Disclaimer: Das Alien-Universum sowie die aus den Filmen bekannten Charaktere gehören Twentieth Century Fox. Ich borge sie mir hier nur aus, um etwas ‚Spaß' mit ihnen zu haben – und natürlich verdiene ich daran keinen Cent.

Vielen Dank an Tina Reimer und Winfried Volkmann für ihre Hilfe bei der Entstehung dieser Story, die 1993 unmittelbar nach der Ansicht von "ALIEN 3" entstanden ist – in einem Zustand der Frustration und in der Absicht, es bewusst anders zu machen. Heute, 11 Jahre später, würde ich sicher viele Dinge wieder anders machen (wer wissen möchte wie und der englischen Sprache mächtig ist, dem gebe ich den Hinweis auf meine Story "Chrysalis", ebenfalls in diesem Archiv), im Großen und Ganzen fühle ich mich aber wohl genug damit, um die Geschichte hier zu veröffentlichen. An die Action-Fans unter Euch: Es geht vielleicht ein bißchen langsam los, aber ich denke, Ihr kommst später noch bestimmt auf Eure Kosten... ;-)

Wenn Euch die Story gefällt (oder auch wenn nicht), wäre ich für eine kurze (oder längere) Kritik sehr dankbar.

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ALIEN 3: INTO THE FIRE

Kapitel 1

Das Schiff hatte Jahrhunderte in der Talsenke gelegen, berührt nur von der Zeit und den tosenden Stürmen einer kalten, feindseligen Welt, die entschlossen schien, jede Spur von Leben bereits im Ansatz zu ersticken. Es hatte dort nicht hingehört. Daß es dennoch dort gelandet war, ging auf einen Unfall zurück, der es - oberflächlich betrachtet - zwar nur geringfügig beschädigt, einen Start jedoch absolut unmöglich gemacht hatte. Die Außenhülle hatte Ewigkeiten dicht- und die kalten Stürme draußen gehalten, doch seit einem Vulkanausbruch, bei dem die sich heranwälzende Lava das Schiff aus seiner Mulde gehoben und fast 100 Meter weit mitgetragen hatte, war der linke Flügel des überdimensionalen U's aufgebrochen und hatte den Witterungen mehr Spielraum für ihr zerstörerisches Wirken geboten. Dennoch befand es in Anbetracht der Jahre, die es nun bereits dort lag, noch immer in bemerkenswert gutem Zustand, selbst die Apocalypse einer nicht allzu weit entfernten Menschenkolonie, die sich in einem gigantischen, alles vernichtenden Feuerball über den gerade erst bewohnbar gewordenen Planeten Acheron gewälzt hatte, hatte dem Schiff nicht viel ausgemacht. Seine wertvolle Fracht lag noch immer in den dafür vorgesehenen, gigantischen Lagerräumen und wartete darauf, daß sie jemand fand.

Ein unmerkliches Zittern erschütterte den titanischen Rumpf und schwoll allmählich zu einem mittleren Erdbeben an. Das Schiff hatte auch bereits mehrere Erdbeben ohne Schaden überstanden, doch dieses schien anders zu sein. Es kam von oben, ein Netz gebündelter Energie, das mit vorsichtiger, aber unerbittlicher Stärke an dem Koloß zog. Streben des unbekannten Metalls begannen unter der Belastung zu ächzen, als sich allmählich der Boden von der Planetenoberfläche löste, langsam erst, dann zunehmend schneller. Das gesamte Schiff vibrierte im Fokus des Energiestrahls, und trotz ihrer guten Verankerung stürzten einige der lederhäutigen, ovalen Objekte in seinen Lagerräumen um, wobei sie sich öffneten und das in ihnen wohnende Leben ausspien, ohne diese ihrem eigentlichen Zweck zuführen zu können.

Die Oberfläche des Planeten blieb mehr und mehr zurück und verschwand schließlich kurz darauf unter einer schmutzig-grauen Staubwolke, die der unerschöpfliche Sturm über die Ebene heran blies. Das Schiff flog wieder...

***

"Alle Passagiere für Transport 559 nach Los Angeles werden gebeten, sich an Bord zu begeben. Bitte halten sie ihre Bordpässe bereit... Alle Passagiere -"

Die Stimme, die durch den Warteraum von Gateway's Raumhafen hallte, war unverkennbar weiblich und verursachte einige irritierte Blicke der dort versammelten Reisenden. Manche zogen nur die Augenbrauen hoch, manche runzelten die Stirn und blickten zu einem der in die Decke integrierten Lautsprecher, um den Fehler dort zu suchen, und wieder andere brachen schlicht und ergreifend in Lachen aus. Die Durchsage kam, wie alle anderen auch, von einem Band. Nur hatte der Sprachcomputer ein wenig übertrieben, als er die Stimme auf einen für Menschen angenehmen, unverbindlichen Tonfall einfärben sollte: Was dort aus den Lautsprechern drang, klang verdächtig nach Schlafzimmer.

Hicks, der sich zwischen den Wartenden befand, schmunzelte amüsiert. Seit er dort saß - mittlerweile seit einer guten halben Stunde - hatte er gedankenverloren in irgendeiner liegengelassenen Zeitschrift herumgeblättert, während sein Blick wieder und wieder von dem gleißend blauen Planeten angezogen wurde, der direkt vor ihm durch die große Panoramascheibe schimmerte, und ein sehnsüchtiger Ausdruck war in seine Augen getreten. Zwei Jahre war es her, seit er zuletzt einen Fuß auf seinen Heimatplaneten gesetzt hatte - zwei ganze Jahre. Vierundzwanzig endlose Monate, in denen man ihn auf fünf verschiedene Missionen kreuz und quer durch das All geschickt hatte. Vergeudete Wochen und Monate im Hyperschlaf, während der alle seine Freunde, die er auf der Erde zurückgelassen hatte, älter geworden waren, während er selbst jung blieb, gemeinsame Zeit, die ihnen gestohlen wurde. Doc Sanderson, sein Vertrauensarzt in der Krankenstation GATEWAYs, hatte ihn gerade erst drei Wochen in seiner Obhut gehabt und ihm nach einem gründlichen Check-Through verraten, daß er durch den künstlichen Tiefschlaf einige Jahre eingespart habe. Der Zustand seines Körpers - von den auf der letzten Mission erlittenen Verletzungen einmal abgesehen, war der eines 25jährigen - dabei war er vor zwei Tagen 30 geworden. Wenn das so weiterging, würde sich diese Diskrepanz, die so noch nicht auffällig war, immer weiter vergrößern. Wenn er sechzig war, würde er vielleicht wie 35 aussehen... Das klang zwar - oberflächlich betrachtet - gut, hatte jedoch auch seine Schattenseiten: Er würde alle seine Freunde und Verwandte überleben, die dort unten auf der Erde lebten und nicht regelmäßig in den Genuß des Kälteschlafs kamen. Er stellte sich die Frage, wieviel Trauer wohl ein Mensch verkraften konnte, wenn er jeden Menschen, den er liebte, sterben sehen mußte. Nein, es war kein angenehmer Gedanke. Es war auch der Hauptgrund dafür, daß in der Raumfahrt beschäftigte Menschen in der Regel keinerlei Verbindungen mit Personen aufnahmen, die nicht ebenso wie sie mehrere Monate im Jahr im Hyperschlaf durch die Schwärze des Alls reisten. Ewige Jugend.

Das Paradoxe daran war, daß er sich nicht so fühlte. Sein Körper mochte in besserem Zustand sein, als dies nach seinem Geburtsdatum zu erwarten war, sein Geist war es nicht. Im Gegenteil, eine Last weit schwerer als die Anzahl seiner Jahre schien ihn niederzudrücken, ihn jede Minute seines Daseins spüren zu lassen. Er fühlte sich leer, ausgebrannt, eine bloße Hülle, die dem Spiel der Naturgewalten unterworfen war, bar jeder Widerstandskraft, ohne Energie. Seine Reserven waren erschöpft. Die Verätzungen, die er auf einer feindseligen, fernen Staubkugel von einem Planeten erlitten hatte, an dessen Namen er noch immer kaum zu denken wagte, waren trotz der Fürsorge der Ärzte und Einsatz modernsten medizinischen Wissens nur sehr allmählich verheilt - gerade, als besäße er noch nicht einmal die Energie, gesund werden zu wollen. Grübelnd und apathisch hatte er in seinem Bett gelegen, während der meisten Zeit tief in sich selbst versunken, während die alptraumhaften Erlebnisse von Acheron wieder und wieder vor seinem inneren Auge vorbeizogen. Es spielte keine Rolle, ob er wach war oder träumte, ob er die Szenen bereits zum hundertsten Male durchlebte, die Bilder hatten jeweils die gleiche, erschreckende Intensität. Nach der ersten Woche, die er in der Krankenstation verbracht hatte, hatte sich sein Zustand eher verschlechtert statt verbessert. Das Grauen und die Trauer um den Verlust seiner Kameraden zehrten ihn aus, Selbstvorwürfe kamen hinzu. Er hatte das Kommando gehabt, die anderen hatten sich auf ihn verlassen. Hätte er mehr tun müssen, würden Frost, Hudson, Vasquez und all die anderen noch leben, wenn er besser reagiert hätte, nachdem Apone gefallen war?

Diese Fragen beschäftigten ihn in jeder Minute, hatten ihm den Appetit verschlagen. Seit die Sulaco GATEWAY erreicht und man ihn eingeliefert hatte, hatte er kaum etwas gegessen, obwohl er neue Energie dringend nötig hatte. Er war bereits bedeutend abgemagert, ohne diese Tatsache überhaupt bemerkt zu haben. Die Sorgenmienen der ihn betreuenden Ärzte waren von Tag zu Tag ernster geworden, und schließlich hatte Sanderson, nachdem er ein weiteres unberührtes Essen hatte zurückgehen lassen, sich eines Abends einen Stuhl herangezogen und seinem Patienten ins Gewissen geredet.

"Hicks, so kann es nicht weitergehen."

Es hatte mehrere Sekunden gedauert, bis Hicks aus seiner Versunkenheit erwacht war. Auch dann war ein langer, stummer Blick alles, was darauf hinwies, daß er den Arzt überhaupt wahrgenommen hatte. Sanderson hatte geseufzt und sich vorgebeugt.

"Sehen sie, sie sind jetzt zehn Tage hier. Die meisten Patienten mit ähnlich schweren Verletzungen spazieren hier nach höchstens zwei Wochen vollkommen geheilt raus. Aber das werden wir mit ihnen nicht tun können. Die Wundheilung macht so gut wie keine Fortschritte, und wenn ich sie mir so betrachte, sehe ich bald nur noch Haut und Knochen. Wenn sie nicht bald wieder anfangen zu essen, werden wir sie noch intravenös ernähren müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie das wollen. Wir haben sie schließlich schon genug zerstochen."

"Ich habe keinen Hunger, Doc. Warum lassen sie mich nicht in Ruhe?"

"Weil mich mein Gewissen nicht in Ruhe läßt." Sanderson sah Finlay, seine Assistentin, im Nebenraum neugierig den Hals recken und bedeutete ihr, draußen zu bleiben. "Ich mache mir Sorgen um sie. Verdammt, wir alle machen uns Sorgen. Was ist los mit ihnen, Hicks? Ich kenne sie nun schon so lange, aber so habe ich sie noch nicht erlebt. Wenn sie so weitermachen... " Er zuckte hilflos mit den Schultern. "Sagen sie mir, wie ich ihnen helfen kann."

Hicks hatte den Blick wieder abgewandt und ins Nichts gestarrt.

"Sie können mir nicht helfen, Doc. Ich schätze, damit muß ich selber fertig werden..." Seine Stimme war so leise, daß Sanderson sich hatte vorbeugen müssen, um ihn zu verstehen. Der Arzt nickte grimmig.

"Sie machen sich Vorwürfe, weil sie überlebt haben, oder? Sie denken, daß sie irgend etwas falsch gemacht haben, daß sie ihre Kameraden im Stich gelassen haben, hm? " Als keine Antwort kam, fuhr Sanderson fort. "Ich kenne das, Hicks. Ich habe es schon bei einigen erlebt, die ihr gesamtes Team bei einem Einsatz verloren hatten. Die Schuldkomplexe, der einzige zu sein, der die Sache überstanden hat. Glauben sie mir, das ist nichts Ungewöhnliches. Damit hatten auch schon andere zu kämpfen. Sie sind darüber hinweggekommen. Sie brauchen nur jemanden, der ihnen zeigt, daß es einfach Unsinn ist, sich an allem die Schuld zu geben. Himmel, sie wären schließlich selbst fast dabei draufgegangen! Seien sie doch froh, daß sie immer noch leben, statt sich deswegen Vorwürfe zu machen!"

Langsam wandte Hicks den Kopf und sah seinen Besucher lange Zeit nachdenklich an.

"Ich bin nicht der einzige, der darüber nachdenkt, weshalb ich der einzige Überlebende bin..." Ein verletzter Ausdruck stahl sich in seine Augen. "Erinnern sie sich an die beiden Beauftragen des Corps und der Gesellschaft, die neulich hier waren? Die eine stellte mir genau diese Frage. Ich glaube, sie hieß Randy Durrell. Sie ist die Assistentin des Generals. Erst quetschte sie mich nach jedem nur möglichen Detail aus, heuchelte Anteilnahme, und dann fragte sie mich noch im gleichen Atemzug "Was meinen sie, Corporal Hicks, wie kommt es, daß sie als einziger den Einsatz überstanden haben?" Hicks hatte Sanderson fest in die Augen geblickt und diesen die ganze Wut und Hilflosigkeit sehen lassen, die in ihm steckten. Er schüttelte langsam den Kopf. "Ich... ich wußte nicht, was ich darauf antworten sollte. Zuerst war ich wütend, ich hätte ihr am liebsten den Hals umgedreht wegen dieser versteckten Anschuldigung, aber... aber dann dachte ich darüber nach. Und wenn sie nun recht hat? Vielleicht hätte ich sie wirklich retten können! Ich hatte das Kommando, ich hätte sie rausbringen müssen. Sie hatten mir vertraut, und ich habe sie im Stich gelassen. Hudson, Vasquez... Frost..."

Sanderson hatte energisch und wütend den Kopf geschüttelt.

"Vergessen sie's, Hicks! Sehen sie's denn nicht? Ihre Kommandeure haben sie auf eine Mission geschickt, die von vornherein zum Scheitern verurteilt war, und jetzt brauchen sie einen Sündenbock, um ihr eigenes Versagen zu vertuschen! Lassen sie sich von denen nicht fertigmachen! Das ist ein ganz billiger Trick, die eigene Verantwortung abzuwälzen! Und vergessen sie nicht, daß sie schließlich doch jemanden gerettet haben."

Er war sich Hicks' fragenden Blicks bewußt.

"Ellen Ripley. Sie hat mir erzählt, daß sie verletzt wurden, während sie sie von der Säure abschirmten. Es muß ihnen doch klar sein, daß sie ohne ihre Tat tot wäre."

"Wann hat sie ihnen das denn erzählt?"

"Während ihres ersten Besuchs. Sie hat nach der Operation einige Stunden an ihrem Bett gesessen und gewartet, daß sie aufwachen. Sie hat lange dort gesessen. Offensichtlich denkt sie nicht, daß sie versagt hätten. Und sie sollten es auch nicht denken."

Eine Weile hatten sie sich nur schweigend angesehen, und Sanderson entdeckte mit einiger Hoffnung, daß sein Patient tatsächlich ernsthaft über seine Wort nachzudenken schien. Schließlich ließ sich der Corporal zurücksinken.

"Ich... ich weiß nicht... " Er atmete tief durch. "Es tut weh, Doc. Es tut so verdammt weh, der einzige zu sein!"

Hicks' plötzliche Offenheit berührte Sanderson. Er hatte den Marine in den fünf Jahren, seit er seinen Dienst im Lazarett von GATEWAY angetreten hatte, stets als einen ruhigen, fast verschlossenen jungen Mann gekannt, mit dem zwar leicht auszukommen war und der nach außen hin geradezu unglaublich ausgeglichen wirkte, aber wie es tief im Innern des Corporals aussah, hatte er nur selten ahnen können. Solange er sich erinnern konnte, war dies das erst das zweite Mal, daß Hicks ihn über seine Probleme und Sorgen ins Vertrauen zog. Er beugte sich vor und legte ihm die Hand beruhigend auf die Schulter.

"Ich weiß, Hicks. Glauben sie mir, ich weiß das. Lassen sie es alles heraus, schlucken sie es nicht runter. Trauer muß rausgelassen werden. Es hilft nichts, sie zu verleugnen, sie macht sie sonst krank. Stellen sie sich ihr, nur dann kommen sie darüber hinweg. Sie haben ihr Bestes getan, um ihren Kameraden zu helfen, denken sie daran! Zerfleischen sie sich nicht selbst. Und denken sie an das eine Menschenleben, das sie retten konnten."

Hicks atmete noch immer schwer, während er darum kämpfte, seine Fassung wiederzugewinnen. Schließlich schloß er kurz die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Als er Sanderson endlich wieder ansah, wirkte er ruhiger.

"Besser?"

Er nickte. Sanderson's Miene hellte sich zu einem aufmunternden Lächeln auf.

"Werden sie wieder essen und gesund werden? Für mich? Hm?"

Hicks blickte ihn lange an.

"Ich habe einfach überhaupt keinen Hunger mehr. Wenn ich schon an Essen denke, wird mir schlecht."

"Dann zwingen sie sich. Oder wollen sie, daß ich sie zwinge?" drohte Sanderson halb im Scherz mit seiner besten "Tough-Guy"-Stimme." Oder ich lasse Finlay auf sie los!"

Der Schatten eines Lächelns huschte über Hicks' Gesicht. Drew Finlay, Sanderson's langjährige Assistentin, war unter den Soldaten nicht gerade für ihre Sanftheit berühmt. Die zierliche New Yorkerin konnte ziemlich resolut werden.

"Außerdem -" fuhr Sanderson fort," - sollte es sie doch verlocken, daß sie, sobald sie hier rauskommen, vier Monate Rekonvaleszenz-Urlaub auf der Erde genießen können. Die werde ich ihnen nämlich verschreiben. Sie sind reif dafür. Ich habe bereits die Zustimmung ihrer Vorgesetzten dazu eingeholt. Vier Monate! Na, ist das nichts?"

"Ist das wahr?"

"Ob das wahr ist? Verdammt, glauben sie, ich lüge sie an? Sie werden sich vier Monate lang auf der Erde erholen können. Ich bin sicher, die Welt sieht unendlich viel besser aus, wenn sie erstmal wieder unten sind. Allerdings werde ich sie erst hier rauslassen, wenn ich davon überzeugt bin, daß sie zumindest wieder halbwegs auf dem Damm sind und keine Dummheiten anstellen werden. Also, was sagen sie? Ist es das wert, sich dreimal am Tag ein paar Bissen hineinzuzwingen?"

Hicks konnte nicht anders, das Lächeln drang jetzt durch.

"Klingt gut, Doc."

"Haben wir dann also einen Deal?"

Er nickte.

"Ich werde mir Mühe geben..."

Hicks erhob sich und ergriff seine Tasche, die er auf den Nebensitz gestellt hatte. Die Schlange vor dem Eingang zum Shuttle war kürzer geworden, als er als letzter zur Kontrolle hinüberschritt. Zehn Tage war diese Unterhaltung jetzt her. Sie hatte ihm geholfen, hatte seine Selbstvorwürfe zumindest ein wenig gelindert, auch wenn es wohl noch geraume Zeit dauern würde, die ganze Sache völlig zu verarbeiten. Aber er hatte wieder gegessen, und nachdem er sich die erste Zeit noch gewaltig dazu hatte zwingen müssen, kehrte auf wundersame Weise allmählich sein Appetit zurück, und mit ihr ein wenig Kraft, die ihn so vollkommen verlassen hatte. Seine Wunden heilten ab, und während die Ärzte sich bemühten, auch die letzten noch verbliebenen Narben zu beseitigen, fällte Hicks eine Entscheidung.

Er hatte eines Abends vor dem Spiegel gestanden und sein Gesicht lange nachdenklich betrachtet. Es war noch immer ein junges Gesicht, gegen das seine Augen uralt wirkten. Er hatte zuviel gesehen in den vergangenen Jahren, sehr viel mehr als er je hatte sehen wollen. Aber er hatte keine Chance gehabt, den Blick abzuwenden, und so hatte jedes der Erlebnisse seine Spuren dort hinterlassen. Er kannte Leute, die ihm deswegen nie in die Augen blicken konnten, die Angst vor der Intensität seines Blicks hatten. Die nunmehr elf Jahre, seit er sich den Colonial Marines angeschlossen hatte, hatten ihn tief geprägt. Jetzt mehr denn je.

Seine Augen blieben an der acht Zentimeter langen, frischen Narbe hängen, die an der Schläfe neben seinem linken Auge begann und sich über das Jochbein bis zur Mitte der Wange zog. Das Säureblut des Aliens hatte sich tief in sein Gesicht gefressen und ihn gezeichnet. Die Ärzte hatten ihr Bestes getan, um ihn wiederherzustellen, und nach Hauttransplantationen an Gesicht und Brust war nur noch diese eine Narbe übriggeblieben. Auch sie wäre ohne Probleme zu beseitigen gewesen, aber als Sanderson ihn am Nachmittag daraufhin angesprochen hatte, hatte Hicks zunächst unentschlossen abgewunken. Er war sich noch nicht im klaren darüber, ob er sie beseitigen lassen sollte. Jetzt wußte er, daß er diese Narbe behalten wollte. Der Acheron-Einsatz hatte sein Leben nachhaltig verändert, er hatte seine Freunde und Teamkameraden an die Aliens verloren, und nun mußte er von vorne anfangen. Er wollte das nie vergessen. Er würde es nie vergessen. Jedesmal, wenn er an einem Spiegel vorbeiging, würde er sich daran erinnern, jeden Morgen, jeden Abend. Eine Erinnerung daran, wie knapp er davongekommen war. Es erschien ihm passend. Nachdenklich fuhr er mit den Fingern über die dünne, noch immer etwas rötliche Linie, wandte sich schließlich abrupt ab und ließ den Blick über den kahlen Raum gleiten.

Sanderson hatte vermutlich recht damit gehabt, daß seine Genesung auf der Erde schneller vonstatten gehen würde. Das kalte, nüchterne und rein funktionelle Innere der Raumstation war keine Hilfe bei der Bewältigung von Verwundungen der Seele. Tagein, tagaus dasselbe grelle Kunstlicht, metallene Wände, gefilterte Luft, all das konnte einen auch krankmachen, wenn man sich ansonsten in ausgezeichneter Verfassung befand.

Es war ihm vorher nicht bewußt gewesen, wie sehr er sich danach sehnte, endlich wieder die klare, ungefilterte Luft seines Heimatplaneten einzuatmen, den sanften, vom Ozean mit Salz angereicherten Wind in seinem Gesicht und die Sonne auf seiner Haut zu spüren; das Rauschen des Pazifiks zu hören, dessen Wellen sich nach ihrer langen Reise an die kalifornische Küste warfen, barfuß im von der Sonne aufgeheizten Sand an der Küste entlang spazierenzugehen und die fernen Lichter Topangas und Malibus in der aufkommenden Dämmerung wie Juwelen funkeln zu sehen, Pelikane und Möven über sich hinwegfliegen zu sehen und ihre Rufe zu hören oder noch spät nachts auf der niedrigen Mauer des Griffith Park Observatory zu sitzen, auf die bis zum endlosen Horizont glitzernde und pulsierende Stadt zu blicken und dabei in Sommergeräuschen wie zirpenden Grillen zu versinken oder ab und zu den klagenden Schrei eines Coyoten zu vernehmen. Sich in seinen alten, fast schon antiken Jeep zu setzen und sich den Wind bei einer Fahrt auf den Freeways um die Nase wehen lassen... Und dann ein Abendessen in einem gemütlichen Restaurant einzunehmen, wo Fisch tatsächlich Fisch, Fleisch tatsächlich Fleisch und Salat tatsächlich Salat waren.

"Sir, ihre Bordkarte bitte."

Er reichte der Flugbegleiterin seine Plastikkarte und sah sich um, während sie seine Buchung überprüfte. Er war der letzte. Jetzt würde es keine Stunde mehr dauern, bis er endlich wieder anfangen könnte zu leben. Der Gedanke hatte etwas Unwirkliches. Er betete innerlich darum, daß er dies hier nicht nur träumte.

Die Flugbegleiterin gab ihm die Karte wieder.

"Einen angenehmen Flug, Sir."

"Danke."

