Die Zeit heilt nicht alle Wunden

So, das wäre geschafft! Das letzte Kapitel erwartet euch, ich hoffe, ihr reviewt mir danach, was ihr davon haltet. Und jetzt viel Spaß.

Die Titans gehören NOCH IMMER nicht mir... aber wartet nur ab...

Kapitel 7: Wiedersehen Teil 2

Der Ort war ihr unheimlich. Sie wusste zwar, dass ihr hier, im wahrscheinlich sichersten Versteck der ganzen Stadt, kaum Gefahr drohte, vor allem jetzt, weil er ja auch hier war... aber dennoch. Starfire konnte sich die Düsternis von Robins Behausung nicht erklären. Natürlich war auch früher schon Dunkelheit ein Teil seines Lebens gewesen, das hatte sie vom ersten Augenblick an gespürt, bei ihrer ersten Begegnung. Auch damals war sie erschrocken, aber sein freundliches Auftreten ihr gegenüber hatte bewiesen, dass nur seine Gegner seine Nachtseite zu spüren bekamen. Für seine Freunde war er der verständnisvollste und beschützendste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte.

Gewesen. Denn auch Robins Zimmer im Tower war zwar immer dunkel gewesen, aber niemals abschreckend. Im Tower hatte man sofort bemerkt, dass der Eigentümer des Zimmers Privatsphäre brauchte, aber diese... Höhle, sie wusste nicht, wie sie es sonst nennen sollte, schien jeden Fremden mit unsichtbaren Augen zu begutachten. Starfires Fröhlichkeit, weil sie Robin – für sie würde er immer Robin bleiben, egal, wie er sich nannte - wiedergefunden hatte, war geschwunden, als er sie hier hereingeführt hatte. An der Einrichtung und der allgemeinen Dunkelheit hatte sie nichts überrascht: Das eine zweckmäßig, das andere gehörte zu Robin wie die Maske. Trotzdem hing eine Schwere in der Luft, die von langen, einsamen Gedankengängen herrührte.

Was war nur mit Robin geschehen, dass seine Umgebung derart feindselig wirkte? Sie wusste instinktiv, dass es Robins Einfluss war, der diesen Raum wie die Höhle eines Raubtiers wirken ließ, drohend und voller Schatten. Es passte zu seinem neuen Aussehen. Und auch zu dem harten Zug, der sich in sein einst so gerne lachendes Gesicht gegraben hatte. Als er sie gerettet hatte, hatte sie es nicht bemerkt, aber schon beim Weg hierher hatte er nicht mehr gelächelt. Als hätte er es beinahe schon verlernt.

Seine besorgte Frage, ob etwas nicht in Ordnung war, hatte sie verneint, doch in Wahrheit fürchtete sie sich vor diesem Ort. Erst der kaputte Cyborg, dann der eingesperrte Beast Boy, Raven, die ihre Freunde vergessen hatte... als Robin sie gerettet hatte, hatte sie gehofft, dass sich wenigstens er nicht verändert hätte, aber das Nightwing-Kostüm hatte sie eines besseren belehrt. Jedenfalls hatte er sich entschuldigt, weil er noch nach Warp sehen wollte. Sie hatte ihn gezwungen lächelnd gehen lassen.

Starfire nahm ihren Mut zusammen und wagte sich tiefer in die Höhle hinein. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie schon minutenlang am Eingang verharrt war. Gab es denn nichts, das auf den alten Robin hinwies? Sie erweckte ihre Kräfte, um etwas Licht zu haben und ließ ihre Augen schweifen. Gleich darauf weiteten sie sich. Sie sah zu einer anderen Wand hin. Ja, auch dort. Und bei der dritten? Ebenfalls. Auf allen Wänden befanden sich in regelmäßigen Abständen Fotos. Von ihr. Einige der Bilder waren ausgeschnitten worden, wahrscheinlich aus einigen ihrer Gruppenfotos, aber die meisten zeigten sie irgendwo dort, wo Robin sie in die Kultur der Menschen eingeführt hatte.

Sie besah die Fotos genauer. Auf einem stand sie gerade im Park und starrte verdattert auf das Eis hinab, das Robin ihr damals gekauft hatte. Er hatte damals gelacht und ihr allererstes Foto auf der Erde gemacht. Daraufhin war sie so erschrocken, dass ihr das Eis zu Boden gefallen war. Starfire lächelte unwillkürlich, als diese Erinnerung wieder hochkam. Ein anderes Foto zeigte sie im Bikini, als die Titans an den Strand gefahren waren. Als Robin sie das erste Mal so erblickt hatte, hatte Cyborg mit der Hand vor seinen Augen winken müssen, bevor sich der Wunderjunge wieder gefangen hatte. Beast Boy und Cyborg hatten Robin noch eine Woche lang damit aufgezogen. Und auf einem dritten Foto standen Robin und sie gemeinsam vor einem Baum im Jump City Park. Robin strahlte wie immer eine gewisse Würde aus, auch wenn Starfires Abbild ihn damals stürmisch umarmt und gelacht hatte. Er hatte ein kleines Grinsen aufgesetzt, während ein aufgeregter Passant sie fotografiert hatte. Das Foto war etwas lächerlich, aber es berührte etwas in Starfire.

Wieso hatte Robin all diese Bilder von ihr aufgehängt? Noch dazu im gesamten Raum! Sie hatte gar nicht gewusst, dass er so viele Fotos von ihr angefertigt hatte. Und offenbar hatte er jedes einzelne hier aufgehängt. War es, weil er sie nicht hatte vergessen wollen? Ja, vielleicht. Aber irgendetwas sagte ihr, dass da mehr dahinter war.

Suchend sah sie sich um, aber sie fand nur Fotos von ihr selbst – sogar einige, die er offenbar geknipst hatte, als sie schlief! - keine von den anderen Titans. Cyborg hatte Recht gehabt. Ihre Freunde waren keine Freunde mehr... egal, wie unvorstellbar ihr das auch schien. Dieser Gedanke brachte ihre Laune wieder auf den Tiefpunkt und sie sah sich rasch weiter um, um an etwas anderes denken zu können.

Sie ging rückwärts durch den Raum, ihn nach etwas anderem als Fotos und dem Computer absuchend, als sie an etwas stieß, das sich wie ein Knopf an der Wand anfühlte. Hastig sprang sie weg, als hinter ihr ein zischendes Geräusch ertönte. Sie drehte sich um und erstarrte. Hinter einer Glasscheibe befand sich Robins altes Kostüm. Er hatte es immer noch, wenn auch in einer Geheimtür versteckt. Irgendwie beruhigte Starfire dieser Gedanke etwas. Es hätte ihr nicht gefallen, wenn Robin dieses Kostüm verbrannt oder weggeworfen hätte.

Sie besah die frühere Kleidung ihres Freundes genauer. Ihr fiel plötzlich ein, dass sie Robin nur sehr selten ohne dieses Kostüm gesehen hatte... höchstens beim Baden, und selbst dann hatte er die Maske aufbehalten. Vielleicht war es diese Geheimnistuerei gewesen, die sie angezogen hatte. Starfire war ein offener Charakter, wenn es möglich wäre, wäre sie am liebsten jedermanns Freundin gewesen. Für Robin hingegen war Freundschaft ein kostbarer Schatz, den er nur an ausgewählte Personen verschenkte. Auch Raven war sehr zurückgezogen, aber bei Robin war es anders. Während Raven sich aus Furcht vor ihren Kräften zurückzog, war seine Maske sein Schutz vor der Welt, der er misstraute. Seine Vorsicht war so groß, dass er sie niemals abnahm, nicht einmal, wenn er mit seinen engsten Freunden beisammen war. Starfire fragte sich unwillkürlich, ob er es getan hätte, wenn sie ihn einmal darum gebeten hätte.

