sich Odette und Louis begann ertappt zu schmunzeln. ,,Erwischt" erwiderte er. Odette kicherte amüsiert. Sie genoss es seit Langem wieder so ausgelassen mit Louis zu sprechen. Sie unterhielten sich über viele Dinge. Über vergangene Erinnerungen und schließlich über Felicies Geburtstag.

,,Und deswegen habe ich härter gearbeitet.." erklärte Odette seufzend. ,,Das dachte ich mir" gab Louis zu ,,Du hättest doch zu mit kommen können" er strich über ihre Hand. ,,Ich weiß" murmelte Odette ,,aber es war mir unangenehm". ,,Dir muss überhaupt nichts unangenehm sein. Nicht bei mir. Du weißt, ich würde alles für dich tun". Odettes Herz schlug einen Takt höher, als sie die Worte vernahm. ,,Louis.." sie sah zur Seite. ,,Lass uns draußen weiter reden" entschied Louis, stand auf, zahlte und half Odette mit ihrem Poncho.

Gemeinsam liefen sie in Richtung Eifelturm. Odette hatte ihren Arm unter Louis seinen eingeharkt. ,,Ich verstehe es immer noch nicht" fing die Brünette ihren alten Satz wieder auf. ,,Wieso Louis? Wieso mich? Ich bin dünn, arm, ich kann kaum laufen". Louis stoppte abrupt und drehte sich zu seiner Freundin um. ,,Weil ich dich liebe Odette"! entgegnete er standhaft ,,Ich liebe dich" wiederholte er und nahm abermals ihre Hände in seine. ,,Sagt dir das denn gar nichts? Ich lege kein Wert auf all diese Dinge. Ich liebe dich für den Menschen der du bist. Das habe ich schon immer getan". Völlig ergriffen, starrte Odette ihn an, Tränen in den Augen. ,,Es war nicht der Tanz oder dein Talent, in das ich mich verleibt habe sondern du. Du ganz alleine. Hast du wirklich geglaubt, ich würde aufhören dich zu lieben, nur weil du nicht mehr tanzt? Nicht mehr richtig laufen kannst? Oder etwas an Gewicht verloren hast"? Odette schluckte. ,,Odette" Louis holte Luft ,,Ich habe nie aufgehört dich zu lieben. Ich wünschte ich hätte es dir damals gesagt". Odette blinzelte. Unfähig auch nur ein Wort zu sagen hörte sie ihm zu, während Tränen über ihre Wange rollten. Das wollte er also damals sagen? ,,Was passiert ist tut mir so unfassbar leid. Ich wünschte ich hätte für dich da sein können". ,,Du bist jetzt da" hauchte Odette und er schloss seinen Mund zu einem dankbaren Lächeln. ,,Ja" entgegnete er ,,Und ich werde dich nie wieder alleine lassen". Schluchzend drückte Odette sich in seine Arme. All die Ängste die sie hatte, verfolgen. Wie konnte sie nur so ignorant sein? Sie wusste doch wie Louis empfand. Jetzt fand sie es beinahe zum Lachen. Siebzehn Jahre lang liebten sie sich. Und siebzehn Jahre, hatten sie gebraucht um zusammen zu kommen. Tief ausatmend, löste sich Odette von ihrem Freund und sah zum Eiffelturm rauf. ,,Übermorgen ist Felicies Geburtstag" bemerkte Odette nach einer Weile. ,,Kaum zu glauben, dass es schon ein Jahr her ist". Beide lächelten bei den Erinnerungen. ,,Sie bedeutet dir viel, habe ich recht"? Louis sah sie wissend an. ,,Oh ja" bestätigte Odette ,,Sie ist wie eine Tochter. Fehlt bloß..." sie brach ab. ,,Ein Vater"? Ergänzte Louis den Satz. Überrumpelt blinzelte Odette ihren Freund an ,,Louis was...". Und eben hatte Odette noch geglaubt, es könnte sie nicht noch mehr überraschen, da ging Merante tatsächlich vor ihr auf die Knie. Fassungslos öffnete Odette ihren Mund und ihre Augen weiteten sich. Alles in ihr verkrampfte sich für diesen Moment. Passierte das gerade wirklich? War sie wach, oder träumte sie?

