64. Epilog

Harry Potter öffnete bedächtig die Tür des Casa de anhelo, doch er durchschritt sie nicht sofort. Mit dem bewegenden Gefühl in die Vergangenheit zurückzukehren, verharrte er in der Türfüllung und ließ seinen Blick durch die verlassene Eingangshalle des alten Hauses wandern. Auf den Strahlen des einfallenden Sonnenlichts tanzten winzige Staubpartikel durch den Raum und verrieten Harry, dass Caspar wirklich Wort gehalten hatte. Mit einem wehmütigen Lächeln stieß er sich vom Türrahmen ab und ging langsam in den Flur hinein, während er sich an den Abend erinnerte, an dem er Caspar den Befehl erteilt hatte, das Casa de anhelo zu verlassen.

„Aber Master Harry, Caspar ist hier zuhause, er kann nicht für immer hier weggehen", hatte der kleine Hauself gejammert, während seine großen fledermausähnlichen Ohren aufgeregt auf und ab flatterten.

Mit der Deutlichkeit einer Videoaufzeichung sah Harry noch einmal die Szene vor sich und hörte seine eigene, sich im Stimmbruch befindliche Stimme, die Caspar ungeduldig anfuhr.

„Doch, das kannst du und das wirst du auch! Hier gibt es nichts mehr für dich zu tun, deine Aufgabe wird es fortan sein, dich um Andrea zu kümmern. Sie ist zusammen mit Clark Silver in Mount Ossa und braucht deine Unterstützung nötiger! Hör zu Caspar, egal wie mein Kampf ausgehen wird, ich werde so oder so nicht wieder hierher zurückkehren; dieses Haus wird für alle Zeiten verlassen bleiben."

Caspar hatte ihn ungläubig, mit glasigen Augen angesehen, sich aber schließlich doch in sein Schicksal gefügt und wie Harry nun bestätigt fand, hatte seit seinem Weggang dieses Haus tatsächlich niemand mehr betreten.

Harrys Schritte verursachte kaum ein Geräusch, während er langsam die einzelnen Räume im Erdgeschoss abging. Im kleinen Arbeitszimmer, welches einst Andreas Großmutter benutzt hatte, lagen noch immer Pergamentrollen, Federn und ein eingetrocknetes Tintenfass auf dem Sekretär; auf dem großen, ovalen Tisch im Speisezimmer stand auch heute noch eine verstaubte Kristallschale mit Duftkräutern und als Harry schließlich einige Minuten an der Küchentür lehnte, stiegen erneut Erinnerungen in ihm auf.

Dort an dem Küchentisch hatten sie nach Sirius Rückkehr gesessen und Harry fühlte noch einmal diese Unwirklichkeit, die ihn an jenem Abend ergriffen hatte. Sirius war tatsächlich zurückgekommen und er, Harry, hatte lange gebraucht, bis er dies wirklich erfassen konnte.

Sirius! Mit einem leisen Lächeln dachte Harry daran, dass sein Patenonkel zu dieser Stunde vermutlich mit Tonks und Remus zusammen über einer neu entworfenen Petition brütete, die sich um eine Verbesserung der Lebensbedingungen für Halbmenschen bemühte. Seit es Remus vor fünf Jahren gelungen war, Peter Pettigrew dingfest zu machen und dadurch Sirius Unschuld endgültig bewiesen wurde, setzte Sirius alles daran, die vielen, in Umbridges Amtszeit erlassenen Beschränkungen und allen voran das von ihr entworfene Anti-Werwolf-Gesetz, wieder außer Kraft zu setzen. Obwohl man Sirius anfänglich trotz seiner offen erklärten Unschuld mit Zurückhaltung und Skepsis begegnet war, so hatte seine Stimme inzwischen Gewicht bekommen und nicht nur der neu ernannte Zaubereiminister, sondern auch die Herausgeber des Tagespropheten waren gewillt, seine Meinung anzuhören. Dennoch lag hier wohl noch ein weiter Weg vor ihnen und nicht nur Sirius musste einsehen, dass derartige Gesetze leichter ins Leben gerufen wurden, als es möglich war, sie in späteren Jahren wieder rückgängig zu machen.

