Kapitel 13


Newt hatte nicht mehr einschlafen können, nachdem Ripley gegangen war. Sie hatte sich vor diesem Augenblick gefürchtet, seit sie bei ihrem kurzen Besuch auf der Raumstation ihre Anwesenheit gespürt hatte. Sie hatte es zunächst nicht wahrhaben wollen, hatte ihre innere Unruhe auf ihre fürchterlichen Erlebnisse auf Acheron und Hicks' seltsames Benehmen geschoben, obwohl sie dieses Gefühl doch sehr genau kannte. Fast fünf Wochen in ihrerAnwesenheit hatten ihre Sinne für die Präsenz der Aliens eingestellt wie ein hochempfindliches Gerät. Sie hätte es besser wissen müssen.

Ripley hatte nicht genau gesagt, weshalb sie es für notwendig gehalten hatte, mitten in der Nacht ohne sie nach GATEWAY aufzubrechen; sie hatte gesagt, daß sie nicht wüßte, was dort oben vorging, aber Newt wußte, daß sie dasselbe dachten. So hatte sie ihrer großen Beschützerin in einen viel zu großen Morgenmantel Bens gehüllt und in der hell erleuchteten Haustür stehend sorgenvoll hinterhergeschaut, bis der Wagen die lange Kiesauffahrt zu dem Waldgrundstück hinter sich gelassen hatte und nicht mehr zu sehen war. Sie spürte die Hand des jungen Mannes, der nun auf sie aufpassen würde, auf ihrer Schulter, als er sich schließlich zu ihr hinunterbeugte, um sie zu trösten.

"Keine Angst, Newt. Sie kommt bestimmt bald wieder. Sie kann auf sich aufpassen. Weine nicht."

Sie blickte erstaunt zu ihm hoch und berührte mit der Hand ihre linke Wange. Sie war feucht. Sie hatte es gar nicht bemerkt. Normalerweise war es ihr peinlich, wenn sie jemand beim Weinen überraschte. Weinen war für Babies, und sie wurde immerhin nächsten Monat schon sieben, doch aus irgendeinem Grunde war es ihr plötzlich egal, daß Ben ihre Tränen bemerkt hatte. Sie mochte Ben, sie glaubte, daß sie ihm vertrauen konnte, wie Ripley ihm vertraut hatte. Er verstand sie und würde sie nicht etwa damit aufziehen. Sie wußte nicht, was sie erwidern sollte. Also blieb sie stumm und ließ es widerspruchslos zu, daß der junge Kanadier die Haustür schließlich wieder schloß und sie ins Schlafzimmer zurückbrachte. Als er sie jedoch zudeckte und sich anschickte, das Licht auszuschalten, ergriff sie seinen Arm.

"Bitte laß es an, Ben. Ich will nicht mehr schlafen."

Besorgt setzte er sich zu ihr auf's Bett.

"Newt, es ist doch noch mitten in der Nacht, und du hast ein paar anstrengende Tage hinter dir. Du solltest wirklich noch ein bißchen schlafen. Willst du es nicht wenigstens versuchen, hm?" Sie schüttelte den Kopf. "Die Träume, hm?" Sie nickte.

Ben seufzte. Wer konnte ihr das verdenken? Die Kleine war ungeheuer zäh, wenn sie all das mitgemacht hatte, wovon Ripley ihm erzählt hatte. Jedes andere Kind wäre wahrscheinlich für immer in Katatonie versunken, aber nicht Newt. War es da ein Wunder, wenn sie schlimme Träume hatte? Er atmete tief durch und setzte sich bequemer zurecht.

"Magst du was zu trinken? Ein Glas Milch?"

"Nein danke. Aber kannst du mir ein bißchen erzählen?"

"Erzählen?" Er wandte den Kopf, als Jones, der sich, seit er die großartige Natur anstelle trügerischer Holos auf Raumschiffen und -stationen zur Verfügung hatte, zu Newt's Betrübnis im Haus ziemlich rar machte, unversehens in das Zimmer spazierte und auf's Bett sprang, um sich auf Newt's Schoß zu einem schnurrenden Knäuel zusammenzurollen. Ein zaghaftes Lächeln breitete sich über Newt's Gesicht aus; das erste, das Ben überhaupt bisher bei dem kleinen Mädchen gesehen hatte. Er erwiderte es und sah zu, wie sich der große, orangefarbene Kater von ihr streicheln ließ. Jones mochte ein extrem eigenwilliger Vertreter seiner Rasse sein, aber er besaß ein untrügliches Gespür für den richtigen Augenblick. Sein Erscheinen hatte etwas vollbracht, von dem Ben nicht geglaubt hatte, es selbst bewerkstelligen zu können.

So saßen und lagen sie zu dritt auf und in dem Bett, bis die Morgendämmerung hereinbrach, und weiter, bis die ersten schwachen Sonnenstrahlen durch das mit luftigen Vorhängen versehene Fenster fielen. Schließlich erhob sich Ben und ließ seinen Schützling kurzfristig allein, um sich um das Frühstück zu kümmern. Es war zwar erst 7:00 Uhr, normalerweise nicht die Zeit, zu der er schon etwas essen konnte, aber die durchgemachte Nacht hatte den Hunger in ihm geweckt.

Jones, der Newts Liebkosungen die Nacht über sehr genossen hatte, wurde ebenfalls wieder aktiv und begab sich wieder hinaus, um eventuell eine unvorsichtige Maus oder einen Vogel zu erwischen. Dermaßen alleine gelassen beschloß auch Newt, zu duschen und sich anzuziehen. Sie hatte sich ein wenig beruhigt, nachdem Ben sich die ganze Nacht über um sie gekümmert hatte, dennoch konnte sie die Sorge um Ripley nicht verdrängen. Sicher, sie machte sich auch Sorgen um Hicks, schließlich war er der einzige außer Ripley, dem sie 100iges Vertrauen entgegenbrachte, aber vor allem machte sie sich Sorgen, daß es tatsächlich sie waren, die ihr irgendwie von Acheron gefolgt waren und nur auf die Gelegenheit warteten, sie letztendlich doch noch zu erwischen.

Ihr Frühstück nahm sie, trotz Ben's rührender Versuche, sie aufzuheitern, wieder schweigend ein, um anschließend in den Garten zu gehen, um nach dem großen Kater zu suchen. Die Natur hier unten auf der Erde kam ihr nach all den Wochen, die sie nun schon hier unten war, immernoch wie ein Wunder vor, schließlich hatte sie in den ersten sechs Jahren ihres noch kurzen Lebens lediglich die schroffe Wirklichkeit Acherons kennengelernt. Das hier dagegen war wie das Paradies, von dem ihre Mutter ihr abends immer erzählt hatte. Newt hatte nicht glauben können, daß so etwas wirklich existierte, selbst jetzt, als sie mit T-Shirt und Shorts über die Wiese lief und die noch vom Tau feuchten Grashalme ihre nackten Beine streiften, kam ihr alles noch unwirklich vor, als könne sie jeden Augenblick aus diesem Traum erwachen.

Jones war nirgends zu sehen, also setzte sie sich auf den mitten auf der Wiese liegenden Baumstamm, um die Vögel zu beobachteten, die - ohne von ihr Notiz zu nehmen, den Boden nach Würmern und Insekten absuchten. Unwillkürlich wanderte ihr Blick dabei wieder hinauf zum stahlblauen, absolut wolkenlosen Himmel, in dem die Sonne schon hoch stand und ihre wärmenden Strahlen auf die Erde herabregnen ließ. Irgendwo dort oben war jetzt Ripley. Was sie wohl gerade tat? Ob es ihr gut ging? Eine ganze Weile saß sie so reglos da, ein kleines Mädchen, das durch die Hölle gegangen war und sich unversehens im Paradies wiedergefunden hatte, ohne sich auch nur im geringsten daran erfreuen zu können.

"Bitte komm bald wieder," sagte sie leise, unhörbar, nur für sich selbst. Sie wollte eben den Blick abwenden, um die Vögel weiter zu beobachten, als ohne jede Vorwarnung ein gleißend heller Blitz unmittelbar neben der Sonne auftauchte; ein zweiter, majestätischer Feuerball, der das Blau des Himmels für Sekunden in ein verwaschenes, kaum erkennbares Gelb verwandelte, sich weiter und weiter ausdehnte und dabei zu einem dunklen Orange wurde, bis dieses sich schließlich wieder mit dem Blau vermischte und der Feuerball verblaßte.

Sie starrte hinauf.