Sie alle hatten gewusst, dass Robin Geheimnisse vor ihnen hatte. Über seine Vergangenheit hatte er nie gesprochen, schon gar nicht über seine Kindheit. Von Beast Boy hatte sie erfahren, dass ihr Freund früher mit einem großen Helden namens „Batman" gegen das Böse gekämpft hatte, aber warum sich die beiden getrennt hatten und wo Robin davor gewesen war, das hatte auch der Gestaltwandler nicht gewusst. Von seiner Vergangenheit abgesehen aber war Robin ebenso offen gewesen wie sie... jedenfalls ihr gegenüber. Starfire wusste noch, wie sie oft stundenlang irgendwo gesessen waren und über ihre Vorlieben und Träume gesprochen hatten. Dieser seltsame Kontrast aus Vertrauen und Geheimnissen war ihr ein Rätsel gewesen.

Sie war anscheinend völlig in Gedanken versunken gewesen, weil sie erst merkte, dass sie nicht allein war, als ihr jemand eine Decke um die Schultern legte. Beinahe wäre sie erschrocken, als sie sich umdrehte und Nightwings Maske vor sich sah, aber das kaum merkliche Lächeln auf seinen Lippen ließ ihre Anspannung wieder weichen. Sie wusste nicht warum, aber als sie zurücklächelte, wurde ihr Gesicht ganz heiß. Hastig drehte sie es weg. Er verstand den Wink und ging zu seinem Computer.

„Ich hab gehört, dass du nach Hilfe suchst", sagte er in neutralem Tonfall.

Hoffnungslosigkeit übermannte Starfire, als sie an Warps Worte dachte. Über all den Dingen, die sie hier entdeckt hatte, hatte sie den Grund für ihre Anwesenheit hier fast vergessen. Sie sah zu Boden.

„Es gibt nichts, was du tun kannst", erwiderte sie bekümmert. „Oder was irgendjemand tun kann. Die Vergangenheit kann man nicht reparieren, die Zukunft kann man nicht ändern – egal, wie falsch sie auch erscheinen mag..."

Sie schloss die Augen.

„Dann ist es also unmöglich?"

In der Stimme ihres Freundes lag ein so seltsamer Unterton, dass sie überrascht zu ihm hinsah. Er wandte ihr immer noch den Rücken zu, aber sie bezweifelte nicht, dass er voll auf sie konzentriert war. Wieso hatte er so herausfordernd geklungen?

„Ich glaub ja", meinte sie etwas zögernd.

„Gut", entgegnete er leichthin. Starfires Augenbrauen zuckten unmerklich hoch. Gut? Robin machte einen Schritt nach vorn und drehte sich dann zu ihr um. Als er sie ansah, zeigte sein Gesicht die gleiche Unbeugsamkeit, die es früher so oft gezeigt hatte. „Denn wenn ich mich nicht irre, haben wir früher oft Unmögliches vollbracht. Und für alle Fälle..." Er drückte eine Taste und ein Geheimfach oberhalb der Tastatur des Riesencomputers öffnete sich. Darin lag der alte Titan-Signalgeber, mit dem jeder Titan die anderen hatte rufen können, wenn irgendwo Gefahr drohte. „... hab ich das hier behalten."

Hoffnung keimte in Starfire auf, als Robin das kleine Gerät in die Hand nahm. Er hatte den Signalgeber behalten, obwohl sich die Titans aufgelöst hatten? Vielleicht hatte er dann ja doch daran geglaubt, dass sie irgendwann wiedervereint sein würden. Ein entzückter Ausdruck machte sich auf ihrem Gesicht breit, als die Diode, die Robin vor langer Zeit an ihrer Armschiene angebracht hatte zu leuchten begann. Jetzt würde alles wieder gut werden!

Weil sie nur auf das Licht achtete, entging ihr der undeutbare Blick, mit dem Nightwing sie musterte. Ebenso bemerkte sie die verkrampfte Hand nicht, die sich so fest um das kleine Gerät geschlossen hatte, dass es Gefahr lief zerquetscht zu werden. Und hätte sie die unvorstellbar traurigen Gedanken des Verlusts gekannt, die dem Superhelden durch den Kopf gingen, wäre ihr sofort klar gewesen, warum der gesamte Raum mit ihrem Bildnis geschmückt war.

Willkommen in der Zukunft.

Cyborg seufzte und setzte sich hin. Er hatte nach Starfires unerwartetem Auftauchen wirklich versucht zu arbeiten, aber das Gespräch, das sie geführt hatten, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er hoffte, dass es dem Mädchen gut ging. Die Zukunft, von der er gesprochen hatte, war trostlos und grausam. Er hatte sie überlebt, indem er sich auf seine Arbeit gestürzt und alles andere verdrängt hatte, aber er kannte Star. Sie würde in ihrem Herzen annehmen, dass er lediglich übertrieben hatte.

Deine Freunde... sind keine Freunde mehr.

Er hatte nicht übertrieben. Wahrscheinlich hatte sie bereits festgestellt, wie es Beast Boy und Raven ergangen war. Fast schämte er sich dafür, dass er sie dort hinaus geschickt hatte, aber sie wäre ohnehin gegangen, um sie zu suchen. Cyborg hoffte, dass es sie nicht zu sehr mitgenommen hatte. Stars gesamter Lebensinhalt war es gewesen, in ihrem Team eine Gemeinschaft aufzubauen. Diese jetzt zerstört zu sehen...

Ob er ihr überhaupt wünschen sollte, dass sie Nightwing begegnete? Er war der einzige von ihnen, der ihr vielleicht noch helfen konnte, andererseits hatte er sich ebenso sehr verändert wie sie alle. Vielleicht sogar noch mehr. Was würde wohl geschehen, wenn das Mädchen ihrem Jugendfreund begegnete, der sich in einen einsamen Rächer verwandelt hatte? Vielleicht nichts, wenn Robin es schaffte, ihr seine neue, düstere Seite nicht zu zeigen. Aber wer wusste schon, ob er seine Gefühle unter Kontrolle halten konnte? Der Junge hatte sich zwanzig Jahre lang selbst verflucht, weil Starfire erst hatte verschwinden müssen, bevor er seine Gefühle für sie erkannt hatte.

Was würde wohl in Starfire vorgehen, wenn sie erkannte, was der Schmerz über ihren Verlust aus Robin gemacht hatte? Eine Maschine, die nur dafür lebte, ihren eigenen Schmerz an ihren Feinden auszulassen. Nein, es war vermutlich besser, wenn sie Nightwing nicht begegnete. Dieser Schock würde sie endgültig zerstören. Und das durfte auf keinen Fall passieren. Sie war das einzig Schöne und Reine, das in dieser Welt noch für ihn vorhanden war.

Cyborg begann sich nicht zum ersten Mal zu fragen, ob die ganze Sache anders verlaufen wäre, wenn Robin und Star ihre Gefühle füreinander schon früher erkannt hätten. Wären sie ein Paar gewesen, als das Mädchen verschwand, hätte Robin am Anfang sicher ebenfalls getobt. Aber Nightwing war aus dem Grund so geworden, wie er war, weil ihn seine Verbitterung über die eigene Blindheit zu diesem verhängnisvollen Fehler getrieben hatte, das Team im Stich zu lassen.

Wären die beiden schon ein Paar gewesen, wäre Robin untröstlich gewesen. Aber er hätte sich wieder gefangen, das stand zumindest für Cyborg fest. Er hätte jeden Tag um Starfire getrauert, doch er hätte ihr Andenken in Ehren gehalten, indem er ihre gemeinsame Zeit dem Schmerz entgegen gestellt hätte. Es hätte alles nicht so kommen müssen.

Cyborg seufzte. Hätte, könnte. Es WAR nicht so gekommen, und das war nun mal, was zählte. Vielleicht wären die beiden schon am nächsten Tag ein Paar geworden, aber Warp war eben zu früh aufgetaucht. Sie hatten die beiden schließlich nicht zu einem Date zwingen können – auch wenn Beast Boy das mehrere Male vorgeschlagen hatte.