Harry kehrte der Küche den Rücken und betrat das Wohnzimmer. Auch hier war noch alles so, wie er es vor Jahren verlassen hatte, nur dass sich inzwischen eine dicke Staubschicht über die Gegenstände gelegt hatte. Der alte Regulator an der Wand stand still und für einen kurzen Augenblick fühlte Harry den Wunsch, das alte Uhrwerk wieder aufzuziehen, ehe er mit einem leisen Seufzen den Kopf schüttelte und diesen Gedanken verwarf. Nachdenklich verließ er auch diesen Raum und stieg zögernd die Treppe zur oberen Etage hoch. Gleich rechts neben der Treppe befand sich das Zimmer, welches er während seines Aufenthalts hier bewohnt hatte. Die Tür stand einen Spalt offen und als er sie vollständig aufdrückte, sah er seinen alten Hogwartskoffer am Fußende des Bettes stehen.

„Richtig, den hatte ich ja hier zurückgelassen", murmelte Harry mit einem Nicken, als er sich wieder daran erinnerte, dieses Erinnerungsstück bewusst hier deponiert zu haben. Der Koffer enthielt nur einige seiner alten Schulbücher und mehrere Hogwartsroben und doch stieg bei seinem Anblick eine unterschwellige Melancholie in ihm hoch. In Gedanken sah er sich noch einmal als Junge, wie er den großen, schweren Koffer vor sich her schiebend, am Gleis Neundreiviertel entlang ging und deutlich hörte er wieder die vielen aufgeregten Stimmen von Eltern und Schülern, das Gekreische von Eulen und das laute Zischen und Pfeifen des Hogwartsexpress.

„Ist das wirklich schon so lange her", fragte er sich selbst leise, während er weiterging und schließlich zögernd vor der Tür des Spiegelsaals stehen blieb.

Nichts an dieser alten, schäbigen Tür deren Farbe schon an vielen Stellen abblätterte, verriet welch beeindruckender Glanz sich dahinter befand, noch ließ sie die wahre Größe der dahinter verborgenen Geheimnisse vermuten. Dreizehn Monate hatte Harry in diesem Haus gelebt und den größten Teil seiner Zeit in diesem Raum verbracht und dennoch ergriff ihn eine seltsame Aufregung, die sein Herz dazu brachte schneller zu schlagen, als er die Hand ausstreckte und behutsam die Türklinke nach unten drückte. Tief Luft holend trat er ein, blieb jedoch hinter der Türschwelle stehen, um mit seinem Zauberstab den von ihm selbst gesprochenen Schutzzauber aufzuheben. Die Luft um ihn herum vibrierte, doch schon nach wenigen Sekunden spürte er den kühlen Lufthauch, der ihm zeigte, dass er sich nun gefahrlos in diesem Raum bewegen konnte.

„Harry Potter", flüsterte das Gemälde neben ihm. Obwohl der hutzelige, alte Zauberer darin sehr leise gesprochen hatte, spiegelte doch seine Stimme deutlich die Überraschung die Harrys Erscheinen hier auslöste, wider.

Es entstand ein leises Getuschel unter den Gemälden, doch Harry achtete nicht auf sie. Mit sicheren Schritten ging er in das Zentrum des Spiegelsaals, ehe er sich langsam um seine eigene Achse drehte und die Spiegel der Reihe nach ansah. Die Schriftzeichen am oberen Teil der Rahmen verrieten nur den Eingeweihten, was für eine Art von Tor sich hinter der jeweiligen Spiegelfläche befand und obwohl Harry jedes Einzelne unzählige Male durchschritten hatte, so musste er sich doch eingestehen, dass diese verborgenen Tore über all die Jahre hinweg nichts von ihrer früheren Faszination verloren hatten.

Schwer atmend trat er an einen Spiegel zu seiner Linken heran und strich gedankenverloren mit den Fingerspitzen die Runenzeichen entlang, als er hinter sich die Stimme des alten Hussels hörte.

„Harry…Harry Potter! Du bist tatsächlich zurückgekommen."

„Hallo Alexander", antwortete Harry und wandte sich mit einem Lächeln nach dem alten Hausgeist um. „Schön Sie wieder zu sehen."