"Mein Gott, was war das?" Das war Ben's Stimme hinter ihr. Sie hatte gar nicht bemerkt, daß er ihr in den Garten gefolgt war. Sie wußte, was das eben gewesen war. Ihre Gefühle sagten es ihr. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle. Sie drehte sich zu Ben um.

"Das war Ripley. Sie hat sie getötet." Und schließlich brach sie in Tränen aus, denn ihre Hoffnung, Ripley lebendig wiederzusehen, hatte sich soeben in dem gleichen Feuerball aufgelöst, in dem die unsichtbare Bedrohung gelauert hatte.

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"Dwayne! Dwayne, was ist? Was hast du?"

Ripley's Stimme hallte durch Hicks' Kopf, ohne irgend etwas zu bedeuten, ja, ohne daß er sie überhaupt wahrnahm. Vor seinen Augen wütete ein Inferno, ein Himmel aus grellweißem Feuer bis in die Unendlichkeit; ein Feuer, das direkt durch ihn hindurchging und ihn innerlich zu versengen drohte. Ein kurzer, unfaßbarer Schmerz zuckte wie eine Stichflamme durch ihn hindurch, dann rissen sowohl der Bilderstrom als auch die Gefühle unvermittelt ab. Als habe jemand eine Tür geschlossen. Er öffnete die Augen und sah nur helle Flecken, bis sich seine Pupillen langsam wieder an das leicht gedämpfte Licht der Brücke gewöhnt hatten.

Er rang nach Luft, doch ein unerbittlicher Druck preßte seine Lunge für Sekunden zusammen, als sich der Alienembryo heftig zur Seite bewegte und sich unruhig einige Male um die eigene Achse drehte. Nur ganz allmählich kam er wieder zur Ruhe. Eine Flut abstrakter Bilder wirbelte durch Hicks' Bewußtsein. Sie vermittelten ihm vage den Eindruck eines großen Verlustes. Langsam bekam er sich wieder genügend in die Gewalt, um den Kopf einige Zentimeter zu heben und Ripley's Gesicht unmittelbar vor sich erkennen zu können, als sie sich jetzt besorgt zu ihm hinunterbeugte.

Er versuchte ein schwaches Lächeln, war sich aber nicht sicher, ob es ihm gelungen war. Zum Reden fehlte ihm noch der Atem; das ungeborene Leben in ihm bewegte sich noch immer unruhig hin und her. In Gedanken schalt er sich selbst für seine Naivität; er hätte mit dieser Reaktion rechnen müssen, nachdem das telepathische Netz der Aliens so stark geworden war, daß es sein Bewußtsein bereits mehrmals innerhalb der letzten Stunden übernommen hatte. Verdammt, er hätte es wissen müssen.

"Dwayne? Was hast du?"

Ripley war kreidebleich. Offensichtlich ahnte sie, daß es etwas Ernstes war. Wie ernst, konnte sie allerdings nicht wissen. Von ihm würde sie es auch nicht erfahren. Er würde sie hoffentlich bereits vom Schiff runter haben, bevor es geschah. Wenn es geschah. Er durfte es nicht dazu kommen lassen, aber er befand sich inmitten einer Gleichung mit vielen Unbekannten. Es konnte noch soviel passieren in diesen letzten zwölf Stunden seines Lebens... Zumindest hatte er sein dringlichstes Teilziel erreicht - die unmittelbare Bedrohung für die Erde war mit GATEWAY's Zerstörung vorerst abgewendet.

Allmählich nahm er wieder mehr von seiner Umgebung wahr, genug jedenfalls, um mitzubekommen, daß Frost die Waffe auf die beiden Piloten gerichtet hielt, die so aussahen, als seien sie drauf und dran, von ihren Instrumenten aufzuspringen, um ihren Kidnapper zu überwältigen. Er hob eine Hand und winkte ab, während er sich gleichzeitig rückwärts in den Sessel sinken ließ und tief Luft holte. Das Alien turnte noch immer in seiner Brust herum, vermutlich würde er um eine weitere Dosis Morphium nicht herumkommen. Rein instinktiv stahl sich seine rechte Hand zur Magengegend.

"Dwayne? Was ist mit -"

Er öffnete den Mund, um ihr irgendeine Lügengeschichte zu erzählen, doch eine matte Stimme aus einer anderen Ecke der Brücke kam ihm zuvor:

"Er ist infiziert."

Er konnte sehen, wie sie jäh erstarrte. War sie ihm soeben schon blaß vorgekommen, so wich nun jede noch vorhandene Restfarbe aus ihrem Gesicht. Sie wandte den Kopf und blickte General Shaw, der sich soeben mit sichtbarer Mühe auf seinem Sessel zurechtsetzte und zu ihnen hinübersah, scharf an. Der ehemalige Leiter von GATEWAY STATION wirkte noch immer groggy, auch wenn seine stahlgrauen Augen bereits wieder eine gewisse gefährliche Entschlossenheit ausstrahlten. Ripley starrte einige Sekunden wortlos zu ihm hinüber.

"Sie lügen!" erwiderte sie schließlich scharf.

Auch wenn der General noch beträchtliche Schwierigkeiten bei der Artikulation seiner Worte hatte, so sandten seine nächsten Worte ihr doch einen eisigen Schauer über den Rücken.

"Fragen sie ihn."

Sie wandte sich wieder Hicks zu, der sich offensichtlich weiter von dem mysteriösen Anfall erholt hatte und ihren Blick voll erwiderte.

"Er lügt doch, oder? Ich meine, du bist doch nicht... nicht..." Sie wagte es kaum auszusprechen. Während sie sprach, glitt ihr Blick über sein mitgenommenes Gesicht, blieb eine Weile an seinen unlesbaren graublauen Augen hängen, um dann schließlich die verräterischen dunklen Flecken um seinen Hals zu entdecken. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, mit einem Male fühlte sie sich sehr, sehr schwach. Ihre Stimme versagte. Sie konnte ihn nur weiter anstarren und innerlich drängen, sie zu beruhigen, ihr zu sagen, daß es nicht so wäre, obwohl ihr Gefühl ihr etwas anderes sagte.

Er sagte auch nichts dergleichen. Aber er wandte sich auch nicht ab, und irgendwann im Laufe dieses ihr endlos erscheinenden Blickwechsels sickerte die entsetzliche Wahrheit allmählich in ihr Bewußtsein.

"Es... stimmt also?" 'Sag nein, sag nein, sag nein, sag -'

"Ja."

Gott, wie sie dieses kürzeste aller Wörter haßte... Sie war sich bewußt, daß Hicks sie aufmerksam musterte. Worauf wartete er? Darauf, daß sie zusammenbrach? Zu Schreien und Toben begann? Das würde sie nicht tun, auch wenn sie urplötzlich eine seltsame Leichtigkeit in ihrem Kopf spürte. Sie kämpfte sie nieder, fand sich aber trotz allem außerstande, noch irgend etwas zu sagen. Ein langsames, fassungsloses Kopfschütteln war alles, dessen sie angesichts der Ungeheuerlichkeit ihrer Entdeckung noch fähig war. Sie berührte seine Hand, und er ergriff sie, drückte sie, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen. Sie konnte nicht verstehen, wie er so ruhig und beherrscht dort sitzen konnte mit dem Wissen, eines von ihnen in sich zu haben, mit dem Wissen, welch grauenhafter Tod ihn in Kürze erwarten würde. Dafür erklärte sich sein merkwürdiges Benehmen zuvor nun endlich. Sie wußte nicht, wie es ihr in seinem Fall ergangen wäre.

"Seit wann..., ich meine, wie lange -"

Er brauchte nicht erst auf seine Uhr zu sehen, um die Antwort zu wissen.

"Innerhalb der nächsten vierzehn Stunden. Deshalb die Eile. Ich muß wissen, daß das nicht alles umsonst gewesen ist." Er atmete tief durch. "Verdammt, ich wollte nicht, daß du davon erfährst, Ellen. Das ist wirklich das letzte, was ich wollte." Er warf einen entsprechenden Blick an Ripley vorbei auf Shaw.

Ripley mußte sich schließlich doch hinsetzen. Sie konnte die Augen nicht von ihm lassen. Es konnte - nein, es durfte einfach nicht wahr sein, und doch wußte sie instinktiv, daß er sie nicht belog. Derartig geschmacklose Scherze lagen nicht in seinem Wesen. Sie hatte also doch Recht gehabt mit ihrem Traum. Aber sie war zu spät gekommen, jede Hilfe kam für ihn zu spät. Oder? Sie konnte zumindest dazu beitragen, daß seine letzte Mission - seine wichtigste Mission - erfolgreich abgeschlossen wurde. Bis dahin war es noch ein weiter Weg, und wer konnte schon ahnen, welche Schwierigkeiten in dieser unendlichen Schwärze vor ihnen noch auf sie lauern mochten?