Hilfst du mir?

Seine Lippen zuckten, als dieser Satz durch sein Gehirn schoss und sich dort festsetzte. Ja, er hätte ihr gerne geholfen. Aber er war nicht mehr der kraftstrotzende, unbeugsame Junge, der er früher gewesen war. Jetzt war er nur ein desillusionierter Haufen Metall, der in Selbstmitleid schwelgte. Selbst wenn er mit ihr mitgehen hätte können, wäre er ihr keine Hilfe gewesen. Er hatte einfach den Glauben verloren. Den Glauben daran, etwas bewirken zu können.

In diesem Moment aktivierte sich ein Stromkreis in seinem Körper, den er schon vor langer Zeit vergessen hatte. Sein mechanisches Auge, welches in den letzten Jahren so tot gewesen war wie der Rest seines Equipments, begann mit einem Male rot zu blinken. Cyborg brauchte ein paar Sekunden, um zu bemerken, dass dies nicht nur eine Wunschvorstellung war, hervorgerufen durch seine trübsinnigen Gedanken. Nein, jemand hatte den Titans-Notruf aktiviert. Aber wer?

Er verfolgte das Signal zurück. Nicht Beast Boy, nicht Raven... blieben nur Nightwing oder Starfire. Aber Nightwing würde ihm kein Signal schicken. Nein, Starfire musste in Schwierigkeiten sein. Sie brauchte Hilfe!

Unbewusst war Cyborg aufgestanden und zum Fenster gegangen. Plötzlich hielt ihn jedoch etwas zurück. Als er hinter sich blickte, sah er die Schläuche, welche ihn an den Generator banden. Einen Augenblick lang musterte er sie stumm. Dann sah er abermals nach draußen und danach sah er noch einmal die Schläuche an. Sein Gesicht veränderte sich. Als er mit raschen Schritten in sein Zimmer zurückging, trug es einen entschlossenen Ausdruck.

Das Zimmer war so dunkel, wie er es zurückgelassen hatte. Einzig das Licht auf der Werkbank brannte und beleuchtete die Einzelteile einer weiteren Batterie. Daneben lag sein Prototyp, die erste Kraftquelle, die er außerhalb seines Körpers anschließen konnte. Alles, was er in fast einem Jahr Arbeit erreicht hatte. Und er wusste noch nicht einmal, ob sie funktionierte. Vorsichtig hob der Metallmann das Ding auf, in das er so viele Hoffnungen und genauso viele Ängste gesetzt hatte. Stumm betrachtete er sie ein paar Sekunden lang.

Sollte er es wirklich wagen? Wenn das Ding nicht funktionierte und er seine Schläuche abkoppelte, dann war er dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit hier zu stehen... oder bis der nächste Einbrecher ihn zerlegte. Eigentlich hatte er vorgehabt, Beast Boy zu holen, damit der ihn im Notfall wieder anschließen konnte, aber dafür war jetzt keine Zeit. Er hatte diese Batterie gebaut, damit er sie einsetzen konnte, wenn es die Sache wert war. Und was könnte besser sein, als einer alten Freundin beistehen zu können?

Energisch transformierte er seinen rechten Arm in die Plasmakanone. Zumindest das klappte noch, auch wenn er keine Energie für einen Schuss hatte. Nachdem er mit dem Batterie-Prototypen fertig gewesen war, hatte er die Kanone etwas umgebaut, sodass sie jetzt Platz bot, um die Batterie einzusetzen. Mit raschen, geschickten Griffen befestigte der Junge das Ding und verwandelte den Arm anschließend wieder zurück.

Cyborg machte einen tiefen Atemzug. Alles, was jetzt noch zu tun blieb, war, die Schläuche abzukoppeln. Dann sollte die Batterie von selbst mit der Energieversorgung beginnen. Theoretisch.

„Das ist besser sehr wichtig, Star", murmelte er, griff hinter sich und zog die Kabel mit einem Ruck aus seinem Körper.

Eine schreckliche Sekunde lang schien es, als würde die Batterie nicht funktionieren. Cyborg fühlte, wie alle Kraft seinen Körper verließ und sein Blick sich trübte. Bevor er jedoch Zeit hatte, seine Entscheidung zu bereuen, reagierte der neue Stromkreis, den er geschlossen hatte. Energie, wie er sie lange schon nicht mehr gefühlt hatte, durchströmte seine Systeme, ließ sie blau aufleuchten und erfüllte ihn wieder mit übermenschlicher Kraft. Das mechanische Auge erstrahlte wieder grellrot und sein nun geschärfter Blick begann ihm die Daten seiner Umgebung zu liefern.

Probeweise besah Cyborg seine Arme. Die Batterie lag nun unter einer dünnen Metallschicht. Sie würde es verkraften, wenn er hinfiel oder so etwas, aber einen direkten Treffe eines Superschurken an dieser Stelle würde sie nicht überstehen. Dennoch lächelte der Junge zufrieden. Egal, wie hoch das Risiko auch war... es fühlte sich einfach gut an, wieder er selbst zu sein.

„Boo-yah!", sagte er grinsend. „Wie Arnie schon sagte: I'll be back!"

Gleich darauf wurde er wieder ernst, als er sich an den Hilferuf erinnerte. Hastig prüfte er das Signal des Kommunikators, mit dem der Notruf gesendet worden war. Er bewegte sich in Richtung Innenstadt. Cyborg atmete erleichtert aus. Was auch immer los war, so langsam wie sich das Ding bewegte, konnte es noch nicht ernst sein. Dennoch hatte er keine Sekunde zu verlieren.

Er grinste wie ein Wahnsinniger, als er durch die Tür brach, ohne den Öffner zu betätigen. Wenn er sie später wieder reparieren musste, würde er es bereuen, aber momentan wischte das Adrenalin, wieder zu ALLEM in der Lage zu sein, die Bedenken beiseite. Als er aus dem Tower auf die Brücke zu rannte, die die Insel mit dem Festland verband, lachte er so laut er konnte. Er rannte schneller und schneller, bis seine so lange stillgelegten Muskeln unter der Belastung zu ächzen begannen. Mehr zu geben wagte er im Moment nicht, aber seine Leistungsfähigkeit lag immerhin bei gut 90. Das sollte ihm nach 15 Jahren Nichtstun mal einer nachmachen!

Erneut peilte Cyborg den Sender an. Was er erfasste, ließ ihn schlucken. Das Museum. Der Ort, an dem Star verschwunden war. Wieso zur Hölle war sie ausgerechnet dahin zurückgekehrt? Er gab sich einen mentalen Tritt, als er bemerkte, dass er langsamer geworden war. Er hatte so viel riskiert, da würde er sich nicht von einem kleinen Trauma aufhalten lassen! Einige Leute sahen sich verwundert nach ihm um, als er an ihnen vorbeirannte. Die Älteren unter ihnen erkannten ihn sogar und rissen vor Erstaunen den Mund auf. Lässig grinsend winkte er ihnen zu, ohne dabei langsamer zu werden. Er musste unbedingt dran denken, am Abend die Nachrichten zu hören. Aber jetzt hatte er eine Aufgabe.

Als er das Museum erreichte, erkannte er, warum Starfire hier war: Die Wachen vor der riesigen Eingangstür waren eingefroren, genau wie damals, als Warp aufgetaucht war. Der Kerl war also tatsächlich hier. Cyborg presste grimmig die Lippen zusammen, als die Erinnerungen an diesen verfluchten Tag ihn überfluteten – vor allem die, wie Warp seine Powerzelle mithilfe eines seiner Gimmicks entladen hatte - kontrollierte noch einmal seine Energieversorgung und betrat so leise er konnte das Gebäude.

