Enraptured – Hingerissen

Englischer Originaltitel: Enraptured
Autor: sshg316
Übersetzt von Wine Witch
Betakorrektur: Hopfenbraut – Vielen Dank für Deine sorgfältige und kompetente Arbeit!

Disclaimer: Harry Potter gehört JK Rowling. Autor und Übersetzer spielen lediglich in deren Sandkasten. Kein Geld, nur Spaß.

Anmerkung der Übersetzerin:
Meinen herzlichen Dank an sshg316 für die Erlaubnis zur Übersetzung.

Kapitel 1

Lunas Gedanken

Luna Lovegood saß an dem langen, alten Küchentisch im Keller des Grimmauld Place Nr. 12 und wartete auf den Beginn des Ordenstreffens. Ihre silbrig-grauen Augen schweiften verträumt durch den überfüllten Raum. Sie wusste, dass niemand auf sie achtete; oft wurde sie übersehen, und dafür war sie wirklich dankbar. Luna war jemand, die beobachtete, auch wenn niemand dies bemerkte, und sie entdeckte die faszinierendsten Details an Menschen, wenn ihnen nicht klar war, dass jemand sie betrachtete.

Während sie mit einem Radieschenohrring spielte, lächelte sie, als Neville Longbottom versehentlich seine Teetasse umstieß. Gleichmütig holte sie ihren Zauberstab hervor, den sie hinter dem Ohr verstaut hatte, und mit einem gemurmelten Evanesco ließ sie die verschüttete Flüssigkeit vom Tisch verschwinden. Neville lächelte sie schüchtern an und nickte dankend, dann wandte er sich wieder seinem Gespräch mit den Weasleyzwillingen zu.

Die meisten Leute bemerkten nicht, dass Neville nach dem Kriegsende viel reifer geworden war; jetzt strahlte er ein ruhiges Selbstvertrauen aus, das ihm zuvor gefehlt hatte. Er mochte nicht so selbstbewusst wie ein weiblicher Schrumpfhörniger Schnarchkackler in der Brunft sein, aber er war sich nun seiner Stärken ebenso wie seiner Grenzen deutlich bewusster. Derzeit arbeitete er für das Ministerium, wo er einen großen Beitrag in der botanischen Forschungsabteilung leisten konnte.

Luna verstaute ihren Zauberstab wieder sicher hinter ihrem Ohr und wartete weiter. Seit Voldemorts Niederlage während des Sommers nach ihrem sechsten Schuljahr in Hogwarts waren fast vier Jahre vergangen. Der Krieg hatte mit hohen Verlusten auf beiden Seiten in einer kurzen und blutigen Schlacht auf dem Gelände von Hogwarts geendet.

Einmal im Monat traf sich der Orden weiter unter dem Vorwand, den Status desertierter Todesser zu diskutieren. In der Realität war dies eine schwache Ausrede, um sich zu treffen. Der Orden des Phönix – dieser seltsame Zusammenschluss von Leuten – hatte Seite an Seite Strategien entwickelt, gekämpft und sogar einige seiner Mitglieder verloren. Diejenigen, die noch übrig waren, betrachteten sich als Familie, und diese allmonatlichen Treffen erlaubten allen, mit den Geschehnissen im Leben der anderen auf dem Laufenden zu bleiben.

Wie sie es bei jedem Ordenstreffen machte, nahm sich Luna einen Moment Zeit und schloss die Augen, um derer zu gedenken, die sie verloren hatten: Hagrid war von Rabastan Lestrange getötet, aber nur Augenblicke später von seinem Halbbruder Grawp gerächt worden, der seinen Mörder buchstäblich Stück für Stück auseinandergerissen hatte. Professor Trelawney war von einem verirrten Zauber getroffen worden und ihren Verletzungen erlegen; Mad-Eye Moody war offensichtlich nicht wachsam genug gewesen und von einem Avada Kedavra getroffen worden – von hinten, verdammte Feiglinge! Hannah Abbot, Zacharias Smith, Lee Jordan, Cho Chang und Terry Boot waren alle tot. Zu diesen gehörte auch Fleur Weasley, die von Bellatrix Lestrange getötet worden war, aber erst, nachdem sie Rache an Fenrir Greyback dafür geübt hatte, was er ihrem geliebten Ehemann angetan hatte. Natürlich konnte Luna niemals den Mann vergessen, dessen Tod sie alle am meisten berührt hatte – Albus Dumbledore.