Es war wichtig, daß sie sich fing. Sie würde ihm nur dann helfen können, wenn sie klaren Kopf bewahrte. Das fiel ihr verdammt schwer, mußte sie sich selbst gegenüber zugeben. Ein weiteres Mal würde sie jemanden, der ihr sehr nahe stand, an die Aliens verlieren, nur mit dem Unterschied, daß es diesmal mit Ankündigung geschehen würde. Und dennoch gab es nichts, was sie tun konnte. Diese Hilflosigkeit machte sie rasend. Sie fuhr sich mit der Hand durch die Haare, ließ sie einige Augenblicke über ihren Augen ruhen in einer verzweifelten Geste.

"Mein Gott... Dwayne..."

Er drückte ihre Hand noch einmal in einem halbherzigen Aufmunterungsversuch, obwohl ihm selber nicht danach zumute war, bevor er sich schließlich an Officer Keyes wandte.

"Gehen sie auf Höchstgeschwindigkeit, Keyes. Wir müssen sehen, daß wir vorankommen."

"Aye, Sir."

Hicks beobachtete den Piloten intensiv einige Augenblicke länger. Das Gefühl des Deja Vu war fast greifbar, dennoch wollte es ihm nicht in den Sinn kommen, woher er den Ersten Offizier der PHOENIX zu kennen glaubte. Erst Ripley's Stimme riß ihn wieder aus seinen Überlegungen.

"Dieser Anfall eben - was war das?"

Er mußte sich zwingen, ihr seine Aufmerksamkeit wieder zuzuwenden.

"Ich weiß es nicht genau. Ich habe irgendwie gespürt, wie sie gestorben sind. Die Aliens, meine ich. Irgendwie... scheint das in mir die Gedanken der anderen aufgefangen und an mich weitergeleitet zu haben."

Sie runzelte die Stirn.

"Du meinst Telepathie?"

"So in der Art..." Er zuckte die Achseln, nicht wirklich an einer Antwort zu dieser Frage interessiert, und sprang auf die Füße, um einige Schritte zu gehen. Er wurde allmählich wieder müde, und sie hatten noch einen langen Flug vor sich. Ripley blieb auf der Ecke der Konsole sitzen und blickte ihm grübelnd hinterher.

"Ich habe nie etwas davon bemerkt, weder auf der Nostromo noch auf Acheron."

"Wahrscheinlich spüren sie es nur, wenn sie selbst infiziert sind," meldete sich Frost aus seiner Ecke.

Sie hatte den Jungen fast vergessen, dabei war er ihr Verbündeter auf diesem schweren Weg. "Ich meine, wir hatten wochenlang mit ihnen zu tun, und niemand hat je etwas von Alpträumen oder Telepathie erwähnt. Ich selbst habe auch nichts gespürt."

Ripley verengte die Augen.

"Sie haben bei diesem Wahnsinn mitgemacht?"

Hicks hob beruhigend die Hände.

"Hör zu, immer mit der Ruhe. Er wußte am Anfang nicht, womit er es zu tun hatte. Woher hätte er es auch wissen sollen? Er ist jetzt hier, und er ist mir bisher eine große Hilfe gewesen, das ist das einzige, was zählt. Im übrigen ist er der Bruder eines sehr guten Freundes von mir. Ich glaube, ich habe euch noch nicht einander vorgestellt: Ellen, das ist Raymond Frost; Ray, das ist Ellen Ripley, die einzige Überlebende aus zwei Zusammenstößen der Menschheit mit den Aliens."

"Und mein Name ist General Kenneth D. Shaw. Der lachende Gewinner eines von Anfang an zum Scheitern verurteilten, kranken Plans."

Hicks drehte sich nicht einmal nach der Stimme um.

"Richtig, sie sind das Arschloch, dem wir dieses Gemetzel zu verdanken haben. Aber das wußte sie bereits, General, sie hätten nicht noch einmal darauf eingehen müssen." Die Bewegungen in seinem Magen wollten und wollten nicht aufhören. Sein Blick wanderte zu dem Captainsplatz, an dem er vorhin gesessen hatte, und an dem jetzt Williams saß. Die Spritze lag noch dort. Sie war noch halbvoll.

"Sagen sie, Ray, gibt es eine Möglichkeit, es dem Alien direkt zu injizieren? Ich meine - sie wissen schon..."

Frost, der seinem Blick gefolgt war, schüttelte den Kopf.

"Die Haut ist zu dick für die Nadel. Außerdem würde sie sich im Säureblut auflösen."

"Natürlich." Darauf hätte er auch selbst kommen können, schalt er sich in Gedanken. Wenn er sich nur besser konzentrieren könnte... Okay, dann blieb ihm wohl nichts anderes übrig als eine neue Runde im Kampf gegen den Schlaf einzuläuten, auch wenn ihm das angesichts der Tatsache, daß sein Hauptgegner wieder bei Bewußtsein war, alles andere als recht sein konnte. Er ergriff die Spritze und wandte sich Ripley zu. "Am besten besetzt du jetzt deinen Platz. Ich würde gerne wissen, ob sie uns Schiffe hinterherschicken."

Sie nickte und zwang sich schließlich, den Blick vom ihm zu lösen, während sie sich hinter die Instrumentenkonsole gleiten ließ. Noch bevor sie sich mit den Tiefenscannern befaßte, fiel ihr ein blinkendes Licht auf.

"Da will dich jemand sprechen."

Er wandte sich um und seufzte. Für einige Sekunden wägte er das Pro und Kontra eines Gesprächs mit den Allmächtigen des Colonial Marine Corps ab und entschied sich schließlich, den Funkspruch zu ignorieren. Was sollten sie ihm schon sagen? 'Geben sie auf, sie haben keine Chance? Wenn sie weiterfliegen, werden wir sie abschießen? Geben sie General Shaw frei?' Es war einfach unwichtig. Er war für alle Eventualitäten vorbereitet, der Zufall hatte es so gewollt, daß ihm für seine Mission das beste Schiff der ganzen Flotte zur Verfügung stand, und wenn sie ihm wirklich eine Armada von Schlachtschiffen hinterher schickten, so würden diese feststellen müssen, daß sie sich einen schweren Brocken ausgesucht hatten.

NEW BRISBANE war etwas anderes, NEW BRISBANE war eine reine Militärbasis von der Größe eines kleinen Mondes und bis an die Zähne bewaffnet. Dazu kam, daß selbst in hektischen Zeiten selten weniger als ein halbes Dutzend großer Schlachtschiffe dort gewissermaßen vor Anker lagen. Nein, er konnte nicht hoffen, eine Attacke auf NEW BRISBANE - selbst mit der PHOENIX - zu überstehen. Er zweifelte nicht daran, daß sie das Feuer auf ihn eröffnen würden, sobald sie in Reichweite kommen würden - die Befehlshaber der Station waren aus anderem Holz geschnitzt als die Schar Unentschlossener auf der Erde. Außerdem würde bei ihnen der General nicht soviel zählen; niemand würde viel auf den Kommandeur eines relativ unbedeutenden Regiments geben.

Hicks warf einen unauffälligen Blick zu Ripley hinüber, die sich augenscheinlich bemühte, sich auf die Tiefenabtastung der Scanner zu konzentrieren. Er mußte sie hier runter haben, bevor er zum letzten Teil seines Planes schreiten konnte. Und Frost. Seine Augen wanderten zu dem jugendlichen Wissenschaftler hinüber, der sich trotz seiner Todesangst beeindruckend gut gehalten hatte. William wäre stolz gewesen auf seinen kleinen Bruder. Er hatte sich ohne Rücksicht auf das eigene Wohlergehen in dieses Abenteuer gestürzt, was eine zumal unter Zivilisten seltene Eigenschaft war.

