Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Vorwort: Diese Fanfic behandelt die 20 Jahre, die Starfire in „Die Zukunft muss warten"in die Zukunft gereist ist. In dieser Zukunft gibt es die Titans nicht mehr, Robin ist ein einsamer Kämpfer, Beast Boy ist in einem Zirkus, Cyborg kann den Tower nicht mehr verlassen und Raven ist vor der Wirklichkeit in ein Irrenhaus geflohen. Was in diesen 20 Jahren geschehen ist, möchte ich hier versuchen zu erzählen.

Die Teen Titans gehören mir nicht. Seid ihr jetzt zufrieden? schnüff

Kapitel 1: Stille

„Starfire!"

Robins Stimme hallte durch das Gebäude, prallte an fernen Wänden ab und kam als Echo langsam wieder zu ihm zurück. Hastig sah er sich um, aber das Bild blieb das gleiche: Im Museum von Jump City waren vier Teen Titans zugegen. Der fünfte hatte sich gerade vor seinen Augen in ein Loch gestürzt, das sich hinter ihm geschlossen hatte.

„Wo ist sie?", fragte Beast Boy unsicher, und das wollte schon was heißen. Der grüne Gestaltwandler war ansonsten immer das fröhlichste Mitglied der Titans und nie um einen flotten Spruch verlegen.

„Starfire? Verdammt, Mädchen, wo bist du?", rief nun auch Cyborg, der bärenstarke Hüne. Wild sah er um sich, aber natürlich konnte er sie nirgends entdecken.

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, während acht Augen zusehends unruhiger im Saal umherschweiften. Schließlich schloss das letzte Mitglied der Titans, ein zartes, bleiches Mädchen die lilafarbenen Augen.

„Sie ist fort", teilte sie ihren Kameraden mit nahezu emotionsloser Stimme mit. „Starfire... ist nicht mehr in unserer Zeitebene."

„Nein!" Robins Stimme war laut und fest, während er aufstand und die Fäuste ballte. „Sie ist NICHT verschwunden. Wahrscheinlich ist sie nur irgendwo außerhalb des Museums wieder aufgetaucht! Wir müssen sie und Warp suchen!"

„Lass gut sein, Robin", entgegnete nun auch Cyborg und ließ die Schultern sinken. „Raven hat Recht. Starfire ist mit Warp in der Zeit verschwunden. Wahrscheinlich für immer."

„Moment mal, Alter", ließ Beast Boy vernehmen und hängte sich an den Metallarm des Maschinenmenschen. „Sie könnte Warp doch einfach nach ihrer Ankunft sein Zeitsteuerdings wegnehmen und zurückkommen!"

„Genau, Beast Boy hat Recht", stimmte Robin zu. „Wenn wir hier warten, kommt sie bestimmt in ein paar Minuten zu uns zurück!"

„Und wie soll sie wissen, wie dieses Ding funktioniert?", wollte Raven wissen. Die Hexe starrte Robin unter ihrer blauen Kutte durchdringend an. „Warp wird ihr das wohl kaum sagen."

„Sie könnte ihn dazu zwingen!", warf ihr Beast Boy an den Kopf, ebenso erregt wie Robin zuvor. Das Mädchen schien jedoch kaum beeindruckt. „Wenn sie nur wütend genug wird, kann sie ihn ganz sicher besiegen!"

„Aber wenn sie ihn besiegt, dann wird sie ihm auch die Uhr der Ewigkeit wieder abnehmen, Beast Boy", wandte Cyborg ein. „Ihr Gerechtigkeitssinn wird nicht zulassen, dass er die Uhr behält. Und dann hat er einen Grund mehr, ihr nicht zu helfen."

„Diese Uhr ist mir vollkommen egal!", schrie Robin nun noch lauter. „Meinetwegen kann sie sie einfach in der Zukunft verrotten lassen, wen kümmert's! Wenn sie ihn die Uhr behalten lässt, dann wird er sie auch wieder zurückschicken."

„Nein, das wird er nicht", erwiderte Raven leise und schloss die Augen. „Weil er weiß, dass wir dann auch wieder in die Zukunft reisen und ihm die Uhr wieder abnehmen könnten. Er wird dieses Risiko nicht eingehen, Robin."

„Egal", unterbrach der Anführer der Titans die Diskussion und setzte sich zu Boden. „Ich bleibe jetzt jedenfalls hier sitzen und warte ab, was passiert. Wenn Starfire zurückkommt, dann gut. Wenn nicht, dann suchen wir die Stadt nach ihr ab."

Keiner der drei anderen Titans wagte zu fragen, was sie machen sollten, wenn sie die rothaarige Alien-Prinzessin nicht fanden. Robin schien nicht in der Stimmung für weitere Diskussionen zu sein. Also setzten sie sich und warteten ebenfalls ab, was geschehen würde. Hoffnung hatten sie alle noch. Aber sie schwand von Sekunde zu Sekunde.

Flackernd ging das Licht im Titans-Tower an, als eine große, unförmige Gestalt müde durch die Tür in Richtung Gemeinschaftsraum stapfte. Cyborg hatte sein Viertel der Stadt nach scheinbar endlosen Stunden abgesucht, hatte sich die Seele aus dem Leib gebrüllt, dafür aber nur Beschimpfungen von geweckten Personen geerntet. Er hatte nichts gefunden, so wie er gedacht hatte. Keine Spur von Starfire oder Warp oder auch nur die kleinste Raum-Zeit-Verzerrung, seine Instrumente hatten nichts erfassen können. Robin zuliebe war er sogar einige Meilen durch die Kanalisation gewatet, bis er schließlich wegen Müdigkeit aufgegeben hatte. Wenn Starfire noch irgendwo hier war, dann würde sie ohnehin dorthin gehen, wohin sie schließlich alle zurückkehren würden, nach Hause in den Tower. Selbst wenn sie verletzt war, irgendwann würde sie erwachen oder jemand würde sie finden und dann würden sie davon erfahren.

Cyborg seufzte. So sehr ihn diese Gedanken auch beruhigten, das überzeugendste Szenario blieb trotz allem, dass Starfire mit Warp in die Zukunft gereist war und nun dort festgehalten wurde. Seiner Meinung nach blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten, dass das rothaarige Mädchen zu ihnen zurückkam. Falls sie zurückkam.

