Disclaimer: Die Welt Mittelerde mit ihren Völkern und Landschaften gehört zu Tolkien, gleichermaßen einige der Randfiguren. Der Handlungsverlauf und die Hauptfiguren sind von mir erfunden. Jedenfalls diejenigen, die nichts mit dem „Herrn der Ringe", sei es Buch oder Film, zu tun haben.

Anmerkungen zur Geschichte: Einige Dinge weichen von Tolkiens Vorgabe ab. Man sehe es mir nach. Auch sei man nachsichtig mit mir, da es sich um die erste große Fanfiction meinerseits handelt. Feedback nehme ich allerdings gerne entgegen. Auch wenn jemand Verbesserungsvorschläge für das verwendete Sindarin hat, würde ich mich über eine e-mail freuen.

Die Story wurde komplett überarbeitet.

I IIDer Anfang

Chen suilon mellyn nin,

ich heiße Arwen McGregor. Geboren wurde ich in Cambridge, England. Heute bin ich weit weg von zu Hause. Mein Vater war Amerikaner schottischer Herkunft, Sean McGregor, der in England lebte und arbeitete. Eigentlich ungewöhnlich für einen Amerikaner. Allerdings war er Professor für Mittelalterliche Geschichte. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet und damit begehrt an allen Universitäten der Welt. Er traf meine Mutter an der Universität von Cambridge, wo sie beide damals unterrichteten. Während eines Streitgesprächs haben sie sich kennen gelernt und ineinander verliebt.

Ich muss dabei erwähnen, dass mein Vater für einen Professor recht gut aussah. Er war hochgewachsen und sportlich, hatte schwarzes, dichtes Haar und dunkelbraune, ständig lachende Augen. Eigentlich eher der südländische Typus. Vom Aussehen hätte niemand vermutet, dass er schottische Vorfahren hatte.

Meine Mutter, Mairie McGregor, war gebürtige Irin und tief verwurzelt in den keltischen Ursprung dieser herrlichen Insel. Ich sehe sie noch vor mir. Eine schöne Frau mit einem ebenmäßigen Gesicht und einer schlanken, hochgewachsenen Figur mit perfekten Maßen. Sie hatte feuerrotes Haar und ein ebensolches Temperament. Ihre strahlendgrünen Augen schienen manchmal Funken zu sprühen. Sie war Dozentin für Keltische Geschichte in Cambridge, als sie meinen Vater traf. Es muss ein wirklich sehens- und hörenswertes Aufeinanderprallen der beiden gewesen sein. Freunde unserer Familie, ein paar waren damals selber an der Universität von Cambridge tätig, sprachen noch viele Jahre danach von diesem Ereignis, dass die ehrwürdigen Gemäuer erschüttert hatte.

Mein Vater liebte Tolkiens Werke. Deshalb hatte er mich nach Arwen Undómiel benannt, denn für ihn war ich sein Abendstern. Meine Mutter erzählte mir, dass ich in der Dämmerung geboren wurde, als der Abendstern seinen Zug über den Himmel begann. Zur Stunde meiner Geburt hätte er besonders hell geleuchtet. Mein Vater habe dies als ein Omen angesehen. Aber sonst hatte er von sich immer behauptet nicht abergläubisch zu sein. Meine Mutter konnte ihm den Zweitnamen Ceridwen für mich abringen, in Anlehnung an meine irischen Vorfahren.

Vater war bisweilen ein Träumer und manchmal so bodenständig, das einem Angst und Bange werden konnte. Für seine Studenten schien er eine Art Gott zu sein. Sie verehrten ihn. Eigentlich gab er sich nie wie ein Professor. Viele seiner Studenten verglichen ihn eher mit der Kultfigur des Indiana Jones. Sie gingen gerne zu seinen Vorlesungen, weil er es wie kein anderer verstand das Mittelalter lebendig werden zu lassen.

Gleichzeitig forschte er aber immer wieder an seinem Lieblingsprojekt: "Die Auswirkungen der Kreuzzüge auf das Christentum im Mittelalter". Er war oft so damit beschäftigt, dass er vergaß, dass er eine Familie hatte. An manchen Abend kam er erst spät nach Hause. So spät, dass ich ihn vor dem Zubettgehen nicht mehr sah. Aber ab und zu lag ich so lange wach, dass ich ihn heimkehren hörte. Meine Mutter hatte dann manches Mal leise mit ihm geschimpft. Aber sie konnte ihm nie lange böse sein.

Auf der anderen Seite war er ein glühender Verehrer der Werke Tolkiens. Er kannte sie nahezu auswendig und hatte sogar schon einige Essays darüber geschrieben, da er Mitglied der Tolkiengesellschaft in England war. Für einen Amerikaner eine ungewöhnliche Ehre. Als einer der wenigen der Tolkiengesellschaft beherrschte er ernsthaft Sindarin und Quenya, die beiden Elbensprachen, und konnte diese genau so fließend sprechen, wie seine eigene Muttersprache.

Jedenfalls soweit dies möglich war. Tolkien hatte die Sprachen leider unvollständig gelassen. Doch mit intensiver Arbeit und viel Logik hatte man im Laufe der Jahre die Lücken geschlossen. Ein mühsamer Prozess, der viele Tolkien-Fans und etliche Sprachforscher, die Tolkiens Sprachen als Zeitvertreib nutzten, rund um den Erdball beschäftigte.

Meine Mutter erschien als das genaue Gegenteil von ihm. Äußerst temperamentvoll und zuweilen war es nicht einfach mit ihr auszukommen. Nicht nur ihr irisches Blut geriet in Wallung, sondern sie hatte zudem altes keltisches Blut in den Adern. Druidenblut, wie mein Vater es oft scherzhaft nannte. Womit er aber nicht ganz unrecht hatte. Ihr Stammbaum ging bis auf die Druiden und noch weiter zurück. Sie unterrichtete Keltische Geschichte. Auch sie war bei den Studenten sehr beliebt. Von ihnen wurde sie liebevoll die "Feuerfee" genannt. Sie hatte eine Art zu unterrichten, die man schon fast magisch nennen konnte. Bei der Blutlinie wunderte es allerdings niemanden.

Sie wurde von meinem Vater mit dem Tolkien-Fieber angesteckt und lernte Sindarin und Quenya. Als logische Konsequenz mussten wir Kinder es ebenfalls lernen. Mit "wir Kinder" sind mein Bruder und ich gemeint. Ewan, mein Bruder, war vier Jahre älter als ich. Als Kinder machten wir uns einen Spaß daraus, uns in unserer Geheimsprache zu unterhalten, wenn andere Kinder dabei waren. Wir fanden es lustig, wenn sie uns dann komisch ansahen. Eine Begebenheit ist mir in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen.

Wir spielten mit den Nachbarskindern Ritter und Burgfräulein. Es war damals in Amerika, lange nach unserer Übersiedelung. Unsere Spielkameraden kannten Ritter nicht, geschweige denn Burgfräulein. Wir mussten ihnen erst einmal erklären, was denn das Mittelalter war. Ich fand das schon damals erschreckend. Schon zu dieser Zeit hatten sie ein ignorantes Verhalten an den Tag gelegt. Ewan und ich tauschten einen kurzen Gedankengang in Sindarin aus.