Er schritt die Gangway hinunter und betrat die Fähre. Unmittelbar hinter ihm wurde die Tür geschlossen. Ein kurzer Blick auf seine Karte. Reihe 10, Sitz A. Ganz gegen seine Gewohnheit hatte er diesmal bei der Buchung auf einen Fensterplatz bestanden. Normalerweise war es ihm völlig gleichgültig, wo er auf dem gut halbstündigen Flug saß, aber heute mußte er es sehen, um glauben zu können, daß er tatsächlich auf dem Weg hinunter war.

Er öffnete das Fach über seinem Sitz, brachte seine Tasche in dem dafür vorgesehenen Stauraum unter und setzte sich. Der Sitz neben ihm war leer. Überhaupt war die Fähre für diesen letzten der täglichen fünf Flüge nach Los Angeles nur zur Hälfte besetzt. Er würde gegen halb neun ankommen, rechtzeitig, um noch den Rest der Abenddämmerung zu erleben, wenn alles glattging. Es war August. Sommer. Er konnte sich kaum noch an die Bedeutung dieses Wortes erinnern, an das Gefühl der Sonne auf seiner Haut. Wie lange war es jetzt her, daß er zuletzt einen Sommer auf der Erde hatte verbringen dürfen? Drei Jahre? Vier Jahre? Er konnte sich nicht mehr erinnern.

August. Alleine das Wort klang herrlich. Sehnsüchtig blickte er aus dem Fenster auf den majestätischen blauen Planeten hinab, der dort - direkt vor ihm - verheißungsvoll in der Schwärze des Alls schimmerte, und suchte Kalifornien, sein Zuhause. Der amerikanische Kontinent lag unter ihm, teils in Wolken verhüllt, teils gut zu erkennen. Die Baja California lag frei, gutes Wetter für Los Angeles. Gut so. Er brauchte die Sonne.

Hicks lehnte sich mit der Stirn gegen die Scheibe und verfolgte, wie die zunächst einheitlich braun wirkende Landmasse mit jedem Kilometer des Abstiegs an Kontur gewann, als die Masse der Erdkugel nunmehr sein ganzes Sichtfeld ausfüllte. Die ockerfarbene Wüste Nevadas, teilweise vom lehmigen Rot der Canyons durchzogen, dann das Grau-Grün der Rocky Mountains. Schließlich begannen die Farben in dem feurigen Orangerot des Sonnenuntergangs zu einem Ton zu verschmelzen, wurden dunkler und dunkler, als die nahe Nacht ihnen allmählich ihre Kraft entzog. vereinzelte Lichter funkelten in dieser Dunkelheit, während sie über die hoch aufragenden Berggipfel flogen. Los Angeles mußte jetzt jeden Augenblick zu sehen sein.

Hicks konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt eine derartig starke Aufregung verspürt hatte. Zwei Jahre lang hatte er diesen Anblick vermißt, zwei Jahre, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen. Würde sie da sein? Würde Ellen da sein? Er hatte fast jeden Abend der vergangenen Woche per Videoübertragung mit ihr gesprochen, sie in ihrer Wohnung, die sie sich mittlerweile in Kentucky gemietet hatte, angerufen, um zumindest eine vertraute Stimme zu hören und sich mit jemandem unterhalten zu können, der ihn verstehen würde. Sie hatten gemeinsam eine Menge durchgemacht, und ihre Gespräche waren weit mehr als bloße Konversation. Sie hatten ihn wieder aufgerichtet, ihm zugehört, als er es am nötigsten hatte. Er hatte ihr von seinen Zweifeln erzählt, seiner Angst, nicht genug für seine Kameraden getan zu haben, und auch von den Träumen. Er war nie der Typ für Alpträume gewesen, hatte nie Probleme damit gehabt. Nach einer dunklen, verzweifelten Phase, die es vor fünf Jahren in seinem Leben gegeben hatte und die er mit Hilfe Sanderson's und diverser psychologischer Tricks im Laufe der Zeit überwunden hatte, war er ein völlig anderer Mensch geworden - der jugendliche, aufgedrehte und stets etwas großspurige Twen hatte sich nach einer Phase der Depression und des Grübelns in einen ruhigen, ausgeglichenen und nur noch schwer aus der Bahn zu werfenden Erwachsenen verwandelt. Er hatte die Hölle bereits hinter sich, nichts, was die Zukunft für ihn bereithalten mochte, würde ihn nach diesem Erlebnis noch leicht erschüttern können.

Verdammt, das hatte er zumindest geglaubt. Aber Acheron hatte ihn eines Besseren belehrt. Er hatte diesen Rückfall nicht mehr für möglich gehalten und war darüber fast ebenso entsetzt wie über die katastrophalen Konsequenzen der Mission. Er brauchte jetzt jemanden, mit dem er seine Empfindungen teilen konnte, jemanden, der ihn verstehen, der ihm helfen würde, die Geschehnisse zu verarbeiten. Aus einem plötzlichen Impuls heraus hatte er Ripley bei einem ihrer Gespräche gefragt, ob sie ihn nicht für ein paar Tage in Kalifornien besuchen kommen wollte - sein Haus wäre schließlich groß genug für sie beide, und er würde sich sehr freuen, wenn sie ihm Gesellschaft leisten würde. Sie hatte nicht lange überlegt, bevor sie zugesagt hatte. Newt's neue Familie hatte ihr unmißverständlich klargemacht, daß sie das Mädchen während der nächsten Wochen an ihre neue Heimat zu gewöhnen dachten, und daß Fremde ihnen dabei nicht willkommen waren. Auch Newt's Bitten und spätere Androhungen, wegzulaufen, hatten daran nichts ändern können. Richard und Susan Larson, Newt's Tante, hatten sich nicht beirren lassen. Ripley hatte bei ihrem letzten Gespräch ziemlich deprimiert geklungen, und Hicks konnte sehr gut nachempfinden, wie einsam sie sich fühlen mußte - schließlich befand er sich in einer ähnlichen Lage.

Ein gemeinschaftliches Aufseufzen im Transporter riß ihn aus seinen Gedanken - es befanden sich einige Heimkehrer auf diesem Flug, und soeben hatte das Shuttle die ersten Ausläufer der 10 Millionen Einwohner zählenden Stadt erreicht.

Im dunkelroten Restlicht der bereits seit einigen Minuten untergegangenen Sonne zogen sich zahllose funkelnde Lichterketten unter ihm wie Diamanten von den gerade überflogenen Bergen bis zum Horizont und weiter darüber hinaus bis zum Pazifik. Flüsse aus Licht markierten die stark befahrenen Freeways, ab und zu schimmerte ein winziger beleuchteter Swimmingpool in einem lebhaften Türkis in der beginnenden Nacht. Das Lichtermeer schien sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken und zauberte ein Lächeln in Hicks' nachdenkliches Gesicht. Zu Hause, endlich wieder zu Hause! Konnte es tatsächlich wahr sein? Ein völlig ungewohntes Gefühl stieg plötzlich in ihm hoch - Schmetterlinge in seinem Bauch, das Kribbeln im ganze Körper - Aufregung! Er konnte es kaum noch erwarten, seinen ersten Atemzug ungefilterter, reiner Luft seit einer Zeitspanne zu holen, die ihm wie ein halbes Leben vorkam.

Die Luft war hier nicht immer so gut gewesen, wie er wußte. Noch vor einem knappen Jahrhundert hatte sich die Erde vor dem Umweltkollaps befunden; über sämtlichen Großstädten der Welt herrschte Dauersmog, und Klimakatastrophen waren an der Tagesordnung. Nur wenige Wälder waren verblieben, und was von ihnen noch stand, war in bemitleidenswertem Zustand; die Meere waren vergiftet und leergefischt, die Welt war ein feindseliger Ort geworden. Buchstäblich im letzten Augenblick war das Steuer herumgerissen worden, ermöglicht durch einige nie für möglich gehaltenen Durchbrüche auf dem Gebiet der Raumfahrt. Die neuen Schiffe waren durchweg schneller und hatten größere Reichweiten, und mit ihnen war die Menschheit in bisher unerforschte Gebiete des Alls vorgestoßen. Ein kleiner, damals noch unbekannter Betrieb mit dem Namen WEYLAND YUTANI revolutionierte die Prozedur des Terra-Forming und legte damit den Grundstein zu seinem unaufhaltsamen Aufstieg zum mächtigsten Konzern des Planeten. Dank dieser neue Methode war es nunmehr möglich geworden, selbst unwirtlichste Staubkugeln innerhalb weniger Jahrzehnte zu bewohnbaren Planeten umzuformen. Je nach der Zusammensetzung der vorhandenen Atmosphäre konnte dieser Prozeß jedoch auch erheblich schneller ablaufen, und so war es der Verdienst WEYLAND YUTANI's, daß bereits wenige Jahre später so gut wie sämtliche Schwerindustrie auf diverse nahegelegene Kolonialwelten versetzt werden konnte.

Die konsequente Verlegung ganzer Industriezweige auf die neugegründeten Kolonien hatte sich schneller bezahlt gemacht, als selbst Optimisten zu hoffen gewagt hatten - offenbar waren die regenerativen Kräfte des Planeten selbst gewaltig unterschätzt worden. Die Bedingungen hatten sich geradezu sensationell schnell wieder verbessert. Lediglich zwanzig Jahre später hatte sich das Klima weitestgehend wieder regeneriert, und die Erde hatte sich durch die von den Kolonien herrührende Entlastung weiter erholen können - viele Menschen hatten ihrem Pioniergeist nachgegeben und waren auf einen der bereits über dreihundert besiedelten Planeten gezogen, was die ursprüngliche Gesamtbevölkerung von nahezu zehn Milliarden auf etwas unter fünf Milliarden gesenkt hatte. Aus reiner Wohnungsnot erbaute Betonburgen an den Rändern der Großstädte wurden abgerissen und mit dem in Labors aufbewahrtem Saatgut wieder eingegrünt - zaghaft und allmählich hatte die Erde wieder zu atmen begonnen. So viele Pflanzen wurden von den Kolonien eingeführt und auf der Erde heimisch gemacht, daß man den blauen Planeten im Scherz bereits zum "grünen Planeten" umtaufte - aus der verkommenen, vergifteten Hölle war ein gigantischer Park geworden, und ein Aufenthalt auf der Erde war heutzutage etwas, das die Augen eines jeden aufleuchten ließen - vergleichbar mit einer mehrwöchigen Kur im Paradies.

Hicks hatte von alledem nur theoretisch gehört - die finstere Geschichte seines Heimatplaneten hatte er nie miterlebt. Dennoch hatte er den Wert der Erde erst zu schätzen gelernt, nachdem er seine ersten Missionen auf weiter entfernten Planeten hinter sich gebracht hatte. War er von Kindheit an immer darauf versessen gewesen, zu den Sternen zu reisen und fremde Welten zu sehen, so hatte ihn die Realität ziemlich schnell ernüchtert. Das All war ein feindseliger Ort, der nur darauf lauerte, daß der winzige, hochmütige Mensch, der sich hindurchkämpfte, einen Fehler machte, um ihm sodann blitzschnell seine Grenzen aufzuzeigen. Nach fast zwei Jahrhunderten der Raumfahrt war das Weltall noch immer ein gefährlicher Arbeitsplatz.

Und wozu das alles, hatte sich Hicks bereits des öfteren gefragt. Es gab keinen Garten Eden da draußen, oder zumindest hatten sie ihn noch nicht gefunden. Keine der Kolonien, auch die ältesten nicht, konnten es an Schönheit mit der Erde aufnehmen. Es schien, daß die dreihundert Planeten alleine zur Rettung der Mutterwelt gefunden worden waren. Durchaus ein edles Ziel, aber Hicks hatte sich die Großartigkeit des Universums immer anders vorgestellt.

Der hell erleuchtete Raumhafen kam in Sicht; dahinter eine gewaltige, dunkelblaue Fläche - der Ozean. Das Shuttle drehte eine weite Schleife über dem Wasser und ging dann runter. Hicks spürte den Druck in seinen Ohren, als der Transporter kontinuierlich abbremste und zu guter Letzt sanft und sicher auf der Betonpiste vor dem Terminal 4 des Hafens aufsetzte. Hicks riß seine Tasche an sich, warf sie sich über die Schulter und verließ den Transporter als einer der ersten. Er mußte an sich halten, um nicht im vollen Lauf die Gangway entlang zu stürmen, so sehr verlangte es ihn danach, endlich nach draußen zu kommen.

Er brachte die Kontrollen in Rekordzeit hinter sich, und mit einem Male stand er in der gigantischen Eingangshalle des Raumhafens, und nur noch wenige Schritte trennten ihn von seinem ersten Atemzug im Paradies.

"Dwayne? Dwayne!"

Hicks drehte sich nach der Stimme um und sah eine große, schlanke Gestalt auf sich zukommen. Verblüfft blieb er stehen. Konnte das... war das...?

"Ellen?" fragte er ungläubig. Sie war kaum wiederzuerkennen. In seiner Erinnerung existierte lediglich dieses Bild der emotional und körperlich völlig erledigten Frau, der man den Grad ihrer Erschöpfung nur allzu deutlich an den Augen hatte ablesen können. Der Frau, deren Blässe sie nach 59 Jahren im All krank und verletzlich hatte wirken lassen. Vor ihm stand ein völlig neuer Mensch. Die Sommersonne hatte Ripley's ehemals blassen Gesicht einem frischen, rosigen Teint verliehen, der sie gesund und erholt aussehen ließ. Nicht nur das, ihre ganze Haltung drückte Ruhe und Entspannung aus, der mißtrauische, gehetzte Blick, den Hicks so gut kannte, war völlig aus ihren Augen verschwunden, und selbst die scharfen, kleinen Fältchen um ihre Augenwinkel hatten sich verringert. Hicks schätzte, daß er neben ihr wie ein übernächtigter Zombie wirken mußte. Er schüttelte den Kopf, als er seinen alten Armee-Rucksack abstellte, und lächelte.

"Bist du es wirklich?"

"Ich bin es wirklich. Herzlich willkommen zu Hause!"

Sie umarmte ihn, drückte ihn für ein paar Sekunden fest an sich und trat dann einen großen Schritt rückwärts, um ihn zu mustern. Ihre Miene wurde sofort ernster. Hicks bemerkte, wie ihr Blick an der Narbe in seinem Gesicht hängenblieb.

"Du siehst schlecht aus," stellte sie schließlich allgemein fest. Er seufzte.

"Ja, ich weiß. Die letzten Wochen waren nicht ganz einfach für mich. Die letzten zwei Jahre, um genau zu sein. Meine Akkus sind leer. Aber ich bin hier, um das zu ändern." Er blickte sie an. "Du siehst übrigens phantastisch aus. Ich hoffe, dir geht es so gut, wie es den Anschein hat?"

Ripley lachte leise. Aber es war kein frohes Lachen.

"Ja, sicher, mir geht es gut. Ich bin ja schließlich schon seit drei Wochen hier unten. Das Wetter ist phantastisch, Kentucky eine einzige Parklandschaft... es könnte perfekt sein. Aber diese Sache mit Newt macht mir schon ziemlich zu schaffen. Ich habe sie jetzt schon eine Woche lang weder sehen noch sprechen können. Ihre neue Familie schirmt sie vor mir ab. Ich glaube, daß es auch sie sehr mitnimmt. Sie mußten sie fast mit Gewalt zwingen, mit ihrer Tante mitzugehen. Mir kommen immer noch die Tränen, wenn ich daran denke, wie sie mich aus dem Wagen heraus angesehen hat, als sie abfuhren. Sie wirkte so...verloren."

Hicks nickte verständnisvoll.

"Es ist unglaublich, daß sie die Kleine nicht bei dir bleiben lassen. Ich meine, Verwandtschaft hin, Verwandtschaft her, ihre Tante kennt sie doch überhaupt nicht. Während du für sie bereits durchs Feuer gegangen bist. Diese verdammten Bürokraten..."

Er schwang sich den Rucksack wieder auf den Rücken und deutete zum Ausgang.

"Okay, reden wir draußen weiter. Wenn ich auch nur noch eine Minute länger diesen gefilterten Mist einatmen muß, kippe ich um! Wo stehst du?"

"Gleich da drüben. B-Deck, ganz hinten." Ripley lief an ihm vorbei zur Tür, blieb direkt davor stehen und drehte sich um. "Bist du bereit?"

"Seit zwei Jahren bin ich bereit!"

Sie trat einen Schritt vor, und die Türen öffneten sich. Schnell schritt sie hindurch und trat dann zur Seite, um Hicks zu beobachten, der - plötzlich zögernd - hinter ihr folgte, ein merkwürdiger Ausdruck auf seinem Gesicht. Er blieb stehen. Ripley konnte sehen, wie sich sein Brustkorb hob und senkte, als er einen allerersten, tiefen Atemzug des wunderbarsten Parfüms kostete, das es in der Galaxis überhaupt geben konnte.

Sämtliche Empfindungen stürmten zugleich auf Hicks ein: zunächst die Wärme, die selbst jetzt, kurz nach Sonnenuntergang, noch ahnen ließ, was für ein heißer Tag es gewesen sein mußte, dann die leichte Brise, die den salzigen Geruch des nahegelegenen Pazifiks mit sich führte und durch seine Haare wehte, das leichte Rauschen des Windes in den Palmen, ferne Möwenschreie. In diesem Augenblick hätte er zufrieden sterben können. Es war ein atemberaubender Cocktail aus Hunderten von Sommergerüchen und -geräuschen, den er in sich aufsog, und das abwesende, glückliche Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, während seine Augen irgendwo auf einen fernen Punkt fixiert waren, berührte Ripley. Es war das vollkommene Bild eines Menschen, der nach langer Irrfahrt endlich wieder heimgekommen war.

Eine volle Minute lang blieb Hicks so stehen und ließ die verschiedenen Eindrücke auf sich wirken, bevor er sich schließlich langsam, wie in Trance, seiner Begleiterin zuwandte. Er wollte etwas sagen, wollte, daß sie verstand, was in diesem Augenblick in ihm vorging, aber er suchte vergeblich nach den richtigen Worten. Worte konnten nicht ausdrücken, was er jetzt empfand. Als er jedoch Ripley's Blick begegnete, sah er, daß sie verstand. Oh ja, sie verstand vollkommen. Sie kannte dieses unvergleichliche Gefühl bestens. Vor nur drei Wochen war es ihr vermutlich ebenso ergangen. Es dauerte eine Weile, bis seine Stimme ihm wieder gehorchte.

"Es fühlt sich gut an, wieder zu Hause zu sein..."

Er hatte leise gesprochen, fast geflüstert, aber sie hatte es gehört. Sie lächelte wissend. Hicks hob den Kopf und blickte sich um, ließ die Augen über die spiegelnden Reflexionen des letzten Tageslichts in der Spezialglaskuppel des Raumhafens schweifen, die wenigen, träge über den Himmel ziehenden Wolken, weiter hinten das funkelnde Lichtermeer der Stadt. Leise Verkehrsgeräusche drangen aus der Ferne an seine Ohren.

Die pumpende, ohrenbetäubende Musik aus einem vorbeifahrenden Wagen ließ den Zauber des Augenblicks schließlich vergehen. Er wandte sich schließlich wieder Ripley zu, die geduldig neben ihm wartete, und nickte.

"Okay. Okay, wir können."

"Sicher?"

"Sicher. Der nächste Nostalgieschub kommt dann zu Hause..."

Die Fahrt nach Long Beach hinunter verlief ruhig. Ripley lenkte den Jeep durch den schnellfließenden Verkehr auf der 405 Richtung Süden, ohne auf das automatische Leitsystem zu wechseln, das das Autofahren in den letzten Jahren noch sehr viel vereinfacht und die Unfallrate drastisch gesenkt hatte und inzwischen für jeden Wagen zwingend vorgeschrieben war. Der Grund, weswegen sie nicht wechselte, war einfach: Hicks' altem Jeep fehlte das Gerät noch immer. Entgegen zahlreicher Ermahnungen von Freunden, die Sache könne unangenehm und teuer werden, wenn er einmal in eine Kontrolle geriet, hatte Hicks bisher auf den Einbau verzichtet. Das Bauteil lag zu Hause in der Garage, und dort lag es seiner Meinung nach gut. Er fuhr lieber selbst, er wollte keinen Autopiloten. Eine Fahrt per Leitsystem war seiner Ansicht nach eine der langweiligsten Angelegenheiten, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Man hatte keine Chance, die Fahrt zu beeinflussen; das System zwang einen, jedes noch so überflüssige Tempolimit einzuhalten, es vereitelte eine innovative Fahrweise, das Ausprobieren abenteuerlicher Abkürzungen und auch sonst alles, was einem am Fahren überhaupt Spaß machen konnte. Ripley war nicht böse darüber. Zu ihrer Zeit hatte es das System noch nicht gegeben, und so konnte sie fahren, wie sie es gewohnt war. So mußte sie sich zwar mehr konzentrieren, aber Hicks, der sowieso nicht der Typ für endlose Unterhaltungen war, befand sich eh in einer extrem schweigsamen Stimmung und hatte, obwohl er sich freute, Ripley wiederzusehen, nur Augen für das sie umgebende Lichtermeer der Stadt, gerade so, als sähe er das alles zum ersten Mal.

Im gewissen Sinne war es ja auch so, sagte sich Ripley. Sicher hatte es während der letzten Monate und Jahre Momente gegeben, in denen er nicht mehr damit gerechnet hatte, noch einmal zurückzukehren. Sicherlich sah er seine Heimatstadt jetzt mit anderen Augen. Sie warf einen kurzen Seitenblick auf ihn. Er wirkte ernst und irgendwie meilenweit entfernt. Sie hätte gerne gewußt, wo seine Gedanken jetzt gerade waren. Mit einem Mal kam ihr das Schweigen drückend vor.

"Übrigens, Dwayne, dein Haus gefällt mir. Und die Umgebung gefällt mir sogar noch besser! War das ein herrliches Gefühl letzte Nacht, von den Wellen in den Schlaf gewiegt zu werden!"

Er lächelte, durch ihren Ausbruch jäh aus seinem Grübeln gerissen.

"Ja, das liebe ich daran auch. Man könnte auf die Idee kommen, man sei der einzige Mensch im Umkreis von Meilen." Er blickte wieder nach vorne. "Ich bin auch kein Stadtmensch, ich brauche meine Ruhe. Meine Arbeit ist schon aufregend genug. Wenn ich mal einen draufmachen will, setze ich mich eben in den Wagen und fahre 'ne halbe Stunde. Kommt eh selten genug vor, daß ich hier bin... Ich kann mich kaum noch an meine Einrichtung erinnern, so lange ist es schon her! Eigentlich hatte ich ein ziemlich schlechtes Gewissen dabei, dich zuerst dort wohnen zu lassen - wahrscheinlich mußtest du dich erstmal durch Mauern von Spinnweben und Staub hindurchkämpfen, oder?"

"Nein, keine Angst. Es war alles ziemlich gut in Schuß. Dein Nachbar hat von Zeit zu Zeit saubergemacht, wie er mir erzählt hat. "

"Tatsächlich?"

Sie nickte.

"Er war schon richtig beunruhigt, weil er so lange nichts mehr von dir gehört hatte. Dachte, dir wäre etwas passiert."

"Das habe ich gemerkt, als ich ihn neulich anrief, um ihn zu bitten, daß er dir den Schlüssel gibt. Ich glaube, zuerst hat er mich gar nicht erkannt. War mir gar nicht bewußt, daß ich mich dermaßen verändert habe."

Er begegnete Ripley's prüfendem Blick.

"Was?"

"Also, ich kenne dich ja noch nicht lange, aber wenn du das auf den Fotos im Haus bist, dann kann ich deinen Nachbarn verstehen."

"Auf den Fotos?" Hicks dachte einige Augenblicke lang scharf nach. In der Zwischenzeit setzte Ripley den Blinker und fuhr vom Freeway ab auf die Küstenstraße. Einige hell erleuchtete, mehrstöckige Gebäude säumten zunächst die Uferpromenade, aus einigen Gärten konnte man Musik vernehmen, doch als sie weiterfuhren, wichen die großen Hotels und Apartmentanlagen zunehmend kleinen Pensionen und schließlich privaten Häusern, die ebenfalls durch mehr und mehr Grün voneinander getrennt wurden. Eine kräftige Brise wehte vom Wasser her heran und besprenkelte sie mit feinsten Tropfen. Hicks verstummte wieder. Ripley konnte es ihm nicht verdenken. Manche Leute sprudelten heraus, wenn sie die Gefühle überwältigten, andere schwiegen und ließen einfach die Eindrücke auf sich wirken. Sie selbst gehörte ebenfalls zum stillen Typ.