Schwer ließ sich der Junge in die weiche Couch fallen, die durch sein Gewicht leise ächzte. Nur einen kleinen Augenblick lang erwog er die Möglichkeit, den Fernseher anzumachen, um sich abzulenken, aber dann verwarf er sie. Er war sich sicher, dass er sich nicht hätte konzentrieren können. Außerdem konnte er sich lebhaft vorstellen, wie Robin reagieren würde, wenn er ihn so vorfände. Also beschloss er zu warten, bis die anderen zurückkamen. Vermutlich würde es nicht mehr lange dauern. Zwar hatte er seine Sensoren, welche die meiste Sucharbeit für ihn erledigt hatten, sodass er früher zurückkommen hatte können wie die anderen, aber Raven sah auch so wenig Sinn in dieser Aktion wie er. Hätte Robin nicht darauf bestanden, die Stadt abzusuchen, wäre sie sofort hierher zurückgekehrt.

Bei Beast Boy und Robin würde es wahrscheinlich anders sein. Der Gestaltwandler hielt immer noch an seiner Hoffnung fest, dass Warps Gerät nicht funktioniert hatte. Er würde suchen, bis der Hunger ihn zwang aufzugeben. Und Robin selbst... nun, ihr furchtloser Anführer hatte oft genug bewiesen, dass er viel zu stur war, um eine Sache schon nach wenigen Stunden verloren zu geben. Außerdem ließ er niemals ein Mitglied der Titans im Stich, dafür bedeutete ihm dieses Team, das er aufgebaut hatte, viel zu viel. Ganz zu schweigen von dem noch viel wichtigeren Grund.

Cyborg setzte sich auf, als seine Sensoren die Tür des Towers registrierten. Einige Momente lang hegte er mit aller Kraft die Hoffnung, es wäre Starfire, aber als die Tür aufging und er das blaue Cape herein wehen sah, verflüchtigte sie sich. Nun, im Grunde hatte er eh nicht daran geglaubt. Er nickte Raven, welche mit emotionslosem Gesicht hereinspazierte, nahezu unmerklich zu und stand auf.

„Keinen Erfolg gehabt?", fragte er, schon um die Stille zu übertönen, die ihn zum Nachdenken brachte.

Raven würdigte die Frage nicht einmal einer Antwort, statt dessen schüttelte sie nur den Kopf. Sie nahm die Kapuze vom Kopf und sah sich um.

„Außer uns ist noch keiner da", beantwortete Cyborg ihre unausgesprochene Frage. „Robin und Beast Boy suchen noch."Raven nickte abermals, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Möchtest du... einen Tee?", wandte sich Cyborg erneut an sie.

„Danke, das wäre nett", erwiderte die Hexe mit undeutbarem Gesichtsausdruck. „Es war ziemlich kühl da draußen."

Cyborg ging in die Küche, stellte Wasser auf die Herdplatte und hängte zwei Teebeutel hinein. Vorsorglich hatte er den Kessel ganz angefüllt, immerhin konnten Beast Boy und Robin jeden Moment hereinkommen und wenn nicht... nun, er brauchte ohnehin etwas, um sich zu beruhigen.

Als er sich nach Raven umsah, hob er seine verbliebene Augenbraue. Das mysteriöse Mädchen stand an einem der zahlreichen Fenster im Titans-Tower und blickte gedankenverloren in die Nacht hinaus. Er hatte bisher viel über sie gedacht, aber gedankenverloren hatte er sie sich noch nie vorgestellt. Sie schien jeden Augenblick ihres Aufenthalts bei den Titans konzentriert und gefühlskalt gewesen zu sein, hatte ihre Aufgaben mit kalter Präzision und kühlem Kopf erledigt, aber noch nie hatte er sie abwesend gesehen. Selbst wenn sie eins ihrer Bücher las oder meditierte, war sie immer noch voll auf die Sache konzentriert. Stars Verschwinden schien sie mehr zu beschäftigen, als sie sich anmerken ließ. Gleich darauf schalt er sich einen Idioten. Natürlich ging es ihr nahe, Starfire war ihre Freundin, die beste (und vielleicht die einzige), die Raven hatte.

Er wurde vom Geräusch des kochenden Wassers wieder aus seinen Gedanken geweckt. Hastig nahm er es von der Herdplatte und goss es in zwei vorbereitete Tassen. Dann stellte er den Kessel wieder hin und drehte das Gas etwas zurück, nahm die Tassen und wandte sich zum Tisch um.

„Der Tee ist fertig", stellte er in beinahe so monotonem Tonfall fest, wie ihn Raven sonst anschlug.

Das Mädchen wandte sich schweigend um, setzte sich ihm gegenüber hin und trank einen Schluck aus ihrer Tasse. Sie schien nicht gewillt, irgendetwas zur Unterhaltung beizutragen, und wenn er ehrlich war, dann ging ihm langsam auch der Gesprächsstoff aus. Also tranken sie beide ohne ein Wort langsam ihren Tee. Nachdem er die Tassen einmal nachgefüllt hatte, konnte Cyborg sich schließlich dennoch nicht mehr beherrschen.

„Glaubst du, sie finden sie?", wandte er sich leise an Raven.

„Nein", antwortete diese sofort, ohne auch nur den Blick zu heben. Ohne eine Regung starrte sie die Wand hinter Cyborg an.

„Aber es ist nicht unmöglich, oder?"

Raven seufzte. „Cyborg, du hast gesehen, was passiert ist. Starfire ist mit Warp in seinem Zeittunnel verschwunden. Wenn sie es nicht schafft, aus eigenen Kräften zurückzukommen, dann werden wir sie niemals wiedersehen."

„Du hörst dich so an, als würde dich das gar nicht berühren", stellte Cyborg vorwurfsvoll fest, während er einen Schluck nahm.

Raven presste die Lippen aufeinander und ihre Finger verkrampften sich leicht.

„Ich weiß, dass dem nicht so ist", fuhr der Maschinenmensch fort. „Du sorgst dich ebenso sehr um Star wie ich oder die anderen, nur willst du es eben nicht zeigen. Ich kann das respektieren, glaube ich... aber musst du wirklich so pessimistisch sein?"