Es war nicht schwierig festzustellen, wo der Schurke sich befand, da heftige Kampfgeräusche ihm den Weg wiesen. Er kam in den Raum, in dem vor zwanzig Jahren alles begonnen hatte, aber als er sah, wer da kämpfte, riss er erstaunt den Mund auf. Nightwing brüllte wie ein Wahnsinniger, während er seinen Kampfstab mit unvorstellbarer Wucht immer wieder gegen Warp schwang, welcher nur zurückweichen konnte. Nur seine Rüstung schützte den Gauner vor einem baldigen Ende. Mit einem wohlgezielten Hieb schaltete der Martial-Arts-Künstler Warps Schulterlaser aus und stieß ihn zu Boden.

Cyborg hatte Robin früher kämpfen gesehen, aber Nightwing war eine Klasse für sich. Er griff ohne Rücksicht auf seine eigenen Sicherheit an und nutzte die kleinste Schwäche seines Gegners gnadenlos aus. Er erkannte, dass die Leute sich nicht grundlos vor dem Rächer fürchteten. Robin WAR zum Raubvogel geworden. Umso unverständlicher, dass Starfire trotzdem bei ihm war. Das Mädchen landete gerade neben ihm und sah auf Warp herab.

Dieser dachte jedoch nicht daran aufzugeben. Mit einem weiteren Laser schoss er auf das Dach des Museum, das dem natürlich nicht standhalten konnte. Eine Ladung Beton und Stein begrub das erschrockene Mädchen unter sich. Nightwing wollte sich ihr gerade erschrocken zuwenden, als Warp auch ihn anvisierte und ihn an der Seite traf. Der Junge stieß einen Schmerzensschrei aus, als er zu Boden geschleudert wurde.

Cyborg hatte genug gesehen. Er knurrte, trat ins Licht, um freies Schussfeld zu haben und transformierte seinen Arm zur Plasmakanone. Nach einer Sekunde des Zielens gab er einen Schuss mit voller Power ab, der Warp zwischen die Schultern traf und wie eine Puppe wegschleuderte.

„Boo-yah!", bemerkte er grimmig.

„Cyborg!" Diese Stimme, die sich vor Freude fast überschlug, gehörte Starfire. Das Mädchen hatte sich aus den Trümmern gewühlt und schwebte zu ihm herüber. Anscheinend war ihr nichts passiert. Ihre Augen leuchteten, als sie seine wiedererstarkte Gestalt musterte. „Du bist wieder ganz!"

Cyborg lächelte sie an. Ja, die Sache war das Risiko wert gewesen – jedes Risiko. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, war auch Nightwing herangetreten. Fast erwartete Cyborg, der Junge würde ihm lediglich ernst zunicken, aber statt dessen fasste der Raubvogel ihn an der Schulter. Ein sehr leichtes Lächeln lag auch auf seinen Lippen.

„Schön, dass du hier bist", sagte er leise, aber deutlich.

Cyborg war unglaublich erleichtert, als er diesen Satz hörte. Zwischen ihnen mochte noch immer nicht alles in Ordnung sein, aber zumindest hier vor Starfire würden sie ihre Differenzen beilegen. Hier und jetzt waren sie wieder ein Team.

„Lass ich mir doch nicht entgehen", verkündete er scherzhaft. Dann sah er Starfire gespielt vorwurfsvoll an. „Wer hat gesagt, dass ihr ohne mich anfangen dürft?"

„Entschuldige bitte!"

Die Stimme passte nicht so recht in ihr beschauliches Wiedersehen. Alle drei Köpfe ruckten herum und bemerkten Warp. Der Schurke hatte den Treffer von Cyborgs Kanone scheinbar ohne große Schäden überstanden und war wieder herangetreten. Cyborgs menschliches Auge weitete sich vor Furcht, als er das Gerät erkannte, dass der Zeitreisende in der Hand hielt. Es war einer dieser Entlader, den Warp schon vor zwanzig Jahren gegen ihn verwendet hatte! Wenn er den jetzt einsetzte, dann war er wieder dazu verdammt, im Tower zu leben, bis er eine neue Batterie gebaut hatte!

Warp schien seine Angst zu spüren. Sein Gesicht war entschlossen. „Aber vielleicht ist es ja früher fertig als gedacht!", rief er. Bevor er den Gegenstand jedoch werfen konnte, geschah etwas Unerwartetes...

Beast Boys Laune war nach Starfires Besuch auf dem Tiefpunkt des Monats. Vor den restlichen Besuchern des Tages hatte er sich in der Käferform versteckt. Er wollte eigentlich nicht darüber nachdenken, wie und warum Star bei ihm aufgetaucht war, aber noch weniger wollte er mitten in einer Vorführung von diesen Gedanken überrascht werden.

Er hob den roten Ball hoch, mit dem er hauptsächlich vor den Kindern jonglierte und betrachtete ihn. Er verwandelte sich in einen Seehund und ließ ihn auf seiner Nase tanzen, während ihm die Fragen nur so im Kopf herumschwirrten.

Wieso war Star nach zwanzig Jahren plötzlich wieder aufgetaucht? Und woher hatte sie gewusst, wo er zu finden war? Warum war sie überhaupt zu ihm gekommen, wenn sie schon wusste, wohin er sich geflüchtet hatte? Aber auf keine dieser Fragen kannte er eine Antwort.

Jedenfalls war sie seit damals keinen Tag älter geworden, was bedeutete, dass sie erst seit kurzem hier war. Sie war noch immer genauso hübsch gewesen wie damals, als sie verschwunden war. In diesen vergangenen Tagen hatte er diese Schönheit einfach gedankenlos hingenommen. Damals war sie einfach nur seine Freundin gewesen, diejenige im Tower, mit der er sich nach Cy am besten verstanden hatte. Er fragte sich, ob Robin sie bis zuletzt auch nur so gesehen hatte.

Während er sich in weitere Tiere verwandelte, fielen ihm die vielen kleinen Blicke und Gesten auf, die die beiden ausgetauscht hatten, wenn sie sich unbemerkt wähnten, auch wenn sie es selbst meist nicht bemerkt hatten. Es war völlig offensichtlich für jeden Außenstehenden gewesen, dass die beiden ineinander verschossen waren – selbst Raven hatte die Augen gerollt, wenn sie ein solches Zeichen mitbekommen hatte, auch wenn sie es hinter ihrem Buchrücken getan hatte. Nur sie selbst hatten es nicht gemerkt.

Natürlich wusste Beast Boy, dass Robins und Starfires Beziehung nicht so einfach gewesen war wie andere. Starfire war, das konnte man nun mal nicht beschönigen, sehr naiv gewesen, was das Leben auf der Erde anging. Bei all ihren sonstigen Qualitäten hatten besonders Gefühle und bestimmte Verhaltensweisen zwischen Menschen sie immer sehr verwirrt. Wahrscheinlich hatte sie selbst geglaubt, dass Robin für sie nur ein sehr guter Freund war, vermutlich auch als eine Art Schutz. Hätte sie sich eingestanden, dass sie mehr für ihn empfand, dann hätte das ihre wunderbare Freundschaft belastet und das hätte Star nicht zugelassen.

Und von Robin konnte man erst recht nicht erwarten, dass er den ersten Schritt in einer Beziehung setzte. Der Junge war im Grunde noch paranoider als Raven, wenn es um zwischenmenschliche Interaktion ging. Raven hatte wenigstens vernünftige Gründe, ihre Emotionen auf ein Mindestmaß zu beschränken, aber Robin schien sich vor tiefen Bindungen geradezu zu fürchten. Es hatte lange gedauert, bis er im Umgang mit seinen Teamkameraden einigermaßen umgänglich geworden war, und wer weiß, wie lange es noch gedauert hätte, bis er bereit gewesen wäre, sich Starfire anders als eine kleine Schwester vorzustellen?

Es war ein richtiges Schmierentheater gewesen, das die beiden Tag für Tag aufgeführt hatten. Beast Boy hatte mehrmals an Cy appelliert, ihm zu helfen, die beiden irgendwie gewaltsam zu verkuppeln, damit sie es endlich hinter sich hatten, aber der Metallmann hatte sich dafür ausgesprochen, ihnen noch ein bisschen Zeit zu lassen. Hätten sie gewusst, was passieren würde, dann hätten sie's vielleicht doch durchgezogen...