Aber hatte er die ganze Tragweite seines Handelns bereits erkannt, fragte sich Hicks skeptisch. Angenommen, er setzte Frost mit Ripley und den beiden Piloten in eines der Shuttles, was würde den Genetiker auf der Erde erwarten? Sicher, auf GATEWAY waren alle tot, die gewußt hatten, daß er bei dem Kidnapping eine Rolle gespielt hatte, aber was war mit den Piloten? Hicks hatte gehofft, sie während des Fluges eventuell auf seine Seite ziehen zu können, allerdings glaubte er mittlerweile nicht mehr daran, daß ihm das gelingen würde. Die beiden waren offensichtlich von ihrer Zentrale mit deutlichen Worten auf ihre Aufgabe vorbereitet worden. Er würde sich noch gut überlegen müssen, was er letztendlich mit ihnen anfangen würde. Er haßte unnötige Gewalt und hatte auch nicht vor, sich der beiden per Exekution zu entledigen; er würde sich in seinen Mitteln nicht seinen Gegner anpassen.

Tja, und dann war da noch Shaw... Der General war ein anderes Kapitel. Er konnte ihn nicht in ein Shuttle setzen und zurückschicken, denn die ersten, die dafür würden büßen müssen, wären Ripley und Newt. Und Fiona. Er traute es Shaw durchaus zu, in einem simplen Racheakt Frauen und Kinder exekutieren zu lassen, auch wenn sein Hauptgegner dies nicht mehr erfahren würde. Nein, das Risiko konnte er nicht eingehen. Er würde General Shaw bis zum bitteren Ende hier neben sich auf der Brücke sitzen lassen. Irgendwo lag in diesem Vorgehen auch die Befriedigung, ihn bei der Vernichtung seines so großartig erdachten Plans zusehen zu lassen.

Eine heftige Bewegung des Aliens riß ihn einmal mehr aus seinen Überlegungen. Zeit für das Morphium, er durfte nicht das Risiko eingehen, daß die Höllenkreatur in seiner Brust seine Pläne dadurch vereitelte, daß es vor der Zeit auf die Welt drängte. Er wandte sich abrupt um und marschierte zu seinem Platz hinüber, wo er sich in den Pilotensessel fallen ließ.

"Willst du das Gespräch nicht annehmen?" fragte Ripley hinter ihm. Er verneinte.

"Was können sie mir schon großartig erzählen? Nein, kein Bedarf." Er begutachtete seine Armbeuge. Es war weiß Gott nicht schwer, die Vene zu finden, wie ein Strang zeichnete sie sich unter seiner Haut ab. Trotzdem traf er sie erst beim zweiten Mal. Wie zuvor rauschte fast sofort eine überwältigende Welle der Müdigkeit über ihn hinweg, und obwohl er wieder auf die Beine kam, um abermals seine Runden auf der Brücke zu laufen, fiel es ihm doch dieses Mal verdammt schwer.

Das unmerkliche Zittern in seinen Beinen breitete sich aus und nahm an Heftigkeit zu. Er hatte sich zwar vorgenommen, keine Minute seiner letzten Stunden mit Schlaf zu vergeuden, daß daraus aber eine solche Tortur werden würde, hatte er nicht gedacht. Es fiel ihm schwer, die Augen offenzuhalten, obwohl er wußte, wie gefährlich dies in der jetzigen Situation sein konnte - Shaw vor ihm und wieder bei Bewußtsein, seine beiden Piloten zusammen ein wenig versetzt schräg hinter ihm in der Mitte der Brücke, so daß es schwierig war, alle gleichzeitig im Auge zu behalten. Als er sich an Ripley wandte, konnte er kaum genügend Konzentration aufbringen, um einen einfachen Satz herauszubringen.

"Wie sieht es aus? Schicken sie uns jemanden hinterher?"

Ihr Blick war noch immer auf die Scanneranzeigen gerichtet.

"Bisher kann ich nichts entdecken. Wir haben noch freie Fahrt." Sie blickte auf. "Was war das eben?"

"Hm? Oh, nichts weiter. Ein kleines Schlafmittel für meinen Gast." Seine Augenlider schienen Zentner zu wiegen. Er versuchte ein weiteres Mal die ihm beigebrachten Übungen zum Wachbleiben durchzuexerzieren, doch inzwischen bekam er nicht einmal genügend Konzentration zusammen, um sich an sie zu erinnern. In diesem Zustand war es wahrscheinlich ein Fehler, sich zu nahe an den General oder die beiden Piloten heranzuwagen, also drehte er abrupt ab und steuerte auf Ripley zu, die ihn weiterhin mehr als besorgt ansah.

"Du siehst aus, als würde dir ein bißchen Schlaf guttun," sagte sie. "Ray und ich übernehmen so lange. Leg dich ein paar Stunden hin."

Er schüttelte den Kopf.

"Danke, aber nein danke. Ich habe nicht vor, die letzten Stunden meines Lebens zu verschlafen."

Sie zuckte sichtbar zusammen, offenbar fiel es ihr sehr schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Hicks konnte ihr das nicht verübeln, auch für ihn war es nach all den Stunden, die er mit dieser Tatsache bereits gelebt hatte, nicht einfacher geworden. Im Gegenteil. In weniger als vierzehn Stunden würde er bereits tot sein, und wer würde ihm auf der Erde eine Träne nachweinen? Wem würde er fehlen? Seine Teamkameraden waren alle tot, dem Rest der Leute, die er im Corps kannte, würde er als wahnsinnig gewordener Meuterer in Erinnerung bleiben, und den kleinen Rest seiner anderen Freunde hatte er während der letzten vier Jahre so wenig gesehen, daß sie sich wahrscheinlich kaum noch an ihn erinnerten. Es war nicht eben ein angenehmes Gefühl.

Und er würde die Erde nicht mehr wiedersehen. Dieser eine Tag vor fast einem Monat war der einzige, der ihm noch vergönnt gewesen war. Hätte er ihn anders verbracht, wenn er das gewußt hätte? Hätte er ihn anders erlebt? Er wußte darauf keine Antwort. Schwer ließ er sich auf den Sitz neben Ripley sinken. Sofort sprang ihn die Müdigkeit geradezu an. Unter Aufbietung aller noch verbliebener Willenskraft gelang es ihm gerade noch, die Augen offenzuhalten.

Ripley spürte, wie sehr er kämpfte. Und doch gab es nichts, womit sie ihm helfen konnte. Sie haßte es, nur Zuschauer zu sein. Sie wollte eingreifen, wollte den Kurs des Geschehens ändern und mußte doch erkennen, daß dies letztendlich nicht in ihrer Macht stand. Trotzdem, irgend etwas... Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er den Kopf wandte, und als er sie anblickte, bemerkte sie, daß sein Blick leicht verschwommen war, als habe er Schwierigkeiten, sich auf sie zu konzentrieren.

"Dwayne, wenn es irgend etwas gibt, was ich für dich tun kann..."

Offensichtlich fiel ihm auch das Sprechen schwer, seine Worte waren so leise und undeutlich, daß sie Mühe hatte, ihn zu verstehen.

"Da... da ist tatsächlich etwas. Etwas, das mir sehr wichtig ist..." Sie blickte ihn erwartungsvoll an. "Ein Versprechen."

"Ein Versprechen?"

Er nickte.

"Ich will ein Versprechen von dir. Das würde es mir zumindest etwas einfacher machen."

"Was für ein Versprechen?" fragte Ripley nach, bereits mit einer Vorahnung, was kommen würde. Für einen Augenblick verschwand jede Müdigkeit aus Hicks' Blick, und sie begriff, daß ihm diese Sache wohl tatsächlich sehr, sehr wichtig war.

"Ich will, daß du, sobald wir in die Nähe von NEW BRISBANE kommen - das heißt, wenn der Ärger richtig anfängt - mit Ray und unseren beiden Pilotenassen hier widerspruchslos in eines der Shuttles steigst und die PHOENIX auf dem schnellsten Wege verläßt, egal, was auch immer hier los sein mag. Versprich mir das."

Sie starrte ihn an.

"Das kann ich dir nicht versprechen, Dwayne. Das widerspricht meinen Prinzipien."

"Und es widerspricht meinen Prinzipien, daß du bei dieser Sache draufgehst. Hör zu, Ellen. Wenn wir die Station erreichen, werden sie mit allem feuern, was sie nur aufbieten können, und selbst mit diesem großartigen Schiff hier glaube ich nicht, daß wir lange durchhalten werden. Bis dahin muß ich mein Ziel erreicht haben, und das kann ich am besten alleine. Du wärst mir dabei keine Hilfe. Es wäre absolut sinnlos, an Bord zu bleiben, und es wäre unfair Newt gegenüber. Du solltest dein Leben nicht wegwerfen, solange sie zu Hause auf dich wartet. Mir kannst du nicht helfen, aber sie braucht dich. Meine Zeit ist so oder so vorbei, ob du nun hier oben sitzt oder nicht. Und ihr beide seit der Hauptgrund für diese ganze Sache - ich tue es in erster Linie für euch. Laß es mich nicht umsonst getan haben."