Nach Abschluss ihres monatlichen Rituals öffnete Luna die Augen und widmete sich wieder dem Beobachten und Warten.

Links von Luna saßen ihre Freunde Ginny und Harry Potter. Sie schienen das Ergebnis des letzten Gryffindor-Slytherin Quidditchspiels zu diskutieren. Luna überlegte, ob die Schulleiterin sie wohl bitten würde, irgendwann einmal als Gastkommentator zu fungieren. Das wäre nett. Zurzeit war Ginny dabei, eine zeitlich befristete Heiler-Lehre unter Madam Pomfrey an der Schule abzuschließen, während Harry vor zwei Jahren den Job als Lehrer für die Verteidigung gegen die Dunklen Künste übernommen hatte. Die beiden waren unzertrennlich und offensichtlich bis über die Ohren ineinander verliebt.

Während sie sich im Raum umsah, ruhte Lunas Blick einen Moment lang auf dem silberblonden Kopf von Draco Malfoy, der sich ruhig mit Remus Lupin unterhielt. Einzig Luna war nicht überrascht gewesen zu erfahren, dass Malfoy von Voldemort übergelaufen war. Jahrelang hatte sie etwas in dem aristokratischen jungen Mann gesehen – Melancholie und wachsende Verzweiflung über das, was von ihm erwartet wurde. Sie hatte sich wie ein Pygmy Puff gefreut, als er unter Beweis gestellt hatte, dass ihre Instinkte ihn betreffend richtig gewesen waren. Die von Malfoy gelieferte Information war unbezahlbar gewesen, besonders aufgrund der Abwesenheit der einzigen Verbindung des Ordens zu Voldemorts Organisation.

Lunas Gedanken wurden unterbrochen, als die Küchentür aufflog und die Ankunft von Ron Weasley offenbarte. Ihre Augen weiteten sich ulkig, und sie musste ein amüsiertes Japsen unterdrücken, als Ron die Tür losließ und gegen seine Freundin Hermione Granger schwingen ließ. Wenige Zentimeter, ehe die Tür gegen Hermiones Nase schlug, wurde sie von Severus Snapes Hand zum Stillstand gebracht, dem ehemaligen Todesser-Spion-Professor, der Hermione in die Küche folgte. Hermione murmelte ihren Dank gegenüber ihrem Arbeitgeber und sah derweil ihren achtlosen Freund böse an.

„Ehrlich, Ron! Wäre es zu viel von dir verlangt, die Tür offen zu halten?", schalt sie, und ihr Ärger war ihr deutlich anzusehen.

Ron besaß den Anstand, verlegen dreinzusehen, während er eine Entschuldigung brummelte, dann ging er durch den Raum und setzte sich gegenüber von Neville an den Tisch.

Gefolgt von Snape ging Hermione ebenfalls zum Tisch, um sich zu setzen. Als sie ihre Plätze erreichten, zog Snape den Stuhl neben Ron für Hermione zurück und ließ sie Platz nehmen, ehe er sich selbst elegant auf dem danebenstehenden Stuhl niederließ.

„Ich bin sicher, Ihre Mutter hat Sie gelehrt, wie man eine Lady respektvoll behandelt, Mr. Weasley", tönte der Zaubertränkemeister. „Versuchen Sie, sich auf Ihre Manieren zu besinnen."

Rons Gesicht lief rot an. Er setzte zu einer Antwort an, als Hermione eine Hand auf seinen Arm legte und warnte. „Nicht. Severus hat recht, auch wenn er wirklich lernen könnte, taktvoller zu sein." Rons Mund klappte zu, während Snape unter Berücksichtigung ihrer Belehrung mit dem Kopf nickte. Seine dunklen Augen offenbarten sein Amüsement.

Luna verbarg ein Lächeln hinter ihrer Hand und fing Hermiones Blick auf. Hermione lächelte leicht, während sie den Kopf über Rons Possen schüttelte. Luna und Hermione waren sich beide der Tatsache bewusst, dass es nicht in Ron Absicht lag, rücksichtslos zu sein; er war einfach Ron. Luna grüßte sowohl ihn als auch ihren ehemaligen Professor, ehe sie ihre liebste Freundin begrüßte.

Sie freute sich immer, Hermione zu sehen. Für ihre Freundschaft war sie dankbar, da sie genau wusste, dass Hermione sie nicht immer so wie jetzt gemocht hatte. Als sie einander kennengelernt hatten, hatte Hermione Luna für eine komplett Verrückte gehalten.