Plötzlich erstrahlte hinter ihm etwas. Verwundert drehte sich der Gestaltwandler um und starrte seinen Gürtel an. Daran war immer noch die Diode befestigt, mit denen ein Titan einen anderen rufen konnte, wenn ihm Gefahr drohte. Nach Starfires Besuch hatte er das alte Ding hervorgekramt und bis jetzt noch nicht wieder weggepackt. Aber wer sollte ihn ausgerechnet jetzt rufen? Und wieso?

Vielleicht war es Starfire, die Hilfe brauchte. Wahrscheinlich hatte sie Warp gefunden und kämpfte nun mit ihm. Wenn es tatsächlich so war, dann war sie in großer Gefahr! Vor zwanzig Jahren hatten sie Warp zu fünft nicht geschafft und sie wollte ihn ganz allein stellen.

Beast Boy zuckte zusammen, als er sah, wohin seine Gedanken führten. Er KONNTE Starfire nicht helfen. Vor Jahren hatte er noch den Willen zu kämpfen gehabt, aber mit jedem Kampf, den er allein bestritten und nur zu oft auch verloren hatte, war dieser Wille schwächer geworden. Nach seinem Gespräch mit Robin hatte er das Ganze so satt gehabt, dass er der Verbrechensbekämpfung den Rücken gekehrt hatte. Er wollte diese Schmerzen nicht noch einmal erleben. Beast Boy kauerte sich zu einem Knäuel zusammen. Als sein Blick zufällig aus dem Käfig fiel, verzog er gequält den Mund.

„Oh nein", murmelte er, als er den Direktor heran stapfen sah. Der Kerl war wirklich eine Plage! Wenn Nightwing nicht monatlich Geld für Beast Boy schicken würde, hätte er ihn schon längst rausgeworfen. Trotzdem war Beast Boys Freizeit knapp bemessen und das Essen war auch nicht immer das Wahre.

„Beast Boy", rief der Mann, als er sich vor dem Käfig aufgebaut hatte. Er funkelte den Gestaltwandler wütend an. „Wieso hat sich gerade bei mir eine Dame beschwert, dass du vor ein paar Minuten nicht in deinem Käfig warst?"

Beast Boy grollte. „Ich war da", entgegnete er. „Ich hatte bloß keine Lust, mich zu zeigen."

„Ach?" Der Mann zog die buschige Augenbraue hoch und verschränkte die Arme. „Keine Lust, dich zu zeigen, was? Was denkst du eigentlich, wo du hier bist? Im Cluburlaub?"

„Hören Sie, Chef, ich hatte heute unangenehmen Besuch", versuchte Beast Boy die Sache zu erklären. Wenn der Kerl doch nur verschwinden würde! „Ich hatte kein gutes Gefühl, als dann die Besucher kamen, deshalb hab ich mich versteckt."

„Gefühl", höhnte der Mann. „Ich sag dir was, Grünling: Als du noch deine Superheldennummer abgezogen hast, konntest du Gefühl zeigen, so viel zu wolltest. Aber jetzt arbeitest du für mich, und das heißt, dass du vor dem Publikum auftrittst, wann immer es kommt!" Der Direktor grinste hässlich. „Hier kannst du dir deine Fans nicht mehr aussuchen, mein Junge. Und solange die Teen Titans nicht wie durch ein Wunder wieder zusammenkommen, wird sich an deiner Lage auch nichts ändern!"

Beast Boy sah den aufgeblasenen Mann an. Dann nickte er. „Da haben Sie wohl Recht", meinte er.

„Natürlich hab ich das", setzte der Direktor nach. Er wirkte zufrieden. „Und wenn das nächste Mal Besucher kommen, dann wirst du gefälligst..."

„Meine Lage wird sich ändern, wenn die Titans wieder zusammenkommen", wiederholte Beast Boy, als hätte er den Mann gar nicht gehört. „Wenn wir miteinander gekämpft haben, haben wir immer aufeinander Acht gegeben. Erst als ich allein war, musste ich hart Prügel beziehen." Er stand auf, ging durch den Käfig und nahm seinen Gürtel in die Hand. Er starrte die nun erloschene Diode an. „Wenn ich mein Selbstvertrauen zurückwill... dann muss ich meinem Team wieder vertrauen."

„Sag mal, bist du vollkommen durchgeknallt, du Freak?", brüllte der Direktor ihn an. „He, ich rede mit dir! Ich wusste vom ersten Moment an, dass mit dir was nicht in Ordnung ist, du..."

Weiter kam er nicht, da ihn der Gestaltwandler so hart anfunkelte, dass es ihm die Sprache verschlug. Dass Beast Boy sich daraufhin in eine Riesenschlange verwandelte und aus dem Käfig glitt, half dem Mann auch nicht gerade über seine Sprachlosigkeit hinweg. Sein Gesicht lief rot an, als sich die Schlange um das Hinweisschild wand, welches den Gestaltwandler als Attraktion anpries und es mühelos zerquetschte.

„Betrachten Sie das als meine Kündigung", bemerkte er, nachdem er sich wieder zurückverwandelt hatte. Der Direktor konnte noch immer nichts sagen, obwohl er es sichtlich versuchte. Es war ein komischer Anblick, der Beast Boy ein Grinsen entlockte. Der Mann stand kurz vor der Explosion, aber die simple Frechheit von Beast Boys Tat lähmte ihn. „Auf Nimmerwiedersehen."

Damit wurde der Junge zum Adler und stieg mit einem schrillen Schrei in den Himmel hinauf. Erst nach einigen Metern begannen die Flüche des Direktors ihn einzuholen, aber das kümmerte ihn jetzt nicht mehr. Jetzt hatte er wieder eine Aufgabe zu erledigen. Das Piepsen der Diode wurde lauter, als er sich der Stadtmitte näherte. Allerdings konnte er nirgendwo einen Kampf ausmachen. Er suchte mit seinen scharfen Augen nach jemandem, den er fragen konnte. Ah, dort.

Der ältere Herr erschrak furchtbar, als auf einmal ein Adler vor ihm herabstürzte und sich kurz darauf in einen etwas abgeschlafft wirkenden, grünen, glatzköpfigen Mann verwandelte. Er brauchte eine Schrecksekunde, um wieder nachdenken zu können, aber dann erkannte er das Wesen, das er in seinen jüngeren Jahren oft gesehen hatte.

„B... Beast Boy?", fragte er zögernd. Der grüne Junge lächelte ihn dankbar an.

„Haben Sie hier irgendwo etwas Verdächtiges bemerkt?", fragte der junge Superheld, ohne sich mit langen Reden aufzuhalten.

„Ja, ja", sagte der Mann schnell. Dies war eindeutig ein sonderbarer Tag. „Vor fünf Minuten ist jemand, der aussah wie Cyborg, wie der Wind an mir vorbeigerannt. Er schien es sehr eilig zu haben."

Beast Boy zog die Augenbrauen hoch. Cy? Außerhalb des Towers? Nicht möglich. Und doch... genau das hatte er von Starfires Rückkehr auch gedacht. „Wissen Sie, wohin er gerannt ist?", fragte er den Mann.

„In Richtung Innenstadt", meinte der Mann, während er sich zu erinnern versuchte. „Irgendwo in Richtung Kulturzentrum. Du weißt schon, dort, wo der Park ist, die Konzertarena, das Museum..."

„Das Museum!", entfuhr es Beast Boy. „Natürlich!" Starfire musste dort sein und Cyborg war los, um sie zu unterstützen. Wahrscheinlich hatte sie Warp dort gestellt. Das passte. „Ich danke Ihnen vielmals", rief er dem Herrn zu, während er sich in einen Löwen verwandelte und loslief, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Der Mann schüttelte den Kopf und entschied, dass er erst einmal einen Drink brauchte, bevor er sich nach Hause wagte.

