Notiz: Nach vielen Jahren, in denen ich HP-Fanfiction gelesen habe, dachte ich mir jetzt, ich schreibe mal eine. Dies ist die Übersetzung der Fanfiction 'Til That Morning. Wenn Interesse besteht, werde ich sie vollständig übersetzen.

Über Reviews und Kommentare würde ich mich sehr freuen!

Disclaimer: Harry Potter gehört JKR nicht mir. Ich leihe mir nur ein paar Charaktere.


Prolog

Sommer.

Was für ein schreckliches Wort. Trotzdem hatte es einen schönen Klang, musste Harry zugeben. Wäre da nur nicht diese scheußliche Nachbarschaft gewesen. Reihe für Reihe zogen sich die immer gleichen Häuser die Straße entlang, die wahrscheinlich von irgendwelchen Hausfrauen und kinderlosen Paaren aus einem grässlichen Katalog extra angefertigt für Hausfrauen und kinderlose Paare ausgewählt worden waren. Perfekt quadratische Gärten und keine hohen Bäume, die bei dieser Hitze vielleicht etwas Schatten gespendet hätten. Und um das Ganze abzurunden, gab es noch diese Lattenzäune, die die perfekte Höhe hatten, um darüber zu springen. Natürlich tat das niemand. Schließlich gab es Gartenpforten. Präferierte Farbe: Weiß. Natürlich. Wie vorhersehbar, dachte Harry.

Aus der Vogelperspektive musste es aussehen wie das Miniaturwunderland, das ein Großvater in seinem Keller aufgebaut hatte. Wenn Harry hoch genug auf seinem Feuerblitz fliegen würde, könnte er vielleicht das größere Ganze erkennen, das Muster, das System, die Intention, die irgendein pensionierter Opa einfach gehabt haben musste, als er diesen identischen Schrotthaufen zusammengebastelt hatte. Kleine Plastikhäuser mit feinsäuberlich angemalten Figuren, die ihren Kopf zwischen den Vorhängen hinaus streckten, um zu kontrollieren, ob ihr Rasen mal wieder gemäht werden musste.

Aber naja, es war eben Sommer. Und das war schrecklich. Fürchterlich. Der Horror. Das hieß keine Magie und keine Feuerblitze, selbst wenn Harry geneigt gewesen wäre, seinen Besen zu fliegen. Aber es war ihm alles egal. Verdammt, er hatte sogar geschworen, nie wieder einen Besen zu fliegen. Okay, vielleicht nie wieder einen Besen, aber seinen Feuerblitz? Wie könnte er, wenn… Wenn…

Als seine Tante anfing, vor seiner Tür zu schreien, war Harry bereits hellwach. Seit geschlagenen zwei Stunden hatte er schon in die staubige Luft gestarrt. Jedes Staubkorn reflektierte das weiße Morgenlicht. Da die Dursleys Gardinen an seinem Fenster nicht für nötig hielten, wachte er jeden Morgen des Sommers sehr früh auf. Schrecklicher, fürchterlicher, grauenhafter Sommer.

Auch wenn Harry einen festeren Schlaf gehabt hätte, nicht beim kleinsten Geräusch aufgeschreckt wäre, nicht verwundert geblinzelt hätte, wenn der erste Sonnenfinger seine Nase gepikst hätte, sich nicht im Bett herzumgewälzt hätte, nicht geträumt hätte, keine Schwierigkeiten beim Einschlafen gehabt hätte, wäre da immer noch dieser eine, dieser sehr entscheidende Faktor gewesen.

Der Faktor des schieren Grauens des Sommers.

„Junge! Aufstehen! Jetzt!"

Und da war es. Sicher wie Regen in Schottland, wie Sonnenschein in Spanien, wie Sand in der Sahara. Obwohl Harry nie an einem dieser Orte gewesen war außer dem ersten. Vielleicht würden ihm Ron und Hermine etwas über die letzteren zwei erzählen, wenn sie sich wiedersehen würden. Am Ende dieses schrecklichen, unerträglich langen, entsetzlichen-

„Was machst du da drin? Steh jetzt auf oder ich wecke Vernon!"

