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"Was wird das, wenn's fertig ist? Ein Friedhof?"

Alisha zuckte unwillkürlich zusammen, als sie Thomas' Stimme direkt an ihrem Ohr hörte. Sie saß in der Bibliothek, um an ihrem Referat zu arbeiten, doch in den vergangenen drei Stunden hatte sie eher vor sich hingeträumt als wirklich etwas Konstruktives dafür getan. Es war schon spät und bis auf sie waren nur noch zwei weitere Studenten anwesend. Die Bibliothekare waren nicht zu sehen. Vermutlich sortierten sie Bücher in die zahllosen dichtgefüllten Regale ein.

Sie blickte auf das oberste ihrer Blätter, das, neben einigen Stichworten, hauptsächlich mit unzähligen Kreuzen unterschiedlicher Formen und Größen (inklusive Spinnweben und ein paar klitzekleinen Herzchen zwischen vereinzelten Spinnenpaaren, von denen sie hoffte, daß sie nicht auffielen, bemalt war.

"Kann schon sein", erwiderte sie gleichgültig, ohne ihn anzusehen. "Wieso? Soll ich dir einen Grabplatz reservieren?"

"Das würdest du tun?" Er ging um sie herum und setzte sich dann vorne auf die Tischkante.

Sie zuckte die Schultern. "Vielleicht...."

Sie schwiegen sich eine Weile an. Schließlich nahm er ein paar ihrer Bögen in die Hand und überflog sie. "Serienkiller?" fragte er dann und obwohl ein leicht spöttischer Unterton in seiner Stimme mitschwang, klang er dennoch interessiert. "Persönliches Interesse oder Referat?"

"Täusche ich mich oder schwang da eine versteckte Andeutung über mögliche Ambitionen mit?"

"Hätte ich denn Grund zu einer solchen Annahme?"

"Man kann nie wissen...." Sie beobachtete, wie die beiden anderen Studenten ihre Sachen zusammenpackten und dann zum Ausgang gingen. Thomas folgte ihrem Blick und ein kleines Lächeln glitt über sein Gesicht. Dann war es wieder verschwunden.

"Könnte ich meine Zettel, dann vielleicht wiederhaben?" Alisha streckte fordernd eine Hand aus.

"Du willst schon gehen?" Wie beiläufig sah er aus einem der großen Fenster. Seine ruhige Art fing allmählich an, sie wütend zu machen. Sehr oft hatte sie zwar noch nicht mit ihm zu tun gehabt, doch soweit sie es beurteilen konnte, gehörte Thomas zu den Menschen, die niemals laut wurden. Wenn man von der Schlägerei mit Mark Temple einmal absah. Seine Stimme sowie sein gesamtes Auftreten wirkten stets ruhig und gelassen und das in einer überlegenen Art und Weise, die ihr ganz und gar nicht zusagte. Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, wurde sie das Gefühl nicht los, daß etwas Lauerndes von ihm ausging. So als würde er glauben, sie gut einschätzen zu können und mit jeder ihrer Bewegungen und Worte nur auf eine Bestätigung dessen warten. In der Annahme, er würde immer noch zum Fenster hinausschauen, sah sie hoch und direkt in ein Paar eisblauer Augen, die sich in ihre zu bohren schienen. Ob sie es sich nun eingestehen wollte oder nicht; normalerweise verunsicherte sie direkter Augenkontakt, doch Sturheit war oft stärker als Schüchternheit und auch diesmal trug sie den Sieg davon. Und wenn Alisha wollte, konnte sie verdammt stur sein.

Er schien ihr kleines Blickduell zu genießen, doch nach einer Weile schweifte sein Blick fast ein wenig gelangweilt über die Bücherregale auf der Balustrade und obwohl sie eigentlich ‚gewonnen' hatte, fühlte Alisha sich trotzdem nicht als Siegerin sondern kam sich eher kindisch vor.

"Bitte." Er kam ihrer Aufforderung nach und gab ihr die Blätter zurück. Damit rechnend, daß er nun ebenfalls gehen würde, schlug sie ein Buch auf, doch Thomas schien nicht im Mindesten daran zu denken. "Frustriert es dich nicht, dir anhand dieser Berichte so klar vor Augen führen zu müssen, wie viele verschiedene Formen der Perversion es auf dieser Welt gibt?"