Einige Sekunden verharrte die perlweiße Erscheinung in der Mitte des Raums, ehe sie langsam, Harry eingehend betrachtend, auf ihn zu schwebte, um dann zwei Meter von ihm entfernt anzuhalten.

„Aus dem Jungen der lebt ist ein erwachsener Mann geworden", nickte Hussel mit einem wohlwollenden Lächeln und verringerte nochmals den Abstand um einen Meter, so dass er nun nur noch eine Armlänge von Harry entfernt war.

„Entgegen der landläufigen Meinung, die annahm, ich wäre nicht im Stande mein achtzehntes Lebensjahr zu vollenden", antwortete Harry mit einem schiefen Grinsen und wandte den Blick wieder dem Spiegel hinter sich zu.

„Nun, du warst über ein Jahr verschwunden und die Zaubererwelt nahm an, du hättest ihr damals aus Furcht vor diesem dunklen Zauberer den Rücken gekehrt. Wenn ich mich recht entsinne, so war es nur eine Handvoll Leute, die wussten was du in dieser Zeit wirklich getan hast."

„Diese Lektion hier war für mich die Schwerste von allen", sagte Harry ohne auf die Worte des alten Hussels einzugehen und deutete auf den Spiegel vor sich. „Lange Zeit glaubte ich nicht sie jemals bestehen zu können."

„Oh ja, die Konfrontation mit dem größten Schmerz und der tief sitzenden Angst", nickte der alte Geist verstehend. „Ja, daran sind schon sehr viele vor dir gescheitert und dennoch hat es bei dir nur wenige Wochen gedauert, bis du dieser lähmenden Furcht entgegen treten konntest. Eine genauso bemerkenswerte wie überraschende Leistung."

„Hat es Sie tatsächlich überrascht?", fragte Harry und zog verwundert eine Augenbraue nach oben.

„Allerdings", lächelte Hussel. „Offen gestanden rechnete ich damit, dass du noch viel zu jung warst und sehr schnell aufgeben würdest."

„Darf ich daran erinnern, dass Sie es waren, der dies zur Bedingung machte; der auf dem Standpunkt beharrte, dass ich die übrigen Lektionen nicht antreten könnte, wenn ich es nicht schaffen würde, mich gegen meine eigene Angst zu behaupten?", grinste Harry und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiegel zu.

„Dies war ein Charaktertest und du hast nicht nur ihn, sondern auch alle folgenden mit Bravur bestanden", erklärte Hussel, während er anerkennend seinen Kopf neigte.

„Tja, ich hab sie bestanden", seufzte Harry schwer, während sein Blick die lange Reihe der Spiegel entlang wanderte. „Ich hab sie bestanden, weil ich sie bestehen musste, weil ich keine andere Möglichkeit gesehen habe. Als Sie mir damals erklärten, dass diese Tore ähnliche Eigenschaften wie Zeitumkehrer besitzen, hätte ich mir nicht träumen lassen, was es bedeutet, in eine vergangene Zeit zurück katapultiert zu werden, um dort auf ausgewählte Zauberer und Hexen zu treffen, die meine Ausbildung fortführen würden. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung, wie hart dieses Training dort wirklich sein würde. Gemessen daran war jede Unterrichtsstunde, die ich zuvor in Hogwarts absolviert hatte, ein Kinderspiel und hier schließe ich sogar Snapes Pseudo-Unterricht in Occlumency mit ein. Es gab Tage, an denen befürchtete ich, ernsthaft den Verstand zu verlieren und ich weiß nicht, wie oft ich mich gefragt habe, wie ich nur auf die Schnapsidee kommen konnte, Hogwarts zu verlassen und mich stattdessen dieser Tortour zu unterziehen."

„Nach meiner vorsichtigen Schätzung würde ich sagen, du stelltest dir mindestens einmal pro Woche eine diesbezügliche Frage", gluckste der alte Hausgeist amüsiert. „Vorzugsweise immer dann, wenn deine Unterweisung in Transfiguration nicht die von dir gewünschten Ergebnisse brachte und du mit diversen überflüssigen Gliedmaßen zurückkehrtest."