Beast Boy hingegen jagte in großen Sätzen durch die Straßen und kümmerte sich nicht um die erschrockenen Passanten und Autofahrer, die seinen Weg säumten. Einem Verkehrspolizisten fiel sogar die Pfeife aus dem Mund, als Beast Boy auf ein Auto und über ihn hinwegsprang. Der Gestaltwandler stieß ein amüsiertes Brüllen aus, wurde aber wieder ernst, als er schließlich nach einigen weiteren erschrockenen Augenpaaren das Museum erreichte.

Die Eisstatuen am Eingang sagten ihm genug, also verwandelte er sich gar nicht erst zurück, sondern überwand die Stufen mit einem Satz und jagte ins Innere des Gebäudes. Mithilfe seiner animalischen Sinne fiel es ihm leicht, die Gerüche seiner Freunde zu finden. Es überraschte ihn nicht, dass sie ihn in exakt denselben Raum führten, in dem Starfire damals verschwunden war. Dort standen Starfire, Nightwing und Cyborg gerade beisammen und tratschten. Von Warp war nichts zu sehen. Hatte er etwa alles verpasst?

Gleich darauf hörte er neben sich ein Stöhnen. Als er den Kopf drehte, sah er Warp, der sich eben wieder aufrappelte und ein kleines Gerät aus einer seiner Taschen hervorzog. Er warf einen bösen Blick auf die anderen drei Titans und rief irgendetwas, das Beast Boy nicht genau verstand. Es war auch nicht wichtig.

Der Löwe rannte brüllend los, als Warp das Ding in die Höhe hob, um es auf seine Freunde zu werfen. Der Schurke schien einen Augenblick zu zögern, als er das Brüllen hinter sich hörte und diese Sekunde genügte dem Gestaltwandler vollauf. Mit einem gewaltigen Prankenhieb fegte er dem Gauner das Gerät aus der Hand. Funken sprühend und funktionsuntüchtig landete es auf dem Boden, während Beast Boy elegant landete und sich zu seinen Freunden gesellte. Hochstimmung erfüllte ihn, als er die Situation betrachtete. Ja, das hatte er so sehr vermisst!

Warp gab sich jedoch nicht geschlagen, sondern hob seinen Arm, um sie mit seinem dort angebrachten Laserstrahl anzugreifen. Es sollte indes nicht dazu kommen, denn just in diesem Augenblick...

Raven hockte auf den Knien und keuchte schwer. Die Anstrengung, ihre wildgewordenen Emotionen einigermaßen zu bändigen, schien mit jeder Sekunde härter und härter zu werden. Ständig wurde ihr Geist von alten Erinnerungsbildern belagert, die jede Gelegenheit nutzten, um ihre Konzentration zu stören, gleichzeitig hallten Starfires Worte immer noch in ihrem Gedächtnis nach. Raven hatte ihre Lippen schon wund gebissen, aber nichts konnte ihr gegen diese Attacke helfen.

Wieso hilfst du ihnen nicht, Raven?, drängte ihr emotionaler Teil. Seit ihre Kommunikator-Brosche, die ihren Umhang zusammenhielt, plötzlich zu blinken begonnen hatte, drängten ihre Gefühle mit immer mehr Macht auf sie ein. Angst, Mut, Hilflosigkeit, Pflichtgefühl, alle schrieen in ihrem Kopf wild durcheinander und versuchten sich gegenseitig zu übertönen. Am lautesten war allerdings noch immer der Kern. Deine Freunde brauchen Hilfe!

„Ich habe keine Freunde", murmelte Raven, deren ohnehin schon blasse Haut langsam grau vor Anstrengung wurde.

Du kannst dich nicht ewig selbst belügen, erinnerte sie der Kern. Starfire ist zu dir gekommen, um dich um Hilfe zu bitten, und jetzt schwebt sie in Gefahr.

„Ihr kann ohnehin nichts passieren", stieß Raven gehässig hervor und stützte sich mit den Händen am Boden ab. „Sie ist nicht real, also kann sie nicht sterben!"

Bist du dir da sicher?, hakte der Kern nach. Wenn sich das alles wirklich nur in deinem Kopf abspielt, dann bist du dafür verantwortlich, wenn sie doch stirbt.

„Egal", brauste Raven auf. Sie war so ausgelaugt, dass ihre Kräfte kurz ihrer Kontrolle entflohen und die Tür aufstießen. „Jemanden, der nicht existiert, kann man nicht ermorden. Es ist mein Recht, eine selbst geschaffene Illusion auszulöschen! Das hätte ich schon längst tun sollen!"

Wieso hast du es dann nicht getan?

Raven fluchte, konnte aber nicht antworten. Natürlich wusste sie, warum sie sich die Illusionen niemals in einem Todeskampf vorgestellt hatte. Weil der emotionale Teil sie daran gehindert hatte. Er hatte die Abbilder ihrer Illusionen eifrig bewahrt, um sie jetzt damit zu quälen.

Du willst nicht, dass sie sterben, Raven.

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Leider war sie noch dazu richtig.

„Ich will nur, dass sie mir fernbleiben!", schrie sie und hielt sich die Ohren zu, obwohl sie wusste, dass das nichts brachte. Tief unten hörte sie ein Krachen, als die Eisentür aus den Angeln gehoben wurde und über das Geländer nach unten stürzte. „Ich will endlich mein Gleichgewicht wiederfinden!"

Wieso wünschst du sie dann fort von dir?

Raven stutzte, als sie diese Frage hörte. „Was meinst du damit?", fragte sie misstrauisch.

Wann sind deine Emotionen vermehrt außer Kontrolle geraten?, stellte der Kern als Gegenfrage. Ich meine fast täglich, nicht, wenn dich jemand gelegentlich geärgert hat.

Raven dachte kurz nach. Sie hatte keine Ahnung, wohin das führen sollte, aber vielleicht konnte sie den Kern zurückdrängen, wenn sie sich seine Argumentation anhörte und Fehler gegen ihn verwendete. Wann also hatte sie die Kontrolle über ihre Kräfte verloren?

„Als Robin die Titans verließ", stellte sie schließlich fest.

Das ist nicht die ganze Wahrheit, Raven, entgegnete der Kern. Ist es nicht vielmehr so, dass du schon davor unruhig warst? Genauer gesagt, seitdem Starfire verschwunden ist?

Das stimmte. Aber das musste sie ja nicht unbedingt zeigen. „Worauf willst du hinaus?"

Du sagst also, dass du die Kontrolle über deine Kräfte verloren hast, nachdem zwei deiner Teamkameraden aus deinem Leben verschwunden sind, sagte der Kern mit unüberhörbarem Triumph in der Stimme. Als das Team noch vereint war, waren deine Kräfte also im Gleichgewicht.

Jetzt erkannte Raven, worauf der Kern hinauswollte. „Das ist nicht wahr!", rief sie laut aus, um ihre Unsicherheit zu übertönen. Tatsächlich hatte sie die Feststellung des Kerns tief getroffen. „Während ich von meinen Illusionen umgeben war, gab es mehrfach Zwischenfälle! Einmal hat sogar mein Vater fast Kontrolle über mich erlangt!"

Und wessen Bilder haben dir geholfen, diese Bedrohung abzuwenden?

Raven fasste sich an den Kopf und schüttelte ihn. Sie wollte diese Dinge nicht hören, sie durfte nicht! Wenn sie dem Kern jetzt nachgab, dann würde sie... würde... sie...

Würdest du was, Raven?, wollte der Kern wissen. Die Wahrheit erkennen? Dass diese... Illusionen, wie du sie nennst, so wichtig für dich sind, dass dein Leben ohne sie außer Kontrolle geriet?