Sie schob einen Finger zwischen die Seiten und sah ihn an, ohne eine Miene zu verziehen. "Das brauche ich mir nicht erst zu verdeutlichen; ich sehe jeden Tag Beispiele dafür."

"So?" erkundigte er sich und ignorierte ihre Anspielung geflissentlich. "Vielleicht siehst du zuviel Nachrichten. Oder die falschen Filme."

"Oder einfach nur die falschen Menschen."

"Du hast was gegen mich oder?" fragte er unvermittelt.

Sieh mal einer an, das war ihm aufgefallen. Mannomann, der Junge war ja wirklich ein Schnellmerker.

"Nicht, daß es mich stören würde", fuhr er ein wenig mokant fort. "Der Grund würde mich allerdings interessieren."

"Oh", erwiderte sie und sah dem wechselnden Spiel seiner Augenbrauen zu, "du täuschst dich. Ich habe nichts gegen dich." Eine weitere Seite wurde umgeblättert.

"Aber auch nichts für mich", schloß er, doch es klang keineswegs beleidigt.

Ein Grinsen überflog ihr Gesicht. "Hey, das gefällt mir: Du denkst mit."

Er warf noch einen kurzen Blick zum Fenster hinaus. Ein kleines Lächeln zuckte um seine Mundwinkel.

"Hör zu, Thomas, wenn du nichts dagegen hast, würde ich jetzt wirklich gerne wieder –"

Alisha sah von ihrem Buch auf und verstummte. Von Thomas war weit und breit nichts mehr zu sehen. Sie drehte sich um und durchsuchte den Lesesaal mit den Augen soweit wie möglich, doch er schien wie vom Erdboden verschluckt. Innerhalb von zwei Sekunden konnte er eigentlich nicht sehr weit gekommen sein, doch im Moment hatte sie wirklich andere Dinge im Kopf, als sich darüber Gedanken zu machen. Und bei Thomas war wohl kaum damit zu rechnen, daß er plötzlich mit einem lauten "Buh!" hinter irgendeinem Regal hervorsprang. Sie zuckte die Schultern und wandte sich wieder ihrer Lektüre zu, um wenigstens noch ein wenig zu arbeiten, bevor die Bibliothek in zwei Stunden schloß.

**********

Es war bereits dunkel draußen, als sie endlich die letzte Seite des Buches erreichte. Sie notierte noch einige Worte, dann lehnte sie sich zurück. Berichte und Geschichten über Serienkiller waren nicht immer bloß spannend wie ein Krimi. Nicht, daß sie nach Vollendung des vierzehnten Lebensjahres noch ernsthaft daran geglaubt hätte, doch sie fand es wiedereinmal erschreckend, wieviele Verrückte es auf dieser Weit gab, die viel zu oft unerkannt ein ganz normales Leben führten. "Phy, was ist schon normal?!" sagte sie zu sich selber und begann, ihre Sachen zusammenzupacken. Wie immer, wenn sie sich zu lange intensiv mit diesem Thema beschäftigte, war sie ein wenig deprimiert, also versuchte sie, sich selbst etwas aufzumuntern, indem sie an die Schokoladentorte dachte, die in ihrem Zimmer darauf wartete, endlich aufgegessen zu werden. In einem Anfall von Freßsucht hatten Zoe und sie sich vor zwei Tagen beim Bäcker eindeckt, doch da ihre Augen wesentlich größer als der Mund gewesen waren, hatten sie es trotz Damons tatkräftiger Hilfe nicht geschafft, alles aufzuessen. Schokolade macht deprimierte Frauen glücklich, dachte sie ironisch. Was für ein Klischee. Wenn auch ein wissenschaftlich belegtes.