„Optimisten sind nur Pessimisten, die die Wahrheit nicht sehen wollen."

Cyborg hob die Augenbraue. „Meinst du das tatsächlich ernst?", fragte er leise.

Bevor das Mädchen ihm eine Antwort geben konnte, hörte man abermals das Geräusch der sich öffnenden Tür. Beide sahen wie auf Kommando hin und erblickten Beast Boy, der mit hängenden Schultern hereinschlurfte. Der Gestaltwandler warf ihnen einen erschöpften Blick zu und seufzte dann kommentarlos. Cyborg stand auf.

„Komm her, Mann, setz dich hin", forderte er den grünen Jungen auf. „Trink erst mal eine Tasse Tee mit uns. Du siehst vollkommen erschöpft aus."

„Ravens Tee?", wollte der Gestaltwandler wissen, während er sich zum Tisch wandte.

„Ja", bestätigte Cyborg, während er eine weitere Tasse aus dem Schrank nahm. „Sie spendiert allen eine Runde."

Normalerweise hätte ihm das zumindest einen scharfen Blick eingebracht, aber Raven bemerkte noch nicht einmal, dass Beast Boy sie kurz angrinste. Als er bemerkte, dass sie ihn gar nicht wahrnahm, ließ er den Kopf auf den Tisch sinken und seufzte abermals.

„Ich hab echt überall gesucht", erzählte er, als müsste er sich entschuldigen. „Ich hab jeden Winkel meines Viertels abgeschnüffelt, hab geschrien, die Dächer aus der Luft abgesucht, alles. Aber sie war nirgends zu finden."

„Ist nicht deine Schuld, Beast Boy", beruhigte ihn Cyborg und stellte die Tasse vor ihm ab. „Kann ja sein, dass Robin sie findet."

Raven warf ihm einen zweifelnden Blick zu, verzichtete aber wenigstens darauf, einen entmutigenden Kommentar abzugeben. Wer wollte es ihr verübeln? Er glaubte ja selbst nicht an einen Erfolg.

„Ja, vielleicht", meinte Beast Boy, der es nicht bemerkt hatte, setzte sich auf und stürzte die halbe Tasse auf einmal hinunter. „Er wird nicht aufgeben, bis er nicht zumindest eine Spur von ihr gefunden hat, das ist mal sicher."

Oder bis er vor Erschöpfung zusammenbricht und zurückkommen muss, dachte Cyborg mit einem Blick auf Raven. Er war sich sicher, dass sie genau dasselbe dachte.

„Sicher", murmelte er und trank rasch einen Schluck.

„Ich hoffe nur, er kommt zurück, bevor ihm etwas zustößt", sagte Raven leise.

Beast Boy spitzte die Ohren. „Was meinst du denn damit?", fragte er alarmiert.

Sie zuckte mit den Schultern. „Er ist momentan vollkommen auf seine Suche nach Starfire konzentriert. Wenn er nicht aufpasst, wäre es möglich, dass er von jemandem überrascht wird."

„Unsinn", tat Cyborg ihre Befürchtung ab. „Robin ist niemals so unvorsichtig."

„Aber er war seit der Sache mit Slade nicht mehr derartig vereinnahmt", wandte Raven ein und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. „Ich denke nur... dass ihm vielleicht zu viel durch den Kopf geht, als dass er sich auf seine Umgebung konzentrieren könnte."

„Das mit Slade war was völlig anderes!", brauste Beast Boy auf und erhob sich so schnell, dass sein Stuhl umflog. „Wie kannst du nur behaupten, Robin würde nachlässig werden? Nur weil du kein Vertrauen zu ihm hast..."

Cyborg griff nach Beast Boys Arm, als er bemerkte, dass Raven bei den letzten Worten erstarrt war. „Beast Boy, lass gut sein. Raven wünscht Robin nichts Schlimmes, sie schätzt ihn ebenso sehr wie wir. Er wird schon in gutem Zustand zurückkommen, mach dir keine Sorgen."

Beast Boy fuhr sich nervös durch die grünen Haare und wäre beinahe hingefallen, als er sich auf seinen umgekippten Sessel setzen wollte. Nachdem er ihn wieder aufgerichtet hatte, räusperte er sich. „Tut mir leid, Rae. Bin wohl ein bisschen ausgeflippt. Muss an dem ganzen Stress heute liegen..."

Raven sah ihn noch ein paar Sekunden scharf an, dann entspannte sie sich wieder. „Schon gut", meinte sie. „Ich hoffe ja auch, dass er unverletzt zurückkommt. Aber es wäre immerhin möglich, dass wir morgen nach zwei Personen Ausschau halten müssen."

„Nun mal den Teufel nicht an die Wand", murmelte Cyborg. Dann, um die Stimmung etwas aufzulockern, lehnte er sich über den Tisch, setzte ein Grinsen auf und fragte in aufreizendem Tonfall: „Hoffnung, Rae? Von dir? Bedeutet dir Robin wirklich so viel? Gibt's da vielleicht ein paar Dinge, von denen du uns noch nicht erzählt hast?"

„Was?", warf Beast Boy perplex ein. „Raven, hast du etwa was mit Robin?"

Raven warf ihm einen so vernichtenden Blick zu, dass der grünhäutige Junge zurückwich. „Unsinn", presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während ihr Blick zu Cyborg weiterwanderte, der noch immer grinste, aber vorsichtshalber auch den Arm vom Tisch nahm. „Cyborg hat nur einen ziemlich dummen Witz gemacht. Robin ist nichts weiter als der Anführer der Titans und ein verständnisvoller Freund... jedenfalls versteht ER, dass solche Scherze bei mir nicht ankommen!"

„Schon gut, schon gut", wehrte Cyborg ab. „Ich wollte ja nur die Stimmung etwas auflockern, war doch nicht so schlimm, oder?"

„Außerdem", meinte Beast Boy leise, „hätte Starfire sicher was davon gemerkt... und dann wären wir alle in Sturzbächen aus Tränen ertrunken."

Alle drei verstummten, als die Rede wieder auf Starfire kam und ein paar Minuten lang hing jeder der drei seinen größtenteils düsteren Gedanken nach. Dann stand Raven abrupt auf.