„Erinnern Sie mich bitte nicht daran", stöhnte Harry und verdrehte die Augen, während er sich selbst noch einmal mit einem dritten Bein in die Küche humpeln sah, weil sich der Lehrer in Verwandlung strickt geweigert hatte, Harry neben dem Entenschnabel auch noch von diesem unglückseligen Bein zu befreien. Nach einem Jahr Unterricht bei diesem Lehrer wusste Harry McGonagalls Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit sehr zu schätzen.

„Nun es war ein harter Weg den du gewählt hast, letztendlich hat er dir jedoch zu dem gewünschten Resultat verholfen – du hast deinen Feind besiegt."

Hussel hatte den Kopf schief gelegt und blickte Harry auffordernd an, doch dieser nickte nur stumm, während seine Augen nachdenklich durch den Raum schweiften, bis er schließlich langsam den Saal durchquerte und sich mit einem vernehmlichen Seufzen in den dunkelblauen Sessel fallen ließ. Der Geist folgte ihm gemächlich und wartete, bis Harry nach einer längeren Pause wieder zu sprechen begann.

„Es gab eine Zeit, da hätte ich behauptet, dass all das, was ich hier in diesem Haus gelernt habe, wenn nicht überflüssig, so doch weniger bedeutend war, als ich vermutete", erzählte Harry versonnen. „Um Voldemort endgültig zu besiegen brauchte ich weder Transfiguration, noch spezielle Zauber und dennoch…" Harry stockte und plötzlich erschien ein leises Lächeln auf seinem Gesicht, „war diese Zeit hier, in der ich mich mit alten Zaubern und Vielem anderen quälte, wichtiger als ich es zuerst erkennen konnte."

„Sie stärkte dein Selbstbewusstsein", nickte Hussel verstehend.

„Und sie entzog mich der Fürsorge meiner Freunde", ergänzte Harry und atmete tief ein, ehe er den Kopf hob und direkt in das perlweiße Gesicht des alten Hausgeistes sah. „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken und…und Ihnen sagen, dass Sie Recht hatten. Letztendlich war es die Liebe, die Voldemort vernichtet hat."

„Erzähl mir davon!", forderte ihn der Geist auf und sank ein Stück tiefer in den gegenüberliegenden Sessel.

„Das ist nicht so einfach und es hat eine Weile gedauert, bis ich selbst realisiert habe, was in jener Nacht geschehen ist", sagte Harry leise und ein gequälter Ausdruck entstand auf seinem Gesicht, während er schaudernd die Schultern anzog. „Es mag seltsam klingen, doch obwohl es nun fast sieben Jahre her ist, gibt es in mir noch immer einen Teil, der sich hartnäckig weigert die Erlebnisse von damals zu begreifen. Die Ereignisse hatten sich überstürzt und noch ehe ich es richtig begriffen habe…", Harry brach ab und schüttelte den Kopf. „Ich sollte von vorne beginnen."

Der Geist nickte stumm und so begann Harry nach einem tiefen Atemholen von vorn. „Wie Sie selbst wissen, erfuhr ich, dass Voldemort es geschafft hatte, meine Freunde in seine Gewalt zu bringen. Vermutlich war es für ihn ein Schuss ins Blaue und er glaubte wohl selbst nicht so ganz daran, dass er mich damit tatsächlich auf den Plan bringen würde. Nun wie dem auch sei, ich schaffte es Voldemort zu finden, doch von meinen Freunden fehlte jede Spur. Es kam zu einem kurzen, unspektakulären Kampf und plötzlich tauchte Hermine auf. Voldemort richtete seinen Zauberstab auf sie und ich…ich weiß nicht mehr warum ich es tat…doch ich apparierte in diesen Augenblick hart an Voldemorts Seite. So unsinnig es auch war, ich sprach keinen Entwaffungszauber sondern packte seinen Zauberstabarm, um ihn wegzudrücken. In dieser winzigen Sekunde, in der ich nur eines im Sinn hatte, nämlich Hermines Leben zu retten, drang mein Geist in Voldemorts Kopf ein." Harry schluckte schwer, ehe er flüsternd fort fuhr. „Es war entsetzlich! Für einen, für mich nicht bestimmbaren Zeitraum, verbanden sich unsere Seelen. Voldemort schrie in Todesqualen auf und je mehr er gegen meine Präsenz ankämpfte, umso verbissener hielt ich ihn fest. Vermutlich waren es nur Sekunden, möglicherweise auch Minuten, doch mir erschien es, als dauerte dieser Kampf Tag, Monate, Jahre. Es waren Qualen von unvorstellbarem Ausmaß und ich war überzeugt, dass ich sterben würde. Mein Körper schien sich aufzulösen und wenn es etwas gab, das mir in dieser Stunde die Kraft gab Voldemort gepackt zu halten, dann war es die Gewissheit, dass wenn ich loslassen würde…dann würde dies den Tod meiner Freunde bedeuten, Voldemort würde dann weiter morden und quälen. So hielt ich fest, bis es plötzlich nichts mehr gab, was ich festhalten konnte. Ich fiel in ein großes, weißes Nichts und während ich dort körperlos dahin trieb und glaubte an meiner Lebensaufgabe gescheitert zu sein, hörte ich einen Phönix singen. Wenn man sagt, Phönixtränen heilen alle Wunden, so behaupte ich inzwischen, dass auch das Lied des Phönix heilende Kräfte besitzt, es vermag den Teil von uns zu heilen, der nicht stofflich ist und der all unsere Gefühle, Hoffungen und Sehnsüchte in sich trägt."