"Warum redest du nicht Englisch?", fragte mich einer der Nachbarsjungen. "Weil ich meinem Bruder etwas sagen wollte, dass nur ihn was angeht", erwiderte ich, "warum lernst du keine fremde Sprache, wenn dich das stört?" Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Er überlegte eine ganze Weile, bevor er eine Antwort hatte. "Ich brauche keine fremde Sprache zu lernen", sagte er ganz stolz, "Englisch versteht jeder auf der Welt. Warum sollte ich etwas anderes lernen?" In diesem Moment erkannte ich, wie arrogant und selbstherrlich manche Leute sein können und manche erzogen sind.

Es war meine Mutter, welche die Liebe zur Musik in mir weckte. Schon früh fing ich mit Klavierstunden an. Sie unterwies mich jedoch persönlich in keltischem Tanz und Irischer Flöte. Die Gesangsstunden haben nicht ganz so viel Spaß gemacht, aber ich nahm trotzdem hier ein paar Jahre Unterricht. Wie es sich für eine Tochter aus gutem Hause eben gehörte. Mein Lieblingsinstrument aber war und blieb die Tin Whistle, die Irische Flöte. Sie ist gar nicht einfach zu spielen, da es sich dabei um eine Sechslochflöte handelt. Bei diesem Instrument wird viel über die Atmung und den Luftdruck gearbeitet.

Meiner Mutter hörte ich gerne zu. An kalten Winterabenden erzählte sie uns Kindern oft von Irland und den Kelten. Schon früh wurden wir an unser keltisches Erbe heran geführt. Sie berichtete uns von den alten Göttern, den Druiden und den keltischen Kriegern. Durch ihre Art zu Erzählen entstand ein lebendiges Bild der irischen Vergangenheit vor unseren Augen. Besonders beeindruckten mich die alten Legenden von Kobolden, Elben und Naturgeistern. Unser Vater hatte darauf bestanden, uns Kinder katholisch taufen zu lassen. Wir wurden auch in diesem Glauben erzogen. Doch ab und an, wenn Vater nicht da war, lehrte uns unsere Mutter die alten Gebete an Brigid, Lugh, Belenus und die anderen keltischen Götter.

Meine Eltern siedelten nach Amerika über, als ich zwei Jahre alt war. Mein Vater hatte hier einen Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte in Columbia, South-Carolina, übernommen. Meine Mutter trat eine Dozentenstelle an derselben Universität an.

Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich somit in Amerika. Hier ging ich in den Kindergarten, anschließend in die Grundschule und danach auf die weiterführende Schule. Im Kindergarten lernte ich meine ersten Freundinnen kennen.

Peggy Martinez war die Tochter eines Bankangestellten und einer Sekretärin. Lange schwarze Haare und dunkle Kirschaugen verrieten das spanische Erbe. Sie wirkte immer sehr quirlig. Und so lernten wir uns auch kennen. Im Kindergarten hatten wir einen kleinen Zusammenstoß. Sue Lewis dagegen hatte dunkelbraune kurze Locken und graugrüne Augen. Ihr Vater arbeitete als Büroangestellter und ihre Mutter betrieb einen kleinen Coffee-Shop nicht weit vom Kindergarten weg. Sie war die zurückhaltendste und zarteste von uns. Manchmal wirkte sie wie der Welt entrückt. Schüchtern würde ich nicht sagen, eher träumerisch.

Später, als wir zusammen zur St. Marys Primary School gingen, machten wir ab und zu einen Abstecher zu Sues Mutter. Während dieser Zeit begannen wir mit dem Ballettunterricht. Eher gesagt, Sue hatte uns dazu überredet. Wir fanden es sehr aufregend zusammen die Ballettstunde zu besuchen und die süßen kurzen Röckchen anzuziehen. Wir kamen uns vor wie kleine Primaballerinen.

Ein Jahr später wurde Sue zum Reitunterricht geschickt. Ich konnte meine Eltern überreden, mich auch dorthin gehen zu lassen. Peggy durfte nicht, da sie eine Tierhaarallergie hatte. Als Ausgleich konnte sie sich etwas anderes aussuchen. Sie wählte dann trotzig Jiu-Jiutsu, obgleich ihre Eltern nicht sehr davon angetan waren. Aber sie hatten ihr alles mögliche versprochen, nur um sie zu besänftigen.

Einige Wochen später bedrängte sie mich, doch mit ihr zusammen zum Training zu gehen. Alleine würde es nicht so viel Spaß machen. Meine Eltern gewährten großzügig auch dieses. Peggy, Sue und ich verbrachten etliche Zeit miteinander. Wo immer eine von uns auftauchte, waren die anderen beiden nicht weit. In der St. Vincents Secondary School nannten sie uns dann ‚das Kleeblatt'. Wir waren unzertrennlich. Auch an jenem Frühjahrsmorgen waren wir unzertrennlich und gingen zusammen in die Schule. Doch an diesem Tag änderte sich alles schlagartig.

Wir hatten Geschichtsunterricht, als die Tür aufgerissen wurde und vier Männer hereinstürmten. Sie hatten Strumpfmasken über die Gesichter gezogen und Waffen in den Händen. Sie bedrohten uns damit und befahlen allen uns an die Wand zu stellen. Einer von ihnen zog Robin Masterson, einen von den Jungen aus unserer Klasse, zu sich heran. Robin hatte nordische Vorfahren, das sah man ihm an. Strohblonde, kurze Haare und wasserblaue Augen verrieten das Wikingerblut. Er sah vor Angst ganz bleich aus.

"Das ist der Richtige!", brüllte er den anderen zu, "nehmt Geiseln und dann lasst uns verschwinden." Wahllos griffen sie zu und der Zufall wollte es, dass wir drei und Margret Sanders herausgezogen wurden. Wir wurden nach draußen und dort in einen Van gezerrt. Wir fünf Kinder saßen alleine hinten auf der Ladefläche. Es war stockdunkel. "Robin, was ist los?", schrie Peggy in Panik. Wir tasteten, bis wir uns alle an den Händen hatten. Ich spürte mein Herz bis in meinen Hals hinein klopfen. Robin schwieg eine Weile.

"Ich weiß nicht", sagte er leise. Seine Stimme war voller Angst. Nach einigen Minuten hörte ich ihn weitersprechen. "Ich bin nicht Robin Masterson, sondern Robin Brunner. Mein Vater ist Lester Brunner, der Inhaber von Network America. Vielleicht wollen die ja Geld von meinem Dad. – Ich hab' Angst." Die Fahrt dauerte Stunden, wie es schien. Als der Wagen endlich hielt, wurden wir herausgezerrt. Wir waren irgendwo in den Wäldern. Ich konnte viele dicht stehende Nadelgehölze sehen. Es schienen Kiefern zu sein. Das machte die Landschaft besonders düster. Rasch trieb man uns in ein Haus, das aus Holzstämmen gebaut schien, und dort in einen Kellerraum.