Er war definitiv neben der Spur. Wo kamen diese Gedanken her? Ein Miniaturwunderland? Spanien? Die Sahara? Was zum Teufel war nur los mit ihm? Nur wusste er ganz genau, was mit ihm los war, aber-

Schnell setzte er sich im Bett auf. Wenn nicht, um dem Zorn seiner Tante und seines Onkels zu entgehen, dann um diesen Gedanken zu entfliehen, die sich wie in einem Sog drehend drohten ihn mit sich hinunter in die Tiefe zu ziehen.

Ein paar Minuten später und Harry Potter, angeblicher Retter der Zaubererwelt, auch bekannt als Mr. Potter (für seine Lehrer), Junge-Der-Überlebte (allgemein für all die anderen zauberstabfuchtelnden Leute), Boxsack (sein Cousin), Junge (seine lieben Verwandten) und einfach nur Harry (seine engsten Freunde), stand in roten Shorts und einem löchrigen T-Shirt in der perfekt glänzenden Küche und rührte Pfannenkuchenteig zusammen.

Merlin, wie er seine Freunde vermisste. Er konnte es kaum erwarten, einen Schopf roter Haare auf dem Bahnsteig von Kings Cross zu erspähen. Konnte es kaum erwarten, hilflos buschiges braunes Haar auszuspucken, das unweigerlich seinen Weg in Harrys Mund finden würde, wenn Hermine ihn fest umarmte, einfach nur um sich zu vergewissern, dass er, Harry, einfach nur Harry es wieder einmal geschafft hatte, seiner privaten Sommerhölle zu entkommen.

Für ihn selbst würde er allerdings immer das etwas verängstigte Waisenkind bleiben, das in einem Schrank unter der Treppe aufgewachsen war. Für ihn selbst (und vielleicht zwei oder drei seiner Freunde) würde er immer einfach Harry bleiben. Nicht irgendeine Gallionsfigur, ein Held, gemacht, um alle unschönen Bürden dieser Welt zu tragen. Für ihn selbst würde er immer elf Jahre alt bleiben und mit erstauntem Blick aus leuchtend grünen Augen zu einem Schloss über einem See emporblicken. Einem Schloss, das einladend über dunklem Wasser funkelte.

Wie er sich wünschte, einfach wieder elf Jahre alt zu sein. Wie er das Leuchten zurück in seine Augen sehnte. Deshalb würde er für sich selbst einfach der kleine Junge bleiben, der vor all diesen Jahren aus dem Schrank gekrochen war.

Und seiner Meinung nach war das nicht unbedingt etwas Schlechtes. Okay, er war nicht der größte bald 16-Jährige, aber klein zu sein hatte seine Vorteile. Man musste nicht so viel essen (zugegeben vielleicht der größte Vorteil, wenn man bei den Dursleys lebte). Man konnte gut aus engen Situationen entkommen (wortwörtlich) und man fiel nicht so auf. Obwohl Letzteres nie auf ihn zutraf. In dieser Version des Wunderlands eines modellbauversessenen Hobbyisten würde er immer auffallen. Er würde immer die Aufmerksamkeit dieser Lattenzaunleute auf sich ziehen.

Die Lattenzaunleute mögen mich nicht. Die Lattenzaunleute haben es auf mich abgesehen, dachte Harry mit einem Anflug eines selten gewordenen Lächelns. Die Lattenzaunleute waren eine Erfindung seines Star-Wars-befallenen Gehirns, die aus dem Respekt vor den Sandleuten entstanden waren. Erst vor Kurzem hatte es einen Star Wars Marathon auf Channel Four gegeben, den Dudley natürlich unbedingt verfolgen musste inmitten von Tüten voller Chips und mehreren Colaflaschen. Harry war sehr froh gewesen, dass es ihm seine Hausarbeiten an diesem Abend erlaubt hatten, ein paar Szenen zu sehen. Neben dem Abwasch, dem Wischen der Küche und dem Entstauben des Wohnzimmers hatte er immer wieder Blicke auf diese fabelhafte andere Welt erhaschen können.