„Ich gehe wohl besser auf mein Zimmer", teilte sie den Jungs mit. „Ich glaube nicht, dass Robin so bald zurückkommen wird. Danke für den Tee, Cyborg."

„Ist ja ohnehin deiner", rief ihr dieser nach, während sich das düstere Mädchen umdrehte und in Richtung ihres Zimmers verschwand. Dann seufzte er und wandte sich an Beast Boy: „Hey, Alter, wollen wir noch ne Runde Burning Wheels III spielen, bis Robin zurückkommt."

Doch der Junge winkte ab. „Nee, danke, Cy, aber ich hab heute keinen Bock drauf. Ich geh lieber auch schlafen."

„Na schön", stimmte Cyborg zu. Er hatte diese Weigerung im Grunde erwartet. „Dann gehen wir. Hoffen wir, dass Robin bis morgen zurück ist. Bis dann."

„Bis dann."

Man möchte eigentlich annehmen, in einer solchen Nacht würde man keine Ruhe mehr finden, aber zur Verteidigung der Titans musste man sagen, dass sie von der stundenlangen Suche nach Starfire rechtschaffen müde waren. Deshalb wachten sie am nächsten Morgen alle ungewöhnlich spät auf. Beast Boy war der erste, der seinen Kopf brummend aus den Kissen schälte. Einen Augenblick lang war es ihm vergönnt, einen schönen Tag zu erwarten, aber dann fielen ihm die Geschehnisse des letzten Tages wieder ein und sein sonst so fröhlicher Blick verdüsterte sich.

Schweigend brachte er die Morgentoilette hinter sich und ging in den Gemeinschaftsraum hinunter, immer noch darüber brütend, wo ihre Freundin wohl war... und wie es ihr ging. Und ob Robin schon von seiner Suche zurückgekehrt war. Nicht auszudenken, wenn sich Ravens düstere Prophezeiung erfüllte und er nicht zurückkam...

Aber zumindest diese eine Sorge erwies sich als unbegründet, denn der Anführer der Teen Titans saß am Küchentisch, als Beast Boy um die Ecke bog und hatte ein Glas Wasser vor sich stehen. Sein Zustand allerdings war erschreckend. Robins Kostüm war dreckverschmiert, was ja eigentlich nichts Ungewöhnliches war. Allerdings hatte er sich noch nicht einmal die Zeit genommen, die Schmutzflecken auf seinem Gesicht wegzuwischen, geschweige denn seine Haare zu reinigen. Anscheinend hatte er auf der Suche nach Starfire große Teile der Kanalisation durchforstet. Durch seine Maske konnte man die Augen des Jungen nicht sehen, aber Beast Boy war sich sicher, dass dunkle Schatten unter ihnen lagen. Robin sah aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen. Und obwohl Beast Boy ihn nun schon seit einer guten Minute musterte, starrte er immer noch das Wasserglas an, als hoffte er, Antworten herauslesen zu können.

„Hey", grüßte Beast Boy ihn zaghaft, nachdem er sich von seiner Überraschung erholt hatte. „Gut, dass du zurück bist, Alter! Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht."

„Gut?", fragte Robin in einem seltsamen Tonfall. „Gut wäre, wenn ich Starfire gefunden hätte."Sein Griff um das Glas verstärkte sich.

„He, he, du darfst dir deswegen keine Schuld geben, Robin", versuchte Beast Boy seinen Freund zu beruhigen. „Wir haben ja auch nichts erreicht. Aber wir werden heute sofort nach dem Frühstück wieder mit der Suche beginnen, keine Sorge. Vielleicht war sie ja irgendwo außerhalb der Stadt und konnte deshalb nicht zurückkommen."

Beast Boy wusste selbst, wie unwahrscheinlich das war. Selbst wenn Starfire irgendwo auf der Welt gelandet wäre, hätte sie sich inzwischen bei ihnen gemeldet. Und wenn sie das nicht getan hätte, dann nur, weil sie überzeugt war, dass sie die Strecke in kurzer Zeit zurücklegen konnte... oder weil ihr etwas zugestoßen war. Und Robin wusste das alles auch. Er schwieg.

„Hast du schon gefrühstückt?", fragte Beast Boy unbehaglich. „Du siehst aus, als könntest du etwas im Magen vertragen. Komm, Mann, ich mach dir ein fantastisches Tofu-Sandwich, von dem wirst du noch jahrelang schwärmen..."

Einige Momente lang sagte Robin gar nichts und Beast Boy fürchtete schon, er wäre bereits wieder in seinen düsteren Gedanken versunken. „Danke", sagte er dann jedoch. Vermutlich hatte er noch gar nichts gegessen, seit er zurück war. Es sähe ihm ähnlich.

Die ganze Zeit, während er in der Küche herumschwirrte, plapperte Beast Boy von allen möglichen Sachen, die ihm einfielen, aber Robin reagierte auf die wenigsten davon. Wenigstens konnte er nicht ganz abdriften, wenn er hie und da ein „Ja?", „Okay."oder „Schön."ins Gespräch einflechten musste. Der grüne Junge beeilte sich, das Sandwich herzurichten, weil er fürchtete, dass ihm der Gesprächsstoff ausgehen würde.

„So, bitte sehr", meinte er strahlend, als er das Sandwich schließlich vor seinem Teamkameraden abstellte und sich selbst gegenüber hinsetzte. „Ich hoffe, es ist nach deinem Geschmack."

„Danke", erwiderte Robin wiederum und griff nach dem Sandwich, ohne es überhaupt anzusehen. Beast Boy beobachtete ihn gespannt, während er auf dem Brot umher kaute. Er schien nicht einmal etwas davon zu bemerken. Dann jedoch stoppte er abrupt und in sein Gesicht kehrte wieder Leben ein. Er starrte das Sandwich an.

„Tofu?", fragte er mit erstickter Stimme.

„Ja, Mann", strahlte Beast Boy ihn an. „Das wolltest du doch haben."

„Tatsächlich?", murmelte der Anführer der Titans mit leicht gequälter Stimme. „Nun, geschieht mir recht", flüsterte er so leise, dass Beast Boy nichts davon mitbekam.