Sie mußte schlucken. Es war nicht wie vorhin, als er sie um jeden Preis vom Schiff runterschicken wollte, sie konnte spüren, daß ihm jedes einzelne Wort todernst war. Und das Schlimmste war, daß er recht hatte. Sie wußte, daß es stimmte, was er sagte, daß es nur vernünftig war. Warum fiel es ihr trotzdem so schwer, ihm das Versprechen zu geben, das ihm so wichtig war?

"Oh Gott, Dwayne..."

"Bitte...," wiederholte er erstaunlich sanft. "Versprich es mir."

Sie sahen sich an, und Ripley suchte verzweifelt einen Ausweg aus dem in ihr wütenden Kampf zwischen Gefühl und Vernunft, ohne ihn zu finden. Gegen die Argumente ihres Verstandes konnte ihr Herz nicht ankommen. Sie senkte den Blick und nickte schließlich unmerklich.

"Sag es."

"Ich verspreche es." Sie haßte sich dafür, aber was sollte sie tun? Er hatte recht, es ging nicht nur um sie beide, es ging auch um Newt. Sie war es dem Mädchen schuldig zurückzukommen. Sie glaubte nicht, daß sie einen weiteren Verlust eines geliebten Menschen, des einzigen Menschen, dem sie voll und ganz vertraute und der sie verstand, würde vertragen können. Daran mußte sie denken, auch wenn das hieß, Hicks seinem Schicksal alleine entgegengehen lassen zu müssen.

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Hicks drehte sich um und starrte in die Schwärze des Alls und auf das kalte Funkeln der Sterne vor ihnen. Er war zufrieden. Die Karten waren gemischt und die verschiedenen Rollen vergeben - egal, was am Ende ihrer Reise auch passieren mochte, Ripley würde damit nichts mehr zu tun haben. Sobald sie die PHOENIX in einem der EEV's verlassen hatte, sollte sie in Sicherheit sein. Er hoffte es zumindest. Mehr konnte er nicht tun. Jetzt konnte er nur noch abwarten. Der Teil der Reise, vor dem er sich am meisten gefürchtet hatte, brach an - die Konfrontation mit seinen Gedanken.

Seltsamerweise jedoch spürte er nicht einmal mehr den geringsten Anflug von Angst vor dem, was ihn in wenigen Stunden erwarten würde. Der Gedanke an seinen nahen Tod hatte seinen Schrecken verloren; alles, was übrigblieb, war ein Gefühl des Bedauerns. Er konnte sich noch gut an seine Einstellung erinnern, die er noch vor wenigen Jahren vertreten hatte - in seiner "wilden" Zeit. Er hatte damals immer verkündet, daß er im Einsatz sterben wolle, für eine Sache, die es wert war. Ein Alterierten und eventuell langsames Dahinsiechen auf der Erde bis zum unvermeidlichen Ende hatte er immer vermeiden wollen. Heute sah er die Sache ein wenig anders, aber vielleicht tat das jeder, wenn die Situation erst einmal gekommen war. Er hätte gerne noch einige Jahre gehabt; Zeit, das Leben zu genießen und all das nachzuholen, was ihm in den Jahren seiner Militärangehörigkeit verwehrt geblieben war. Zeit, um zu Reisen, die Erde und den gesamten von Menschen bewohnten Raum von Grund auf kennenzulernen; Zeit, jemanden kennenzulernen, dem er etwas bedeutete, für den es sich lohnte heimzukommen - vielleicht sogar Zeit für eine Familie. All das würde ihm verwehrt bleiben, denn alles, was ihm blieb, waren knappe zwölf Stunden.

Die Erkenntnis schmeckte bitter und wurde auch durch die bleischwere Müdigkeit in ihm nicht gemildert. Was sollte er in diesen zwölf Stunden tun? Was konnte er anderes tun als hier sitzen und zuzusehen, wie sie - sinnlos vergeudet - durch seine Finger rannen? Er wünschte sich plötzlich, er könnte mit Apone darüber reden. Gespräche mit Apone hatten ihm in der Vergangenheit viel gegeben und ihm verstehen geholfen, wenn die Welt sich wieder einmal von ihrer grausamsten Seite gezeigt hatte. Er hätte auch gerne mit Ripley darüber gesprochen, aber mit ihr konnte er nicht über solche Dinge reden, solange er die Augen des Generals auf seinen Rücken gerichtet wußte. Das Verständnis, das sie ihm entgegengebracht hatte, als sie in jener unendlich fernen Nacht auf dem Bootssteg ihre Geschichten ausgetauscht hatten, hatte ihm gutgetan, und er hatte gespürt, daß sie mehr miteinander verband, als sie beide zu diesem Zeitpunkt zuzugeben bereit gewesen waren. Er bedauerte das, aber jetzt war es unwiderruflich zu spät für solche Gefühle. Wenn sie davon erfuhr, würde es nur noch schmerzhafter für sie werden. Nein, dieses Geheimnis würde er mit in sein Grab nehmen. Die Stimme des Generals riß ihn aus seinen Gedanken.

"Was glauben sie, Sergeant, was sie am anderen Ende erwartet, hm? Haben sie NEW BRISBANE schon einmal gesehen?"

Hicks rutschte von seinem unbequemen Sitz hinunter und richtete seine müden Augen auf Shaw, der ruhig zurückgelehnt in seinem Sessel saß. Er fühlte sich nicht bereit für eine weitere Konfrontation und zuckte nur die Achseln.

"Glauben sie, das interessiert mich noch?" Er konnte kaum die Energie aufbringen, um die wenigen Meter bis zu seinem Platz zurückzulegen, riß sich aber im letzten Moment zusammen. Er wollte sich keine Blöße vor seinem Gegner geben. Dieser klang ruhig. Sicher.

"Es wird sie spätestens dann interessieren, wenn dort die gesamte siebente Flotte auf sie wartet. Denn das wird sie, und sie werden sich von ihnen nicht mehr länger an der Nase herumführen lassen. Die PHOENIX ist ein nettes Schiff, aber der geballten Feuerkraft der Station und der Flotte wird sie nichts entgegenzusetzen haben. Sie werden das Alienschiff nicht einmal von weitem sehen. Kommen sie endlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - sie haben keine Chance."

Hicks ließ sich schwer in seinen Sessel sinken und blickte hinüber.

"Ich habe sie."

"Sie wissen, daß das nicht ausreichen wird."

Diese realistische Einschätzung seines eigenen Wertes hatte Hicks vom General nicht erwartet. Anscheinend kam dieser allmählich von seinem hohen Roß herunter - wahrscheinlich hatte er verstanden, wie es um seine Überlebenschancen stand.

"Man wird das Feuer auf uns eröffnen, sobald wir in Reichweite sind. Wir werden dabei alle draufgehen, und zwar noch bevor sie ihr Ziel erreicht haben. Was gibt ihnen das Recht dazu, uns alle mitzureißen?" Er deutete mit einer alles umschließenden Handbewegung auf Ripley, Frost und die beiden Piloten. Ein trockenes Lachen war die Antwort auf seine Frage.

"Das fragen ausgerechnet sie mich? Wen haben sie denn alles mit reingerissen? Aber keine Angst, ich habe nicht vor, unsere Besatzung umkommen zu lassen - sie werden, sobald die Zeit reif ist, ein EEV nehmen und sich von uns verabschieden."

Er war sich bewußt, daß Captain Williams ihn anstarrte.

"Und was wird aus General Shaw?"

Hicks Blick war unergründlich. An seiner Stelle sprach Shaw das aus, was allen Anwesenden in diesem Augenblick durch den Kopf gehen mochte.

"Ich glaube nicht, daß ich mit ihnen in diesem EEV sitzen werde. Nicht wahr, Sergeant ?"

Hicks antwortete nicht. Er war die ewigen Fragen leid und hatte einfach nicht mehr den Nerv, sich mit ihnen zu befassen. Er wünschte sich, alleine zu sein, aber da dies ein Ding der Unmöglichkeit war, mußte er sich wohl damit begnügen, die anderen zu ignorieren. Nicht, daß es ihm schwerfiel, die Müdigkeit stand inzwischen wie eine Mauer zwischen ihm und den anderen. Sie drückte ihn förmlich nieder, lockte ihn, seine Augen zu schließen und seinen ewigen Kampf gegen ihre Überredungskünste endlich aufzugeben, und doch widersetzte er sich, riß mit einer gewaltigen Willensanstrengung die Augenlider auf, als die dunkle Welle über ihn hinwegwusch, entschlossen, dem Schlaf nicht nachzugeben. Nur Sekunden später fielen sie wieder zu. Er suchte in seinem Innern nach Kraft, doch selbst sein bis dahin eiserner Wille schien dahinzuschwinden, und die Geräusche auf der Brücke wurden leiser und leiser. Er fiel in einen großen, schwarzen Strudel, der ihn tiefer und tiefer in den Abgrund hinunterriß. Sein Kopf sackte nach vorne...