Vor einem alten, aus dunklem Holz erbauten Haus, das nur von der einspurigen Straße vom am Strand getrennt war, brachte sie den Wagen schließlich zum Stillstand. Ripley lehnte sich zurück und blickte ihren Beifahrer an.

"Da wären wir. Willkommen zu Hause, Dwayne. Dies ist kein Traum."

Er blieb noch einen Augenblick lang wie benommen sitzen, den Blick auf das Haus gerichtet, und atmete tief durch, bevor er langsam die Autotür öffnete und sich erhob. Es war still. Nur das Rauschen der Brise in den Palmen und Sträuchern war zu hören und das Bellen eines Hundes in der Ferne, sonst nichts. Hicks stand noch immer reglos da und ließ den Blick über die von Wind und Wetter gezeichnete Fassade seines Hauses gleiten, über die Terrasse, die neben der Tür angebrachte, rustikale Lampe, dann zum völlig verwilderten, riesenhaften Garten, und weiter den Bootssteg entlang hin zum Meer. Mehrere Minuten vergingen, und als er Ripley schließlich zunickte, war diese überrascht über den verlorenen Blick in seinen Augen; fast glaubte sie, ein verräterisches Glänzen in ihnen entdeckt zu haben, doch im nächsten Augenblick war sie sich nicht mehr ganz so sicher. Es konnte auch ein Effekt der nächtlichen Straßenbeleuchtung sein. Sie lief hinter Hicks her, als dieser endlich die Straße überquerte, um sodann zögernd das Tor des Holzzaunes aufzustoßen und den gekiesten Weg zwischen den beiden verwilderten Rasenflächen zur Haustür entlang zu gehen und dort zum Stehen zu kommen.

Ripley reichte ihm wortlos den Schlüssel. Entgegen der meisten anderen Türen, die mit elektronischen Codes und Codekarten gesichert waren, ließ sich dieses Relikt noch immer mit einem altmodischen Schlüssel öffnen. Das entsprach zwar nicht mehr unbedingt dem gängigen Sicherheitsstandard, aber für Hicks war das eine der unwichtigsten Sachen der Welt. Er hatte nichts, was es sich zu stehlen lohnte, selbst wenn jemand einbrechen sollte. Heutige Einbrecher waren zumeist auf High-Tech aus und klauten nur die teuersten und neuesten Dinge, und die wenigen Geräte, die er im Haus hatte, waren zumeist vom Stand der Technik bereits völlig überholt. Es machte ihm nichts aus, er benötigte nicht mehr. Wenn er zu Hause war, verbrachte er seine Zeit sowieso überwiegend draußen - herumsitzen und lesen oder fernsehen konnte er schließlich auch auf GATEWAY. Dort gab es auch Holodecks und Illusos, die alleine dem Bestimmungszweck dienten, einen die trübe Atmosphäre des Metallkolosses einigermaßen vergessen zu lassen, was Hicks' Meinung nach nichts weiter als Selbstbetrug war, da es einem, wenn man die Illusion mit einem einfachen Knopfdruck wieder vernichtete, anschließend nur um so dreckiger ging. Nein, es war die Natur, die die Raumstation nicht bieten konnte.

Er drehte den Schlüssel herum, hörte das vertraute, sandige Knacken im Schloß und öffnete schließlich die Tür. Er atmete tief ein und betrat den Raum. Lautlos folgte ihm Ripley und knipste mit einer beiläufigen Handbewegung das Licht an. Das Licht fiel auf einen großen, runden Couchtisch, auf dem ein üppiger Blumenstrauß stand, um den eine Banderole mit dem Aufdruck "Herzlich willkommen zu Hause!" drapiert war. Vor dem Strauß stand eine verlockend aussehende Erdbeertorte, daneben lag eine Karte.

Hicks schlug sie auf und las. Ripley studierte dabei interessiert seinen Gesichtsausdruck. Es war offensichtlich, daß er sich gewaltig beherrschte, um hier nicht vor ihren Augen die Fassung zu verlieren. Sein Gesicht war unbewegt, aber an seinen Augen konnte sie erkennen, wie sehr seine Emotionen in Aufruhr geraten waren. Sie wollte ihm sagen, daß er sich ruhig gehenlassen könne, daß es nichts gab, was er vor ihr verbergen mußte, daß sie ihn vollkommen verstehen könne, doch instinktiv spürte sie auch, daß er in diesem Augenblick am liebsten alleine gewesen wäre. Er war es nicht gewohnt, seine Gefühle mit anderen zu teilen. Diese Eigenschaft mußte irgendwo verlorengegangen sein, denn Ripley konnte sich nicht vorstellen, daß dies seine Natur war. Sie wußte noch nicht viel von ihm, aber sie lernte mit jeder Minute hinzu.

Schließlich wandte sich Hicks nach ihr um. Er wirkte gerührt.

"Vielen Dank, Ellen." Er wollte noch etwas sagen, aber offensichtlich fand er nicht die richtigen Worte. Deshalb deutete er schließlich auf die Torte und fragte: "Woher hast du das mit den Erdbeeren gewußt?"

"Die Torte ist von Neil," klärte sie ihn auf. "Wir haben auch gemeinsam deinen Kühlschrank aufgefüllt. Du kannst also aus dem Vollen schöpfen."

"Himmel, ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen. Ihr beiden müßt geschuftet haben. Es sieht ja aus, als sei ich nie weg gewesen!" Er strich mit der Hand beiläufig über die Sofalehne, den Tisch, dann die Wand, fast, als müsse er sich nochmals versichern, daß dies nicht einfach nur ein Traum wahr. Aber es fühlte sich sehr solide an.

"Denk nicht daran," hörte er Ripley dicht hinter sich sagen, kurz bevor er ihre Hand auf seiner Schulter spürte.

"Wir haben es gerne getan. Und es hat auch Spaß gemacht. Ich habe mich die ganze Zeit phantastisch mit Neil unterhalten. Du hast Glück, daß du einen dermaßen netten Nachbarn hast." Sie ging an ihm vorbei und betrachtete einige Fotos, die auf dem ansonsten kahlen Sideboard standen. "Aber er hat recht. Du bist wirklich kaum wiederzuerkennen..." Sie deutete auf eines der Bilder. Hicks folgte ihrem Blick. Das Bild zeigte ihn und Frost in dessen neuem Wagen, der damals sein Ein und Alles gewesen war. Ein Schatten huschte über Hicks' Gesicht, als er es betrachtete. Frost grinste triumphierend und stolz auf seine ihm eigene, unnachahmliche Art in die Kamera, während er selbst eine spöttische Miene zur Schau stellte. Hicks konnte sich nur zu gut an diesen Tag erinnern. Er hatte damals gerade einen Spruch über die selbstmörderischen Fahrkünste seines Freundes losgelassen hatte, diese Aufnahme entstanden war. Es war ein perfekter Sommertag gewesen, heiß und sonnig, in der Mitte ihres viermonatigen Erdaufenthalts. Sie waren - gemeinsam mit einigen Freunden - auf dem Weg hinaus nach Santa Barbara gewesen, um dort die Hochzeit eines Kameraden zu feiern, und die Fahrt hatte schließlich in einem Wettrennen zwischen Frost und Crowe gegipfelt, daß sein Freund natürlich für sich hatte entscheiden können - allerdings nur, indem er sie durch einige unkonventionelle Fahrmanöver eine gehörige Menge Staub hatte schlucken lassen. Und jetzt war er tot. Es würde keine weiteren Rennen auf dem Pacific Coast Highway geben, keine Feiern in Santa Barbara, nicht für Frost. Der Schmerz über den Verlust überfiel Hicks mit neuer Heftigkeit. Er hatte für einen Augenblick seine Deckung hinuntergelassen, hatte sich erlaubt zu träumen, und jäh hatte ihn die bittere Realität wieder eingeholt.

Er betrachtete sein eigenes Gesicht auf dem Foto. Gott, er sah dort noch so jung aus mit den längeren Haaren und dem von der Sommersonne braungebrannten Gesicht, konnte es wirklich erst zweieinhalb Jahre her sein? Es fühlte sich an, als habe er inzwischen ein ganzes Leben hinter sich gebracht.

"Wer ist sie?"

Ripley hielt ein anderes Bild in den Händen. Hicks sah, daß es schwarzweiß war, und damit wußte er auch sofort, welches Foto und wen darauf sie meinte. Sein Gesicht blieb unbewegt, als er antwortete.

"Das ist Faith. Meine Freundin... damals."

"Damals?"

Hicks warf einen kurzen Blick auf das Foto. Es war vor fünf Jahren während einer stürmischen Katamaranfahrt zu viert entstanden. Er hielt sie von hinten umarmt, den Kopf auf ihre Schulter gestützt, und sie beide lachten mit einer Unbeschwertheit in die Kamera, von der sich Hicks kaum noch vorstellen konnte, daß er sie einmal besessen hatte. Nur Sekundenbruchteile nach der Aufnahme war eine große Welle gekommen und hatte sie beide bis auf die Haut durchnäßt. Er konnte sich noch an diesen Tag erinnern, als wäre es gestern gewesen. Sein Blick blieb an ihrem Gesicht hängen. Die dunklen Augen, die hohen Wangenknochen... Abrupt wandte er sich ab.

"Es ist schon eine Weile her. Hör zu, ich ... ich bin heute abend nicht in der Stimmung dafür. Da sind zu viele Erinnerungen, die ich jetzt lieber nicht auffrischen möchte."

"Entschuldige, ich wollte nicht -"

"Schon gut."

Hicks ergriff seine Tasche und ging zur Treppe hinüber, blieb dort stehen und blickte hinauf in das Dunkel. Ripley stellte das Bild zurück und folgte ihm, sich über ihre Neugierde ärgernd. Als er hereingekommen war, hatte er fast glücklich gewirkt, doch jetzt wirkte sein Gesicht ernst und verschlossen. Offensichtlich war sie, ohne es zu wollen, an irgendeinen Punkt gekommen, der ihm wehtat. Sie ergriff seine Hand.

"Dwayne, bitte, es tut mir leid."

Er lächelte schwach.

"Schon gut...Es ist meine Schuld. Wenn ich sie wirklich vergessen wollte, hätte ich das Bild schon längst weggeworfen."

Er stieg die Stufen hoch. Das Holz knarrte leicht unter seinem Gewicht.

"Ich werde dir von ihr erzählen. Aber nicht heute. Heute ist nicht der Tag dafür. Jetzt werde ich nur noch eins tun."

"Und das wäre?"

Ripley folgte ihm durch den Korridor und stand hinter ihm, als er die Tür zum Schlafzimmer aufstieß und die Tasche mit einem Schwung auf's Bett stellte. Er ging weiter zur Balkontür, öffnete diese und trat hinaus, um auf den Strand hinauszublicken. Schließlich wandte er sich nach ihr um.

"Es ist so eine Art Ritual. Wie eine Taufe. Wenn ich nach Hause komme, muß ich immer eine Runde schwimmen gehen. Egal wie spät. Das gehört dazu. Kommst du mit?"

"Jetzt?"

Ripley blickte auf ihre Uhr. Mittlerweile war es fast elf geworden. Sie hatte einen anstrengenden Tag gehabt und war mehr als müde. Himmel, er mußte auch müde sein, schließlich hatte er die letzten Wochen in der Krankenstation verbringen müssen, und es war ihm anzusehen, daß er noch längst nicht wieder völlig bei Kräften war. Aber wenn er darauf bestand... Sie zuckte die Achseln.

"Okay. Gehen wir schwimmen..."

***

"Nächste Treppe runter. Eng beisammenbleiben, Leute."

Apone's Stimme drang schwerlich durch das statische Rauschen in Hicks' Kopfhörern hindurch. Er befand sich am Ende der Truppe, das Impulsgewehr entsichert und schußbereit in den Händen. Das schwere Gewicht der Waffe spürte er kaum. Seine Augen glitten über bizarre Wandvorsprünge, die in dem diffusen Licht der C-Etage wie geschmolzenes Metall erschienen. Irgendwie lebendig...

Hicks hatte dergleichen noch nie gesehen, es sah so unmenschlich aus, daß ihm alleine der Anblick einen kalten Schauer über den Rücken jagte. In seinem Magen hatte sich eine klamme Kälte eingenistet, das Gefühl eines allgegenwärtigen Bösen in diesen dunklen Katakomben war überwältigend. Er drehte sich nach jedem zweiten Schritt um, das Gewehr emporgerissen, doch die Augen, das Ding, das er ununterbrochen im Nacken zu spüren glaubte, es war nicht dort. Nichts. Nur diese seltsame feuchtglänzende, aber dennoch trocken-kühle Masse an den Wänden. Was - verdammt - war das für ein Zeug? Hicks vermied es tunlichst, irgend etwas davon zu berühren. Allmählich bekam er ein ganz schlechtes Gefühl, was diese Mission betraf. Hatte er die Sache vorher auf die leichte Schulter genommen, so wollte jetzt das Gefühl der Beklemmung nicht mehr von ihm weichen.

Bestand die Möglichkeit, daß Ripley tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte? Hicks kniff die Augen zusammen, um den Schweiß aus ihnen herauszubekommen. Heiß war es hier drinnen, höllisch heiß. Er konnte spüren, wie das Wasser in Strömen seinen Nacken hinunterlief. Um so seltsamer, daß dieses merkwürdige Zeug eine solche Kälte verströmte. Beunruhigt versuchte er sich wieder auf das Auf und Ab der Köpfe vor ihm zu konzentrieren; Hudson, Frost, Dietrich...

Durch seine Kopfhörer tönte plötzlich ein gedämpftes "Oh, Jesus!" Es klang nach Apone. Es klang erschüttert. Hicks stutzte besorgt. Was konnte einen Mann wie den Sergeant überhaupt erschüttern? Anderes Gebrabbel drang jetzt durch die Statik, Hudson's Stimme, bald von anderen überlagert.

"Scheiße, man!!"

"Gottverdammt, was war hier los?"

Die Stimmen waren leise, kaum hörbar. Klangen ebenso erschüttert wie Apone's. Als Hicks in den nächsten Raum trat, sah auch er, was geschehen war. Seine Kehle war plötzlich rauh, und irgendwie begann sein Magen unangenehm kalt zu pulsieren. Die Wände! Die Wände hingen voller Leichen! Menschen, zerfetzt, mit verrenkten Körpern, gebrochenen Gliedern, teilweise fehlenden Gliedmaßen, die Gesichter ausnahmslos in einem Ausdruck größten Entsetzens erstarrt. Der Boden, über den Hicks herankam, klebte. Er mußte nicht erst hinunterblicken, um zu wissen, daß es Blut war. Der Raum stank, stank nach Tod und Verwesung.

Hicks wurde übel. In irgendeiner Weise von dem entsetzlichen Anblick fasziniert, trat er näher. Und plötzlich wußte er, was passieren würde, er wußte, daß gleich -

"Sarge, Sarge!!" Hudson's hysterische Stimme dröhnte plötzlich in seinen Ohren, ließ ihn zusammenfahren. Er wirbelte herum, eilte mit Riesenschritten auf den ComTech zu, auf den Ring von Soldaten, seine Kameraden, die in stummem Schock auf das blickten, was Hudson entdeckt hatte. Hicks kämpfte sich durch den Wall von Körpern hindurch, seine Wahrnehmung verlangsamte und intensivierte sich unvermittelt um ein Vielfaches. Er wußte, was er hier finden würde, er wußte es! Er hatte es schon unzählige Male gesehen! Aber gleichzeitig war es auch neu, neu und genauso schockierend wie beim allerersten Mal. Als stünde eine Hälfte von ihm als wissender Beobachter über allem, während die andere in dem ahnungslosen Abbild seiner selbst steckte. Ein Gefühl der Bewußtseinsspaltung.

Hudson's Kopf tauchte vor ihm auf, die Augen weit aufgerissen, den Mund zu irgendeinem hysterischen Wortschwall öffnend, der an Hicks abprallte, ihn als permanente Geräuschkulisse umhüllte. Hicks verstand nicht, was der ComTech brüllte, er stieß ihn einfach beiseite. In Zeitlupe gab Hudson das Blickfeld frei, in Zeitlupe nahm Hicks die zerfetzten, schier zerrissenen Körper von Lt. Gorman, Ferro und Spunkmeyer wahr, daneben hing eine kleine Gestalt apathisch an der Wand. Newt! Und neben ihr - oh Gott!! Er versuchte zu schreien, doch es kam kein Laut über seine Lippen, als er Ripley ansah. Ihre Augen standen offen, weit offen, und ihr Körper zuckte unkontrolliert in seinen biomechanischen Fesseln. Ihr Hals bog sich zurück, und ein gellender Schrei, der von unglaublichem Schmerz zeugte, drang aus ihrer Kehle.

Hicks rannte auf sie zu - Zeitlupe - um sie von dem widerlichen Zeug zu befreien, als ein häßliches, feuchtes Reißen ertönte und ihre Brust in einer Explosion von Blut schier zersprang. Hicks wurde durchtränkt, es lief über sein Gesicht, ließ seine Uniform am Körper kleben. Der Schrei hallte weiter, schwoll an zu einem vielstimmigen Crescendo, als um ihn herum die Hölle losbrach. Hicks stöhnte gequält auf, als er sich von Ripley abwandte, um zu erfahren, was mit seinen Kameraden los war. Eine Bewegung am äußersten Rand seiner Wahrnehmung ließ ihn den Kopf drehen. Die Wände wurden lebendig!

Ecken und Vorsprünge verwandelten sich in dunkle, schleimige Tentakel, monströse Doppelkiefer, todbringende zentimeterlange Klauen. Aliens. Hunderte. Tausendes. Sie bewegten sich fließend, graziös, als seinen sie auf irgendeine geheimnisvolle Art schwerelos, dennoch mit tödlicher Schnelligkeit. Hicks stand da mit zugeschnürter Kehle, starrte im Schock auf das sich anbahnende Massaker. Warum sahen die anderen die Bestien nicht?

"Frost! Vorsicht!" wollte er seinen Freund warnen, aber durch das Geschrei der anderen drang nichts mehr durch.

"Froooost!" Eine rasiermesserscharfe Doppelklaue fand den Hals des Troopers, durchtrennte Fleisch und Sehnen wie Butter. Zentimeterlange Zähne wühlten sich in den Körper Frosts, zermalmten ihn. Hicks wollte das Gewehr heben, doch es wog plötzlich zentnerschwer.

"Vasquez! Hudson! Paßt auf! Hinter euch!"

Zeitlupe. Eine bizarre Silhouette löste sich von der Decke und begrub die beiden unter sich. Dunkelheit, das Kreischen von Stimmen in seinem Kopf. Er wandte sich Apone zu, wollte seine Befehle erhalten, doch als er seinen Vorgesetzten ansah, wankte dieser vor ihm zurück, das Gesicht in namenlosem Entsetzen verzogen. Hicks fuhr herum, in Zeitlupengeschwindigkeit, als befinde er sich auf einer Welt mit 10 G, als müsse er sich durch einen dicken, unsichtbaren Nebel kämpfen.

Es war entsetzlich. An der Stelle, an der Ripley's Körper im Geburtenwall der Aliens hing, zuckte ein deformiertes, blutiges Etwas, in einer Metamorphose befindlich, die jenseits des menschlichen Verstandes lag. Unfähig, auch nur zu blinzeln, verfolgte Hicks, wie Ripley's Gesicht sich verformte, Kopf und Finger länger wurden. Der Unterkiefer schob sich vor, Zähne, zentimeterlang und durchsichtig wie Glas, wuchsen über ihre schwindenden Lippen. Ripley's Finger wurden zu kraftvollen, klauenbewehrten Doppelfingern, ihr Körper streckte sich, wurde skelettartig. Ihre Augen begannen zu schwinden, doch in ihnen konnte Hicks noch das verzweifelte Bemühen lesen, dieser Verwandlung etwas entgegenzusetzen, sie zu stoppen. Die stumme Bitte, sie zu töten.

Irgendwie schaffte es Hicks, das Gewehr zu heben, er zielte.

"Hicks!!"

Der warnende Schrei ließ ihn noch einmal herumfahren. Ein dunkler, glitzernder Schatten sprang ihn an, schon zu nahe, als daß er seinen Umriß hätte erkennen können. Instinktiv drückte er ab, das für Ripley bestimmte Geschoß zerriß statt dessen die Bestie. Ein heißer, dampfender Schwall spritzte ihm entgegen, traf seine Arme, seine Brust, sein Gesicht. Heiß! Es war so verdammt heiß! Für einen kurzen Moment verzogen sich die von seiner Haut aufsteigenden Dampfschwaden, und Hicks' fassungsloser Blick fiel auf kochendes Fleisch, durch das weiß die Knochen schimmerten. Und er schrie, schrie aus Leibeskräften -

- schrie sich wach. Mit einem Ruck fuhr er hoch, die Augen weit aufgerissen, das graue Rippenshirt klebte an seinem Körper. Sein Herz schlug wie verrückt, peitschte das Blut durch seine Adern, die sich deutlich unter der Haut abhoben. Nur ganz allmählich drang die Realität zu ihm durch. Er war nicht mehr auf Acheron, er war zu Hause. Es war noch dunkel, aber das sanfte Wellenrauschen, das durch die geöffnete Balkontür ins Schlafzimmer drang, half ihm schließlich bei der Orientierung. Er war zu Hause, in Los Angeles. Millionen Kilometer von ihnen entfernt.

Ein tiefer Atemzug. Noch einer. Ein. Aus. Ein. Aus. Es dauerte lange, bis der Trommelwirbel seines Herzens sich allmählich beruhigte, der Alptraum widerstrebend der Realität zu weichen begann, ohne jedoch dabei nennenswert an Schrecken zu verlieren. Hicks fuhr sich mit den Händen durch die schweißnassen Haare, schloß die Augen.

Er hatte gehofft, dem Traum hier unten entgehen zu können, er hatte sich eingeredet, daß die andere, vertraute Umgebung die Schreckensvisionen verblassen lassen würde, doch er hatte sich getäuscht. Seine Hand blieb unbewußt an der Narbe hängen, fuhr die dünne, rote Linie in seinem Gesicht entlang, mit der die Aliens ihn gebrandmarkt hatten. Die Hand zitterte. Er hielt sie vor sich, starrte hinunter. Ballte sie schließlich zur Faust.

"Mein Gott..."

So konnte es nicht weitergehen. Irgendwann einmal mußte er beginnen, sich zu entspannen, oder er würde überschnappen. Ein kurzer Seitenblick zur Uhr hinüber. Es war gerade erst kurz nach Vier. Mehr als genug Zeit, sich noch einmal schlafen zu legen. Er war kaputt und müde, er brauchte den Schlaf. Eine Weile blickte Hicks zweifelnd zum Wecker hinüber, um dann letztendlich doch die Beine auf den Boden gleiten zu lassen und sich mit einem Ruck zu erheben. Er konnte jetzt nicht mehr schlafen. Angst hielt ihn wach. Die Angst davor, dem Traum in dieser Nacht noch ein zweites Mal zu begegnen.

Er zog die dünnen Vorhänge beiseite und trat auf den Balkon hinaus. Das majestätische Rauschen der Brandung empfing ihn. Die Flut kam gerade herein. Ansonsten war es noch immer still. Hicks trat an das Geländer und blickte auf das Meer hinaus, auf die fernen Lichter des Hafens von Long Beach auf der anderen Seite der Bay. Ein heller Streifen am Horizont kündete davon, daß der Tag nicht mehr allzu weit entfernt war. Es war noch immer sehr warm. Hicks störte die Hitze nicht, er war Schlimmeres gewohnt. Nach der langen Zeit, die er auf Raumstationen, Schiffen und fremden Planeten hatte verbringen müssen, begrüßte er die Wärme sogar. Im All war es immer kalt. Man gewöhnte sich zwar mit der Zeit daran, aber wenn man sich erst einmal wieder auf der Erde befand, bemerkte man, wie sehr man die wärmende Kraft der Sonne vermißt hatte.

Einige Minuten lang stand er dort, reglos, und hörte den Wellen zu, während der Alptraum langsam weiter an Kraft verlor. Schließlich wandte er sich um und blickte nachdenklich zum Fenster des Gästezimmers hinüber, hinter dem Ripley schlief. Schlief sie wirklich? Oder hatte sie das gleiche Problem? Hatte sie die Träume überwunden? Er wünschte es ihr. Verdammt, es konnte einen zermürben, Nacht für Nacht seinen Urängsten gegenüber zu stehen. Leise ging er hinüber, stellte sich neben das Fenster und spähte hinein. Sie schlief. Gut für sie. Er selbst würde es nicht noch einmal versuchen.