Sie atmete tief durch und streckte sich ausgiebig. Die Jugendstillampe auf ihrem Tisch war fast das einzige Licht im Lesesaal; bis auf einen kleinen Strahler weiter vorne am Ausleihpult. Die Bibliothekare waren schon vor über einer halben Stunde irgendwohin verschwunden; um diese Uhrzeit konnten sie ja auch nicht viel mehr tun, als zu warten, daß es endlich Zeit wurde, die Bücherei zu schließen. Die Anwesenheit von mehr als drei Studenten innerhalb der letzten Stunde kam schon einem Massenauflauf gleich. Und vielleicht sah sie so harmlos aus, daß die beiden annahmen, sie würde sowieso nichts stehlen oder Ähnliches tun und waren deshalb lieber einen Kaffee trinken gegangen, als hier Löcher in die Luft zu starren, vermutete Alisha. Sie ordnete ihre Bücher und schob einen Zettel mit der Bitte, sie bis zum nächsten Tag liegenzulassen, sichtbar zwischen die Seiten des obersten. Gerade war sie aufgestanden und hatte ihren Stuhl an den Tisch zurückgeschoben, als sie einen leichten Windhauch an ihrem Hals spürte. Die kleinen Härchen, die sich aus ihrer hochgesteckten Frisur gelöst hatten, kitzelten sie im Nacken und sie strich sie zur Seite. Wieder erfolgte ein kleiner Luftzug, und sie strich erneut über die Stelle, während sie ihren Stift in die Tasche steckte. Seit wann zog es hier eigentlich? Alisha griff nach ihren Zetteln und beugte sich vor, um die Lampe auszuknipsen. Sie war so in Gedanken versunken, daß sie gar nicht bemerkte, daß jemand hinter ihr stand. Ebensowenig bekam sie etwas davon mit, daß er ihr folgte, als sie auf eines der Regale zuging, um ein Lexikon zurückzustellen. Sie entdeckte die richtige Lücke und stellte sich auf die Zehenspitzen, um es einzuordnen. Wieder kitzelte sie etwas im Nacken und sie kratzte sich ungeduldig. Hier war es ja zugiger als in einer alten Kirchenruine, durch die der Wind pfiff.

"Buh", sagte jemand ganz leise direkt an ihrem Ohr.

Alisha streckte sich noch ein wenig mehr, weil sie sonst nicht an das richtige Fach herankam und zu faul war, sich einen der Hocker zu holen. Dann erstarrte sie mitten in der Bewegung. Der schwere Band rutschte ihr aus der Hand und landete mit einem lauten Knall auf dem Boden. Ihr Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen. Erschrocken machte sie einen Schritt zur Seite und stieß gegen das hintere Regal. Allerdings war es für ein Holzregal seltsamerweise relativ weich. Sie fuhr herum und prallte diesmal wirklich hart gegen ein Bord. Einige Sekundenbruchteile lang starrte sie regungslos auf den Anblick, der sich ihr bot, dann machte ein anderer Gesichtsausdruck dem vorherigen Platz; der der Wut.

"Du Arschloch!!" rief sie laut und schubste die vor sich stehende Person von sich. Dann rieb sie sich ihren Kopf an der Stelle, an der sie sich gestoßen hatte.

"Oh, hast du dir weh getan?" fragte Damon und ein schuldbewußter Ausdruck vertrieb sein

Grinsen für einen Moment.

"Oh, hast du dir weh getan?" machte Alisha ihn wütend nach. "ICH HAB' MICH ZU TODE

ERSCHRECKT!!"

"Na, das war ja eigentlich auch der Sinn der Sache", rutschte es ihm heraus. "Ähm, ich meine", verbesserte er sich schnell, als er ihre zornig funkelnden Augen sah, "zu Tode natürlich nicht, es sollte nur –"

"Haha!! Sehr witzig!!" Sie drehte sich auf dem Absatz um und ließ ihn stehen.

"Hey, jetzt warte doch mal !" Er lief ihr nach. "Bist du wirklich so sauer deswegen?"

"Allerdings", erwiderte sie, doch es klang nicht mehr ganz so verärgert.

Er legte eine Hand auf ihren Arm und drehte sie zu sich herum. "Du bist ein Idiot", sagte sie, konnte ein Grinsen jedoch nicht unterdrücken. "Laß dich nicht von meinem freundlichen Gesichtsausdruck täuschen. Ich bin immer noch böse."

"Böse", wiederholte er.

"Wütend, empört, ärgerlich, erzürnt....", sie machte eine unbestimmte Handbewegung, "such' dir was aus."