Auf der Brücke herrschte einen Augenblick lang angestrengtes, gespanntes Schweigen. Ripley war sich seiner Bedeutung bewußt - es stand jetzt zwei zu drei. Sie und Frost würden jetzt besonders aufpassen müssen, dabei war sie noch nicht einmal bewaffnet. Sie haßte zwar Waffen, aber in der jetzigen Situation hätte sie mit einiger Erleichterung reagiert, wenn sie eine in ihrem Besitz gewußt hätte. Sie hatte Hicks' langen, mühsamen Kampf gegen den Schlaf und sein letztendliches Unterliegen mit gemischten Gefühlen verfolgt - einerseits hatte er klar herausgestellt, daß er keine einzige Minute seiner wenigen verbliebenen Stunden mit Schlaf zu vergeuden wünschte, und sie wußte, daß er von ihr erwartet hätte, daß sie ihn sofort wieder wachrütteln würde, doch auf der anderen Seite war es doch offensichtlich nur noch eine einzige Quälerei gewesen.

Abgesehen von den offensichtlichen Verletzungen, den Blutergüssen und Abschürfungen war es vor allem dieser Ausdruck tiefster körperlicher Erschöpfung in seinen Gesicht gewesen, der sie schockiert hatte. Er brauchte einige Stunden Ruhe, ganz gleich, was er sagte. Was nutzte es, wenn er die zehn, zwölf Stunden Flugzeit bis nach NEW BRISBANE mehr schlecht als recht wach hinter sich brachte, um dann für den letztendlichen Showdown keine Kräfte mehr zu besitzen? So hatte sie sich entschieden, ihn schlafen lassen, und als Frost Anstalten machte, seinen Beobachtungsplatz zu verlassen, um Hicks zu wecken, bedeutete sie ihm, sitzenzubleiben. Der jugendliche Wissenschaftler blickte verwirrt zu ihr hinüber.

"Aber er sagte, er wollte unbedingt -"

Sie schüttelte den Kopf.

"Er braucht dringend eine Ruhepause, er war bloß zu stolz, das zuzugeben. Lassen wir ihn ein paar Stunden schlafen. Es gibt sowieso nichts zu tun als abzuwarten."

Frost schien noch immer zu zweifeln, als er den auf seinem Platz zusammengesunkenen Hicks musterte.

"Ich weiß nicht..."

"Vertrauen sie mir, Ray," versuchte sie ihn zu beruhigen. "Es ist besser so."

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Hicks' Schlaf war während der ersten Stunden tief und traumlos, ein völliges Abschalten sämtlicher nicht unmittelbar überlebenswichtigen Körperfunktionen, als habe sein Unterbewußtsein eine Notbremse gezogen, um eine zu anhaltendem Schaden führende Überlastung zu vermeiden. Seine Reserven waren vollkommen aufgebraucht, sie zu ersetzen würde Wochen dauern. Er hatte keine Wochen mehr, aber das wußte sein Körper nicht. Er arbeitete, um die verlorengegangene Energie wieder zu ersetzen, und der ohnmachtsähnliche Schlaf half dabei. Dennoch konnte er nicht verhindern, daß nach und nach allmählich wieder Eindrücke und Bilder aus den Tiefen des Unterbewußtseins an die Oberfläche zu steigen begannen, erst langsam und kaum greifbar, kaum mehr Ahnungen, dann allmählich an Farben und Substanz gewinnend, als der Zustand der Bewußtlosigkeit in den REM-Schlaf überzugehen begann.

Gesichter und Szenen zogen ohne Zusammenhang an Hicks vorbei, ultrareal trotz ihrer absurden Zusammenreihung. Er ging mit Faith, seiner Schwester, Ripley und Newt den Strand von Long Beach hinunter, und sein Vater, der unmittelbar hinter ihm folgte, redete die Notwendigkeit eines "anständigen" Berufs. Dann wieder wurde Los Angeles angegriffen, und er fand sich in dem Getümmel der Evakuierung wieder und versuchte, Ripley zu folgen, die von dem Menschenstrom in eine andere Richtung gedrängt wurde.

Sein Schlaf wurde unruhiger, und es dauerte eine Weile, bis die erste, wirre Traumphase beendet war und sich abermals tröstliches Dunkel um ihn legte. Diesmal dauerte es nicht ganz so lange bis zum nächsten Traum. Als er schließlich aus der Finsternis auftauchte, befand er sich im Aufenthaltsraum seines ehemaligen Platoons und war amüsierter Zuhörer eines typischen Wortgefechts zwischen Hudson und Frost, die nur irgendein unterhaltungssüchtiges, höheres Wesen mit einer absurden Art von Humor mit Absicht in dieser Gruppe gesteckt haben konnte - es konnte kein Zufall sein, daß zwei gleichzeitig so ähnliche und doch so grundverschiedene extreme Charaktere in solch unmittelbarer Nähe existierten.

Die Ergebnisse dieser Diskussionen waren zwar in der Regel weder von wissenschaftlichem noch von sonst irgendeinem Wert, außer dem, das ohnehin schon aufgeblasene Ego des jeweils Siegreichen zu stärken, aber der Weg dorthin war immer spannender als jede andere auf GATEWAY angebotene Ablenkungsmöglichkeit, und so ließ das Team keine Gelegenheit aus, lebhaft an den Auseinandersetzungen in Form von wahllos eingeworfenen Argumenten teilzunehmen, um die beiden Kontrahenten, sollte ihnen einmal die Munition ausgehen, wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Hicks kannte das Ritual in- und auswendig, auch wenn er sich selten genug daran beteiligte - er und Apone standen im Hintergrund lässig an die Wand gelehnt und ließen sich von ihren beiden Teammitgliedern unterhalten, ohne einzugreifen. Das Team brauchte das, es stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Das Thema der heutigen Vorstellung war wie so oft die zweifelhafte Qualität des auf GATEWAY und den meisten Flügen angebotenen Mannschaftsessens, und sowohl Hudson als auch Frost waren wieder einmal zu absoluter Hochform aufgelaufen, als es nun darum ging, die Bestandteile des undefinierbaren Mischmaschs auf ihren Tellern und ihre angebliche Bedeutung für den menschlichen Stoffwechsel zu analysieren. Ihre höchst veranschaulichenden Vergleiche hielten den Rest des Teams zwar nicht davon ab, den künstlichen Brei mit wahrer Begeisterung in sich hineinzuschaufeln, dennoch drehten sie Hicks das eine oder andere Mal den Magen um, und als er sich umwandte, um die Meinung seines Vorgesetzten zu dem Thema zu erkunden, erwiderte Apone sein amüsiertes Grinsen nur und zuckte vielsagend mit den Achseln. Sie verstanden sich auch ohne viele Worte, ein Teil des Geheimnisses, weshalb das Team so gut funktionierte. Es war eine beruhigende, eine erfreuliche Szene, ein gutes Gefühl; alles lief seinen Gang, und es gab keinen Grund zur Annahme, daß sich das je ändern würde. Er wandte sich wieder der Szene vor ihm zu, bei der Frost sich gerade einen großen Löffel des ominösen Breis in den Mund gesteckt hatte und verwirrt innehielt.

"Was ist?" brüllte Hudson mit seiner so wohlbekannten, viel zu lauten Stimme quer über den Tisch, wobei es ihm egal war, daß sein Gesprächspartner nur einen Meter von ihm entfernt saß. Im nächsten Augenblick packte ihn zur allgemeinen Erheiterung ein wilder Hustenanfall, als ihm ein Teil der eben verschlungenen Portion fälschlicherweise in die Luftröhre rutschte. Schließlich beseitigte er das Problem kurzerhand, indem er es einfach wieder auf seinen Teller spuckte. Frost preßte den Brei gedankenvoll durch seine geschlossenen Kiefer.

"Ich glaube, ich habe gerade das Glasauge vom Küchenchef verschluckt..."

Hicks verzog das Gesicht und sah Apone an.

"Sind sie nicht widerwärtig?"