Hicks blickte wieder hinunter. Mittlerweile war es merklich heller geworden, der Sonnenaufgang konnte nicht mehr allzu fern sein. Er gab sich einen Ruck. Er würde einen schönen, langen Strandlauf machen, die Gedanken treiben lassen und sich einfach an der Tatsache zu erfreuen versuchen, endlich wieder zu Hause zu sein. Nach den drei Wochen in Sanderson's Obhut fühlte es sich zudem an, als könne er ein wenig Konditionstraining recht gut vertragen. Lautlos schlich er vom Sonnendeck.

Es war der Geruch von gebratenem Speck, der Ripley weckte. Noch mit geschlossenen Augen rollte sie sich auf den Rücken und streckte sich. Ein herzhaftes Gähnen entrang sich ihr. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so gut geschlafen hatte. Wahrscheinlich die gute Seeluft, schloß sie, im Innern noch immer ein wenig schläfrig. Sie wäre fast wieder eingenickt, wenn nicht der verführerische Duft, der durch die Türritze in ihr Schlafzimmer hineinkroch, ihren Magen ebenfalls geweckt hätte. Anders als ihr Kopf war dieser aber nicht bereit, sich noch für einige Stunden zu gedulden - das Schwimmen gestern nacht hatte sie hungrig gemacht.

Ripley öffnete die Augen und blickte sich zunächst etwas desorientiert im Zimmer um. Ihr Blick fiel auf Holzwände, cremefarbene, leichte Vorhänge, durch die bereits das Sonnenlicht schimmerte, dann weiter über den rustikalen Nachttisch, dessen Oberfläche noch nackt und bloß ohne jede Verzierung - Blumenvasen oder ähnliches - erschien, den dicken, flauschigen, sandfarbenen Teppich, der den Boden bis in die entlegenste Ecke bedeckte und schließlich wieder zurück auf die Decke über ihr.

Die Erinnerung kam zurück und entlockte ihr ein leichtes Lächeln. Irgendwie war es noch immer schwer zu glauben: Noch vor drei Wochen war sie morgens in der kalten, sterilen Atmosphäre GATEWAY's aufgewacht, in der Welt vollkommener Technik und Moderne, während sie sich jetzt auf einen Schlag ins 20ste Jahrhundert zurückversetzt vorkam. Hicks hegte offenkundig eine Abneigung gegen zuviel Technik. Er konnte wohl damit umgehen, nahm diese aber nur innerhalb seines Jobs in Kauf, wie es schien.

Der Speckgeruch wurde intensiver. Ripley spürte, wie sich ihr Magen protestierend zusammenzog. Richtig, sie hatte Hunger. Weshalb sich auch noch lange widersetzen? Ein Blick auf die Uhr. Es war kurz nach sieben. Sie seufzte innerlich auf. Was hatte Hicks so früh am Morgen bereits aus dem Bett geworfen? Sie hatte eher damit gerechnet, heute bis zum Mittagessen auf seine Gesellschaft verzichten zu müssen - er hatte so fertig ausgesehen, als sie gestern nacht nach dem Schwimmen das Haus wieder betreten hatten. Sie hatte es sich nicht anmerken lassen, aber sie hatte einen Schreck bekommen, als sie ihn am Raumhafen zum ersten Mal seit zwei Wochen wiedergesehen hatte. Er hatte noch schlechter ausgesehen als unmittelbar nach der Rückkehr, blaß und ausgezehrt, mit Augen, die einem nur zu deutlich verrieten, daß ihr Besitzer zuletzt durch die Hölle gegangen war. Und dann war da noch die lange, rötliche Narbe in seinem Gesicht. Ripley kannte sich nicht allzu gut in medizinischen Angelegenheiten aus, aber bereits zu ihrer Zeit hatte es Mittel und Wege gegeben, wirklich jede Narbe restlos zu beseitigen. Demnach wollte er sie offenbar behalten. Weshalb? Als Ermahnung, nie wieder leichtsinnig an einen Auftrag heranzugehen?

Sie stand auf, dehnte die steifen Gelenke und lief, wie sie war in Hemd und Slip zur Tür hinüber, öffnete sie leise.

Leise Küchengeräusche drangen zu ihr hinauf, und der Geruch wurde nun wirklich zu einer Folter. Okay, dachte sie, überraschen wir ihn mal. Sie schlich die Treppe hinunter, wobei sie es sorgfältig vermied, auf die beiden knarrenden Stufen zu treten, und spähte um die Ecke in die Küche hinein, nicht genau wissen, was sie erwarten würde. Viele Männer, die in der Öffentlichkeit stets souverän und als Herr der Lage erschienen, erwiesen sich in der Küche als unfähig und brachten es sogar fertig, Wasser anbrennen zu lassen. Würde man das Frühstück genießen können?

Hicks hatte ihr der Rücken zugekehrt, während er am Herd stand und - offenbar tief in Gedanken - mit dem Kochlöffel in der Pfanne rührte. Anscheinend war er schon am frühen Morgen wieder schwimmen gewesen, denn das kurze Haar war noch naß und tropfte auf seinen Nacken, von wo aus das Wasser dann zwischen seinen breiten Schultern hinunterlief. Ripley musterte ihn eine Weile schweigend. Hicks war kein wandelnder Muskelberg, kein Supermann, dessen Kraft man ihm alleine am Körperbau ansah, aber er war zweifelsohne bis ins Letzte durchtrainiert, wirkte drahtig und zäh, selbst jetzt, nach der dreiwöchigen Verletzungspause. Er hatte eine Art, sich zu bewegen, die Ripley sehr gefiel - geschmeidig, ökonomisch, selbstbewußt - man konnte die dahintersteckende Kraft und Schnelligkeit deutlich ahnen.

Eine Weile beobachtete sie ihn noch, bevor ihr Magen - nunmehr dem verführerischen Duft dermaßen ausgesetzt - sich schließlich protestierend zusammenzog und sie schließlich die Küche betrat. Sie war barfuß und machte praktisch kein Geräusch, aber Hicks hörte sie trotzdem. Er drehte sich um, und ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

"Guten Morgen, Ellen. Was hat dich denn so früh aus dem Bett geworfen?"

Sie war bei ihm angelangt und schnappte sich ein Stück des noch heißen Specks aus der Pfanne. Es war köstlich.

"Das hier. Das ist schuld. Mein Magen hat mich nicht mehr schlafen lassen."

Sie warf einen Blick auf sein Schaffen - Rühreier und Speck, auf dem Nebentisch stand ein Teller mit Waffeln und eine Schale frisch geschnittener Obstsalat neben einer Karaffe mit eisgekühltem Orangensaft. Sie nickte anerkennend.

"Mmm, das sieht gut aus. Du bist offensichtlich begabt."

Er lachte leise.

"Ich wüßte nicht, was dazu für eine Begabung gehören sollte. Aber egal. Ich dachte mir, wir könnten auf der Terrasse frühstücken. Okay?"

"Gerne. Ich springe nur kurz noch unter die Dusche und zieh mir 'was an. Gib mir zehn Minuten."

"Nur keine Hektik. Wir haben alle Zeit der Welt."

***

Die Hälfte eines normalen Arbeitstages auf GATEWAY STATION war bereits ohne besondere Vorkommnisse vergangen. Wer Schicht hatte, machte gerade seine Mittagspause, und in den beiden großen Restaurants des Westflügels herrschte rege Betriebsamkeit. Auch die übrigen Decks wimmelten vor Menschen, die sich auf dem Weg zu ihren vielen verschiedenen Zielen befanden.

Die Ausnahme bildeten die beiden untersten Decks. Sie gehörten dem mächtigen Konzern Weyland Yutani und beherbergten einen Komplex Dutzender Großlaboratorien, die der Abteilung Waffenforschung gehörten. Das Gelände war hermetisch abgeriegelt, ein Hochsicherheitstrakt, den niemand unbemerkt zu betreten hoffen konnte. Weyland Yutani hatte es nicht an Geld und Ideenreichtum fehlen lassen, um sicherzustellen, daß nur die neuesten und perfektesten Technologien für die Über- und Bewachung des Komplexes Anwendung fanden. Sie waren mit Recht stolz auf ihr Werk. Es war absolut undurchdringlich. Nicht einmal die ranghöchsten Angehörigen des Colonial Marine Corps, mit denen sie sich diesen Flügel der Raumstation teilten, konnten hier Zulaß erzwingen. Niemand, den die Company hier unten nicht wollte, würde je ins Innere gelangen. Oder heraus.

Dr. Peter Riser, Leiter der Biowaffenforschung und Verbindungsmann der Company auf GATEWAY mit den Marines, legte den computergeschriebenen Bericht, den er während der letzten Minuten eindringlich studiert hatte, beiseite und blickte stirnrunzelnd auf.

"Soll das hier ihr Ernst sein, Dr. Richards?"

Er deutete auf die beiden Blätter. Sein Besucher nickte. Er schien eindeutig nervös.

"Ja, Sir. Wir haben uns wirklich eindringlich mit dem Problem beschäftigt, und trotz aller Sicherheitsvorkehrungen, die bereits getroffen wurden, können wir doch nicht jedes Risiko eliminieren. Ich meine, sie haben die Bänder der Sulaco gesehen, sie haben die Berichte der Überlebenden gehört, und selbst die Einschätzung dieses Syntheten, der ja nun fachlich - wie unzweifelhaft feststeht - auf dem neuesten Stand ist, läßt nur diesen Schluß zu. Wir können die Sache nicht einfach ignorieren."

Dr. Riser lehnte sich in seinem Sessel zurück und musterte seinen Mitarbeiter mit gerunzelter Stirn. Richards war ein guter Mann. Er hatte eine Menge Erfahrung auf seinem Gebiet, wußte mit seinen Mitarbeitern immer bestens umzugehen und war fachlich stets absolut im Bilde. Er hatte nur einen Fehler: Er neigte dazu, neuen Dingen stets zunächst ablehnend gegenüberzustehen, sobald sie auch nur das geringste Risiko bargen. Er sah nicht etwa die Dinge, die sie eventuell erreichen konnten, er sah nur die Probleme, die vielleicht darin lauern könnten. Dafür wurde er zum Teil bezahlt. Niemand sollte hier unten leichtfertig mit potentiell gefährlichen Stoffen oder Organismen arbeiten. Aber hier übertrieb er.

"Ich weiß nicht, John. Halten sie das nicht für Schwarzseherei? Ich meine, die EXPLORER ist kaum hier, und schon verfällt die Hälfte meiner Leute in Panik. Ich sehe dafür keinen Grund. Das Labor ist so sicher, wie es nur sein kann. Und wir haben die Garde - für alle Fälle.!"

Sein Gesprächspartner wand sich auf seinem Stuhl. Es war nicht einfach, derjenige zu sein, der Kritik an der Planung seines Vorgesetzten anzubringen mußte. Manchmal haßte er seinen Job. Aber einer mußte ihn erledigen. Schließlich war er einer der wichtigsten hier unten. Richards schüttelte den Kopf.

" Das ist schon ein guter Anfang, Sir, das gebe ich ja zu. Vermutlich wird auch gar nichts passieren. Aber für den Fall des Falles - auch wenn es unmöglich scheint - möchte ich schon jemanden hier haben, der weiß, wie man gegen diese... Wesen vorgehen muß. Der bereits mit ihnen zu tun hatte, oder der sich zumindest mit ihrem Verhalten auskennt. Dr. Riser, Sir, wir brauchen diese Einsatztruppe. Außerdem - ich weiß nicht, wie es ihnen ergangen ist - aber meine Leute fragen mir jetzt schon Löcher in den Bauch, alles Fragen, die ich nicht beantworten kann. Wir bräuchten einen Berater, jemanden, der diese Informationen aus erster Hand hat. Am besten wäre dieser Synthet, den die SULACO dabei gehabt hat."

"Er steht nicht zur Verfügung. Er ist bereits wieder im Einsatz, wie ich gehört habe. Irgendwo weit ab von hier. Ziemlich miserables Timing vom Corps, muß ich sagen. Er hätte uns wirklich helfen können." Riser blickte wieder auf den Bericht. "Nun ja... ich werde sehen, was ich tun kann. Ich brauche ihnen nicht zu sagen, daß dieses gesamte Projekt eine Unmenge an Geld verschlingt und wir jede Ausgabe sorgfältig abwägen müssen, um das Budget nicht zu sprengen. VanLeuwen mag es gar nicht, Dollars in irgendwelche schwarzen Löcher hineinzuwerfen, von denen man nicht weiß, wie tief sie sind. Aber wenn sie sagen, daß wir diesen... Berater... und diese Einsatztruppe brauchen, nun, dann glaube ich ihnen. Ich werde sehen, ob wir unseren Partner ein wenig in die Pflicht nehmen können. Schließlich können die auch etwas für uns tun, wenn wir schon die Hauptarbeit verrichten."

Er legte den Bericht endgültig zur Seite und faltete die Hände auf dem Tisch.

"Wie läuft die Aktion bis jetzt? Irgendwelche Schwierigkeiten beim Ausladen oder Umsetzen?"

"Nein, Sir."

Richards wirkte nun ruhiger.

"Alles läuft nach Plan. Das Labor ist besetzt, sämtliche Positionen eingenommen, jeder weiß, was er zu tun hat...Es kann jederzeit losgehen."

"Na wunderbar." Riser erhob sich und ging um den Schreibtisch herum, um seinen Mitarbeiter zur Tür zu geleiten.

"Glauben sie mir, John, alles wird glattgehen. Aber ich verstehe sie, sie werden schließlich dafür bezahlt, sich Sorgen zu machen. Ohne sie wäre unser Sicherheitssystem hier unten sicher nicht das, was es heute ist. Sie können stolz darauf sein. Und wenn wir diese Sache erst einmal erfolgreich hinter uns gebracht haben, wird es auch mit dem ewigen Ärger auf den Kolonien endlich vorbei sein. Alles eine Frage der Überzeugungskraft."

"Ja, Sir."

Die hydraulischen Türflügel glitten beiseite. Riser reichte dem älteren Biologen die Hand zum Abschied.

"Halten sie mich auf dem laufenden, John. Bei diesem Projekt kommt es auf jedes noch so kleine Detail an. Ich werde ihnen heute abend Bescheid sagen, was ich hinsichtlich der Truppe erreichen konnte. "

Er nickte Richards knapp zu und blickte ihm hinterher, bis er durch die Tür verschwunden war, bevor er sich an seine Sekretärin wandte.

"Sue, machen sie für mich heute nachmittag einen Termin bei General Shaw. Sagen sie, ich müßte ihn unbedingt noch heute sprechen."

***

Es war der bislang heißeste Tag des Sommers gewesen. Los Angeles hatte einer Stadt nach einer mehrwöchigen Belagerung geglichen - nur wer unbedingt das Haus verlassen mußte, hatte sich in die Gluthitze begeben, ansonsten waren die Straßen und Freeways geradezu unfaßbar leer. Wer sich aus der angenehmen Temperatur eines klimaanlagengekühlten Raumes gewagt hatte, lief wie chloroformiert über den weichen Asphalt, die Cafés und Restaurants, die ihre Stühle und Tische draußen aufgestellt hatten, waren nahezu verlassen. Die Luft flimmerte, und die Stadt wirkte grau, durch die Hitze ihrer Farben beraubt. Zunächst war es an den Stränden brechend voll gewesen, doch als die Zeit voranschritt und sich allmählich Mittag genähert hatte, hatten die meisten aufgegeben - selbst im Wasser war es kaum noch auszuhalten gewesen.

Hicks hatte das alles nicht gestört - er kannte solche Hitze nur zu gut und zog sie alle Male der Kälte des Weltraums vor. Er hatte ein dringendes Bedürfnis, seine Stadt endlich wiederzusehen, und würde sich nicht durch etwas zuviel Sonne davon abhalten lassen. Dennoch hatte er ein Zugeständnis an Ripley gemacht - statt mit seinem alten, offenen Jeep zu fahren, hatten sie sich einen geschlossenen Leihwagen mit Aircondition geleistet. So ausgerüstet hatten sie den Tag damit verbracht, nach einem ausgiebigen Frühstück den Pacific Coast Highway bis Santa Barbara hochzufahren, dort in einem wunderbaren Fisch-Restaurant einzukehren und sich anschließend bei einer Segeltour ein wenig die Seeluft um die Nase wehen zu lassen.

Hicks, der während des Frühstücks noch grüblerisch und extrem wortkarg gewesen war, hatte sich schließlich entspannt und sich in einer gelösten, heiteren Stimmung befunden, während er Ripley auf die Sehenswürdigkeiten rechts und links des Weges hinwies, Geschichten und Stories zum besten gab, die ihm an der einen oder anderen Stelle widerfahren waren, oder auch einmal an die Seite fuhr, um seine Beifahrerin auf eine besonders schöne Stelle aufmerksam zu machen. Die Zeit war dahingeflogen, und ehe sie sich versahen, war es Abend geworden. Die Route, die er für den Rückweg ausgewählt hatte, war nicht weniger attraktiv gewesen: Am Sunset Blv. den Highway verlassen, diesen den ganzen Weg durch Bel Air und Beverly Hills vorbei an tropischer Vegetation und prachtvollen Villen bis nach Hollywood hinauffahren und dort das altehrwürdige Griffith Park Observatory besuchen, um einen Ausblick von den Hügeln auf das sich in die Unendlichkeit erstreckende Lichtermeer zu genießen, bevor sie gegen 23 Uhr bei immer noch 35 Grad wieder zu Hause in Long Beach vorfuhren.

Hicks stellte den Motor ab und lehnte sich zurück.

"Ich weiß nicht... ich schätze, ich sollte jetzt eigentlich müde sein. Aber irgendwie bin ich noch gar nicht in der Stimmung, schlafen zu gehen. Außerdem habe ich schon wieder Hunger." Er blickte zu Ripley hinüber.

"Na ja... wenn ich es mir genau überlege, geht es mir eigentlich ähnlich... Also, was tun wir?"

Er blickte den menschenleeren Strand hinunter zum Bootssteg.

"Kann ich dich mit sowas Ordinärem wie 'ner Pizza locken?"

Sie lächelte.

"Ich liebe ordinäres Essen! Wo?"

Jetzt grinste er. Er deutete auf den Steg.

"Da drüben. Mein Vorschlag lautet wie folgt: Du gehst ins Haus, holst eine Decke, zwei Weingläser und Besteck, ich fahre schnell zu meinem Stammitaliener und hole unser Essen, und dann treffen wir uns in zwanzig Minuten hier am Bootssteg. Was sagst du?"

"Ich würde sagen, daß das nicht die schlechteste Idee ist, die mir heute untergekommen ist."

Sie öffnete die Beifahrertür und schwang sich hinaus.

"Also, in zwanzig Minuten am Bootssteg. Laß mich nicht warten!"

Er blickte sie liebenswürdig an.

"Wie könnte ich das? Ich werde fliegen!"

Sie blickte ihm nach, bis die Rücklichter des Wagens hinter einer Kurve verschwanden, bevor sie die wenigen Schritte zur Haustür hinüber ging. Ihr war merkwürdig zumute. Irgend etwas war heute passiert, eine lautlose, gewaltige Veränderung hatte stattgefunden. Sie hatte nicht gewußt, was sie sich von diesem Treffen erwartet hatte, hatte es einfach auf sich zukommen lassen. Sicher, sie hatte schon einen Hintergedanken dabei gehabt. Er hatte sie neugierig gemacht. Dieses junge Gesicht mit diesen wissenden Augen, die einem sagten, daß dahinter weit mehr zu finden war als sie von einem Soldaten normalerweise erwarteten würde. Er paßte einfach nicht in das Schema. Seine ruhige, abgeklärte Art, die von großem Selbstbewußtsein kündete, ohne den Zwang, sich andauernd vor anderen beweisen zu müssen, gleichzeitig aber eine Sensibilität und Fähigkeit, Stimmungen und deren Herkunft zu erkennen und auf sie einzugehen, die sie ein ums andere Mal erstaunte. Dazu kam noch eine gewisse Verletzlichkeit, die ab und zu durchschimmerte, auch wenn er sich noch so viel Mühe gab, diese Tatsache zu verleugnen. Sie wollte noch mehr von ihm wissen, wollte ihn noch genauer kennenlernen.

Sie durchquerte das Wohnzimmer und hielt einen Moment lang an, um noch einmal einen längeren Blick auf die Fotos zu werfen, bevor sie schließlich die unmittelbare anschließende Küche betrat, um nach den Weingläsern zu suchen. Ihre Gedanken drifteten ab, während sie die einzelnen Sachen zusammensuchte. Sie ertappte sich dabei, wie sie wieder und wieder zu den Fotos hinüberblickte, während sie sich gleichzeitig immer deutlicher eines Gefühls bewußt wurde, das sie so bald nicht erwartet hätte...

Das Geräusch eines vorfahrenden Autos ließ sie schließlich aus ihren Gedanken auffahren. Verwirrt blickte sie auf ihre Uhr. War er nicht eben erst losgefahren? Sie schüttelte den Kopf. Irgendwie waren, seit sie das Haus betreten hatte, fünfundzwanzig Minuten vergangen. Sie konnte sich nicht erinnern, was sie so lange getan hatte. Sie hatte die Wolldecke, zwei Gläser und Besteck zusammengesucht, aber das alleine konnte nicht so lange gedauert haben. Oder? Sie blickte aus dem Fenster. Tatsächlich, es war Hicks. ' Natürlich ist er es,' schalt sie sich in Gedanken. 'Wer sollte es sonst sein?! Gib's zu, du hast geträumt...'

Sie ergriff die Decke, in die sie das Besteck und die Gläser eingewickelt hatte, und trat hinaus. Er war bereits ausgestiegen und marschierte mit großen Schritten durch den Sand auf den Bootssteg zu, in der Hand zwei große, flache Pappkartons, denen ein verlockender Geruch entströmte. Sie schloß ab und beeilte sich, ihm zu folgen. Die alten Holzbohlen des Stegs knarrten unter ihren nackten Füßen, als sie bis zum Ende durchgingen, um sie herum plätscherten kleine Wellen gegen das Hindernis. Die Ebbe kam.

Hicks hatte bereits das Ende des Stegs erreicht und drehte sich nach ihr um.

"Alles gefunden?"

"Nach der Decke habe ich eine Weile gesucht, aber wie du siehst, bin ich letztendlich doch noch darüber gestolpert. - Mmmh...die riechen gut!"

"Die sind gut," verkündete er stolz. "Mein Geheimtip. Der Laden sieht nach nichts Besonderem aus, aber du wirst nirgends eine bessere Pizza bekommen. Ich bin nur froh, daß sie immer noch da sind. Man erlebt leider so manche negative Überraschung, wenn man nach monatelanger Abwesenheit seiner Heimatstadt mal wieder einen Besuch abstattet. Aber Qualität hält sich eben. Warte, ich helfe dir."

Er griff nach einem Zipfel der Decke, die sie über den Steg ausbreitete, und zog sie gerade, bevor er die beiden Kartons und die Flasche Wein abstellte und sich hinsetzte, die Füße ins Wasser hängen lassend. Sie setzte sich neben ihn, griff sich einen Karton und öffnete ihn.

"Mmmh... was haben wir hier?"

"Zweimal das gleiche. Die Spezialpizza. Es dürfte so ziemlich alles drauf sein, was du dir überhaupt vorstellen kannst." Er griff sich die andere. "Außer Anchovis. Ich kriege das Zeug nicht runter. Ich hoffe, du wirst sie nicht zu sehr vermissen."

Sie lachte und begann, ihre Pizza mit dem Messer in Tortenstücke zu zerteilen.

"Ich werde es überleben, denke ich. Sind wir fein oder weniger fein?"

"Hm?" Er blickte fragend auf. "Oh, tu dir keinen Zwang an. In Kalifornien ist es strafbar, Pizza mit Messer und Gabel zu essen, weißt du?" Er lächelte. "Außerdem schmeckt sie mit den Fingern besser." Er demonstrierte seine These, indem er ein Stück hochhob und einen großen Bissen nahm. Ein Teil des Belags löste sich und landete auf seiner Jeans. Er schüttelte kauend den Kopf und wischte es mit einer flüchtigen Handbewegung hinunter ins Wasser.

"Verdammt... na ja, du hast es nunmal mit einem Tier zu tun."

"Ist mir gar nicht aufgefallen. Verdammt gute Tarnung, muß ich sagen."

"Wenigstens haben die Fische jetzt auch etwas davon..."

Sie folgte seinem Beispiel und biß von ihrer Pizza ab. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander und blickten auf das Meer hinaus, auf die fernen Lichter am anderen Ende Long Beachs, die Sterne. Trotz der Hitze war es eine klare Nacht. Sie schüttelte mit einem halben Lachen den Kopf, als sie hinaufblickte. Hicks, der in seiner eigenen Gedanken versunken gewesen war, sah sie an.