„Halt den Mund!", fauchte Raven und grub ihre Hände ins Haar. Wieso ließ man sie nicht einfach in Ruhe? „Ich war stark, bevor sie in mein Leben getreten sind... bevor ich sie geschaffen habe! Aber als sie dann verschwanden, erkannte ich, dass sie mich geschwächt hatten! Vielleicht... habe ich mich bei ihnen wohl gefühlt, aber durch den Schock, sie verloren zu haben, hätte mich mein Vater beinahe übernehmen können! Wieso kannst du mich nicht in Ruhe lassen, wenn ich versuche, wieder stark zu werden?"

Der Kern ließ ihr taktvoll einige Momente Zeit, damit sie die bitteren Tränen zurückdrängen konnte, welche diese kleine Rede gefährlich nahe an den Rand ihrer Selbstbeherrschung gebracht hatte. Als er dann wieder zu ihr sprach, klang seine Stimme sanft.

Bist du denn stark geworden, Raven?

„Ich dachte es", entgegnete sie feindselig. „Aber dank dir sind die Halluzinationen wieder da! Wieso schwächst du mich?"

Warst du denn in den fünfzehn Jahren Einsamkeit, in denen ich geschwiegen habe, zu irgendeinem Zeitpunkt wahrem Frieden wirklich nahe?

„Was soll das heißen?", begehrte Raven auf. „Ich hatte volle Kontrolle über mich, bis du diesen Trick mit der Starfire-Illusion angewandt hast!"

Das beantwortet meine Frage nicht, Raven, entgegnete der emotionale Kern geduldig. Bevor du die Titans trafst, warst du stark. Du musstest hart an dir arbeiten, aber du hattest dich unter Kontrolle. Nachdem du bei ihnen aufgenommen warst, konntest du bei weitem nicht so oft an dir arbeiten, oder?

Raven nickte lediglich. Was hatte der Kern jetzt wieder vor?

Dennoch kam es nur sehr selten zu Ausbrüchen deiner Kraft. Warum?

„Ich habe meditiert", wich Raven aus. „Stundenlang. Und ich war oft genug am Rand eines Ausbruchs."

Aber gemessen daran, wie viel weniger du meditiert hast, seit du bei ihnen warst, hättest du viel öfter ausrasten müssen, nicht wahr? Vor allem, wenn die Jungs dich nervten.

„Was willst du mir damit sagen?" Raven hatte eine ungefähre Ahnung, was jetzt kommen würde. Die mögliche Antwort erschreckte sie mehr, als sie zugeben wollte.

Ich will damit sagen, dass du aus irgendeinem Grund mit deinen Kräften einfacher im Einklang leben konntest, seitdem du bei ihnen warst. Und dass sie wieder schwieriger zu kontrollieren waren, nachdem das Team auseinander gefallen war.

„Das ist Zufall!", rief Raven aus, aber ihre Stimme schwankte, weil sie einen Kloß im Hals hatte. Sie ballte die Faust und schlug auf die Fliesen vor ihr ein. „Zufall! Zufall!"

Und das sagst ausgerechnet du, die immer alles mit Logik erklären will?

Wieder flackerten Bilder vor Ravens geistigem Auge auf, aber diesmal waren sie viel eindrücklicher als vorhin. Sie sah Beast Boy und Cyborg, die mit ihr gegen Trigon kämpften. Sie sah Robin, wie er die anderen davon abhielt, sie mit dummen Fragen zu belästigen. Sie sah Starfire und sich selbst, wie sie meditierten, obwohl das so gar nicht dem Wesen der Tamarianerin entsprach. Diese Bilder wirkten so stark auf sie, dass Raven endgültig zusammenbrach. Weinend sackte sie zusammen, während um sie ihre Kräfte an den Wänden wüteten und Fliesen herausrissen.

Wieso willst du nicht verstehen, dass sie dir eine andere Art der Harmonie gegeben haben als deine hart erarbeitete Konzentration?, fragte der Kern. Nämlich das Gefühl, akzeptiert und geliebt zu werden, trotz aller dämonischen Kräfte.

„Sie sind nicht real", flüsterte Raven tonlos, während weiterhin Tränen über ihr bleiches Gesicht liefen. Diese fünfzehn Jahre Einsamkeit DURFTEN keine Fehlentscheidung gewesen sein.

Spielt es denn eine Rolle, ob sie real waren oder nicht? Auf ihre Weise haben sie dich auf deinem Weg zum Kampf mit deinem Vater unterstützt... und auch auf deinem Weg zum Menschsein.

„Sie haben mich im Stich gelassen", murmelte Raven und zog ihre Beine an ihre Brust. „Starfire... Robin... sie sind fortgegangen. Sie haben mich allein gelassen."

Aber jetzt sind sie wieder da, Raven, widersprach der Kern. Sie sind alle da und sie brauchen dich... so wie du sie brauchst. Gib ihnen und dir selbst noch eine Chance.

„Und was ist, wenn sie mich wieder verlassen?" Raven wippte hin und her, doch wenigstens flossen nun keine Tränen mehr aus ihren Augen.

Du kannst noch hundert Ausflüchte finden. Hundert Gründe, ihnen nicht zu helfen. Aber du weißt, dass dein Herz ohne sie nicht leben kann. Akzeptiere es endlich.

Und das tat sie. Nach so unendlich langen Jahren gestand sich Raven, die halb-dämonische Tochter von Trigon dem Schrecklichen ein, dass sie ohne ihre Freunde nicht leben wollte. Sie hatte es fünfzehn Jahre lang versucht, und es hatte ihr keine Stärke beschert, nur Schmerzen. Und auch, wenn diese Freunde nur in ihrer Einbildung existierten... was machte das schon, wenn sie einander so sehr brauchten?

Zaghaft forschte Raven nach, ob ihr Herz noch etwas zu sagen hatte, aber es blieb stumm. Sie hatte ihre Gefühle akzeptiert und mit einem Mal fühlte sie sich befreit. Sie stand auf und wischte die Tränenspuren von ihrem Gesicht. Es wurde Zeit, nach Hause zu gehen. Auch wenn der T-Tower nur eine verlassene Ruine, würden ihre Halluzinationen den Ort schon bald wieder mit Leben erfüllen. Raven gestattete sich ein Lächeln. Sie fragte sich, was verrückter gewesen war... jahrelang mit diesen Illusionen zu leben oder zu versuchen, es nicht zu tun.

Dann fiel ihr der Hilferuf ein. Den hatte sie im Kampf mit ihren Emotionen ganz vergessen. Hastig ließ sie ihre Kräfte schweifen und suchte die ihr wohl bekannten Gedankensignaturen ihrer Freunde. Entgeistert stellte sie fest, dass sie sich alle an einem Ort befanden, an dem sie sie zuletzt vermutet hätte: im Museum. Und außerdem bekämpften sie einen Mann, den sie zu hassen gelernt hatte... Warp! Just in diesem Augenblick hob der Schurke, der ihre geistige Harmonie vor zwanzig Jahren zerstört hatte, seinen Arm und zielte mit einem Laser auf ihre Freunde.

„Azarath Metrion Zinthos!", rief Raven aus und schickte Warp an die nächste Wand. Dann sammelte sie ihre Kräfte und teleportierte sich in einem schwarzen Wirbel an den Ort des Geschehens. Alle Augen waren ungläubig auf sie gerichtet, als sie in ihrer weißen Kutte wie ein Racheengel in der Luft erschien. Sie fixierte Warp mit einem Blick, der Stahl hätte verdampfen lassen. „Niemand vergreift sich an meinen Freunden!", sagte sie drohend. Auch wenn das alles nicht real ist. Sie warf einen Blick auf die Gruppe, die sie noch immer anstarrte. Aber war das denn wichtig?

Sie schwebte wieder an Nightwings Seite und in dem Augenblick, in dem sie diesen Platz einnahm, fühlte sie zum ersten Mal seit Jahren wieder einen Beginn von Harmonie. Beinahe hätte sie gelächelt, aber dieser bewegende Moment wurde natürlich gestört, als...