"Oh, so schlimm?"

"Furchtbar", bestätigte sie.

"Sorry", er zuckte die Schultern, "aber die Gelegenheit war einfach.... so.... günstig."

"Soso, ich bin also eine günstige Gelegenheit, ja?" neckte sie ihn.

"Doch nicht du", wehrte er ab. "Was ich meinte war; ich wollte dich eigentlich nur abholen, aber als ich dich dann so ganz alleine hier sah –"

"Da dachtest du dir, du kompensierst die schon seit langer Zeit tief im dunkelsten Punkt deiner Seele schlummernden psychopathischen Neigungen lieber in dieser vergleichsweise harmlosen Art und Weise, als daß du Gefahr läufst, daß sie sich im Falle der extremen Suppression eines Tages in Form unkontrollierter für andere tödlicher Ausbrüche entladen könnten", beendete sie den Satz.

Damon zog eine Augenbraue hoch und sah sie irritiert an. "Alisha? Bist du irgendwo da drinnen?" Er tippte gegen ihre Stirn.

Sie stutzte einen Moment. "Vielleicht.... sollte ich jetzt einfach ins Bett gehen?" schlug sie vor.

"So ganz alleine?"

Ein Knarren ertönte von der Balustrade.

"Hey, was siehst du mich so an?" Damon hob abwehrend die Hände. "Ich war das nicht."

"Wahrscheinlich war es ein Geist, was?"

"Ja, wer weiß ...." raunte er.

Alisha klopfte einige Male gegen seinen Kopf. "Deiner war es wohl kaum." Sie wandte sich zum Gehen.

"Aber vielleicht der von Mare Rosing...."

Sie seufzte und blieb stehen. Mit einem tödlich gelangweilten Gesichtsausdruck drehte sie sich wieder um. "Also gut, um dir und deiner Erzählfreudigkeit einen Gefallen zu tun", sie holte tief Luft und setzte ein halbwegs interessiertes Lächeln auf, bevor sie mit leiernder Stimme fragte: "wer ist Mare Rosing?"

"Du solltest besser zuhören: wer war Mare Rosing?"

"Gut, wer war sie?" spielte sie brav mit. "Ach, und Damon; wenn du meine kostbare Zeit hier nur mit Ammenmärchen verschwenden willst, dann sag es lieber gleich."

"Ich schwöre, es ist wahr. Beim Leben meiner Schwester."

"Ihr habt nicht gerade einen furchtbaren Streit oder so?" versicherte sich Alisha.

"Kann ich jetzt anfangen?" erkundigte er sich genervt und fuhr dann ohne Umschweife mit gedämpfter Stimme fort:" vor etwa fünfzig Jahren ist hier eine Studentin ums Leben gekommen –"

"Wie traurig", warf Alisha ein und machte erneut Anstalten zu gehen, doch er hielt sie am Arm zurück.

"Das Beste kommt noch", garantierte er.

"Was denn, wird's noch spannender?" Sie riß scheinbar gefesselt die Augen auf und sagte atemlos:" Ehrlich, ich halt's ja jetzt schon kaum noch aus vor Aufregung."

"Jedenfalls", ignorierte er ihren Einwand mit einem kleinen spöttischen Lächeln:" geschah das ganze unter ziemlich mysteriösen Umständen. Mitten in der Nacht schien sie auf die Idee gekommen zu sein, noch ein wenig in der Bibliothek zu lernen. Sie war ganz allein dort – oder zumindest dachte sie das...." Während Damon ihr den tragischen Vorfall im Stile eines Psychothrillers schilderte, betrachtete sie nachdenklich den Lesesaal, dann schweifte ihr Blick über die Balustrade, von der aus das Mädchen in den Tod gestürzt war. Sie schüttelte sich unwillkürlich, was Damon mit einem zufriedenen Grinsen registrierte. Was für eine furchtbare Art zu sterben. Da wollte sie einfach nur besonders fleißig sein und dann so etwas. Nur die Theorie vom psychopathischen Mörder, von dessen Existenz er vollkommen überzeugt war, sagte ihr nicht ganz zu. "Ein einziger Mord ohne ersichtliches Tatmotiv und das war's dann?" Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn skeptisch an, doch er bemerkte lediglich, "ich glaube, du siehst zu viele von diesen Serienkiller-Filmen. Ein Mord reicht doch völlig."