"Was ist?"

"Ich weiß nicht... Es...es ist so unglaublich. Daß ich mitten in der Nacht hier unten sitze, mir um nichts Sorgen machen muß und in aller Ruhe eine Pizza mit echtem Belag esse, das ist alles irgendwie alles viel phantastischer als in irgendeinem Stahlsarg durch die Weiten des Weltalls zu reisen. Es ist so... unwirklich."

Er nickte nachdenklich.

"Ja. Ich verstehe, was du meinst. Irgendwann, wenn einen der Job nicht mehr loslassen will, fängt man an zu glauben, daß es gar nichts anderes mehr gibt. Man vergißt, daß das Leben auch noch angenehme Seiten haben kann."

"Allerdings...ich hatte es fast schon vergessen." Sie schwieg einige Augenblicke lang, wischte sich dann über die Stirn. "Wenn es nur nicht ganz so heiß wäre..."

"Es geht. Da, wo ich herkomme, ist das hier eine Frühlingsbrise."

Sie sah ihn skeptisch an.

"Bist du im Tal des Todes aufgewachsen, oder wie?"

Hicks schmunzelte und blickte wieder hinauf aufs Meer. Ein ferner Blick lag in seinen Augen.

"So ähnlich. Ich komme aus dem Hochofen der Staaten. Yuma, Arizona. Im Sommer hatten wir immer so um die 40 - 50 Grad, und im Winter waren es dann immer noch 30 - 40. Das härtet ab. Nach 'ner Weile merkt man die Hitze gar nicht mehr. Man merkt nur, daß alles ein wenig ruhiger zugeht. Niemand hat die Energie, sich wegen jeder Kleinigkeit aufzuregen. Dafür gibt es ja dann auch Städte wie New York oder Chicago."

"Was hast du gegen New York?"

Er seufzte.

"Was ich gegen New York habe? Zu groß, zu laut, zu dreckig, zu aggressiv. Und du hast jeden Tag verdammt gute Chancen, ausgeraubt oder umgebracht zu werden."

"So schlimm ist es aber auch nicht," widersprach Ripley und erntete damit einen verwirrten Blick von Hicks, bis dieser den Kopf schüttelte.

"Stimmt ja... ich hatte ganz vergessen, daß du die letzten Jahrzehnte verschlafen hast. Nun, dann kannst du es natürlich nicht wissen. Es sei denn, du warst in den letzten zwei Wochen dort."

Sie verneinte.

"Wieso, was kann ich nicht wissen?"

"Kommst du aus New York?"

"Allerdings. Und die Sache mit der Kriminalität ist schon immer ziemlich übertrieben dargestellt worden. Was?"

"Ich glaube nicht, daß ich übertreibe. Es ist einiges passiert in der Zwischenzeit, Ellen. Nicht nur Positives. Aber vielleicht sollten wir heute abend nicht darüber reden. Es war so ein schöner Tag bisher."

"Zu spät," warf sie ein. "Du hast davon angefangen. Jetzt raus mit der Sprache, was ist mit meiner Stadt passiert?"

Hicks zuckte die Achseln und schluckte das Stück Pizza hinunter.

"Na ja... irgendwie hat sich der 'Big Apple' über die Jahrzehnte in eine Art 'gesetzfreie Zone' verwandelt. Jeder, der was auf dem Kerbholz hat, hat da seine Schlupfwinkel. Die Polizei hat schon lange aufgegeben, dort durchzugreifen, wie man so hört. Hatte einfach keinen Sinn. Für jeden Kopf, den man abschlägt, wachsen zehn neue nach. Das war schon zu meiner Kindheit so - New York, der Schmelztiegel für sämtliche Schwerverbrecher des Landes. Ich glaube, das hat irgendwann nach der Katastrophe angefangen."

Er begegnete Ripley's fragendem Blick.

"Die Katastrophe? Davon hast du auch noch nichts gehört?"

Sie verneinte. Er schüttelte fassungslos den Kopf.

"Oh man! Ich schätze, ich verderbe dir gerade gründlich den Abend. Aber wenn du es wirklich hören willst..."

"Allerdings. Was für eine Katastrophe?"

"Eine Art Minikrieg. Ist inzwischen über 30 Jahre her. Es gab damals einen Streit mit einer Art Piratenkolonie. Sie überfielen immer wieder die Versorgungsschiffe zu den weiter entfernten Kolonien. Das Nest wurde ausgeräumt, aber einige überlebten und starteten eine Racheaktion... New York ist dabei fast komplett in Trümmer gelegt worden, auf Manhattan stand kein einziger Wolkenkratzer mehr. Es gab Hunderttausende von Toten." Gedankenverloren fuhr er mit den Fingern über die Narbe in seinem Gesicht. "Eine verdammt häßliche Sache."

"Oh mein Gott..." Sie starrte ihn an.

"Die Stadt wurde aufgegeben. Nach und nach siedelten sich diese ganzen zwielichten Gestalten an, da ihnen dort niemand mehr auf die Finger guckte. Na ja, und dieser Trend hält bis heute an. Ich würde dir wirklich entschieden von einem Nostalgietripp dorthin abraten..." Er rieb sich den Nacken und blickte sie an. "Wo hast du gelebt? Manhattan?"

Sie schüttelte den Kopf.

"Long Island."

Er hob die Augenbrauen.

"Klassische Oberschicht, hm? Ich weiß nicht... es paßt zu dir. Irgendwie hast du diese aristokratische Ader, die nach Villen, teurer Garderobe und hochgesellschaftlichen Parties schreit."

"Hab ich die?" Sie lachte. "Es ist schon komisch - du hast recht, meine Eltern hatten eine Menge Geld. Wirklich eine Menge. Aber ich habe mir nie etwas daraus gemacht - jedenfalls nicht aus dem Geld meiner Eltern. Ich wollte selbst etwas darstellen, mir etwas beweisen, und nicht in diesen ganzen Reichtum einfach hinein stolpern. Ich habe diese schrecklich langweiligen, steifen Parties immer gehaßt. Ich schätze, ich habe meine Eltern ziemlich vor den Kopf gestoßen, als ich ihnen klarmachte, daß ich zur Raumfahrt gehen wollte. Es war so ziemlich das extremste, was mir einfiel. Ich wollte unbedingt weg von diesem ganzen falschen Glanz und Glamour."

"Und ab ging's zu den Weltraumtruckern, hm?" Hicks hörte ihr gespannt zu. Ripley machte es einem normalerweise schwer, hinter die Fassade zu blicken, da war irgend etwas in ihrem Wesen, das solche Erkenntnisse schlicht und ergreifend ablockte. Um so überraschter war er jetzt von ihrem Redefluß.

"Sozusagen. Ich ging erst drei Jahre auf die Akademie, um mich optimal vorzubereiten. Ich war felsenfest entschlossen, Karriere zu machen. Ich schuftete wie verrückt für mein Diplom. Und als ich es schließlich in der Tasche hatte, war ich der glücklichste Mensch der Welt - zumindest eine Zeitlang. Während dieser Zeit lernte ich Gene kennen, wir heirateten, und nur ein Jahr später hatten wir dann eine Tochter - Amy."

Sie schwieg einige Sekunden lang. Hicks blieb stumm. Er drängte sie nicht, denn er ahnte, daß dieser Teil der Erinnerungen sie schmerzte.

"Ich war damals gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt. Und hatte plötzlich eine Familie am Hals - wo ich doch so große Pläne für die Zukunft gehabt hatte. Ich hätte heulen können.. Eine Zeitlang ging alles einigermaßen, wenn ich unterwegs war, sorgte Gene für Amy. Ich sah sie nur selten. Sie bedeutete mir damals einfach nichts..." Sie schluckte verbittert. "Sie war für mich lediglich ein Klotz am Bein. Ich begann, mich immer öfter mit Gene zu streiten, der mir jeden Tag auf's neue vorwarf, sie beide zu vernachlässigen. Bis wir beide nicht mehr konnten. Wir ließen uns scheiden. Amy war da gerade 6 Jahre alt und vergötterte mich. Ich weiß nicht warum. Gene hatte nun also Amy, und ich hatte meine Freiheit und meine Karriere. Das ging einige Jahre lang gut... bis mir auffiel, daß irgend etwas in meinem Leben fehlte. Ich hatte es zwar in kurzer Zeit bis zum Warrant Officer gebracht, aber Freunde hatte ich so gut wie keine - ich war damals ein ziemliches Biest. Ich mußte mich andauernd gegen Chauvinisten wehren, die meinten, daß Frauen doch besser hinter den Herd als ins Weltall gehörten. Ich war nicht schlecht im Austeilen. Aber Freunde bekam man so natürlich auch nicht. Na ja, und mit der Zeit begann ich mich einsam zu fühlen. Als ich dann eines Tages während meines Urlaubs Amy und Gene besuchte, wurde mir klar, was ich wollte. Und ich schwor mir, nach dem nächsten Auftrag kürzer zu treten, und in Zukunft nur noch die nahen Routen anzunehmen. Ich wollte einfach öfter bei Amy sein. Sie liebte mich immer noch abgöttisch... mein Gott... Ich blieb drei Wochen bei ihr, und als dann die nächstes Mission kam, fiel es mir verdammt schwer, mich von ihr zu trennen. Ich versprach ihr, zu ihrem elften Geburtstag zurück zu sein... meine letzte lange Mission." Sie stockte wieder.

"...und das war dann der Flug mit der Nostromo... Ich bin zu spät dahintergekommen, was die wesentlichen Dinge im Leben sind. Ich werde mir das nie verzeihen können. Manchmal wünschte ich, man hätte mich nie gefunden. Dann müßte ich wenigstens nicht diese Schuld mit mir herumtragen. Gott, ich sehe sie immer noch vor mir mit ihren neun Jahren... "

Sie blickte auf und wurde sich plötzlich der Tatsache bewußt, das sie weinte. Peinlich berührt versuchte sie es zurückzudrängen, schloß die Augen.

"Entschuldige, ich... ich..."

"Ssshhht..."

Er klang ganz nahe, im nächsten Augenblick spürte sie, wie er den Arm um sie legte, sie zu sich heranzog.

"Laß es raus, halte es nicht zurück. Laß es raus. Ich verstehe dich sehr gut. Es ist nicht gut, so etwas mit sich herumzutragen. "

Nach kurzem Zögern gab sie nach, lehnte den Kopf an seine Schulter und ließ ihren Emotionen freien Lauf, Gefühlen, die sie seit der ersten Ankunft auf GATEWAY vor Monaten mit sich herumgetragen hatte, die sie sicher in ihrem Innern verborgen geglaubt hatte, und die jetzt mit einer Macht auf sie eindrangen, daß sie jede Gegenwehr schließlich aufgab. Sie vertraute ihm genug, um ihm ihre Gefühle zu zeigen. Sie weinte um ihr verlorenes Leben, um Gene, um Amy. Um all die vergebenen Chancen, aus ihrem Leben etwas zu machen. Um Newt, die man ihr ebenfalls gewaltsam entrissen hatte. Ihre ganze Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit drangen nach oben, als der Damm erst einmal gebrochen war. Die Realität trat zurück, und der Schmerz füllte sie aus.

Hicks hielt sie schweigend in seinen Armen und ließ sie weinen. Er hatte gespürt, daß irgendeine schwere Last auf Ripley gelegen hatte, eine, mit der sie ausnahmsweise einmal nicht umzugehen verstand. Sie war praktisch veranlagt, hatte für alle Situationen stets eine Lösung oder zumindest einen Vorschlag parat, wie er auf Acheron bemerkt hatte, aber wie sie mit gefühlsmäßigen Dilemmas zurechtkommen sollte, hatte ihr niemand beigebracht. Sie hatte ihren ganzen Schmerz tief, tief vergraben und so getan, als wäre er gar nicht vorhanden, aber Hicks wußte, daß dieser Selbstbetrug immer nur eine kurze Weile gutgehen konnte. Irgendwann, wenn man am wenigsten damit rechnete, überfielen einen diese Probleme aus dem Hinterhalt und überwältigten einen. Er hatte ebenfalls seine Erfahrungen gemacht, auch er war der Typ, der derlei Dinge lieber in sich hineinfraß und die anderen nicht merken ließ, daß er Probleme hatte, aber er hatte inzwischen gelernt, damit umzugehen. Zumindest teilweise. Es hatte lange gedauert. Man konnte dem Schmerz nie ganz entgehen.

Er spürte, wie Ripley sich allmählich beruhigte, und drückte sie aufmunternd. Sie nahm einen langen, zittrigen Atemzug und setzte sich wieder auf, wischte sich über die Augen, bevor sie ihn ansah.

"Geht es wieder?"

Sie nickte. Blickte auf sein Shirt und lächelte verlegen.

"Ich habe dir das ganze T-Shirt naßgeheult. Entschuldige bitte. Ich weiß nicht, wieso ich plötzlich -"

"Ist schon okay, das trocknet auch wieder. Du brauchst dich dafür nicht zu schämen, ich kann sehr gut verstehen, was du durchmachen mußt. Es ist nicht leicht, sein Leben ohne Freunde und ohne Familie noch einmal von vorne anfangen zu müssen. Ich kenne das Gefühl sehr gut, das kannst du mir glauben."

Sie hatte auf die fernen Lichter hinausgeblickt, während der Wind die letzten Tränen auf ihren Wangen trocknete, doch auf Hicks' letzte Bemerkung hin wandte sie den Kopf und sah ihn an.

"Es tut mir nur leid, daß es ausgerechnet heute passiert ist. Der Tag war bisher so schön... Ich hatte nicht gedacht, daß er so enden würde. Aber es hilft schon, wenn jemand gut zuhören kann. Das macht es leichter. Du hattest recht, es mußte einmal raus. Manchmal dachte ich, ich werde wahnsinnig, wenn ich es noch länger mit mir herumschleppen muß... Danke fürs Zuhören."

"Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken. Ich höre gerne zu."

Sie zog hoch, atmete einmal tief durch und warf ihm dann einen irritierten Blick zu.

"Ich werde nicht schlau aus dir, Dwayne. Du bist so ... so anders."

"Anders?" Fragend zog er die Augenbrauen hoch. Ripley rang um Worte.

"Ja, anders. Ich verstehe einfach nicht, wie jemand wie du bei den Marines landen konnte."

"Was soll das heißen, 'jemand wie ich'? So besonders bin ich auch nicht."

"Du bist optimistisch, einfühlsam, eher ruhig und denkst, bevor du sprichst. So stelle ich mir keine staatlich produzierte Killermaschine vor. Wenn ich da hingegen an den Rest deines Teams denke... Hudson mit seinem lauten Mundwerk, Drake, Vasquez..."

Ein trauriges Lächeln strich über sein Gesicht.

"Du kanntest sie nicht außer Dienst. Bei Missionen ist das was anderes, jeder hat seine eigene Art, mit dem Druck klarzukommen, schließlich kann es einen im Einsatz jede Sekunde erwischen. Hudson hatte seine, Vasquez hatte ihre... Privat waren sie dann wieder alle anders."

"Du vermißt sie sehr, nicht wahr?"

Er legte den Kopf in den Nacken, blickte auf die Millionen von Sternen, die vom nachtschwarzen Himmel wie winzige Diamanten auf sie herabfunkelten und dachte übers Ripley's Frage nach. Es dauerte eine Weile, bis er sich über seine Gedanken einigermaßen im klaren war.

"Es... es ist irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, zu wissen, daß sie nicht mehr dasein werden, wenn ich nach GATEWAY zurückkehre... zu wissen, daß das "Dream Team" nicht mehr existiert. Wir waren gut, Ellen, wir waren richtig gut. Wir hatten einen phantastischen Ruf im Corps. 'Apone's Wunderplatoon' hat man uns mal genannt. Weil wir jeden Auftrag erledigten und nie auch nur einen Verlust hatten. Das hat uns zusammengeschweißt. Jeder wußte, daß er dem anderen bedenkenlos sein Leben anvertrauen konnte, und das war ein verdammt gutes Gefühl... Und ich habe mich phantastisch mit Apone verstanden. Er war der beste Vorgesetzte, den ich wohl gehabt je habe. Er hat nichts von einem verlangt, was er nicht selber getan hätte, und wenn ihm ein Auftrag aussichtslos vorkam, dann hat er sich auch geweigert. Das hat ihm zwar nicht gerade auf der Beförderungsleiter vorangebracht, aber wir wußten, daß er auf uns aufpaßte. Sicher, er verlangte viel von einem, aber das war okay. Wir alle wären für Apone durchs Feuer gegangen... Und er ist es für uns. Er hat sich unseretwegen eine ganze Menge Ärger eingehandelt, er hätte es weiß Gott leichter haben können..."

Hicks' Gedanken gingen zu einem Gespräch mit seinem Vorgesetzten zurück, in dem dieser sich nicht davor gescheut hatte, seinen B-Team Leader nach seiner Meinung zu einem Problem zu befragen, mit dem er sich bereits seit längerem beschäftigt hatte. Ihr Team war bei den Vorgesetzten bereits für seine Effizienz bekannt gewesen, und um es noch einen Hauch näher in Richtung Perfektion zu bringen, hatte man Apone angeboten, einen der neu entwickelten Kampf-Androiden zur Probe in seinem Team aufzunehmen. Hicks konnte sich lebhaft an das Gespräch erinnern: Der Master Sergeant war von dieser Idee nicht sehr begeistert gewesen - ähnlich wie Hicks selbst hegte er eine Abneigung gegen zuviel Technik. Androiden wären okay, hatte er gesagt, solange sie sich wissenschaftlichen Aufgaben widmeten, dennoch würde er in einem heißen Gefecht jedem seiner Leute sein Leben eher anvertrauen als einer verdammten Maschine, die im entscheidenden Moment einen Kurzschluß oder einen Systemabsturz erleiden könnte. Er sei zwar voreingenommen, würde sich aber trotzdem für die Meinung seines Unteroffiziers zu diesem Thema interessieren. Mit diesen Worten hatte er Hicks einen Teil der Diskette gezeigt, in der die Neuentwicklung des Corps und Weyland Yutanis in den höchsten Tönen gepriesen wurde, und anschließend auf seine Antwort gewartet. Gemeinsam waren sie schließlich zu der Einsicht gekommen, daß sie keinen Fremdkörper in ihrem bestens eingespielten Team haben wollten, und hatten das Angebot ihrer Vorgesetzten ausgeschlagen. Das hatte dem Sergeanten den Ruf eines neuerungsfeindlichen Dickkopfs und den absoluten Stop auf der Karriereleiter beschert. Es war noch nicht allzu lange her, wenn er wollte, konnte er immer noch Apone's Stimme hören. Schließlich drängte er die Erinnerungen beiseite.

"Ja, ich schätze, ich vermisse sie, auch wenn ich vielleicht nicht mit jedem privat befreundet war. Wenn ich jetzt wieder zurückkehre, werden sie mich in ein neues Team stecken, und die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, daß ich dort überhaupt keinen kennen werde. Ich darf noch einmal ganz von vorne anfangen." Er atmete tief durch.

"Und es macht es nicht unbedingt einfacher für mich, daß ich dort das Kommando haben werde."

Er wandte den Kopf. "Sie haben mich befördert, weißt du? Ich bin jetzt 'Sergeant Hicks". Ich weiß nicht, wie sie nach der Acheron-Katastrophe darauf kommen konnten, aber die Wege meiner Vorgesetzten sind nicht immer verständlich."

Ripley schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf.

"Es war nicht deine Schuld, begreif das endlich. Niemand hätte das Team dort lebend herausführen können. Niemand!"

Er zuckte die Achseln.

"Ich weiß nicht..."

"Aber ich weiß!" fuhr sie dazwischen. Sie hatte genug von Hicks' Selbstzweifeln gehört und war entschlossen, diesen endgültig ein Ende zu machen. Er marterte sich da für etwas, wofür er nichts konnte. "Ich habe durch ein einziges Alien ebenfalls meine gesamte Crew verloren, und es gab nichts, was ich dagegen hätte tun können."

"Da ist nur ein gewaltiger Unterschied," erwiderte Hicks. "Ich wurde dafür ausgebildet. Und wir alle waren bewaffnet. Es will mir manchmal immer noch nicht in den Kopf, wie das passieren konnte." Er verstummte und stand unvermittelt auf. "Laß uns ein bißchen laufen. Ich kann nicht mehr sitzen. Das Zeug können wir hier erstmal liegenlassen." Er schritt die Holzbohlen entlang und trat in den noch immer warmen Sand. Er fühlte sich gut an unter seinen Füßen. Ripley folgte ihm. Eine Weile liefen sie schweigend den Strand hinunter, wobei er hin und wieder anhielt, um einen besonders flachen Stein aufzuheben und ihn mit Effet über die Wasseroberfläche fliegen zu lassen, bis dieser nach vier- mehrmaligem Aufsetzen schließlich unterging. Ripley , die bemerkt hatte, daß ihr Gespräch eine unangenehme Wendung erfahren hatte, beschloß, auf ein leichteres Thema zu sprechen zu kommen.

"Meine Geschichte kennst du ja nun. Wie wäre es mit einem Ausgleich, hm? Was hast du in Yuma so getrieben?"

Er bückte sich gerade wieder nach einem Stein.

"Eine ganze Menge. Nur nicht das, was ich sollte." Er warf den Stein und verfolgte, wie dieser über das Wasser sprang, bevor er fortfuhr. "Ich schätze, ich habe meinem alten Herrn einiges Kopfzerbrechen bereitet. Ich war immer das schwarze Schaf der Familie."

Ripley runzelte ungläubig die Stirn.

"Schwer vorstellbar."

Hicks lächelte.

"Ich weiß nicht, du scheinst mich immer noch für einen Heiligen zu halten. Aber ich war nicht immer so wie heute."

"Sondern?"

"Ich war ein bißchen lauter, ein bißchen arroganter, ein bißchen zu sehr von mir überzeugt... Ich schätze, wenn du mich damals gekannt hättest, hättest du die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ich war ein Herumtreiber. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich in L.A. oder Chicago großgeworden wäre. Wie gesagt, Yuma ist als Stadt zwar okay, aber es passiert nicht allzu viel. Es gibt aber zum Glück auch nur wenige Möglichkeiten, nach unten abzudriften." Er blieb stehen und blickte zu Ripley hinüber. Sie hörte ihm interessiert zu. "Na ja, nach der Schule trieb ich mich immer mit einem Freund in der Gegend herum, außerhalb der Stadt. Wir haben uns damals als Fremdenführer nebenbei ein paar Dollars verdient, Touristen ein paar Schritte in der Wüste herumführen und so. Nicht besonders aufregend, aber es war wenigstens mein Geld. Geld war immer ziemlich knapp bei uns. Wir waren zwar nicht direkt arm, aber große Sprünge waren nicht drin. Nachdem meine Mutter ihn sitzengelassen hatte, arbeitete mein Vater sich den ganzen Tag den Rücken krumm, um meine Schwester und mich zu versorgen, aber ich schätze, ich habe es ihm nicht sehr gedankt."

"Du hast eine Schwester?"

"Fiona. Sie ist zwei Jahre älter als ich und wohnt jetzt mit ihrer Familie in Seattle. Sie war immer Dad's Liebling, ist brav auf's College gegangen und hat einen guten Abschluß gemacht und so. Sie hat natürlich auch immer seine Partei ergriffen, wenn wir wieder mal aneindergerasselt waren. Meistens ging es darum, daß mein Vater nach meinem Schulabschluß von mir erwartete, daß ich endlich die Ärmel hochkrempeln und ebenfalls Geld heranschaffen sollte, um Fiona's College mitzubezahlen. Er hatte mir sogar einen Job beschafft... in einem Supermarkt. Kannst du dir das vorstellen? Ich bin dort aber nie aufgetaucht. Ich wußte zwar nicht, was ich mit meinem Leben noch alles anfangen wollte, aber diesen Job ganz sicher nicht. Ich wollte immer im Freien sein, rumkommen, reisen. Alle möglichen Orte sehen. Ich hatte das Leben in Yuma so satt, daß ich fast alles getan hätte, um dort wegzukommen. Ich wußte nur nicht, wie ich es anstellen sollte." Er blieb stehen und blickte zurück. Ripley konnte erkennen, daß er gedanklich ganz weit entfernt war. "Na ja, eines Tages kam dann Deke - mein Freund, mit dem ich immer unterwegs war, wir waren wie Brüder - also, Deke kam an und verkündete lauthals, er habe die Lösung für all unsere Probleme gefunden. Raus aus Yuma, die Welt sehen und sogar durchs All gondeln - und das alles auch noch gegen Bezahlung! Was ich davon hielte, zu den Colonial Marines zu gehen... " Hicks hob bedeutungsvoll die Brauen und grinste schief. "Eine verdammt kurzsichtige Art, die Dinge zu betrachten, ich weiß. Mir war klar, daß das Leben bei den Marines auch seine Schattenseiten hatte... ziemlich finstere Seiten sogar, aber mittlerweile glaubte ich schon fast, keinen weiteren Tag mehr in dieser verdammten Stadt aushalten zu können. Außerdem sahen wir die Jungs fast jeden Tag bei unseren 'Ausflügen' in die Wildnis - sie hatten da in der Nähe ein Camp. Und verdammt, die stellten etwas dar. Wenn sie in der Stadt die Straße langliefen, machte ihnen jeder Platz, jeder! Sie strahlten so eine verdammte Autorität aus."