Luna seufzte; an diese Zeit hatte sie so schöne Erinnerungen!

Als Hermiones Eltern während des Krieges getötet worden waren, hatte ihre Trauer sie beinahe aufgefressen. Sie hatte sich in ihrem Zimmer im Hauptquartier eingeschlossen, wenig gegessen, und weder Ron noch Harry hatten ihrer besten Freundin zu helfen vermocht. In dem fehlgeleiteten Versuch, ihren Wünschen zu entsprechen, hatten sie sie alleine gelassen. Luna wusste, dass jeder schockiert gewesen war, als ausgerechnet sie Zugang zu Hermiones Zimmer erlangt hatte. Luna besaß eigene Erfahrung mit dem Tod eines geliebten Elternteils; sie wusste nur zu gut, was Hermione durchmachte. Aus vielen Gesprächen und Tränen hatte sich eine Bindung entwickelt, und die beiden standen sich jetzt so nahe, wie es nur Schwestern konnten.

„Hi, Luna", grüßte Hermione sie warmherzig. „Wie war dein Tag?"

Luna grinste ihre Freundin an. „Einfach gut, danke. Und deiner?"

Hermione lächelte sanft, und einen Augenblicke lang schweifte ihr Blick zu Ron. „Er war sogar fabelhaft."

„Das ist schön. Daddy hat sich gefragt, ob du am Dienstag zum Tee kommst."

Die Freundinnen lachten miteinander. Jede Woche fragte Lunas Dad, ob Hermione zum Tee käme, obwohl er genau wusste, dass die junge Hexe niemals einen Dienstagstee bei den Lovegoods verpasste.

Nachdem sie und Hermione einander auf den neuesten Stand gebracht hatten, entschuldigte Luna sich, um sich ein Wasser zu holen. Sie kam um vor Durst; es war so heiß. Auf dem Weg zur Spüle blies sie sich gemächlich eine Haarsträhne weg, die ihr immer wieder störrisch in die Augen fiel. Sie nahm sich einen Becher aus dem Oberschrank und füllte ihn mit Wasser. Dann drehte sie sich um und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, während sie an der kühlen Flüssigkeit nippte.

Einen Moment lang wanderten ihre Gedanken zu Snape. Welch ein faszinierender Mann, wirklich. Während des Krieges hatte Luna den sardonischen Zaubertränkemeister zu mögen begonnen. Inzwischen sah er viel gesünder aus als damals, als sie für seine Entlassung aus Azkaban gesorgt hatten. Es hatte den Orden sechs Monate gekostet, den Zaubergamot von seiner Freilassung zu überzeugen. In seinem Büro verborgen hatte der Schulleiter Beweismaterial hinterlassen. Als sein Portrait endlich ,aufgewacht' war, hatte Professor Dumbledores Abbild als Erstes gesagt, „Minerva! Suche mein Denkarium. Du musst Severus weiterhin vertrauen." Die Erinnerungen im Denkarium hatten gezeigt, dass Albus Dumbledore in dieser Nacht auf dem Astronomieturm schon im Sterben begriffen gewesen war, und dass er sich selbst geopfert hatte, um Snapes Position als Spion zu sichern. Der arme Professor Snape war gezwungen worden, den Schulleiter umzubringen. Er hatte in der Klemme gesessen …

Luna sah, dass Ron nun am Gespräch zwischen seinen Brüdern und Neville teilnahm, während Snape und Hermione dasaßen und sich ruhig unterhielten – höchstwahrscheinlich besprachen sie Geschäftliches. Nach dem Krieg hatte Snape die Apotheke in der Winkelgasse gekauft, und Hermione arbeitete dort als Teilzeit-Brauer, während sie ihren Master der Zaubertränke an der Magischen Universität in London machte. Gelinde ausgedrückt waren Ron und Harry nicht erfreut über Hermiones Arbeitgeberwahl gewesen, aber Hermione war eisern geblieben, und einer unnachgiebigen Hermione Granger widersprach man nicht, es sei denn, man wollte sehr ernsthaft verhext werden. Luna nahm an, dass die jungen Männer beschlossen hatten, ihre edlen Teile genau so zu mögen, wie sie waren, denn sie hatten beim ersten Anzeichen von Hermiones Zorn ihre Einwände schnell zurückgezogen.