„Iss nur", bemerkte Beast Boy fröhlich, während er in sein eigenes Sandwich biss. „Du musst ja vollkommen ausgehungert sein. Hast du überhaupt was gegessen, seitdem du zurückgekommen bist?"

„Nein, ich habe... nachgedacht", erklärte Robin und legte das Sandwich unauffällig wieder auf den Teller zurück.

„Über Starfire?"Selten dämliche Frage. Über wen sollte Robin denn sonst nachdenken? Aber Beast Boy fiel nichts anderes ein.

„Ja", beantwortete der schwarzhaarige Junge die Frage, ohne auch nur aufzusehen. Er stützte sein Kinn mit beiden Händen ab und starrte wiederum das Wasserglas an. Beast Boy begann sich langsam wirklich Sorgen zu machen. Sicher, Robin war ein Teamleader mit Leib und Seele, es war also völlig klar, dass ihm der Verlust eines Mitglieds schwer zu schaffen machte. Er hatte mehrmals bewiesen, dass er große Opfer bringen konnte, wenn er so seine Kameraden schützen konnte, schon bei ihrem Kampf gegen Slade, als er widerstrebend auf dessen Seite gewechselt war, um die Leben der anderen zu retten. Es war einer seiner am meisten bewundernswerten Züge. Ganz zu schweigen davon, dass Robin ein noch engeres Verhältnis zu Starfire gehabt hatte als der Rest des Teams. Die beiden waren oft stundenlang irgendwo gewesen und Robin hatte dem außerirdischen Mädchen geduldig irdische Vorgänge erklärt. Es war nicht zu übersehen gewesen, dass er sich in Gesellschaft der quirligen Rothaarigen wohlgefühlt hatte. Beast Boy runzelte die Stirn. Oder war da vielleicht noch mehr gewesen?

Er konnte diesen Gedanken jedoch nicht vollenden, weil in diesem Moment Cyborg ins Zimmer kam, dicht gefolgt von Raven. Die beiden stutzten kurz, als sie Robin am Tisch sitzen sahen, aber dann entspannten sich ihre Gesichter wieder.

„Robin!", rief Cyborg erleichtert aus und machte ein paar schnelle Schritte zum Tisch hin. „Gottseidank, Alter, du bist wieder da. Wann bist du denn zurückgekommen?"

Beast Boy wunderte sich, dass er diese Frage nicht selbst gestellt hatte.

„Erst vor ein paar Stunden", entgegnete Robin mit so monotoner Stimme, dass Raven eine Augenbraue hochzog. Dann levitierte sie in die Küche, um Tee für alle zu machen.

„Hör mal, Robin, wir haben sie auch nicht gefunden, also hör auf, dir die Schuld an allem zu geben, okay?", versuchte Cyborg seinen Freund zu beruhigen, während er sich neben Beast Boy hinsetzte. „Wir werden heute wieder nach ihr suchen, das ist Ehrensache, aber du darfst jetzt nicht in Selbstmitleid versinken."

„Selbstmitleid?" Robins Miene spannte sich. „Für was hältst du mich eigentlich? Das einzige, worum ich mir Sorgen mache ist, dass Starfire irgendwo allein da draußen ist und vielleicht unsere Hilfe braucht!"

„Sie kann sehr gut auf sich selbst aufpassen, Robin", erinnerte ihn Cyborg. „Sie ist nicht ganz hilflos, wie du sicher weißt."

„Sicher, aber..."

„Kein Aber!", stimmte auch Beast Boy zu und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wenn du nicht aufhörst, dir für alles die Schuld zu geben, das einem von uns zustößt, dann wirst du irgendwann wieder so eine Show wie mit Red X beginnen und DAS wäre das Dümmste überhaupt!"

Robin schürzte trotzig seine Lippe. „Trotzdem, wenn ich nur ein bisschen schneller gewesen wäre im Museum, dann hätte ich sie zurückhalten können..."

„Wenn, wenn, wenn!" Cyborg geriet langsam in Wut, obwohl er es überhaupt nicht wollte. „Viele Dinge wären nicht passiert, wenn wir alle gewisse Dinge getan hätten! Ich zum Beispiel wäre noch ein normaler Junge, wenn ich besser aufgepasst hätte und dieser Unfall nicht passiert wäre! Denk an Dinge, die du ändern kannst, Robin, nicht an die, die nun mal passiert sind!"

„Verdammt noch mal, darf ich mir denn nicht einmal mehr Sorgen um sie machen?", schrie Robin auf einmal und sprang auf. „Starfire ist verschwunden und ihr tut so, als würde euch das überhaupt nicht kümmern!"

„Das ist nicht wahr", erklang nun Ravens trockene Stimme aus der Küche, wo sie gerade heißes Wasser in vier Tassen goss. „Jeder von uns macht sich Sorgen um sie. Aber wir helfen ihr nicht damit, wenn wir uns ständig selbst die Schuld zuweisen."

„Und wieso sind wir dann nicht schon wieder draußen?", begehrte Robin zu erfahren. „Jeden Augenblick, in dem wir hier rumsitzen, könnte ihr etwas zustoßen!"

„Jetzt krieg dich mal wieder ein, Alter", konterte Beast Boy ein bisschen verängstigt. So wütend hatte er Robin nur sehr selten erlebt. „Wir nützen Star überhaupt nix, wenn wir einfach rausgehen und irgendwann vor Hunger zusammenbrechen. Übrigens hast du dein Sandwich noch immer nicht aufgegessen."

„Und WIR werden überhaupt nichts tun, mein Freund", spann Cyborg den Faden weiter. „DU siehst nämlich vollkommen fertig aus. Wahrscheinlich hast du diese Nacht nicht einmal geschlafen. Ich kann es dir zwar nicht befehlen, aber ich hielte es für das Beste, wenn du dich jetzt erst mal ein paar Stunden aufs Ohr haust, während wir die Stadt noch einmal abgrasen."

„Wie bitte? Ich soll hier im Tower bleiben? Ist das dein Ernst?"