Die nächsten fünf Tage werde ich nie vergessen. Wir bekamen nichts zu essen, nur Wasser zum Trinken. Sie kamen täglich, um von Robin etwas zu holen. Erst war es nur die Armbanduhr, am zweiten Tag eine Haarlocke. Uns Mädchen erging es schlimmer. Zuerst holten sie Margret. Wir hörten ihre Schreie bis zu uns herunter. Als sie wieder zu uns gebracht wurde, war sie kreidebleich und teilnahmslos. Ihre weizenblonden Haare hingen strähnig herunter. Die hellblauen Augen blickten ins Leere. Sie blutete zwischen den Beinen. Es besudelte die Schuluniform. Sie wurde bewusstlos und kam erst nach Stunden wieder zu sich. Sie sagte kein Wort mehr für den Rest der Gefangenschaft.

Als nächstes holten sie Peggy. Sie wehrte sich, als man sie wegbringen wollte, aber sie schlugen sie vor unseren Augen. Einige Zeit später konnten wir ebenfalls ihre Schreie hören. Ich fing an zu beten. Ich betete nicht nur zu Gott, sondern auch zur Großen Mutter Brigid, einer keltischen Gottheit, dass sie mich beschützen möge. Wie von selber kamen die Worte über meine Lippen. Peggy sah schrecklich aus, als sie wiederkam. Sie weinte in einem fort. Als sie keine Tränen mehr hatte, schluchzte sie nur vor sich hin. Am dritten Tag schnitten sie Robin einen Zeh ab und nahmen mich mit. Robins Brüllen lief mir eiskalt den Rücken herunter.

Mir wurde klar, dass sie keinen von uns am Leben lassen würden, wenn sie erst einmal hatten, was sie wollten. Allerdings zerrten sie mich zuerst zum Telefon. "Deine Mutter will ein Lebenszeichen von dir!", brüllte mich der eine an, "wähle! Und keine Dummheiten!" Mit zitternden Fingern wählte ich die Nummer. Der Mann behielt den Hörer in der Hand. "Hier ist Ihr Balg und keine Tricks!", brüllte er in den Hörer und hielt ihn mir ans Ohr. "Mama,", schluchzte ich, "mir geht es gut. – Dorthonion."

In dem Moment riss er mir den Hörer weg und knallte ihn auf den Apparat. "Ich sagte, keine Tricks!", brüllte er und schlug mir ins Gesicht. Ich weiß nicht mehr, was die nächsten Stunden geschah. Mein Körper bestand nur aus Schmerz. Ich schrie zu Gott. Aber er hörte mich nicht. Ich schrie zur Großen Mutter Brigid und von ihr bekam ich Antwort. Sie hüllte mich in eine gnädige Ohnmacht. Als man mich zu meinen Freundinnen und Robin zurückbrachte, fühlte ich mich ausgebrannt und leer. Mein Körper schmerzte höllisch bei jeder Bewegung.

"Ich konnte meine Mutter sprechen", flüsterte ich den anderen zu. "Das wird uns nicht viel nützen", hörte ich Robin mit schmerzverzerrter Stimme sagen. Tränen hatten eine nasse Spur auf seinen Wangen hinterlassen. "Doch, ich habe einen Hinweis geben können", wisperte ich zuversichtlich, "ihr werdet sehen, sie werden uns bald finden." Am vierten Tag holten sie Sue. Als man sie wiederbrachte, war sie totenbleich. Dann schnitten sie Robin den linken kleinen Finger ab. Er wurde von ihnen verbunden. Schließlich brauchten sie ihn noch. Er sah danach genauso bleich aus wie Sue. Wir bekamen ihre Blutungen nicht vernünftig zum Stillstand. Am fünften Tag holten sie wieder Peggy.

Plötzlich geschah alles sehr schnell. Auf einmal hörten wir Schüsse und laute Stimmen. Die Tür wurde jäh aufgerissen und ein Sonderkommando der Polizei stürmte herein. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr genau. Ich wachte im Krankenhaus auf und musste viele Fragen beantworten. Man teilte mir mit, dass Peggy tot war. Sie wurde von einem der Entführer getötet, als das Haus gestürmt wurde.

Margret und Sue lebten und lagen ebenfalls hier im Krankenhaus. Allerdings starb Sue drei Tage später. Jetzt waren nur noch Margret, Robin und ich am Leben. In der Folgezeit wurden wir oft von der Polizei verhört. Meine Mutter erzählte mir, dass man uns aufgrund meines Hinweises gefunden hatte. Ich hatte ihr "Dorthonion" sagen können. In den Tolkien Werken wird damit das Land der Kiefern bezeichnet. Dort, wo wir damals wohnten, konnte nur ein Landstrich so bezeichnet werden.

Da die Entführung die Öffentlichkeit in Aufruhr gebracht hatte, wurde die Gerichtsverhandlung schnell in Gang gesetzt. Margret und ich waren zwar in psychologischer Behandlung, aber es war hart, das durchzustehen. Am Ende wurden die Entführer wegen Mordes und mehrfacher schwerer Körperverletzung verurteilt. Kurze Zeit später siedelten wir nach Irland um.

Mein Vater hatte sich um eine Professur in Oxford, England, bemüht und meine Mutter hatte ein Forschungsprojekt in Irland erhalten. Im Frühsommer wurde ich vierzehn und einige Wochen später erhielt ich die Nachricht, dass Margret sich umgebracht hatte. Sie hatte es nicht verkraften können. Jetzt war nur noch ich übrig. Und Robin. Von ihm habe ich nie wieder etwas gehört. Ich fragte mich, ob ich es jemals schaffen würde, die Entführung und was geschah zu vergessen. Doch ich trug Narben, die mich ständig daran erinnerten. So wurde ich zu einem schweigsamen und zurückgezogenen Mädchen.

In Irland konnte ich wieder ein wenig zur Ruhe kommen. Ich ging wieder zur Schule und nahm einen Teil meiner Aktivitäten wieder auf. Zum Ballettunterricht ging ich nicht mehr. Die Erinnerungen an meine Freundinnen taten zu weh. Statt dessen nahm ich Turnunterricht und fing mit Triathlon und Bo-Jutsu an.

Im Bo-Jutsu fand ich die Kraft, mein Leben fortzuführen. Es gab mir das Selbstbewusstsein, was ich so dringend brauchte. Im Triathlon forderte ich meinen Körper bis an seine natürlichen Grenzen. Durch den körperlichen Schmerz der Muskelbelastung konnte ich meine Schmerzen, die ich seit der Gefangenschaft ständig hatte, übertünchen und vergessen. Das Jiu-Jiutsu-Training führte ich in Angedenken an Peggy eine Weile fort. Zum Reitunterricht ging ich auch noch einige Zeit weiter.

