Slave Of Love VI

Still saß Kai neben dem Bett. Seine Augen starrten leer an die gegenüber liegende, weiße Wand. Wenn man genauer hinschaute fiel einem auf, dass der Putz ein einigen Stellen schon abbröckelte. Unentwegt, unerbittlich schallte das monotone Piepsen durch den Raum. Leise konnte man aufgeregte Schritte auf dem Gang vernehmen. Ärzte und Krankenschwestern eilten von einem zum nächsten Patienten.

Das unerschütterliche Feuer in den roten Augen war verloschen. Das Eis, das die Seele einfror, getaut. Es schien, als ob eine lebendige Leiche, zum Leben gezwungen, da hockte, starrte und doch nichts sah.

Nachdem Tyson zusammengebrochen war, kam wenige Minuten später der Krankenwagen an. Umsichtig, aber bestimmt, war Kai zu Seite geschoben worden, was sich nicht als ein gerade leichtes Unterfangen herausstellte, da er seine Engel nicht hatte loslassen wollen. Es bedurfte ganzer drei stattlicher Männern, um den Griff des Phönix zu lösen.

Er hatte da gestanden... Er war völlig hilflos gewesen... Er konnte nichts tun. /Ich habe dich hierher gebracht, nicht Ty?/ Mit dem Schmerz und der Verzweiflung kam die Wut. /Warum hast du nichts gesagt? Ich hätte für dich gesorgt! Verdammt! Warum versuchst du mich immer vor allem zu beschützen, obwohl du weißt, dass ich es gar nicht wert bin!/

Kälte schüttelte Kais Körper. Verzweiflung, aber auch Unglaube. /Wie konnte das nur passieren?/ Wie er seinen Ty da liegen sah, das Gesicht vor Schmerz verzogen. Immer wieder Blut spuckend. Es war furchtbar.

/Ist das meine Strafe dafür, dass ich einen Engel geschändet habe?/

Was danach passierte, erlebte Kai wie durch eine Wand aus Nebel. Sein Geist hatte sich zurückgezogen, sich verschlossen. Er erwachte erst wieder zum Leben, als sie Tyson wegbringen wollten. Erst sträubte er sich dagegen, doch nachdem ihm die Notärzte ins Gewissen geredet hatten, stimmte er zu und begleitete sie zum Krankenhaus.

Und nun saß er hier und konnte es doch nicht richtig fassen. Sein Engel war krank und er würde vielleicht sogar sterben. Endlich fanden die tiefroten Rubine das blasse, fast schneeweiße Gesicht des blauhaarigen Drachens. Tysons Augen wurden von tiefen Augenringen umsäumt und seine Haare wellten sich glanzlos und umrandeten sein Gesicht. So hatte Kai Tyson noch niemals gesehen. So geschlagen... /Was ist nur passiert? Warum konnte ich dich nicht gehen lassen? Warum hast du damals nur nicht zugestimmt, Ty?/ Verzweifelt vergrub Kai sein Gesicht in beiden Händen und raufte sich die Haare. /Warum habe ich dich damals nicht davon abgehalten?/ Als er wieder aufsah, liefen ihm Tränen über die Wangen. Tränen, die er sich niemals zuvor hatte eingestehen wollen. /Warum war ich damals nicht stark genug, um dich zu beschützen?/ Mit ausdruckslosen Augen starrte Kai wieder die weiße Krankenhauswand an. Sein Geist hatte sich schon längst verabschiedet, war auf dem Weg zurück durch die Zeit...

Flashback

"Kai! Kai! Nun komm schon, du Langweiler!" Seufzend erhob Kai sich und überbrückte die Distanz, die ihn von Tyson trennte. Sie waren jetzt einen Monat zusammen, doch konnte der rote Phönix sich immer noch nicht ganz an den Gedanken gewöhnen. An den Gedanken, dass Tyson endlich ihm gehörte und nur ihm, nach so langer Zeit. Aber Tyson sein Eigen zu nennen bedeutete auch, seine weniger guten Seiten zu akzeptieren und mit ihnen zu leben. Dazu gehörte auch seine schreckliche Ungeduld!