„Das ist unser aller Ernst", bestätigte Raven, die mit einem Tablett mit Tee und ein paar Toasts zum Tisch kam. Sie sah Robin ernst an. „Du nützt Starfire überhaupt nichts, wenn du mitten in der Suche zusammenbrichst. Du brauchst Ruhe, Robin. Außerdem sollte ohnehin jemand von uns im Tower bleiben, falls ein Notruf kommt."

„Oder falls Star zurückkommt, während wir weg sind", warf Beast Boy ein.

Diese Argumente schließlich schienen dem Anführer der Titans schließlich den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Er ließ sich in den Stuhl fallen und presste eine Hand über sein Gesicht. „Wahrscheinlich habt ihr Recht", seufzte er. „Es wäre wahrscheinlich besser, wenn ich ein, zwei Stunden schlafe, bevor ich weiter suche. Tut mir Leid, dass ich dich so angeschrien habe, Cy."

„Kein Problem, Robin", entgegnete der Hüne großzügig, während er einen von Ravens Toasts verdrückte. „Aber glaub ja nicht, dass du nur zwei Stunden schlafen wirst. Du wirst mindestens acht Stunden pennen, damit das klar ist. Mich wundert ohnehin, dass du dich überhaupt noch aufrecht hältst und noch nicht längst umgekippt bist."

„Ich hatte über vieles... nachzudenken."

„Ja, darauf wette ich", kommentierte Raven trocken. „Das ist nämlich dein größtes Problem, Robin: Wenn du zu viel denkst, dann gibst du dir irgendwann die Schuld für alles, selbst das, was du nicht verhindern konntest. Hör zu, nicht nur du hättest Starfire zurückhalten können. Ich hätte sie vielleicht auch noch mit meiner Magie erreichen können, aber keiner von uns hat es geschafft, und weißt du wieso? Weil wir nicht in die Zukunft sehen können, deshalb! Keiner von uns kann auf Dinge reagieren, von denen er noch nichts weiß!"

„Wow, Rae", staunte Beast Boy beeindruckt. „Das waren ja mehr als doppelt so viele Worte, als du sonst in einer Woche von dir gibst."Er schwieg jedoch, als er einen warnenden Blick von Cyborg auffing.

„Sie hat völlig Recht, Robin", meinte der größere Junge. „Du wirst dich jetzt erst mal beruhigen und ausspannen. Wer weiß, vielleicht ist Star ja gerade in diesem Moment dabei, Warps Zeitsteuerung zu entschlüsseln. Kann ja sein, dass sie dafür etwas länger braucht. Sie WIRD zurückkommen, das verspreche ich dir."

„Trotzdem werden wir nach ihr suchen", entgegnete Robin und stand auf. „Jedenfalls ich werde das tun. Schön, ihr habt gewonnen, ich leg mich mal hin. Aber sobald es mir besser geht, bin ich wieder draußen, damit das klar ist."

„Ist ja schon gut, Alter. Wir können dich ja ohnehin nicht zurückhalten", winkte Beast Boy ab. „Verschwinde jetzt einfach, okay?"

„Und wenn ihr irgendetwas, nur die kleinste Spur findet, dann..."

„Dann werfen wir dich aus dem Bett", vervollständigte ein zunehmend gereizter Cyborg. „Geh SCHLAFEN, Robin!"

Und er ging. Mit langsamen Schritten, aber er ging. Am Tisch gab es kein Geräusch, bis sie sicher waren, dass Robin auch wirklich verschwunden war.

„Glaubt ihr wirklich, dass er acht Stunden schlafen wird?", fragte Raven skeptisch.

„Wenn er zu müde ist, um einen Wecker zu stellen, ja", stellte Cyborg fest. „Wenn er stur genug dazu ist, dann... vermutlich nicht." Er seufzte.

„Wir müssen Star schnellstens finden", erkannte Beast Boy. „Sonst bricht er noch zusammen."

Oder Schlimmeres, dachte Raven. Aber das sagte sie wohlweislich nicht.

Entgegen der Annahme seiner Freunde schlief Robin noch nicht sofort, nachdem er das Bett berührt hatte, ein. Er saß mit gesenktem Kopf am Rand und ließ den Kampf mit Warp noch einmal in allen Einzelheiten an sich vorüberziehen. Die Leichtigkeit, mit denen der Schurke aus der Zukunft ihre vereinten Attacken abgewehrt hatte, ließ ihn mit den Zähnen fletschen. Dennoch blieb er konzentriert und ging alle seine Angriffe noch einmal durch. Er musste irgendeinen Fehler gemacht haben, sonst hätte er schnell genug sein müssen, um Starfire...

Plötzlich hob er die behandschuhte Hand und schlug sich damit auf den Hinterkopf. Nein, er durfte sich nicht auf diese Gedanken einlassen! Raven hatte Recht, wenn er bei sich die Schuld für Starfires Verschwinden suchte, dann würde er schließlich durchdrehen. Er musste seine Energie darauf konzentrieren, sie wieder zurückzuholen, so einfach war das. Dieser dahergelaufene Ganove Warp konnte nicht einfach hierher kommen und ihre Freundin entführen...

Bilder blitzten plötzlich in seinem Gedächtnis auf. Bilder, die erst heute stattgefunden hatten. Blorthog... so hatte Star den heutigen Tag genannt, das Fest der Freundschaft. Wie ein Stachel in einer Wunde tauchte das enttäuschte Gesicht der tamareanischen Prinzessin vor Robins geistigem Auge auf, als sie alle untereinander gestritten und ihr nicht zugehört hatten. Starfire musste sich schon wochenlang auf diesen Tag gefreut haben und sie hatten ihn alle verdorben. Sie und Warp.

Robin seufzte. Es war ein bitteres Gefühl, wenn das letzte, was man von einem Freund hörte, eine Standpauke war. Er kannte das bereits... bei Batman und ihm war es ähnlich gewesen. Als ihre Meinungsverschiedenheiten so groß geworden waren, dass er sie nicht mehr aushalten konnte, hatte Robin mit seinem Mentor gebrochen und hatte sein eigenes Team gegründet... ein Team aus jungen, idealistischen Helden voller Potential. Vom ersten Tag an hatte er sich geschworen, diese jungen Menschen, seine Freunde zu beschützen. Und jetzt hatte er versagt. Starfire war nicht mehr hier.