Da das Forschungsprojekt meiner Mutter sich in der Nähe ihres Geburtshauses, welches sich in der Provinz Leinster, die auch Laigin genannt wurde, in der Nähe von Glendalough befand, konnten wir dort wohnen. Ausgedehnte Wälder, Wiesen und Felder bestimmten die Landschaft. Von hier aus konnte man die Erhebungen der Wicklow Mountains sehen. Das nächste Dorf, welches Shancahir, das bedeutet "Alte Burg", hieß, war ungefähr sieben Meilen entfernt. Man konnte es nur zu Pferd oder mit dem Auto erreichen.

Das Haus selber war alt und die Außenwände zeigten sich mit Efeu und wildem Wein bewachsen. Malerisch lag es vor einem Waldgebiet. In der Ferne erhoben sich sanft die Gipfel der Wicklow Mountains. Das Hauptgebäude war ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit einem kleineren Anbau aus Backsteinen. Im Hof stand ein Brunnen und im Garten wuchsen nicht nur Gemüse, sondern auch farbenprächtige Blumen. Obstgehölze waren dazwischen verstreut.

An den wunderschönen Sommer- und kalten Winterabenden lehrte mich meine Mutter die Sagen- und Mythenwelt Irlands verstehen und verwurzelte mich tief in mein irisches Erbe. An einem warmen Sommerabend war es, als sie mit mir zum ersten Mal zum Kultplatz der Brigid ging. Die mächtige uralte Eiche, die dort stand, zog mich sofort in ihren Bann. Dort opferte ich zum ersten Mal der Göttin Brigid. Ich schämte mich dessen nicht, da mein Glaube an die katholische Kirche schon stark erschüttert war. Und außerdem frönte Pater Michael, der Priester von Shancahir, ebenfalls beiden Glaubensrichtungen. Als ich älter wurde liebte ich es, mich mit ihm in Streitgespräche darüber zu verwickeln.

Er besuchte uns das erste Mal an dem Montag, nachdem wir das Haus bezogen hatten. Meine Mutter hatte noch ein paar Tage Urlaub und buk zu unserer großen Freude Ingwerplätzchen. Wir Kinder liebten ihre Plätzchen. Manchmal gab es sie sogar mit Zuckerguss. Der Duft zog durch das ganze Haus. Es klopfte an der Eingangstüre. Hier gab es keine Klingel. Strom erzeugte ein Generator und speiste nur die wenigen Elektrogeräte im Haus, wie Kühlschrank, Tiefkühlgerät, Fernseher und Stereoanlage. Die beiden letzteren allerdings nur stundenweise. Herd und Ofen wurden noch mit Holz und Kohle befeuert. Meine Mutter ging selber an die Tür, um zu öffnen. "Willkommen in Shancahir", hörte ich eine Männerstimme, "ich bin Pater Michael und wollte Sie in meiner Gemeinde herzlich willkommen heißen." "Bitte, kommt herein", erwiderte meine Mutter.

Einige Sekunden später sah ich Pater Michael dann vor mir. Ein Baum von einem Mann mit einem Hang zur Korpulenz. Er schien Anfang der Vierziger zu sein. Auf mich wirkte er wie eine Mischung von Bruder Tuck aus den Erzählungen von Robin Hood und Pater Brown, aus der gleichnamigen Serie. Die Soutane wirkte ein wenig eng. Dichtes, braunes Haar mit vereinzelten grauen Härchen kräuselte sich unter dem Priesterkäppchen hervor. Seine braunen Augen waren von Lachfältchen umgeben und blitzten neugierig.

"Dies ist meine Tochter Arwen", stellte sie mich vor, "mein Mann und mein Sohn sind nach Shancahir gefahren, um ein paar Dinge zu besorgen." "Auch dir ein herzliches Willkommen in meiner Gemeinde", sagte Pater Michael zu mir. Meine Mutter ging voran in die Küche. Die Ingwerplätzchen kühlten auf dem Tisch aus. "Setzen Sie sich", lud meine Mutter ihn ein, "ein Kaffee und Ingwerplätzchen?" "Ja, gerne", erwiderte er, "das duftet ganz verführerisch." Sie stellte einen Becher Kaffee vor ihn hin. Ich nahm mir einen Kakao und setzte mich dazu.

"Wie gesagt, willkommen in meiner Gemeinde und in Shancahir", wiederholte Pater Michael, "ich hoffe, dass ich Sie bald in meiner Kirche begrüßen kann." Sie lächelte leicht. "Vielleicht können Sie das", erwiderte sie, "mein Mann und meine Kinder sind katholisch getauft und ich denke, dass sie bald ihre Kirche aufsuchen werden." Er rührte etwas Milch und Zucker in seinen Kaffee. "Und Sie, Ms. McGregor?", fragte er und nahm ein Plätzchen, "warum möchten Sie nicht Gottes Haus betreten?" "Mit Verlaub, Pater Michael", die Stimme meiner Mutter wurde sehr sanft, "mein Glaube ist meine Sache und ich glaube nicht an den Gott der Katholiken. Ich akzeptiere andere Religionen, aber ich lehne Bekehrungsversuche kategorisch ab. Also versuchen Sie es erst gar nicht. - Ich für meinen Teil bete lieber zu den Göttern der Kelten. Von ihnen habe ich im Laufe der Jahre eher Hilfe und Rat bekommen, als vom Gott der Christen."

Pater Michael nickte verständnisvoll. "Nun, Ms. McGregor", erwiderte er, "ich akzeptiere Ihren Standpunkt und hoffe trotzdem, dass Sie den Weg in meine Kirche irgendwann finden werden." Die Fronten waren geklärt. Im Laufe der Jahre erfuhren beide mehr übereinander. Sie akzeptierten ihre gegensätzlichen Glaubensrichtungen und diskutierten viel miteinander. Dabei stellte sich heraus, dass Pater Michael ebenfalls nicht gradlinig in seinem Glauben war, sondern auch einen Hang zu den Göttern der Kelten zeigte. So glaubte er zum Beispiel an die Sagen und Legenden des irischen Volksglaubens. Feen, Elfen und Kobolde schienen für ihn real existent zu sein. Ich hielt ihn dagegen eher für ein wenig verschroben und eigenbrötlerisch.

Mein Vater hatte früher oft versucht mir Schottland näher zu bringen, was ihm aber nie ganz gelang. Ich war schon zu sehr mit Irland infiziert. Dafür weckte er das Interesse an Geschichte und an Fantasy in mir. Als Teenager verschlang ich alle Bücher über das Mittelalter und verschiedene Fantasywelten, die ich in die Finger bekommen konnte. Und das waren viele. Schließlich hatte mein Vater ein zum Bersten volles Arbeitszimmer und eine ebenso reich bestückte hauseigene Bibliothek. Ich flüchtete auf diese Art aus der Realität. Für einige Zeit konnte ich mein eigenes Dasein vergessen. Auf ein Buch war er besonders stolz. Eine handsignierte Ausgabe des "Herrn der Ringe". Sie stand wohlgehütet in seinem Bücherregal. Wir Kinder durften diese nicht berühren. Aber wir hatten eine andere Ausgabe des Buches zur Verfügung, die er uns erlaubte zu lesen.