"Also ging es geradewegs zum nächsten Rekruitierungsbüro zum Unterschreiben, nehme ich an?" fragte Ripley. Hicks schüttelte den Kopf.

"Nein. Ich fühlte mich da ein wenig überrumpelt, ich mußte erst drüber nachdenken. Zwei Tage lang habe ich mir den Kopf zermartert. Sicher, meine Probleme hätte ich damit gelöst, aber ich hätte mir gleichzeitig einen Haufen neue geschaffen. Statt in Yuma an Langeweile zu sterben, würde es mich dann vielleicht auf irgendeiner dreckigen Staubkugel im All dahinraffen. Die Chancen dazu waren ja verdammt hoch - ich meine, wir werden nunmal grundsätzlich als erste in jeden Schlamassel abgeworfen, um den ganzen Wichtigtuern von der Army den Weg zu ebnen." Er holte tief Luft. "Nun, dann dachte ich mir, daß alleine die Aussicht, es überhaupt auf irgendeine dreckige Staubkugel zu schaffen, mehr war, als ich mir bis dahin vorstellen konnte. Ich meine, durchs All reisen, ferne Planeten sehen... das klang ziemlich verlockend... damals noch." Hicks' Lachen klang mehr als sarkastisch. "Na ja, das Endergebnis kannst du dir ja sicher vorstellen... Ich bin dann eben mit Deke zum Rekruitierungsbüro hin, um zu unterschreiben, bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte. Deke haben sie mit Handkuß genommen. Er war damals schon ein Mordsbrocken, mit dem sich niemand anzulegen wagte. Die haben richtig leuchtende Augen gekriegt, als er unterschrieb."

"Und bei dir nicht?"

Hicks schüttelte den Kopf.

"Nein, bei mir nicht. Ich war zu jung. Mir fehlte ein dreiviertel Jahr. Ich war stinksauer und machte ein Mordsfaß auf - aber natürlich half das auch nicht weiter. Statt mit Deke also ab ins All zu zischen, durfte ich über neun Monate ohne ihn alleine in Yuma rumhängen - ziemlich miese Aussichten. Für ihn ging's also ab nach Parris Island zur Grundausbildung, und ich fing in Yuma an, die Tage zu zählen und wie ein Wahnsinniger zu trainieren, damit ich - wenn meine Zeit endlich heran war - in Form war. Man hörte ja allseits ziemlich Erschreckendes über die Härte der Ausbildung, und ich dachte mir, daß mir ein wenig körperliche Fitness dabei entscheidend helfen könnte. Tat es auch. Ich weiß nicht, ob ich durchgehalten hätte, wenn ich nicht so gut in Form gewesen wäre. Da waren einige arme Schweine dabei, die dem übelsten Psychoterror ausgesetzt waren, nur weil sie keine zehn Liegestütze schafften... Das Kapitel konnte mich mir also ersparen. Aber es war immer noch alles andere als ein Kinderspiel. Heute kann ich zurückschauen und drüber lachen, aber damals war es doch schon ziemlich finster."

Ripley, die sich mittlerweile in den Sand gesetzt hatte, umklammerte ihre Knie und beugte sich neugierig vor.

"Und was sagte dein Vater dazu?"

"Mein Vater?" Hicks hob einen weiteren Stein auf und warf ihn mit aller Kraft hinaus auf's Meer.

"Mein Vater hat zu diesem Zeitpunkt keinen Sohn mehr gehabt. Jedenfalls nicht, bis ich die ersten Schecks zu schicken begann. Und selbst dann war ich wahrscheinlich nicht mehr als der anonyme Geldgeber, sonst hatten wir nichts mehr miteinander zu tun. Er starb dann ein Jahr später und ich bezahlte also doch Fiona's College. Na ja, zumindest sind wir beide dann wieder klargekommen..."

"Hat dich das mit deinem Vater sehr getroffen?"

"Nein." Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Keine Sekunde des Zögerns. "Wie gesagt, wir hatten eigentlich nichts miteinander zu tun. Er machte sein Ding, ich machte meins. Ich kam eigentlich nur zum Schlafen nach Hause, wenn überhaupt. Er war wie ein Fremder für mich." Er stand vor ihr und blickte auf sie herab, ließ sich dann mit einem Seufzen neben ihr nieder.

"Wie gesagt, ich war damals völlig anders. Familie und so zählte bei mir nichts. Dafür hatte ich einen verdammt guten Freund."

"Deke?"

Er nickte, während sein Blick wieder in die Ferne abschweifte.

"Wir waren wirklich wie Brüder. Als ich nach Parris Island kam, hatte er das Übelste bereits überstanden und gab mir Ratschläge, wie ich am einfachsten durch das System rutschen würde. Er hat mir sehr geholfen. Ich wüßte nicht, was ich manchmal ohne ihn gemacht hätte. Wir sind dann beide ins gleiche Team gekommen, ich wieder ein paar Monate später, weil er ja schon fertig war. Oh man, wir waren vielleicht ein Gespann..." Er lachte leise. "Ich werde nie meinen ersten Einsatz vergessen. Es gab Probleme auf einer nahen Kolonie, und wir sollten dort für Ordnung sorgen. Wir haben die dort ganz schön aufgemischt, allerdings unter Mißachtung sämtlicher Befehle. Der Lieutenant damals war ein Idiot, wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte es einen Totalausfall gegeben. Also übernahm Deke die ganze Mission, und ich hing an seinem Rockzipfel. Wir waren erfolgreich. Am Ende wußten sie nicht, ob sie uns befördern oder vor's Militärgericht bringen sollten." Er zuckte mit den Achseln. "Sie haben uns dann doch befördert. Na ja, so ging es dann immer weiter. Deke stolperte die Karriereleiter hoch, und ich paßte auf, daß ich ihm immer schön hinterherrannte. Wir waren ein verdammt gutes Team und im ganzen Corps dafür bekannt. Tja, und bei soviel Belobigungen konnte es dann schon passieren, daß man abhob. Irgendwie hielten wir uns wohl für unbesiegbar und ließen das auch jeden wissen. Dir wäre wahrscheinlich nur übel geworden, wenn du mich damals kennengelernt hättest. Mein Gott, ich kann mir selbst kaum noch vorstellen, daß ich einmal ein solches Arschloch gewesen bin!"

"Und wie kam es zum großen Wechsel?" wollte Ripley wissen. "Ich meine, bist du alleine dahintergekommen, daß du dich wie ein Idiot aufgeführt hast, oder hat es dir jemand gesagt?"

"Jemand hat mich darauf gebracht, wenn man so will." Er deutete mit dem Zeigefinger zum Himmel.

"Der da oben. Allerdings hat er dazu den Vorschlaghammer benutzt. Weißt du, ich bin eigentlich alles andere als gläubig, ich habe zuviel Mist gesehen, als daß ich noch glauben könnte, daß es irgendwo einen Gott gibt, aber es kam mir wirklich so vor, als habe jemand da oben mit der Faust auf den Tisch gehauen und gesagt ' So geht es nicht weiter. Holen wir den mal ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück!'"Er machte eine kurze Pause. "Ich weiß nicht, vielleicht ist ja doch jemand da oben... Wenn, dann hat er uns aber nur erfunden, um seinen Spaß mit uns zu haben..."

Sie blickte ihn nur gespannt an und wartete darauf, daß er fortfuhr, aber der nächste Teil schien nicht ganz einfach für ihn zu sein. Er brauchte einige Sekunden, bis er weitererzählte.

"Fünf Jahre ist das jetzt her.Wir waren damals im Einsatz gegen ein Terrorkommando, das die Außenkolonien immer wieder heimgesucht hat. Es war eine ziemlich heikle Sache, eine verdammt große Operation, und wir hatten uns festgebissen, kamen nicht so recht vorwärts. Wir wußten nicht, wie wir an den Feind rankommen sollten, er hatte sich ziemlich gut verschanzt." Er stieß heftig Luft aus. "Tja, und dann hatte Private Dwayne Hicks doch eine dieser verdammt guten Ideen, die ihn so berühmt gemacht hatten..." Seine Stimme troff vor Sarkasmus. "... und die er nur ernsthaft verfolgen konnte, weil er sich doch für so verdammt schlau und unbesiegbar hielt. Ich hielt mich allen Ernstes für die verdammte Kavallerie! Ich dachte vermutlich, daß die, wenn die sehen würden, mit wem sie es zu tun hatten, schon von alleine ihre Waffen wegwerfen und aufgeben würden. Scheiße, ich weiß immer noch nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat!" Er griff sich eine Handvoll Sand und warf ihn lustlos in die Luft. "Wir waren in einen Stellungskampf verwickelt und lagen unter Dauerbeschuß. Es sah nicht so gut aus. Also erzählte ich Deke von meiner grandiosen Idee. Er war unser Platooncommander. Er war alles andere als begeistert von meinem Vorschlag und meinte, es wäre zu riskant. Aber das war ein Wort, das in meinem damaligen Wortschatz nicht existierte. Ich meine, ich war ja immerhin unbesiegbar. Also machte ich mich trotzdem auf den Weg. Das war 'ne glatte Befehlsverweigerung, aber ich dachte, daß mir Deke deswegen keinen Ärger machen würde... machte er auch nicht. Statt dessen ließ er sich meinetwegen abknallen."

Ripley hielt geschockt die Luft an.

"Tja, es kam natürlich alles anders, als ich mir das gedacht hatte. Deke hatte vollkommen recht gehabt. Sie erwischten mich, nachdem ich gerade mal die Hälfte meines Weges zurückgelegt hatte. Oberschenkeldurchschuß. Ich konnte mich kaum noch rühren. Sie knallten mich nicht sofort ab, weil sie hofften, daß jemand dämlich genug sein würde, einen Rettungsversuch zu starten." Hicks' Stimme klang mit einem Mal merkwürdig distanziert, kühl. Als erzähle er eine Geschichte, die jemand anderem zugestoßen war. "Das wäre Wahnsinn gewesen. Auf der ganzen Strecke gab es keine Deckung. Deke versuchte es trotzdem. Und er war verdammt schnell. Er hatte mich fast erreicht, als ihn die Salve erwischte. Ich sah alles ganz genau, jedes Detail. Wie die Kugeln ihn herumrissen. Seinen Gesichtsausdruck. Seinen Schrei. Er fiel direkt vor mir zu Boden, noch lebendig. Er sah mich an... Und dann kam eine zweite Salve." Er atmete tief durch, war sich Ripley's Hand auf seiner Schulter gar nicht bewußt. "Und das war es dann. Ich weiß nicht mehr, wie sie mich da rausgeholt haben, ich weiß nur noch, daß ich wünschte, sie hätten es nicht getan. Niemand machte mir einen direkten Vorwurf, aber ich wußte, daß ich ihn auf dem Gewissen hatte... Ich hoffte tagelang, das es mich doch noch erwischen würde, aber den Gefallen wollte man mir nicht tun. Ich wurde mit dem nächsten Versorgungsschiff zur Erde zurückverfrachtet. Faith - " Er deutete mit einer knappen Kopfbewegung nach hinten und meinte damit die Fotos, die in seinem Haus auf dem Sideboard standen. " - Faith war nicht da, als ich ankam, und sie holte mich sonst immer ab. Ich wußte, daß irgend etwas nicht stimmte, also fragte ich den diensthabenden Arzt. Der wollte es mir zuerst nicht sagen, aber ich bekam dann schließlich doch heraus, daß sie zehn Tage früher in eine Straßenschießerei geraten war. Am selben Tag wie Deke. Seltsam, oder? Sie war beim Einkaufen gewesen." Er schwieg einige Sekunden lang. Ripley konnte es ihm nicht verdenken. Sie selber wußte nicht, was sie sagen sollte. Nur eines war ihr jetzt klar.

"Dieses Herz... das war für sie, oder? Das Herz auf deiner Uniform?"

Hicks nickte, ohne sie anzusehen.

"Ja. Und das Schloß davor... Naja, ich denke, die Bedeutung dürfte klar sein. Ich wollte niemanden mehr an mich heranlassen, mich nie wieder gefühlsmäßig an jemanden binden. Das Herz hatte ich draufgemalt, als ich gerade erst zwei Wochen mit Faith zusammen war. Das Schloß kam danach...als ich meinen Dienst wieder aufnahm... Eineinhalb Jahre später..." Er wandte den Kopf und blickte sie direkt an. "Ich bin damals gestorben, Ellen. In tausend Scherben zersprungen. Von der Person, die ich damals war, ist nichts übriggeblieben. Du sitzt heute neben einem völlig neuem Menschen. Manchmal kann ich mir selbst kaum noch vorstellen, was ich früher für ein Mensch war."

"Und wie hast du es geschafft? Wie bist du darüber hinweggekommen?"

"Ganz bin ich es noch nicht. Werde ich wahrscheinlich auch nie. Ich meine, das Leben geht weiter und meistens habe ich soviel zu tun, daß ich gar nicht zum Nachdenken komme, aber manchmal, wenn man es am wenigsten erwartet, schleicht sich der Schmerz von hinten heran und packt einen. Er ist nicht mehr so scharf wie früher, aber er ist immer noch da, auch wenn ich ihn manchmal vergessen zu haben scheine."

Er blickte kurz zu Boden und dann wieder auf's Meer hinaus. "Sanderson hat mir damals sehr geholfen. Ich schätze, ohne ihn hätte ich es nicht geschafft. Verdammt, wahrscheinlich würde ich ohne ihn gar nicht hier sitzen! Er ließ mich nie alleine im Raum bleiben, hatte immerfort Angst, ich würde mir etwas antun."

"Hättest du?"

"Ja." Keine Zeit zum Nachdenken bei dieser Antwort.

"Ich hatte nur keine Gelegenheit. Seine Schuld. Na ja, wir haben dann stundenlange Gespräche geführt, Tag für Tag. Zuerst habe ich ihn deswegen gehaßt, weil er mich zwang, mich mit der Sache immer wieder auf's neue zu befassen, aber wahrscheinlich war das das einzig richtige. Er hat mich Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Allerdings völlig anders. Und er hat mir einige Dinge beigebracht, die mir sehr geholfen haben. Meditation, autogenes Training, Tai Chi... Es hat trotzdem verdammt lange gedauert, bis ich damit klar kam. Tja, und als ich dann wieder einigermaßen auf dem Damm war, steckten sie mich in Apone's Truppe. Und das war das beste, was sie tun konnten. Ich wurde gut aufgenommen, kam mit allen zurecht... und hatte den besten Vorgesetzten, den man sich wünschen konnte. Mit dem man auch mal sprechen konnte, wenn man ein Problem hatte... Na ja..." Er warf einen kurzen Blick auf seine Uhr.

"...das wäre dann also meine Story. Übrigens ist es schon fast drei durch. Wie sieht's aus?" Er deutete mit dem Kopf in Richtung Haus. Ripley nickte.

"Ziemlich abrupt, hm? Aber das ist keine schlechte Idee, ich bin ziemlich erledigt."

"Ich auch. Ich glaube, ich habe noch nie soviel hintereinander weg geredet. Schätze, ich werde morgen kein Wort rauskriegen, ich bin solche Gewaltakte nicht gewohnt." Als er ihr die Hand anbot, um ihr auf die Beine zu helfen, fiel ihm der Blick auf, mit dem sie ihn musterte. "Was?"

"Du mußt ziemlich stark sein. Mental meine ich. Andere wären wahrscheinlich nicht wieder hochgekommen."

"Ich hatte Hilfe. Die beste. Ich weiß, was ich Sanderson und Apone zu verdanken habe..."

Ein kurzer Moment des Schweigens. Dann erhoben sie sich langsam, klopften den Sand ab und sammelten die auf dem Steg zurückgelassenen Sachen ein. Schweigend überquerten sie den Strand, dann die Küstenstraße. Im Gehen fischte Hicks den Schlüssel aus den Taschen seiner Jeans und öffnete die Haustür. Nur mühsam konnte er ein kapitales Gähnen unterdrücken, als Ripley an ihm vorbeilief.

"Oh man, ich glaube, ich werde wie ein Toter schlafen. Ich bin steinmüde."

Sie legte die Decke auf das Sofa und stellte das schmutzige Geschirr in die Küche.

"Kann ich gar nicht verstehen..." Ihr gelang es nicht, das Gähnen zurückzuhalten. Sie lachten beide.

"Ich höre da oben meine Matraze nach mir rufen..." Ripley rieb sich die Augen, als sie an Hicks, der in der Küche noch einen Schluck Wasser trank, vorbei zur Treppe hinüber ging. Etwas erregte kurz ihre Aufmerksamkeit. Ihr Blick glitt zurück zum Videotelefon, an dem ein Lämpchen blinkte. "Da will jemand was von dir."

"Hm?" Er setzte die Flasche ab und folgte widerwillig ihrem Blick. Rot. Diese Farbe war für dringende Anrufe reserviert. Er hatte keine Lust, das Band abzuhören und teilte ihr das auch mit. Sie zuckte die Achseln, doch gleichzeitig fiel ihr auch etwas ein.

"Es hat vorhin schon geleuchtet, als wir zurückkamen. Ich hatte nur vergessen, es dir zu sagen. Vielleicht solltest du doch reinhören. Es könnte ja wichtig sein."

Er verzog das Gesicht.

"Ja, klar. Es hat ja in letzter Zeit auch noch nicht genug Katastrophen in meinem Leben gegeben." Aber er ging hinüber. Ripley stieg weiter die Treppe hinauf und spürte, wie sie mit jedem Schritt müder wurde. Nicht nur die Seeluft, schloß sie. Es war wirklich verdammt spät geworden. Eigenartig, sie hatte gar nicht bemerkt, wie die Zeit verflogen war. Sie betrat das Gästezimmer.

Hicks blieb kurz vor dem Apparat stehen und musterte diesen mit einem skeptischen, unwollenden Blick, noch immer nicht sicher, ob er dies wirklich tun sollte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er das Aufzeichnungsgerät schon lange aus dem Haus geworfen, aber das Corps verlangte von seinen Leuten, daß diese stets erreichbar waren. Wer konnte ihn angerufen haben? Außer Neil wußte niemand, daß er schon zurück war, oder? Er streckte die Hand aus, drückte auf die Wiedergabetaste.

"Okay, wer immer das hier auch sein mag, wagt es nicht, mir diesen Tag zu verderben..."

Ripley war zu müde, um jetzt noch zu duschen. Sie beschloß, das am Morgen nachzuholen und den kürzesten Weg ins Bett zu nehmen. Schnell entledigte sie sich ihrer Kleidung und schlüpfte in ein verwaschenes Baumwoll-Shirt, ohne die Nachttischlampe anzumachen. Das Mondlicht war hell genug. Sie deckte das Bett auf und lauschte gleichzeitig auf Hicks' Schritte. Er war noch nicht oben, oder? Zumindest hatte sie ihn nicht raufkommen gehört.

Sie öffnete die Tür und horchte in den Korridor. Alles war still, nur von unten kam ein schwacher Lichtschein. Was machte er da nur noch? Barfuß schlich sie über die Holzdielen und blickte hinunter. Er saß auf dem Stuhl neben dem Videotelefon und starrte vor sich hin, ohne sie wahrzunehmen. Ripley runzelte die Stirn. Diese Szene gefiel ihr nicht.

"Dwayne? Alles in Ordnung?"

Sein Blick wanderte langsam zu ihr hoch. Er schüttelte den Kopf. Sein Gesichtsausdruck war merkwürdig. Eine Mischung aus Wut, Hilflosigkeit und Bedauern. Mit der Betonung auf Wut. Dennoch klang seine Stimme ruhig, geradezu kühl.

"Nein. Nein, nichts ist in Ordnung. Gar nichts. Ich muß zurück."

Einen Augenblick lang glaubte sie sich verhört zu haben.

"Wie bitte?"

Er starrte sie nur an. Es war sein voller Ernst, sie konnte es sehen. Sie lief die Treppe hinunter, kam vor ihm zum Stehen. Er blieb sitzen.

"Aber - du bist doch noch nicht mal richtig wieder hier!"

Er zuckte die Achseln, das Gesicht unbewegt.

"Wann denn?"

"Sofort. "

Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

"Das kann doch nicht wahr sein!"

"Es ist wahr."

Er klang noch immer kühl und distanziert, aber seine Augen verrieten ihn. Ripley konnte ahnen, was in diesem Augenblick in ihm vorging.

"Was ist passiert?"

Statt einer Antwort drückte er die Wiedergabetaste. Der Bildschirm erwachte flackernd zum Leben und zeigte das Bild einer Frau in Militärkleidung, etwa Mitte Dreißig. Die vorschriftsmäßig kurzen Haare verliehen ihren kantigen Züge eine gewisse Schroffheit und Härte, die auch das leichte Make-Up nicht verbergen konnte. Ihre Stimme war kühl und sachlich.

"Sergeant Hicks, Lieutenant Randy Durrell, Colonial Marine Corps. General Shaw erwartet sie morgen früh um Punkt acht Uhr in seinem Büro zu einer Besprechung. Seien sie pünktlich, der General hat nur wenig Zeit. Guten Abend!" Der Monitor erlosch. Ripley schwieg und musterte Hicks, dessen Lippen sich zu einem sarkastischen Lächeln verzogen hatten.

"Ist sie nicht entzückend? 'Seien sie pünktlich, der General hat nur wenig Zeit!'" All die Wut suchte ein Ventil, er hieb mit der Faust auf die Armlehne. "Ich hasse sie. Ich hasse sie einfach!"

"Irgendeine Chance, nein zu sagen?" Ripley kannte die Antwort bereit, aber sie wollte es einfach noch nicht glauben. Sie setzte sich auf die äußerste Ecke der Couch und beugte sich vor. Er schüttelte deprimiert den Kopf.

"Was soll ich schon tun? Wenn der General "Frosch" sagt, muß ich springen. Und wenn ich's nicht tue, bin ich dran. Befehlsverweigerung ist kein Kavaliersdelikt. Und man sollte sich nicht gerade mit seinem obersten Vorgesetzten in die Wolle kriegen - in der Regel hat das verdammt unangenehme Folgen..." Er stieß die Luft aus. Es war ihm deutlich anzumerken, daß er am liebsten irgend etwas zerschlagen wollte. Sicher, er war eher der ruhige Typ, aber auch seine Geduld hatte Grenzen. Er sprang auf die Füße und begann, ruhelos im Zimmer auf und ab zu wandern. Ripley sah ihm dabei ratlos zu.

"Hast du eine Ahnung, was er von dir will? Vielleicht dauert es auch nicht lange. Vielleicht will er bloß..."

Hicks blieb stehen.

"Vielleicht will er bloß was? Sich mit mir unterhalten? Mich wieder rausschicken? Ich habe keinen Schimmer, weswegen dieser Aufstand jetzt sein muß. Fest steht nur, daß ich nichts dagegen tun kann."

Sein Blick fiel auf die Wohnzimmeruhr. "Und ich muß mich beeilen, wenn ich das noch schaffen will. Es ist schon nach vier. Ich muß los...Verdammt!" Er lief die Treppe hinauf und verschwand im Schlafzimmer. Ripley konnte ihn dort hören, wie er seine Sachen zusammenpackte, die er vor gerade erst einmal 24 Stunden dort eingeräumt hatte. Er ging nicht eben leise vor, dann und wann hörte sie eine Schranktür oder Schublade knallen. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihm zumute sein mußte, ja, sie konnte ihn nur zu gut verstehen. Sie hoffte nur, daß sich die ganze Angelegenheit als Lappalie herausstellen würde, daß er bald wiederkommen würde. Aber tief im Innern sagte ihr eine Stimme, daß die Aussichten hierfür nicht allzu gut standen. Nur ein beunruhigendes Gefühl...

Sie blickte auf, als sie schnelle Schritte von oben hörte. Keine zehn Minuten hatte er gebraucht, um seinen alten Armeerucksack wieder zu packen. Er eilte im Laufschritt die Treppe hinunter und griff im Vorbeigehen nach der Sicherungskarte für den Jeep. Ripley erhob sich.