Harry unterbrach erneut seine Erzählung, während mit seinen letzten Worten auch der gequälte Gesichtsausdruck verschwand und sich stattdessen ein sanftes, friedliches Lächeln auf seine Züge legte.

„Ich erwachte im Krankenflügel von Hogwarts und Albus Dumbledore saß neben meinem Bett. Auf seinem Schoß saß der singende Fawkes und während Dumbledore mich mit seinem typischen, forschenden Blick über den Rand seiner Brille hinweg ansah, glaubte ich für einen kurzen Moment noch einmal elf Jahre alt zu sein und eben den Stein der Weisen gerettet zu haben."

Hussel schwieg eine lange Zeit und nur seine Augen waren mit einem feucht schimmernden Ausdruck auf den jungen Mann vor sich gerichtet. „Die Kraft der Liebe", nickte er nach einer Weile langsam. „Sie hat nicht nur Voldemort vernichtet, sondern dir auch dein Leben zurückgegeben."

„Ich würde es ein bisschen anders ausdrücken", lächelte Harry. „Sie hat mir ein völlig neues Leben geschenkt, das nicht weniger aufregend und spannend war, wie dieses Alte. In gewisser Weise ist an jenem Tag, der Voldemorts Existenz beendete, ein neuer Harry Potter geboren. Das heißt nun nicht, dass die Vergangenheit kein Gewicht mehr hat, doch plötzlich konnte ich eine völlig neue Form von Freiheit erleben. Und ich muss gestehen, es hat etwas gedauert, bis ich mich daran gewöhnen konnte."

„So hat sich letztendlich alles zum Guten gewandt", sagte der alte Geist versonnen.

„Nicht alles, aber Vieles. Es gibt noch immer Schatten der Vergangenheit, die Macht über die Zukunft haben und nicht zuletzt hinterließ der Tod mancher Freunde Lücken in unserem Leben und der Schmerz ihres Verlustes, lässt sich nicht mit ein paar glücklichen Augenblicken wegwischen."

„Ich verstehe!", nickte Hussel und legte den Kopf schief, um Harry, der gedankenverloren ins Leere starrte, zu beobachten. „Verzeiht mein Neugier, junger Freund, doch was ist aus all den anderen geworden... aus deinen anderen Freunden, deinen ehemaligen Klassenkameraden?"

„Ich stehe nur noch mit sehr Wenigen in Kontakt", erklärte Harry nachdenklich. „Neville hat im vergangenen Jahr in Hogwarts die Stelle des Lehrers für Kräuterkunde übernommen und Ginny unterrichtet seit September Verteidigung gegen die dunklen Künste. Ernie McMillan, Susan Bones und Hannah Abott arbeiten für das Zaubereiministerium und wie ich letzte Woche von Minerva McGonagall hörte, haben Lavender und Parvati in London ein Teehaus eröffnet, in dem sie den Gästen die Zukunft aus den Teeblättern lesen. Tja, bei den anderen ist alles beim Alten. Hagrid ist noch immer Wildhüter und Lehrer für Magische Geschöpfe und Professor Dumbledore denkt nicht im Entferntesten daran in den Ruhestand zu gehen. Der alte Knabe ist ein erstaunliches Phänomen, er scheint der Einzige zu sein, an dem die Jahre fast ohne Spuren vorübergehen."