Die Küchentür schwang wieder auf, und endlich betrat Minerva McGonagall den Raum. „Guten Abend alle zusammen! Bitte, entschuldigt mein Zuspätkommen; es ging nicht anders. Nun? Worauf wartet ihr?" Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs war der Küchentisch magisch vergrößert, sodass jeder im Raum sich setzen konnte. „Sucht euch einen Platz, damit wir dieses schreckliche Treffen hinter uns bringen und mit wichtigeren Angelegenheiten weitermachen können – Mollys Kochkunst!"

Lachen und zustimmendes Gemurmel folgten ihren Worten, und es gab ein allgemeines Geschiebe von Menschen, als jedermann seinen Platz um den Tisch herum aufsuchte. Luna kehrte schnell zu ihrem Sitz zwischen Ginny und Neville zurück.

„Ginny, meine Liebe, würdest du heute Abend bitte Protokoll führen? Danke."

„Es scheint, dass wir alle da und ausgewiesen sind. Lasst uns anfangen. Kingsley, könnten Sie bitte den Bericht für diesen Monat über …"

An diesem Punkt hörte Luna auf zuzuhören; wenn etwas Lebenswichtiges gesagt wurde, würde irgendwer japsen oder aufschreien und so ihre Aufmerksamkeit hervorrufen. Gähnend sah sie zu Ron und Hermione hinüber. Mit schief gelegtem Kopf beobachtete sie die beiden verstohlen. Sie rätselte über deren Beziehung, die sie seltsam fand. Sicher, sie gingen miteinander aus, aber Luna hatte nie diesen speziellen Funken zwischen ihnen gesehen wie den zwischen ihren eigenen Eltern, Ginny und Harry, Tonks und Remus und sogar Molly und Arthur. Sie spürte zwischen ihnen eher Freundschaft als sonst etwas. Bei dem Gedanken, dass die beiden sich auch nur küssten, schauderte sie. Puh. Das musste sein, als ob man seinen Bruder küsste. Zumindest nahm sie das an; sie hatte keine Geschwister, daher wusste sie nicht wirklich, wie es sein könnte, seinen Bruder zu küssen, aber sicher wäre es eklig …

Ihr Sinnieren wurde von Minervas Stimme unterbrochen. „Ginny, hast du die letzte Info über Greengrass? Gut. Nun denn, mir wurde gesagt, dass zwei von uns eine freudige Mitteilung zu machen haben. Ron? Hermione?"

Lunas Augen wurden auf Ron gelenkt, der aufstand und den Stuhl vom Tisch wegschob, und dessen Züge ein albernes Grinsen erhellte. Er nahm Hermiones Hand – errötete sie? Luna konnte es hinter dem Vorhang von Haaren nicht erkennen –, und nachdem er tief Luft geholt hatte, sagte er, „Äh, ja. Hermione und ich … wir werden heiraten."

Einen Moment lang war der Raum gespenstisch still – Luna dachte, dass sie vielleicht nicht die Einzige war, die diese Ankündigung bizarr fand – und explodierte dann in guten Wünschen und Gratulationen.

Verwirrt sah Luna, dass Snape sich hastig vom Tisch entfernte, um dem Ansturm von Menschen aus dem Weg zu gehen, die das frisch verlobte Paar beglückwünschen wollten.

Luna saß einen Moment lang wie erstarrt. Dies war ihre liebste Freundin, und sie heiratete einen Mann, von dem Luna wusste, dass er nicht der Richtige für sie war. Als Hermiones Freundin konnte sie nur Eines tun.

Sie erhob sich und beugte sich über den schmalen Tisch, um ihre Glückwünsche auszusprechen. Während sie Hermione umarmte, flüsterte sie ihr ins Ohr, „Ich hoffe, du wirst glücklich sein, Liebste. Ich hab dich lieb."

Sie spürte, wie Hermione sie fester drückte und ihre Empfindung erwiderte. Als sie einander losließen, fühlte Luna sich einen Augenblick lang benommen und schwankte leicht auf ihren Füßen.

„Luna?", hörte sie Hermiones besorgte Stimme fragen. „Geht es dir gut?"

„Ja, ich glaube schon…"

Unerklärlicherweise versteifte Luna sich plötzlich, ihre Augen verdrehten sich nach hinten, während sie mit harscher Stimme, die so gar nicht wie ihre klang, zu sprechen begann …

Es begibt sich …"