"Ich werde fahren. In deiner Stimmung solltest du dich nicht hinters Steuer setzen."

Zunächst sah es so aus, als wolle Hicks widersprechen, doch dann nickte er nur knapp.

"Okay. Aber wir müssen uns beeilen. Um sechs geht der nächste Flug, und die brauchen immer ewig für ihre verdammten Kontrollen."

"Keine Panik, das schaffen wir schon."

Er hielt ihr die Tür auf. Draußen kündigte ein heller Streifen am Horizont den Beginn eines neuen Tages an.

***

Es gab Soldaten im Marinecorps, denen man ihren Rang nicht ansah, tatsächlich waren das die meisten. Dann gab es auch Soldaten, die äußerlich eine Menge hermachten, aber unter Stress nicht zu gebrauchen waren. Und dann waren da noch diejenigen, vor deren Austrahlung von Kompetenz und Respekt man freiwillig den Hut zog. Helden und Luschen. General Shaw war mit jeder Faser seines Daseins eine Führungsnatur, eine Autoritätsperson, die von niemandem in Frage gestellt wurde, und den eine magische Aura umgab. Dazu war er 1,90 groß und über 100 Kilo schwer, jedes einzelne Gramm davon auf's letzte durchtrainiert.. Er hatte seinen Aufstieg alleine geschafft, ohne Beziehungen, und mit seinen 45 Jahren hatte er alle Chancen, die Karriereleiter noch weiter hinaufzusteigen. Er war hart und nicht einfach, wie es hieß. Er galt als extrem willenstarker, rücksichtsloser Befehlshaber, der die ihm unterstellten Truppen auch schonmal zum eigenen Ruhm und zum Preis einen hohen Blutzolls in nahezu aussichtslose Gefechte schickte, statt eine Mission verlorenzugeben. Kaum einer der Infanteristen des Corps war auf General Shaw gut zu sprechen, hatten doch die meisten bereits Freunde und Kameraden eben durch dessen Härte verloren.

General Shaw war sein Ruf unter seinen Leuten völlig egal. Seine Vorgesetzten waren von seinen Leistungen begeistert, und das alleine zählte. Seit er die Garnison der Colonial Marines auf GATEWAY STATION übernommen hatte, wies diese eine der höchsten Erfolgsquoten auf, die je erzielt worden waren. Mit den Marines mußte jetzt wieder gerechnet werden. In einem Zeitalter, in dem die besten Kräfte mehr und mehr zu den mit großzügigen Angeboten winkenden Superkonzernen wie Weyland Yutani abzuwandern drohten und deren Macht bedrohlich ansteigen ließen, hatte er es geschafft, sich Respekt zu verschaffen. Der Ärger war bedeutend weniger geworden, seit er das Ruder in der Hand hatte. Rebellionen auf den Kolonien, Terrorkommandos oder Weltraumpiraten, die es auf die Versorgungsschiffe der Außenkolonien abgesehen hatten, hielten sich bereits seit längerem zurück. Offenbar war das Risiko, die Aufmerksamkeit der Colonial Marines zu erringen, inzwischen doch einige Überlegungen wert geworden, wie Shaw nicht ohne Befriedigung feststellte.

Dennoch, es gab immer noch Möglichkeiten, sich zu verbessern, man mußte diese nur erkennen und sie ergreifen. Sein Weg war noch längst nicht zu Ende, das Kommando über die Garnison GATEWAY war erst der Anfang. Er hatte noch viel vor. Die jüngste Entwicklung konnte ihm da nur zugute kommen, wenn er es richtig anpackte. Wahrscheinlich war das die größte Chance, die sich ihm seit vielen Monaten eröffnet hatte, und er gedachte, sich diese unter keinen Umständen entgehen zu lassen.

"Sir?"

Lt. Randy Durrells Stimme erscholl aus der Sprechanlage auf dem massiven Schreibtisch. Dieser war, wie auch die Stühle und der Konferenztisch im Nebenzimmer, aus echtem Holz. Nur das Beste. Er hatte sich das verdient. Der General lehnte sich in seinem Sessel zurück.

"Lt. Durrell. Was gibt es?"

"Sir, ich habe gerade die Information erhalten, daß die Fähre angekommen und Sergeant Hicks an Bord ist. Ich habe mir die Passagierliste ausdrucken lassen. Er müßte in den nächsten Minuten eintreffen."

Shaw's Blick wanderte wie beiläufig über die Wanduhr hinweg und blieb dann an einem gerahmten Bild hängen, das einen Großteil der gegenüberliegenden Wand einnahm. Es handelte sich um eine Weltraumansicht der Schwesterstation GATEWAYs, NEW BRISBANE. Im Gegensatz zum künstlichen Erdtrabanten war diese Station jedoch rein militärischer Natur, Anlaufpunkt für Schlachtschiffe aus allen Richtungen, schwerbewaffnet und mit zehntausend Mann besetzt. Eine ringförmige, uneinnehmbare Burg in den Weiten des Alls. Hier war es, wo die großen Entscheidungen getroffen wurden, von hier aus wurden die Flotten dirigiert, Einsätze geplant. Zudem wurde hier und auf der dazugehörigen Kolonie seit zwei Jahren auch der Nachwuchs ausgebildet, unter viel realistischeren Bedingungen, als dies auf der Erde bislang möglich gewesen war. Die Station war ein Schmuckstück. Dort wollte er hin. Dort lag seine Zukunft.

Shaw nickte knapp, obwohl seine Mitarbeiterin ihn nicht sehen konnte.

"Gut. Bringen sie ihn herein, sobald er da ist."

"Ja, Sir."

Die Sprechanlage verstummte. Randy Durrell war eine gute Mitarbeiterin, dachte Shaw, den Blick weiterhin auf das Foto gerichtet. Eine wertvolle Mitarbeiterin. Loyal bis zum letzten. Und smart. Sie hatte sich bereits einige seiner Tricks abgeschaut, wußte, wie man mit seinen Leuten umgehen mußte, um das bestmögliche Ergebnis herauszuholen. Und sie konnte hart sein, was besonders wichtig war. Es gab nur wenige weibliche Lieutenants bei den Marines. Sie hatte sich diesen Rang redlich verdient. Und so mochte - falls sie so weitermachte, und General Shaw hatte keinen Grund anzunehmen, daß sie das nicht tun würde - ihre Zukunft noch einiges für sie bereithalten.

Bei Hicks war sich Shaw nicht ganz so sicher. Er kannte den frischbeförderten Sergeant noch nicht persönlich, hatte sich erst am Vortag nach dem Gespräch mit dem Leiter der Forschungsabteilung von Weyland Yutani hier auf GATEWAY, seinem alten Bekannten Dr. Peter Riser, in die Akte des Marines vertieft. Soweit er erkennen konnte, hatte dieser seine Militärlaufbahn vielversprechend begonnen, bis vor einigen Jahren ein jäher Stillstand eingetreten war - keine Beförderung innerhalb eines Zeitraumes von drei Jahren. Als habe das Interesse mit einem Male nachgelassen. Sicher, je höher man kam, desto länger dauerte es in der Regel bis zum nächsten Schritt hinauf, aber drei Jahre kamen Shaw verdächtig lang vor. Dies war um so merkwürdiger, als er lediglich gute Beurteilungen in der Akte vorfand, mehrere davon von Master Sergeant Apone, den Shaw fachlich stets respektiert hatte. Richtig, Apone's Platoon... Seine Gedanken waren einen Moment lang abgeschweift, bevor er sich wieder mit Hicks' Akte befaßt hatte. Aufmerksam war er die letzten Berichte durchgegangen, die man nach dem Verhör über die Acheron-Mission erstellt hatte. Er hatte sie natürlich bereits mehrmals gelesen, aber diesmal lag sein Interesse auf einer anderen Seite. Er versuchte, sich ein Bild des Sergeants auszuarbeiten, zu ergründen, wie er auf diverse Dinge wohl reagieren würde. Vermutlich würde er sich gegen seinen Auftrag sträuben, aber Shaw hatte sich - wie immer - gut vorbereitet, trotz der wenigen Zeit, die ihm dafür zur Verfügung gestanden hatte.

In Gedanken ging er den Bericht nocheinmal durch, den Dr. Sanderson aus der Krankenstation für Hicks' Personalakte verfaßt hatte. Einige Dinge standen darin, die Shaw Probleme bereiteten. Unsicherheiten. Er hatte Hicks zu sich bestellen lassen, um sich über diese Dinge klar zu werden. Diese Sache war zu wichtig, um sie jemandem in die Hände zu geben, der nicht in der Lage war, sie auch erledigen zu können. Er mußte sich vergewissern...

***

Hicks schritt im Eiltempo durch den Korridor, einen beiläufigen Blick auf seine Uhr werfend. Noch zwanzig Minuten, um die diversen Kontrollen zu durchqueren, die ihn vor der Kommandoebene A der Colonial Marines auf GATEWAY erwarteten. Das war zu schaffen. Er war müde, schließlich hatte er bis auf die halbe Stunde im Transporter die ganze Nacht nicht geschlafen, doch das alleine war es nicht, was ihm vom einen Deja-vu-Erlebnis zum nächsten rennen ließ. Die metallisch grauen Gänge, der Widerhall seiner Schritte, die Kälte, das grelle Kunstlicht, das alles war von der Sekunde an, als er GATEWAY betrat, auf ihn eingestürmt und hatte ihn schließlich überwältigt. Fast schien es ihm, als wäre er nie weg gewesen, als wäre der eine Tag, den er unten hatte verbringen dürfen, nur ein schöner Traum gewesen, aus dem er jetzt aufgewacht war. Wäre da nicht das bißchen Farbe gewesen, daß er sich bei dem einen Tag im Sonnenschein geholt und das rund um sein linkes Handgelenk einen hellen Streifen gelassen hatte, wo seine Uhr gewesen war, wäre er sich selber nicht sicher gewesen, ob er die Stunden auf der Erde nicht lediglich geträumt hatte. So oder so, der Traum war vorbei. Für wie lange wußte er nicht. Er konnte nur hoffen, daß Shaw nicht beabsichtigte, ihn wieder hinauszuschicken. Ohne Reserven und ohne Kraft würde er einen neuerlichen Einsatz sicher nicht überleben.

Hicks hatte seinen Oberbefehlshaber noch nie persönlich zu sehen bekommen und hätte auch gerne jetzt auf diese Erfahrung verzichtet, schließlich genoß dieser unter den Infanteristen einen äußerst zweifelhaften Ruf, doch zumindest beabsichtigte er, seinem Ärger Luft zu machen. Schön, er war erst vor wenigen Tagen befördert worden, aber das hieß nicht, daß sie mit ihm machen konnten, was sie wollten. Es gab Regeln, an die sich auch Vorgesetzte zu halten hatten. Sie konnten nicht mit ihm anstellen, was sie wollten. Er hatte die Genehmigung und Verordnung der vier Monate Rekonvaleszenzzeit schriftlich, sie konnten diese Tatsache nicht einfach ignorieren....Oder?

Er betrat den Aufzug zur Kommandoebene, in seine Gedanken vertieft und fast ohne die anderen Mitfahrer überhaupt wahrzunehmen. Sein Blick fiel in den Spiegel. Man sah ihm seine Müdigkeit an. Das ärgerte ihn. Er wollte stark erscheinen, wenn er dem General gegenüberstand, seine Meinung entschlossen vertreten. Seinem Gegenüber klarmachen, daß er so nicht mit ihm verfahren konnte. Er runzelte skeptisch die Stirn und wandte sich dann wieder ab, als ein melodisches Klingeln die Ankunft des Aufzugs in der Ebene A verkündete.

Hicks reichte der dort postierten Sicherheitskontrolle seine I.D. und wurde nach einer kurzen Überprüfung durchgelassen. Während er mit großen Schritten den Gang hinuntereilte, spürte er zum ersten Mal einen leichten Anflug von Nervosität. Was wollte der General nur von ihm? Was war so wichtig, daß er ihn dermaßen kurzfristig hier hinaufzitiert hatte? Die Untersuchungen waren doch abgeschlossen, oder?

Die schweren Türen des Büros öffneten sich, als er nur noch wenige Meter entfernt war und gaben den Blick auf die Anmeldung frei. Außer der Sekretärin des Generals stand dort über einen massiven Schreibtisch gebeugt auch Lt. Durrell, die aufblickte, als sie das Summen der Türen vernahm. Im nächsten Augenblick richtete sie sich auf. Hicks salutierte vorschriftsmäßig und stand stramm.

"Guten Morgen, Ma'am. Sergeant Hicks zur Besprechung mit General Shaw."

Ihr erster Blick ging zur Uhr. Aber er hatte ihr keinen Anlaß zu einer Rüge gegeben, es war kurz vor acht. Sie nickte knapp.

"Ich werde dem General mitteilen, daß sie da sind. Einen Moment." Sie wandte sich von ihm ab in Richtung Sprechanlage. "General Shaw? Sergeant Hicks ist angekommen." Sie wartete noch die Erwiderung ab, bevor sie Hicks zunickte. "Sie können reingehen. Der General erwartet sie."

"Danke, Ma'am." Mit unbewegtem Gesicht schritt Hicks an ihr vorbei. Diese Frau war so trocken, daß er sich wunderte, weshalb es nicht staubte, wenn sie sprach. Den Militärdrill beherrschte sie perfekt. Allerdings schien sie von zwischenmenschlichen Umgangsformen um so weniger Ahnung zu haben. Selbst ein 'Guten Morgen' war offensichtlich zuviel verlangt. 'Erstick doch dran', dachte er, ohne sich etwas anmerken zu lassen.

Er betrat das opulent eingerichtete Büro des Generals. Möbel aus echtem Holz mit Lederbezug, selbst teure Auslegware - für GATEWAY völlig untypisch - zierten den Raum. Hicks zog in Gedanken eine Braue hoch.

"Sergeant Hicks?"

Er drehte sich nach der Stimme um, die von der Seite gekommen war. Dort stand ein Koloß von einem Mann; groß, massig und imposant. General Shaw. Der direkte Blick, mit dem ihn sein Oberbefehlshaber musterte, prüfte ihn von Kopf bis Fuß, bohrte, versuchte, hinter die Fassade zu blicken. Hicks schätzte, daß er in der Lage war, mit dieser Taktik auf schnellstmögliche Weise seine Gegenüber einzuschüchtern. Wahrscheinlich war dieses Spiel so eine Art Sport, ein Duell - wer hielt diese Art der Konfrontation aus, und wer würde den Blick abwenden? Hicks hielt Shaw's Blick stand, blieb mit unbewegter Miene in Habachtstellung stehen.

"Guten Morgen, Sir."

"Stehen sie bequem, Sergeant. Guten Morgen." General Shaw hatte seine Prüfung offensichtlich abgeschlossen. Als er jetzt nähertrat, bedachte er Hicks mit einem unverbindlichen Lächeln. "Schön, sie wieder unter den Lebenden zu wissen, Hicks. Da scheinen sie ja nochmal Glück gehabt zu haben. Sie sehen wieder richtig fit aus. Erholt."

'Uh-oh', dachte Hicks. 'Das hört sich nicht gut an...'Er ließ sich nichts anmerken, zuckte nur mit den Achseln.

"Nun, Sir, eigentlich -"

"Setzen sie sich doch," unterbrach ihn der General und ließ sich selbst auf dem breiten, schwarzen Ledersessel hinter seinem Schreibtisch nieder. Er deutete auf den weitaus weniger luxuriös ausgestatteten Stuhl davor. Hicks setzte sich. Shaw lächelte noch immer, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Diese stahlgrauen Augen musterten Hicks eindringlichst und verrieten diesem, daß sein Hiersein wohl einen recht dringenden Grund haben mußte. Keine kurze Unterhaltung und dann wieder ab nach Los Angeles, tut mir leid, Ellen. Hicks' Nervosität nahm schlagartig zu. Shaw beugte sich vor.

"Ich hoffe, es geht ihnen wieder gut?"

"Danke, Sir, ja. Keine Probleme mehr mit der Verletzung. Ich habe allerdings andere Probleme..."

"Die Träume?"

Hicks blickte überrascht auf. Wie konnte der General von den Träumen wissen? Außer Dr. Sanderson gegenüber hatte er nie etwas davon erwähnt. Dann fiel sein Blick auf die dicke Akte auf Shaw's Schreibtisch, und er wußte Bescheid. Hatte der General etwa seine ganze Akte gelesen? Und was stand dort noch drin?

"Sir, das meinte ich nicht. Damit werde ich fertig. -"

"Dr. Sanderson äußert sich hierdrin - " unterbrach ihn Shaw abermals und hob einen maschinenbeschriebenen Bericht hoch -" ein wenig besorgt über ihre, ähm, Psyche. Er fragt sich, ob sie den Einsatz ganz verdaut haben."

Leises Unbehagen regte sich in Hicks. Worauf wollte der General hinaus?

"Sir, wenn sie damit meinen, ob ich die Sache für mich abgehakt habe, muß ich sagen nein. Ich arbeite daran. Was mir allerdings noch mehr zu schaffen macht, Sir, ist, daß ich seit fast zwei Jahren ununterbrochen im Einsatz gewesen bin und dabei jede Unze an Kraft gelassen habe, die ich je besessen habe. Mir wurde versichert, daß ich jetzt meinen lange überfälligen Urlaub endlich antreten könnte. Ich war auch bereits unten, als ich von ihnen zurückgerufen wurde.- "

"Nur die Ruhe, Sergeant" fuhr Shaw dazwischen. Anscheinend konnte er niemanden ausreden lassen. Jede Spur eines Lächelns war nun von seinem Gesicht verschwunden, als er zur Sache kam. "Ich kann sie verstehen, niemand mag es, vorzeitig aus dem Urlaub zurückgerufen zu werden. -"

"Vorzeitig?" unterbrach ihn Hicks hitzig. "Entschuldigen sie, Sir, aber ich war gerade mal einen Tag unten, nachdem ich die letzten drei Wochen in der Krankenstation verbracht hatte! Und Dr. Sanderson hatte mir die vier Monate dringend verordnet. Colonel de Vries hat sogar seine Unterschrift daraufgesetzt. Sir!" Ein verärgertes Aufblitzen in Shaw's Augen brachte Hicks zum Schweigen.

"Ich bin durchaus informiert über ihre Lage, Sergeant. Schließlich habe ich sie gerade erst befördert. Aber ich möchte doch annehmen, daß sie als Unteroffizier sicher in den vergangenen Jahren einige der militärischen Notwendigkeiten mitbekommen haben und daher verstehen, daß es Wichtigeres als Urlaub geben kann! Ich habe hier einen Spezialauftrag für sie, und ich möchte mich nur vorher versichern, daß sie in der Lage sind, ihn ordnungsgemäß auszuführen."

Hicks' Ärger und sein Unbehagen wuchsen proportional zueinander an.

"Nun, Sir, ich schätze, das hängt von der Art des Auftrags ab. Ich meine -"

"Keine größeren körperlichen Anstrengungen in den nächsten Wochen, ich weiß das," unterbrach Shaw ihn wiederum ungeduldig. "Gerade deshalb ist es genau das richtige für sie. Eine Beraterstelle. Ihr Fachgebiet."

Hicks' Skepsis war ihm deutlich anzusehen.

"Entschuldigen sie, Sir, ich verstehe nicht ganz. "

Jetzt war Shaw's Lächeln wieder da, völlig überraschend. Der General blätterte abwesend in der Akte herum, während sein Blick in die Ferne schweifte.

"Nun, dann werde ich es ihnen gerne erklären: Wir haben ein neues Projekt mit Weyland Yutani abgeschlossen, das engste Zusammenarbeit erfordert. Wir entwickeln ein neues Waffensystem. Bahnbrechend. Revolutionär. Und wir werden weit und breit die einzigen sein, die es besitzen. Natürlich brauche ich ihnen nicht zu sagen, daß die ganze Sache der strengsten Geheimhaltung unterliegt. Kein Wort zu anderen, ob Familienmitglieder, Freunde, Corpsangehörige, nicht einmal anderen Vorgesetzten gegenüber. Sie erstatten direkt mir, und nur mir Bericht über diese Angelegenheit. Ist das klar?

"Heißt das, daß ich den Auftrag bereits habe?"

"Ich sagte ihnen bereits, daß ich sie für diesen Auftrag haben will. Und nachdem ich sie hier in bester Verfassung vor mir in diesem Büro sitzen sehen, sehe ich keinen Grund, weswegen sie ihn nicht ausführen sollten. Oder können sie mir einen nennen?"

Hicks erwiderte den direkten Blick des Generals, einige Sekunden lang und atmete dann tief durch.

"Sir, es tut mir leid, aber ich fühle mich nicht in der Lage dazu."

Shaw lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme, während er Hicks mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung ansah.

"Das kann ich schwer glauben, Sergeant. Wie ich schon sagte, es handelt sich nicht um körperliche Arbeit. Ich will sie für diesen Job, und sie werden ihn auch ausführen, ist das klar?"

Hicks starrte zurück und schlug schließlich die Augen nieder.

"Ja, Sir."

"Gut. Dann folgen sie mir, ich werde sie mit den Mitarbeitern der Gesellschaft vertraut machen."

Gleißendes Neonlicht blendete Hicks, als er hinter General Shaw das Gelände von Weyland Yutani betrat. Nicht, daß es hier heller war als im Rest der Raumstation, doch wo ansonsten graue Wandverkleidungen vorherrschten, war hier die Einrichtung von einem klinischen, aseptischen Weiß, das das Neonlicht um ein Vielfaches zu verstärken schien. Der General hatte den ganzen Weg hinunter zu diesem Komplex geschwiegen, und so hatte Hicks die Gelegenheit genutzt, sich ein wenig umzusehen. Immerhin befanden sie sich seit etwa 10 Minuten in der am stärksten abgeschirmten und abgeriegelten Sicherheitszone GATEWAY's, zu der noch nicht einmal Führungskräfte des Corps Einlaß erzwingen konnten. Weyland Yutani war mächtig. Zu mächtig für Hicks' Geschmack. Keine Kontrollen von außen, kein Zutritt, eigenes, bestens geschultes und ausgerüstetes Sicherheitspersonal; hier unten im Westflügel GATEWAYs konnten die Wissenschaftler tun und lassen, was ihnen lieb war, ohne jemand anderem dafür Rechenschaft ablegen zu müssen als ihrem Auftraggeber - der Gesellschaft. Gott alleine wußte, was für Tests und Experimente hier oben durchgeführt werden mochten. Hicks' Blick glitt über Bewegungsmelder, Videokameras, Lichtschranken und Apparatschaften, die er für Selbstschußanlagen hielt, ohne sich jedoch sicher zu sein. Sie passierten eine weitere Sicherheitskontrolle und wurden nach kurzer Verzögerung durchgelassen, bis sie schließlich am Ende des Ganges von einem hinter einer Sicherheitsscheibe plazierten Aufseher aufgehalten wurden. Shaw schob seine I.D. und ein Blatt Papier durch den Schlitz und beugte sich zur Sprechanlage vor.

"General Shaw und Sergeant Hicks, Colonial Marine Corps. Wir haben einen Termin mit Dr. Riser. Würden sie uns bitte melden?"

"Einen Augenblick bitte, Sir." Der prüfende Blick des bulligen Beamten strich über sie hinweg.

"Würden sie bitte ihre rechte Hand in diese Vertiefung dort legen, Sir?" Shaw's Reaktion zeigte deutlich, daß er die Prozedur für überflüssig hielt, dennoch befolgt er die Anweisung. Nur wenige Sekunden später ertönte ein elektronisches Klicken, und der Beamte, der die Daten auf seinem Monitor eingehend überprüft hatte, nickte ihm zu. "In Ordnung, Sir. Treten sie bitte durch."

Hicks folgte dem General durch einen belebten Korridor geradewegs in das ausgeschilderte Hauptlabor. Hier unten konnte man förmlich riechen, wie geheim die Arbeit an diesem Projekt war - Hicks konnte sich nicht erinnern, jemals einen dermaßen gesicherten Raum gesehen zu haben. Im Geiste hob er die Augenbrauen.

"General? General Shaw?"

Hicks wandte den Kopf und erblickte einen mit einem weißen Kittel bekleideten, hageren Mann mittleren Alters, der durch das Gewimmel von Leuten auf sie zukam, sie knapp begrüßte und dann durch eine verglasten Korridor in einen weiter hinten gelegenen Raum brachte. Außer ihnen war lediglich ein weiterer Wissenschaftler anwesend, der in einer Ecke über seinen Geräten hockte und kaum Notiz von ihnen nahm. Hicks wandte seine Aufmerksamkeit Riser zu, während dieser sich mit Shaw unterhielt. Der Biologe sah genauso aus, wie er sich Wissenschaftler immer vorgestellt hatte: Schmal und kopflastig, übermüdet und voll und ganz der Theorie verfallen. Dazu jedoch war er mit harten Gesichtszügen ausgestattet, die von Entschlossenheit und Durchsetzungsvermögen kündeten. Hicks fragte sich gerade, wie Riser wohl mit seinen eigenen Leuten umzuspringen pflegte, als die Rede auf ihn kam. Der Wissenschaftler musterte ihn prüfend.