Der alte Hausgeist lächelte verstehend. „Ab einem gewissen Alter spielen sieben Jahre keine so bedeutende Rolle mehr."

„Mag sein", nickte Harry nachdenklich. „In dem Jahr bevor ich Hogwarts verlassen habe, schienen seine Kräfte immer mehr nachzulassen und als er mir von Snapes Verrat erzählte, dachte ich, er würde an dieser Enttäuschung zerbrechen; doch nun…", Harry brach ab und hob die Schultern, ehe er den Satz mit einem leisen Schmunzeln beendete, „…ist von alledem nichts mehr zu sehen. Er ist noch immer der Fels in der Brandung, die Anlaufstelle des Zaubereiministers, wenn es Probleme gibt und das große Idol seiner Schüler. Und…für mich ein treuer Freund und weiser Ratgeber, den ich nicht missen möchte. Ich bin fast versucht zu sagen, Dumbledore ist ein Unikat, doch wenn ich genau hinsehe, dann bemerke ich, dass nicht nur mein alter Freund ein Einzelstück ist…wir sind es alle, jeder von uns auf seine ganz persönliche und private Art."

„Eine weise Erkenntnis", lächelte Hussel. „Doch du hast deinen jungen Freund aus Slytherin nicht erwähnt und natürlich interessiert mich speziell, was aus meiner Ur-Ur-Urenkelin geworden ist. Hat sie die Erlebnisse von damals überwunden?"

„Ted Moran hat den Krieg gegen Voldemort nicht überlebt", erzählte Harry mit belegter Stimme. „Sein Tod hat mich besonders getroffen, nicht weil wir besonders enge Freunde waren, sondern…weil wir es hätten werden können. Es tut heute noch weh an ihn zu denken und sich vorzustellen…" Harry brach ab und schüttelte unwillig den Kopf. „Es bringt nichts sich zu überlegen, was alles hätte anders sein können."
„Und Andrea?"

„Andrea. Hm…schwierige Frage", grübelte Harry. „Spontan würde ich sagen, es geht ihr gut und sie ist in ihrer Ehe glücklich, doch ganz überwunden hat sie die vergangenen Schrecken vermutlich bis heute nicht. Sie hat gelernt damit zu leben, aber wie es wirklich in ihr aussieht, das verrät sie mir nicht."

„Sie hat geheiratet?", fragte Hussel überrascht.

„Ja, Andrea und Clark haben vor zwei Jahren in Montreal geheiratet und dort leben sie nun auch. Allerdings sind sie ziemlich häufig in London, um Sirius, Remus und Tonks zu besuchen, die den Grimmauld Place inzwischen gemeinsam renovierten. Sirius wollte das Haus ursprünglich abreißen, doch Remus hatte ihn schließlich überzeugt, dass er so niemals Frieden mit seiner Vergangenheit schließen kann und so wurde der Plan gefasst, den Grimmauld Place umzubauen. Heute ist dieses Haus hell und freundlich und gefüllt mit Leben und Fröhlichkeit. Neben Sirius, Remus und Tonks wohnen jetzt auch Ron und seine Freundin dort. Für mich ist es immer wieder faszinierend, das alte Hauptquartier den Phönixordens zu betreten und dabei festzustellen, was alles möglich ist, wenn man es nur möchte. In gewisser Weise wurde es für die ehemaligen Mitglieder des Ordens zu einem Symbol, welches sie daran erinnerte, dass auch aus dem Düsteren und Abstoßenden etwas Schönes werden kann und wir bei all dem Schrecken und der Verluste trotzdem auf eine schöne, neue Zukunft hoffen können."

„Schön gesprochen", seufzte der alte Hausgeist und schwebte aus dem Sessel, um sich dem Fenster zuzuwenden. „Manchmal wünschte ich mir, auch dieses Haus könnte einer neuen, schönen Zukunft entgegen sehen", fügte er hinzu, während sein Blick traurig über den Garten schweifte, in dem der Herbstwind das bunte Laub vor sich her trieb, „doch ich befürchte, dies wird für alle Zeiten ein Wunsch bleiben."