"Ja, aber warum?" hakte sie nach.

"Was weiß ich! Vielleicht war's auch ein Unfall; ein Verehrer hat sie hier alleine durchs Fenster gesehen, wurde zudringlich, sie hat sich gewehrt und ooops", er beschrieb mit den Augen einen nach unten hin abfallenden Bogen," hoppla, da war's passiert."

"Du erzählst das so, als würdest du übers Wetter reden."

Er zuckte die Schultern. "Du hast vorhin auch nicht sehr viel mitfühlender reagiert."

"Ist das wieder eine deiner erfundenen Geschichten oder –"

"Würde ich so leichtfertig mit dem Leben meiner Schwester umgehen? Im übrigen, wenn du mir nicht glaubst, kannst du es gerne im Allerheiligsten nachlesen." Das Allerheiligste war die Stantoner College-Zeitung. Ursprünglich lautete der ganze Titel Stanton Chronicle, doch vor etwa zwanzig Jahren hatte einer der Redakteure ihn zu St. Chronicle abgekürzt, und da die Verwechslung mit der Kurzform des Wortes "Saint" nahelag, wurde das Blatt unter den Studenten innerhalb kürzester Zeit nur noch Das Allerheiligste genannt.

"Und wurde die Sache jemals aufgeklärt?" erkundigte sie sich.

"Die Polizei war der Ansicht, es handle sich um einen ganz normalen, selbstverschuldeten Unfall und hat den Fall sofort zu den Akten gelegt. Sie hatte keine offensichtlichen Feinde, war nicht ungewollt schwanger - es gab nichts Außergewöhnliches, was auf ein Verbrechen hätte schließen lassen können."

"Und du bist nicht dieser Ansicht, nehme ich an."

"Oooch, ich mach' mir nur so meine Gedanken", winkte er ab.

"Vielleicht weißt du ja mehr als du zugibst", neckte sie ihn.

"Ja okay, ich gestehe; es war mein Großvater und am fünfzigsten Jahrestag werde ich sein Andenken mit einem weiteren Mord ehren."

"Und wer wird dein Opfer?" erkundigte sie sich interessiert.

"Na, du natürlich. Immerhin siehst du ihr ziemlich ähnlich."

"Und das ist dein Motiv? Wirklich sehr originell."

"Hey, ich denke, du hast Scream einundzwanzig Mal gesehen: ‚Motive tun nichts zur Sache'."

Sein Opfer in spe tippte sich mit den Fingerspitzen gegen die Stirn. "Ich Dummerchen." Sie blickte wieder nach oben. "Das Linoleum da oben kann ziemlich glatt sein, wenn es frisch gebohnert wurde. Vielleicht ist sie wirklich nur ausgerutscht; ich meine, sieh dir mal das Geländer an. Es ist ziemlich niedrig."

"Klar, als das Gebäude errichtet wurde, waren die Leute ja auch noch nicht so groß. Und selbst als das Geländer erneuert wurde, hat man es ohne auf sicherheitstechnische Gründe Rücksicht zu nehmen, dem alten Stil angepaßt."

"Eben. Also, so traurig die Angelegenheit auch ist und so leid mir die arme Mare auch tut, sowas kommt doch ständig vor. Ich meine, die meisten Unfälle passieren statistisch gesehen zu Hause, da ist dieser hier doch gar nicht so abwegig."

"Mhm." Damon strich nachdenklich über eine der Tischplatten und murmelte irgend etwas Unverständliches.

"Was hast du gesagt?" erkundigte sich Alisha.

"Ich sagte: genau hier war's."

"Genau hier war was?" gab sie ungeduldig zurück. "Jetzt laß dir doch nicht alles aus der Nase ziehen; du plapperst doch sonst immer wie ein Wasserfall!"

"Siehst du die Kerbe hier? Da ist sie aufgeschlagen und ihr Genick ist gebrochen." Sein Finger wies auf zwei dunkle Flecke im Holz. "Das ist ihr Blut. Sie haben es nie ganz rauswaschen können."