"Allerdings, das sind sie," pflichtete sein Vorgesetzter ihm grinsend bei. "Aber ich wollte sowieso ein paar Pfund verlieren. Eine bessere Diät gibt es nicht."

Hicks hob erstaunt eine Braue. Apone war immer stolz auf seinen massigen Körper gewesen, und auch wenn über die Jahre über die Jahre das eine oder andere Pölsterchen zu den eisenharten Muskeln hinzugekommen war, so konnte man doch nicht umhin, den Master Sergeant als einen äußerst imponierenden Mann zu bezeichnen.

"Tatsächlich? Wie kommt der Sinneswandel? Hat ihre Frau einen Liebhaber?"

"Meine Frau würde nie auf die Idee kommen, mich gegen einen anderen einzutauschen," knurrte Apone mit gespieltem Ernst, um gleich darauf eher beiläufig zu bemerken: "Nein, mir ist nur neulich aufgefallen, daß die neuen Uniformen alle ziemlich schmal geschnitten sind für einen Mann mit meiner Statur."

"Mir ist eigentlich nicht aufgefallen, daß sich irgend etwas an der Form verändert hätte... ich meine an der Uniform, Sir," bemerkte Hicks mit unschuldiger Miene und gab sich Mühe, sich das dazugehörige Grinsen zu verbeißen. Apone verengte die Augen und starrte ihn finster an.

"Corporal, haben sie Lust auf ein ausgedehntes Straftraining?"

"Nein, Sir." Hicks biß sich auf die Lippen.

"Dann unterlassen sie gefälligst ihre unfachmännischen Kommentare."

"Ja, Sir."

Sie starrten sich noch einige Sekunden länger an, bevor sie schließlich in Lachen ausbrachen. Apone klopfte ihm mit seiner kräftigen Pranken auf den Rücken, bevor er sich schließlich umdrehte und im hinteren Teil des Gemeinschaftsraums verschwand. Hicks blickte ihm nach und lächelte. Doch als er sich der Szene am Eßtisch wieder zuwenden wollte, war dieser plötzlich verschwunden. Auch von seinen Kameraden war weder etwas zu sehen noch zu hören. Es wurde wieder dunkler...

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Ripley wurde trotz ihrer Müdigkeit allmählich nervös. Während der ersten Stunden hatte sie ihre widerwilligen Mitpassagiere mit Argusaugen beobachtet, jede kleinste Bewegung registriert, auch wenn sie noch so minimal war. Der großen Verantwortung, die auf ihr lastete, fühlte sie sich durchaus gewachsen, sie war nichts Neues. Sie war dem Tod mittlerweile schon zu oft zu nahe gekommen, um sich von der knisternden Atmosphäre auf der Brücke allzu sehr beeindrucken zu lassen, aber die letzten Blicke, die der General mit dem Ersten Offizier Keyes getauscht hatte, beunruhigten sie. Es war nichts Offensichtliches, kein Kopfnicken oder etwa lautlos gesprochene Worte, die die beiden wechselten, und vielleicht reagierte sie ja auch über.

Das war das Schlimmste daran, daß sie sich nicht sicher sein konnte. Hatte dieser Blick eben jetzt etwas bedeutet, und wenn ja, was? Oder sah sie allmählich Gespenster? Verdammt, war es nicht normal, wenn jemand nicht die ganzen Stunden nur stur aus dem Cockpitfenster ins Nichts hinausstarren, sondern zur Abwechslung mal ein paar Gesichter sehen wollte? Zumal niemand sonderlich viel zu tun hatte, die PHOENIX wurde vom Autopiloten gesteuert, und die Unterhaltung an Bord war nicht eben üppig gewesen. Die Anwesenden hatten sich nichts zu sagen, was nicht schon gesagt worden war. Zuerst hatte Ripley das Schweigen willkommen geheißen, nach fast zehn Stunden war es jetzt aber mehr und mehr zu einer unguten Stille verkommen. Sie mußten bald da sein.

Nervös blickte sie nach links. Hicks schlief noch immer. Er mußte völlig erledigt sein. Vor zwei Stunden hatte sie schon einmal zögernd versucht, ihn zu wecken, aber keine Reaktion geerntet und es dabei bewenden lassen. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, aber war es besser, seine Zeit wach in dem Bewußtsein zu verbringen, daß sein grauenhaftes Ende jetzt in greifbare Nähe gerückt war? Sie hoffte, daß er ihr ihre Entscheidung nicht übelnehmen würde. Sie glaubte, das Beste für ihn zu tun. Sie konnte sich irren, aber wenn die Logik nicht mehr weiterhalf, konnte man nur noch auf seine Eingebungen vertrauen. Ihr Kopf fuhr herum, als sie aus den Augenwinkeln wieder eine Bewegung Shaw's wahrzunehmen glaubte. Dabei glitt ihr Blick auch über Frost. Und Frost... schlief!

Der Schock wusch eiskalt über sie hinweg und lähmte sie für eine Zehntelsekunde. Das reichte, bevor sie genügend Luft für eine Warnung gesammelt hatte, sprang der General mit einer Geschwindigkeit, die sie dem massig gebauten Soldaten nie zugetraut hätte, hoch und auf den jungen Wissenschaftler zu!

"Ray! Vorsicht! -" Etwas traf ihre Kehle. Hart! Sie fiel nach hinten, nicht wissend, was sie getroffen hatte, während ihr Hals sekundenschnell zuschwoll und fürchterliche Schmerzen hindurchrasten. Sie bekam keine Luft mehr!

Der Raum, in dem Hicks sich schließlich wiederfand, war von undurchdringlicher Finsternis. Tatsächlich war er nicht sicher, ob er sich überhaupt in einem Gebäude befand, obwohl das Fehlen jedes Luftzugs oder auch nur einer noch so geringen Lichtquelle darauf hinwies. Er wollte sich umdrehen und stellte mit einigem Erstaunen fest, daß er sich nicht bewegen konnte. Keine - auch nicht die geringste Bewegung war möglich. Gleichzeitig verspürte er keinerlei mechanische Fesseln, es war eher, als sei er in einem starkes Stasisfeld gefangen.

Schlagartig ballte sich die Finsternis um ihn herum zu einer bedrohlichen, zähen Masse von fast flüssiger Konsistenz zusammen, drückte und drängte auf ihn ein - er befand sich nicht länger in einem Raum, sondern in einer winzigen Box, deren Wände mit jeder Sekunde enger zusammenrückten und ihn zermalmen würden! Jeden Augenblick mußte er sie spüren, jeden Augenblick - der Lichtkegel eines direkt auf sein Gesicht gerichteten grellweißen Strahlers durchschnitt die Dunkelheit mit klinischer Exaktheit wie ein Messer und blendete ihn. Er blinzelte in das Licht, konnte jedoch nichts weiter erkennen - bizarrerweise erhellte dieses lediglich den schmalen Bereich des Strahls selber, ohne weiter in die Finsternis einzudringen.

Noch immer konnte Hicks seine Umgebung in keinster Weise einordnen, doch das Unbehagen hatte bereits sich als massiver Eisblock in seinem Magen manifestiert.

"Corporal Hicks, die ihnen übertragene Mission war ein Totalausfall, ihr gesamtes Team und 147 Kolonisten fanden durch ihre Schuld den Tod. Was haben sie zu ihrer Verteidigung hervorzubringen?"

Die Stimme donnerte erdbebengleich von allen Seiten auf ihn ein und ließ den Boden vibrieren. Trotz der monströsen Lautstärke erkannte Hicks General Shaws Stimme sofort. Die Ungeheuerlichkeit dieser Anschuldigung verschlug ihm für einen Momet die Sprache. Selbst das abwartende Schweigen vor ihm schien einen Echoeffekt zu besitzen, als warte dort ein Gott auf seine Rechtfertigung. Aber was gab es schon, weswegen er sich hätte rechtfertigen müssen? Er hatte sein Bestes getan, oder? Gerade, als er sich zu sammeln und nach den richtigen Worten zu suchen begann, dröhnte die Stimme ein weiteres Mal auf ihn herab.

"Sie haben Master Sergeant Apone und ihre Teamgefährten im Stich gelassen, als ihnen die Situation zu heiß wurde! Sie haben sie dort unten zurückgelassen, obwohl sie wußten, daß sie sie damit zum Tode verurteilen würden! Aber das ist noch nicht einmal das schlimmste! Es liegt alleine in ihrer Verantwortung, daß die Aliens auch auf GATEWAY STATION eingeschleppt wurden! Sie müssen gewußt haben, daß Warrant Officer Ripley und das Kind bereits infiziert waren - trotzdem haben sie sie hierher zurückgebracht!"