Es gab außerdem etwas, was er wie seinen Augapfel hütete. Meine Mutter hatte es ihm zum zwanzigsten Hochzeitstag geschenkt. Ich erinnere mich genau. Es war ein Kristall, groß wie ein Hühnerei. Er wechselte die Farben, wenn man ihn ins Licht hielt. Auf seiner Oberfläche waren Symbole eingeritzt. Alte Symbole keltischen Ursprungs. Dies sei ein Zauberspruch, erklärte meine Mutter, was er bewirke, würde keiner mehr wissen, aber er wäre wahrscheinlich einzigartig auf der Welt. Daraufhin nannte mein Vater diesen Kristall fortan seinen Silmaril.

Von Zeit zu Zeit schien er mir regelrecht von Mittelerde besessen zu sein. Er kannte sich in dieser fiktiven Gesellschaft genauso gut aus, wie in den mittelalterlichen Strukturen unserer Welt. Er saß oft in seinem Arbeitszimmer und reiste in Gedanken nach Mittelerde. Dann schrieb er Gedichte in Sindarin. Oder Essays in Quenya. Er schien beinahe davon überzeugt, dass Mittelerde eine real existierende Welt sei.

Bei meinen Mitschülern war ich eigentlich nicht so beliebt, da ich mich stark distanzierte. Als ich sechzehn wurde, merkte ich zwar, dass ich das Interesse von einigen meiner Mitschülern weckte, aber ich reagierte immer mit Ablehnung. Mich würde nie wieder ein Mann berühren. Ich ekelte mich regelrecht davor.

Als mein Bruder die Schule beendet hatte, ging er zurück nach Amerika, um dort Kunstgeschichte zu studieren. Ich liebte meinen Bruder und es tat weh, dass er so weit weg war. Aber in den Semesterferien kehrte er stets nach Irland zurück. Dann erzählte er mir Geschichten, die ihm passiert waren, da er fatalerweise den gleichen Namen trug, wie ein bekannter Schauspieler. Zu seinem Leidwesen wurde er des öfteren mit diesem verwechselt. Ewan kam im Aussehen eher auf meinen Vater. Er war groß, schlank und hatte fast schwarze Haare. Wenn er lachte, kam es von Herzen und seine Augen blitzten. Aus Amerika schrieb er mir oft Briefe in Sindarin. Auch wenn wir miteinander telefonierten sprachen wir es. So konnten wir unbemerkt von anderen Nachrichten austauschen. Etwas, was wir schon immer recht spaßig fanden.

Mit achtzehn Jahren feierte ich mein erstes Beltaine. Beltaine ist das keltische Fest der Fruchtbarkeit. Es wird in der Nacht auf den ersten Mai und in der Nacht davor gefeiert. Der Schutzgott ist Belenus. Ihm zu Ehren werden Feuer entzündet und Opfer gebracht. In der Beltaine-Nacht wurden seit jeher viele sexuelle Bindungen eingegangen.

Ich tanzte zwar um die Feuer und war ausgelassen, aber ich sorgte dafür, dass ich von keinem Mann berührt wurde. Obwohl mich einige umschwärmten, denn in den letzten Jahren war ich zu einer attraktiven jungen Frau herangereift. In mir floss Druidenblut, das sah man. Dunkelbraune, lange Haare umrahmten mein Gesicht. Ich war hochgewachsen und schlank. Meine tiefgrünen Augen zeugten von meiner druidischen Blutlinie.

Pater Michael, der Pfarrer in Shancahir, hatte vor einiger Zeit zu meiner Mutter gesagt, dass man das Alte Volk in mir sehen könne. Erstaunlicherweise war er alter keltischer Abstammung. Meine Mutter hatte mir erzählt, das er ebenfalls aus einer Linie von Druiden abstamme. Er hatte mehr Druidenblut in den Adern, als der katholischen Kirche recht sein dürfte. Aber das war dieser nicht bekannt. Es wusste auch niemand, dass er in seinem Garten Blumenfeen beherbergte. Er hatte es mir einmal augenzwinkernd verraten, als ich ihn fragte, warum sein Garten der schönste hier sei. Seitdem hatte ich jedes Mal aufgepasst, wenn ich ihn besuchte, ob ich nicht eine sah. Aber ich hatte nie Glück. Es wäre zudem ein Wunder gewesen. Letztendlich gab es die Blumenfeen nur in Legenden und Märchen. Trotzdem fand ich den Gedanken an die unsichtbaren Helfer ganz faszinierend.

Meine Mutter ließ mich an diesem Abend nicht aus den Augen. Mitten in der Nacht nahm sie mich beiseite. Sie war in Begleitung von Patrick O'Reilly. Patrick sah eher aus wie ein irischer Holzfäller. Groß, kräftig, mit dem typisch irisch-roten Haarschopf und einem ebenso roten Bart. Aber er war der Direktor der Bank of Ireland in der nächstgelegenen größeren Stadt Glendalough und ein weit entfernter Cousin meiner Mutter. Sie stammten beide aus der gleichen alten keltischen Blutlinie. Zu Beltaine und zu den anderen keltischen Festen bekleidete er den Rang eines Druiden, trug die dafür typische Kleidung und führte die Zeremonien durch.

"Nun ist die Zeit gekommen, dich in unser Geheimnis einzuweihen", wisperte meine Mutter und bedeutete mir mitzukommen. Sie raffte ihr druidisches Gewand, das sie zu diesen Festen trug, denn sie war gleichzeitig eine Priesterin der Brigid. Wir gingen durch die Dunkelheit. "Heute wirst du das erste Mal den Zwergenhort betreten", flüsterte meine Mutter, "unter den Erben des alten Blutes wird damit eine Art geheimer Safe bezeichnet. Dort sind ihre wertvollsten Besitztümer untergebracht. Solche, die man nicht einmal einer Bank anvertrauen würde. Dieser Brauch ist uralt und hat seinen Ursprung weit in der Vorzeit der Kelten. Patrick ist der Verwalter des Hortes. Seine Familie bewacht ihn seit Anbeginn. In dieser Nacht, die Nacht deines ersten Beltaine, werde ich dir zeigen, was sich in unserem Teil des Hortes befindet. – Doch du musst darüber schweigen. Nur Abkömmlinge des alten Blutes dürfen davon erfahren."

"Ich werde schweigen, Mum", erwiderte ich leise, "ich schwöre es bei der Großen Mutter!" "Merke dir, Kind", sagte sie, "der Zwergenhort kann nur zu bestimmten Zeiten von uns aufgesucht werden. Der Zugang erfolgt im Rhythmus der Mondfeiertage Imbolc, Beltaine, Lugnasadh und Samhuinn. Nur Patrick ist in der Lage zu anderen Zeiten den Hort aufzusuchen. Und das ist für ihn sehr gefährlich." Ich zupfte an meinem Gewand, spielte mit den Blüten, die in meinem Haar steckten und ging neugierig mit. Bisher hatte ich etliche Gerüchte und Geschichten um den "Zwergenhort" gehört und diesen als Legende abgetan.