Alisha beugte sich vor. "Das sind Tintenflecke", behauptete sie.

"Wenn du dich dann besser fühlst."

"Du glaubst, ansonsten würde ich vor Angst sterben, ja?"

Ein hinterhältiges Grinsen legte sich auf sein Gesicht. "Du erinnerst dich daran, daß Zoe mit ihrem Kunstkurs einen zweitägigen Ausflug macht, ja? Und daß sie nicht vor morgen Abend zurück sein wird?"

"Stell dir vor, das habe ich nicht vergessen", erwiderte sie ironisch und begutachtete ihre Fingernägel, als wären sie im Moment das Wichtigste. "War sonst nochwas?"

"Ich kann nicht glauben, daß dir das wirklich noch keiner erzählt hat!" rief er ehrlich erstaunt.

Mit einem entnervten Seufzer setzte sie sich verkehrt herum auf einen der Stühle. "Ich denke, das wird wohl nichts mit meinem Zehn-Uhr-Film. Wird es solange dauern, daß ich mir noch was zu essen und zu trinken holen sollte?"

"Wenn du danach überhaupt nochwas essen könntest, würde mich das sehr wundern", prahlte Damon. Aber du solltest vielleicht deinen Vorrat an harten Drinks aufstocken; ich denke da so an achtzigprozentigen Rum oder besser gleich reinen Alkohol."

Alisha stützte die Ellenbogen auf die Lehne und hob auffordernd die Hände. "Erfahre ich nach all diesen Tips auch noch den Grund für meine vermutlich schlaflosen Nächte oder...."

"Es ist schon seltsam, daß du dir von allen Plätzen hier in der Bibliothek ausgerechnet den zum Lernen ausgesucht hast, an dem Mare damals ihren letzten Atemzug getan hat -"

"Ich sitze immer gerne hinten", unterbrach sie ihn unbeeindruckt.

"- dann siehst du ihr wirklich ein bißchen ähnlich, aber was eigentlich am Besten ist: du wohnst nicht nur in ihrem Zimmer: du schläfst sogar in ihrem Bett!"

Und als hätte er es genauso geplant, gab es draußen in diesem Moment urplötzlich einen ohrenbetäubenden Knall. Obwohl sie sich selbst dafür hätte ohrfeigen können, fuhr sie erschrocken zusammen.

"Na, wenn das kein Zeichen ist.....", bemerkte Damon.

"Das ist ein Wärmegewitter, du Möchtegern-Dean Koontz!" Sie grinste und blickte durch die Fenster hinauf zum Abendhimmel. "Aber einst steht fest: irgend jemand da oben hat Sinn für Situationskomik."

"Vielleicht solltest du es als Warnung sehen."

"Sicher, ich werde dran denken, wenn mich ihr Geist heute nacht besucht", entgegnete sie ironisch.

"Da du meinen Worten vermutlich keinen Glauben schenken wirst; frag doch Zoe mal, warum sie bis jetzt keine neue Mitbewohnerin hatte und was mit der letzten passiert ist."

"Das werde ich, verlaß dich drauf."

Wieder erfolgte ein lautes Krachen, doch sie fing sich schnell wieder und schnitt ihrem Freund, der das laute Geräusch vollkommen zu ignorieren schien, eine Grimasse.

"Du spielst die Coole ganz überzeugend, aber falls deine Fassade doch noch abbröckeln sollte: was hältst du davon, wenn ich meinem im Grunde gutmütigen Herzen einen Stoß gebe und dich beschütze, indem ich heute einfach bei dir übernachte?" Er sah sie lobheischend an.