Beast Boy sah zu Nightwing auf, griff an seine Glatze und brummte missmutig: „Alter, das ist ja so unfair!"

Dieser allerdings achtete nicht darauf, denn Warp schien jetzt endgültig genug zu haben. Er bleckte die Zähne, öffnete mit seinem Steuerungsmechanismus ein Wurmloch und drehte sich noch einmal zu ihnen um.

„Wie's scheint, ist meine Zeit gekommen!", rief er.

Aber so würde der Dreckskerl nicht davonkommen! Nicht nach allem, was er angerichtet hatte! Nightwing griff nach seinem Gürtel, zog einen seiner modifizierten Bird-a-rangs hervor und warf ihn mit aller Kraft. Warp war natürlich darauf vorbereitet und warf eine seiner Disks. Diesesmal jedoch war Nightwing besser vorbereitet gewesen: Sein Geschoss durchschnitt das des Schurken, als wäre dieses aus Butter und traf den völlig überraschten Warp in der Mitte seiner Brustplatte. Die Augen des Zeitreisenden weiteten sich entsetzt, als in seiner Rüstung ein Kurzschluss auftrat und er vor den Titans plötzlich zu schrumpfen anfing.

Nightwing fragte sich, ob er sich wünschen sollte, dass Warp nun endgültig verschwunden wäre. Andererseits hatte er keine Ahnung, was mit Leuten passierte, die sich an der Zeit zu schaffen machten. Noch vor einem Tag hätte es keine Strafe der Welt gegeben, die ihm als angemessen für Warp erschienen wäre, aber Starfire hatte ihn verändert. Wieder einmal. Nightwing warf ihr einen kurzen, verstohlenen Blick zu, weswegen auch Beast Boy derjenige war, der die Rüstung als erster erreichte. Zaghaft hob er sie hoch und enthüllte das absolut Unerwartete.

„Na super", ließ der grüne Junge ertönen, nachdem sich alle von ihrem Baby-Schock erholt hatten. „Aber ich wechsle garantiert nicht seine Windeln!"

Nightwing war eigentlich sicher, dass nun ein Kommentar von Raven folgen würde, aber bevor es dazu kommen konnte, begann sich Warps Wurmloch plötzlich zu schließen. Cyborg reagierte überraschend schnell, als er Starfire beiseite nahm.

„Wir müssen dich nach Hause schaffen, komm mit!", stellte er fest und griff nach Warps Wurmlochregulierer. Er schloss ihn kurzerhand mit seinem Equipment kurz und hielt mit seiner Plasmakanone das Wurmloch weiterhin offen. „Ich hab die Richtung des Wurmlochs geändert. Starfire, los!"

Das Mädchen nickte etwas überwältigt von all diesen Ereignissen und machte ein paar Schritte auf das Wurmloch zu. Dann drehte sie sich jedoch wieder um und musterte ihre Freunde mit flehenden Augen. Der Schmerz, der aus ihnen sprach, berührte alle vier gleichermaßen, aber im Gegensatz zu den anderen schien der Blick für Nightwing Äonen zu dauern.

„Bitte, muss unsere Zukunft wirklich so aussehen?", fragte sie mit rauer Stimme. Sie hob bettelnd ihre Hände. „Kann ich denn gar nichts tun, um sie zu ändern?"

Wie viel hätte Nightwing gegeben, sie in diesem Moment in die Arme schließen und ihr sagen zu können, dass alles wieder gut werden würde. Und er hätte noch mehr gegeben, wenn er ihr anbieten hätte können, mit ihnen in den T-Tower zu ziehen. Aber dies war nicht Starfires Welt. Egal, wie sehr sie ihnen auch helfen wollte und egal, wie sehr Nightwing ihre Gegenwart auch ersehnte, zwanzig Jahre gingen einfach nicht spurlos an einem Menschen vorüber. Sie hatten in diesem glorreichen Kampf wieder die Gemeinschaft der Titans erneuert, aber in ihren Seelen waren noch immer Wunden, die vielleicht niemals ganz verheilen würden.

Und so sehr er auch wünschte, Starfire würde ihm dabei helfen, konnte er es ihr nicht antun. Jedesmal, wenn er sie ansah, würde er die zwanzig verlorenen Jahre sehen, die zwanzig Jahre, die er ohne sie allein mit seinem Schmerz hatte verbringen müssen. Er konnte sie nicht glücklich machen und er wusste es.

Deshalb trat er vor und drückte ihr wortlos die Uhr der Ewigkeit in die Hand, die er Warp abgenommen hatte. Ihre Augen sahen so voller Mitleid zu ihm auf, dass der Drang, sie zu küssen, schier übermächtig wurde. Nur mit äußerster Selbstbeherrschung konnte er sein Gesicht stoppen, bevor sein Mund den ihren berührte. Sie schien ebenfalls einen Teil seiner Gefühle zu spüren, denn auch ihr Gesicht hatte sich dem seinen angenähert und stellte ihm eine schüchterne Frage, an deren Antwort sie selbst noch nicht glauben konnte. Er antwortete nicht.

„Tut mir Leid, Star", sagte er sanft. „Dafür ist keine Zeit mehr."

Damit trat er wieder zurück. Es waren die schwersten drei Schritte, die er jemals in seinem Leben zurückgelegt hatte. Starfire schien zu dem Schluss zu kommen, dass er wohl doch nicht gemeint hatte, was sie vermutet hatte, denn sie lächelte ihn schüchtern und entschuldigend an. Tränen standen in ihren Augen, als seine Göttin nach einem letzten, bedauernden Blick auf ihre Freunde im Strudel der Zeit verschwand. Einen absurden Augenblick lang wünschte Robin sich, das Staubkorn zu sein, auf das dieser Tropfen fallen würde.

Nachdem sie verschwunden war und Cyborg die Energiezufuhr zum Wurmlochregulierer stoppte, drehte er sich um und besah seine Freunde noch einmal. Cyborg war nun zwar etwas außer Puste, aber offenbar schien er sein Problem gelöst zu haben. Ein nach oben zeigender Daumen und ein feixendes Gesicht bewiesen das. Beast Boy schien vor allem glücklich darüber zu sein, Raven wiederzusehen und seltsamerweise hatte auch die Mystikerin einen freundlichen Blick für ihn übrig. Nightwing lächelte kurz, als er Beast Boys verdatterten Gesichtsausdruck sah.

Dann drehte er sich wieder um und fixierte den Punkt, an dem Starfire verschwunden war. Er wusste nicht, was nun mit ihnen passieren würde. Vielleicht würden sie in ein paar Sekunden aufhören zu existieren, wenn Star ihre Zeitebene erreichte, vielleicht würde diese Ebene der Zeit neben der neuen, die sie gestalten würde, weiter bestehen. Er wusste es nicht. Aber er wusste, dass er das richtige getan hatte. Irgendwann würden Starfire und sein jüngeres Ich sich über ihre Gefühle klar werden und ihr Glück finden, er zweifelte nicht daran. Und er war stolz auf sich, dass er dieses Glück ermöglicht hatte, auch wenn dieser Stolz beinahe in einer Flut von Sehnsucht unterging. Obwohl alles in ihm danach schrie, den Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen und mit Starfire durchzubrennen, wünschte er seinem jüngeren Ich viel Glück.

„Aber du solltest dich beeilen, Robin", flüsterte er. „Man weiß schließlich nie, wie viel Zeit einem noch bleibt..."

Ende

ES IST VOLLBRACHT!!! Die Fanfic ist endlich, endlich fertig. Jetzt bin ich mal echt gespannt auf die Kommis, schließlich war der Inhalt der letzten beiden Folgen schon bekannt. Hätte ich noch was anders schreiben können oder seid ihr zufrieden mit der Story?

Herzlichen Dank übrigens an meine Kommi-Schreiber. Vielleicht finde ich ja irgendwann die Muße, wieder eine Geschichte zu schreiben.

El Jugador