In der Ferne leuchteten die Feuer von Beltaine. Die Trommeln waren weithin zu hören. Dies verlieh der Nacht eine magische Atmosphäre. Wir gingen ungefähr eine Stunde durch die Dunkelheit, bis wir an eine Schlucht kamen. Ich kannte diese Schlucht von verschiedenen Ausflügen in diese Gegend. Doch war mir nie eine Höhle aufgefallen. Hier führte Patrick uns in die Tiefe.

Auf einmal öffnete sich vor uns ein Spalt im Fels. Diesen hatte ich nie zuvor bemerkt. Durch ihn betraten wir eine kleine Höhle. Wir gingen einen schmalen niedrigen Gang entlang, der weiter in den Fels hineinführte. Nach ein paar Minuten gelangten wir in eine größere Höhle. Nur trübe wurde sie von der Fackel erleuchtet, die Patrick in eine der Halterungen an der Wand steckte. Er entzündete zusätzlich einige Fackeln, welche die Höhle in ein gespenstisches Licht getaucht. Patrick bedeutete uns hier zu warten und verschwand in einem der schmalen Gänge, die von dort ins Innere der Erde führten.

Man konnte in der Ferne das Tropfen von Wasser hören. Nach einiger Zeit auch eine Art Fauchen. Mir wurde mulmig zumute, obwohl meine Mutter bei mir war. Sie sah ganz entspannt aus. Nach einer Weile kam Patrick wieder. Es sah unheimlich aus, als er unvermittelt aus einem der Gänge trat. Mein Herz machte in diesem Moment einen kleinen Hüpfer. Die ganze Szene schien wie eine Reise in die Vergangenheit zu sein.

Er hatte eine Kiste bei sich, die mit einem Schloss und einem Wachssiegel verschlossen war. Meine Mutter brach das Siegel und öffnete die Kiste. In ihr waren alte Amulette und einige Juwelen. Aber ebenso Papiere und Dokumente. Meine Mutter bedeutete mir näher zu treten. Neugierig nahm ich alles in die Hand und studierte die Dokumente. Es waren alte Grundbesitzurkunden, Pergamente, Briefe und sogar uralte Abstammungsurkunden. Ich konnte meine Blutlinie bis in die Anfänge der Keltenzeit hinein verfolgen. Auf einmal wurden mir einige andere Zusammenhänge ebenfalls klar. Ein gewaltiger Schatz lag vor mir ausgebreitet.

Geld spielte zwar für uns nie eine Rolle, doch mein Vater achtete stets darauf, dass wir Kinder eine gesunde Wertvorstellung entwickelten. Er selber stammte aus einer weniger gut situierten Familie und deshalb hatte er uns von klein auf beigebracht, das jedes Ding und jede Tat ihren Wert habe, den man in Geld messen konnte. Und heutzutage wurde vielerorts mehr Wert auf Geld gelegt, als auf alles andere. Dank meines Vaters konnten wir Werte vernünftig bemessen. Und was hier im Schoß der Erde verborgen lag, war weit mehr als ein Schatz.

"Dies ist nur ein Teil dessen, was ich und die, die vor mir waren, hier gelagert haben", sagte mir meine Mutter, "du wirst eine komplette Ahnenreihe vorfinden bis weit in die Vorzeit hinein. Es sind alte Texte, Spruchrollen und Dokumente vorhanden, um die sich jedes Museum reißen würde. Außerdem sind genügend Wertgegenstände vorhanden, um ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. - Doch wenn es dir möglich ist, versuche dieses Depot nicht anzugreifen. Manche der Wertgegenstände sind Hunderte, ja Tausende von Jahren alt und entsprechend wertvoll. Achte besonders auf die alten Kultgegenstände. Sie wurden immer von Mutter zu Tochter weitergegeben. Auch du wirst sie später an deine Tochter weitergeben. - Solltest du etwas besitzen, dass du keiner weltlichen Bank anvertrauen möchtest, so bringe es hierher. Patrick's Familie ist seit altersher der Verwalter des Zwergenhortes. Hier ist es sicher." Meine Mutter verstaute eine Schriftrolle und einen Packen Dokumente in der Kiste und verschloss diese wieder. Danach siegelte Patrick die Kiste frisch und brachte sie weg.

"Was ist, wenn dieser Platz jemals gefunden wird?", fragte ich meine Mutter. "Kein Mensch wird ihn je finden", antwortete sie mir, "der Zwergenhort ist nicht von dieser Welt und nur Menschen aus Patricks Blutlinie sind in der Lage den Weg dorthin zu finden." Ich verstand dies damals nicht und tat es als Märchen ab. Erst viel später sollte ich mich wieder an diese Worte erinnern. Schweigend gingen wir zurück zu den Beltaine-Feierlichkeiten.

Kurze Zeit später zogen wir zu meinem Vater nach Oxford. Für mich war es nicht einfach mich plötzlich in der Stadt zurecht zu finden. Ich vermisste Irland. Oxford war kalt und steif. Es erstickte nahezu in Traditionen. Wir wohnten schließlich auch in einem traditionsbeladenen Haus, dem Willfour Manor. Dies war ein Landsitz, ein wenig außerhalb von Oxford am Rande eines Waldes gelegen. Das Hauptgebäude stammte aus dem siebzehnten Jahrhundert. Die Anbauten waren später dazu gekommen. Ein winziger Park umgab es. Das Wäldchen gehörte ebenfalls zu dem Grundstück. Die Grünanlagen waren leicht verwildert. Dies gab dem Anwesen einen romantischen Touch. Die Fassaden der Gebäude waren aus grauem Stein und an manchen Stellen stark mit Efeu bewachsen. Die Räumlichkeiten im Inneren konnten wir nicht alle bewohnen. Die meisten blieben daher einfach brach liegen.

Ich beendete die Schule mit Auszeichnung, in deren Anschluss ich ebenfalls zur Universität ging. Hier in Oxford begann ich mein Studium der Geschichte. Meinen Schwerpunkt legte ich zum Leidwesen meines Vaters auf die Keltologie.

In der Schule hatte ich Französisch und Latein gelernt. Jetzt im Studium kamen Altgriechisch und Hebräisch dazu. Mit Gälisch war ich aufgewachsen und konnte es als Muttersprache betrachten, zumal ich zusätzlich einen geheimen Dialekt, nämlich Jerne, dieser sowieso komplizierten Sprache beherrschte. Das sparte mir eine Menge Zeit. Während meine Mitstudenten Gälisch büffeln mussten, konnte ich mich meinen Hobbys zuwenden.