Er fragte sich, wieso es so sehr schmerzte. Als Anführer der Titans hatte er jeden Tag damit rechnen müssen, dass einer von ihnen verletzt oder getötet wurde. Vielleicht hatte er es sich gewünscht, dass es nie geschehen würde, aber er hatte GEWUSST, dass es möglich war. Je mehr ihre kleine Gemeinschaft zusammengewachsen war, hatte Robin immer mehr im Kampf gegeben, damit das Risiko für seine Kameraden minimiert wurde. Er hatte es sich lange nicht eingestehen wollen, bis er gemerkt hatte, dass er eine neue Familie hatte.

Eine einzelne Träne rollte unter seiner weißen Maske hervor. Robin weinte niemals, jedenfalls nicht, wenn er es unterdrücken konnte, aber heute war es zu viel. Ja, eine Familie. Seit diesem Mord an seinen Eltern im Zirkus hatte er immer das Gefühl gehabt, dass in seinem Leben etwas fehlte. Bruce hatte zwar alles in seiner Macht stehende getan, um ihm ein einigermaßen normales Leben außerhalb seines Superheldendaseins zu ermöglichen, aber Batman hatte selbst viel zu viele Komplexe, um tiefe Beziehungen einzugehen. Auch Alfred, den Robin noch immer als einen liebenden Großvater in Erinnerung hatte, hatte ihm nicht über seinen Mangel an Gleichaltrigen hinweghelfen können.

Bis er wegging und die Titans geboren wurden. Cyborg, der endlich jemanden gefunden hatte, der nicht vor seinen Metallteilen zurückschreckte, sondern sie als sein Geschenk an das Team betrachtete und sich so mehr denn je als Mensch fühlen konnte. Beast Boy, der zwar manchmal sehr nervig sein konnte, aber dennoch trotz seines Äußeren voll akzeptiert wurde und ihnen das mit guter Laune zurückgezahlt hatte. Raven, mysteriös und zurückgezogen, ihre Gefühle schon von Anbeginn an aus Angst vor Kontrollverlust unterdrückend, aber von Leuten umgeben, die wussten, was es hieß, außerhalb der Gesellschaft zu stehen – und ihr so das Gefühl vermittelten, nicht vollkommen alleine gegen ihre unbekannten Dämonen ankämpfen zu müssen. Und Starfire, die lebenslustige Alien-Prinzessin, welche so gern mehr über die Erde lernen wollte und sie dabei immer wieder zum Lachen brachte... gebracht hatte.

Robin biss die Zähne zusammen und unterdrückte weitere Tränen. Ja, er hatte einen Teil seiner Familie verloren, einen sehr wichtigen Teil. Aber er war noch lange nicht so weit, dass er sie aufgab! Sie würden Starfire finden, irgendwann! Und dann... dann konnte er sich noch immer dafür entschuldigen, dass er und die anderen Blorthog nicht richtig zu würdigen gewusst hatten. Ja, jetzt wusste er es. Anscheinend musste immer erst etwas Schreckliches passieren, damit er mit seinem verdammten Sturkopf etwas kapierte. Schon aus diesem Grund würde er nicht aufgeben, bis Starfire wieder zu Hause war.

Zu Hause...

Plötzlich spürte Robin die Müdigkeit, die er so lange verdrängt hatte, doch überall. Besonders hartnäckig jedoch schien sie auf seinen Augenlidern zu sitzen, also legte er sich hin und schloss die Augen. Noch einmal erschien das Bild der tamareanischen Prinzessin vor seinen Augen, wie sie mit ihrer Kette vor ihm stand und ihn hoffnungsvoll anlächelte. Seltsam... wieso hatte er nur immer angenommen, dass ein solch schönes Lächeln immer um ihn herum sein würde? Noch ein Grund mehr, Starfire wieder zurückzuholen. Er wollte sie wieder lächeln sehen, wenn sie ihm ihre Halskette umlegte und stürmisch Blorthog verkündete. Mit nach oben verzogenen Lippen schlief er ein.

„Azarath... Metrion... Zinthos!"

Sie hatte diesen Spruch nun schon ein Dutzend Mal wiederholt, aber aus irgendeinem Grund wollte sich nicht dieselbe innere Ruhe einstellen, die sie sonst immer beim Meditieren gefühlt hatte. Und das lag nicht daran, dass es laut im Tower war. Ganz im Gegenteil es herrschte fast eine Grabesstille in dem großen Gebäude, nur vereinzelte Geräusche aus der Küche drangen ganz leise bis zu ihr herauf. Offenbar hatte Beast Boy doch Schwierigkeiten mit dem Kochen. Sie hätten es ihm gar nicht erlauben sollen, das Abendessen zuzubereiten – allein Gott wusste, was er ihnen vorsetzen würde – aber ansonsten hatte sich niemand gemeldet. Cyborg war, nachdem er von seinem Training zurückgekommen war, sofort in der Garage verschwunden, um am T-Car zu feilen, seine Methode, um auf andere Gedanken zu kommen.

Raven selbst hatte sich wie üblich um diese Zeit in ihr Zimmer zurückgezogen, um zu meditieren, obwohl sie schon geahnt hatte, dass es wie üblich wieder unbefriedigend enden würde. Mit einem entnervten Schnauben ließ sie sich wieder auf ihr Bett sinken. Schon vor ein paar Wochen hatte sie festgestellt, dass sie größerem emotionalen Druck ausgesetzt war als sonst. Natürlich wusste sie, dass das von Starfires Verschwinden herrührte. Seit das tamarianische Mädchen verschwunden war, herrschte eine gespannte Stimmung im Tower. Beast Boy und Cyborg bemühten sich zwar, mit dem Leben fortzufahren, aber selbst ihnen konnte man anmerken, dass etwas fehlte. Und Robin... nun, er bemühte sich ebenfalls, dem Team Unterstützung zu geben, aber es schien, als hätte er sein Lächeln verloren, seit Starfire nicht mehr da war. Er trainierte immer noch hart, vielleicht sogar härter als zuvor und wenn sie zu einem Einsatz gerufen wurden, lief er fast immer zu Hochform auf, aber weder beim Kartenspielen noch bei diesen lächerlichen Videospielduellen, die sich Cyborg und Beast Boy noch immer lieferten, empfand er die Freude und Spannung, die er früher besessen hatte.