„Wer weiß", lächelte Harry und erhob sich ebenfalls aus dem Sessel. „Niemand kann sicher sagen, was die Zukunft bringen wird."

„Das ist richtig, das kann niemand sagen", seufzte der alte Hussel mit einem wehmütigen Lächeln.

Mit langsamen Schritten ging Harry zur Tür, doch noch ehe er sie erreicht hatte, meldete sich erneut der Geist zu Wort.

„Harry, eine Frage noch, warum bist du heute wirklich hierher zurückgekehrt?", sagte er und blickte Harry mit einer Mischung aus Neugier und Trauer entgegen.

Harry erwiderte seinen Blick nachdenklich, ehe er den Kopf senkte und mit einem versteckten Lächeln den Fußboden angrinste.

„Vielleicht, weil bald eine Aufgabe vor mir liegt, von der ich mir bisher nicht sicher war, ihr wirklich gewachsen zu sein."

„Und nun bist du dir sicher?" Der Geist hatte die Stirn in Falten gezogen und sah ihn unschlüssig an.

„Ja, so sicher wie ein Mensch der liebt, sich nur sein kann."

Harry zwinkerte dem alten Hausgeist zu, hob noch einmal die Hand zum Gruß und verließ das Casa de anhelo.

Ende

Autornote: So nun ist es also vollbracht! Dies waren die letzten Zeilen dieser Fanfic und jetzt bleibt mir eigentlich nur, mich noch einmal bei euch zu bedanken! Es hat mir riesigen Spaß gemacht für euch zu schreiben. Nun hoffe ich mal, dass ich den größten Teil eurer Fragen beantworten konnte. Hm…und wenn nicht? Tja, dann kann ich euch eigentlich nur auf das hpfreunde.de-Forum verweisen; dort gibt es einen Bereich für Fanfics und auch einen eigenen Thread zu dieser Story. Wenn ihr Fragen habt - oder auch einfach nur neugierig seid, dann dürft ihr dort gern vorbei schauen. Ich würde mich freuen!

Liebe Grüße von eurem Sternchen

So und weil es so schön war, kommt hier noch ein Anhang von meiner Beta-Leserin Vivi, die sich ihre eigenen Gedanken machte, was die Zukunft noch so bereithalten könnte. Es knüpft nicht ganz an die oben erzählten Erinnerungen an, doch ich denke das stört euch nicht. ;-)

Erinnerungen (Autor: Vivi)

Parvati lächelte still in sich hinein.

Bedächtig legte sie das Foto vor sich auf den Boden und während sie zum wiederholten Male an diesem Abend ihre Sitzposition auf dem harten Holzboden wechselte, beobachtete sie die beiden Personen, die darauf abgebildet waren.

Der etwas blasse, schmalgesichtige Junge, bei dem selbst auf dem Foto die herrlich leuchtenden grünen Augen sofort auffielen, hatte die Lippen zusammen gekniffen und man konnte ihm förmlich ansehen, wie sehr er sich anstrengte, in alle möglichen Richtungen zu blicken, nur nicht zu dem schwarzhaarigen jungen Mädchen an seiner Seite, welches im Gegensatz zu ihm sichtlich Interesse an der Umgebung zu zeigen schien und deren Augen vor Temperament und Erwartung nur so blitzten.
Parvati lachte auf, als ihre Erinnerungen zurückschweiften, zu jenem Abend, knapp zehn Jahre zuvor.
Zehn Jahre?

Für einen kurzen Moment wandte sie den Blick ab und erfasste beinahe schon spontan den Bilderrahmen auf dem Sideboard, in welchem das Foto eines etwa dreijährigen Jungen prangte, der mit ihren Augen und dem gleichen charmanten Lächeln in die Linse des Fotografen geblickt hatte.

Dem Bildnis ihres Sohnes zuzwinkernd und hartnäckig den Gedanken daran abschmetternd, wie rasch doch die Zeit vergeht und gerade junge Mütter rasend schnell älter werden lässt, ließ sie ihre Erinnerung an jenen Abend in Hogwarts verweilen. Jener Institution, die aus der jungen temperamentvollen Parvati und ihrer Zwillingsschwester, gestandene Hexen gemacht hatte, die heute ihren Weg gingen – die eine als begeisterte Mutter; die andere als Mitgesellschafterin eines Buchhandels mit eigener Zweigstelle in St. Mungo.