,,Odette" begann er, während er eine kleine Box aus seiner Manteltasche hervor holte. ,,Würdest du mir die Ehre erweisen mich zu deinem Mann zu nehmen"? Immer noch starr vor Schock, starrte Odette den schwarzhaarigen Tanzlehrer vor sich an. Die Hände an ihre Brust gezogen, blinzelte sie. Vorsichtig öffnete Louis das kleine Kästchen und präsentierte einen goldenen Ring. Zwei winzige Schwäne trafen sich und und trugen einen Diamanten in der Mitte. Für ein paar Sekunden, glaubte Odette bewusstlos zu werden, aber sie blieb bei sich. ,,willst du mich heiraten"? Wiederholte Merante seine Frage. Nach Luft schnappend, blinzelte Odette ihre Tränen fort. Ihre Lippen zitterten, doch endlich riss sie sich aus ihrer Schockstarre um völlig aufgelöst zu nicken. ,,Natürlich will ich"! Und fiel ihrem Freund geradewegs in die Arme. Freudig und überglücklich, schloss Merante seine Arme um Odette. Er hatte nicht gezweifelt, dass sie, Ja, sagen würde, aber dennoch hatte er für den Bruchteil einer Sekunde einen Anflug von Nervosität gespürt. Lächelnd sah er sie an. ,,Wenn ich bitten darf"? Immer noch weinend, hielt Odette ihm ihre Hand hin, sodass er den Ring über ihren Finger schieben konnte. Begeistert betrachtete Odette das Schmuckstück. ,,Oh Louis, der ist wundervoll" hauchte sie. ,,Ich bin froh, dass er dir gefällt". Über den Fakt, war Merante erleichterter als er sich anmerken ließ. ,,Und die Schwäne" sie kicherte leise ,,Ich hätte auch, Ja, gesagt, hättest du mir einen Holzring gegeben". Louis rollte mit den Augen und zog seine frisch Verlobte an sich. ,,Und ohne Ring"? Die Frage überhörte Odette mit Absicht und legte stattdessen ihre Lippen auf seine. Leidenschaftlich erwiderte Louis den Kuss.

,,Waren das die Feinheiten, von denen du gesprochen hattest"? Erkundigte sich Odette nachdem sie sich von einander gelöst hatten. ,,Nicht ganz" gab Merante zu. ,,Nicht ganz"? Odette hob ihre Augenbrauen ,,Was kommt als Nächstes? Mehr als das hier, wird es mich nicht mehr überraschen". ,,Es hat etwas mit Felicie zu tun" bekräftige Merante. ,,Louis"? Odette beobachtete ihren Verlobten skeptisch. ,,Ich habe dir versprochen dir und Felicie das Leben zu geben, dass ihr verdient". ,,Das hast du aber.." Odette hob die Hand an ihren Mund, als Louis eine Rolle Papier hervorholte. ,,Was ist das"? Fragte Odette. ,,Mach es auf" forderte Merante liebevoll. Kurz verstummte Odette, als sie konzentriert auf das Papier sah um es zu lesen. Wenige Sekunden später hob sie den Kopf mit nicht weniger Schock geweiteten Augen. ,,Aber das ist ja...". Louis schmunzelte nur. ,,Adoptionspapiere" stellte Odette atemlos fest. ,,Richtig" entgegnete Louis ,,Wenn du das möchtest" fügte er noch hinzu. ,,Louis"! Und sie fiel ihm erneut um den Hals. Hätte ihre Hüfte es zugelassen, wäre sie gesprungen. ,,Meinst du das ernst"? Er lächelte immer noch. ,,Wir wären dann eine richtige Familie". Tief ausatment, sah Odette ein weiteres Mal auf die Papiere ,,Glaubst du Felicie ist damit einverstanden"? Louis legte seine Hand auf ihre Schulter ,,Wieso sollte sie es nicht sein? Sie sieht in dir genauso eine Mutter, wie du eine Tochter in ihr". ,,Und du, ich meine wir? Das mit uns...". ,,Felicie ist ein cleveres Mädchen" hob Louis an ,,Wenn mich nicht alles täuscht, dürfte sie es schon längst heraus gefunden haben".