"Tyson, glaub mir, auch wenn du noch lauter schreist, ich werde nicht schneller bei dir sein!" Genervt verdrehte Kai die Augen. "Sorry Kai, aber ich bin halt sooooo aufgeregt! Glaubst du, dass wir gegen ein paar Freunde antreten können? Sag schon!" "Hm." "Oh Mann, Kaaiiiii!" Grinsend schloss Kai zu dem auf und nieder hüpfenden Energiebündel auf. Manchmal verfiel er absichtlich in sein altes Verhaltensmuster zurück, um den Jüngeren damit zu ärgern. "Ich bin sicher, dass wir ein paar bekannte Gesichter sehen werden, Ty." Besitzergreifend schlang er einen Arm um seinen Drachen. "Aber wenn du dich noch mehr verausgabst, wirst du keine Kraft mehr zum Bladen haben!" "Oh, also keinerlei Anstrengungen, ja? Du hast recht, ich sollte heute wirklich zeitig zu Bett gehen!" "Äh - wie?" Überrumpelt blickte Kai dem davon hüpfenden Blauhaarigen nach. Heute war Tysons Großvater nicht da, denn er hatte sich in den Kopf gesetzt, dass seine wenigen Schüler etwas Extra-Training gut gebrauchen könnten. Im Großen und Ganzen stimmte Kai ihm da auch zu, besonders, wenn das hieß, dass sein Ty sturmfreie Bude hatte! Zwar hatten die Grangers Kai mit offenen Armen aufgenommen, als dieser sich dazu entschloss, in Japan zu bleiben, und auch als Tyson und er ihre Beziehung öffentlich machten, stand die Familie das Kleineren voll hinter ihnen jedoch... Tysons Großvater war immer darauf bedacht, dass sein Enkel ja nicht zu lange mit Kai allein war. Was somit bedeutete, dass nichts weiter als ein paar scheue Küsse zwischen ihnen ausgetauscht worden waren. Nein, der alte Granger wusste nur zu gut, dass er es mit einem hormongesteuerten Teenager zu tun hatte. Wenn Kai sich da nur an die Szene erinnerte, als er versehentlich ins Bad platzte und dort auf einen halbnackten Tyson stieß. Von dieser Erinnerung bekam er jetzt immer noch Nasenbluten!

Verträumt blickte Kai dem kleinen Drachen nach. Sie hatten gegen sehr viel Widerstand zu kämpfen gehabt. Die Vorstellung, dass Tyson, der Worldchampion, und Kai, der Eisklotz, zusammen waren, stieß nicht gerade wenig Leuten merklich auf! Was ihn selbst sehr überrascht hatte war Rays Reaktion gewesen. Der Chinese war immer sein bester Freund gewesen, selbst wenn sich das nicht viele vorstellen konnten. Der Schwarzhaarige hatte ihm eindringlich ins Gewissen geredet. Das würde der Phönix niemals vergessen: "Kai, bist du dir sicher, dass du das wirklich durchziehen willst? Du machst Tysons Leben und dein eigenes kaputt! Mann, ihr seid doch noch viel zu jung, um so eine Entscheidung zu treffen!" "Was heißt hier Entscheidung treffen? Denkst du denn, dass man seine Gefühle einfach so steuern kann?" Ray machte eine abwertende Bewegung. "Das ausgerechnet von dir zu hören, Hiwatari! Hast du etwa schon vergessen, was am Baikal See geschehen ist?" "Das wirst du mir immer vorhalten, nicht?" Gefrustet stieß Kai Luft aus. "Es war ein Fehler, und ich will ihn wieder gut machen!" "Ja, und woher willst du wissen, dass das hier kein Fehler ist? Du wirst Tyson unglücklich machen, denk an meine Worte!" Gefrustet funkelte Kai den anderen an. "Ich werde mich nicht von Tyson trennen! Ich liebe ihn, hörst du? Und du wirst nichts daran ändern können! Wenn du mit unserer Beziehung nicht klar kommst, wäre es wohl das Beste, wenn wir uns eine Zeitlang nicht sehen würden!" "Du ziehst ihn mir vor? Kai, wir sind Freunde! Wegen einer Liebschaft kannst du doch nicht unsere Freundschaft so aufs Spiel setzen!" Kai funkelte Ray hasserfüllt an. "Das ist keine Liebschaft! Tyson ist mein Leben, verstanden? Du wirst ihn mir nicht wegnehmen können, also versuch es erst gar nicht!" Wütend ließ er den Master des Drigger stehen, welcher seinem Freund nur schweigend nachsah.

Diese Auseinandersetzung mit Ray verfolgte Kai jedoch noch immer. Egal, wie oft er es sich auch selbst sagte, dass er Tyson glücklich machen würde - es half alles nichts... Energisch schüttelte der Grauhaarige den Kopf. Er WÜRDE seinen Ty glücklich machen und wenn es das Letzte war, was er tat!

Kai folgte Tyson, der in sein Zimmer gegangen war. Als er die Tür öffnete, konnte er nur den Kopf schütteln. Wie schaffte es ein einziger Mensch nur, so eine Unordnung in so einem kleinen Zimmer zu veranstalten? Er wusste es nicht! Inmitten des Chaos stand der blauhaarige Schönling und zog seinen Schlafanzug an. "Duhu, Kai, schläfst du heute bei mir im Bett?" Eine verräterische Röte kroch über Tysons Wangen, welche Kai zum Schmunzeln brachte. Sein kleiner Engel war manchmal so naiv und schüchtern, dass Kai sich richtig schmutzig dagegen vorkam. Behutsam schlang er die Arme um die schmächtige Figur der anderen. "Natürlich schlaf ich bei dir!" Zärtlich hauchte er einen Kuss auf die Wange des Kleineren. "Leg dich schon mal rein, ich komm gleich." Mit diesen Worten machte der Grauhaarige sich auf zum angrenzenden Badezimmer. Nach einer schnellen Katzenwäsche zog er sich bis auf seine Boxershorts aus und kehrte zu Tyson zurück. Der Besitzer des Dragoons hatte sich schon tief in die Kissen gekuschelt, so dass nur noch seine obere Gesichtshälfte zu sehen war.