Raven schauderte. Robin schien sich mehr und mehr in jemanden... wie sie selbst zu verwandeln. Nein, eigentlich noch schlimmer. Sie unterdrückte ihre Emotionen aus einem guten Grund, auch wenn ihn die anderen nur andeutungsweise kannten. Robin schien einfach nicht mehr zu wissen, wie seine Emotionen funktionierten. Und das wirkte sich allmählich auch auf die Moral des Teams aus. Ein Anführer, das wusste Raven, musste Stärke und Einfallsreichtum besitzen. Und das besaß Robin, kein Zweifel. Aber noch viel wichtiger war, dass er für sein Team ein leuchtendes Beispiel darstellte, das die anderen motivierte und das Feuer in ihnen weckte, das bisher in den Titans gelodert hatte. Seit diesen drei Monaten, in denen sie Starfire nicht gefunden hatten, nahm dieses Feuer von Tag zu Tag ab.

Raven fragte sich, was das Team mehr geschwächt hatte... Starfires fröhliches Wesen zu verlieren oder Robins Verlust seiner Führungsqualitäten. Sie legte ihre Hand auf die Brust. Sie fragte sich, was für sie selbst am schwierigsten zu verkraften war. War es die Stille, die sie nun in ihren Meditationsstunden genoss? Die vollkommene Ruhe, die sie nicht mehr gekannt hatte, nachdem Starfire ihr Gesellschaft geleistet hatte? Das Mädchen hatte sich zwar bemüht, Raven nicht zu stören, aber ihr quirliges Wesen ließ sie einfach manchmal neugierige Fragen stellen. Und die Mystikerin hatte festgestellt, dass sie diese Fragen gerne beantwortet hatte. Eine Schülerin zu haben hatte ihr eine andere Art der Verantwortung auferlegt als die, ihre Kräfte unter Kontrolle zu halten. Eine Art... geringen Ausgleich, der ihr seelisches Gleichgewicht unterstützt hatte, obwohl sie es kaum bemerkt hatte.

Und obwohl sie es niemals zugegeben hätte, vermisste Raven sogar die gelegentlichen Einkaufsbummel in der Stadt. Möglicherweise lag es daran, dass sie sonst nur unter Menschen kam, wenn Gewalt eskalierte. Das geschäftige, aber doch friedliche Shoppen, die Anwesenheit so vieler Menschen, die niemanden verletzen wollten... anscheinend hatte auch das etwas zu ihrer inneren Ruhe beigetragen. Sie vermisste Starfire.

Oder war ihre innere Unruhe eher auf Robin zurückzuführen? Seitdem er die Titans gegründet hatte, hatte Raven insgeheim zu ihm aufgesehen, auch wenn sie ihre Kameraden ansonsten sehr distanziert behandelte. Seine eiserne Entschlossenheit, die Unschuldigen zu beschützen und seine grimmige Selbstaufopferung hatten etwas in ihr bewirkt, vom ersten Tag an. Sie konnte es nicht genau beschreiben, es war, als ob ein winziger Teil von ihr durch Robins Beispiel wieder an eine höhere Gerechtigkeit zu glauben begonnen hatte, allen schlechten Erfahrungen mit ihrem Vater Trigon zum Trotz. Er hatte ihr, nein, ihnen allen Hoffnung gegeben, dass alles Böse vertrieben werden konnte.

Sie schürzte ärgerlich die Lippen, als sie auf einmal an Cyborgs Frage erinnert würde, ob sie in Robin verliebt wäre. Welch ein Unsinn! Gut, eine Weile lang war sie sich selbst nicht sicher gewesen, ob dieses warme Gefühl, dass sie für alle Titans, aber insbesondere für Robin empfand, nicht mehr als Freundschaft war. Aber sie war recht schnell dahinter gekommen, dass das nur ihre Unkenntnis von Gefühlen war. Alles, was sie für Robin empfand, war tiefe, reine Dankbarkeit, dass er ihr ihre Bürde so gut er konnte abnahm, einfach durch sein Beispiel, seinen Respekt vor ihren Geheimnissen und seine Bereitschaft, alles für ein Teammitglied zu riskieren. Raven lächelte ganz kurz, dann wurde sie wieder ernst. Ja, sie konnte verstehen, warum sie sich von Robin angezogen gefühlt hatte, aber wenn dieses Feuer ganz in ihm erlosch... was würde dann aus ihm werden? Was würde dann aus den Titans werden? Und aus ihr?

Das Mädchen fluchte kurz, als sie bemerkte, dass ohne ihren Befehl ein Buch aus ihrem Regal geflogen war. Sie befahl ihre Kräfte scharf zurück und das Buch fiel auf den Boden. Raven stand auf und stellte es wortlos wieder ins Regal. Sie war beunruhigt. Diese ständige Spannung im Tower ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sie musste etwas dagegen unternehmen, sonst würden sich ihre Kräfte weiterhin verselbstständigen. Noch war es kein Problem, sie wieder unter Kontrolle zu bringen... aber wer wusste schon, wie lange noch?

Sie beschloss, in die Küche zu gehen. Vielleicht ließ sich noch etwas vom Abendessen retten, wenn sie Beast Boy ein wenig half. Möglicherweise konnte sie dadurch auch etwas von dieser Spannung abbauen. Es wurde ohnehin Zeit, dass jemand etwas unternahm. Starfire war nun schon seit drei Monaten verschwunden. Es war ohne Zweifel hart für sie alle, aber irgendwann mussten sie ihre Gefährtin verloren geben, sonst würde das Team zerbrechen. Raven hätte niemals gedacht, dass sie Beast Boy freiwillig beim Kochen helfen würde, aber schon kleine, unsichtbare Signale konnten Menschen fest miteinander verbinden – wie Robin es mit ihnen getan hatte.

Raven stellte fest, dass sie abhängig geworden war. Abhängig von ihren Freunden.

Wie war das erste Kapitel? Kann ich noch was verbessern? Kommentare sind willkommen, auch wenn sie bei einer deutschen Teen-Titans-Fanfic wohl nicht so wahrscheinlich sind.