Lichtschwerter waren großartig! Er konnte es nicht verhindern, über die Vorzüge dieser speziellen Waffe nachzudenken. Er könnte einfach zu Moldy Voldie spazieren, nur den Griff in der Hand und dann Bamm! Würde er das Lichtschwert aktivieren und der Laser würde den alten Psychopathen einfach in zwei Hälften zerteilen. Harry schauderte. Oder vielleicht doch nicht.

Während er einen Pfannkuchen mit geübter Leichtigkeit wendete, schaute Harry durch den Häkelvorhang nach draußen. Dort führte gerade Mrs. Nummer Fünf ihren Lattenzaunhund spazieren. Oder war es Ms. Nummer Neun? Er konnte es wirklich nicht genau sagen und kniff seine Augen noch fester zusammen.

Seine Augen waren nie gut gewesen, aber im Laufe des letzten Schuljahres hatten sie sich stetig verschlechtert. Es war beinahe so schlimm geworden, dass er bereit gewesen wäre seinen VIP-Platz in der letzten Reihe von Snapes Klassenzimmer zu verlassen, um die gedrängte Schrift des Zaubertrankmeisters an der Tafel besser erkennen zu können. Vielleicht hätte er dann auch bessere Noten gehabt.

Nicht der Mühe wert, überlegte Harry und lud einen goldgebackenen Pfannkuchen auf den stetig wachsenden Stapel zu seiner Rechten, während er über bösartige Zaubertranklehrer und ihre übergroßen Nasen nachdachte. In diesem Moment hetzte seine Tante übereifrig in die Küche und nahm erst hektisch die Milch und den Saft aus dem Kühlschrank, bevor sie den Teller mit dem Pfannenkuchenberg in der anderen Hand balancierend ins Wohnzimmer eilte. Schwere Schritte auf der Treppe kündigten Onkel Vernon an.

Harry rechnete sich schnell seine Chancen aus, dann goss er kurzentschlossen den restlichen Teig in die brutzelnde Pfanne, immer auf der Hut, falls doch noch jemand in die Küche käme.

Als der letzte Pfannkuchen die perfekte Konsistenz erreicht hatte, strich Harry schnell ein bisschen übrig gebliebene Marmelade darauf, bevor er das ganze Ding in seinem Mund verschwinden ließ.

„An den Abwasch, Junge!", drang die etwas gedämpfte Stimme seinen Onkels aus dem Wohnzimmer. Als Harry zum Abräumen hinüber ging, verdeckte bereits die Zeitung seinen Onkel von Kopf bis Tisch. Sie alle fanden es so besser. Bloß ein neuer Morgen in der Routine, ein anderer Tag im perfekten Sommerloop. Der Loop, der sich nur noch 62 weitere Male wiederholen würde. Heute war der 30. Juni. Nur eine Woche zuvor hatte das Hogwartsschuljahr geendet.

Zu dieser Zeit hatte Harry sich nicht wirklich Sorgen darum gemacht. Gleichgültig war er in den Ligusterweg und zu seinen reizenden (im wahrsten Sinne des Wortes) Verwandten zurückgekehrt. Es war ihm alles so egal gewesen, seit-

Nein! Nicht dran denken!

Jetzt jedoch war es ihm so überhaupt nicht mehr egal. Er schauderte bei dem Gedanken an all die Morgen der ganzen zwei Monate, bevor der Hogwarts Express ihn wieder nach Hause bringen würde. Er schauderte bei dem Gedanken an all die Weckrufe seiner Tante, all die dumpfen Befehle seines Onkels, die verdammten Pfannkuchen. Gleichzeitig konnte er sich allerdings nicht dazu bringen, sich mehr Sorgen um seinen Sommer zu machen, als diesen mit allen einfallsreichen Adjektiven zu belegen, die sich sein Gehirn ausdenken konnte.

Was für ein wahrhaftig schrecklicher, scheußlicher, grässlicher, furchtbarer, grausiger Sommer.