Sie legte eine Hand an ihren Brustkorb, blickte ihn aus dankbaren Augen an und seufzte mit erstickter Stimme: "Oh Damon, das würdest du wirklich für mich tun?" Indem sie sich durchs Haar strich, fuhr sie gerührt fort, "ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.... ich wäre.... ja so dankbar....", ihr Tonfall veränderte sich schlagartig, als sie hinzufügte, "wenn du mich jetzt endlich mit deinen Horrorgeschichtchen in Ruhe lassen würdest! Glaubst du im Ernst, daß du mich mit so einer Schauermär beeindrucken kannst? Als ich acht war und wir uns auf einer Klassenfahrt abends diese ganzen Gruselgeschichten erzählt haben, da hatte ich vielleicht noch Angst vor sowas, aber jetzt? Bitte!!" Daß noch vor zwei Jahren allein die Erwähnung des Wortes ‚Zombie' eine Gänsehaut bei ihr verursacht hatte, mußte er ja nicht unbedingt erfahren. "Allerdings bekomme ich so langsam aber sicher das Gefühl, daß du heute abend ein Problem mit dem Alleinsein haben könntest."

"Wenn du meine Hilfe nicht zu schätzen weißt...." erwiderte er eingeschnappt.

"Probier' diese Masche doch mal bei einem deiner My Lambda-Häschen aus. Die würden das bestimmt", ihre Stimme kiekste, als sie den Tonfall einer der neuen My Lambdas nachahmte, " ganz toll finden. Oh Damon, mein Held, sei mein Ritter in der Not und beschütze mich vor den bösen, bösen Geistern!!"

Er verzog beleidigt das Gesicht. "Diese Mädchen wissen eben, was gut für sie ist."

"Sie wissen, was gut für dich ist", lautete die trockene Antwort. "Ich denke, das ist der springende Punkt."

"Dumm bist du ja nicht."

"Oh, vielen Dank. Außerdem glaube ich kaum, daß Goldlöckchen es sehr begrüßen würde, wenn sie morgen erfahren würde, wo du die letzte Nacht verbracht hast."

"Gold- wer??" wollte er lachend wissen.

"Oh, ist sie schon wieder out?"

"Höre ich da leise Eifersucht heraus?"

"Worauf denn bitte??" fragte Alisha verächtlich.

"Außerdem habe ich nicht gesagt, daß ich in deinem Bett übernachten werde. Andererseits, wenn dir soviel daran liegt, ließe sich das durchaus machen."

"Oh, du Casanova", hauchte sie und tat so, als müßte sie sich übergeben.

"Und das ist genau der Grund, aus dem aus uns beiden nie was werden kann", stellte er mit belehrend erhobenem Zeigefinger fest.

"Als ob da jemals eine Chance bestanden hätte."

"Dir ist wirklich nicht zu helfen."

"Dann laß mich blöd sterben, aber wenigstens in Ruhe", bat sie.

"Wohin gehst du?"

"Auf mein Zimmer?"

"Und was machst du da?"

"Du meinst, außer mich zu Tode zu fürchten? Fernsehen, faulenzen, Schokoladentorte essen – hey, wo willst du hin?"

Bei ihren letzten Worten war Damon aufgesprungen und losgerannt. "Wer zuerst da ist, kriegt die Tor-te!" rief er über die Schulter zurück, bevor er aus einem der Fenster sprang, die fast bis zum Boden reichten.

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Seit zwei Stunden versuchte sie bereits erfolglos, einzuschlafen. Alisha seufzte und sah zu Damon herüber, der selig im Bett seiner Schwester schlummerte. Mitten in der spannendsten Szene des Thrillers war er eingeschlafen. Und sie lag hier, sah sich die fünfundsiebzigste Wiederholung des Denver-Clans an und war hellwach. Natürlich hätte sie den Fernseher auch ausstellen könne, aber erfahrungsgemäß schlief sie besser ein, wenn er lief. Nicht, daß sie Angst vor der Dunkelheit hatte – und natürlich ganz besonders nicht in dieser Nacht – es war nur so.... sie drehte sich auf die Seite. Plötzlich war es dunkel. Einen Moment lang blickte sie irritiert in die Richtung des TV-Gerätes, dann griff sie brummelnd unter ihre Decke, zog die Fernbedienung unter ihrem Arm hervor und legte sie auf den Nachttisch. Es war stockfinster im Raum, nur die Standby-Anzeige des Fernsehers und die Leuchtanzeige des Videos sowie die ihres Weckers leuchteten, spendeten aber sonst nicht weiter Licht. Sie horchte auf. Was war das? Ein Knacken? Das war der Fernseher, du Idiot, schimpfte sie sich in Gedanken selbst aus.