"Was?" entfuhr es Hicks. "Aber wie konnte -"

"Spielen sie jetzt nicht den Unwissenden, Corporal!" unterbrach ihn der General ungeduldig. "Nach Aussage ihres Wissenschaftsoffiziers Bishop war ihnen diese Tatsache bekannt! Trotzdem haben sie bei ihrer Ankunft keine Meldung erstattet! Wissen sie eigentlich, wieviele Menschen auf GATEWAY deswegen umgekommen sind?"

Hicks konnte nur fassungslos in das grelle Licht blinzeln.

"Aber - das ist doch absurd! Sie wissen so gut wie ich -" Er befand sich bereits mitten im Satz, bevor ihm bewußt wurde, daß er die Worte zwar gedacht hatte, aber kein Ton von ihm laut geworden war. Er setzte neu an, und abermals schien die schwere Konsistenz der Luft um ihn herum jeden Schall förmlich aufzusaugen. Helle Wut loderte in ihm hoch. Was taten sie hier mit ihm? Er atmete tief ein, um die Worte herauszuschreien, um den Anwesenden - wer immer es auch alles sein mochte - klarzumachen, daß nicht er die Schuld an der Katastrophe trug, sondern er und sein gesamtes Team lediglich Figuren in Shaws abgekartetem Spiel gewesen waren, - und doch war da nur bleierne Stille. Er war unfähig, auch nur einen einzigen Ton von sich zu geben. Das Schweigen hielt noch einige Sekunden länger an, bevor die Stimme des Generals schließlich wieder aus den Lautsprechern ertönte - es mußten Lautsprecher sein, kein Mensch konnte eine so laute Stimme haben.

"Corporal Hicks, der Ausschuß und ich sind zu dem Schluß gekommen, daß sie nicht kooperieren wollen. Sie haben ihre Chance gehabt, und sie haben sie nicht genutzt. Das Urteil kann deswegen nur "Exekution" heißen. Ich hoffe nur, daß sie in diesen letzten Sekunden begreifen werden, was sie den anderen durch ihr Handeln angetan haben."

Shaw hatte kaum geendet, als urplötzlich der Boden unter Hicks nachgab! In rasender Fahrt glitt er eine lange, schmale Röhre hinunter. Keine Chance, sich festzuhalten, den wahnwitzigen Fall zu stoppen - die Wände waren glatt wie Eis! Undeutlich nahm er wahr, daß es heißer wurde, im nächsten Augenblick fiel er auf Händen und Knien auf einen nachgebenden, morastigen Boden, und die Fahrt war zu Ende. Er hob den Kopf, sah sich um. Es war ihm nicht bekannt gewesen, daß ein solcher Ort überhaupt auf GATEWAY existierte - der Boden fühlte sich widerlich organisch an, und wo ein fahles, blaues Licht die bleierne Finsternis durchbrach, konnte Hicks merkwürdige, ineinanderverschlungene Gebilde an den Wänden erkennen. Er konnte nicht viel sehen, aber was er sah, genügte, um ihm einen Schauer über den Rücken zu jagen.

Er war in einem kreisrunden, nicht allzu großem Raum gelandet, von dem zwei in Schwärze getauchte Gänge wegführten. Die Aufmachung erinnert ihn vage an eine Raubtiergrube, eine Futterstelle... Und tatsächlich schien sich die Finsternis um ihn herum zu verdichten, zum Atem irgendeiner monströsen Scheußlichkeit zu werden, die in einem der beiden Gänge auf ihn lauerte! Eine Aura des Bösen durchwehte den Raum, eine Präsenz, die er fast körperlich spüren konnte.

Hicks richtete sich auf und war sich dabei überdeutlich bewußt, wie sein wild schlagendes Herz das Blut durch seine Adern pumpte. Es kam ihm geradezu verräterisch laut vor, so laut, daß er, um sich nicht zu verraten, den Atem anhielt. Dennoch wußte er, daß sein Hiersein nicht unbemerkt geblieben war, und - so merkwürdig es ihm auch erschien - er wußte, daß er selbst in dieser Dunkelheit ein weithin leuchtendes Ziel für was immer auch auf ihn lauern mochte abgab - fast glaubte er die feinen elektromagnetischen Felder, die seinen Körper abgab, sehen zu können. Für seinen Gegner mußte es fast wie eine Neonreklame wirken. Wie konnte er hoffen, unbemerkt zu bleiben?

Er wich aus der Mitte zurück und blickte unschlüssig erst zum rechten, dann zum linken Gang hinüber. Wo wartete es auf ihn, oder würde es hierher kommen, um sich seine Beute zu holen? Er musterte die Wände, doch auch sie sahen nicht aus, als würde man an ihnen hochklettern können. Obendrein wurden sie nach wenigen Metern bereits von Finsternis verschluckt. Er wollte gerade wieder den Kopf senken, als er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung zu seiner Linken wahrnahm. Er wirbelte herum. Und erblickte einen monströsen Schatten, der sich mit fließenden, graziösen Bewegungen vom einem Deckenvorsprung hinabließ!

Der Anblick wirkte wie ein Schlag in den Magen, für einen Augenblick schienen seine Füße am Boden festgefroren zu sein! Mit übermenschlicher Willensanstrengung riß er sich schließlich los und rannte geradewegs in den nächsten Gang hinein. Nicht, daß er eine Wahl gehabt hätte - er konnte spüren, wie die Bestie hinter ihm auf dem Boden aufkam und die Verfolgung aufnahm, konnte seinen Atem förmlich im Nacken spüren!

Er rannte um sein Leben, sprintete durch die fast undurchdringliche Dunkelheit, kollidierte mit unsichtbaren Wandvorsprüngen, die in seinen Weg ragten, rappelte sich wieder auf und spurtete weiter, obwohl das Entsetzen ihn zu lähmen drohte! Ein hastiger Blick über die Schulter - Schwärze - und doch wußte er, es war da, es war unmittelbar hinter ihm! Weiter, nur weiter! Seine Füße sanken in den immer weicher werdenden Boden ein, erst bis zu den Knöcheln, dann bis zum Schienbein! Der zähe Morast gab ihn nur widerwillig wieder frei, und jeder Schritt wurde schwieriger als der vorhergegangene! Das Blut rauschte in seinen Ohren, toste und übertönte sein lautes, angestrengtes Keuchen, mit dem er sich durch den Sumpf kämpfte. Mit quälender Langsamkeit.

Wieder der Blick zurück - nichts zu sehen, aber das Wissen, daß es da war, nur einen Wimpernschlag vom Licht entfernt, und wenn es diesen Wimpernschlag auch noch aufholen würde, würde es bereits zu spät sein! Hicks zwang sich mit Gewalt, wieder nach vorne zu sehen, gerade rechtzeitig, um noch schnell die Hände auszustrecken und den Fall abfangen zu können, als sein linkes Bein bis zum Oberschenkel in dem zähen Morast versank. Weg hier! Weiter! Er kämpfte sich wieder hoch und zuckte zusammen. Es war hier etwas heller als in dem Tunnel, und das schwache Licht reichte gerade aus, um ihn die sich stark verjüngenden Wände vor sich erkennen zu lassen - der Zwischenraum war viel zu schmal für ihn! Wieder zurückblicken - gleich, gleich mußte es –

Mit einem schmatzenden Geräusch gab der Schlamm sein Bein schließlich frei, und er taumelte abermals vor, um jetzt bis zur Hüfte darin zu versinken! Verzweifelt suchte er mit den Händen nach irgendeinem Wandvorsprung, irgend etwas, was ihm helfen konnte! Der Raum war inzwischen so eng geworden, daß er sich seitwärts drehen mußte, um noch weiter vorwärts zu kommen., und doch zwang ihn das Entsetzen weiter, obwohl es hoffnungslos schien! Wieder einige Zentimeter - wieder umdrehen. Weitermachen! Vorne schienen der Zwischenraum wieder breiter zu werden, wenn er nur - wenn er nur hierdurch - ein Geräusch unmittelbar hinter ihm! Er fuhr herum und sah, wie sich der Schatten zu einem lebendigen Alptraum verdichtete ...

Hicks schoß aus seinem Sitz hoch, von einem Herzschlag zum anderen aus dem Schlaf in jähes Bewußtsein katapultiert, und hinein in eine Szene, die dem Schrecken im Traum in nichts nachstand!