Flashback - Felicie POV

Lächelnd schloss Felicie ihre Augen. Sie war so glücklich wie noch nie. Sie konnte es kaum glauben. Sie erinnerte sich an das vergangene Jahr, welches ihr komplettes Leben verändert hatte. Niemals hätte sie gedacht, dass die Flucht von ihr und Viktor, zu dem Leben führen würde, welches sie jetzt hatte. Dass Camille le Haut ihre beste Freundin werden würde und Odette eine Mutter. So sehr Felicie auch versuchte einzuschlafen, die Vorfreude hielt sie wach. Aufstehen konnte sie nicht mehr, also lauschte sie einfach nur, wie Odette vom Bettrand aufstand, ihr einen zarten Kuss auf die Stirn hauchte und dann über ihren Kopf strich. Felicie kannte diese Art von Zärtlichkeit nicht. Im Waisenhaus hatte man ihr keine Gutenachtgeschichten erzählt. Kein Schlaflied gesungen und schon gar nicht hatte man ihr einen Gute-Nacht-kuss gegeben. Dies waren Dinge, die eine Mutter tat. Odette selber ertappte sich dabei, immer wieder aufs Neue, überrascht zu sein, wie gut sie die Mutterrolle einnahm. Felicie öffnete ihre Augen einen winzigen Spalt. Odette hatte ihre Arbeitsschürze ausgezogen und stand nun vor dem Spiegel. Felicie hörte sie seufzen. Die junge Rothaarige hatte schon längst bemerkt, dass Odette etwas belasten musste. Sie arbeitete mehr. Plötzlich klopfte es leise. Instinktiv zog Felicie die Decke höher an die Nase, um nicht ertappt zu werden. Sie hörte, wie Odette die Tür öffnete. ,,Bon soir mon Cher"! Hauchte eine Stimme die Felicie nur zu gut kannte. Merante? Jetzt war die Neugierde in der jungen Tänzerin erst recht geweckt. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen um zu der Tür zu spähen. Tatsächlich, da stand ihr Tanzlehrer Louis Merante. Ein breites Lächeln huschte über Felicies Lippen. Natürlich hatte sie gewusst, wovon Camille sprach. Es hatte ihr einfach Spaß gemacht, ihre Freundin ein wenig aus der Reserve zu locken. In Wahrheit, war Felicie sogar die Erste gewesen, die bemerkt hatte, dass Odette und Merante starke Gefühle für einander haben mussten. Umso glücklicher war sie nun, dass die Beiden Zeit miteinander verbrachten. Felicie freute sich ebenso wenn Odette glücklich war. Nach der Zeit mit Regine hatte sie es mehr als nur verdient. Odette hatte Felicie nie von ihrer Vergangenheit erzählt, aber es interessierte sie unheimlich.

,,Guten Abend Louis". Hörte Felicie Odette antworten. Ihre Stimme war leise und zurückhaltend. ,,Felicié"? Hörte sie Merante ihren Namen sprechen. Gerade rechtzeitig, schloss Felicie wieder ihre Augen, als die beiden Erwachsenen in ihre Richtung sahen. ,,Sie schläft" kam die Antwort von Odette. Puh! Dachte sich Felicie innerlich. ,,Gehen wir" vernahm sie noch Metante sagen und dann schloss sich die Tür. Sofort riss Felicie wieder die Augen auf, richtete sich etwas auf im Bett und spähte zur Tür. Odette war fort. Ihr Lächeln wurde noch breiter und sie kicherte. ,,Ich glaubs nicht" sie biss sie auf die Unterlippe ,,Odette und Merante. Ich wusste es"! Schnell eilte die Rothaarige an das Fenster, um hinunter auf die Straße zu sehen. Wenig später sah sie tatsächlich Odette und ihren Tanzlehrer die Straße hoch laufend. Interessiert, beobachtete Felicie die Beiden. Plötzlich blieben sie stehen. ,,Hhm"? Felicie zog die Augenbrauen zusammen. Wieso blieben sie stehen? Es schien als würden sie miteinander reden. Plötzliche nahm Merante Odette in den Arm. ,,Man, ich würde jetzt echt gerne Mäuschen spielen"! Bemerkte Felicie zu sich selbst. Im selben Moment, dachte sie daran, wie Camille wohl ausflippen würde, würde sie wissen, dass Felicie schon lange vor ihr wusste, dass Odette und Merante zusammen waren. Noch eine Weile sah die junge Tänzerin aus dem Fenster, bis Merante und Odette nicht mehr zu sehen waren. Gähnend, drehte sich Felicie um und schlurfte zu ihrem Bett zurück. Jetzt war sie doch müde geworden. Erschöpft kroch sie unter die Bettdecke, rutschte ein paar mal umher bis sie in einer für sie gemütlichen Position lag und schloss dann die Augen. Während sie sich noch fragte, was Odette und Merante nun taten und was für Geschenke sie wohl übermorgen bekommen würde, bemerkte sie gar nicht, wie sie langsam aber sicher in einen tiefen erholsamen Schlaf fiel.