Auch das ich nicht direkt an der Universität wohnte, sondern bei meinen Eltern, gab Anlass zu Gerede und brachte mir nicht nur Sympathien ein. Ich versuchte an der Universität meine Distanz zu den anderen zu wahren, so wie ich es schon in der Schule getan hatte. Schon bald hatte ich den Ruf der "Miss Unnahbar". Bei meinem Aussehen - groß, schlank, sportlich, lange dunkelbraune Haare, tiefgrüne Augen und einem makellosen Teint - konnte keiner meiner Mitstudentinnen verstehen, dass ich mir aus dem anderen Geschlecht nichts machte. Irgendwann kam mir das Gerücht zu Ohren, dass man munkelte, ich wäre lesbisch. Verächtlich tat ich es ab. Keiner wusste ja, was mir Jahre zuvor zugestoßen war. Keiner wusste, dass ich nicht nur unsichtbare Narben trug. Keiner wusste, dass ich seitdem Schmerzen litt.

Es ging die Zeit des Grundstudiums vorbei. In den Semesterferien zog es mich immer zurück nach Irland. Nur dort fühlte ich mich glücklich. Glücklich, wenn ich durch die Wälder rund um das Geburtshaus meiner Mutter streifen konnte. Glücklich, wenn mir die alten Kultplätze einen Schauer über den Rücken jagten. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Magie an diesen Plätzen spüren zu können und die alten Götter wispern zu hören.

Meine Mutter lachte, wenn ich ihr davon erzählte. Sie meinte, dass mein Druidenblut singen würde. Oxford dagegen war kalt, geradezu erdrückend. Dort vergrub ich mich in meine Studien. Sport und Musik blieben meine einzigen Freizeitaktivitäten. Meine Mitstudenten hatten sich bereits an meine Sonderbarkeiten gewöhnt. Sie lästerten viel hinter meinem Rücken, aber das berührte mich nicht.

Letztes Wintersemester waren meine Mutter und ich allein in Oxford. Mein Vater hatte sich ein Forschungssemester gegönnt und wanderte durch den vorderen Orient auf den Spuren der Kreuzzüge. Er wollte eine seiner Theorien untermauern. Da ich ihm bei seinen Ausführungen selten zuhörte, konnte ich mich leider nicht mehr daran erinnern, was er beweisen wollte.

Als er allerdings zum Ende des Semester zurückkehrte, erkannte ich ihn kaum wieder. Ausgemergelt sah er aus. Wie gehetzt. Mein Vater, der sonst immer ein fröhlicher, kommunikativer Mensch gewesen war, zog sich nun zurück und verfiel in Schweigen. Er musste etwas von bahnbrechender Bedeutung entdeckt haben. Seit seiner Rückkehr wurden wir mit Anrufen belästigt. Fremde bedrängten uns. Es war der reinste Terror.

Eines Abends hörte ich meine Eltern leise im Arbeitszimmer meines Vaters miteinander sprechen. Sie unterhielten sich in Sindarin. Es musste enorm wichtig sein, wenn sie sich darin verständigten. Leise blieb ich stehen und lauschte. "Boe baded o sí - wir müssen von hier weg", sagte mein Vater, "sí ú-veriannen - hier sind wir nicht sicher." "Egal was du entdeckt hast, lass' uns an unsere Kinder denken", antwortete meine Mutter, "wir sollten nach Irland gehen und erst einmal Ruhe einkehren lassen." "Ruhe werden wir nicht mehr finden, dafür ist meine Entdeckung zu brisant. Sie werden uns jagen, bis sie es in den Händen haben", hörte ich meinen Vater. "Sorgen wir dafür, dass es verschwindet, dann werden sie aufhören", sagte meine Mutter. "Wir müssen einen Weg finden, unsere Kinder am Leben zu erhalten. Wir beide sind alt. Unser Weg ist vorbestimmt", widersprach mein Vater und fuhr nach einer kleinen Pause fort, "SIE werden nämlich nie aufhören." Und er sollte leider Recht behalten. Doch wer waren "SIE"?

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wer damit gemeint war und mit was für Leuten er sich da angelegt hatte. Das belauschte Gespräch hatte mich jedoch nachdenklich gemacht. Jetzt fielen mir viel mehr Dinge auf, die plötzlich merkwürdig oder anders waren als sonst. Der Telefonterror und die Belästigungen wurden immer schlimmer. Ich wurde sogar auf dem Campus des öfteren angerempelt und man drohte mir. "Gebt es uns, oder ihr werdet sterben." Dies war der Kontext der meisten Drohungen. Eine Begegnung war mir lebhaft in Erinnerung.

Sie ereignete sich ein paar Tage vor dem Gespräch, das ich zwischen meinen Eltern belauscht hatte. Ich wollte das Universitätsgebäude verlassen, als mich ein Mann in dunklem Anzug und mit Sonnenbrille anrempelte. Er zog mich in eine Ecke. "Dein Vater sollte uns schnellstens geben, was wir verlangen", raunte er mir zu, "sonst bist du die Erste. - Richte das ihm aus!" Sein Englisch klang ungewohnt, als würde er es nicht oft sprechen. Er schien mir vom Kontinent zu kommen. Sein Akzent war zumindest stark kontinental gefärbt.

Er schüttelte mich kurz. Dann stieß er mich gegen die Wand. Ich war so geschockt, dass man mich auf dem Campusgelände angriff, dass ich zu keiner Gegenwehr fähig war. "Hilfe, Überfall!", brüllte ich stattdessen, so laut ich konnte. Der Mann ließ von mir ab und rückte seinen Anzug zurecht. "Denk an meine Worte, Kleines", grinste er süffisant, "es wäre mir ein Vergnügen, dich zu töten." Entsetzt schaute ich ihm hinterher, als er wegging. Mir zitterten die Knie. Langsam setzte ich mich auf eine der Treppenstufen, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich war verwirrt und tief beunruhigt. Was war so wertvoll, dass man Morddrohungen aussprach?

Auf dem Weg nach Hause drehte ich mich immer wieder um. Schauder liefen mir über den Rücken. Als ich in Willfour Manor ankam, erzählte ich meinem Vater sofort, was passiert war. Wir gingen zur Polizei, doch die konnte nichts ausrichten. Mein Vater wurde immer beunruhigter und meine Mutter ebenfalls.

Und es blieb nicht bei der einen Begegnung. Meine Eltern engagierten nach einiger Zeit einen privaten Sicherheitsdienst. Keiner von uns ging mehr allein aus dem Haus. Jedes Mal begleitete uns einer der Bodyguards. Es war mir fast peinlich, von ihnen zur Vorlesung gebracht zu werden. Aber was sollten wir stattdessen tun? Trotz dieser Maßnahmen wurden immer wieder Drohungen ausgesprochen. Und eines Tages sollten diese Drohungen wahr gemacht werden.

Mein Bruder und ich hatten Semesterferien. Er schrieb mittlerweile an seiner Doktorarbeit. Wir waren mit der ganzen Familie nach Irland "geflüchtet", um dort in Ruhe einige Wochen Urlaub zu machen. Wir hatten uns in das Geburtshaus meiner Mutter zurückgezogen, welches weitab von den großen Städten lag. Hier gab es kein Telefon und Strom wurde nur über einen Generator erzeugt. Wir dachten, dort wären wir einigermaßen sicher. Zumal jeder von uns auf anderen Wegen hierher gereist war. Jeder hatte zudem einen Mann vom Sicherheitsdienst an der Seite.