"Soso, sie sind also unser Berater? Haben sie Erfahrung?"

"Er ist noch nicht eingeweiht, Pete," antwortete Shaw für ihn. Hicks hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. "Er weiß noch nicht, worum genau es hierbei geht, aber unserem Gespräch vorhin konnte ich entnehmen, daß er sich auf die Mitarbeit freut und ihnen jederzeit gerne zur Verfügung stehen wird."

Risers Mund verzog sich zu einem dünnen, humorlosen Lächeln.

"Der General sagte mir, sie wären ein Experte auf diesem Gebiet. Nun, Experten können wir immer gebrauchen. Am besten demonstriere ich ihnen kurz, worum es sich bei diesem Projekt genau handelt. Stan?" Riser nickte seinem Gehilfen zu, der daraufhin ein paar Tasten drückte. Ein tiefes Summen ertönte, als die schweren Stahljalousien von der rückwärtigen Glaswand allmählich hochglitten.

Hicks' Unbehagen, das eigentlich nie nachgelassen hatte, seit er den Fuß wieder auf die Raumstation gestellt hatte, potenzierte sich mit einem Male um ein Vielfaches; zu seiner eigenen Verwunderung mußte er sich eingestehen, daß er nervös war. Sehr nervös. Wie eine Katze in einem Zimmer voller Schaukelstühle... hatte Apone immer gesagt. Apone war tot. Verdammt. Hicks verschränkte die Arme und zwang sich, seine ruhige Miene beizubehalten. Ein neues Waffensystem, hatte Shaw gesagt. Bahnbrechend. Eine neue Waffe, um noch mehr Menschen auf einen Schlag ins Jenseits zu befördern. Vielleicht hatten sie dadurch in zukünftigen Konflikten eine Zeitlang einen winzigen Vorteil, doch früher oder später richteten sich diese neuen Waffen immer gegen ihre Erfinder, sobald die Gegenseite herausgefunden hatte, wie sie funktionierte. So war es bisher immer gewesen. Woran auch immer Weyland Yutani hier arbeitete, vermutlich würde er sich in kürzester Zeit selbst darüber den Kopf zerbrechen müssen, wie er dieser Waffe entkommen sollte.

"Sergeant?" Widerwillig wandte Hicks den Blick von der hochrollenden Stahljalousie ab, die soeben die ersten Zentimeter Sichtfeld freigab. Riser stand unmittelbar hinter ihm. "Was sie gleich sehen werden, ist natürlich noch nicht das Endprodukt. Wir haben erst vor drei Tagen mit der Arbeit beginnen können, aber ich bin stolz sagen zu könne, daß die bisherigen Erfolge sich durchaus sehen lassen können. Wir rechnen mit einer Entwicklungszeit von höchstens einem Jahr, eventuell sogar kürzer. Natürlich nur, wenn wir in vollem Umfang mit ihrer Mitarbeit rechnen können. Ich kann ihnen versprechen, daß - sofern das Projekt den erwarteten Erfolg hat - ihre Arbeit in Zukunft geradezu lächerlich einfach werden wird. Sämtliche Anstrengungen der Gesellschaft konzentrieren sich auf dieses Projekt. Wir nennen es "Strike Team"."

Hicks nahm diese Informationen wortlos zur Kenntnis, während er aus den Augenwinkeln heraus sehen konnte, daß die Jalousie fast völlig hochgefahren war. Er wandte sich um. Und prallte zurück.

"Oh mein Gott!" Seine Worte waren kaum hörbar. Als habe jemand mit einem einzigen Schlag sämtliche Luft aus seinen Lungen gepreßt, seine Eingeweide in Eiswasser verwandelt. Unbewußt trat er zwei schnelle Schritte rückwärts, prallte mit dem Rücken gegen ein Regal, dessen Inhalt scheppernd auf dem Boden aufschlug. Er bemerkte es nicht einmal, starrte nur mit weit aufgerissenen Augen und aschfahlem Gesicht auf den Alptraum, der sich ihm hinter der Glasscheibe bot, während sein Verstand diesen noch immer leugnen wollte: Die Alienqueen war noch nicht voll ausgewachsen, thronte aber bereits als unumstrittene Herrscherin über ihren vier Artgenossen, die sich allesamt dem plötzlichen Lichteinfall zugewendet hatten und reglos verharrten. Das bläuliche Licht reflektierte von metallisch glänzenden Schädeln und chromfarbenen Zähnen. Ein leises, bedrohliches Zischen drang durch die Lautsprecher, kraftvolle Doppelkiefer öffneten und schlossen sich langsam. Eine Demonstration ihrer furchtbarsten Waffen. Ganz offenbar fühlten sich die Biomechanoiden gestört.

"Oh mein Gott..." Die Wirklichkeit schien ihm davonzugleiten. Irgendwie hatte man ihn ohne sein Wissen nach Acheron verfrachtet, es konnte doch nicht sein, daß... Hicks starrte den ihm am nächsten stehenden Alien-Soldaten an, innerlich darum flehend, daß es sich hierbei um einen Alptraum handelte, eine Halluzination, etwas, was seine stark mitgenommene Psyche ihm vorgaukelte... Und das Alien starrte zurück. Hicks fühlte es förmlich. Es hatte zwar keine Augen, aber es nahm ihn wahr. Wußte, daß er dort stand, völlig im Schock, und die Augen nicht von ihm lassen konnte. Und kam näher, bewegte sich mit unmenschlicher Geschmeidigkeit langsam, Schritt für Schritt, auf die Sicherheitsscheibe zu, das einzige Hindernis zwischen ihm und den es fasziniert betrachtenden Menschen. Schließlich verharrte es, der moränenähnliche Kopf nur Zentimeter von der Scheibe entfernt. Langsam hob es eine doppelfingrige, krallenbewehrte Klaue, zog sie langsam über das Spezialglas, drei gut sichtbare Schrammen darin hinterlassend. Dann ein Gleißen von Chrom, als die Lefzen hochzogen wurden und den Blick auf die langen Reißzähne des äußeren Gebisses freigab. Langsam teilten sich die Reihen tödlicher Dolchspitzen, glitten weiter und weiter auseinander, bis das Innengebiß sichtbar wurde - einem Gewehrschuß gleich krachten die Zähne gegen die Scheibe.

Wie hypnotisiert hatte Hicks das Schauspiel verfolgt, außerstande, sich von dem Anblick abzuwenden, erst jetzt schien er mit einem Ruck aus seiner Starre zu erwachen. Er fuhr herum, außer sich. Seine Stimme war kaum hörbar, als er sich Riser zuwandte, der ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen hatte.

"Sie müssen verrückt sein. Sie sind wahnsinnig!"

Riser hob die Hände zu etwas, was wohl eine beruhigende Geste werden sollte.

"Sergeant, ich kann verstehen, daß sie -"

"Nein, sie verstehen nichts! Sie verstehen überhaupt nichts!" Hicks hatte seine Stimme wiedergefunden und wurde laut. " Sie verstehen überhaupt nicht, womit sie es hier zu tun haben! Was sie da in ihrem verdammten Labor haben! Sie haben den Tod nach GATEWAY geholt! Diese Bastarde sind der Tod!"

"Deshalb sind sie hier," schleuderte ihm Riser trocken entgegen. "Das ist genau der Grund, weswegen wir sie studieren werden."

"Sie werden sie überhaupt nicht studieren! Sie werden ausbrechen, bevor sie überhaupt Zeit zum Reagieren haben werden, dann ist GATEWAY verloren, und wenn auch nur einer von ihnen auf die Erde gelangen sollte, dann ist das das Ende! Das Ende, verdammt noch mal! Sie wissen überhaupt nicht, was sie angerichtet haben!!"

"Nun, sie sind noch hinter der Scheibe, oder?"

"Dieser Zustand kann sich jeden Augenblick ändern."

"Die sind jetzt seit zwei Tagen da drinnen, und bisher haben wir kein Grund zur Annahme, daß auch nur die geringste Gefahr eines Ausbruchs bestehen könnte."

"Ich habe diese Bastarde in Aktion erlebt. Ich habe erlebt, wie sie zehn Zentimeter starke Stahltüren eingeschlagen haben. Erzählen sie mir nichts! Sie spielen hier mit dem Feuer, und bevor sie sich versehen, wird nur noch Asche übrig sein. Aber nicht nur ihre."

"Sergeant -" General Shaw trat mit einem einzigen großen Schritt zu ihnen hinüber. Hicks wandte dem Kopf und funkelte seinen Vorgesetzten an.

"Wie konnten sie das zulassen nach allem, was wir ihnen berichtet haben. Nachdem sie das Videomaterial gesehen haben. Nachdem sie wußten, was auf Acheron passiert ist! Das will mir nicht in den Kopf. Sie wußten, daß diese Aliens unser Team schier auseinandergerissen haben, und das hat ihnen gar nichts gesagt?"

"Halten sie die Klappe, Hicks! Ruhe!" Sekundenlang starrten sich Shaw und Hicks an, keiner zuckte zurück.

"Doktor? Könnte ich mich kurz unter vier Augen mit dem Sergeanten unterhalten?" fragte Shaw schließlich, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Riser nickte.

"Sicher. Wenn sie mir folgen wollen... das Labor nebenan steht zur Zeit leer." Er schritt zur gegenüberliegenden Tür, holte eine Plastikkarte aus der Brusttasche und steckte diese in den dafür vorgesehenen Schlitz. Mit einem schwachen, hydraulischen Summen glitt der Türflügel beiseite. Riser bedeutete den beiden Marines, einzutreten, und schloß dann die Tür wieder hinter ihnen. Nickte seinem Mitarbeiter zu, der daraufhin einen Schalter umlegte, um die nebenan stattfindende Unterhaltung aufzuzeichnen.

Hicks war kaum eingetreten, als er sich auch schon umwandte, um die Konfrontation mit seinem Vorgesetzten fortzuführen. Er würde nicht klein beigeben, nicht hier. Diese Sache war zu wichtig.

"Sir, ich werde dieses Projekt auf gar keinen Fall unterstützen. Das da draußen ist eine Zeitbombe, die jeden Moment hochgehen kann. Und das wird sie, das verspreche ich ihnen!"

"Sie halten jetzt mal die Luft an, Sergeant! " Shaw war bemerkenswert ruhig angesichts der Tatsache, in welchem Ton ihn Hicks anfuhr. Noch nie hatte einer seiner Untergebenen ihm gegenüber einen solchen Ton an den Tag gelegt, und trotzdem... als hätte er damit gerechnet. Vor Hicks ließ er sich in einen Bürostuhl gleiten und faltete die Hände auf dem Tisch. Überlegen, kühl. Hicks hatte nicht für möglich gehalten, daß ihn nach dem Anblick der Aliens auf GATEWAY noch irgend etwas würde erschüttern können, doch angesichts der eisigen Überlegenheit, die Shaw ausstrahlte, wuchs seine Unruhe noch weiter an. Schon aus Prinzip blieb er stehen, suchte den direkten Blickkontakt und war beunruhigt von dem, was er in den eisgrauen Augen seines Gegenübers las. "Sie sind es, der hier nicht versteht. Sie haben die Situation noch nicht erfaßt. Aber das macht nichts, ich lege sie ihnen gerne dar."

Hicks schüttelte ungläubig den Kopf.

"Das wird nicht nötig sein, Sir. Ich verstehe durchaus, was hier läuft. Ich weiß, daß die Aliens für die Biowaffenforschung eine große Verlockung darstellt. Verdammt, das hat uns spätestens dieser Mistkerl Burke klargemacht. Aber sie werden damit nicht fertig werden, das garantiere ich ihnen. Nichts wird diese Aliens aufhalten, wenn sie sich einmal entschließen werden, daß ihnen die Gefangenschaft nicht mehr paßt. Vielleicht warten sie ja nur darauf, daß diese Wahnsinnigen da draußen genügend von ihnen heranzüchten, damit sie die Station überrennen können."

"Sie reden von den Viechern, als wären es Militärstrategen und nicht irgendeine außerirdische Insektenart. Ich verstehe durchaus, daß die Ereignisse auf Acheron einen Schock bei ihnen hinterlassen haben, aber lassen sie uns doch mal realistisch bleiben. Es sind immer noch Tiere."

Hicks lachte humorlos.

"Sicher, sie sind furchterregend und gefährlich, aber das ist ein Tiger auch. Bis man ihn dressiert. Oder halten sie Raubtierdressuren im Zirkus auch für unverantwortlichen Leichtsinn?"

"Erzählen sie mir jetzt bloß nicht, daß sie die Aliens in den Zirkus schicken wollen. Sie wollen sie als Waffe. Sie müssen doch wissen, weshalb. Eben, weil ihr Vergleich Bockmist ist. Sie wissen, daß sie intelligent sind, daß sie in der Lage sind, jeden Feind, gegen den sie eingesetzt werden, vollständig zu vernichten. Sie machen dabei bloß einen Fehler: Sie glauben, daß sie mit ihnen fertig werden. Ich schätze, das dachten auch die Kolonisten auf Acheron. Scheiße, selbst wir haben es geglaubt."

Shaw zeigte ein dünnes Lächeln, das Hicks ungemein an einen Haifisch erinnerte.

"Die Kolonisten hatten keine Wahl. Sie haben lediglich einen Befehl befolgt......"

Hicks hatte sich umgewandt und den Blick wieder auf die Aliens gerichtet, die er durch ein kleines Fenster an der Seite sehen konnte, doch die Bemerkung des Generals ließ ihn aufhorchen.

"Wie meinen sie das?"

"Wie ich es sagte. Die Kolonisten hatten einen offiziellen Auftrag, diese Lebensformen zu sichern und zu untersuchen. Nicht nur von Weyland Yutani.... Möchten sie wissen, weshalb man ihre Truppe wirklich nach Acheron geschickt hat, Hicks?"

Hicks wandte den Kopf. Einige Sekunden vergingen, Sekunden schweren Schweigens.

"Wir hatten einen Rettungsauftrag."

"Richtig. Für die Akten. In Wirklichkeit war es ein Test... Verstehen sie mich richtig, kein Test für ihre Truppe, es war hinlänglich bekannt, daß Master Sergeant Apone's Leute zu den besten gehörten. Deshalb wurden sie ausgewählt. Nein, es war ein Test für die Aliens. Ein aufs sorgfältigste geplanter Test, freue ich mich sagen zu können." Er machte eine dramatische Pause, ließ dies einsinken. Ein Blick auf das plötzlich totenbleiche Gesicht seines Kontrahenten genügte, um festzustellen, daß er sein Ziel erreicht hatte.

Hicks hatte zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten das Gefühl, man habe ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er starrte Shaw an, suchte nach irgendeinem Hinweis, daß dies nur ein grausamer Scherz des Generals gewesen war, und fand sah doch nur Bestätigung des eben gesagten in dessen Augen. Er suchte nach den richtigen Worten und fand sie nicht, konnte nur fassungslos nach Atem ringen. So fuhr Shaw fort.

"Sehen sie, wir waren natürlich sehr interessiert an dieser Lebensform, die Warrant Officer Ripley nach ihrer Rettung beschrieb. Das Marine Corps hat eng mit Weyland Yutani zusammengearbeitet, um diesen Leistungstest durchzuführen, das können sie mir glauben. Verantwortlicher auf Gesellschaftsseite war Carter Burke, aber das wissen sie ja schon. Er sorgte dafür, daß die Kolonisten die Aliens nach Hadley's Hope brachten. Und wir sorgten dafür, daß sie dort möglichst ebenbürtige Gegner antrafen. Ihre Truppe. Wobei "ebenbürtig" wohl nicht das richtige Wort ist, wie sie und wir inzwischen ja wissen. Nun gut, um so besser. Was würde uns eine Lebensform nutzen, die mühelos von einem einzigen Marine-Team unschädlich gemacht werden könnte? Sie können mir glauben, die Verantwortlichen dieser Aktion waren von ihrem Bericht und den Aufzeichnungen der Sulaco begeistert. Bereits am Tage nach ihrem Bericht wurde die USS EXPLORER nach Acheron geschickt, um einige Exemplare zu sichern. Tja, und hier sind sie nun. Sie sind hier, um für den - unwahrscheinlichen Fall des Falles, daß eines der Wesen ausbrechen sollte - sehen sie mich nicht so an, es ist unmöglich! - also, sie sind hier, um a) eine Einsatzgruppe zu unterweisen und einzuarbeiten, und b), um den Leuten hier Rede und Antwort zu ihrem letzten Einsatz zu stehen, um ihr Wissen, daß sie sich auf Acheron erworben haben, anzuwenden. Und für den Fall, daß dieses Projekt einschlägt - wovon ich im übrigen überzeugt bin - stehen Tausende von weiteren Eiern nicht weit von hier entfernt bereit."

Es kostete Hicks erhebliche Anstrengungen, die Worte herauszubringen.

"Wo haben sie sie her? Die Explosion -"

"Das Schiff. Das unbekannte Wrack. Die Explosion hat es nicht erreicht. Die EXPLORER nahm es in Schlepptau und brachte es nach NEW BRISBANE. Und dort liegt es bereit für unsere Zwecke. Wir sind mit der Zählung noch nicht fertig, aber es dürfte sich um einige Tausend Eier handeln. Eine mächtige Streitmacht."

"Sie haben es nach NEW BRISBANE gebracht?" Jedesmal, wenn Hicks dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, überraschte ihn Shaw mit weiteren katastrophalen Einzelheiten. NEW BRISBANE war - mit Ausnahme GATEWAY's - die der Erde am nächsten gelagerte Raumstation, eine reine Militärbasis, lediglich zehn Flugstunden von GATEWAY entfernt. Das Schiff mit seiner tödlichen Ladung in unmittelbarer Nähe der Erde - "Sie sind wahnsinnig. "

Shaw lächelte noch immer.

"Das sind die Worte eines Menschen ohne Vision. Aber das ist verständlich. Schließlich sind sie nur Frontsoldat und kein Wissenschaftler."

"Und auch damit ist es jetzt vorbei. Ich lehne es ab, auch nur einen Funken Verantwortung für das Desaster zu übernehmen, daß ihre Gier hier anrichten wird. " Hicks trat vor. " Ich verlasse das Corps. Mit sofortiger Wirkung. Mein Vertrag ist mir scheißegal, die Pension ist mir scheißegal, ich lasse mich nicht zu ihrem dreckigen Handlanger machen. Im Gegenteil, ich werde Himmel und Hölle gegen sie in Bewegung setzen, verlassen sie sich darauf. "

"Eine schöne Rede, Sergeant Hicks, aber dafür ist es viel zu spät. Ich meine, es wäre doch eine Schande, wenn der kleinen Rebecca etwas passiert. Oder Warrant Officer Ellen Ripley. "

Tödliches Schweigen. Hicks verengte die Augen.

"Wenn sie sie auch nur anrühren, bringe ich sie um."

"Ich fürchte, das liegt nicht in ihrer Macht, Sergeant." Das Lächeln war verschwunden. "Was sie auch tun, sie würden zu spät kommen. Wir haben Beobachter auf die beiden angesetzt, seit sie GATEWAY in Richtung Erde verlassen haben. Jeder Schritt wird von ihnen beobachtet. Wir wissen genau, was Officer Ellen Ripley gestern zum Frühstück gegessen hat, was sie eingekauft hat, wie lange sie außer Haus war, welche Gespräche sie geführt hat. Wie lange sie geschlafen hat. Das gleiche gilt für die Kleine. Sobald ich auch nur einen Finger hebe, sind die beiden in unserer Gewalt. Innerhalb einer halben Stunde. Spätestens. Und es könnte durchaus möglich sein, daß sie sie noch ein bißchen später hinter genau dieser Glasscheibe dort wiedersehen. Das passiert, bevor sie überhaupt eine Ahnung davon haben. Oder ihre Familie in Seattle. Ich schätze, ihre Schwester könnte es sehr schlecht verstehen, wenn plötzlich ihre beiden Kinder verschwunden wären. Vier und drei Jahre alt, nicht wahr? Ein Mädchen und ein Junge. Hübsche Kinder. Wäre das nicht ein Jammer?"

Hicks stand da, reglos, nur wenige Meter von ihm entfernt, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Statt dessen verschränkte er langsam die Arme vor der Brust und musterte seinen Vorgesetzten mit verengten Augen, als habe er gerade ein besonders widerwärtiges Insekt entdeckt.

"Sie haben an alles gedacht, nicht wahr? Sir?" erwiderte er schließlich, und seine Stimme klang eisig. "Sie würden das tatsächlich tun. Sie würden es natürlich nicht selbst tun, aber dafür haben sie ja schließlich ihre Handlanger, nicht wahr? Um ihnen die Dreckarbeit abzunehmen, Zivilisten zu töten, Kinder zu kidnappen. Und sie stehen immer noch so sauber da wie bisher. Ich glaube, niemand ahnt, was für ein Hurensohn sie in Wirklichkeit sind."

Shaw richtete sich auf, ein siegesbewußtes Lächeln auf den Lippen. Er hatte Hicks. Er hatte diese Falle gründlich vorbereitet, wohl wissend, daß der Sergeant niemals freiwillig sein Einverständnis zu dieser Aufgabe geben würde. Manche mußte man eben zwingen. Shaw war ein Meister darin, diesen Widerspenstigen die richtige Motivation zu vermitteln. Er hatte sich bei Hicks auf harten Widerstand gefaßt gemacht, aber anscheinend war seine Falle einfach zu gut geplant. Seinem Untergebenen blieb nichts anderes übrig, als seine Anweisungen - wenn auch widerwillig - zu befolgen.

"Nun, ich würde sagen, wir verstehen uns, nicht wahr, Sergeant Hicks?"

"Wenn sie meinen Namen in den Mund nehmen, könnte mir so richtig übel werden..."

"Beleidigen sie mich ruhig, Hicks. Ich habe ein recht gutes Gedächtnis. Eines Tages, wenn sie es am wenigsten erwarten, werde ich mich revanchieren. Aber momentan ist es mir lieber, sie hier in Aktion zu sehen. Das andere hat Zeit..."

"Dann bereiten sie "das andere" lieber genauso gründlich vor. Es könnte sonst sein, daß sie die Antwort nicht vertragen." Hicks trat keinen Schritt beiseite, obwohl er bemerkt hatte, daß er zwischen dem General und dem Ausgang stand und den schmalen Gang blockierte. Shaw blieb direkt vor ihm stehen, hob die Brauen und sagte: "Machen sie ihrem Vorgesetzen gefälligst Platz!"

Ein eisiges Lächeln, das aus hundert Prozent Verachtung bestand, erschien auf Hicks' Miene, als er betont langsam zur Seite trat. Eine scharfe Erwiderung lag ihm auf der Zunge, aber er schluckte sie runter. Es hatte keinen Sinn, sich aufzuregen, die miesen Machenschaften des Generals mit seiner Entrüstung zu ehren. Zu Beginn ihrer Diskussion hatte Shaw ihn einige Male kalt erwischt und war mit seinen Worten durchgedrungen, doch inzwischen hatte Hicks seine Abwehr besser aufgestellt und ließ die Sätze an sich abprallen. Was kümmerte es eine Eiche, wenn sich ein Schwein an ihr kratzte. Auch das war einer von Apone's Sprüchen gewesen. Apone. Auch ihn hatte Shaw also auf dem Gewissen. Der beste Vorgesetzte, dem Hicks in den jetzt elf Jahren seiner Militärzugehörigkeit je begegnet war.

Er blickte dem General hinterher, als dieser den Raum verließ. Spürte die bodenlose Wut über all das, was dieser ihm gerade an Fakten und Drohungen an den Kopf geworfen hatte, tief in sich, ohne seinen Ärger hinauszulassen. Er hätte Shaw gerne den Hals umgedreht, aber was hätte das gebracht? Selbst wenn die Gelegenheit zu einem Kampf dagewesen wäre, so war sich Hicks nicht sicher, ob er sie ergriffen hätte - er wußte nicht einmal, ob er mit dem General überhaupt fertig würde. Shaw war eine Urgewalt. Besser, auf eine günstige Gelegenheit zu warten. Wenn es einen Gott gab, würde sich diese schon ergeben. Er war geduldig. Dennoch, dieses Spiel hatte er verloren. Er würde vorläufig nach Shaw's Regeln spielen müssen...