Der Ball der Champions.

Parvati lachte auf.

Wie widersprüchlich waren ihre, der damals 14jährigen, Gefühle doch gewesen. Überraschung, Vorfreude und Stolz hatten sich ziemlich schnell nach dem Eröffnungstanz gewandelt in Enttäuschung, Wut und einer leichten, minimalen Anwandlung von Eifersucht.

„Du bist ja damals, genauso wie Padma, nicht freiwillig eingeladen worden; zumindest hast du in der Hinsicht was mit Hermione gemeinsam", flüsterte sie ihrem zehn Jahre jüngeren Abbild rückblickend wissend mit dem Kopf nickend zu, dass soeben mokiert die Lippen spitzte und den Jungen zornfunkelnd ansah.

„Reg dich ab Mädchen; es hätte nicht besser kommen können", lächelte sie und hob ihren Zauberstab auf, der ihr aus der Westentasche gefallen war, als sie eben den bunten dicken Flickenteppich vor den Kamin gelegt hatte, um darauf Platz zu nehmen.

„Accio Hochzeitsfoto", murmelte sie und beobachtete ein ungefähr DIN A 5 großes Foto, das aus den Tiefen des hohen Fotostapel vor ihr hervorbrach und noch während die darüber liegenden Bilder zur Seite rutschten, hatte es Parvati geschickt mit einer Hand aufgefangen.

Seufzend strich sie über das Abbild des kantigen Gesichts des darauf abgebildeten jungen Mannes, dem man ansah, dass ihm die harte Schule seines Lebens bisher einiges abgefordert hatte und hatte schneller reifen lassen, als Menschen gleichen Alters - und der doch nichts desto trotz strahlend in die Kamera blickte und ihr in diesem Moment sogar schelmisch zuzwinkerte.

Neben ihm stand, den Kopf an seine Schulter gelehnt, ihr eigenes, vier Jahre jüngeres Ich, genauso glücklich lachend und vor Vorfreude auf ihr künftiges Zusammenleben schier platzend.

„Lieber Professor Albus Dumbledore, wie gerne hätten wir ihnen den lebendigen Beweis dafür erbracht, wie sehr ihre Bemühungen um ein harmonisches Zusammenspiel der Schulen in den verschiedensten Ländern funktioniert hat", seufzte sie und hielt den Blick ihres Ehemannes fest, der kurz nach seinem Schulabschluss aus den Weiten Bulgariens den Weg nach Schottland genommen hatte, um hier seine Familie zu gründen.

„In gewisser Weise sind Sie, Professor, sogar unser Ehestifter gewesen", schmunzelte sie, und rief sich gleichzeitig das Bild ihres ehemaligen Schulleiters Albus Dumbledores in Erinnerung, der acht Jahre zuvor durch einen Mordanschlag ums Leben gekommen war.

Vom Flur her näherten sich plötzlich trippelnde Schritte und noch ehe Parvati sich aus ihrer unbequemen Sitzposition erheben konnte, wurde die Tür zum Wohnzimmer aufgestoßen und das lebendige Abbild des etwa dreijährigen Jungen auf dem Foto, taumelte auf sie zu. Mit einem lautstarken Gähnen ließ sich in ihre Arme fallen und kuschelte sich an sie.

„Meldeuhr is auf Papa kommt heim umgeschlagen", nuschelte er und noch während sie an seinen ruhigen Atemzügen feststellte, dass er eingeschlafen war, hörte sie die Haustür ins Schloss fallen und ein fröhliches „Hallo" kündigte ihr an, dass all ihre Lieben nun unter einem Dach versammelt waren.
Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes wirbelten die Fotos in die Luft, ehe sie sich in die dafür vorgesehenen Schachteln einordneten und sich diese im Freiraum unter dem Sideboard quetschten.
"Es lebe die Erinnerung und das Leben danach", flüsterte sie lächelnd und verließ mit ihrem Sohn auf dem Arm das Zimmer.

Ende

AN die zweite und letzte: Über Reviews freuen wir uns natürlich auch jetzt noch! gggg