"Kai, würdest du mir ein Lied singen? Ich weiß, du hältst mich jetzt sicher für kindisch, aber dadurch kann ich besser einschlafen!" Nachsichtig lächelte Kai Tyson an. Ein Lächeln, das nur sein Liebster zu Gesicht bekam. "Du bist nicht kindisch, Ty. Und du weißt doch, dass du von mir fast alles verlangen kannst!" "Nur fast?" Unschuldig lugte Ty unter der Decke hervor. "Du dürftest zum Beispiel niemals von mir verlangen, dich gehen zu lassen, Ty. Das wäre mein Tod!" Errötend begann Tyson daraufhin zu kichern. "Du bist ein Spinner, Kai! Man stirbt doch nicht, nur weil ein anderer gerade nicht da ist!" Geschmeidig schlüpfte Kai zu Tyson unter die Decke und zog ihn an seine starke Brust. "Doch, das gibt es, Ty. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich dich nicht an meiner Seite wüsste!" Genießerisch vergrub der Phönix seine Nase in Tysons Haaren. "Ich würde jeden töten, der dich mir wegnehmen will, und das meine ich ernst!" Blaue Saphire blickte ihn besorgt an. "Bitte sag so etwas nicht, Kai, das macht mir Angst. Es hört sich so an als ob du es ernst meinen würdest!" "Das tu ich auch.", hauchte Kai und schickte somit einen Schauer durch Tysons Körper. "Du wolltest, dass ich dir etwas singe?" Zaghaft nickte der andere. Besitzergreifend zog Kai seinen Engel noch näher an sich, so dass dieser sein Gesicht an seine Brust betten konnte. Auf diese Weise würde er Kais Stimme durch seinen ganzen Körper vibrieren hören.

Horch auf hörst du sie Schwalben die im Winde fliehn. Sie auf siehst du sie Steigen höher lass sie ziehn.

Sieh hin schau nicht weg Es zu verleugnen hat keinen Zweck Halt sie nicht auf schau ihnen nach Denn früh genug wird kommen die Schmach.

Manchmal wünscht ich mir wie sie zu fliegen Rastlos immer weiter getrieben Horch auf hör zu Denn bald wird alles verschlucken die ewige Ruh.

Spür meine Liebe Lass dich tragen Alles was ich will ist dich zu fragen Ob du bei mir bleibst Darf ich es wagen?

Sieh hoch schau nicht weg Gib Acht alles erfüllt seinen Zweck Bleib da renn nicht davon Was bleibt ist nur der Hohn

Siehst du mich? Nach all der Zeit Will ich doch bei dir bleiben Bis in Ewigkeit

Hörst du mich wenn ich ruf Dich such Und doch nicht finde...

Spür meine Liebe Lass dich tragen Alles was ich will ist dich zu fragen Ob du bei mir bleibst Darf ich es wagen?

Zeit verstreicht Zeit vergeht Ich bin da am Platz wo alles geschieht. Die Schwalben sind weg Es hatte keinen Zweck Sie zu suchen war sinnlos Dich zu suchen war sinnlos

Spür meine Liebe Lass dich tragen Alles was ich will ist dich zu fragen Ob du bei mir bleibst Darf ich es wagen?

Wo bist du nun nach all der Zeit Weit weg Fern und doch nah...

Darf ich dich sehn Noch einmal bevor ich geh Ich habe geschworen dass ich immer neben dir steh

Doch hab gebrochen des Versprechens Spiel

Das Leid das ich trug war einfach zu viel

Nun sitz ich hier oben Bei Schwalben und Wolken Seh auf dich hernieder Alles was ich will ist dich wieder In meine Arme zu schließen Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick...

Spür meine Liebe

Lass dich tragen Alles was ich will ist dich zu fragen Ob du bei mir bleibst Darf ich es wagen?

Durfte ich es wagen?

Als die letzen Klänge des Liedes verstummt waren, blickte Kai auf Tyson nieder, der fest an seine Brust gekuschelt eingeschlafen war.

/Ja... Durfte ich es wagen, dein Herz zu nehmen?/

Flashback Ende

Der Arzt hatte Kai mitgeteilt, dass Tyson an Schwindsucht litt. Die Krankheit war nicht unheilbar, doch eine Behandlung in Russland schien als nicht gerade förderlich. Anscheinend vertrug Tyson das kalte Klima Russlands nicht.

"Also gehen wir zurück, Ty. Zurück zu dem, wovor ich so fliehen wollte..." Zärtlich strich Kai ein paar verirrte Strähnen aus Tysons schlafendem Gesicht. "Ich liebe dich Ty... es hat sich nichts geändert... wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird..." Langsam schloss der grauhaarige Phönix die Augen und bettete seinen Kopf neben den Tysons. Es dauerte nicht lange, bis der Schlaf ihn übermannt hatte.

Fortsetzung folgt?