Jedenfalls wähnten wir uns in Sicherheit und das bis zu jener Nacht. Es war der erste Februar, der Abend des Imbolc-Festes. Wir wollten in der Nacht zu den Feuern gehen. Heute sollte die Göttin Brigid geehrt werden.

Ich war noch einmal in den Wald gegangen, um dort die alte Kultstätte der Brigid zu besuchen, da ich diese in meine Magisterarbeit mit einbeziehen wollte. Aufgrund der Abgeschiedenheit dieses Ortes hatte ich auf die Begleitung eines Bodyguards verzichtet. An diesem Tag war ich unruhig. Ich fühlte etwas, wie ein heraufziehendes Gewitter. Als würde Düsteres sich nähern. Ich verdrängte diese Gefühle und versuchte mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Aber irgendwie schien von der Kultstätte eine eigenartige Schwingung auszugehen.

Kurz bevor ich die Lichtung verließ, war mir, als ob ich ein Raunen in den Zweigen hören würde. ‚Geh nicht!' schienen sie zu wispern. Ich spürte, wie ein Schauer über meinen Rücken kroch. Doch ich schob das auf die merkwürdige Spannung dieses Platzes und wandte mich zum Gehen. Die Dämmerung war weit fortgeschritten, als ich mich dem Haus näherte. Es war kalt, einer der wenigen wirklich kalten Tage in Irland, und ich freute mich darauf mich am Kaminfeuer aufzuwärmen.

Diese Kälte war ungewöhnlich, denn Irland lag am Golfstrom und deshalb herrschte eher ein gemäßigtes Klima. Fröstelnd zog ich die Jacke enger um mich. Auch der Schnee, der vor ein paar Tagen gefallen war, und dessen Überreste noch vereinzelt zu sehen waren, schien außergewöhnlich. Ich hatte bisher keinen derartigen Schneefall in Irland erlebt. Auf einmal hörte ich Schüsse und Schreie von Menschen. Mein Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Ich rannte bis zum Waldrand, verbarg mich hinter einem Baum und schaute vorsichtig dahinter hervor. Was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren!

Mein Vater und meine Mutter waren in den Hof gebracht worden. Beide bluteten aus mehreren Schusswunden. Die Bodyguards konnte ich nirgendwo sehen. Männer in schwarzen Anzügen standen um sie herum. Mein Vater wurde angeschrieen und etwas gefragt. Durch die Entfernung konnte ich nicht verstehen, was es war. Aber die Antwort gefiel nicht, denn sie schossen auf meine Mutter.

Der Knall ließ mich zusammenzucken. Blut spritzte in den Schnee, der vereinzelt noch im Hof lag und färbte diesen rot. Mein Vater wurde weiter befragt und jedes Mal, wenn er eine Antwort gab, schossen sie auf meine Mutter. Nach einer Weile brach sie tot zusammen. Dann machten sie bei meinem Vater weiter, bis er ebenfalls tot zusammenbrach. Ich sah hinter den erleuchteten Fenstern Männer, die in den Schränken wühlten. Durch die offene Eingangstür konnte ich einen von den Bodyguards am Boden liegen sehen. Das Grauen packte mich mit eisiger Hand.

In diesem Moment sah ich meinen Bruder mit dem Auto ankommen. Ich hatte keine Chance, ihn zu warnen. Ich sah, wie sie erst die Reifen zerschossen und den Bodyguard auf dem Beifahrersitz mit einem gezielten Kopfschuss töteten. Sie zerrten meinen Bruder aus dem Wagen. Sie befragten ihn ebenfalls, während sie ihn langsam erschossen. Ich sah ihn zu mir herüberblicken, als er zu Boden sank. Seine Augen bohrten sich in meine. Ich werde diesen Blick nie vergessen. Flieh, schrieen sie, lauf so schnell du kannst!

Die Männer mussten wissen, dass es auch eine Tochter gab, denn danach begannen sie auszuschwärmen. Im Licht, das durch die Fenster nach draußen fiel, sah ich ein Symbol am Jackett von einem der Männer aufblitzen. Es brannte sich in meine Augen. Schockiert hielt ich den Atem an. Ich konnte nicht glauben, was ich sah! Mein Gehirn wollte eine andere Erklärung finden, aber es kam immer wieder auf demselben Schluss aus.

Es war ein altes Symbol. Nur wer sich mit Kirchengeschichte auskannte, konnte es erkennen. In diesem Fall wusste ich davon durch meinen Vater. Er beschäftigte sich nebenbei mit der Geschichte des Christentums zu Zeiten der Kreuzzüge. Folglich auch mit Kirchengeschichte. Ich hatte es schon einige Male auf Papier gesehen. Auf dem Tisch in seinem Arbeitszimmer.

Assassini, Inquisitio – hallte es in meinem Gedächtnis auf. Es waren Leute des Vatikans, die ohne mit der Wimper zu zucken Unschuldige regelrecht hinrichteten. Also waren die Gerüchte über Killer im Dienste des Vatikans wahr!

Sie riefen sich etwas zu und eilten auf den Wald zu. Einer zeigte auf mich. Entsetzt musste ich feststellen, dass ich meine Deckung verlassen hatte. Sie schossen! Nur meine plötzliche Drehung hinter den Baum rettete mir das Leben. Ich hörte die Kugel in den Baum nun schräg vor mir einschlagen. Für einen Sekundenbruchteil stand ich wie erstarrt. Wenn ich mich nicht schnellstmöglich hier weg bewegte, würde ich das Schicksal meiner Familie teilen, schoss es mir durch den Kopf.

Ich hatte nur die Chance zu versuchen, zum nächstgelegenen Dorf zu gelangen und von dort aus die Polizei zu rufen. Die Leute dort waren keltischer Abstammung. Sie würden mich schützen. Ich fing an zu laufen. Ich kannte mich hier aus. Zudem war ich gut im Training. Das würde mein Vorteil sein.

Die Männer waren hinter mir. Immer wieder hörte ich Schüsse. Ich schlug Haken, um auszuweichen. Ein Schlag gegen die linke Schulter ließ mich taumeln. Gleich darauf spürte ich den Schmerz. Ich war getroffen worden. Sekunden später streifte die nächste Kugel meine Hüfte an der rechte Seite. Lange würde ich nicht mehr ausweichen können. So schnell ich auch war, eine Kugel würde mich immer einholen.

Ich lief geradewegs auf die alte Kultstätte zu. Gehetzt erreichte ich die Lichtung. Der Kultbaum stand majestätisch in der Mitte. Die Krone dieser uralten Eiche war ungewöhnlich dicht. Vielleicht konnte ich mich im Geäst verstecken. Als ich bei Tageslicht da war, hatte ich einige niedrige Äste gesehen. Ich huschte um den Baum herum und griff nach einem der Äste. In Gedanken rief ich die alten Götter meiner irischen Vorfahren an. "Belenus, Lugh und die dreigeteilte Göttin Dana-Anu-Brigid, bitte helft mir", schrieen meine Gedanken, als ich den Ast berührte.

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